Für Sie gelesen

 

Über Grenzen denken

Eine Ethik der Migration

Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin hat sich in einem Essay Gedanken zu Grenzen gemacht, in einem Land, das zwischen „Obergrenze“ und „offenen Grenzen“ pendelt.

Der Autor geht philosophisch ein aktuelles und scheinbar unlösbares Problem an. Weltweit sind Millionen von Migranten aus den verschiedensten Gründen unterwegs, Krieg und Bürgerkrieg, Hunger und wirtschaftliche Not, politische und religiöse Unterdrückung. Die meisten Migranten bleiben im Umfeld ihrer Herkunftsländer, da sie es meist aus finanziellen oder physischen Gründen nicht schaffen, eine Reise in die reichen und freien Teile der Erde zu unternehmen. Aber diese Reise unternehmen trotzdem Jahr für Jahr Millionen von Menschen und versuchen, in die EU oder nach Nordamerika zu gelangen. Millionen Menschen in den Zielländern versuchen dies mit verschiedenen Mitteln zu unterbinden.

Es ergibt sich so die Frage, was sind eigentlich Grenzen und wie lassen sie sich begründen? Grenzen definieren ein Staatsgebiet, die darin lebenden Menschen sind das Staatsvolk und die darin geltenden Gesetze sind die Staatsgewalt, diese Gesamtheit ist ein Staat, so die herrschende Meinung.

Der Autor teilt seine Analyse von Grenzen in der heutigen Zeit in zehn Kapitel auf, geht von den ethischen Pflichten und den verschiedenen Ausprägungen der Verantwortung (individuell, kollektiv, global) zu den beiden vermeintlichen Gegenpolen Kommunitarismus und Kosmopolitismus, um dann auf die drei Hauptgründe von Migration zu kommen, Armutswanderung, Kriegs- und Bürgerkriegsflucht sowie Wirtschaftsmigration. Daraus folgert er sieben Postulate:

  • Gestalte die Migrationspolitik so, dass sie zu einer humaneren und gerechteren Welt beiträgt.
  • Gestalte die Migrationspolitik im Inneren, also in den aufnehmenden Gesellschaften so, dass die Einwanderung als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.
  • Migrationspolitische Entscheidungen müssen mit dem kollektiven Selbstbestimmungsrecht der jeweiligen Bürgerschaft verträglich sein.
  • Die Migrationspolitik sollte so ausgestattet sein, dass sie die soziale Ungleichheit im aufnehmenden Land nicht verschärft, die Strukturen des sozialen Ausgleichs (Sozialstaat) nicht gefährdet und über alle sozialen Schichten hinweg Akzeptanz finden kann.
  • Die Migrationspolitik generell, speziell aber die Wirtschafts- und Arbeitsmigration gerichtete, hat die Nachteile, die sich daraus für die Herkunftsregionen ergeben, vollständig zu kompensieren.
  • Da Migration … bei der Bekämpfung des Weltelends und der Milderung der Ungleichheit zwischen globalem Norden und Süden (eher kontraproduktiv wirkt), sollten die Solidaritätsressourcen der Weltgemeinschaft nicht überwiegend durch transkontinentale Migration gebunden, sondern … zum Aufbau einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung eingesetzt werden.
  • Verlange von der Migrationspolitik nichts, was du nicht auch in deinem sozialen Nahbereich akzeptierst und praktizierst, und praktiziere in deinem sozialen Nahbereich, was du von der Migrationspolitik erwartest.

Anhand eines konkreten Beispiels zeigt er im vorletzten Kapitel die Legimitation von Grenzen auf, um sich im letzten Kapitel gedanklich auf den Weg zu einer gerechteren Welt zu begeben.

Der nicht leicht zu lesende Text beschäftigt sich mit dem komplizierten Thema auf grundlegend humanistische und weltsichtige Weise. Er benennt klar die Defizite der aktuellen Politik und gibt einen Ausblick auf bessere Handlungsmöglichkeiten.

 Torsten Hübler

JULIAN NIDA-RÜMELIN
Über Grenzen denken
248 S., geb., edition Körber-Stiftung, Hamburg, ISBN 978-3-89684-195-7, 20,- Euro


Es werde Licht

Das Universum verstehen und gestalten

Eine Tochter des Physiknobelpreisträgers Werner Heisenberg und ein Enkel des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann machen sich Gedanken zur Einheit von Geist und Materie mittels der Quantenphysik.

Vorausgeschickt, der vorliegende Titel ist in sehr lesbarer und flüssiger Form geschrieben. Obwohl das Thema kompliziert ist, wird der Leser weder mit Formeln noch mit unverständlichen Fachbegriffen traktiert.

Das Ehepaar Mann, beide Psychologen und Theologen, hat einen schmalen Band vorgelegt. Sie stellen eine Skizze der noch weiterzuentwickelnden Quantenphilosophie vor. Diese Quantenphilosophie ergibt sich für die beiden Autoren zwangsläufig aus der Quantenphysik.

Quantenphysik ist für den normalen Menschen nur schwer verständlich. Den Autoren gelingt es aber, diese komplexe Materie so aufzubereiten, dass der Leser ihnen folgen kann. Den Anfang macht ein kurzer Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften und ihre Aufspaltung in Natur- und Geisteswissenschaften. Auf der einen Seite beobacht- und berechenbare Vorgänge in der Natur, auf der anderen Seite heute nicht messbare Vorgänge im Gehirn des Menschen, dem Geist. Diese strikte Trennung von Materie und Geist wurde durch Einsteins Relativitätstheorie infrage gestellt und aus der daraus folgenden Quantenphysik ergab sich ein neues Weltbild. Sie erklären die Quantenphysik sehr anschaulich an alltäglichen Vorgängen und ermöglichen es so dem Leser, Schritt für Schritt ihrer Argumentation zu folgen. Die gutbegründeten Schlüsse, die sie ziehen, können den Leser überraschen, gerade solche, die den Naturwissenschaften etwas ferner stehen.

Allein die Diskussion der Möglichkeiten, die sie aufzeigen, ist bereichernd, auch wenn man zu anderen Schlüssen gelangen kann. Bemerkenswert ist, dass ihre Welterklärung, beide sind Theologen, gänzlich ohne die Erklärungskrücke Gott auskommen kann. Eine lesenswerte Abhandlung für Menschen, die sich für eine ganzheitliche Sicht der Welt und des Menschen interessieren.

Torsten Hübler

FRIDO MANN und CHRISTINE MANN
Es werde Licht
239 S., geb., S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., ISBN 978-3-810-397245-0, 22,- Euro


 

beziehungsweise Café Milath

Ein Ü-Buch – in der U-Bahn …

So in etwa wirkt das handliche schmale Büchlein auf mich beim ersten Durchblättern: Ah, Fotos. Alte Fotos. Oh, eine leere Seite mit gelbem Kreis? Ui, keine Ecken für Eselsohren …

Lauter Überraschungen eben.

