Titelthema 6/14: Datenschutz

Gespräch mit Dr. Alexander Dix über den Datenschutz im Gesundheitswesen

Dr. Alexander Dix

Dr. Alexander Dix

Datenschutz ist Grundrechtsschutz!

Vor wenigen Tagen hatte die „TrokkenPresse“ die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, Dr. Alexander Dix. Auslöser war ein Beitrag von Prof. Dr. Renate Schepker im „Deutschen Ärzteblatt“ vom Oktober 2014 (siehe TP 5/14). Dort wird u. a. festgestellt: „Die Datenübermittlung (von Kliniken, Ärzten usw. d. V.) gestattet derzeit theoretisch jedem bei den Krankenversicherungen beschäftigten Sachbearbeiter – 2009 waren das 137.513 Personen – Kombinationen von Diagnosen und Leistungen und damit Fallverläufe nachzuvollziehen.“ Das führt zu der Schlussfolgerung: „Den Patienten und ebenso den Patientenverbänden dürfte nicht bekannt sein, dass gerade aus den besonders sensiblen Leistungskodes für psychische Erkrankungen deutlich mehr ablesbar ist als aus denen des DRG-Systems (Fallpauschalen d. V.).“

Wir wollten wissen, wie es mit dem Schutz persönlicher Daten, auch über den Gesundheitsbereich hinaus, bestellt ist.

 Warum müssen wir unsere Daten schützen?

Spätestens Edward Snowdens Enthüllungen über die exzessiven Überwachungspraktiken der amerikanischen und britischen Geheimdienste haben den Menschen die Augen geöffnet, welcher Krake seine Fühler nach „unseren“ Daten ausstreckt. Vielen war schon vorher klar, dass das Internet eine unsichere Infrastruktur ist. „Unbekannt war dagegen, dass es systematisch als Plattform für eine weltweite, anlasslose Überwachung genutzt wird und dass darüber hinaus Geheimdienste auch demokratischer Staaten, die jedes Maß verloren haben, die gesamte Telekommunikation jederzeit beobachten.“ (Bericht des Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit 2013). Dass die Konsequenzen, welche die Bundesregierung daraus gezogen hat, „im Wesentlichen verbaler Natur“ (ebenda) sind, lässt die Schlussfolgerung zu, dass man an oberster Stelle um das Problem weiß, aber nicht gewillt ist, es zu lösen. Letzten Endes sind gerade personengebundene Daten mittlerweile zu einer hochprofitablen Handelsware geworden.

„Wissen ist Macht“, lautet eine nicht neue Erkenntnis von Francis Bacon. Das Wissen über Persönliches hat weitreichende Bedeutung für Regierungen, Geheimdienste, Unternehmen und Institutionen. Jeder Bürger wäre deshalb gut beraten, verantwortungsbewusst und sparsam mit dem Weitergeben von persönlichen Informationen umzugehen.
Deshalb ist ein funktionierender Datenschutz von größter Wichtigkeit, wollen wir unsere Identität und Individualität auch zukünftig erhalten und nicht „Big Brother“ noch mehr Möglichkeiten geben, in unsere Privatsphäre einzudringen.

Der gläserne Patient

Dr. Dix stellte eingangs fest, dass der Schutz der persönlichen Daten ein Grundrecht jedes Bürgers ist. In der heutigen Zeit des Abschöpfens von Daten geht es darum, dieses Recht zu stärken und zu verteidigen. Besonders betroffen davon ist das Gesundheitswesen. Es gibt den Widerspruch zwischen ärztlicher Schweigepflicht und gleichzeitiger elektronischer Übermittlung von Patientendaten, z. B. an die Abrechnungsstellen der Krankenkassen. Hier sind die Einflussmöglichkeiten des Berliner Datenschutzes begrenzt, da keine gesetzliche Krankenkasse ihren Standort in Berlin hat.

Nicht jeder im Gesundheitswesen Beschäftigte müsse alles wissen, so Dix. Es muss gewährleistet werden, dass nur die unbedingt erforderlichen Daten weitergegeben werden und zur Weitergabe aller persönlichen Daten das Einverständnis des Patienten vorliegen muss. Die Schwierigkeit bestehe darin, dass Patienten, die sich meistens in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, oftmals gar nicht wissen, was sie in der Klinik unterschreiben.

An dieser Stelle versucht der Datenschutz verstärkt Einfluss zu nehmen. So werden Beschwerden der Patienten sehr ernst genommen und ihnen wird konsequent nachgegangen. Darüber hinaus informieren sich die Datenschützer regelmäßig über die Krankenhausinformationssysteme und deren Umfang. Im Bedarfsfall geben sie den Kliniken Orientierungshilfen, was zulässig ist und was nicht.

Die Hauptverantwortung liege aber beim Patienten. Denn er bestimmt über den Umgang mit seinen Daten. Dazu sei wichtig, sagte Dr. Dix, dass er sich nicht nur über seine Krankheit informiere, sondern genauso auch über seine Bürger- und Patientenrechte. Es gibt mittlerweile eine Reihe von gesetzlichen Grundlagen, die den Schutz sensibler Daten beinhalten. So ist im § 4a des Bundesdatenschutzgesetzes festgelegt, dass der Bürger über die Weitergabe von persönlichen Daten voll aufgeklärt werden muss. Das bedarf der Schriftform und einer ausdrücklichen Einwilligung, soweit besondere Arten personenbezogener Daten (§ 3, Abs. 9) erhoben, verarbeitet oder genutzt werden. Aber mal ehrlich: wer unserer Leser weiß das schon? Hier komme der Aufklärung eine große Bedeutung zu, stellte der Datenschutzbeauftragte fest. Oftmals fehle ihm diese in den Krankenhäusern. Dass ein minimaler Datenfluss zu den Krankenkassen unumgänglich sei, schon wegen der Abrechnung, sei nicht zu umgehen.

Wie sieht es mit Sanktionen bei Verstößen aus? Vielen Missständen komme man durch Anfragen und Informationen der Bürger an den Berliner Datenschutz auf die Spur. Aber auch durch regelmäßige Kontrollen. Im öffentlichen Bereich, wozu z. B. die Vivantes-Krankenhäuser zählen, bestehen die Möglichkeiten des Datenschützers vor allem darin, Verstöße zu beanstanden, die Verursacher zur Stellungnahme aufzufordern und Vorschläge zur Beseitigung der Mängel zu unterbreiten. Bei Privatunternehmen, wozu z. B. die Helios-Krankenhäuser zählen, werden schwerwiegende Datenschutzverstöße mit einem Bußgeld geahndet.

Auf der zukünftigen Krankenversicherungskarte sollen auch bestimmte sensible Daten (Diagnosen, Therapien, Medikamentengaben usw.) gespeichert werden. Das ist erst einmal wichtig für die ganzheitliche Behandlung, wenn z. B. der Urologe weiß, welche Medikamente der Patient vom Kardiologen bekommt. Trotzdem ist vor allem hier die Mitarbeit des Patienten gefordert. Er entscheidet, welche Diagnosedaten gespeichert werden dürfen und er muss informiert werden, was auf die Karte gespeichert wird. Ein Problem dabei sieht Dr. Dix bei einem Backup der Daten: Wo werden diese abgelegt? Wer hat darauf Zugriff? Eine Sicherungskopie ist deshalb erforderlich, falls die Karte verloren geht…

(Den gesamten Text lesen Sie bitte in der Print-Ausgabe der Trokkenpresse 6/14)

Hübler/J. Schiebert

Titelthema 05/2014: Wohnungslos – und kein Ende in Sicht

WOHNUNGLOS – UND KEIN ENDE IN SICHT


Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt ist seit der Jahrtausendwende eindeutig. Die Mietpreise steigen und der Bestand an bezahlbarem Wohnraum sinkt. Selbst bei Neubauprojekten beträgt der Anteil an sozialem Wohnraum oft weniger als 30%. Das Phänomen Wohnungslosigkeit trägt damit wesentlich zur sozialen Ungleichheit zwischen denen, die haben und denen, die nicht(s) haben, bei. Betroffen ist davon zum Beispiel das Rentnerehepaar mit begrenztem Einkommen, das aufgrund von Gentrifizierung seine alte Wohnung nicht mehr bezahlen kann und aufgeben muss. Den Mangel an sozialem Wohnraum bekommen auch jene deutlich zu spüren, die wir im Rahmen der ambulanten Hilfen betreuen. Die Unterbringung bei Verwandten und Freunden kann in diesem Zusammenhang nur als Notlösung angesehen werden. Folgt man der Definition von Wohnungslosigkeit, die die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe (BaGW) formuliert hat, dann gehören beide Personengruppen bereits zu den fast 300.000 Menschen, die allein in Deutschland von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Es reicht schon der Umstand, dass jemand über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt und auf ordnungs- oder sozialrechtlicher Grundlage in eine kommunale Wohnung oder in ein Heim der Wohnungslosenhilfe eingewiesen wird. Dort ist allerdings die Aufenthaltsdauer begrenzt und Dauerwohnplätze gibt es nur wenige. Typische Beispiele dafür sind Übergangswohnheime und -wohnungen, Asyle, Herbergen und betreute Wohnformen. Dies gilt gleichermaßen für den von uns im Rahmen von betreutem Einzelwohnen und einer therapeutischen Wohngemeinschaft zur Verfügung gestellten Wohnraum. Ganz gleich um welche Wohnform es sich dabei handelt, für die betroffenen Wohnungslosen geht es immer „nur“ um kurzfristigen Schutz, nicht um langfristiges Wohnen.

Dass es oft unverschuldete unglückliche Umstände, wie der Tod von Menschen und Tieren, Krankheit, Scheidung, Gefängnis, Gewalt, psychische Erkrankung und Sucht sind, die Menschen in die Wohnungslosigkeit treiben, macht die Sache nicht einfacher. Noch weniger hilft das Recht auf Wohnen, dieses 1948 international verbriefte Menschenrecht. Man mag jetzt einwenden, dass der menschenrechtliche Handlungsbedarf hierzulande eh weniger offenkundig ist als in vielen Teilen der Welt, wo unfassbares Wohnelend herrscht. An der Verpflichtung eines jeden Staates, für seine Bürger Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen, ändert dies aber nichts. Und: eine sichere, angemessene und dauerhaft finanzierbare Wohnung bleibt dafür eine we- sentliche Grundvoraussetzung. Die steigenden Zahlen wohnungsloser Menschen sind jedoch eher ein Indiz dafür, dass die Politik allein diese Aufgabe nicht bewältigen kann. Es braucht mehr Initiativen, z.B. in kleinerem Zusammenhang orientierten Kontext und ganz allgemein mehr gesellschaftliches Verständnis für die Ursachen von Wohnungslosigkeit.

Auch Menschen, die aus Institutionen wie Gefängnissen, Kliniken und Heimen entlassen werden, gehören zum Personenkreis der Wohnungslosen. Sie bleiben immer häufiger in ihrer schwierigen Situation stecken, wenn zum Zeitpunkt der Entlassung kein Wohnplatz zur Verfügung steht. Der Schritt in die Selbstständigkeit durch eigenen Wohnraum bleibt ihnen somit verwehrt. Für solche Fälle ist in Berlin die Soziale Wohnhilfe ein verlässlicher Ansprechpartner. Sie kooperiert seit langem mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften. Doch der Bedarf übersteigt bei weitem das Angebot, das vermittelt werden kann. Richtig kritisch wird es, wenn man dann noch auf die steigende Anzahl von Immigranten und Asylbewerbern blickt. Sie müssen in der Regel monatelang in Auffangstellen, Lagern, Heimen oder Herbergen wohnen, bis wenigstens der Aufenthaltsstatus geklärt ist.

Für fast alle hier genannten Betroffenen gilt, dass sie aufgrund eines schwierigen Wohnungsmarktes zu lange in einer Situation leben, die auf Dauer krank macht. Und zwar nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch. Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Berlin schlagen bereits seit langem Alarm und beklagen die unhaltbaren und unmenschlichen Zustände für die Betroffenen. Wie gestrandete Seelen warten sie auf ein normales Leben in eigener Wohnung. Hinzu kommt der Umstand, dass diese Menschen zunehmend als Konkurrenz von jenen empfunden werden, die noch weiter unten sind. Die, die „Platte machen“, also auf der Straße leben und ohne eigene Unterkunft an öffentlichen Plätzen, in Abbruchhäusern, Parks oder unter Brücken nach einem Schlafplatz suchen, bis sie nicht mehr können und ein Dach überm Kopf benötigen oder verschrieben bekommen.

Man glaubt es kaum: der 11. September ist nicht nur der „Tag des Terrors“, sondern auch der „Tag der Wohnungslosen“. Grund genug zu hoffen, dass zukünftig etwas mehr, und sei es nur ein winziger Bruchteil des Geldes, welches für die Terrorbekämpfung ausgegeben wird, für die Wohnungslosen abfällt. Vielleicht schlägt man damit sogar zwei Fliegen mit einer Klappe: die Zellen von Wut und Verzweiflung befrieden!

Andreas Peters

Titelthema 04/14: Mut zur Veränderung

MUT ZUR VERÄNDERUNG


Einige Leitsätze möchte ich meinen Ausführungen voranstellen:

– Das Leben ist Veränderung und Veränderung gehört zum Leben dazu.

– Wir können uns nicht nicht verändern.

– Ohne Veränderung gäbe es keine Weiterentwicklung.

– Veränderungen tragen grundsätzlich die Chance zu eine Verbesserung der bestehenden Situation in sich.

– Veränderung ist ein Instrument der aktiven Lebensgestaltung.

Veränderungen bringen neue Dinge mit sich, mit denen wir erst noch lernen müssen umzugehen. Mit dem Vertrauten kennen wir uns aus, aber Neues wirkt erst einmal bedrohlich, weil wir nicht einschätzen können, welche möglichen Gefahren oder Unannehmlichkeiten damit verbunden sind. Unsere Skepsis beziehungsweise Angst vor Veränderungen ist natürlich oder normal, denn sie sichert unser Überleben. Wir dürfen uns nur nicht von diesen Impulsen beherrschen lassen.
Wir warten mit vielen notwendigen Entscheidungen bezüglich Veränderungen oft so lange, bis irgendetwas auf uns zukommt. Wir werden selbst also erst aktiv, wenn es nicht mehr anders geht. Und dann haben wir den Eindruck, dass wir nur noch reagieren können, selbst aber keine Wahl hatten. Beispiele in Ihren Reihen gibt es zuhauf!

Sie werden z. B. „völlig überraschend“ gekündigt. Die Ehefrau reicht „aus heiterem Himmel“ die Scheidung ein. Ihr Arzt stellt „plötzlich“ einen schweren Leberschaden fest…

Doch fast alle Veränderungen haben Vorzeichen, und in der Regel haben wir sehr viele Möglichkeiten, zu erkennen, in welche Richtung etwas verlaufen wird.
Wenn wir aber alle Zeichen ignorieren und hoffen, dass alles beim Alten bleibt, kommt irgendwann der Augenblick, in dem die Veränderung, z. B. die Kündigung oder die Scheidung, uns tatsächlich wie ein Schicksalsschlag trifft, auf den wir nur noch reagieren können. Dann fühlen wir uns in der Regel überfordert, hilflos und sind verunsichert.

