Abstinenz und Sinnfindung

Die aktuelle TrokkenPresse ist erschienen!

Wenn der einstige „Sinn“ des Lebens, das Trinken, wegfällt … wie und wo findet der trockene Alkoholiker einen neuen Sinn im Leben? Überhaupt DEN Sinn?
In dem 2. Teil zu diesem Thema geht es darum: Welche Fragen stellt das Leben an mich? Dr. Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel, langjähriger Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen am Jüdischen Krankenhaus Berlin – und selbst abstinenter Alkoholiker, erzählt uns SEINE Sinn-Findung (zur Leseprobe).

Viele weitere Beiträge erwarten Sie. Zum Beispiel:
Immer mehr Süchtige – aber immer weniger Patienten in den Entwöhnungskliniken. Weshalb? Dazu die Rentenversicherung Bund und Chefarzt Dr. D. Tabatabai von der Spittler-Klinik. Außerdem berichten wir von aktuellen Geschehnissen (z.B. Suchtselbsthilfetag in Potsdam), von Menschen und ihren Erfahrungen (z.B. erzählt eine Co-Alkoholikerin von sich). Außerdem geht es ums Trockenrocken in Leipzig, ambulante Entwöhnung, und ja,  auch um Gänseblümchen ;-).
(Zum Inhalt)


Und die weniger gute Nachricht:

PREISERHÖHUNG!

Nach 16 Jahren stabilen Verkaufspreises (1 Euro) bleibt Ihnen und uns jetzt eine notwendige Preiserhöhung doch nicht erspart.
Wir haben lange Zeit mit der Entscheidung gerungen. Aber ständig wachsende Produktionskosten, zum Beispiel Büromiete, Heizkosten, gerade auch Druck- und Versandkosten, halten sich auch von uns nicht fern.

Wir bitten Sie deshalb um Verständnis dafür, dass wir den Einzelverkaufspreis um 50 Cent anheben müssen. Das gilt ab der Juni-Ausgabe. Der Neu-Abo-Preis erhöht sich damit auf 9,00 Euro. Für die jetzigen Abonnenten gilt bis Jahresende noch der alte Preis.

Wir hoffen sehr, dass Sie uns dennoch weiter treu bleiben können, wollen und werden und Ihnen die TrokkenPresse auch 1,50 Euro wert ist.

Ihr TrokkenPresse-Team


Unsere aktuellen Bücher:

wossidloneutitelAlles in Ordnung im Tempel?“

von Christian Wossidlo,
40 Anmerkungen nach 10 Jahren im Guttemplerorden in Berlin-Brandenburg.

Zum Inhalt des Buches und zur Leseprobe HIER.
Zum Bestellen hier !

 


Cover Stationen
„Stationen. Alkohol: Wege in die Sucht, Wege aus der Sucht“.

18 Betroffene schildern sehr lebendig ihre eigenen Erfahrungen mit der Alkoholkrankheit. 18 Betroffene, das sind 18 verschiedene Wege, „nass“ zu werden – und  „trocken zu“ werden und zu bleiben. Ebenso kommen Suchttherapeuten und Sozialarbeiter zu Wort.
Das Buch bietet einen Schatz an Erfahrungen, die jeder Abhängige oder Angehörige nutzen kann für den eigenen Weg. Und es schenkt  – und das ist das große Anliegen überhaupt: Hoffnung. Denn ja, es gibt ein Leben, ein gutes,  nach der  Trinkerei …
Lesen Sie HIER mehr …

 

 

Titelthema 1/18: Abstinenz und Sinnfindung

Viktor Frankl und die Wirkung seiner „Sinnfindung“ auf Suchtkranke

Vom Parkplatz im Regen ins Gehirn und von dort in die Seele

Von Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel *

Mittlerweile bin ich nun 78 Jahre alt geworden. Ich bin lange abstinent und gehe seit vielen Jahren in meine Selbsthilfegruppe. In den Jahren der Abstinenz musste ich nicht rückfällig werden, und oft wird auf diese Tatsache mit dem Satz geantwortet: „Da sind sie doch sicherlich stolz drauf.“ Nach all diesen Jahren des Trinkens und der Genesung ist „stolz“ keine Bezeichnung, für die ich mich noch interessieren würde.

Der Alkohol hatte mich, als ich mit dem Trinken aufhören konnte oder musste, derartig zugerichtet, dass ich völlig am Boden war und Angst, Panik, Scham und ein dauerhaft schlechtes Gewissen für Jahre mein Leben bestimmten, und ich deshalb sehr lange keine lobenden Beiworte mehr auf mich anwenden konnte und wollte. Ich hatte an meinem Schreibtisch einen Abschiedsbrief geschrieben und diesen noch einmal gelesen, als ich eine Stimme in meinem Kopf – wörtlich und klar – hörte: „Du musst sofort einen Psychiater anrufen, du willst dich umbringen.“ Bis heute nehme ich an, dass es entweder eine Seite von mir selbst war, die leben wollte oder mein Gott, der noch etwas mit mir vorhatte. Ich nahm den Telefonhörer in die Hand, es meldete sich der Oberarzt einer großen psychiatrischen Klinik, mit dem ich aus Weiterbildungen gut bekannt war, und meine Entwöhnung begann.

Von der damals diensthabenden Ärztin an bis zum heutigen Tag haben mir sehr viele Menschen auf die eine oder andere Art geholfen, besonders die, deren Zuneigung, manchmal Liebe, ich spüren konnte, und meine Schwestern und Brüder mit dem Programm meiner Selbsthilfegruppe. In der langen Zeit meiner Abstinenz habe ich einige Male auch therapeutische Hilfe in Anspruch genommen.

