Wie eine Kiste Bier drei Menschenleben vor Schaden bewahrte…

Eine kleine „Sex-Beichte“:

Wie eine Kiste Bier drei Menschenleben vor Schaden bewahrte…

Von Dirk Marx

Ich hab jetzt schon eine ganze Weile „bierfrei“. Irgendwie hat es doch eine Weile gedauert, zu verstehen, dass das Weglassen von Bier allein nicht für ein schönes Leben reicht. Es geht um Zufriedenheit, in allererster Linie mit mir selbst.

Mir hilft der heitere, humorvolle Blick auf das Leben und die Vergangenheit, mich Stück für Stück mir selbst zu nähern – und Vergangenes nicht länger als schlimme Zeit voller Schicksalsschläge zu sehen, sondern augenzwinkernd auf die Erfahrungen zurückzublicken, die ich machen konnte und an denen ich schlussendlich auch wachsen konnte.

Vor kurzem hatte ich wieder mein „Doppeljubiläum“. Anfang November konnte ich mein elfjähriges und gleichzeitig mein dreijähriges Trockenjubiläum feiern. 2006 startete ich meine erste Therapie, mein Grundstein für knapp sieben Jahre Abstinenz. Diverse Schicksalsschläge und eine sehr emotionale Sexualtortur mit einer Frau führten nach dieser doch recht langen Trockenzeit dazu, dass ich wieder zur Flasche griff, mit der Absicht, „kontrolliert“ zu saufen, was natürlich gehörig misslang. So endete ich 2014 auf den Tag genau nach acht Jahren erneut in der Fontane Klinik in Motzen, um eine „neue Runde zu drehen“. Anfangs fühlte ich mich wie der pure Versager, so als Therapie-Wiederholer. Damals hatte ich den heiteren Blick noch nicht, dass ich eher ein Therapie-Anknüpfer war, da die vorher gemachten Erfrahrungen ja nicht spurlos verpufft waren. Rückfall als Chance. Es war die Chance, mit all meinen Erfahrungen nun Dinge für mich zufriedenstellender zu gestalten und einen positiveren Blick aufs große Ganze zu bekommen. Nun konnte ich manches vergleichen! Immerhin hatte ich in den letzten elf Jahren knapp zehn Jahre nicht gesoffen! Eine gute Quote, wie ich finde.

Auch mein Verhältnis zu Frauen und zur Sexualität hatte sich verändert, wobei diverse Grundmuster irgendwie erhalten blieben. Bis vor ca. einem halben Jahr hatte ich ja hier in der Trockenpresse regelmäßig Beiträge geschrieben, was dann irgendwann stoppte. Warum? Der Grund dafür war eine Frau! Ich führte eine on/off-Beziehung mit einer Frau, die selbst ein Suchtproblem nebst Essstörungshistorie hat. Irgendwie schienen sich mir bekannte Dinge zu wiederholen, diesmal eben aber ohne durch Suff betäubte Sinne. Irgendwie schien es immer wieder zu geschehen, dass Frauen ab einem bestimmten Punkt eine gewisse sexuelle Macht über mich erlangten, denn mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe war groß. Sex wirkte wie ein Antidepressivum, all die Experimente wie eine Art Suchtbefriedigung/Suchtverlagerung. Ich wollte mehr. Toleranzerhöhung, wie beim Bier, ohne jedoch wirkliche Zufriedenheit zu erlangen. Es ist wie ein Muster, das sich durch mein Leben zieht, stellte ich fest, denn diese gerade vergangene Beziehungssituation war genau derselben Natur wie jene, die mich vor vier Jahren zum Rückfall geführt hatte. Wieder hatte ich mich an eine Frau mit Suchtpotential und eigenen starken Selbstzweifeln geklammert, um meinen Selbstwert zu stabilisieren. Ebenso schien der Sex für diese Frau diesen Effekt der Selbstbestätigung zu erfüllen, aber eben andersrum: Das Gefühl von Macht und Kontrolle über den Mann durch dieses „Ranlassen“ schien den Selbstwert der Frauen zu stärken, denen ich immer wieder verfiel.