Anders ist es, wenn Sie sich selbst rechtzeitig für eine Veränderung entscheiden, selbst dann, wenn es noch nicht zwingend notwendig ist. Das wäre dann ein Vorbeugen, z. B. bei kleinen Anzeichen für gesundheitliche Probleme. Statt abzuwarten, bis Sie ernsthaft erkranken, ein sogenannter Schicksalsschlag Sie trifft, könnten Sie z. B. überlegen, ob Sie etwas an Ihrer Lebensweise ändern müssen. Sie werden damit zu einem aktiven Gestalter der Situation und Ihres Lebens. Dazu brauchen Sie Mut und Kraft und, um durchzuhalten, Disziplin und Eigenmotivation.
Manche sind zu der Erkenntnis gekommen, dass es durchaus einiges gibt, an dem sie etwas verändern möchten oder sogar müssen, und stürmen voller Energie und Entschlossenheit los (bevor die Angst sie wieder lähmt?). Das kann jedoch Menschen in Ihrem Umfeld schnell überfordern. Erwarten Sie keine Freudenrufe, wenn Sie beginnen, sich und Ihr Leben zu verändern, denn Veränderung verunsichert oder macht Angst, macht misstrauisch („bist Du krank?“ oder„plötzlich übergeschnappt?“,„wird sowieso nicht lange anhalten“).

Das heißt, neben aller Veränderung brauchen wir auch einen gewissen festen Rahmen, um uns sicher zu fühlen und orientieren zu können. Verändern Sie die Dinge Schritt für Schritt und eines nach dem anderen.

Fritz Riemann, ein Psychoanalytiker, hat sich in seinem Werk „Grundformen der Angst“ intensiv mit der menschlichen Entwicklung, den verschiedenen Entwicklungsschritten und den damit verbundenen Ängsten auseinandergesetzt. Eine unserer Entwicklungsaufgaben besteht darin, sich auf Dauer einzulassen und in die Zukunft zu planen, z.B. im Beruf, in der Ehe, beim Hauskauf, so als ob die Welt stabil und die Zukunft vorhersehbar und planbar ist – und gleichzeitig jederzeit bereit zu sein, uns zu verändern, weiter zu entwickeln, Veränderungen und Entwicklungen zu bejahen.

Mit allen Entwicklungsprozessen sind Ängste verbunden. Wir möchten bleiben, möglichst immer gleich; sich vom einmal Erreichten zu lösen, bedeutet Abschied nehmen vom Vertrauten. Insofern bedeutet jede Psychotherapie auch Wandel und Veränderung, und sie macht daher vielen Menschen Angst, löst Widerstände aus. Neben vielen suchtmittelabhängigen Menschen kennen auch viele Angehörige von Süchtigen diese Angst. Sie bleiben in der Beziehung, beteuern ihre Hoffnung, dass sich der Suchtkranke vielleicht doch noch ändert und versäumen, sich selbst auf den Weg der Änderung zu machen, aus Angst, einen unvertrauten Weg mit all seinen Wagnissen zu beschreiten.
Die Sehnsucht nach Dauer ist eine sehr tief liegende, denn sie beschert uns Verlässlichkeit in der Welt und gibt uns Orientierung und Ordnung. Das erhöhte Sicherheitsbedürfnis geht einher mit einer erhöhten Angst vor dem Risiko – wie bei dem Mann, der erst ins Wasser gehen will, wenn er schwimmen kann.

Sich auf eine Psychotherapie einzulassen bedeutet jedoch immer ein gewisses Risiko mit ungewissem Ausgang, und genauso ist es mit der Abstinenz. Wer jahrelang getrunken hat, ein Leben ohne  Suchtmittel nicht mehr kennt, für den ist die Abstinenz ein Risiko, er muss lernen, das Leben ohne Suchtmittel auszuhalten und zu meistern; und er weiß eben nicht von Anfang an, wie es geht und ob es gelingen kann. Er muss das Schiff besteigen, die vertraute Küstenlinie hinter sich lassen, ohne genau zu wissen, wo er landet.
Das erfordert Mut!

Dazuzulernen, Neues zu probieren, sich verändern und neu orientieren kann auch durchaus etwas Lustvolles und Spannendes sein. Wir erfahren dadurch, dass wir fähig sind, uns an Neues anzupassen und uns weiter zu entwickeln. Unser Selbstvertrauen wächst, ebenso unser Kompetenzerleben. Indem wir Neues probieren, erfahren wir auch etwas über unsere Grenzen. Wir erfahren, dass wir noch dazulernen müssen, aber auch können! Und schließlich bekommen wir mit der Zeit einen Erfahrungsschatz, der uns bei zukünftigen Aufgaben zugutekommt und uns Sicherheit gibt, auch diese Situation zu meistern.

Betrachten wir die kindliche Entwicklung. Sie dauert lange und ist störanfällig. Wollen wir überleben, sind wir von der ersten Stunde unseres Lebens an gezwungen, uns anzupassen und uns auf neue Situationen einzustellen.

Grundvoraussetzung für ein gelingendes Leben ist Selbstvertrauen, eine Selbst-Verlässlichkeit, die aus früheren positiven Verlässlichkeitserfahrungen resultiert. Dazu brauchen wir die Erfahrung von Halt und Sicherheit gebenden Menschen, die unsere Bedürfnisse nach sozialem Kontakt, nach Achtung und Beachtung, nach Geborgenheit und Wärme zuverlässig befriedigen, die sich angemessen um uns kümmern, uns versorgen und umsorgen. Daraus entwickelt sich dann das sogenannte Urvertrauen, dass die Welt erlebt wird als etwas, wozu man Vertrauen haben kann oder, wenn dies nicht gelingt, ob sie als unzuverlässig, bedrohlich und versagend erlebt wird. Und wenn die Entwicklungsschritte einigermaßen zuverlässig gelingen, entwickelt sich das Vertrauen in mich selbst, dass ich aktiv Einfluss nehmen kann auf mein Schicksal, in der Lage bin, mich und meine Welt aktiv zu gestalten.

So wie Kinder die wohlwollende Unterstützung der Eltern oder wichtiger Bezugspersonen bei dem schwierigen Entwicklungsprozess, dem verunsichernden Übergang von einer Entwicklungsstufe in die andere benötigen, so benötigen auch Erwachsene Unterstützung und Ermutigung bei Veränderungsprozessen, insbesondere dann, wenn wir etwas aufgeben sollen, das uns bisher wichtig war und geholfen hat und wir (noch) nicht wissen (können), ob wir die Veränderung, das Loslassen durchhalten und schaffen können.

Der Veränderungsprozess

Man kann einen Veränderungsprozess in einzelne Abschnitte unterteilen bzw. einzelne Abschnitte unterscheiden.
Unsere erste Reaktion auf eine Veränderung ist Schock und Verwirrung. Fliehen oder kämpfen. Denken Sie daran, als Sie zum ersten Mal mit der „Diagnose“ Alkoholiker und der Aufforderung „Du musst was ändern“ konfrontiert wurden. Wann immer eine neue Situation auftaucht, müssen wir damit rechnen, dass uns unsere bisherigen Annahmen, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen in dieser Situation nichts nützen. Das macht Angst. Dem Schock folgt die Verneinung der Realität: „das kann nicht sein“, „ich doch nicht“. In dieser zweiten Phase mobilisieren wir häufig zusätzliche Energie. Diese Energie ist aber ein Mehr von dem, das bereits in der Vergangenheit nicht funktioniert hat.

Darauf folgt eine Phase, die man mit rationaler Akzeptanz umschreiben könnte, ein „Ja … aber“ Denken. „Ich würde ja gerne auf hören, das habe ich auch schon probiert, aber ich schaff es nicht“. Oder: „Ja, ich trinke zu viel, doch ich kann jederzeit auf hören“. Wir sehen zwar die Notwendigkeit einer Veränderung ein, aber wir finden noch keine Lösung, die uns wirklich weiter bringt und wir wollen auch die möglicherweise notwendigen Konsequenzen nicht in Kauf nehmen.
Dann   kommt die wohl schmerzlichste, gleichzeitig aber auch die wichtigste Phase: die emotionale Akzeptanz und Annahme der Situation. An diesem Punkt erkennen wir, dass wir nicht weiterkommen wie bisher. Man nennt diese Phase auch „Tal der Tränen“, weil diese Erkenntnisse meist schmerzlich sind. Ja, es ist so und ich muss neu anfangen. Ohne diese Phase kann es keine wirklichen Veränderungen geben.
Nach diesem „Tal der Tränen“, also der emotionalen Erkenntnis, dass sich nun tatsächlich etwas verändern muss, werden wir frei für neue Lösungsansätze. Wir beginnen nun wirklich Neues auszuprobieren, gehen z. B. in eine Beratungsstelle, zu AA oder beginnen eine Suchtbehandlung. In dieser Phase fangen wir an, die Situation aktiv umzugestalten. Dabei geschehen immer auch Fehler. Diese Fehler helfen uns auf dem Weg, eine geeignete Strategie zu entwickeln. Wie wir z. B. als Abstinenter in unserem Umfeld dauerhaft abstinent leben können. Die einen werden missio- narisch, die anderen ziehen sich vollkommen zurück, bedauern sich oder schämen sich usw. Das Motto dieser Phase lautet: Versuch und Irrtum bringen mich weiter.

In Zeiten großer Veränderungen sollten wir uns „mildernde Umstände“ geben und behutsam mit uns umgehen. Wir sollten keine Perfektion erwarten oder von uns verlangen. Irgendwann finden wir eine Lösung oder eine für uns passende und hilfreiche Strategie, die uns weiterbringt. Unsere Eigenkompetenz, also die Fähigkeit mit einer Situation umzugehen, ist nun höher als zu Beginn des Veränderungsprozesses. Wir haben etwas gelernt. Wir haben eine neue Strategie entwickelt, um mit einer uns zuvor unbekannten Situation (Abstinenz) klar zu kommen. Wir übernehmen Verhaltensweisen, die sich als erfolgreich herausgestellt haben, in unser Handlungsrepertoire, welches sich dadurch kontinuierlich erweitert. Wir empfinden Zufriedenheit, da wir etwas geschafft haben. Wir haben unsere Kompetenz erweitert. Vielleicht ist das der Zustand, den man mit „zufriedene   Abstinenz“   umschreiben kann, jedoch ohne sich nun selbstzufrieden zurück zu lehnen.

Wir sind in eine Phase des neuen Gleichgewichts eingetreten.

Der gesamte Veränderungsprozess bekommt noch einmal eine andere Dynamik, wenn an seinem Ende ein klar definiertes Ziel oder eine attraktive Vision steht. Wenn wir wissen, wohin wir eigentlich wollen, dann halten wir Phasen von Misserfolgen oder „Abwegen“ besser aus als ohne Ziele und Visionen. Deshalb ist es immer mal wieder sinnvoll innezuhalten und sich zu fragen: Wie ist meine derzeitige Lebenssituation, wo befinde ich mich gerade persönlich und wie möchte ich in ein oder zwei Jahren leben? Welche nächsten Schritte sind nötig um weiter zu kommen?

Und besonders wichtig: Was bin ich bereit dafür zu tun?

Ich möchte nun zum Schluss noch auf einige hilfreiche Eigenschaften und Fähigkeiten für den Prozess der Veränderung hinweisen. Es sind dies in erster Linie die sogenannten Erfolgseigenschaften wie Mut, Selbstvertrauen, Optimismus, Flexibilität, visionäres   Denken …, die Einfluss haben auf unsere Bereitschaft, unser Leben eigenverantwortlich und aktiv zu gestalten. Anstatt Veränderungen aus der Opferrolle heraus zu erleben, können wir sie dann als Herausforderung und als Chance annehmen.

Einige der Fähigkeiten möchte ich gesondert herausstellen.

– Die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Gemeint ist damit das Vermögen, das eigene Handeln und die eigenen Einstellungen zu überdenken und auf ihre Nützlichkeit hin zu überprüfen. Das ist nicht immer leicht. Es bedeutet letztlich, innerlich einen Schritt beiseite machen zu können und sich selbst zu beobachten bzw. zu kommentieren.

– Die Fähigkeit, die eigene Inkompetenz zu erkennen. Das bedeutet, in der Lage zu sein, die eigenen Fehler zu erkennen, sie eingestehen und Abhilfe schaffen zu können. Aus Fehlern kann man lernen!

– Soziale   Kompetenz, das bedeutet die Fähigkeit zu einem konstruktiven Miteinander, denn die wenigsten Dinge kann man ganz allein für sich durchziehen. Bei den meisten Veränderungen geht es nicht um das Alleine, sondern um das Miteinander.

– Die Fähigkeit, uneindeutige oder sogar widersprüchliche Situationen ertragen zu können. Oft gibt es kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Bei Veränderungen, bei denen es, wie ich weiter oben schon gesagt habe, um ein Probieren geht, erlebt man auch viel Unklarheit, und das muss man aushalten lernen, statt nur in schwarz-weiß und entweder-oder bzw. perfektionistischem Denken zu verharren.

– Loslassen können, das heißt auch mal Kontrolle abgeben können. Bei Veränderungsprozessen können wir nicht alle Details beeinflussen. Manches geschieht nicht so, wie man es will. Deshalb: loslassen, was nicht in Ihrer Macht steht und Gelassenheit, die Dinge auch mal laufen zu lassen. Dazu braucht man innere Zuversicht und Sicherheit und manchmal auch etwas Geduld.

– Gelassenheit beruht auf einer realistischen Einschätzung der Situation, der eigenen Person und der Wahrscheinlichkeit eines Misslingens, der Erfahrung, dass Erfolg und Misserfolg zum Alltag gehören und dass Misserfolge nicht den Weltuntergang bedeuten.

– Flexibilität meint innere Beweglichkeit, denn Veränderung bedeutet immer Bewegung. Deshalb gilt: Verbeißen Sie sich nicht in ein Problem und versteifen Sie sich nicht auf einen Lösungsweg. Manchmal gibt es eben Umwege und gelegentlich sogar Abkürzungen.

Und zu guter Letzt

Sie sollten Freude haben an dem, was Sie tun. Dafür sollten Sie wissen, was Sie wollen, die Dinge aktiv in die Hand nehmen und mit Herz und Seele dabei sein. Dann können Sie auch andere dazu bewegen, mitzuziehen und mit Hilfe oder Unterstützung bei und mit Ihnen zu sein.

 

Alfred Scheib

Psychologischer Psychotherapeut

 

 

Titelthema 03/2014: Sucht und Arbeit

SUCHT UND ARBEIT


Die Statistik ist erschreckend: Fünf Prozent aller Beschäftigten gelten als alkoholsüchtig, weitere zehn Prozent (2,5 Mio.) als stark gefährdet. 11 Prozent aller Beschäftigten trinken täglich Alkohol am Arbeitsplatz, 41 Prozent gelegentlich. 10 bis 30 Prozent aller Arbeitsunfälle ereignen sich unter Alkoholeinfluss. Akoholkranke fallen durch 16mal häufigere Fehlzeiten, 2,5mal häufigere Krankmeldungen, 3,5mal häufigere Arbeitsunfälle und eine um 25 Prozent reduzierte Arbeitsleistung gegenüber ihren Kollegen auf. Im „Jahrbuch Sucht 2014“ sind die volkswirtschaftlichen Kosten durch Alkohol auf rund 27 Milliarden Euro beziffert. Die „direkten Kosten“, also für Gesundheitswesen, Sachschäden in Betrieben, Sachbeschädigungen und Verkehrsunfälle, betragen 10 Milliarden Euro.