Es gab auch eine Reihe von Menschen, die mich bis heute immer noch am liebsten von hinten sehen, darunter ein weibliches Wesen, das laut und fest behauptete, ich sei überhaupt kein Alkoholiker und hätte mich nur in der Selbsthilfegruppe festgesetzt, um ein Buch zu schreiben. (Eine ganze Weile hat mich die Frage beschäftigt, wie ich mit einer solchen Aussage umgehen sollte, denn ich konnte und wollte ja nicht das Gegenteil dieser Behauptung beweisen.)

Trotzdem es mir viele abstinente Alkoholiker schon gesagt hatten, dauerte die Zeit, bis ich zufriedener wurde, eine Frau kennenlernte, mit der ich bis heute sehr gerne zusammenlebe, und bis ich gut arbeitsfähig wurde, etwa 3-5 Jahre, auch wenn ich aus der Wissenschaft wusste, dass die Abstinenzrate nach zwei Jahren Trockenheit und bei regelmäßigem Gruppenbesuch zuverlässig anstieg.

Bis auf den heutigen Tag nehme ich von Zeit zu Zeit bis heute bestimmte Ereignisse wahr, die ich schmunzelnd als Wunder bezeichne, wie zum Beispiel Folgendes: Ich kam etwa acht Monate nach Abstinenzbeginn an einem Nachmittag müde und verwirrt von der Arbeit aus dem Krankenhaus, als ich eine Buchhandlung bemerkte, die ich meinte, noch nie gesehen zu haben, als es zu regnen begann und ich eine trockene Stelle suchte. Vor mir stand in einer Reihe von Taschenbüchern ein schmales Taschenbuch, das mich durch ein großes Bild des Eingangstores vom Konzentrationslager Auschwitz anzog, mit dem Titel „… trotzdem ja zum Leben sagen/Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Mich hatte dieses Thema immer schon mit Scham erfüllt und interessiert, darüber hinaus war ich schon viele Jahre am Jüdischen Krankenhaus in Berlin tätig. Mich ekelte, seit ich denken und fühlen konnte, die Tatsache, dass eine deutsche Ärztekammer dem Autor Viktor Frankl den Titel Arzt aberkannte (etwa um 1936) und er sich „Jüdischer Krankenbehandler“, wie alle jüdischen Ärzte, nennen musste. Trotz meiner internistischen und psychiatrischen Ausbildung und auch langjährigen psychotherapeutischen Erfahrungen stellte sich mir immer wieder die Frage, wie Menschen sich in Tiere verwandeln können, und dann wieder zurück in Menschen, um zu Hause mit den Kindern Weihnachten zu feiern, wie die Mörder in den KZ es in der Regel machten.

Ich blätterte in dem Buch, kaufte es, fuhr mit dem Auto auf den Parkplatz des Volksparks und las in vier Stunden das gesamte Buch.

Viktor Frankl hatte es sechs Monate nach Kriegsende geschrieben, ein Arzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien, der in vier verschiedenen Konzentrationslagern gewesen war und dessen gesamte Familie dort ausgerottet worden war. Aus meiner vermeintlichen Verzweiflung und Schwäche heraus suchte ich in den Monaten nach Beginn der Abstinenz immer wieder Menschen, die so etwas, was ich lächerlicherweise noch vor mir zu haben glaubte, schon hinter sich hatten, um daraus zu lernen, und nun fand ich mit einem Mal einen Bericht, der mein Leid bei weitem in den Schatten stellte und besonders mein Selbstmitleid ordnete und schrumpfen ließ.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beinhaltet die Frage nach der Bestimmung des Menschen und ist eng verbunden mit dem Vertrauen in mein Leben (Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Menschen oder eine göttliche Macht).

„Unter dem Sinn des Lebens kann die Bedeutung der individuell gegebenen Lebenszeit eines Menschen verstanden werden, wobei es vorteilhafter ist,… vom Sinn (nur) MEINES Lebens zu sprechen.“(Jörg Riemeyer, „Die Logotherapie Viktor Frankls und ihre Weiterentwicklungen“, Bern, 2007) Was für einen Menschen sinnvoll ist, muss es noch lange nicht für den anderen Menschen sein. Dennoch:

Der Mensch hat immer eine Sehnsucht nach seinem Sinn. Im engsten Sinn ist damit die „Deutung des Verhältnisses, in dem der Mensch zu seiner Welt steht“ gemeint, wenn ich also etwas Sinnvolles erlebe oder tue und damit zufrieden bin.

Wir Menschen haben einen unzerstörbaren, gesunden Kern, der geschützt ist von unseren Ich-Grenzen und den wir „das Selbst“ nennen. Das Selbst bezeichnet das subjektive Erleben des Menschen. Das „Ich“ hat die Funktion, unser Selbst zu schützen, indem es bestimmte Reize von außen oder Ansprüche von innen reguliert. Ein sinnvolles Leben stellt sich durch die „Lebenserfahrung“ her, also durch unsere Vorbilder, durch Üben, aber auch durch schreckliche Erfahrungen oder durch die Erfahrung ehrlicher Liebe. Die Liebe und die Nächstenliebe spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die Fähigkeit, zu glauben, also etwas oder an etwas glauben zu können und zu wollen.

Wie sich unsere Ich-Grenzen entwickeln und stabilisieren, lernen wir in der Regel im Elternhaus. (Im ersten Lebensjahr besonders beim Stillen durch die Mutter oder bei Menschen, die uns liebevoll/in Liebe über einen längeren Zeitraum „als Ersatz“ zur Verfügung stehen.) Mit und von diesen Vorbildern lernen wir, wenn wir gesund aufwachsen, innerlich frei (autonom) ein selbstbestimmtes Leben zu führen und uns einen Lebensweg zu wählen, den wir als sinnvoll erachten.