Ich lese es in der Berliner U-Bahn … Es liest sich irgendwie passend so, im berlinernden Menschengetümmel, aussteigen, einsteigen, Potsdamer Platz, Alexanderplatz … Denn genau hier spielt die Geschichte – mitten in Berlin. Sie beginnt im Jahre 1976, Elvis lebt da noch. Und ein Jahr später, wenn die Geschichte endet, ist Elvis tot. Die Maria Callas ebenso. Das wird so am Rande erwähnt. Vielleicht zur besseren geschichtlichen Einordnung. Ebenso tauchen viele andere kleine geschichtliche Anekdoten auf aus dieser Zeit.

Die Story an sich scheint einfach: Hilfskellner Urs, 30, Literaturstudium-Absolvent ohne Abschluss, arbeitet tagein, tagaus im Café Milath am Luise-Platz. Das Café ist damals berühmt für sein selbstgemachtes Eis. Urs ist etwas schüchtern, das Gegenteil von welt-und wortgewandt – zumindest in entscheidenden Momenten. Und so verliebt er sich in die blonde Bibelschulenbesucherin Nadja, seine Aushilfskollegin – ohne ein Jahr lang die rechten Worte zu finden. Nebenher ist er auf Lebenssinn-Suche, oder muss sich um die Chefin sorgen, die bei einem Raubüberfall schwer verletzt wird, oder steckt zeitweise in unrühmlichen Lebenserinnerungen fest, und und und … Aber irgendwann dann, ein Jahr später (wie gesagt, Elvis ist nun tot) endet die Story – indem eine neue beginnt … Welche? RINGlingLING. Lesen Sie selbst.

Ich als Leserin nehme teil am Leben in diesem Berliner Café. Die Besucher, ihre Lebensgeschichten, die Dialoge, die Urs aus seiner Sicht erzählt, sind miterlebbar – als säße man mit an Tisch 2 oder 3 und das Vanilleeis zergehe einem gerade auf der Zunge wie Stammgästin Frau Mewes’ Lebensweisheiten im Ohr. Vergnüglich zu lesende Gespräche in Berliner Denkart und Schnauze.

Und: Aha. So ging es also damals zu in den Siebzigern, in Westberlin – bekomme ich einen kleinen Eindruck. Zeitreise. Auch dank alter Fotodokumente auf den vom Autor so genannten Bonusseiten …

Ein knuffiges, handtaschentaugliches Büchlein voller Gedanken- und WortWITZ(EL). Autor Herbert Witzel, der einstige Spediteur, transportiert nun Worte – in seinem vor einem Jahr gegründeten Verlag www.worttransport.de und ist übrigens ein langjährig ehrenamtlicher Autor der TrokkenPresse.

Anja Wilhelm

HERBERT WITZEL
beziehungsweise Café Milath
Eine Geschichte aus Berlin
107 Seiten,
wortransport.de Verlag – Bücher ohne Eselsohren
14 Euro


 

Ernst Bloch: Zu seinem 30. Todestag

Das Prinzip Hoffnung ist Blochs Hauptwerk. Es zu lesen ist nicht einfach, fast schon abenteuerlich zu nennen. Die Sprache schwierig, klobig, wie Felsgestein. Der Inhalt ist ein wüstes Gemenge, eine wilde, schier berauschenden Mixtur (wäre sie dazu nicht allzu schwer) aus Musik, Philosophie, Religion und Kunst. Und obwohl Bloch stets großen Wert darauf legte, als Marxist gesehen zu werden, spielen Politik und Wirtschaft darin kaum eine Rolle. Stattdessen breitet er ein mit großem Pathos vorgetragenes (kulturelles) Bild der Menschheitsgeschichte (von ihm versehen mit den Kategorien Möglichkeit, des Noch-Nicht, des Surplus und des Prinzips Hoffnung) und ihrer vor allem vom Juden-und Christentum inspirierten Hoffnung auf eine bessere Welt vor uns aus.

Seine Zielvorstellung war es, die in seinen Augen noch lange nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Welt und des Menschengeschlechts zu einer ganz anderen als der bisherigen Welt aufzuzeigen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Und dies nicht auf dem Boden bloßer Schwärmerei, sondern als etwas Reales, als eine Möglichkeit (daher die Kategorie), die in der offenen Struktur des Menschen und der Welt angelegt sei. In einer Welt und in Menschen verankert, worin alles noch am Anfang stünde, alles noch sei wie am ersten Tag, wie neugeboren und in nichts an sein Ende gelangt.

Dass aus solch einer Offenheit nicht allein ein Paradies auf Erden resultieren könnte, sondern auch das Gegenteil, ist der weiße Fleck in seinem Werk. Woran auch der Titel eines seiner letzten Aufsätze: Kann Hoffnung enttäuscht werden (eine Frage, welche er bejahte) nur wenig ändern kann. Denn sein Verhältnis zur Welt war weniger ein analytisches als das einer Weltanschauung, weshalb eine Zeit lang auch Stalin neben seinen sonstigen Lieblingsfiguren Jesus, Hegel, Marx und Karl May in die Position eines Säulenheiligen bei ihm gelangen konnte und Bloch folgerichtig die Moskauer Prozesse vehement verteidigte. Manche titulieren deshalb sein Verhalten, seine Sprache und seine Art des Philosophierens als die eines Sportreporters, als zu emotional, zu schmissig, zu laut und zu wenig durchdacht. In dieser Weise geurteilt, könnte man die Art Heideggers pedantisch nennen, bürokratisch und sein in schier unvergleichlich eng gestrickter Weise geschriebenes berühmtesten Werk – Sein und Zeit (mit den Vokabeln der Sorge, des Hineingehaltensein ins Nichts, des Geworfenseins, der Existenz, der Angst angesichts des Todes, der Begrenztheit von Raum und Zeit) als ungenießbar, als phantasielos und als phrasenhaft. Bloch hielt es (platt wie oft) für den Ausdruck der letzten Zuckungen eines untergehenden Kleinbürgertums. Nur so, wie es Heidegger unmöglich gewesen wäre, die Oktoberrevolution (wie Bloch es tat) für das Geburtsdatum einer neuen Welt und eines neuen Menschen zu halten, so wenig wäre es Bloch eingefallen, den Nationalsozialismus (wie es Heidegger tat) zur angemessenen Form menschlichen Daseins zu erklären. So gewiss Hoffnung enttäuscht werden kann, so gewiss kann sie auch Erfüllung finden. Und was wäre eine Welt schließlich ohne sie anderes als ein Höllenkreis. Nur was dann, wenn sie „Erfüllung“ fand ? Auch hier erneut zu viel an Phrase und zu wenig an Gedanken.

Nein, all dies ist letztlich keine Philosophie, denn er übersieht vollständig, dass er mit gleichem Recht ein Prinzip der Hoffnungslosigkeit hätte schreiben können (mit den Kategorien der Unmöglichkeit et al, vergleichbar den Versuchen Schopenhauers und Nietzsches dazu). Denn dort, wo er die Philosophie zu beenden sucht, dort fängt sie (das Denken) erst an. (Ganz so, wie das Leben einer Alkoholikerin mit der Nüchternheit erst beginnen kann, statt dort zu enden.)