Da ein Alkoholkranker nicht mehr zur Einschätzung seiner Situation fähig ist, kommt hier den Kollegen und Vorgesetzten eine besondere Verantwortung zu.

Natürlich tragen die Arbeitsverhältnisse entscheidend mit dazu bei, dass Berufstätige zu Drogen greifen. Dabei spielt der brutale Wettbewerb in der asozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle: die Gewinne sollen ständig erhöht werden, Effektivität und Effizienz müssen deshalb steigen, die Anforderungen an den Einzelnen werden größer, immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr Aufgaben erledigen (die Senkung der Personalkosten ist ein wesentlicher Faktor für die   Gewinnmaximierung). Daraus folgen Belastungen und Erkrankungen wie familiäre Probleme, Depressionen, Stresssyndrome und Burnout, von dem man vor 20 Jahren noch gar nichts wusste. Gegengesteuert wird dann oft mit Alkohol oder Tabletten – morgens Amphetamine zur Leistungssteigerung, abends Benzodiazepine zur Beruhigung und zum Einschlafen. Dass dabei die Pharmaindustrie und ihre Lobbyisten eine unheilvolle Rolle spielen, sei nur am Rande erwähnt (vgl. auch Hontschick, Walter, Kobylinski: Patient im Visier: Die neue Strategie der Pharmakonzerne. suhrkamp 2011, 8,99€). Durch die agressive Werbung werden uns ständig überflüssige Bedürfnisse eingeredet, und um die befriedigen zu können, müssen wir unter zunehmenden Belastungen ständig „funktionieren“.

Auswirkungen im Team

Die Kollegen eines alkoholkranken Beschäftigten stehen vor mehreren Dilemmas: Entweder sie trinken selber fleißig mit (nicht jeder, der viel trinkt, ist abhängig) oder sie „decken“ ihren kranken Mitarbeiter. Dabei entsteht oft folgendes Verhaltensmuster: Zuerst wird der Betroffene geschüzt, er wird versteckt, wenn ein Vorgesetzter erscheint, im besonders schlimmen Fall wird er (heimlich) nach Hause geschickt. Seine Arbeitsaufgaben werden von anderen mit erledigt. Das kann jahrelang so gehen, besonders bei älteren Kollegen nach dem Motto „den schleppen wir bis zur Rente durch“. Die zweite Stufe ist Verärgerung: Das Team muss ständig für den Alkoholkranken mitarbeiten, weil er unzuverlässig, unkonzentriert, unpünktlich ist und viele Fehlzeiten hat. In der dritten Stufe wird der Betroffene offen kritisiert, eine Verhaltensänderung verlangt und schließlich der Vorgesetzte informiert, sofern der nicht auch in Stufe eins involviert ist. Es gibt Kollektive, die dasselbe Verhalten wie Coabhängige zeigen.

Was ist zu tun?

Da der Suchtkranke in der Regel seine Lage nicht erkennen kann, sich selbst in falscher Selbstwahrnehmung als „normal“ empfindet, sein Abhägigkeitsproblem ständig leugnen wird, Besserung verspricht usw., aber keine Änderung eintritt, sind die Kollegen gefordert, und damit oft auch überfordert. Sie sollten wissen, dass jeder Tag der Abhängigkeit die Krankheit verschlimmert.

Deshalb gibt es in vielen Betrieben und Einrichtungen Vereinbarungen, in denen die Vorgehensweise geregelt ist. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre ein betrieblicher „Leitfaden“ hilfreich, da die wenigsten wissen, was zu tun ist. An erster Stelle stehen Gespräche mit dem Betroffenen, die ihm seine Situation bzw. Erkrankung bewusst machen und ihm eindeutig signalisieren, dass das Team dieses Verhalten nicht weiter tolerieren wird. Ganz wichtig: niemals mit Konsequenzen drohen, die dann nicht erfolgen! Und das Team sollte sich im Klaren sein, dass Lügen, Ausflüchte, leere Versprechungen usw. zum Krankheitsbild bei Süchtigen gehören. In den seltensten Fällen werden solche Gespräche zu Verhaltensänderungen führen (das ist übrigens in der Familie genauso). Dann muss oft der Vorgesetzte eingreifen, der dem Betroffenen mitteilt, dass er sich Sorgen mache und der Meinung sei, dass das Fehlverhalten suchtmittelbedingt ist. Er sollte auf Hilfsangebote hinweisen (Suchtkrankenhelfer, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Arzt) und Nachweise fordern. Gleichzeitig wird der Termin für ein nächstes Gespräch festgelegt, wenn es zu erneutem suchtmittelbedingtem Fehlverhalten kommen sollte. Dieses Gespräch sollte i. d. R. nach acht Wochen stattfinden. Hier kann dann schon eine Abmahnung angedroht werden. Sollte sich auch jetzt nichts ändern, folgen weitere Gespräche mit Abmahnungen bis hin zur Kündigung.

Konsequenzen

Der Versicherungsschutz durch die Berufsgenossenschaft erlischt bei alkohol- und medikamentenbedingten Unfällen. Damit sind nicht selten hohe Kosten für den Betroffenen verbunden. Das betrifft auch Haftpflicht-, private Unfall- und Kaskoversicherung.

Auf den folgenden Seiten berichtet Dr. Klaus Mucha aus der Praxis im BA Tempelhof-Schöneberg. Die Fürsorgepflicht für die Beschäftigten liegt beim Arbeitgeber. Aber auch jeder Kollege trägt eine soziale Verantwortung. Deshalb sollten Alkohol- oder Medikamentenprobleme im Team nicht als Privatangelegenheit des Betroffenen angesehen, sondern das Gespräch geführt und im Wiederholungsfall der Vorgesetzte informiert werden. Nur durch kontrollierbare Auflagen und den entsprechenden Druck kann dem Betroffenen geholfen werden, alles andere wäre Illusion.

(Wer den Titel dieses Beitrages in eine Suchmaschine gibt, findet zahlreiche Verweise im Internet, die weiterhelfen.)

Jürgen Schiebert

 

BETRIEBLICHE SUCHTPRÄVENTION IM BEZIRKSAMT TEMPELHOF/SCHÖNEBERG


Entwicklungslinien von den Anfängen Ende der 80er Jahre im BA Schöneberg über die Fusion der Bezirksämter zur Jahrtausendwende bis heute und weiter gedacht.

Wenn ich zurückdenke in die 80er Jahre, dann fallen mir zum Thema Sucht meine PatientInnen ein, die mir in meiner Zeit als Gruppentherapeut in einer großen Langzeitklinik der Arbeiter-Rentenversicherung Baden begegneten und die mir tiefe Einblicke in ihre Lebensläufe anvertrauten. Diese therapeutischen Beziehungen haben sich ziemlich unvergesslich bei mir eingeprägt. Einerseits war diese berufliche Station für mich auch so etwas wie die Wanderschaft eines Gesellen, der in die weite Welt zieht (von Berlin nach Südbaden), um den beruflichen Erfahrungshorizont zu erweitern, über den bisherigen Tellerrand hinaus zu blicken. Zusätzlich sammelt man auf so einer „Walz“ Lebenserfahrung: Andere Länder, andere Sitten, andere Mentalitäten. Als Nordlicht kommt man sich nicht nur unter der Dusche nach dem Fußballspiel wie ein Ausländer vor, wenn die Sportfreunde um einen herum nur noch Alemannisch sprechen. Auch die gruppentherapeutischen Sitzungen täglich morgens um 8 Uhr erforderten das Eintauchen in den Sprach- und Denkraum der PatientInnen. Nur wer dem Volk aufs Maul schaut, kann es verstehen lernen und verstanden werden, um an Luthers Prinzip zu erinnern.

Anfänge der „Suchtkrankenhilfe“ Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts

So, zurück nach Berlin, rein ins Jugendamt mit Sitz Rathaus Friedenau. Mich, („Doktor der Schwarzwaldklinik“ wurde ich damals tatsächlich manchmal freundlich etikettiert), krallte sich sofort der Büroleiter, um das Jugendamt in der ämterübergreifenden AG zu vertreten, die eine Dienstvereinbarung (DV) zum Umgang mit dem Alkoholproblem am Arbeitsplatz  erarbeiten sollte. Meiner Erinnerung nach ging die sehr verdienstvolle Initiative auf eine Personalrätin aus der Gruppe der ArbeiterInnen zurück.

Mit der ersten Dienstvereinbarung wurde eine Grundlage geschaffen, um ausgehend vom 1968er Urteil des Bundsozialgerichts (Alkoholismus ist eine Krankheit) und dem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 1983 (Sucht/Abhängigkeit nicht selbstverschuldet), endlich einen angemesseneren Umgang mit der Fragestellung zu ermöglichen. Das Ende der„Nasenpolitik“ (1) begann. Hilfsangebote standen von nun an im Vordergrund. Es etablierte sich eine Gruppe von freiwilligen SuchtkrankenhelferInnen.

Im Laufe der 90er Jahre wurden erste Erfahrungen mit der Umsetzung der Dienstvereinbarung gemacht. Bald wurde klar, dass es nicht ausreichte, nur halbherzig/halbtags einen Fachmenschen zu engagieren (anfänglich einen externen Halbtagspsychologen, dann eine Sozialarbeiterin mit wechselndem Stundendeputat) und sich inhaltlich ausschließlich auf Alkoholgefahren zu beschränken.

Großes Verdienst der Kollegin Sozialarbeiterin als Suchtbeauftragte war es, mit der Entgiftungsstation der Klinik des Deutschen Roten Kreuzes am damaligen Standort in der Nähe des Heidefriedhofs in Tempelhof eine Kooperation zu beginnen. Seit der Zeit haben bis heute über 80 mal Beschäftigte des Bezirksamts Gelegenheit gehabt, auf der Suchtstation zu hospitieren (damals in Dreier-, neuerdings in Zweier-Grüppchen), um hautnah zu erfahren, wie mit Suchterkrankten professionell im Entgiftungsstadium umgegangen wird, welche Schicksale sich hinter den Suchtkarrieren verbergen etc.

Die Überarbeitung der DV hatte zum Ergebnis, dass eine volle Stelle für eine/n Sucht- beauftragte/n verankert wurde und der Blickwinkel auf Süchte/Abhängigkeiten insgesamt geweitet wurde. Diese Erkenntnisse konnten in den Fusionsverhandlungen (2)   mit dem BA Tempelhof gerettet werden.

 Schöneberg und Tempelhof gemeinsam ins neue Jahrtausend

Die Dienstvereinbarung „über Maßnahmen zur Eindämmung von Suchtkrankheiten und über den Umgang mit suchtmittelgefährdeten – oder kranken Beschäftigten im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin war das Ergebnis intensiver Gespräche in einer Arbeitsgruppe beider Bezirksämter und trat im Fusionsjahr 2001 in Kraft. Die fusionierten Bezirksämter hatten gemeinsam ca. 5.000 Angestellte, ArbeiterInnen und BeamtInnen. Der Neu-Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist nach der Einwohnerzahl die zehntgrößte Stadt Deutschlands (deutlich größer als z.B. die Uni-Stadt Bielefeld). Schon damals schrieben wir in die Präambel der DV:

„Durch die sich rasch verändernden Lebens- und Arbeitsbedingungen verstärken sich die psychischen Belastungen und Spannungen für die einzelnen Beschäftigten. Eine Reihe von Mitarbeitern begegnet diesen Belastungen mit einem steigenden Konsum von Alkohol und anderen Suchtmitteln. Das dauerhafte Missbrauchsverhalten verursacht erhebliche gesundheitliche Schäden, die im Arbeits- wie auch Privatleben zu Beeinträchtigungen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit führen.“

Es folgt dann eine klare Priorität für einen Hilfe-Prozess von Prävention über Beratung bis Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess (Nachsorge, inzwischen ja auch unterfüttert durch Betriebliches Eingliederungsmanagement BEM gemäß 84 Sozialgesetzbuch SGB IX).

„Um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter zu erhalten, haben wir uns zum Ziel gesetzt, alle Mitarbeiter über die Gefahren des Suchtmittelmissbrauchs aufzuklären, den suchtkranken Mitarbeitern bei der Überwindung von Suchtkrankheiten zu helfen und sie bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess zu unterstützen“ (DV, Seite 1) .

 Kernstück der DV sind die klar vorgegebenen und detailliert beschriebenen Gesprächsabfolgen (Stufengespräche).

„Mit dieser Dienstvereinbarung soll ein Verfahrensablauf im Umgang mit suchtkranken Beschäftigten eingeführt werden. Dieser abgestufte Verfahrensablauf gibt den Vorgesetzten und Mitarbeitern vor, wie bei suchtbedingten Auffälligkeiten von Mitarbeitern zu verfahren ist“ (ebd.) .

Die hohe Verantwortung von Führungskräften wird besonders hervorgehoben:

 „Insbesondere die Vorgesetzten tragen im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht bei der Prävention wie auch bei dem Umgang mit suchtkranken Mitarbeitern und bei der Wiedereingliederung von ehemals suchtkranken Mitarbeitern besondere Verantwortung. Suchtkranke Mitarbeiter brauchen konsequent handelnde Vorgesetzte und Kollegen“ DV, Seite 2) .

 In dem Film „Der erste Schritt“ (Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK 2006), den ich regelmäßig bei Fortbildungen einsetze, sagt die Vorgesetzte im Gespräch mit ihrem vermeintlich alkoholgefährdeten Mitarbeiter: „Durch Ihr Verhalten bestimmen Sie, wie weit wir gehen.“ Das ist ein sehr kluger Gedanke, der deutlich machen soll, dass es der Betroffene in der Hand hat, ob er kooperiert und die kleinen Schritte auf dem Weg des langen Hilfeprozesses mitgeht, die ihm helfen könnten, oder ob er im negativen Fall so handelt, dass leider mit arbeits- oder dienstrechtlichen Konsequenzen zu rechnen sein muss.
Aber: Diesen klugen Satz müssten sich leider viele Führungskräfte selbst hinter die Ohr schreiben, denn auch durch ihr Handeln oder eben leider Nicht-Handeln bestimmen sie, wie weit eine möglicherweise sich entwickelnde Alkoholabhängigkeit bei einer/eine ihrer MitarbeiterInnen voranschreitet. Leider gibt es immer noch viel zu viele, die lieb weggucken, nicht wahrnehmen (nicht als Wahrheit nehmen) oder Vereinbarungen inkonsequent nicht einhalten (Termi Sanktionen).