Sinnvoll erscheint uns ein Leben auch dann, wenn es so weitgehend wie möglich meiner (idealen) Wertvorstellung entspricht, und wenn mein Gewissen „Ja“ zu meinem Handeln und Leben sagt. Und ich als Folge zufrieden bin.

Wert und Bedeutung eines Vorganges oder einer Sache erhalten ihren Sinn durch geistige Vorgänge wie das Lesen, Verstehen, Interpretieren und Bewerten (Beispiel: Wie fühle ich mich, wenn ich geliebt werde?).

Wir spüren also das Sinnvolle auch: Wenn etwas einen Sinn hat und es für uns spürbar ist, sind wir zufrieden.

Der Begriff Sinnfindung ist neben anderen Menschen von Viktor Frankl erarbeitet worden, der sich damit bereits Mitte der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts beschäftigt hat.

Frankl war ein – wie ich meine, gut aussehender – eher kleiner Mann, Bergsteiger, Neurologe und Psychiater – klug, zäh und fit also, der sich Gedanken über die Sinnfindung im Rahmen seiner täglichen Arbeit an der Universitätsklinik Wien mit seelisch Kranken, besonders mit jugendlichen Selbstmördern oder Studenten, aber auch in Vorträgen und schriftlichen Arbeiten machte. 1942 kam er mit seiner Ehefrau, mit der er 18 Monate verheiratet war, und seinen Eltern in das KZ Theresienstadt und von dort nach Auschwitz-Birkenau, weil er Jude war. Nach seiner Entlassung konnte er dann 1946 das genannte Buch schreiben, das ich nun 1991 in Händen hielt.

„Dieses Buch will nicht Mitleid erregen oder Anklage erheben“, schreibt Riemeyer, „es kommt Frankl vor allem darauf an, zu beschreiben, durch welche Phasen der Entmenschlichung die KZ-Häftlinge gehen mussten, und wie es doch einigen von ihnen möglich war, innerlich zu vollbringen, ,trotzdem ja zum Leben (zu) sagen‘.“

An diesem schrecklichen und Menschen verachtenden Ort, in einer Atmosphäre, in der sozusagen stündlich die Möglichkeit bestand, das Leben zu verlieren, verzweifelten sehr viele Menschen und empfanden alles – ja das ganze Leben – als sinnlos, was es ohne jeden Zweifel im Konzentrationslager auch war. Frankl hatte, wie wohl jeder Mensch, eine sehr große Sehnsucht, seine Familie wiederzusehen, und so bemühte er sich, wie er sagt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um am Leben zu bleiben. Er begann, über die Sinnlosigkeit, die alle Menschen in seiner Umgebung beklagten, genauer nachzudenken und kam zu dem Schluss, dass das Leben ganz allgemein niemals sinnlos sein kann, auch wenn wir selbst durchaus in eine Situation geraten können, die uns als sinnlos erscheint. Z.B. durch eine Sucht in einem fortgeschrittenen Stadium oder ständige Folterungen und Todesgefahr, so dass sich unsere Ich-Grenzen aufzulösen beginnen und das Selbst unmittelbar in Gefahr gerät. (Genau das wollen Folterer erreichen! Siehe „Spiegel“ 15/2016.)

Frankl fasste den Entschluss, auch in diesem tödlichen Umfeld für sich und sein Leben Verantwortung zu übernehmen. Er formulierte das so:

„… was hier Not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: wir müssen lernen …, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

Zünftig philosophisch gesprochen könnte man sagen, dass es hier also um eine Art … Wende in das komplette Gegenteil geht, so zwar, dass wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern dass wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt. Fragen, die wir zu beantworten haben, egal ob wir nicht entweder trinken oder Drogen oder Glücksspiele nehmen, auch nicht, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, eine bzw. die rechte Antwort geben. Leben (und in diesem Fall abstinentes Leben, sv) heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung zu tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderungen der Stunde.“

Es scheint also für jede/n in einer Therapie darum zu gehen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen hier das Leben stellt, die Verantwortung zu tragen.

Da saß ich nun und vergaß diese Sätze bis zum heutigen Tag nicht mehr. Die Wende in das komplette Gegenteil nannte Frankl die Tatsache: „… dass wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt. Fragen, die wir zu beantworten haben …“ Und es gäbe eben nur die „rechte Antwort“ durch „ein Handeln, ein richtiges Verhalten“. Wie könnte jemand seine/ihre „rechte“ Antwort finden?

Es hat sich nun langsam herumgesprochen, dass dieser Vorgang Sinnfindung Zeit braucht: durch Lebenserfahrung, die wir im Umgang mit einzelnen Menschen oder in einer Gruppe ebenso wie bei der Arbeit finden können. Ich will das Ergebnis einer „rechten“ Antwort vorwegnehmen.

Ich habe in der salus Klinik in Hürth lange mit suchtkranken Menschen über die Sinnfindung zu sprechen versucht, und in der Regel bekam ich in den 90 Minuten von jedem irgendein Echo, wir sprachen miteinander und stritten auch. Oft wurde ich gefragt, was das Ganze denn solle und warum ich darüber sprechen wolle. Ich wurde nach meiner Geschichte gefragt, räumte dafür auch die Zeit ein, und logischerweise fiel gegen Ende das Wort „Gott“. Da passierte es schon mal öfter, dass im besonderen Drogenabhängige aufsprangen und mir mitteilten, für einen solchen Unsinn seien sie nicht in die Therapie gekommen. Das ging, je nach meiner Tagesform und wie ich mit der Ansprache umging, gelassen und höflich vor sich.