Wolfgang Hille

 ERNST BLOCH
Das Prinzip Hoffnung
Taschenbuch, 1696 Seiten
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 554
Erschienen: 01.07.1985
ISBN: 978-3-518-28154-3
32,00 €


Jürgen

Ladies first, James Last

Nach dem Bestseller „Der Goldene Handschuh“ legt Heinz Strunk nun wieder eine kleine Geschichte über zwei Männer auf ihrer Suche nach dem Glück vor.

Jürgen, der Ich-Erzähler, ist Parkwächter in einer Tiefgarage in Hamburg, seine bettlägerige Mutter lebt bei ihm. Bernd, Jürgens bester und einziger Freund, ist Sachbearbeiter bei Westsaat mit Schwerpunkt Kaltakquise, da macht ihm keiner was vor, und sitzt im Rollstuhl. Diese Zwei stellen nun, im mittleren Alter von Jahren fest, dass eine Partnerin in ihrem Leben fehlt. Die Ansprüche der Beiden sind bescheiden, der eine äußert sich: „Ob blond, brünett oder rothaarig, spielt keine Rolle. Das Alter ist auch nicht entscheidend. Nur übermäßig dick sollte sie nicht sein, und nicht zu groß.“ Der Andere: „Ich hab auch keine großen Ansprüche: Meine Zukünftige sollte Insekten wegmachen können, keine Amalgamzähne haben und gerne kniffeln.“ Jürgen Dose hat alle Ratgeber zum Thema „Mission Traumfrau“ gelesen und zitiert das ganze Buch hindurch die Ratschläge der „Beziehungsprofis“. Theoretisch weiß er alles über Frauen (wenn sie flirten, erhöht sich angeblich die Blinzelrate), nur praktisch hat er wenig Anwendungsmöglichkeiten.

Jürgen geht es an und hat ein Date mit Manu, die sich während des Essens beim Italiener volllaufen lässt, das ergebnislos endet.

Nun gehen es die beiden Freunde und Leidensgefährten gemeinsam an, mit Speeddating, welches aber auch, trotz zweier „Augenpralinen“,  nur ins Fiasko führt.

Letzte Rettung ist die Firma „Eurolove“, die anschmiegsame Frauen aus Polen vermittelt. Beginnend mit einer Kleinbustour von Hamburg über Dortmund und Bautzen nach Breslau nimmt das Desaster seinen Lauf.

Diese an sich banale Geschichte wird durch Strunks Erzählweise veredelt. Die nicht nur aus den Ratgebern, die tatsächlich als Quellen am Ende des Titels angegeben werden, sondern aus Werbe- und Behördendeutsch entnommenen Phrasen, Stereotypen  und Worthülsen lassen die Geschichte leicht und lustig werden. „… zähl deine Geschenke, nicht deine Probleme. Denn wenn dir das Leben nur Zitronen gibt, dann mach Limonade draus.“ Und ähnlichen Schwachsinn baut der Autor in die Sätze der beiden armen Kerle ein.

Angereichert wird das Ganze noch mit skurrilen Nebengeschichten, z.B. von dem Plan des Mann aus der Stammkneipe der beiden Hauptakteure, der ins Guinnessbuch der Rekorde kommen will, indem er unentdeckt über 15 Jahre tot in seiner Wohnung liegen will oder dem Nachbarn, der jahrelang für 8.000 Petro-Dollar im Monat in einem Ölstaat als lebende Schachfigur arbeitet.

Keine große Literatur, aber ein sehr heiteres Buch, was gute Laune macht. Trotz der trüben Ausgangssituation und der Rückschläge lassen sich die Beiden nicht unterkriegen und schauen optimistisch in das Morgen.

Torsten Hübler

HEINZ STRUNK
Jürgen
256 S., geb., Rowohlt, Reinbek, ISBN 978-3-498-03574-7, 19,95 Euro


„Ohne ist das neue Mit“

Von Geschmacksexplosionen und kulinarischen Entdeckungsreisen ohne Alkohol

Der im März beim Westend-Verlag erschienene Ratgeber „Die neue Trinkkultur – Speisen perfekt begleiten ohne Alkohol“ richtet sich an alle, die das Leben und vor allem den Besuch im Restaurant gerne ohne ein Glas Wein genießen wollen. Ein wahrer Leckerbissen für trockene Alkoholiker und Gourmets, denen die alkoholfreie Getränkeauswahl in zahlreichen Speiselokalen entweder zu dünn, süß oder einfach nur langweilig ist.

Wer aufmerksam durchs Leben läuft, bemerkt seit Jahren, dass das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit und außerhalb der Partyzonen längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Doch wer wegen seines Glaubens, Geschmacks oder aus gesundheitlichen Gründen zum Essen keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen mag, trifft in den entsprechenden Karten der meisten gastronomischen Betriebe allzu oft auf kreative Tristesse. So hat der Gast nicht selten die Wahl zwischen den klassischen Zuckerbomben, gewöhnlichen Schorlen oder schlichtem Mineralwasser. Mit oder ohne Gas. Immerhin. Manch einer fühlt sich da schnell an seine Kindheitstage erinnert und als erwachsener Genießer nicht wirklich ernst genommen.

Die unter anderem als Sommelier ausgebildete Foodbloggerin Nicole Klauß hat sich diesem Dilemma aus voller Überzeugung und mit großem Aufwand angenommen. Phantasievoll und gewissenhaft recherchiert, überrascht sie den Leser mit einer Vielzahl raffinierter Rezepte, Hintergrundinformationen und Kombinationsempfehlungen. So wird aus einer Schorle oder dem klassischen Mineralwasser, mit dem richtigen Gewürz, Gemüse oder Kraut, im Handumdrehen eine kulinarische Geschmacksexplosion. Und bei entsprechendem Food-Pairing ein korrespondierender und aufregender Speisebegleiter. Doch auch mit einfallsreichen Variationen vom gewöhnlichen Teegetränk, dem exotischen Wasserkefir, alkoholfreien Shrubs oder Schwitchels beeindruckt sie immer wieder durch umfangreiches Fachwissen und appelliert dabei stets an die Experimentierfreudigkeit des geneigten Genießers. Als hilfreich für Neueinsteiger im Kreis der entdeckungsfreudigen und anspruchsvollen Feinschmecker erweisen sich auch zahlreiche Hinweise auf einschlägige Lieferanten und ein Bezugsquellenindex am Ende des Buches. So wird der kulinarische Leitfaden zu einer buchstäblich geschmackvollen und aufregenden Reise rund um die Gourmet-Küchen der Welt. Bei Preisen von zum Beispiel hundert Dollar für eine besonders exklusive Flasche Wasser (aus dem japanischen Rokko-Gebirge) sind die Empfehlungen allerdings nicht immer für jeden Geldbeutel geeignet. Doch auch hier zeigt die Autorin Wege aus der Krise und bietet erschwingliche und geschmacklich ebenbürtige Alternativen an.