Co-Alkoholismus spielt hier seine üble Rolle. Deshalb wird in dem 10 Seiten starken Leitfaden für Führungskräfte (Anlage zur DV) dringend zu Rollenklarheit geraten:

„Bleiben Sie in Ihrer Rolle als Vorgesetzter (nicht in die Rolle des Helfers oder Beschützers schlüpfen!)“ und „begeben Sie sich nicht in eine unbewusste Komplizenschaft mit dem Suchtkranken (Co- Alkoholismus).“

Mit der Fusion und dem Inkrafttreten der DV wurde als Vollzeit-Suchtbeauftragte eine bisher eher fachfremde Tempelhoferin untergebracht, die sich bis zu ihrer Berentung 2003 bemühte, im Sinne der DV zu arbeiten. Es gelang ihr, die Schöneberger SuchtkrankenhelferInnen und die vereinzelt vorhandenen Tempelhof SuchtkrankenhelferInnen zu einer Gruppe zusammen wachsen zu lassen.
Fundierte Unterstützung erfuhr die Suchtarbeit in der damaligen Zeit durch den leider viel zu früh von uns gegangenen Jürgen Petukat im Rahmen seines Engagements bei den Guttemplern. Dort machten einige der Suchtkrankenhelfer Innen (und auch der Autor) die Zusatzausbildung zur/m Kollegialen Berater/in. Jürgen Petukat führte mehrere Jahre lang Fortbildungen für Führungskräfte des Bezirksamts durch. Ich habe viel von ihm gelernt und werde ihn nie vergessen.

Betriebliche Suchtprävention als ein Bestandteil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements

Ab 2004 wurde dem Autor die Zuständigkeit für die Betriebliche Suchtprävention als Betrieblicher Suchtbeauftragter des Bezirksamts übertragen und damit leider von allen Beteiligten in Kauf genommen, dass die in der DV vereinbarte Vollzeitstelle für den Suchtbeauftragten ausgehöhlt wurde, weil er zugleich Beauftragter der Bezirksbürgermeisterin für das gesamte Betriebliche Gesundheitsmanagement und die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze ist (in den ersten Jahren sogar noch zusätzlich für die Koordination Arbeitsmedizin/Arbeitssicherheit). Damit bleibt nur noch ein Drittel der Arbeitszeit für die Betriebliche Suchtprävention.
Der Aufbau einer professionellen Betrieblichen Suchtprävention fiel in die Zeit vor Inkrafttreten des NichtraucherInnen-Schutzgesetzes 2007. Es bedurfte großer Anstrengungen, auch innerhalb des damaligen SuchtkrankenhelferInnen-Kreises, aber insbesondere innerhalb der Verwaltung (Dienststellenspitze, Beschäftigtenvertretungen), dem NichtraucherInnenschutz Bahn zu brechen und der am weitesten verbreiteten Abhängigkeit mit der höchsten Mortalitätsrate Priorität zu geben (Mucha 2007).
Mit dem altersbedingten Ausscheiden von SuchtkrankenhelferInnen ergab sich eine Auffrischung des Teams durch hochmotivierte KollegInnen, die nach fachlichen Kriterien in transparentem Verfahren aus einer erfreulich großen Zahl sich für die Mitarbeit Interessierender ausgewählt wurden.
Da sich die Beratungs-Anfragen ausdehnten auf fast alle möglichen psychologischen Fragestellungen (Arbeitsdruck, Stress, Überforderungen, Burnout, Depression, Ängste, Konflikte/Mobbing etc.) öffneten wir offiziell unsere Angebotspalette und benannten uns um in Kollegiale Beratung/Betriebliche Suchtprävention. Inzwischen sind wir außerdem Anlaufstelle Konfliktmanagement wegen des enorm gestiegenen Bedarfs an Konfliktvermittlungen (sowohl 1:1-Konstellationen als auch Gruppenberatungen). Selbstverständlich ist permanente Qualifizierung für die Beratungsarbeit erforderlich bzw. sogar Voraussetzung.

Kern der Beratungsarbeit sind die Einzel- und Gruppenberatungen, die von den jetzt, neben dem Suchtbeauftragten, sechs Kollegialen BeraterInnen (drei Frauen, drei Männer) einzeln oder auch zu zweit geleistet werden.

In Abhängigkeit von den personellen Ressourcen werden Veranstaltungen durchgeführt.

für Auszubildende: Begrüßung der Neuen mit Präsentation der Angebotspalette des Betrieblichen Gesundheitsmanagements insgesamt, Fortbildungen zu Alkoholgefahren (in Zusammenarbeit mit Berliner Polizei), Fortbildungen zur Drogenproblematik,  Zusammenarbeit mit dem Drogennotdienst und der Fachstelle für Suchtprävention im Berlin),  zu Mobbing/Cybermobbing (Mucha 2013).

Ebenso für Führungskräfte in Zusammenarbeit mit Institut für Betriebliche Suchtprävention.

Die schon erwähnten Hospitationen auf der Entgiftungsstation der DRK-Kliniken (schon längst im Wedding, Drontheimer Straße, angesiedelt) sind 2013 alternativ ergänzt worden durch unsere Kooperation der entsprechenden Station 17 des Vivantes Auguste-Victoria-Klinikums in Schöneberg. Dieses Fortbildungsangebot wird seit 2014 abgerundet durch eine jeweils vorgeschaltete eintägige Hospitation in der Alkohol- und Medikamentenberatungsstelle am Tempelhofer Damm 129 des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und-  abhängige Berlin. Die Hospitationswochen starten immer montags mit der Vorbereitung beim Suchtbeauftragten, es folgt der Tag in der Beratungsstelle, dann zwei Tage Entgiftungsstation und abschließend die Auswertung/Vertiefung beim Suchtbeauftragten. Ab 2015 werden wir nach Möglichkeit auf die Bereitschaft des Vivantes Wenckebach-Klinikums in Tempelhof gern zurückkommen und auch dort mit der Hospitation beginnen.

Weiter gedacht
(Perspektiven)

Auch Betriebliche Suchtprävention kann die Augen nicht verschließen vor Komorbidität/ Doppeldiagnosen von Sucht und psychischen Störungen (Moggi 2014), die „wechselseitig einen signifikanten Einfluss auf die Schwere der jeweils anderen Erkrankung und die Prognose“ haben (Preuss et al. 2014, S. 29).
Die hohe Komorbidität zwischen Substanzabhängigkeiten und dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS, einer Wahrnehmungs-Integrations-Störung (im Volksmund auch „Zappelphilipp“ genannt) ist bekannt. Die Welle wird auch die Betriebliche Suchtprävention im öffentlichen Dienst erreichen, sobald die entsprechende Generation wieder Zugang in den jetzt noch „vergreisenden“ öffentlichen Dienst findet.

Der immer noch verharmlosende Umgang mit Nikotinabhängigkeit (ich bin einer Gesundheitsstadträtin   begegnet, die Tabakrauchen nicht zum Zuständigkeitsbereich der Betrieblichen Suchtprävention gehörend wahrnimmt), trotz hoher Zusammenhänge/Komorbidität zwischen Nikotinabhängigkeit und psychischen Störungen (Mühlig 2014), dürfte hoffentlich auch bald ein Ende finden.

Zukünftig wird also die Betriebliche Suchtprävention im Sinne unserer Kollegialen Beratung selbstbewusst das Tätigkeitsfeld ganzheitlich beackern und die entsprechenden Voraussetzungen (personell und strukturell) einfordern müssen, wenn ihre gute Arbeit ernst genommen werden soll. Nur dann wird diese innerbetriebliche Institution dem vorhandenen Bedarf gerecht werden können und überleben.

Schon jetzt gibt es auf Seiten der Verwaltung Äußerungen, diese Perle praktisch gewordener Fürsorgepflicht oder auch Perle praktizierter Humanisierung der Arbeitswelt der Privatisierung in den Rachen zu werfen, indem externe Institute, die sich fürstlich honorieren lassen, ins Spiel gebracht werden, weil sie wie Einkaufszentren mit verlängerten Öffnungszeiten (natürlich außerhalb der Arbeitszeit) alles anbieten, was das Herz begehren könnte. Da lobe ich doch unsere Marken-Boutique mit ihrem Delikatessenangebot, direkt am Arbeitsplatz, innerhalb der Arbeitszeit, quasi „gemeindenah“.

Dr. Klaus Mucha

Titelthema 2/2014: Alkoholismus – Krankheit oder schuldhaftes Verhalten?

Alkoholismus: Krankheit oder schuldhaftes Verhalten?
Suchtbedingte Schuldgefühle und ihre fatalen Wirkungen im Krankheitsverlauf


Obwohl die Abhängigkeitserkrankung bereits seit 45 Jahren von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und für Deutschland anschließend vom Bundessozialgericht als behandlungswürdige Krankheit anerkannt ist, gehört sie bis heute zu den rätselhaftesten Erkrankungen, die wir kennen. Es ist schon merkwürdig, dass jemand– wider besseres Wissen und häufig ohne ihr Einhalt gebieten zu können – von einem „chemischen Stoff “ abhängig werden kann. Dass sich sukzessive und zunächst oft unbemerkt eine psychische und physische Abhängigkeit entwickelt, die alle Lebensvollzüge – die eigenen und die des gesamten Umfeldes – betrifft. Und die zweite Merkwürdigkeit besteht darin, dass bei kaum einer anderen Krankheit so häufig und so hartnäckig nach Schuld oder wenigstens Mitschuld gefragt wird wie bei der Abhängigkeitserkrankung – und hier besonders bei Alkoholismus. Und diese Schuldfrage stellt sich nicht nur allein der Erkrankte, sondern ebenso sein Umfeld: die Angehörigen, die Kollegen und Freunde, die Nachbarn.

Die Frage der „Schuld“ ist eine schwierige Frage und eine heikle dazu!

Symptomatik

Kranke stellen sich oft die Frage: Warum gerade ich? Warum bin ausgerechnet ich krank geworden? Warum hat es ausgerechnet meinen Partner „erwischt“ – und nicht den oder die andere? Die haben doch auch getrunken und nicht mal wenig! Und schon stellen sich mehr oder weniger heftig Schuldgefühle ein. Suchtkranken wird oft genug eine sogenannte Willensschwäche zugeschrieben, so als seien sie unmotiviert und „unwillig“, das nächste Glas stehen zu lassen. Reicht demzufolge ein ausreichend starker Wille aus? Fehlt es daran tatsächlich? Ist diese „Willensschwäche“ dafür verantwortlich, dass es so lange gedauert hat, bis Hilfe angenommen werden konnte? Oder für den Rückfall? Die Abhängigkeitskrankheit ist ein „multifaktorielles“, „multikausales“ Geschehen, d.h.: Die Abhängigkeitskrankheit entsteht dann – und erst dann –, wenn mehrere Faktoren, mehrere Ursachen zusammentreffen. Die Neurobiologie beispielsweise hat schon vor Jahren darüber aufgeklärt, dass es einer bestimmten Stoffwechseldisposition bedarf, die für die Entstehung einer körperlichen Abhängigkeit verantwortlich ist. Seelische, soziale und manchmal auch religiös-weltanschaulich deutbare Teilursachen kommen hinzu.
Und als Folge einer bereits entstandenen Abhängigkeit weisen bestimmte Symptome auf die Krankheit hin. Kontrollverlust oder Abstinenzunfähigkeit sind untrügliche Anzeichen, die den Alkoholkranken vom missbräuchlichen Konsumenten unterscheiden.
Es gibt eine ganze Reihe von Symptomen, die direkt oder indirekt auf „Schuldgefühle“ hinweisen: Schuldgefühle wegen der Trinkart oder ein dauerndes Schuldgefühl, das in sich wieder Anlass zum Weitertrinken ist. Indirekt deuten Symptome wie heimliches Trinken, Alkoholausreden oder auch Phasen freiwilliger Abstinenz auf Schuldgefühle hin, denn weshalb sollte jemand heimlich trinken, wenn er nicht ein schlechtes Gewissen hätte?

Es lohnt sich, Schuldgefühle in Gefühle des Bedauerns zu verwandeln!

Sie werden

– sich körperlich besser fühlen;
– ihrer Gesundheit förderliche Verhaltensweisen an den Tag legen können;
– ihre Fehler offen bekennen können und zu ihnen stehen;
– andere Menschen eher mit ihren Fehlern akzeptieren können;
– die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und es analysieren können;
– ihre Energien darauf verwenden können, den Fehler zu korrigieren und in Zukunft zu vermeiden;
– Selbstachtung und Selbstvertrauen verspüren;
– unabhängiger von den Normen und Erwartungen anderer sein;
– eigene Bedürfnisse eher berücksichtigen können und
– sorgfältig abwägen, welche anderen Faktoren außer ihrem Verhalten zu der Situation beigetragen haben und nicht die Verant wortung für das Fehlverhalten anderer übernehmen oder unglückliche Umstände verantwortlich machen. (Quelle: 6. Konferenz der sächsischen Suchtselbsthilfe, 9.11.13)

Schuldgefühle stellen ein sehr markantes Zeichen für eine vorliegende Abhängigkeitserkrankung dar. „Schuldgefühle“ sind symptomatisch. Ähnlich wie Fieber auf das Vorliegen einer Infektion hinweisen kann, so können Schuldgefühle auf das Vorliegen von Abhängigkeit hinweisen. Diese Schuldempfindungen werden gleichwohl von verschiedenen Menschen unterschiedlich belastend erlebt. Menschen mit hohen moralischen Idealen beispielsweise leiden stärker als andere. Menschen, die zwar viel trinken, aber nicht abhängig sind, werden solche Empfindungen von Schuld und Versagen eher nicht kennen.

Schuld und Schuldgefühle sind nicht immer dasselbe

Wie kommt es aber zu solchen Empfindungen? Warum und wodurch entstehen Schuldgefühle? Und welche Rollen spielen sie im Krankheitsverlauf?
Wir müssen zu unterscheiden lernen zwischen „Schuld“ und „Schuldgefühlen“. Das mag ungewöhnlich scheinen. Bei anderen Empfindungen tun wir das für gewöhnlich doch auch nicht: Wenn jemand Angst oder Trauergefühle zeigt, dann fragen wir doch auch nicht danach, ob er sich tatsächlich ängstigt oder trauert. Er wird allen Grund haben, so und nicht anders zu empfinden, Angst zu haben oder traurig zu sein.
Was meint eigentlich „Schuld“? Einen Menschen kann man dann für eine Tat verantwortlich machen, wenn er in seiner Entscheidung und seinem Willen frei ist. Freiheit ist somit Voraussetzung für Verantwortung und Schuldfähigkeit. Schuldfähigkeit ihrerseits kann nur dann vorliegen, wenn Bedingungen erfüllt sind: Wenn ich erstens etwas Falsches tue, zweitens weiß, dass das, was ich tue, falsch ist und drittens das als falsch Erkannte dennoch vorsätzlich, willentlich tue.
Ist auch nur eine dieser drei Bedingungen nicht erfüllt, kann keine echte Schuld zustande kommen; ist auch nur eine dieser Bedingungen eingeschränkt, so kann auch nur eine eingeschränkte     Schuldfähigkeit zustande kommen. Diese, wenn auch arg schematisierte, Auflistung stellt die Grundlage unserer Rechtsprechung wie auch unseres natürlichen Gerechtigkeitsempfindens dar.
Ein Beispiel veranschaulicht den kompliziert klingenden Sachverhalt: Jemandem, dem es trotz größten Bemühens und Einsatzes seines eigenen Lebens nicht gelungen ist, einen Ertrinkenden zu retten, werden wir in der Regel für seinen Misserfolg nicht verantwortlich machen. Im Gegenteil: Er verdient unsere uneingeschränkte Anerkennung, denn die moralische Bewertung eines Men- schen und seines Charakters hängt allein von der sittlichen Qualität seiner Handlungsmotive ab, nicht aber vom Erfolg oder Misserfolg seiner Bemühungen.
Auch wenn, wie das Beispiel zeigt, möglicherweise überhaupt keine Schuld im eigentlichen Sinne vorliegt, so lässt sich parallel dazu – und das klingt zunächst paradox – vorstellen, dass der hilflose Retter auf Grund des Scheiterns seiner Handlung dennoch persönliche Schuld und Versagensgefühle empfindet.
Viele Suchtkranke und sogar ihre Angehörigen leiden oft langjährig unter Schuld-, Scham- und Versagensgefühlen. Fast zeitgleich und in einem Atemzug werden solche Schuldgefühle aber – und das kann sich fatal auswirken – mit echter tatsächlicher Schuld gleichgesetzt.