Aber einmal war ich nicht gut in Form, reagierte gereizt auf einen Angriff und antwortete: „Jetzt will ich Ihnen einmal zeigen, was bei dieser Therapie für Suchtkranke herauskommen soll!
Beginnen Sie den Tag mit einer Besinnung, egal ob religiös oder nachdenklich oder meditierend. Dann nehmen Sie sich für den Tag etwas vor, das sie auch leisten können, und vor allem hören Sie auf, zu lügen. Versuchen Sie den ganzen Tag bei ihrer persönlichen Wahrheit zu bleiben und benennen Sie Vorgänge oder Begriffe, so ehrlich sie können, mit dem rechten Namen: zum Beispiel „Nikotinsucht“, „ich kann heute nicht, weil ich kaum geschlafen habe und mich so schwach fühle“, „ich habe Heimweh …“, „ich habe solche Sehnsucht nach einem Menschen, der mir zärtlich begegnet und mich in den Arm nimmt …“

Davon ausgehend verhalten Sie sich bitte den gesamten Tag so, dass sie sich abends zufrieden in ihr Bett legen können.

Aus dem, was ich gesagt hatte, ergab sich:

Sinnfindung kann sich nur herstellen aus meiner persönlichen Ehrlichkeit, aus einer gewissen Demut, aus Ruhe und Erholung, aus Zärtlichkeit bzw. Liebe und dem Beginn eines Glaubens daran, aus Beziehungen und, dass es in meinem Leben vielleicht Sehnsüchte gibt, die über meinen Geist hinausgehen, vielleicht in eine „Welt“, die ich nicht verstehen kann.

Ich kann die Fragen des Lebens nicht beantworten und die Sinnhaftigkeit meines Lebens entdecken, wenn ich pro Tag 5 l Kaffee trinke, rauche (10-60 Zigaretten) und nicht verordnete Tabletten schlucke, und schon am zweiten Tag meiner Therapie die Partner/in meines Lebens finde.

Die Schwierigkeit dabei scheint zu sein, dass es meine Aufgabe sein möge, die Verantwortung für etwas zu tragen, was ich teilweise noch gar nicht verstehen kann, und vielleicht habe ich auch Angst vor dem Ergebnis (es gibt Gruppen und in ihnen Regeln, um das zu lernen, und es gibt für Suchtkranke abstinenzorientierte – darauf müssen Sie achten! – Psychotherapeutische Einzeltherapien).

Der Anfang einer Abstinenztherapie ist auch deshalb so mühsam, weil ich die Inhalte nicht im Lotto gewinnen kann, sondern täglich bereit sein muss, die Verantwortung für Fragen zu übernehmen, die das Leben oder auch vielleicht ein persönlicher Gott uns stellen. Und das unter abstinenten Bedingungen.

Die geistige Grundlage unseres Lebens ist das Grundvertrauen bzw. Lebensvertrauen, und ich habe noch keinen manifest Süchtigen – mich eingeschlossen – erlebt, der so etwas bei Beginn seiner Suchttherapie hatte.

Ich werde mir also Zeit nehmen müssen, um vieles wieder zu erwerben, und dabei gibt es durchaus Hilfen für Sie: Es gibt nämlich zwei „Thermometer“ für das Ausmaß der Sinnhaftigkeit in meinem Leben, das eine ist unser Gewissen und das zweite ist der Grad unserer Zufriedenheit.

Diese Hilfen und weitere „Thermometer“ finden Sie in der folgenden Arbeit (Teil 2 in der nächsten Ausgabe, d.Red.).

Außerdem bitte ich Sie um Gedanken und Kommentare, Fragen, auch Unsicherheiten, Unklarheiten zu diesem Text. Ich würde das gerne im zweiten Teil „ausbügeln“ und beim Verständnis helfen. Schreiben Sie also bitte bis zum 5. März an die TrokkenPresse, Crellestr. 42 a, 10827 Berlin, info.trokkenpresse@pbam.de.

Ich ende heute mit einem Gedicht von Hermann Hesse und freundlichen Grüßen,

Ihr Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

 

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

 

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Herrmann Hesse

 

*Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel ist Dr. med., Arzt und Psychotherapeut – und abstinenter Alkoholiker. Jahrelang arbeitete er als Chefarzt der Abteilung für Abhängigkeitskranke am Jüdischen Krankenhaus Berlin. In der TrokkenPresse schrieb er regelmäßig über seine Erfahrungen – und seine Kolumnen als Rolf Zweifel waren nicht nur beliebt, sondern wurden auch in seinem Buch „Im Zweifel ohne“ veröffentlicht (TrokkenPresse Verlag).

Titelthema 6/17: Sexualität und Sucht

Sexualität und Sucht

Ein Tabubruch

Von Dr. Andreas Dieckmann

Über die wichtigen Dinge im Leben redet man nicht: Einkommen, Wahlen, Glauben und – natürlich – Sexualität. Dabei sind das spannende Themen des Lebens. Dagegen ist der Austausch über den ausgebliebenen Sommer ein Dauerthema. Wir sprechen nicht gern über Intimes. Auch in Therapien vermeiden Betroffene nicht selten das Thema ebenso wie deren Therapeuten. Vermutlich fürchten wir verletzliche Situationen.