Irgendwie musste ich erkennen, dass dies neben der Liebe auch große Anteile von Abhängigeit in sich trug, was ich seit Jahren in meinen Beziehungen abspielte. Wenn ich schmunzelnd zurückblicke, gab es sogar wärend meiner ersten Therapie vor elf Jahren eine Frau, die ich in der Klinik kennenlernte. Diese Begegnung (oder Abhängigkeit) hat damals fast zum Rauswurf aus der Klinik geführt, weil mich dies so dermaßen durcheinander brachte. Auch während meiner zweiten Therapie gab es eine derartige Begegnung zu einer Frau, welche sich jedoch glücklicherweise schnell erledigt hatte, da sie die Klinik damals vorzeitig verließ. „Liebe deinen Nächsten so sehr wie Dich selbst“ steht in der Bibel, was im Umkehrschluss ja eben auch heißt, dass ohne Selbstliebe eine stabile Beziehung zu jemand anderem kaum möglich zu sein scheint.

Mittlerweile kann ich auch mit einem Augenzwinkern darüber reden, dass „er“ auch nicht immer funktioniert hat. Die Libido im Suff hatte sehr gelitten, was das Selbstwertgefühl schwächte. Zu dem „Leistungsdruck“, den wir Männer uns oft selbst machen, kamen die geäußerten Selbstzweifel der teilnehmenden Frauen, ob es denn „an ihnen läge“. So nahm dieses Chaos damals seinen Lauf. Zwei von Selbstzweifeln geplagte Menschen, auf der Suche nach Selbstbestätigung in Form von Sex, suchten nun bei sich selbst und beim anderen die Ursachen, warum es im Bett nicht klappte. Beide hatten wir wohl noch nicht verstanden, dass wir vielleicht nicht bedingungslos „liebten“, sondern eher erwartungsvoll „suchtverlagerten“? Was für ein Teufelskreis. Das Antidepressivum, die Selbstwertverstärkungspille SEX, funktioniert aus eigener Ursache heraus nicht. Da ist der Griff zum Antidepressivum in Form des Suchtmittels nicht weit weg.

Doch – so makaber es klingen mag – in einer Situation, die ich vor ca. 15 Jahren in der Hochphase meiner Sauferei erlebte, bewahrte eine Kiste Bier mich und alle Beteiligten vor schlimmen Folgen. Keinesfalls möchte ich ein Loblied auf den Kasten Bier singen. Vielmehr möchte ich berichten, dass ein heiterer und trotzdem selbstkritischer Blick auf die Vergangenheit sehr dabei helfen kann, das eigene Selbstwertgefühl zu bestärken, indem wir uns die eigene Vergangenheit nicht selbst zum Vorwurf machen …

Es trug sich auf einem der Oldtimerfestivals zu, auf denen ich mich damals sehr intensiv herumtrieb. Es waren sehr exzessive Zeiten. Ungehemmt wurde gefeiert, gesoffen und sich daneben benommen. So trug es sich zu, dass ich einer Frau am Bierwagen begegnete, die ich sehr „anziehend“ fand. Wir waren einander sehr sympathisch, tranken und feierten bis in die Nacht, um uns anschließend sehr „ausziehend“ im Zelt nackt wiederzufinden. Damals war mir das noch nicht ganz klar, dass Blut und nicht Bier durch meine Adern fließen sollte, wenn ich einen „hochkriegen“ will. Das Bier, der Leistungsdruck und auch meine eigenen Zweifel führten schlussendlich dazu, dass es lediglich zur Bärennummer gereichte: „vor´m Loch liegen und brummen“.

Damals war das für mich als Mann eine Katastrophe, nicht funktioniert zu haben. Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, GUT SO! An Verhütung dachten wir damals beide nicht. Vielleicht wurden dank des üppigen Biergenusses damals wirklich DREI Menschenleben vor großem Schaden bewahrt.

Ich wurde nicht ungewollt Vater, eine Frau wurde nicht ungewollt zur alleinerziehenden Mutter und ein Kind wurde davor bewahrt, ohne Liebe gezeugt zu werden.

Eines haben Bier und Sex gemeinsam: Die Dosis macht‘s! Viel hilft nicht immer viel.

Süchtig gebraucht und gelebt kann es einen in die Abhängigkeit stürzen. Die Dosis macht‘s! Qualität geht oft vor Quantität.

Was weder Bier noch Sex ersetzen können, ist Liebe, vor allem die Liebe zu sich selbst. Die Dosis macht‘s! Sich selbst anzunehmen und zu mögen ermöglicht auch tollen Sex. In Liebe. Ohne Abhängigkeit.

 

Liebe Grüße aus dem schönen Königs Wusterhausen

Ihr/Euer Dirk Marx