Die drei Bedingungen für „Schuld“ greifen zumindest bei einem Menschen, der abhängigkeitskrank ist, kaum. Natürlich ist vieles geschehen, was hätte nicht geschehen sollen. Da wurde verletzt, betrogen, gelogen. Da ist vieles falsch gelaufen, was hätte anders oder besser laufen sollen. Insofern ist die erste Voraussetzung für das Zustandekommen von Schuld sicherlich gegeben.
Aber wie ist das mit den anderen beiden? Mit der Erkenntnis und dem Vorsatz, dem freien Willen? Es gab zumindest Zeiten oder Situationen, da war die Erkenntnisfähigkeit wenigstens stark eingeschränkt. Nicht nur nach sogenannten „Filmrissen“.
Und der Vorsatz, der freie Wille? Es ist doch die Besonderheit, dass dem Abhängigkeitskranken die Willensfreiheit und damit die Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeit im Hinblick auf seinen Umgang mit dem Suchtmittel abhanden gekommen ist. Das unterscheidet ihn doch gerade von anderen, die zwar zu viel und zu oft trinken, aber nicht abhängig sind. Sie haben immer noch die reale Möglichkeit der Selbstkontrolle, die dem Abhängigkeitskranken fehlt.
Wenn dies aber so ist, wie steht es dann um seine „Schuldfähigkeit“? Es ist geradezu eine logische Gleichung, dem Abhängigkeitskranken eine eingeschränkte, vielleicht sogar fehlende Schuldfähigkeit zu testieren.
Und jetzt? Vielleicht regt sich Protest. In der Tat geschieht jetzt etwas sehr Merkwürdiges: Viele Suchtkranke, denen ich während ihrer (stationären) Therapiephase begegnet bin, haben sich an dieser Stelle aufgeregt und in der Tat protestiert.„Ich soll nicht schuldig geworden sein? Wer sonst? Ich war es doch, der all die schlimmen Dinge angerichtet hat. Nicht mein Partner, nicht meine Kinder, nicht meine Kollegen!“
Das Eingeständnis „Ich bin alkoholkrank“ wirkt tatsächlich bei den meisten Menschen nicht entlastend, im Gegenteil. Es wirkt „billig“, wie eine „billige Entschuldigung“.

Schuldgefühle und ihre Funktion im Suchtgeschehen

Die Schuldgefühle des Abhängigkeitskranken sind krankheitsbedingt; sie sind also Folgen oder Symptome der Krankheit. Ähnlich etwa dem Fieber bei Infektionskrankheiten sind die Schuldgefühle Phänomene, die eine bereits in Gang gekommene Abhängigkeit von einem Suchtmittel kennzeichnen. Immer erlebt der Abhängige nicht die Abhängigkeit selbst im Vordergrund, sondern z. B. den Alkoholmissbrauch, dem er seine ganze Kraft und Willensanstrengung entgegenstellt. In den Schuldgefühlen spürt er deren Auswirkungen und deutet jedes Versagen im nicht mehr kontrollierbaren Umgang mit Alkohol als persönliches Scheitern, als selbstverschuldete Tragödie und Katastrophe.

Alkoholismus jedoch – und das ist gerade die Katastrophe oder Tragödie – verhindert ein Zustandekommen von objektiv anklagbarer echter Schuld. Und obschon das so ist, wird der alkoholkranke Mensch von zermürbenden Schuldgefühlen geplagt, die auf seine Trinkart sowie auf allen Geschehnissen und Folgen basieren, die damit direkt oder indirekt zusammenhängen:   alkoholbedingte psychische und physische Defekte und Defizite, Störungen des Familienlebens, Berufsprobleme, soziale Schwierigkeiten aller Art, selbst Unwertgefühle sowie   Verfallserscheinungen des eigenen Normen- und Wertegebäudes. Dennoch weisen diese symptomatischen Schuldgefühle als Phänomene einer bereits bestehenden Alkoholabhängigkeit   paradoxerweise darauf hin, dass gerade keine Schuld vorliegt, sondern Abhängigkeit.

Die Frage, die sich stellt, ist die nach der Berechtigung und Funktion solcher Schuldgefühle im Krankheitsverlauf. Warum fühlt der alkoholkranke Mensch sich schuldig? Müsste die Erkenntnis, auf Grund seiner Krankheit objektiv ja nicht frei und verantwortlich, schuldhaft handeln zu können und sich entscheiden zu können, ihn nicht ungemein beruhigen und entlasten? Warum empfin- det der Alkoholiker eine solche Aufklärung über seine reale Situation meist als „billig“ und nicht als hilfreiche Geste? Warum setzt er sich dagegen häufig so massiv zur Wehr?

Es scheint zutreffend zu sein, dass dem Menschen die Akzeptanz einer noch so schweren tatsächlichen Schuld leichter zu fallen scheint, als sich als abhängig und damit eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr schuldfähig zu akzeptieren. Im Innersten spürt er, dass er in der Schuld – und sei sie noch so groß – immer noch der sich frei entscheidend Handelnde ist. Er kann für das, was er angerichtet hat, gerade stehen und hängt nicht an einem toten Ding, das ihn beherrscht.

Die Abhängigkeit von einem Suchtmittel zu erkennen, anzunehmen und schließlich die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen – z. B. eine Therapie zu beginnen oder eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen –, bedeutet den Verzicht auf jegliches maskenhafte Verhalten, die Aufgabe des Kampfes, der Stärkere sein zu wollen, die Kapitulation vor dem Suchtmittel, das sich in völliger Umkehrung der natürlichen Ordnung als stärker erwiesen hat. Geradezu unbewusst, instinkthaft und intuitiv wehrt der Mensch sich gegen die Vorstellung, suchtmittelabhängig – geworden – zu sein.

Eine vom christlichen Menschenbild ausgehende Überlegung kann nun seine weitere Verständnishilfe dafür sein, was es für einen Menschen bedeuten muss, in Unfreiheit und Abhängigkeit von einem toten Stoff (wie z. B. Alkohol) zu geraten.

Verhängnisvoller Rollentausch

In der Suchterkrankung erfolgt eine Umkehrung des Existenzgrundes des Menschen. Es ereignet sich langsam und unmerklich ein verhängnisvoller Rollentausch: Von Natur aus, vom Schöpfer so gewollt, ist der Mensch Herr der Dinge und der gesamten übrigen Schöpfung. Er darf teilhaben an der Schöpfermacht Gottes, indem dieser ihn über die übrige Schöpfung gestellt hat (vgl.Gen1, 28). Der Mensch kann die Dinge erkennen und zu seinem Gebrauch nutzen oder sie auch missbrauchen, denn auch das gehört zu seiner Freiheit. In jedem Fall aber ist der Mensch das Subjekt, das „über den Dingen steht“. Freiheit, Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung gehören zu seinem Wesen und verleihen ihm Menschenwürde und Humanität. Die Mitte der

 Reale Schuld – irreale Schuldgefühle

Reale Schuld Irreale Schuldgefühle
Ergebnis der Prüfung tatsächlicher Verantwor tung„Ich habe einen Fehler gemacht und mich wider besseresWissen falsch verhalten.“ Quälende Last, die im Vergleich zur tatsächlichenVerantwortung riesig ist, Gedanken drehen sich im Kreis, beziehen sich nicht auf Tat /Handlung, sondern auf Person, Ausdruck zu hoher Ansprüche an sich selbstIllusion der „heilen“ Familie
Setzt Fähigkeit zur Einsicht und Freiheit der Entscheidung voraus Unbewusste Anmaßung, für alles verantwortlich zu sein
Lässt aktiv werden im Sinne von Wiedergutmachung, Vermeiden des Fehlers in der Zukunft Lähmen. Können gesamte Energie aufbrauchen und verhindern Entwicklung

Quelle: s.o.

menschlichen   Persönlichkeit stellt deshalb auch die daraus resultierende Schuldfähigkeit dar.
Auch wenn somit jede Freiheitsgeschichte des Menschen zugleich die Geschichte seiner Schuld und seines Versagens ist, so wird ihm doch gerade dadurch die Menschenwürde verliehen, die in der Entscheidungs-, Willens- und Handlungsfreiheit grundgelegt ist.

In der Suchterkrankung verliert der Mensch (wenigstens partiell) diese, seine ihm wesenhaft und wesentlich eigene Rolle, Subjekt zu sein. Er wird zum Objekt der Dinge, des Suchtmittels; er steht nicht mehr über den Dingen, damit auch nicht mehr über dem Suchtmittel, sondern ist abhängig. Entgegen seinem Willen wird er zum Sklaven z. B. des Alkohols und verliert mehr und mehr seine Freiheit. Aus einem vorher handlungsfreien Menschen wird so nach und nach eine abhängige, unfreie Marionette, die vom Suchtmittel geführt wird. Statt initiativ agieren zu können, kann er nur noch reagieren. Statt sich frei zu entscheiden, ist er gezwungen, sich – zuletzt fast pausenlos – gegen seine Entscheidung zu verhalten. Der Wille und Vorsatz „Ich höre auf, zu trinken.“ ist sicherlich durchweg ernst gemeint, jedoch auf Grund der Krankheit „Alkoholismus“ nicht mehr zu verwirklichen. Dieser suchtbedingte Rollentausch trifft den Menschen so tief in seiner Personenmitte, dass ihm ein wesentlicher Teil seiner Menschenwürde genommen wird, der Teil nämlich, der in der Entscheidungsfreiheit wurzelt.

Eine unausrottbare Sehnsucht nach der Realisierung seines Wesens und seiner Selbstverwirklichung und Erfüllung ist im Menschen lebendig, und er wehrt sich intuitiv gegen alles, was seinem Wesen und seiner Bestimmung widerspricht. Die Schuldgefühle des Alkoholikers stellen eine solche unbewusste und fast reflexartige Abwehrreaktion gegen die durch seine Sucht erfolgte Fremdbestimmung dar. Dieses wichtige Kriterium im Hinblick auf Rolle und Funktion der krankheitsbedingten Schuldgefühle beim Alkoholiker wird durch Folgendes noch plastischer und anschaulicher: Solange ein Mensch sich schuldig fühlt und sich selbst anklagt, geht er subjektiv davon aus, dass er für alles, was geschieht und geschehen ist, die volle Verantwortung übernehmen kann, alles im Griff hat. Die Möglichkeit eines kontrollierten Umgangs mit Alkohol scheint ihm immer noch praktikabel und möglich zu sein. Seine Alkoholausreden und die freiwillig auferlegten Abstinenzphasen bestärken ihn in dieser irrigen Meinung. Er braucht ja nicht zu trinken!

Zugleich verhindern seine Schuldgefühle jedoch das fatale und „erlösende“ Eingeständnis des Trugschlusses, abhängigkeitskrank zu sein. Sie ersparen ihm, sich selbst als Marionette sehen und akzeptieren zu müssen. Das bedeutet für einen Alkoholiker, dass ihm seine Schuldgefühle vorgaukeln, er sei gar nicht abhängig; er sei vielmehr im Umgang mit dem Alkohol noch frei, hätte das Trinken noch im Griff und unter Kontrolle. Es liegt auf der Hand, dass gerade die Schuldgefühle und das daraus resultierende ständige Bemühen, im Umgang mit dem Alkohol klar zu kommen, nicht zu versagen, bei der Gewinnung der Krankheitseinsicht, die zu einer Behandlungsbereitschaft Voraussetzung ist, hinderlich sind.

In dem Moment jedoch, wenn es einem Suchtkranken gelingt, diesen raffinierten Mechanismus von Schuldgefühlen und ihrer Funktion im Rahmen seiner Krankheit zu durchschauen, wird er auch für Hilfe offen werden. Ganz allmählich wird er wieder in die Lage kommen, frei und selbstverantwortlich leben zu können. Er wird verstehen lernen, dass paradoxerweise gerade seine Schuldgefühle es sind, die ihm etwas vorgaukeln, was längst nicht mehr existiert: Entscheidungsfreiheit und Schuldfähigkeit nämlich.

Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der beschriebenen Problematik kann dazu verhelfen, eine vorschnelle und in sich falsche moralische Bewertung des Suchtkranken und seiner Krankheit zugunsten eines besseren Verständnisses seiner Situation und Lebenslage zu unterlassen. Akzeptieren wir Alkoholismus als Krankheit im Vollsinn des Wortes, dann darf moralisches Werten und Urteilen nicht zum Hauptindiz für den Menschen werden, der in irgendeiner Weise von ihr betroffen ist – gleich ob als Suchtkranker oder als Angehöriger.

Gleichwohl: die beschriebene Problematik ist in erster Linie auf Menschen zugeschnitten, die sich noch auf dem Weg der Selbstfindung bewegen, die ihre eigene Problematik noch nicht akzeptiert haben. Oft genug habe ich miterleben dürfen, wie dieser Zugang – anfangs oft schmerzhaft und mühsam und von Widerständen begleitet – doch letztendlich hilfreich und befreiend war.

Heinz Josef Janßen, Bundesgeschäftsführer

Kreuzbund e.V., Hamm

(Leicht gekürzter Vortrag auf der 6. Konferenz der sächsischen Suchtselbsthilfe am 9. November 2013. http://www.suchthilfe-sachsen.de)

Titelthema 01/2014: Die Wiedergeburt des Klaus A.

Dr. Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel: Die Wiedergeburt des Klaus A.


Unsere Gefühle, besonders die „Grundgefühle“ Angst und Trauer, Wut und Freude differenziert zu erleben, ist ein wesentliches Zeichen der inneren Autonomie, wie auch das Erkennen und Zulassen von Scham. Die Einsicht, dass wir ein Gewissen haben, die Erfahrung und der Glaube, auf andere Menschen angewiesen zu sein, sind ebenso ein Beweis unserer inneren Selbständigkeit wie auch die klare Stellung zur Frage, ob wir an eine höhere Macht glauben oder als Agnostiker verstanden werden wollen.
Sehr wichtig sind im folgenden die Notizen von Klaus A. Der Name ist ein Pseudonym, wo­bei A. für ,,Alkoholiker“ steht; seine Frau ist mit der Veröffent­lichung einverstanden. Er will mit seinen Aufzeichnungen allen danken, die ihm und sei­ner Familie bei der Genesung geholfen haben.