Nur für Erwachsene

Ein Erlebnis mit einem alkoholkranken Patienten hat den Eindruck bestärkt: Im Zusammenhang mit der Frage der Rückfallvermeidung suchten die Teilnehmer an der Informationsstunde nach Alternativen zum Rückfall. Kontakt aufnehmen, in eine Gruppe gehen, sich ein gutes Buch nehmen und einige andere Vorschläge veranlassten einen der Betroffenen zu der Bemerkung: „Wenn ich so unter Druck stehe, dann suche ich nach etwas geil Entspannendem, nicht nach dem erwartbaren drögen Rat, ich solle mir Gedanken machen, was bei einem Rückfall am Ende herauskommt. Das weiß ich selber.“

Was denn „geil entspannend“ sein könnte, wurde erfragt. Es begann ein Kichern und Murmeln wie unter pubertierenden Jugendlichen unter den Anwesenden. Der Gruppenleiter sprach dann die Sexualität direkt an und es setzte eine Diskussion ein, dass man in solchen Situationen ja wohl nicht immer einen Partner oder eine Partnerin zur „Verfügung“ habe und „das Puff kann ich mir nicht leisten“. Im weiteren Verlauf deutete ein Teilnehmer sehr vorsichtig die Möglichkeit zur Selbstbefriedigung an. Wieder musste der Moderator den „Fall“ beim Namen nennen. Während der gesamten Therapie ließ der Teilnehmer nur wenige Gelegenheiten aus, um zu bemerken, der Doktor selber habe gesagt, er solle sich „einen herunterholen“, wenn er „Durst“ habe.

Damit sei angedeutet, wie kompliziert es für viele – besonders männliche Menschen – ist, über Sexualität in angemessener Weise zu reden. Es hat ja auch sein Gutes, den Hauch des Besonderen zu wahren. Wenn wir aber jetzt über das Thema Sucht und Sexualität sprechen, dann ist Offenheit erforderlich. Und der Schutz derer, die mit diesem Thema noch nichts anfangen können. Also Weiterlesen: Nur für Erwachsene!

Der Stoff regt an

Wer sich mit der Funktion süchtigen Verhaltens auseinandersetzt, der stößt sehr bald auf die Wirkungen des Suchtmittels bei längerem Gebrauch. Der gelegentliche Nutzer von bewusstseinsverändernden Genussmitteln schätzt die stimmungsaufhellende Wirkung als Bereicherung der Lebensqualität. Ein nicht süchtiger Mensch kann Drogen sogar für eine zeitlich begrenzte Ekstase, also einen Rausch, nutzen. Dieses Verhalten kennen wir bei ritualisierten Festen wie Karneval oder auch in mystischen Religionen. Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung schaffen es in religiösen Gemeinschaften sogar, auch ohne ein bewusstseinsveränderndes Mittel einzunehmen, sich über ihre Vorstellung der Nähe zu Gott in ekstatische Zustände zu bringen, aus denen sie nach der Zeremonie wieder „erwachen“. Ein glückseliges Erleben.

Manchmal beschreiben auch süchtige Menschen während ihrer aktiven Krankheitsphase ihre Erlebnisse in ähnlicher Weise. Manche Künstler haben ihre kreativen Phasen unter Einsatz von Substanzen, die das Erleben beeinflussen, optimieren können. Ich kenne aber auch einen ehemaligen Verkäufer von vielfältig nutzbaren Haushaltsgeräten, der mir berichtet hat, dass er in den ersten Jahren des Einsatzes von Alkohol mit seinen Verkaufsfähigkeiten über sich hinausgewachsen ist. Erst mit dem Einsatz der Entzugserscheinungen und der Unfähigkeit der selbstbestimmten Regulierung der Trinkmenge stellte er an seinem Umsatz fest, dass „die schöne Zeit vorbei“ war.

Befriedigung im Tran

Sehr viele Suchtkranke mussten aber die Erfahrung machen, dass angenehme Zeiten und Erlebnisse eng verbunden waren mit dem Rausch, anschließend indes als angenehme im Innern zu bewahrende Erlebnisse nicht mehr zur Verfügung standen. Sie müssen feststellen, dass wohltuendes Erleben überhaupt nur im Rausch möglich ist, hinterher aber nicht mehr für die nachhaltige Erinnerung als Befriedigungsmöglichkeit zur Verfügung steht. „Ich bin wie ein Sieb”, formulierte es einmal ein Betroffener. Deshalb, so meinte er, habe er stets im „Tran“ bleiben müssen, um sich einigermaßen wohl zu fühlen. Zuletzt ging es nur noch darum, Gefühle des Unwohlseins zu vermeiden – lange nicht mehr um Genuss.

Ein wesentliches Problem der Sucht ist der mehr oder weniger ausgeprägte Verlust der Genussfähigkeit, sollte sie denn zuvor bestanden haben. Genuss kann man vor allem in dem Wechsel von Spannung und Entspannung erfahren. Nehmen wir nun endlich die Sexualität als Beispiel: Sex ist wunderbar, wenn er sich langsam von der Freude darauf, über die flirtende Kontaktaufnahme und die allmähliche Annäherung mit zärtlicher Erotik zu einer Spannung aufbaut, die sich im günstigen Fall im gleichzeitigen Orgasmus entlädt. Anschließend kann es dann in den Armen des Partners zu dem wohligen Gefühl der Befriedigung, zärtlicher Berührung und sanftem Einschlafen kommen. War die Partnerin oder der Partner mit Bedacht gewählt, kommt nach dem süßen Schlaf statt der erschreckten Ernüchterung die wunderbare Erinnerung.

Die Lust versiegt in den Promille

Das ist ein Genuss, der sich anfänglich sogar mit Genussmitteln steigern lässt. Eine Nase Kokain soll die vielfache Stärke eines Orgasmusgefühls vermitteln. Längerfristiger Alkoholkonsum dagegen dämpft die sexuelle Lust auf Dauer. Das hängt mit einigen biologischen Faktoren zusammen. Insbesondere das im Limbischen System des Gehirns liegende Gebiet, in dem die angenehmen Empfindungen aus dem Körper zusammenfließen, wird durch viele Suchtstoffe „unempfindlich“ für Genüsse. Der unglückliche Begriff des „Belohnungssystems“ verschleiert die vielfältigen Genüsse, die etwa mit Erotik zusammenhängen, von den Schmetterlingen im Bauch über die anregende Wirkung von Blicken, die Zärtlichkeit, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und natürlich die differenzierten Gefühle der Sexualität bis zum Orgasmus.