Sogar äußerlich steht der hochinformative und fesselnde Ratgeber ganz im Zeichen des Genusses. Verpackt im edlen und zweifarbigen Hardcover und durchgehend illustriert, stört man sich gerne nicht an vereinzelten Tippfehlern, einer gelegentlich ambitioniert wirkenden Sprache und einem nicht immer von Tiefgang gezeichnetem Humor. Insgesamt ist das Buch ein Muss für alle, die sich mit Leidenschaft und Interesse an den Gaumenfreuden der kreativen Küche erfreuen und dabei gerne auf Alkohol verzichten!

mahebest

Nicole Klauß: Die neue Trinkkultur
Speisen perfekt begleiten ohne Alkohol
Hardcover, 272 Seiten
26 Euro
Westend-Verlag

Auf Sinnsuche durch Indien

Für mich hätte das Büchlein ruhig viel dicker sein können. Ich wollte gar nicht, dass es zu Ende geht!

Weshalb?

Einerseits beschreibt es viele fremde Orte auf der Welt und das Leben dort. Nämlich das aus der Sicht eines Trampers, eines jungen Menschen mit sehr wenig Geld, der von dem lebt, was sich zu essen oder als Obdach gerade bietet. Und wenn es nur eine Höhle an einem kretischen Strand und Zitronen vom Wegesrand sind. Aber dazu gleich mehr …

Andererseits hat mich die Sprache in den Bann genommen: Nicht verkünstelt, nicht literarisch scheinen wollend, sondern authentisch. Jedes Wort ein einfaches, jeder Satz klar – bloße Tatsachenbeschreibung.

Dirk Oskar Hellmann, der Autor, nennt sein Büchlein „Die neuen Abenteuer eines Taugenichts“. In Anlehnung an Josef von Eichendorffs Novelle aus dem Jahre 1826, der Geschichte eines Müllersohns, der auszog, sein Glück zu suchen. Denn ebenso zieht der Autor sehr jung, Anfang der 80er Jahre, in die „weite Welt“. Verlässt sein beengtes, liebloses Daheim, die alkoholabhängigen Eltern, die fünf Geschwister, das Leben, in dem er „Jabbel“ war, gehänselt und gedemütigt wurde und sich mehrfach umbringen wollte schon als Kind.

Immer auf der Suche nach Anerkennung, nach Freundschaft, Liebe und Sinn reist er mit Rucksack quer durch Europa. Trifft auf „Freaks“, Hippies, Drogenkonsumenten. Und wird irgendwann selbst drogenabhängig. Er lebt in Ashrams* in Indien und Nepal, ein Hindu-Guru nimmt sich seiner an. Aber niemals findet er innere Ruhe, bis … und dieses auslösende Erlebnis auf Leben und Tod nach dem Sturz in einen vier Meter tiefen indischen Brunnen verrate ich Ihnen hier aber nicht!

Auf jeden Fall wird er clean, lebt lange Zeit in einem katholischen Ashram, in dem gestrandeten Westlern geholfen wird, wieder auf die Beine und nach Hause zu kommen. Dort arbeitet er irgendwann auch mit. Und fühlt im Innersten, dass dies sein Platz, sein Sinn im Leben ist: Sich vertrauensvoll leiten zu lassen, in allen Entscheidungen, und zwar vom „Heiligen Geist“ – und anderen zu helfen: „Ich spürte … dass das meine Berufung und Bestimmung war: Menschen Mut zu machen, die keine Hoffnung haben, und ihnen Vertrauen in ein besseres Leben zu wecken.“

Er hilft heute in der Lebens-Wohngemeinschaft „Gutes Lande“ in Bayern – gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern ist er dort Zuhause – suchtkranken Männern, wieder frei von Alkohol und Drogen leben zu lernen.

Mir selbst als fernwehgeplagter Leserin wurde wieder einmal bestätigt: Wenn du auf Reisen bist, immer weiter weg, immer ferner – wird dich kein Ziel glücklicher machen als das vorhergehende, wenn du dabei DEN Ort suchst, der Zuhausegefühl, Zufriedenheit und Lebenssinn verspricht. Du wirst nicht fündig. Egal, wo du bist. Denn dein Zuhause kannst du nur in dir selber finden. Oder wie der Autor: In Gott – wobei … wer weiß, ob es nicht ein- und dasselbe ist …

Anja Wilhelm

*Klosterähnliches Meditationszentrum, religiöse Herberge in Indien

Dirk Oskar Hellmann/Gudrun Lahme
DIE NEUEN ABENTEUER EINES TAUGENICHTS
Von einem, der auszog, das Glück zu suchen
Blaukreuz Verlag 2016
ISBN 978-3-941186-64-4
Taschenbuch
13,50 Euro


Tatort Krankenhaus

Hochgerechnet 21.000 Patientenmorde in Heimen und Krankenhäusern

Nach „Tatort“, Deutschlands beliebtester Krimiserie, benennen Professor Dr. med. Karl H. Beine und Jeanne Turczynski ihren neu erschienen Titel zum skandalösen deutschen Krankenhaus- und Pflegeheimwesen. Die Autoren rechnen eine aktuelle Umfrage der Universität Witten-Herdecke mit gut 5.000 Teilnehmern für ganz Deutschland hoch.

Dies ist natürlich eine hochspekulative Zahl. Beine ist Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der untersuchenden Universität Witten-Herdecke. Turczynski ist Redakteurin in der Redaktion Wissenschaft beim Bayerischen Rundfunk. Daher verwundert die sehr bodenständige Herangehensweise an das komplexe Thema Krankenhaus, Versorgung und Pflege.

Ausgehend vom Fall Niels H., dem „Massenmörder im weißen Kittel“ (Frankfurter Rundschau), welcher zugab, in Oldenburg und Delmenhorst mindesten 30 Patienten mittels Medikamenten zu Tode gebracht zu haben und weiterer spektakulärer Patientenmordfälle, soll dargestellt werden, wie die Überlastung der Pflegekräfte, die Unzulänglichkeiten des Systems und die Widersinnigkeit der Fallpauschalen einen schlechten, teils mörderischen Umgang mit den Patienten hervorrufen. Belegt wird dies überwiegend mit Zahlen aus der oben genannten Studie der Universität Witten-Herdecke und der minutiösen Schilderung von tödlichen Einzelfällen. Auch werden Auswüchse des unbestritten schlecht arbeitenden Krankenhaussystems teils mehrfach benannt, z.B. ein 93-Jähriger, dem eine neue Herzklappe implantiert wird. Um am Ende in sieben Forderungen (z. B: bessere Ausbildung, Klasse statt Masse oder Wehrt euch!) zu gipfeln, deren Adressat aber unbestimmt bleibt.