Klaus A. schreibt:

Mit dem glücklichen Ende zu beginnen hat durchaus Traditi­on, besonders dann, wenn der Inhalt meiner Notizen überwie­gend ernst und traurig ist.

Diese Niederschrift habe ich in einem Moment besonderer Autonomie konzipiert: auf der Fahrt in die Komische Oper in Berlin-Mitte, es gab „Bohe­me“, die Geschichte von Liebe und Tod. Seit vielen Monaten war ich zur selben Stunde in meine Stammgruppe gegangen, und das war das erste Mal, dass ich zu einem gesellschaftlichen Ereignis ging und nicht dorthin. Ich war nüchtern und weit offen für das, was kommen sollte. Zu­nächst tranken wir eine Tasse Kaffee im Grand-Hotel neben an, und dann saß ich in dem mit Gold, Stuck und Spiegeln verzierten Saal, der noch ganz leer war. Karla und ich sahen den Menschen zu, die ihn lang­sam füllten, die sich kurz vor Beginn vorbeischlängelten und uns je nach ihrer Art den Hin­tern oder das Gesicht zuwand­ten; einige waren auch in die falsche Reihe geraten. Es war das alte, lange Ritual, das mei­ne Frau sagen ließ: Das ist ein Moment, in dem ich die Men­schen liebe.

Ich wartete auf das Löschen des Lichtes und die Musik, und bei den ersten Tönen spürte ich, wie mir die Tränen kamen. Ich sah mich in meinem Kranken­hausbett liegen, meine Seele war taub. Ich hatte mich zur Wand gedreht und las „Wind, Sand und Sterne“. Ich las es wohl dreimal in dieser Zeit. Der Rhythmus der Worte war mir wichtiger als der Inhalt, den ich kaum erfassen konnte: es war ein lange vergessenes Lied von Heimat und Gebor­genheit, das mit dazu beitrug, mich am Leben zu erhalten.

Glück läßt sich nicht planen, behaupte ich, und es war das zweite Mal in meiner Trocken­heit, daß ich wirklich glücklich war, zwei Jahre und 264 Tage nach Beginn meiner Abstinenz.

Der Verlust der Autonomie
Die chronische Vergiftung be­ginnt bei Suchtkranken schon sehr früh, und sie ist eng ver­bunden mit dem ganz beson­deren persönlichen Erfolg der Droge, mit der Wirkung, die sie hat, die ein bestimmter Mensch wohl braucht und die er dann erwartet. Diese Wirkung muss sehr wichtig sein, denn schließ­lich schmecken Drogen zu­nächst nicht. Wir müssen uns zu Beginn häufig anstrengen, sie zu nehmen oder sie uns ver­ordnen lassen. Und nicht selten finden Menschen, die abhängig werden, die Drogenwirkung angenehm und heilsam.
Und welche Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen man dem Süchtigen auch zumessen mag, ob zum Beispiel Defizi­te in der Ich-Entwicklung im Sinne einer frühen Störung*, pathologische Beziehungsmus­ter* oder ungünstige Problem­lösungsstrategien*, diese be­sondere Wirkung der Droge ist sozusagen der Fingerabdruck der persönlichen Abhängigkeit – wann immer sie dann offenbar wird. Wie in jeder Gruppe der Bevölkerung finden sich auch bei Alkoholkranken und Me­dikamentenabhängigen Men­schen mit mehr oder weniger schweren seelischen Störungen.
Es stimmt schon nachdenk­lich, dass bei der Mehrzahl aller Behandelten keine seelischen Störungen von einem Schwe­regrad gefunden wurden, der eine weitergehende stationäre oder ambulante Psychotherapie erforderlich gemacht hätte. So sehen wir eher eine „Vielfalt von Alkoholismen“ *, an deren Beginn diese persönliche Wir­kung stand.

Ich war 14 Jahre alt und trank am Tage meiner Konfirmation mein erstes Glas Wein. Heute noch, nach über dreißig Jahren, habe ich den verführerischen Geruch in der Nase, spüre den merkwürdigen Geschmack und das angenehm trunkene Gefühl, das mich nach dem opulenten Essen mit meiner neuen Armbanduhr in den Stadtgarten führte; ich fühlte mich ganz losgelöst und frei, es hätte ewig so weitergehen können.

Diese geheimgehaltenen seelischen Veränderungen, die Wünsche und Phantasien, also das persönliche Geheimnis der Drogenwirkung, machen den Süchtigen schon zu einem Zeit­punkt abhängig, an dem weder er noch die Umwelt es ver­muten. Die Trennung des Ef­fektes in eine ,,seelische“ und „körperliche“ Abhängigkeit ist wahrscheinlich ein Kunstpro­dukt. Die chronische Beein­flussung von Gehirnstrukturen wie dem Zwischenhirn, verant­wortlich für Fühlen und Ver­halten, durch potente Zellgifte, kann nicht ohne Folgen bleiben und hat auch Folgen, wenn wir zum Beispiel an die Änderun­gen von Opiatrezeptoren und im Opioidsystem bei Alko­holkranken denken*. Es sollte mich sehr wundern, wenn al­lein Menschen mit einer defizi­tären Persönlichkeitsentwick­lung der Drogenwirkung für immer anheimfallen, und das lässt sich auch nicht nachweisen. Neben dem Bedürfnis nach der Wirkung und der direkten Gift­wirkung auf die Zellen ist die veränderte Wahrnehmung der Wirklichkeit durch die Droge selbst verantwortlich für den unbemerkten Untergang.

Ich befand mich in der chro­nischen Phase einer Alkohol­krankheit und merkte es nicht. Es ist schon seltsam, wie wenig wir uns wirklich „bemerken“ können. Ich war immer schon jemand, der nicht gut und viel trinken konnte, aber sehr gerne trinken wollte: diese „breiten Schultern“, die ich dann hatte, diese schwebende Angstfreiheit, die muntere Farbigkeit des All­tags. Volltrunkenheit war nie mein Ziel. Aber als ich schon erhebliche Mengen trank und mich körperlich daran gewöhnt hatte, spürte ich von Zeit zu Zeit, daß ich mich vergiftete. Das bezeichnete ich zwar nicht so, aber ich hatte große Ängste vor allen möglichen Vergiftungen, Bakterien in Nahrungsmitteln und vor Gift in geöffneten Fla­schen, die herumstanden. Als Intellektueller hielt ich das für eine Marotte und manchmal für eine Neurose. Im übrigen teilte ich diese Ängste niemandem mit, und wenn ich angetrunken war, hatte ich sie ja kaum noch.

Die Angst

Angst wird die ständige treue Begleiterin der Süchtigen; sie ist, wie ich meine, nicht selten die gesunde Antwort einer See­le, die sich gegen ihre Vergif­tung wehrt.
Hier entsteht eine kreatür­liche Angst vor etwas, was unaufhaltsam weitergeht. Die typische Symptomatik einer Angstneurose mit Panikatta­cken ist einem Teil der Sucht­kranken wohlbekannt, während andere völlig verständnislos re­agieren, wenn sie darauf ange­sprochen werden. Aber auch sie spüren dieses tiefe kreatürliche Unbehagen und pfeifen wie ein Kind im dunklen Keller.

Bei Klaus war das so:

Es hat gar nicht lange gedau­ert, bis mein Trinken oft dazu diente, mir Angstfreiheit zu verschaffen. Ich habe das erst nicht gemerkt, später fiel mir die große Erleichterung auf, die sich als Alkoholwirkung einstellte, und die Häufigkeit, mit der ich trank. Eine Weile konnte ich mir noch vormachen, das gehöre zum Leben der Er­wachsenen, aber als ich dann selber erwachsen wurde und verheiratet war, war ich schon so verloren, dass ich Nüchtern­heit als Verlust empfand und Trinken als Erleichterung. Es ergab sich zunehmend, dass ich „nur“ etwas zu trinken brauchte, um zum Beispiel unbeschwert reisen und mit meiner Freun­din schlafen zu können. Wenn ich keinen Alkohol in mir hat­te, fand auch nichts statt, und es wurde enger: Später konnte ich dann zeitweilig nicht mehr auf die Straße und unter Men­schen gehen, und meine große Angst war, ich würde auf der Stadtautobahn im Stau einfach mein Auto stehenlassen und da­vonrennen.
Ich wurde ein treuer Besu­cher bemühter, aber hilfloser Ärzte, die mir zahlreiche Me­dikamente verschrieben. Die nahm ich aber nicht; ich hatte auch davor Angst. Sie waren nicht so gut steuerbar wie mein geliebter Alkohol, der mir – so glaubte ich – wirklich half, wäh­rend ich spüren konnte, wie unter der Decke der Medika­mente meine Unruhe, mein Misstrauen und meine Ängste weitertobten. Höhepunkt war ein Horrortrip nach der Ein­nahme eines Antidepressivums – ich sehe mich heute noch am Tisch der Gaststätte, als ich mir nach Einnahme der Tablette ein Pils bestellte. Dann rannte ich einen ganzen Nachmittag mit wahnsinnigen Angstzustän­den durch die Stadt.

,,Enge“ * und „Beklemmung“, die Eltern der Angst, gewinnen die Oberhand und lassen das Kind seine Autonomie verlie­ren, das mit dem Glas in der Hand seine Scheinfreiheit re­klamiert.

Die Trauer

Als mein Vater starb, war ich betrunken. Er hatte viele Mo­nate Krebs, weil ich aber immer mehr oder weniger getrunken hatte, war mir nur eine gewis­se liebevolle Versorgung mög­lich, aber kein Abschied. Wir haben nie darüber gesprochen, wie krank er war, wie wir über­haupt wenig Persönliches mit­einander reden konnten, denn er war auch suchtkrank. Als er gestorben war, stand ich dann am Tag vor der Beerdigung angetrunken in der Friedhofs­halle, um Abschied zu nehmen. In dem Wahnsinn meines trun­kenen Gehirns hatte ich unse­ren zweijährigen Sohn auf dem Arm, der seinem Großvater Le­bewohl sagen sollte. Ich fühlte nichts.
Im Grunde wurde ich trin­kend von Jahr zu Jahr trauri­ger: Ja, Angst und Traurigkeit bestimmten zunehmend mein Leben, so dass mir berufliche Erfolge und Bestätigung, auch eine Liebesbeziehung, schal vorkamen. Wohl als Ersatz da­für nahmen meine Phantasien, was ich alles tun würde, wenn ich könnte, stark zu, besonders wenn ich noch nicht sehr be­trunken war.

Natürlich sind Suchtkranke traurig, und natürlich ist auch jeder Suchtkranke im Sinne der Diagnostik depressiv, aber wer vermag bei einem nassen Alko­holiker oder einem Menschen mit 60 mg Valium im Gehirn zu differenzieren, ob eine Neurose die Ursache der Traurigkeit ist oder eine Erschöpfung oder ob die drogenlosen Momente, die antriebslose Eingeengtheit, damit zu tun haben? Nun sind Süchtige gute Schauspieler, die ihre Maske unter Aufbietung aller Kräfte aufrechterhalten, die mit aller Kraft den Deckel auf dem Topf halten, bis es zur Explosion kommt.

Am 14. Juni schien die Son­ne. Es war nicht zu warm, die Vögel sangen, und ich ging mir einen Pfirsich kaufen. Unter­wegs begegnete ich Kollegen, die zum Essen gingen, und wir wechselten ein freundliches Wort. Dann ging ich in mein Zimmer, setzte mich an den Schreibtisch und schrieb einen Abschiedsbrief. Weil ich ein genauer Mensch bin, las ich den Brief noch einmal durch. Da hatte ich den ersten ge­sunden Gedanken nach langer, langer Zeit: „Ich muss einen Arzt, und zwar einen Psychiater, anrufen. Ich bin sehr krank.“ Obwohl ich mich umbringen wollte, konnte ich das Wort Selbstmord in diesem Moment nicht denken.

Eine Selbstgefährdung, eine gegen die Existenz gerichtete Handlung – die über die Hälf­te aller Suchtkranken plant und etwa ein Drittel in die Tat umsetzt* – nennen wir Autoaggression. In der Regel wird sie geboren aus tiefer, hoff­nungsloser Traurigkeit, aber eben nicht selten auch aus einer schweren narzistischen Krän­kung, deren Folgen sich gegen das Selbst richten. Derart ge­fährliche Impulse können nicht zugelassen und müssen abge­wehrt werden. Kaufen und Es­sen sind neben Trinken häufig Ersatzhandlungen, mit denen Trauer und Wut gemildert und im Sinne des Wortes zugedeckt werden.

Die Wut

Wesentliche Merkmale einer Abhängigkeitserkrankung sind schon vor über 50 Jahren mit den einfachen Worten genau beschrieben worden: die Ab­nahme der Frustrationstoleranz und das Gefühl „grundlosen Unwillens“ zum Beispiel.

Im Rahmen der modernen psychoanalytischen Theorie­bildung sind besonders die frü­hen Beziehungen zu Menschen (Objekten) und unsere inneren Bilder davon bei Suchtkranken wichtig, wobei in diesem Mo­dell darauf hingewiesen wird, dass die „am häufigsten feststell­baren Symptome narzistischer Störungen, hohe Kränkbarkeit, Mangel an Liebesfähigkeit und echter Selbstliebe, Neigung zu wirklichkeitsfernen Zielen und Idealen, Unfähigkeit zur Freude über eigene Erfolge und Leistungen sowie Gefühle von Leere und Sinnlosigkeit sind.“*
Welcher Suchtkranke fände sich da nicht wieder! Ähnlich wie Angst und Traurigkeit nagt auch die ständige hintergründi­ge Wut an inneren und äußeren Beziehungen, gebändigt vor­dergründig nur durch die Ab­wehrmechanismen und durch das Suchtmittel selbst. Alles wird aber mit der Zeit durchläs­siger, vergeblicher: Den Kran­ken wird immer deutlicher, dass sie auf Kredit gelebt haben und nun nicht einmal mehr die Zin­sen aufbringen können, von ei­ner Tilgung ganz zu schweigen. Diese hohe Kränkbarkeit hat etwas mit einem „grandiosen Selbst“ zu tun, und so ist die zunehmende Erkenntnis, suchtabhängig zu sein, eine ebenso grandiose Kränkung an sich. Das ist wohl einer der Hinter­gründe bei Selbstmorden von Suchtkranken und neben der chronischen Vergiftung eine Wurzel von Gemeinheiten und aggressivem Verhalten.