Wenn chronischer Alkoholkonsum das Limbische System verändert hat, kann die Freude an der Sexualität, die Libido, sehr eingeschränkt werden. Man könnte vielleicht sagen, dass der Alkohol und andere Drogen die Sensibilität des Empfindens verringern. Es braucht stärkere Reize, um Wohlbefinden auszulösen. Im Genusstraining haben sich die Rehabilitanden über Düfte oder feine Geschmacksnuancen häufig lustig gemacht, weil sie die Unterschiede nicht wahrnehmen konnten. Die feinen Signale sind es aber auch bei der Sexualität, die die Bereitschaft und Vorfreude über das Limbische System bahnen.

In der Abstinenz das Genießen neu erlernen

Es gibt Potenzprobleme, unter denen Männer oft sehr leiden, wenn sie einen nicht geringen Teil ihres Selbstwerterlebens aus der Stärke ihres Glieds beziehen. Das muss aber nicht so bleiben, wenn sich Betroffene darüber klar sind, dass mit der Abstinenz auch das Genießen wieder erfahren und gelernt werden muss. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Genuss neu zu verstehen: Es gibt dann keine Dauerentlastung von unangenehmen Empfindungen, keinen giftigen „Dauerorgasmus“ mehr, sondern eher den Genuss aus den Gegensätzen: Nur wer das Gefühl des Hungers gespürt hat, kann den Genuss des Sattwerdens erleben. So paradox es klingt: Wer dauernd isst, wird nicht satt.

„Er steht wieder, jetzt fehlt nur noch `ne Frau“, sagte einmal ein Rehabilitand in der Klinik. Er lebt in der Erwartung, dass etwas passiert, auf ihn zukommt. Er hat nicht mehr das Gefühl der Selbstwirksamkeit, dass sich etwas ändert, wenn er etwas tut.

Die Funktionsfähigkeit des Limbischen Systems ist sehr komplex. Sie wird von biologischen und seelischen Komponenten beeinflusst. Deshalb lässt sich auch kein Zeitraum angeben, wann nach dem Abstinenzbeginn das Genießen wieder einigermaßen funktioniert. Die zur Sexualität gehörenden physiologischen Vorgänge unterliegen ohnehin noch vielen anderen Einflüssen des Körpers. Diesen ist man aber nicht völlig hilflos ausgesetzt, sondern kann sie positiv beeinflussen.

In partnerschaftlichen Beziehungen muss die Kommunikation über Sexualität nicht ausschließlich unter die Gürtellinie gehen. Vielleicht ist es ungewohnt, aber das Gespräch über die gegenseitigen (geheimen) Wunsche und Vorlieben kann Störungen des sexuellen Miteinanders auflösen oder mildern. Manche mögen auch den verbalen erotischen Austausch, andere Menschen bevorzugen „dirty speaking“, wieder andere belassen es bei Zärtlichkeiten und einigen sich über die Art und Weise des Beisammenseins.

Ja, es gibt auch potenzfördernde Medikamente, die viele Urologen den Männern rasch bei Erektionsproblemen verordnen. Solche Substanzen wirken dann häufig schnell, lösen aber das Problem nicht. Für Frauen gibt es ohnehin kaum ungefährliche Substanzen neben der Gabe von Hormonen. Das sind Lösungen, die auf Dauer nicht tragfähig bleiben. Zudem: Wollen wir wirklich Sexualität auf Abruf? Außerdem greifen die Nutzer solcher Möglichkeiten wieder in die Physiologie ihrer Sexualität ein und verhindern die Normalisierung des hormonellen Rhythmus.

Das sexuelle Sahnehäubchen musst du dir erspüren

In der nachsüchtigen Lebensgestaltung geht es auf vielen Gebieten eher um geduldige Aktivität. Die Zeit der passiven Wunscherfüllung ist dann vorbei. Die Hinwendung zur Realität umfasst auch die Akzeptanz der eigenen Empfindungen. Es gibt so viele Formen der Sexualität wie es Menschen gibt und keine Norm quantitativer Sexualität. Daher lohnt es sich, sich seiner eigenen sexuellen Orientierung, seiner Wünsche und Bedürfnisse bewusst zu werden. Wer mit wenig sexueller Aktivität zufrieden ist, lebt kein schlechteres Leben als jemand mit starken sexuellen Bedürfnissen.

Zum Wiedergewinnen sexueller Lust kann es gehören, sie sich allmählich wieder anzueignen. Das bedeutet praktisch, dass nicht jede erotische Situation zum Orgasmus führen „muss“. In einer Partnerschaft gibt es immer wieder gute Gelegenheiten, den anderen und sich selber zu erkunden, die Wünsche und Empfindungen kennen zu lernen. Man kann das Zusammensein, die Zärtlichkeit, eine gute erotische Atmosphäre und die Sexualität in den einzelnen Bereichen genießen und als Ganzes erleben, ja man kann es vielleicht als wohltuendes Erlebnis beim gegenseitigen Blick in die Augen wiederbeleben.

Manche Menschen, die das Gefühl haben, sie seien wie ein Sieb und können nichts (be-)halten, können so üben, sich zu erspüren und nachhaltig zu genießen: Die Erinnerung wird wach, wenn man sich Koseworte zuflüstert oder vielleicht sogar beim gemeinsamen Einkauf spürt, wir gehören zusammen. So kann Sexualität aus der Sonderrolle herauskommen und sich als Teil des umfassenden Lebensgefühls integrieren. Diese Entwicklung bedarf der Geduld, die man zu zweit leichter aufbringen kann, wenn man sich darüber immer wieder verständigt.