So nachvollziehbar Kritik am bestehenden überkomplexen Gesundheitssystem ist, so wenig nachvollziehbar ist der Weg, den die Autorin und der Autor gehen. Ausgehend von Mord und Totschlag fokussieren sie auf die Arbeitsbelastung und den Patientenschlüssel der Pflegenden in Deutschland und stellen dem Schweden als positives Beispiel entgegen. Sie fordern, die Ökonomisierung des Krankenhausbetriebes abzuschaffen zugunsten einer dem Patienten zugewandten Medizin und Pflege. Als Vorschlag zur Finanzierung von mehr Pflegenden pro Patient, besserer Ausbildung, Coaching und anderen wünschenswerten Dingen schlagen sie vor, die Chefarzt-Boni zu streichen, nach meiner Einschätzung ein Tropfen im großen Fass der Gesundheitsindustrie. Es wird sich sogar zu der Frage verstiegen: „Muss tatsächlich ein Medikament gezahlt werden, bei dem eine Dosis 100.000 Euro kostet?“ Eine weitere Auseinandersetzung mit der Finanzierbarkeit ihrer Forderungen findet nicht statt.

Beide vermeiden eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem weltweit teuersten Gesundheitssystem, welches nur bestenfalls mittelgute Ergebnisse liefert. Gefragt werden müsste, warum kein Geld für mehr Pflegende im System ist. Liegt es an der Aufteilung in private und gesetzliche Kassen, liegt es an der Anzahl der 200 gesetzlichen Krankenkassen? Liegt es daran, dass nicht alle nach ihrem wirtschaftlichen Leistungsvermögen in die Gesundheitskassen einzahlen? Natürlich ist bei der Verteilung des Geldes der Versicherten eine Ökonomisierung zu wünschen, man darf dies aber nicht Politikern, Lobbyisten, Krankenkassendirektoren  und Gesundheitsmanagern überlassen, auch die Pharmaindustrie ist außen vor zu lassen. Der vorliegende Titel bringt wenig Neues, breitet dies aber weidlich aus. Vielleicht wäre es besser gewesen, wirklich nur die Kriminalfälle im Krankenhaus zu reportieren, auch der Abrechnungsbetrug zählt dazu. Die Forderungen an das System hätten vielleicht in einer eigenen Publikation Platz gefunden, begründet und dargestellt anhand der immer wieder im Buch auftauchenden Studie der Universität Witten-Herdecke und deren Zahlen.

Torsten Hübler

KARL H. BEINE, JEANNE TURCZYNSKI
Tatort Krankenhaus
256 S., geb., Droemer Verlag, München, ISBN 978-3-426-27688-4, 19,99 Euro


7 Cover CannabisPsychiatrie Verlag Basiswissen

Cannabiskonsum und psychische Störungen

Michael Büge, Berliner Therapeut aus dem Suchtbereich, schreibt einen hilfreichen Praxis-Ratgeber über Cannabis, nicht nur für Fachleute.

24.000 Cannabisabhängige in der Hauptstadt sind kein Pappenstiel. Dies nur vorausgeschickt, damit der Leser die enorme Dimension des oft bagatellisierten Rauschmittels einschätzen kann. Büge geht sehr systematisch an das Thema, gibt erst Grundinformationen zum Cannabis und dessen synthetischem Ableger, sog. „Badesalze“, um dann praktische Fragen aus dem Alltag des Missbrauchenden zu diskutieren. Über die Erklärung der Sucht und den Wechselwirkungen zu psychischen Erkrankungen und Medikamenten kommt er zur Behandlung. Die Rolle der Helfer und Angehörigen wird besprochen und Vorschläge für ein konkretes Handeln im Umgang mit dem Suchtkranken werden gemacht.

Neben der guten Systematik ist auch das Druckbild sehr hilfreich, da Kernwörter fett gedruckt am Rande stehen und so ein Auffinden bestimmter Themenkomplexe erleichtert wird. Auch werden Merksätze und Beispiele verwendet, die das Büchlein zu einem hilfreichen Ratgeber machen. Geschrieben für Praktiker, Therapeuten und andere in der professionellen Suchthilfe Tätige, kann es auch hilfreich für Angehörige von Cannabismissbrauchenden sein, die sich im Bereich Cannabissucht schnell und effizient orientieren wollen. Die einzelnen Kapitel sind kurz und sehr konzentriert geschrieben. Neben den allgemeinen Themen geht es um folgende psychischen Erkrankungen und deren Wechselwirkungen mit Cannabis: Depression, Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen, ADHS und verschiedene Psychosen.

Am Ende werden noch Web-Links und ausgewählte, weiterführende Literatur aufgelistet.
Ein schneller und umfassender Einstieg in das Thema.

Torsten Hübler

MICHAEL BÜGE
Cannabiskonsum und psychische Störungen
152 S., TB., Psychiatrie Verlag, Köln, ISBN 978-3-88414-635-4, 17,95 Euro


7 cover dunkelblauDunkelblau.

 Vor drei Jahren starb der Vater an den Folgen der Alkoholsucht. Ganz allein, ja einsam sogar, in seiner Wohnung. Dominik Schottner erfuhr es damals von der Polizei am Telefon, als er, 500 km entfernt, gerade in seiner Küche steht und Kartoffelsuppe kocht …
Seitdem hatte sich der Autor auf den Weg gemacht, herauszufinden, warum das passieren konnte. Nun ist sein Buch darüber erschienen.

Ihm war immer bewusst, dass sein Vater zu viel trank. Zu viel, seit er sich erinnern kann. Schuldgefühle kamen hoch: Hätte er etwas tun sollen dagegen? Tun können überhaupt?

Er macht sich auf, quer durch Deutschland, um Verwandte, Freunde, Kollegen des Vaters zu befragen – und erinnert sich zurück in seine eigene Kindheit mit einem trinkenden Vater. Wie wurde er zum Alkoholiker? Wann und warum begann alles? Wie hätte man ihm helfen können? Hätte er Hilfe überhaupt angenommen?

Für Alkoholabhängige ist an der Geschichte des alkoholkranken Vater nichts tatsächlich neu. Wir kennen aus eigenem Erleben, wie man sich fühlt, wie man leidet, kämpft, sich schämt. Was aber neu ist: Dass sie von einem nichtsüchtigen Außenstehenden, vom Sohn sogar, erforscht und betrachtet wird. Nicht als Bewerter und Verurteiler. Nein, der Autor fahndet fast liebevoll nach Anzeichen und Ursachen. Versucht, Rat zu finden in der Suchtforschung (zum Beispiel: Kann Alkoholismus vererbt werden?), in der Suchtpolitik, bei Betroffenen.

Auf spannende und in einem für mich geübten, tollen Schreib-Stil – er ist Journalist und Radiomoderator – verwebt er diese seine neuen Erkenntnisse mit der Geschichte seiner Suche, seiner Erinnerungen und die der anderen.

So erleben Angehörige einen alkoholabhängigen Menschen, so leiden sie häufig unter ihm – ja, diese Blickrichtung mal anders herum finde ich persönlich sehr wichtig!