Drei Jahre bevor ich mit dem Trinken aufhören durfte, wurde Karla schwanger. Wir hatten uns seit vielen Jahren noch ein Kind gewünscht, besonders im­mer dann, wenn wir uns sehr nahe waren. Als wir gar nicht mehr damit gerechnet hatten, passierte es. Mir ging es da­mals schon recht schlecht. Ich war zwar beruflich sehr erfolg­reich, spürte aber innerlich im­mer deutlicher meine Lebenslü­ge, auch wenn ich meine Rolle weiterspielen musste, denn ich arbeitete gut und war gerade zum Direktor einer Firma be­fördert worden. Die Schwan­gerschaft über konnte ich mich wohl noch leidlich verstellen; Karla konzentrierte sich immer mehr auf sich und das Kind. Ich liebte dieses kleine Wesen von Anfang an, und wieder auch nicht, denn ich fühlte mich müde, zu alt und irgendwie betrogen. Diese Gefühle bra­chen immer wieder über mich herein. Bei der Geburt war ich nüchtern und die ganze Zeit da­bei, ich beneidete Karla um die warme Liebe, mit der sie unse­re Tochter begrüßte, und liebte beide sehr.
Nach der Geburt war ich noch im Kreißsaal derart be­trunken, dass ich kaum nach Hause laufen konnte, deshalb fuhr ich mit dem Auto. Es begannen Monate der Unru­he, Schlaflosigkeit, Angst und Trunkenheit, viel vertragen konnte ich nicht mehr, und die Räusche, die ich hatte, waren überwiegend geprägt von Wut und Ekel. Heute wundert es mich nicht, dass unsere Tochter nie durchschlief:
Ich selbst meinte aber, unbe­dingt meinen Schlaf zu brau­chen, um arbeiten zu können, denn während der Woche trank ich selten. Nach einer gestörten Nacht tobte ich morgens herum und nölte Karla an: „Das ist ja unerträglich, dieses Kind ist ja wie ein Krebsgeschwür.“
Ich habe nie gefragt, aber das mag der Moment gewesen sein, als Karla beschloss, sich und den Kindern eine Wohnung zu suchen.

Diese narzistische Wut, diese Kränkungen und ihre Folgen werden den Patienten nur zum Teil bewusst, sie erleben be­stimmte Handlungen und Aus­sagen als ihnen eigentlich we­sensfremd, sie haben entweder eine ungerührte, starre Distanz dazu, richten eventuell den da­zugehörigen Affekt gegen sich selbst oder erleben als Kehrsei­te der Medaille ein überflutetes Schamgefühl, das die Suizidge­fahr weiter steigert.

Die Scham

Es hat immer und immer wie­der Momente in meinem Trin­kerleben gegeben, in denen ich genau wusste, dass mein Trinken nicht in Ordnung war. Dieses Gefühl hatte ich schon als jun­ger Abhängiger. Und manch­mal habe ich die Erinnerung an einen Morgen auf der Fahrt in die Uni. Es war ein warmer Sommertag, so zwischen neun und zehn Uhr, als ich spontan aus der S-Bahn stieg, um zu trinken. Ich hatte einen weiten Blick über das Tal, schaute auf den Fluss, auf dem die Morgen­sonne lag, und wandte mich dann der Trinkhalle zu, um mir ein Bier zu bestellen. In meiner Trockenheit hatte ich merkwür­digerweise oft die Phantasie, mein Leben wäre anders ver­laufen, wenn ich damals nicht aus dem Zug gestiegen wäre.

Jeder Suchtkranke kennt die­ses Gefühl, den Wunsch, alles ungeschehen machen zu kön­nen, die Phantasie, in einem bösen Traum gefangen zu sein, einem Alptraum: gleich kommt jemand und weckt ihn auf, und alles ist in Ordnung.

Klaus sagt dazu:

Als ich mich in meinem Bett um­drehte, war es immer noch das Krankenzimmer.

Wenige Seiten später lese ich:

Das ist der Punkt, vor dem ich mich gefürchtet habe. Ich kann fast nicht mehr weiterschreiben und habe mein Auto direkt vor der Tür geparkt, um fliehen zu können. Mir ist übel, und ich habe Herzrhythmusstörungen. Als ich mich langsam ordnen kann, wird mir klar: Es gibt kein schlechtes Gewissen, es gibt nur ein Gewissen, und wenn Gott mir nicht verzeihen kann und nicht verzeiht, wer dann? Natürlich habe ich mich schuldig gemacht und fühle mich auch so, gegenüber mei­nen Eltern, Karla und den Kin­dern, der Firma, aber zunächst einmal bin ich doch Alkoholiker, wohl unausweichlich und für immer. Wie habe ich mich und andere belogen.
Was mich am tiefsten nie­derdrückt, ist der unendliche Mist, den ich betrunken geredet habe; ich habe immer auf an­dere Leute eingeredet: Einmal im Flugzeug habe ich völlig betrunken mit dem Personal­chef einer großen Firma über Alkoholismus am Arbeitsplatz diskutiert, da werde ich heute noch rot. Und heute weiß ich auch, dass jede Fahne stinkt. In wievielen Taxis habe ich ge­trunken und gestunken und he­rumgeredet!

Kuiper schreibt in seinem Buch „Seelenfinsternis“, dass die Geschichte seiner Depres­sion zum Inhalt hat: ,,Scham ist ein schreckliches Gefühl… Scham ist ein Feuer, das sich selbst nährt.“ * Es ist wohl auch deshalb so schrecklich, weil es uns so überflutet und weil wir der Scham, wenn sie einmal von uns Besitz ergriffen hat, so hilflos ausgeliefert sind. Wir können sozusagen körperlich spüren, wie der Selbstwert schwindet. In einer Arbeit wird von der „stark destruktiven Dy­namik“ von Schuld und Scham­gefühlen gesprochen.*
Beide sind untrennbar mitei­nander verbunden, Schuld und Schuldgefühle sind aber vor­dergründig der Erklärung leich­ter zugänglich und so zu bear­beiten, sei es real oder durch die Abwehr. Die Scham gleicht einem Wasserrohrbruch: Zu­nächst ist ein kleines Fleckchen in der Decke sichtbar, bis nach einiger Zeit die ganze Decke herunterkommt.

Und ohne jeden Zweifel ha­ben wir ein Gewissen, das Fran­zen* „die Grundlage für auto­nomes Handeln“ nennt. Unsere Identität ist in hohem Maße von der Entwicklung des Ich, des Gewissens und der Fähigkeit, die Realität zu beurteilen, ab­hängig*. Während aber die Mehrheit der Untersucher dazu neigt, Persönlichkeitsdefekte bei Suchtkranken einer Ent­wicklungsstörung zuzuschreiben, die vor dem Suchtmittel­gebrauch liegt*, messen wir in unserer Arbeit der krankma­chenden ständigen Gewissens­schädigung durch die Sucht selbst einen ähnlich hohen Stellenwert zu. Ein Sucht­kranker ist nur vordergründig gewissensarm oder gewis­senlos, in Wirklichkeit ist er gewissenskrank. Das oben erwähnte Jellinek-Symptom des „grundlosen Unwillens“ ist Ausdruck dieser Gewis­senskrankheit, wie auch jeder Suchtkranke das Gefühl, dre­ckig zu sein und sich und an­dere ständig zu beschmutzen, genau kennt. Dafür gibt es dann auch nicht selten ein äußeres ungepflegtes Korrelat. War­um blicken viele Suchtkranke am Ende nicht mehr in einen Spiegel? Weil eine Voraus­setzung für die Scham die Er­kenntnis ist.

Das Ende

Ich weiß bis heute nicht, warum ich damals im April mit dem Trinken aufhören konnte. Ich war aber völlig fertig, und das hatte sich schon Monate vorher angekündigt. Ich war von Pon­tius zu Pilatus gerannt, es ging mir immer schlechter, und mei­ne Laborwerte waren sehr gute. Ein Arzt diagnostizierte eine Depression, womit er gar nicht so falsch lag, aber was besagt das Wort allein schon? Das Drama begann an einer ganz anderen Ecke, und niemals hätte ich das möglich gehalten: Der Alkohol verlor seine Wir­kung. Meine Räusche waren unangenehm, ich konnte trin­ken, was ich wollte, vertragen konnte ich fast nichts mehr, von einem Weizenbier war ich ziem­lich fertig – auch deshalb, weil ich schon seit Wochen nicht mehr essen konnte. Der Appetit war weg. Ich fühlte mich sehr krank. Und weil man mir das nicht ansah, gratulierte mir – so verstand ich es damals – fast jeder jeden Tag zu meiner hüb­schen Frau, den Kindern, der erfolgreichen Arbeit. Und wie ein Endlostonband redete in mir ständig – mal laut, mal lei­se – die Stimme: „Das kommt alles vom Trinken.“ Das war so furchtbar, dass ich einmal Karla weinend am Telefon anschrie: ,,Ich will nicht mehr trinken, ich will nicht mehr trinken.“ Und das ist die Wahrheit.

Diese einzelnen Aspekte der Autonomie – die Grundgefühle*, die Scham und das Gewissen, lassen sich, einzeln betrachtet, recht gut beschreiben. Aber auch sie sind nur Modellvor­stellungen, Punkte und Teile eines Bildes, das erst aus der Entfernung und in uns selbst zu einem Ganzen wird.

Und etwas anderes entgeht dem Leser bei der Fokussie­rung: dass all diese Gefühle und Instanzen zu gleicher Zeit, gemeinsam und gegensätzlich anwesend und tätig sind. We­sentliches Merkmal der Auto­nomie ist es, Gefühle auseinan­derhalten zu können und auch differenziert zu erleben. Und ein wesentliches Merkmal von Suchtkranken ist es, dass sie ge­nau das nicht im erforderlichen Maße können1*; wir halten das nicht nur für ein Zeichen von Entwicklungsdefiziten, son­dern auch für eine Folge der chronischen Vergiftung des Gehirns, des Gewissens, der Seele.
Suchtkranke erleben vor ih­rem Tiefpunkt ein ständiges ekelhaftes Unbehagen, eine undifferenzierbare Mischung der genannten Gefühle, dem zu entrinnen nur drei Möglich­keiten gegeben sind: Trinken als vermeintliche Hilfe, Selbst­mord oder Abstinenz. Wenn Autonomie in hohem Maße Identität – Ganzheit – bedeutet, und um was sonst bemühen wir uns im Leben bis zum Tode, ist der schleichende Verlust dieser Autonomie gleichzusetzen mit einer Erosion eben dieser Iden­tität und in letzter Konsequenz mit dem geistig-seelischen und körperlichen Tod.

Der Anfang

Die Genesung des Klaus A., der mühsame Aufbau seiner Auto­nomie, beginnt zunächst mit deren genauem Gegenteil: in einer geschlossenen psychiatri­schen Abteilung.

Ich lag weinend im Bett. Mir gegenüber saß die diensthaben­de Ärztin. Sie fragte: „Gibt es et­was, was ich für Sie tun kann?“ Ich hörte mich sagen: „Wenn Sie meine Hand halten könnten, bis ich eingeschlafen bin.“ Und sie antwortete: „Sie wissen, dass ich das nicht kann, aber wir werden jede Stunde nach Ihnen sehen und Sie aufwecken, damit Sie merken, dass Sie noch da sind.“ Besonders, wenn die Nacht kam, brauchte ich noch lange nach dem Beginn mei­ner Abstinenz die Versicherung, geborgen zu sein. Ich fand es nach dieser Zeit wichtig, den diensthabenden Therapeuten darum zu bitten, nach mir zu sehen, bevor er schlafen ging.

Das Erleben der Abhängig­keit von Menschen im Gegen­satz zur Droge, die für eine kurze Weile sogar totale Ab­hängigkeit von Menschen in der Regression ist, ist wohl eine sehr wichtige Vorausset­zung für die Genesung. Sucht­kranke haben auch den Be­griff der Freiheit über Jahre und Jahrzehnte missdeutet und missbraucht. Die Freiheit, im Bewusstsein der Abhängigkeit zu leben, bedarf der Fähigkeit, über sich in einem autonomen Maß zu verfügen.

An wen oder was sollte ich nun glauben? Meine Familie besuchte mich, aber allen stand der Schrecken im Gesicht ge­schrieben, und wir hatten uns nicht viel zu sagen. Ich hatte überhaupt nicht viel zu sagen. In den ersten Tagen weinte ich viel, was mir besonders auf dem Gang und im Schwestern­zimmer sehr peinlich war und gleichzeitig egal. Ich sollte in eine Suchtklinik verlegt werden und fügte mich, ich wollte nur weg, egal, wohin. Ich spürte aber auch, dass da Menschen waren, die mich ruhig und vor­behaltlos besuchen kamen: Zu meiner großen Verwunderung boten sich gleich drei an, mich fast 600 Kilometer mit dem Auto in die Klinik zu bringen, einfach so, was ich bis dahin im Leben nicht getan hätte, für wen auch?
Am Tag vor der Abreise fuhr mich ein Bekannter nach Hause, damit ich meine Sachen holen konnte. Wir hatten ausgemacht, dass Karla nicht zu Hause sein sollte, mein erwachsener Sohn war wohl da, so recht erinne­re ich das nicht mehr. Ich war ganz ruhig, draußen war es sehr warm, die Sonne schien, es war ein Frühsommermorgen in der Großstadt. Als wir etwa einen Kilometer vor unserer Wohnung waren, heulte ich wie selten in meinem Leben: Ich fühlte mich heimatlos und sehr allein. Das Krankenhaus war keine Heimat, die Wohnung war keine Heimat, die Suchtkli­nik würde keine sein.

Es hilft nicht, dieses Erleben einfach nur mit einem Begriff wie „Depression“ oder auch ,,Regression“ zu belegen. Dia­gnosen und Schlagworte ver­hindern Beziehungen, die, wie Klaus erleben musste, uns doch am Leben erhalten. Wenn Au­tonomie eine Beziehungsaufgabe ist*, darf auch geschrie­ben werden: Suchtkrankentherapie ist eine Beziehungs­aufgabe. Jede Therapie ist eine – was sonst?
Ein alter Konflikt entsteht zwischen Patienten und The­rapeuten bei der Einschätzung der Zeit, die für die Genesung benötigt wird. Abhängige und Angehörige, die viele Jahre nur auf die Abstinenz gestarrt haben, übersehen, dass Sucht­kranke Meister in schnellen Lösungen sind, Lösungen, die sich bei näherem Hinsehen als gutgemeinte Phantasieproduk­te erweisen. Das liegt neben der Sucht eben an der Drogenwir­kung selbst, die so etwas ja vor­spiegelt. Und fairerweise muss gesagt werden, daß Therapien mit einem vorgegebenen zeitli­chen Rahmen solche Phantasi­en unterstützen können.
Wie schnell ist jemand, der Jahre und Jahrzehnte vergiftet war, davon frei? Wann ist er, wie ich in der Gruppe jeman­den sagen hörte, “… ein alkoho­lunabhängiger Alkoholiker …“ ?

Die Zeit

In den ersten Wochen meiner Therapie muss ich Karla wahn­sinnig gemacht haben. In der Regel verkündete ich in der Wochenmitte, ich käme zum Wochenende für immer nach Hause; und das, als ich noch in einem Zustand war, dass ich mich kaum aus dem Hause traute und Angst vor persönli­chen Ansprachen in der Grup­pe hatte. Meine wirkliche Phan­tasie war aber: ich würde am Bahnhof mit einem Glas Bier in der Hand stehen, und wenn ich mir das ausmalte, packte mich ein tiefer Schrecken, dass das Schlimme, was ich in den letz­ten Wochen erlebt hatte, dann wieder von vorne beginnen würde, und das wollte ich auf keinen Fall. Beim Lösen von Kreuzworträtseln, beim Spie­len mit dem Schachcomputer, beim Zusammenrechnen der Telefoneinheiten spürte ich, dass mit meinem Kopf etwas nicht in Ordnung war: ich konnte mich kaum konzentrieren, und bestimmte Schachregeln hatte ich vergessen.
Die schlimmste Zeit war die halben Genesung, ich konnte zwar wieder rumlaufen, Skat spielen, fernsehen, in der Gruppe die unsicheren Neuen von oben herab betrachten, aber mehr nicht – es ging auch nicht merkbar voran.