Das ist nicht suchtspezifisch. Insbesondere in Beziehungen zwischen Frau und Mann hilft das Reden über die gegenseitigen Bedürfnisse, weil die Geschlechter tatsächlich deutlich unterschiedlich empfinden. Generell kann man davon ausgehen, dass Frauen wechselnde Phasen von Lust und Zärtlichkeitsbedürfnis haben und Männer eher stets sexuell aktiv sind. Dazwischen gibt es jedoch äußerst differenzierte Variationen, weswegen auch gleichgeschlechtliche Partnerinnen und Partner nicht davon ausgehen können, dass die oder der andere ebenso empfindet wie sie oder er.

Die geheimen Wünsche

Beim gegenseitigen Entdecken wird man auch auf die Schätze der Vielfalt von Praktiken stoßen. Wenn die Art der Sexualität niemandem Schaden zufügt, kann sie die Lebensqualität wunderbar erhöhen. Mit wachsendem Vertrauen dürfen dann auch geheime Wünsche ausgetauscht werden. Hier kommt es wieder darauf an, sich gegenseitig zu respektieren. Gerade Süchtige haben gelegentlich die Vorstellung, andere Menschen empfinden ebenso wie sie. Deshalb müsse man gar nicht so viel reden. Wenn man es aber probiert, lernt man bereichernde andere Empfindungs- und Denkweisen kennen – nicht nur auf dem Feld der Sexualität.

Eine partnerschaftliche Beziehung ist ein guter Nährboden für befriedigende Sexualität. Der beschriebene Umgang mit gegenseitiger Sexualität ist eine Verbindung, mit der sich Beziehungen stabilisieren. Mit den Jahren entwickelt man sich in eine Phase, in der möglicherweise aktive Sexualität nicht mehr so eine entscheidende Bedeutung für die Lebensqualität hat wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit, etwa in der Elternzeit, nach Operationen, aber auch manchmal mit zunehmendem Alter. Sexualität ist ja auch keine Pflichtleistung, sondern eine Lebensqualität, die durch andere Sinnesgenüsse abgelöst werden kann.

Sex an und für sich

Einige Menschen mit süchtigem Verhalten machen die Erfahrung, dass ihnen die Gestaltung und Erhaltung einer Partnerschaft nicht gelingt. Sie entscheiden sich für ein Leben in Eigenverantwortung, ohne die Verbindlichkeiten der Zweisamkeit. Das kann nach reiflicher Abwägung eine abstinenzerhaltende Entscheidung sein. Was machen diese Singles mit ihrer Sexualität?

Es würde das Thema erheblich erweitern, wenn wir hier erörtern würden, warum jemand diese Lebensweise wählt oder aber auch keine andere Wahl hat. Daher beschränken wir uns auf die Sexualität: Viele Aspekte entsprechen der Sexualität zwischen Partnern, insbesondere die beschriebenen Gedanken zur Genussfähigkeit.

Singles sind stärker als Paare mit dem Thema der Selbstbefriedigung konfrontiert. Auch bei dieser Art der Sexualität kann man sich kennenlernen, darauf achten, dass es ein Erlebnis wird und nicht lediglich eine notwendige gelegentliche Spannungsabfuhr. Auch dabei kann süchtiges Verhalten auftreten und den Spannungsbogen zerstören. Es gibt aber auch die Möglichkeit des liebevollen Umgangs mit sich selber, der Erzeugung einer guten Atmosphäre und des Genusses durch Schaffung einer Spannung. Zwischen dem Erleben des Bedürfnisses und der Sexualität selber gibt es Raum und Zeit für Vorfreude und Phantasie.

Manchen Menschen gelingt es auch, Sexualfreundschaften zu pflegen, also gemeinsamen Sex zu haben ohne umfassende Beziehung. Das „Pflegen“ spielt dabei eine besondere Rolle, weil wir in unseren Lebensvorstellungen fast alle die Sexualität mehr oder weniger intensiv mit umfassenderer Beziehung verbinden. Deshalb entstehen dann oft Erwartungshaltungen, deren Enttäuschung vorhersehbar ist. Aufmerksamkeit ist auch bei dieser Konstellation wichtig, wenn es nicht zu „abhängigen“ und eventuell missbrauchenden Beziehungsgestaltungen kommen soll.

Die Freunde des „One-night-stands“ verfügen häufig über eine gute Portion Annäherungsfähigkeit und klagen vermehrt über ein schales Gefühl. Ein solches Arrangement kann sexuell befriedigend sein, ist aber mit einem hohen Risiko der Enttäuschung und den Nebenwirkungen der Sexualfreundschaften verbunden.

Sex gegen Bares

Der Erwerb käuflicher Liebe ist nicht nur ein Singlethema. Auch hier entfallen bei unserer Beschäftigung mit Sexualität wichtige Aspekte, die wir wenigstens als Fragen benennen wollen: Wie denke ich ethisch über das (Ver-)Kaufen von Sexualität? Habe ich Achtung vor dem Sexarbeiter? Gibt es andere Möglichkeiten zu gemeinsamem Sex ohne die Verbindlichkeit einer Beziehung? Die Beschäftigung mit diesen und anderen Fragen hat Einfluss auf die Art und Weise, wie unsere Seele diesen Genuss verarbeitet. Dabei geht es tatsächlich mehr um die Sorgfalt – heute spricht man auch von Achtsamkeit (als wäre sie neu erfunden worden) – mit sich und anderen, als um eine allgemeine Moral.

Anregend wirkt für manchen Menschen auch die Beobachtung sexueller Aktivität und Erotik. Zeitgemäße Medien bieten dafür die Möglichkeit, leicht an Material zu kommen, um Sexualität zu sehen. Pornografie ist eine Erscheinungsform, von der behauptet wird, 80 Prozent der Männer würden sich ihrer „erektiv“ bedienen. Auch der Umgang mit diesem Angebot wirft einige Fragen auf: Tun die Akteure das freiwillig und selbstbestimmt? Wozu muss ich mich anregen? Warum warte ich nicht, bis mein eigener Wunsch oder ein möglicher Partner Anregung genug ist?