„Warum trinken wir eigentlich überhaupt Wein und Bier und Schnaps?“, das ist die Grundfrage, bei der der Autor landet. „Die Antwort: Weil Sie, weil ich, weil wir es so gelernt haben.“ So kommt er auf das Thema der gesellschaftlichen Akzeptanz von Alkohol. Die Universaldroge der Welt, wie er es nennt, preiswert und allgegenwärtig. Und er stellt weiter fest, dass „… dieses gesellschaftliche Klima Erfüllungsgehilfe und Henker zugleich“ für Suchtkranke wie seinen Vater ist.

Dominik Schottner teilt mit diesem Buch seine Erkenntnisse mit dem Leser – und kann vielleicht den einen oder anderen auf den eigenen unbedachten Umgang mit dem Feierabendbier oder dem Problem-Schnäpschen aufmerksam machen …

„Dunkelblau erzählt eine Familiengeschichte, die auch unsere sein könnte“, bemerkte ein Rezensent treffend, finde ich.

Anja Wilhelm

DOMINIK SCHOTTNER
Dunkelblau. Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor
254 Seiten, Taschenbuch, Verlag PIPER, ISBN 978-3-492-06062-2, 15 Euro


7 Cover Erhard

Vom Sollen zum Wollen

Lesen Sie es, dieses Büchlein … das ist meine Empfehlung: An den noch unentschlossenen Alkoholkranken. An jenen, der gerade eine Entwöhnung hinter sich hat – und an diejenigen, die schon lange trocken leben. Jeder kann den Gedanken Anton Erharts etwas für sich entnehmen, finde ich.

Denn etwas ist anders, ist besonders an diesem Büchlein in der langen Reihe inzwischen vieler Bücher von trockenen Alkoholikern: Es ist kein bloßer Erfahrungsbericht. Zwar berichtet  der Autor natürlich von seinem Weg in die Trinkerei. Vom Verlust von Ehe und Job. Von Entgiftung und Therapie. Von seinem Weg in die Trockenheit bis hin zur zufriedenen Abstinenz. Diese Geschichte gleicht den unseren. Typischen Alkoholiker-Lebenswegen. Wir können uns wiederfinden darin.

ABER: Mit seiner Erfahrung von 18 Jahren Trockenheit ist er in der Lage, auch zu reflektieren. Zum Beispiel die Warum‘s, die Wie’s. Er stellte sich selbst viele Fragen im Laufe der ersten Zeit, wie: „Ich hätte die Freiheit, weiter zu trinken, doch zu welchem Preis? Wäre ich bereit, die Konsequenzen zu tragen?“ oder „Wieso sollte ich ein Recht auf Glück haben?“ Solche Fragen teilt er mit dem Leser. Erzählt, wie er welche Antworten fand. Unwillkürlich stellt sich der Lesende diese Fragen auch selbst dann … Und Anton Erhart spricht den Leser auch sehr häufig direkt an: „Möchtest du sagen können, ich trinke keinen Alkohol mehr, und das ist gut so?“ Jeder kann sich seine Antworten dann selbst finden. Und das eben ist noch etwas sehr Besonderes: Der Autor nimmt den Lesenden an die Hand in einem Erkenntnisprozess, wenn es der Lesende denn will.

Anton Erhart schreibt nicht, um sich selbst darzustellen. Schon gar nicht, um uns seinen persönlichen Weg als DEN Königsweg aufzudrücken, Recht haben zu wollen oder gar zu sagen: Du musst dies und das! Eher wirken seine Gedanken, seine Worte, ja … mitfühlend ist vielleicht das richtige Wort. Helfen wollend, ohne Druck. Und das immer, immer positiv. Darum geht es ihm: Zu motivieren. Das tut er vor allem in Kapiteln wie „Loslassen“, „Veränderung des Denkens, Handelns und Fühlens“, „Dafür und nicht dagegen, „Auch du hast ein Anrecht auf Glück“, „Vom Sollen zum Wollen“. Er schreibt zum Beispiel: „Mir hat geholfen, dass ich Abstinenz nicht mehr als notwendiges Übel ansah und als Verzicht, sondern als besondere Leistung und Freiheit, die mich keine Energie kostet, sondern mir sogar Energie gibt. Ich habe mir erlaubt, wieder Spaß und Freude am Leben zu haben, damit ich keinen Alkohol mehr trinken möchte.“

Wie er bis dahin gekommen ist, wie er das geschafft hat, diese zufriedene Abstinenz, die nur eintreten kann, wenn man mehr ändert im Leben als nur das Trinkverhalten, das können Sie sehr detailliert in seinem Buch nachlesen.

(Übrigens: Anfangs bin ich zwar über die zahlreichen Groß/Kleinschreibungs-und Kommafehler gestolpert, weil sie manchmal etwas den Sinn veränderten – aber da das Buch im Selbstverlag ohne Lektorat erschien, kann man sich doch rasch und verständnisvoll daran gewöhnen ;-))

Anja Wilhelm

ANTON ERHART
Mach dich unabhängig – vom Sollen zum Wollen
Softcover, Taschenbuch, 144 Seiten
Verlag www.epubli.de
ISBN: 9783956454851
7,99 Euro


7 GurgelStatistik der Versoffenheit

Der Arzt Magnus Hirschfeld beschreibt das Elend durch den Alkohol im wilhelminischen Berlin

Ein Fund im Antiquariat macht die Neuausgabe des vergessenen Werkes „Die Gurgel Berlins“ von Magnus Hirschfeld im kleinen Berlin-Neuköllner wortransport.de Verlag erst möglich. Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Arzt in Berlin-Charlottenburg, bekannt wurde er als Sexualforscher, setzte sich aber auch mit der verheerenden Wirkung des Alkohols auseinander. Vor der „Gurgel Berlins“ schrieb er schon „Der Einfluss des Alkohols auf das Geschlechtsleben“, danach „Alkohol und Familienleben“, die auch einer Neuauflage harren.

In im Jahre 1905 erschienenem Werk „Die Gurgel von Berlin“ beschränkt er sich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet, den Alkoholmissbrauch in der Stadt Berlin. Dabei bedient er sich in allen drei Kapiteln eines unverdächtigen Werkzeugs, der Statistik.

Hirschfeld führt penibel auf, wie sich der Bestand der Branntweinhandlungen und -schenken langsam erhöhte, setzt dies ins Verhältnis zur Einwohnerzahl. Desgleichen schreibt er von Weinlokalen, Bierrestaurants, Schankwirtschaften und Kaffeehäusern mit alkoholischem Ausschank. Im Jahre 1905 werden 157 Berlinerinnen und Berliner von einer gastronomischen Einrichtung mit alkoholischem Ausschank versorgt, eine Steigerung um 83,8 Prozent in zwanzig Jahren, wie der Mediziner feststellt. Der Autor setzt auch die Anzahl der Schenken in Relation zur Anzahl der Berliner Grundstücke, nach seiner Rechnung befand sich in jedem zweiten Haus ein alkoholischer Ausschank. Auch internationale Vergleichszahlen zieht er heran, in Wien z.B. versorgte ein Ausschank 1.244 Einwohner.