Es entspricht dem Angehöri­genverhalten unseres Denkens, wenn wir jedem Neurotiker eine Psychotherapie von ei­nigen Jahren zubilligen, den Suchtkranken aber nur an der Abstinenz messen. Es dient wohl der Abwehr von Schuld- und Schamgefühl, dass wir Sucht zwar theoretisch in der Schwere mit einer Krebser­krankung vergleichen – in der Sterbe- und Besserungsrate zum Beispiel –, diesen Ver­gleich aber nur in Sonntags­reden gebrauchen, nicht im gelebten Alltag. Aber auch die Abhängigen machen da mit.

Mein vordringlichstes Ziel war es, wieder normal zu wer­den, und es dauerte deutlich über ein Jahr, bis ich begriff, dass ich gar nicht wusste, was „normal“ für mich war – ich hatte keine Ahnung von einem Leben mit einer verbindlichen Entscheidung gegen den Alko­hol, wie immer die auch ausse­hen sollte. „Normal“ – das war irgendwas aus meiner Jugend, irgendwas aus dem Fernsehen, Friede in der Ehe und am Ar­beitsplatz. Und im Grunde das genaue Gegenteil von dem, was ich in den ersten Monaten mei­ner Trockenheit erleben musste. Ich spürte: Lärm, Unruhe, inne­re Getriebenheit, Schlafstörun­gen, brennende Arme und Beine, Anfälle von Traurigkeit, Herzra­sen, Verdruss über die verdamm­ten Selbsthilfegruppen, Verdruss über die Menschen, die meine Sucht nicht glaubten, Verdruss über meine Familie, der ich mich so verpflichtet fühlte. Verdruss klingt nach Selbst­hass – und das war es wohl auch, aber auch etwas ande­res: Heute weiß ich, dass ich sehr überfordert war und mich selbst überforderte, um alles wiedergutzumachen – ich hätte einfach mehr Zeit in Ruhe ge­braucht.

Ein Leben ohne Drogen und Autonomie, auf der Suche nach der Identität, nennen wir doch wohl eine Lebenskrise. Mit der Zeit wird alles entlarvt, alles deutlich, alles spürbar. Der Ge­winn besteht in der Abstinenz, in der zunehmenden Sicherheit im Alltag und besonders darin, dass mit der Zeit ein eigenes, nüchternes Wertesystem ent­steht, in dem die Suchtkranken wieder selbst urteilen und dif­ferenzieren können. Das aber dauert in der Regel zwei bis drei Jahre.

Ich frage: In welchem The­rapieprogramm wird deutlich gemacht, dass das erste absti­nente Jahr nur schwer auszu­halten ist?

Die Beziehungen Suchtkranke und Therapeuten stellen sich also einer Bezie­hungsaufgabe, und es ist oft seltsam, woran die Therapeu­ten bei dieser gemeinsamen Arbeit gemessen werden: an der
Ehrlichkeit, an der Elternfunk­tion, an der Stabilität und an der Erfahrung mit Sucht oder an der Ausbildung? Orientie­rungslose, die eher unfreiwillig den Wunsch nach Abstinenz formulieren, suchen eine Ori­entierung, die Angehörigen sind ebenso unsicher.
In dieser Situation der trau­rigen Verstimmung, des Neu­beginns, der Unsicherheit und Verwirrung ist es doch ein­sehbar, daß Suchtkranke sich zunächst einmal zurückziehen, von allem und aus allem. Das schnelle Angebot eines soge­nannten normalen Lebens ohne Alkohol ist zu diesem Zeit­punkt ebenso realitätsfern wie die „Jetzt-wird-alles-gut-Men­talität“ mancher Familienmit­glieder und Mitarbeiter. Ein verständlicher Wunsch wird in der neuen Abstinenz wach: al­leine lebensfähig zu sein ohne die Droge. Ganz zart spüren auch ausgebuffte Süchtige, dass sie, wenn sie es mit der Abstinenz ernst meinen, wirklich allein bei sich beginnen müssen: Und so fängt die Beziehungsfähig­keit mit dem Aushalten von Einsamkeit an, kann die äußere Autonomie erst gelebt werden, wenn die innere trägt.

Ich weine, als der Pater das Zimmer betritt: „Pater, ich bin so allein“, und er antwortet: Ja, mein Sohn, so ist das – wir sind alle allein vor Gott.“ Um das zu erfahren, musste ich 30 Jahre trinken und 49 alt werden. Ich kannte nur von Beziehungen: klammernde und verschlin­gende oder distanzierte, auch wenn ich mich – Nähe vor­täuschend – freundlich stellte. Ich meine heute, dass ich wenige Menschen – immerhin – lieben konnte, ich hatte aber völ­lig übersehen, dass ich zu mir selbst überhaupt keine Bezie­hung hatte: ich nahm und ver­brauchte mich. So kann man nicht nur trinken, sondern auch Karriere machen.

Das Problem besteht dar­in, dass nur der wirklich allein leben kann, der tragfähige Beziehungen hat, und genau davon fühlen sich Suchtkran­ke im Tiefpunkt abgeschnitten. Ob bei einer ärztlichen Visite, einem Einzelgespräch oder in einer Therapiegruppe – es wird eine Beziehung aufgenommen und von beiden Seiten gestaltet. Die Beziehungen der Sucht­kranken sind geprägt von Unsi­cherheit und Misstrauen, Schuld- und Schamgefühlen, Angst und Traurigkeit.

Klaus schreibt:

Als es mir sehr schlecht ging und ich gar nicht mehr weiter­wusste, gab mir mein Therapeut, der mir sehr betroffen schien, einen Briefumschlag mit den Worten: „Ich möchte Ihnen einen Tröster geben, wenn Sie gar nicht mehr weiterkönnen, machen Sie den Umschlag auf.“ Es dauerte noch einige Tage, ich hatte diesen Moment immer weiter hinausgezögert; dann saß ich auf der Bettkante und öffnete unter Tränen den Brief. Es war eine Kopie der Begeben­heit von den „Spuren im Sand“, der alten Christophorus-Le­gende. Und wieder – wie bei der Begegnung mit dem Pries­ter – wurde ich im Moment der Not auf Gott verwiesen, wurde mir die Frage nach der Sinn­haftigkeit meines Unglücks gestellt und im Grunde nach­gefragt, ob ich wirklich bereit sei, die Verantwortlichkeit für mein Leiden zu übernehmen. Das ist ja etwas völlig anderes, als alles Scheiße zu finden und zu trinken.

Die banale Erkenntnis für die Patienten ist: Therapeuten und Eltern sind auch Menschen; mit Trinken aufhören müssen sie allein, und aushalten müssen sie das Ganze auch allein, wie eben jede andere Krankheit auch. Diese Wirklichkeit ist schmerzhaft, und erst dahinter wird die Wärme neuer Bezie­hungsformen spürbar.
Auf der Gratwanderung zwi­schen Einlassen und Abgren­zen ist der Mensch, der die Therapie verantwortet, täglich gefordert, identisch zu sein und darin ein Vorbild für die Suchenden. Wie diese Identität (vor)gelebt wird, ist letztlich egal – ein Abstinenzanspruch muss allerdings dahinterstehen. Der Trost, dass Genesung lan­ge dauert, vorbildhafte – nicht vorbildliche – Beziehungen und die stete Frage nach dem Sinn machen die Autonomie dann möglich.

Glauben

Es gibt ein Ausmaß des Elends, in dem die Hoffnung sehr klein wird und jeder Glaube schwin­det. Suchtkranke glauben ja zunächst einmal bedingungs­los nur der Wirkung ihrer Dro­ge, bis sich – und das kann der Moment des Todes sein – die­se Lebenslüge selbst entlarvt. Spittler* nennt Alkoholismus eine ,,Glaubenskrankheit“, die sich in der Praxis leicht be­weisen lässt, wenn rückfällige Patienten auf die Frage, warum sie wieder getrunken haben, antworten: „Weil ich nicht ge­glaubt habe, dass ich Alkoholi­ker bin.“
Es geht aber um mehr: Um „die Verwirklichung eines neu­en Lebens ohne Alkohol durch den Patienten“ *, und das – fährt Spittler fort –, „ … kann … sich nur dann … ereignen, wenn es zuvor im gemeinsamen Glau­ben von Arzt und Patient kon­zipiert wurde“. Er spricht von einem Glaubensakt und nennt Glauben eine schöpferische „gegenwärtige Lebensform, die auf die Zukunft weist“.

Die Unfähigkeit, zu glauben, geht bei den meisten Patienten sehr weit und mag – wie bei anderen Aspekten ihrer Sucht auch – den Hintergrund sowohl in einer Entwicklungsstörung haben, als auch sekundäre Folge der vielen gebrochenen Versprechungen, der Lügen, also Gewissensvergewaltigun­gen, auf dem Krankheitsweg sein. Diese Glaubenskrankheit beeinträchtigt alle Bereiche des Lebens, vom Wahn der körper­lichen Unverwundbarkeit unter Alkoholeinfluß bis zur Gott- und Liebelosigkeit.
Spittler nimmt den „Glauben im religiösen Sinn“ aus seinen Überlegungen heraus, ich folge hier aber Viktor Frankl*, der eine „zutiefst personalisierte Religiosität“ anspricht: aus der heraus jeder zu seiner persön­lichen, seiner eigenen, seiner ureigensten Sprache finden wird, „wenn er sich an Gott wendet.“ Und diese Sprache findet der Alkoholkranke zu­nächst einmal nicht. Zumindest war es bei Klaus so:

Ich habe in meiner Not vie­le Gebete gestammelt, mit und ohne Tränen; meistens gab mir das keinen Trost, weil ich da­mals noch nicht sehen konnte, was alles schon für mich berei­tet war. Eine große und konkre­te Hilfe war ein junger Pfarrer, der ehrlich auf mein Gestam­mel antwortete: „Ich weiß zwar nicht so ganz, was Sie meinen, Herr A., aber – wenn Sie möch­ten – kann ich Ihnen das Abend­mahl geben.“ Der plötzliche Gedanke, dass eine Macht, grö­ßer als ich selbst, mir verzeihen konnte, da ich es nicht konnte und nicht wusste, wer mir je verzeihen würde, war der erste wirkliche Trost. Dass Menschen mir je wieder glauben würden, habe ich gehofft, aber dass ich mir selbst glauben könnte, war kaum vorstellbar.

Der neue Glaube beginnt schlicht und klein, eher dort, wo die Patienten glauben ler­nen, dass eine Krankenschwes­ter es gut mit ihnen meint und nicht einfach ihre Arbeit macht. Und: ein Alkoholiker wird so lange trinken, bis er glauben kann – auch wenn er es schon lange müsste – dass sein Un­glück vom Trinken kommt.

Klaus schreibt:

Ich wurde mit dem Leiter der Suchtklinik verbunden, und es war seine Stimme, die Art, wie er einlud zu kommen, die mich ein ganz klein wenig hoffen ließ. Und ich begann zu glauben,
dass die dort ihre Arbeit schon verstehen würden. Der Glaube als das „schöpfe­rische Gegenteil von Wissen“ * kommt erst sehr viel später und hat einen direkten Bezug zu der wachsenden Autonomie.

Die Autonomie

In der Zeit der gemeinsamen Arbeit sind wir uns nahege­kommen. Klaus A. hat einen gleichwertigen Anteil an dieser Arbeit. Die Antwort auf mei­ne Frage, warum er nicht als Ko-Autor zeichnet, ist einfach: Er wollte nicht. So habe ich ihn gebeten, den Schlussabsatz zu schreiben, und das hat er getan:

Eben bin ich von der Arbeit gekommen und habe Tee ge­trunken. Wir haben im Moment viel zu tun, und ich würde ger­ne beides: meine ganze Kraft zu Hause und bei der Arbeit einsetzen. Aber ich habe müh­sam gelernt, dass ich mit den Kräften, dem Geld und man­chem mehr, haushalten muss.
In dieser Arbeit war oft die Rede von Gefühlen. Zu den Grundgefühlen Angst, Trauer und Wut gehört als viertes die Freude. Sie ist zu kurz gekom­men, weil es sie kaum gab oder ich sie, wenn es sie gab, nicht spüren konnte: zum Beispiel bei einem Scherz meiner Mit­patienten oder wenn mir etwas im Beruf gelang.
Ich habe ja zu Anfang dieses Berichtes beschrieben, dass ich wieder fühlen kann, in der Oper zum Beispiel Freude und Traurigkeit zugleich. Von Zeit zu Zeit schäme ich mich noch sehr, diese Scham wird sorg­fältig in einem Kästchen ver­borgen, das mit Samt ausge­schlagen ist.
Das hervorragende Gefühl ist Dankbarkeit und die Freude, dass ich lebe und die Trinkwün­sche deutlich nachgelassen ha­ben. Meine Beziehungen haben sich sehr verändert, ich kenne fast nur noch Menschen, die Alkohol und Medikamenten kri­tisch gegenüberstehen und un­befangen Kaffee und Kuchenzu sich nehmen können, ohne gleich nach einem Kognak oder Bier zu schreien. Hier gestehe ich, dass ich nie im Leben ge­dacht hätte, dass ich so lange ohne Alkohol überleben kann, und es wird von Tag zu Tag besser.
Oft habe ich immer noch zwei, wenn nicht mehrere See­len in meiner Brust: Eine da­von möchte gern normal sein inmitten dieser trinkenden Gesellschaft, die andere spürt, wie nahe mir der Alkohol im­mer ist, so dass ich erschrecke und die dritte spürt die Stabi­lität und zufriedene Nüchtern­heit. So wird es wohl noch lan­ge bleiben.
Salloch-Vogel hat nichts über Selbsthilfegruppen ge­schrieben, da hat er einen Feh­ler gemacht. Er meinte, das wisse doch jeder, wie wichtig die Gruppenarbeit für die Au­tonomie sei, und genau das zweifle ich an.
Allein der Weg in meine Gruppe zeigt mir wieder, dass ich Alkoholiker bin und nicht trinken kann, nur deshalb muss ich dahin. Als ich zum ersten Mal in meine Gruppe ging, war über die Hälfte der Mitglieder schon da, und sie sind es heute noch. Ich weiß, dass es Thera­peuten gibt, die von Autonomie sprechen, wenn ein Alkoholi­ker keine Gruppe mehr braucht und wieder „normal“ lebt, was immer das sein mag.
Ich habe 30 Jahre getrunken, mich belogen, gehofft und wie­der gelogen; ich habe derart auf mir herumgetrampelt, dass ich mich wundere, dass ich am Leben bin. Und ein Leben wie dieses habe ich noch nie führen können; ich fühle mich frei und identisch, wenn ich mit ande­ren Suchtkranken über mich reden kann. Zum ersten Mal in meinem Leben scheue ich keine Ehrlichkeit, ich lege allerdings Wert darauf, mir die Menschen zu suchen, mit denen ich über meine Sucht spreche: Wer kann das für mich entscheiden?

*Literatur beim Verfasser über Trokkenpresse