Wunschdenken ausgeschlossen

Wunschdenken ausgeschlossen

Von Cornelia Ludwig

Es war wie immer. In der gesamten Vorweihnachtszeit und je näher das Jahresende rückte, desto engmaschiger wurden auf sämtlichen Medien Jahresrückblicke gesendet.

Ich finde das nicht schlecht, denn hin und wieder habe ich eine Art Aha-Erlebnis, weil so manche Ereignisse bereits verdrängt oder vergessen waren. Doch nicht selten passiert es mir, dass ich dann bei einigen Berichten denke: „Herrje, diese Situation/Entwicklung war doch vorhersehbar. Wären die Gegebenheiten akzeptiert worden, dann hätte sich die Lage vermutlich beruhigt und alle könnten zufrieden weiterleben.“

Wären, hätten, könnten! Einige Beispiele von Möglichkeitsformen in der deutschen Sprache. In derartigen Augenblicken sagte meine Mutter immer zu mir „Bevor du dir über Dinge Gedanken machst, mit denen du nichts zu tun hast und die du nicht beeinflussen oder ändern kannst, kehre erst mal vor deiner eigenen Tür.“ Oh, wie hat mich diese Ermahnung so manches Mal genervt.

Wäre, hätte, könnte etc.! Als Alkoholikerin achte ich peinlich genau darauf, diese verbalen Möglichkeitsformen nicht in Bezug auf mich und meine trockene Lebensführung zu verwenden, denn dieser Art von Wunschdenken räume ich bewusst keinen Platz in meinem alkoholfreien Leben ein. Aber wie mein obiges Gedanken-Beispiel deutlich zeigt, war ich früher und bin auch durchaus heute in der Lage, mich in meinem Alltags-Modus auf diese Weise auszudrücken. Wenn ich ehrlich bin, dann hören sich diese Worte überheblich, arrogant und besserwisserisch an. Abgesehen davon, dass ich mich nicht eindeutig positioniere, sondern vielmehr durch meine Wortwahl eine Mauer erbaue, hinter der ich mich verstecken kann. Und wenn es die Situation erlaubt, dann „verstecke“ ich mich sehr gerne. Jedenfalls in meinem als Alltags-Modus bezeichneten Leben. Ich habe mich noch nie bevorzugt in der „ersten Reihe“ aufgehalten, sondern ich fühlte mich stets im Hintergrund wohler. Eine Tatsache, gegen die meiner Meinung nach prinzipiell nichts einzuwenden ist. Doch ein derartiges Verhalten kann bei mir dazu führen, dass ich Situationen unbewusst und indirekt verherrliche, dass ich Umstände möglicherweise verdränge oder dass ich bestehende Tatsachen ignoriere.

Übertrage ich diese einzelnen Aspekte auf mich, auf Cornelia die Alkoholikerin, dann manövriere ich mich mit diesen Verhaltensmustern in eine Sackgasse. Wie ich schon sagte! Für mich ist Wunschdenken im Hinblick auf meine trockene Lebensführung passé. Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass ich lebenslang alkoholkrank bleiben werde und daher ist es meiner Überzeugung nach lebensgefährlich für mich, wenn ich meine Alkoholkrankheit verherrliche, wenn ich den Umstand, Alkoholikerin zu sein, verdränge oder wenn ich die Realität, nämlich eine süchtige Frau zu sein, ignoriere.

Verherrlichung, Verdrängung, absichtliche Nichtbeachtung oder Beschönigung und Verharmlosung sind in der Lage, meine vorhandenen Suchtmechanismen wieder in Gang zu setzen. Dafür benötige ich keine Aufwärmphase oder Vorlaufzeit. Nein! Ich weiß, dass ich meine süchtigen Verhaltensmuster von einer Sekunde zur nächsten wieder aktivieren kann. Meine aktive Alkoholabhängigkeit, meine Sucht, meine Alkoholkrankheit wird mich ein Leben lang begleiten. Aber sie bestimmt nicht die Wertigkeit, die mich selbst ausmacht.

Klar! Ich habe meine Macken und Fehler, aber an oberster Stelle meiner Lebensführung steht die aktuelle Beibehaltung meiner Trockenheit und dafür ist es von immenser Wichtigkeit für mich, dass ich meine Alkoholkrankheit nicht vergesse. Deshalb ist es für mich persönlich vorrangig, meine Gruppe aufzusuchen. Hier erde ich mich regelmäßig von neuem. Hier komme ich dazu, ungestört über mich selbst nachzudenken. Hier finde ich durch Gehör und Gespräche mit anderen Betroffenen zu mir selbst. Hier erinnere ich mich bewusst daran, Alkoholikerin zu sein.

Das hat nichts mit selbstquälerischem Verlangen zu tun. Die Gruppe ist der Ort, an dem ich bei meiner Lebensführung unterstützt werde. Das heißt aber nicht, dass meinen Äußerungen immer zugestimmt wird. Genauso wenig ich wie alles Gehörte jubelnd aufnehme und befürworte. Aber ich erhalte die Möglichkeit, meine Gedanken zu Ende zu denken und sie in Ruhe auszusprechen, ohne unterbrochen zu werden. Ich kann alles, was mich beschäftigt, bekümmert oder vielleicht sogar bedrückt, loswerden. Hier begegne ich weder der Hektik des Alltags noch lasse ich es zu, dass Nebensächlichkeiten Druck auf mich ausüben. Ich nenne es menschliche Großzügigkeit, die ich durch die Gruppe erfahre. Ein Gruppenfreund sagt immer, dass er im übertragenen Sinn seinen Beitrag in die Mitte des Raumes wirft und ein(e)/ jede(r) kann sich an seinem Gesagten bedienen und herausfischen, was ihr/ihm persönlich wichtig erscheint und möglicherweise für sie/ihn selbst in Betracht kommt.

Hier in der Gruppe mache ich das, womit mich meine Mutter früher immer genervt hatte. Ich zerbreche mir nicht den Kopf über Dinge, die ich weder beeinflussen noch ändern kann. Ich „kehre vor meiner eigenen Haustür“ und – ganz ehrlich – da habe ich genug zu kehren. Aber in der Gruppe kann ich ungehindert meinen Besen schwingen. Gleichgültig, welche thematischen Inhalte ich anspreche und unwichtig, ob mein Beitrag auf allgemeines Interesse stößt. Nirgendwo sonst finde ich diese Gegebenheiten, die mir obendrein helfen, mein Leben zu leben. Ein Leben, in dem ich natürlich für meine Zukunft Wünsche habe, aber als Alkoholikerin, als lebenslang alkoholkranke Frau, schaue ich nicht in die Zukunft. Als Alkoholikerin schaue ich in Dankbarkeit zurück auf die Zeit, die ich bis heute trocken erlebt habe. Das bedeutet für mich: Wunschdenken ausgeschlossen. Zukunftsträumereien haben hinsichtlich meiner Alkoholkrankheit keinen Platz in meinem Leben.

Ich heiße Cornelia. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken und dafür bin ich dankbar.