Der Arzt Hirschfeld zeigt im zweiten Teil die katastrophalen gesundheitlichen Folgen des Nervengifts und zieht nicht nur die Berliner Statistik heran, dem heutigen Leser wird manche Kategorie der Datenerhebung absonderlich vorkommen (z.B. bei Suizid die Kategorien „wegen Laster“ oder „wegen Leidenschaft“), sondern auch die Berichte seiner renommierten Kollegen aus den großen Berliner Krankenhäusern und Nervenheilanstalten. Überraschend für den Leser ist 100 Jahre später, welches Wissen schon damals über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums bestand. Im weiteren Verlauf der Beobachtung führt Hirschfeld den Zusammenhang von Obdachlosigkeit und Alkohol sowie Kriminalität und Alkohol aus, alles unterlegt mit Zahlen und plastischen Beispielen. (Mit Interesse hat der Rezensent zur Kenntnis genommen, dass es 1905 schon den „XI. [elften] Kongress gegen den Alkoholismus“ in Stockholm gab, sich also die Medizin schon seit mindestens, aus heutiger Sicht, 123 Jahren öffentlich und international mit dem Alkoholismus beschäftigt.) Den schädlichen Folgen des Alkoholkonsums fügt der Mediziner noch eine weitere, alle Bürger betreffende, hinzu, die ökonomische. „Alle Fachleute sind sich darüber einig, dass die Belastung des Kommunalhaushalts durch den Alkoholismus in Deutschland eine sehr erhebliche ist“, führt er aus und unterlegt auch diesen volkswirtschaftlichen Aspekt mit einer Menge Zahlen. Das Kapitel endet mit dem Aufruf: „Zwei Probleme individueller Lebensführung harren heute mehr denn je der Nachprüfung und Lösung: Die Alkoholfrage und die sexuelle Frage.“ Die sexuelle Frage ist weitgehend gelöst, die alkoholische harrt noch ihrer Lösung.

Im dritten und letzten Teil befasst sich der Autor mit der Alkoholkrankenhilfe, die es auch schon gab. Er sieht Suchthilfe als Kampf gegen das finanzkräftige „Alkoholkapital“. Interessant für den Leser, es gab schon damals ein alkoholfreies Restaurant, welches aber mangels Zuspruch schließen musste. Auch hier schaut er über den Berliner Tellerrand und benennt z.B. Schweden, das seinen Rein-Alkoholkonsum von 23 Liter pro Kopf und Jahr in 1829 auf 3,6 Liter im Jahre 1896 reduzieren konnte und resigniert „ Im ganzen Königreich Schweden mit 5 Millionen Einwohnern finden sich weniger Branntweinverkaufsstellen als in Charlottenburg“. Hirschfeld zeigt die schon damals existenten zwei Säulen der Suchthilfe, die professionell-medizinische und die nichtökonomische Selbsthilfe. Er setzt seine Hoffnung auf die neue Trinkerheilanstalt in Fürstenwalde und zeigt ausführlich die Aktivitäten der verschiedenen Abstinenzverbände und –vereine, wie z.B. Guttempler, Blaues Kreuz, Heilsarmee. Er lobt die Produzenten alkoholfreier Getränke und verdammt den Markt der Scharlatane mit den „Trunksuchtmitteln“ Damals wie heute ist die Dauer der (zu kurzen) Entgiftung und Entwöhnung Thema. Auch werden Gesetzgebungsvorhaben und Steuererhebung thematisiert.

Insgesamt ein Kabinettstück, welches der Verlag ausgegraben hat. Für Medizinhistoriker bestimmt eine hilfreiche Abhandlung, kann das Werk aber auch den normalen Leser interessieren. Hirschfeld ist kein Schriftsteller und der vorliegende Band ist kein belletristisches Vergnügen, aber ein populärwissenschaftliches Sachbuch. Für Menschen, die an Kultur- oder Berliner Geschichte interessiert sind, ein lesenswertes Stück Zeitgeschichte. Es ist schon erschreckend, wie viel Wissen es im Jahre 1905 schon über die Alkoholkrankheit gab, und wie wenig in über 100 Jahren seit dem Erscheinen des Titels in Sachen Suchtbehandlung und Suchtprävention geschehen ist.

Torsten Hübler

MAGNUS HIRSCHFELD
Die Gurgel Berlins
218 Seiten, TB, worttransport.de, Berlin; ISBN 978-3-944324-70-8, 12,00 Euro


Denn sie wissen nicht, was sie tun

„Vorsicht, Erfahrungsbericht!“, möchte ich am liebsten vorher warnen.

Denn dieses Buch ist vielleicht nichts für zartbesaitete Seelchen? Es kann erschüttern. Indem es sehr detailgetreu die schleichende, tragisch-dramatische Entwicklung einer schweren Krankheit – der Alkoholsucht, schildert

Es gibt bereits so einige Erfahrungsberichte von trockenen Alkoholkranken in Buchform. Aber das Besondere an diesem von Belinda Stern ist: Sie macht es nachvollziehbar auch für Außenstehende, dass die süchtige Trinkerei keine Schwäche des Willens ist, kein Fehler des Charakters. Täglich kämpft sie darum, weniger oder gar nichts zu trinken. „Jeden Morgen beschimpfte ich mich still als Versager, Nichtsnutz, Tunichtgut. Jeden Morgen nahm ich mir vor: Heute ist mein letzter Tag mit Alk.“ … „Abends lag ich mit Entzugserscheinungen im Bett. Ich war schweißgebadet, mein Herz raste, jeder Muskel und jeder Nerv zitterte und mein Puls spielte verrückt.“ Dagegen trinkt sie dann dennoch immer wieder an … Und das heimlich. Niemand soll es bemerken, weil sie sich schämt und schuldig fühlt.

Alkoholkranke Leser werden erinnert werden … So wie ich. Mir war, als würde Belinda Stern MEIN einst nasses Dasein schildern. Sie emotionalisiert nichts, schildert ganz sachlich ihre Tagesabläufe mit Feind/Freund Alkohol. Ja, genau so habe ich dahinvegetiert als Pegeltrinkerin. Das Büchlein erinnert mich an Details, die ich längst weit hinten im Gehirn abgelegt hatte. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich ebenfalls Wein in Limoflaschen umgefüllt hatte zur Tarnung. Jeden Tag neu planen musste, wann genau ich wohl wieder einen kleinen Underberg – oder mehr –brauchen würde gegen das Zittern, um nicht aufzufallen und halbwegs gerade laufen und denken zu können. Wo ich den verstecke könnte oder einnehmen kann. Ich wusste nicht mehr so im Detail, dass ich genauso mit meinen Liebsten verbal gefochten hatte, sie beleidigt, verletzt, wie Belinda Stern. Dass jeder Tag einfach nur die Hölle war bis zum nächsten Schluck, der irgendwann auch nicht mehr befreite. Ich durchlebte alles nochmals. Wollte es gebannt weiterlesen – und wiederum auch nicht. Nach einigen Seiten musste ich das Buch immer wieder zuklappen, es bedrückte mich zu sehr.