Sex mit Kontrollverlust und ohne Lust

Oder benötige ich immer mehr und mehr Sex, um zur Befriedigung zu gelangen? Es gibt Menschen, die sich ständig sexuell stimulieren müssen und ihr Verhalten wie in einer zweiten Welt abseits der Realität leben. Dann ist Sexualität selber zur Sucht geworden, manchmal auch im Sinne der Suchtverlagerung. In Fällen des Kontrollverlustes ist der Weg in die Selbsthilfe oder zu professioneller Behandlung dringend anzuraten.

Viele dieser Themenbereiche lassen sich schwer alleine klären. Deshalb ist es günstig, sich Menschen zu suchen, mit denen man vertrauensvoll in eine Auseinandersetzung mit diesen Themen kommen kann. Gelegentlich finden sich Selbsthilfegruppen, denen eine solche Gesprächskultur gelingt. Manchmal helfen auch Seelsorger, ein Arzt oder ein Psychotherapeut, um spezielle Fragestellungen zu klären wie hormonelle, andere biologische Störungen, seelische Belastungen wie sexuelle Wünsche, die gesellschaftliche oder ethische Tabuzonen betreffen oder die Unsicherheit über die eigene sexuelle Identität. Manche Menschen merken eine Parallelität zwischen sexueller Aktivität oder deren Versagen und ihrem Selbstwertgefühl.

Prävention und Sexualität

Haben Menschen mit süchtigen Verhaltensweisen generell eine andere Sexualität? Ja, weil Sucht und deren seelische und biologische Hintergründe den ganzen Menschen betreffen, wie wir sehen konnten. Und: Nein, weil die Aneignung einer befriedigenden und würdigen Sexualität Chance und Problem aller Menschen ist.

Sexualität als Teil der Lebensqualität scheint präventive Möglichkeiten im Umgang mit einer Krankheit zu bieten, die Betroffene lediglich zum Stillstand bringen können. Die offensive Gestaltung des abstinenten Lebens bietet Chancen, sein Leben so zu bewältigen und zu genießen, als habe man die Erkrankung nicht. Das betrifft eben auch den Umgang mit Sexualität.

Sex und Liebe – Liebe und Sucht

Kann man über Sexualität sprechen, ohne die Liebe zu erwähnen? Diese Perspektive auf die Sexualität eines süchtigen Menschen eröffnet ein neues Kapitel – des Zusammenhangs von Sucht und Liebe. „Was soll ich über die Liebe sagen, da ich mich selber fast zerstört habe“, äußerte ein kluger Betroffener, als es um Beziehungen ging. Er hielt sich nicht für fähig, sich einem anderen Menschen so zuzuwenden, dass dahinter sein Egoismus zurücktritt und seine starke Zuneigung aus der Selbstachtung kommt.

Sicher, er hat offensichtlich einen hohen Anspruch. Aber hat er nicht auch einen guten Blick darauf, dass seine Krankheit ein Beleg dafür ist, dass er zumindest sich selber nicht geliebt hat. Liebe ist sicher nicht die Dankbarkeit für die Zuwendung eines anderen. Für ein Kind mag das sogar stimmen, weil die Mutter oder eine andere enge Bezugsperson die Liebe bedingungslos schenkt.

Liebe und Sexualität haben sicher Überschneidungspunkte, sind aber wohl eher Themen, die nicht in einem direkten Zusammenhang stehen müssen.

Let’s talk about…

In diesem Artikel wird darauf verzichtet, die neurophysiologischen Zusammenhänge und die hormonellen Regelkreise wissenschaftlich korrekt zu beschreiben. Sie sind die körperlichen Begleiterscheinungen gelebter Sexualität. Es soll nicht der Anschein erweckt werden, Sexualität sei eine reine Funktion der Biologie. Das unterscheidet uns von den Tieren. Bei uns geht der Sex durch den Kopf. Oder anders formuliert: Die gewählte Sexualität ist eine Frage unserer Einstellung dazu. Der Tabubruch, den Mantel des Schweigens zu lüften, kann helfen, sich und andere zu finden. Dass Taktgefühl dabei hilfreicher ist als Exhibitionismus in der Kommunikation, versteht sich – wenn auch nicht von selbst.

Dieser Beitrag stellt keine wissenschaftliche Expertise zur Sexualität Süchtiger dar, sondern ist als Versuch zu verstehen, Menschen über Widerspruch und Zustimmung zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht erfühlt sich der eine oder andere eine Haltung zu diesem Tabuthema, das längst keines mehr ist. Es gibt die Ehe für alle – vielleicht ein Signal für eine verantwortliche Freiheit. Auch für dieses Thema gilt: Es ist alles erlaubt, wenn die Grenzen der Würde des anderen und Deiner selbst gewahrt bleiben.

Die Kernsätze:

  • Genussfähigkeit braucht den Wechsel von Anspannung und Entspannung
  • Kurzfristig regt Alkohol an – auch die Sexualität
  • Langfristig hemmt Alkohol die Genussfähigkeit – auch die Sexualität
  • Genussfähigkeit lässt sich durch geduldiges Erspüren der eigenen Wünsche und die des Partners aneignen
  • Die geheimen Wünsche gehören in das intime Gespräch
  • Selbstbefriedigung kann eine Form individueller Sexualität sein – auch Rückfallprävention
  • Sexualität und Liebe haben (nicht immer) miteinander zu tun
  • Eine verantwortliche selbstbestimmte Sexualität ist frei(er als mancher denkt)
  • Die Würde des Menschen und seine Sexualität stehen in Verbindung