Andererseits fühlte ich mich auch wie ein Beobachter, Außenstehender, ich konnte das Drama sehen wie in einem Spiegel, aber es war nur ein Spiegel, es war nicht mehr ICH. Teil des Gesundungsprozesses?

Die Story des Buches des Buches ist rasch erzählt:

Über den Zeitrahmen von neun Jahren schildert Belinda, Mutter von zwei Kindern und mittlere Angestellte einer Spedition, ihr Leben. Als ihre innig geliebte Mutter stirbt, trinkt sie vor Kummer drei Gläser Wein auf Ex. Die wohltuende Wärme überrascht sie. Bald wird der tägliche Wein selbstverständlich. Sie ahnt aber irgendwann, dass das doch nicht mehr normal sein kann. Schafft es aber nicht, aufzuhören. Es wird täglich mehr. Dennoch funktioniert sie, sie schafft es, im Job und Zuhause zu verheimlichen, wie es ihr wirklich geht. Ihre Filmrisse, ihre Streitlust belasten das Familienleben mit dem neuen Partner, der die Ursache nicht bemerkt. Nach neun Jahren allerdings und bei Schnaps in großen Mengen angelangt, ist sie körperlich und seelisch am Ende. „… ich beneidete jeden, der mir begegnete … Sie waren frei, frei von dem Diktat des Alkohols … Ich dagegen fühlte mich wie eine Gefangene.“ Sie entscheidet sich für professionelle Hilfe …

Ein Buch für Trockene, die sich erinnern und niemals vergessen wollen.

Ein Buch für Angehörige und Freunde von Alkoholkranken, die verstehen wollen.

Und ein Buch für jene, die noch um eine Entscheidung ringen, um die Erkenntnis: Bin ich Alkoholiker oder nicht?

Anja Wilhelm

BELINDA STERN
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Mein Leben als „Nasse“ Alkoholikerin:
Neun Jahre, vier Monate und zwölf Tage
215 Seiten
AAVAA-Verlag
ISBN: 978-3-8459-1339-1
11,95 Euro


7 cover ALKOHOL-Die Gefahr lauert überall!Drei Bücher in einem

„Saufen kann jeder und die reine Lebensgeschichte eines Trinkers, will die jemand lesen?“ schreibt Burkhard Thom in seinem hier besprochenen Titel über die Buchpläne saufender Prominenter. Sein Buch ist zur einen Hälfte genau das, eine Säufergeschichte. Ein deutscher Manager säuft sich weltweit durch die Flughafenlounges, Edelhotels und Nobelrestaurants. Der lukrative Geschäftsabschluss, ein erfolgreicher Messetag, ein Geschäftsessen, ein langer Flug, es gibt immer Gründe, dem Alkohol zu frönen, zuerst nur auf geschäftlicher Ebene, später werden auch am heimischen Herd die Pullen versteckt und heimlich konsumiert. Nach Feierabend kommt das gesellschaftliche Leben nicht zu kurz, ein alkoholisches Getränk geht immer und überall. Zusammen mit seiner Frau plant er den Ausstieg aus der Sucht. Nachdem er in seinem räumlichen Umfeld ein in seinen Augen unzulängliches professionelles Hilfeangebot vorfindet, macht er einen „kalten Entzug“ zuhause und besucht ein Jahr lang eine Nachsorgegruppe. Er ist heute seit 23 Jahren trocken. In seiner alkoholischen Autobiographie setzt er sich auch mit der Verbreitung des Alkohols in Gesellschaft und Lebensmitteln auseinander. „Will die jemand lesen?“ Wenn man sich mit der Sucht auseinandersetzt, erkennt man im Austausch mit anderen, dass es DIE Sucht nicht gibt, jeder hat seine eigene Ausprägung, insofern ist auch die Schilderung von Thoms Sucht für den Leser hilfreich und zeigt einen Menschen, der sich seiner Krankheit gestellt hat und sie zum Stillstand bringen konnte. Eine Erfolgsgeschichte, die man gerne liest, die Mut macht.

Im zweiten Teil findet sich die Korrespondenz mit Lebensmittelherstellern zum Thema Alkohol in ihren Produkten, die der Verfasser nur kurz kommentiert. Es werden viele Produkte des täglichen Lebens behandelt und dem Leser wird der Untertitel klar, „Die Gefahr lauert überall“, nicht nur in der Schwarzwälder Torte, auch in Hygieneartikeln und in der Medizin. Dieses Kapitel ist sehr unübersichtlich und schwer zu lesen, kann aber dem frisch Entzogenen Hinweise für die neue Lebensführung geben.
Im letzten Teil hat sich der Autor mit einem Spitzenkoch zusammengetan und bietet 33 alkoholfreie kulinarische Rezepte auf hohem Niveau. Mache Rezepte wird kaum ein Leser dieser Zeilen je verwirklichen, z.B. „Cremesuppe vom Hummer mit Curry & Kokos“ (man benötigt u.a. 600g Hummerschalen), andere sind durchaus für den Normalbürger machbar, so das „Schmorhuhn“. Wer gerne kocht, findet hier Anregungen für das eigene Speisenangebot.

Hier hat jemand seine Jahrzehnte Suff, seinen Weg in die Trockenheit und seinen 23 Jahre währenden Erfolg in einem Buch aufgeschrieben, das eigentlich drei Bücher ist. Eine Autobiographie, ein Diskurs über versteckte Alkohole und ein Kochbuch, was eine Empfehlung an einen Leserkreis schwierig macht. Zum Schluss möchte ich dem Verlag bei einer weiteren Auflage empfehlen, dass ein gewissenhaftes Lektorat durchgeführt wird – es gibt beispielsweise recht viele Doppelungen in der Erzählung – und ein akribisches Korrektorat, da Satz- und Rechtschreibfehler das Lesevergnügen dieser Auflage sehr trüben.

Torsten Hübler

BURKHARD THOM
Alkohol : Die Gefahr lauert überall
212 Seiten; Klappenbr.; AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf; ISBN 978-3-8459-2000-8; 11,95 Euro


cover Albers-BuchWolfgang Albers: Zur Kasse, bitte!

Gesundheit als Geschäftsmodell

Es gibt Bücher, die ich gerne bespreche, weil sie mir geistigen Genuss bereitet haben, und es gibt solche, die ein ungutes Gefühl erzeugen. Die Journalistenpflicht erfordert aber, das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen.

Das vorliegende Buch gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Erstens ist es ein Sachbuch, eine Analyse, und zweitens sind die genannten Fakten nicht neu, aber in der Konzentration bedrückend. Es geht um den Wandel des Gesundheitswesens zur Gesundheitsindustrie und den vom Patienten zum Kunden. Was ursprünglich Teil des „Sozialstaates“ war, wird jetzt Teil des ausschließlich profitorientierten Monopolkapitals. Auch in der deutschen Bundesrepublik, die im weltweiten Vergleich noch über ein solides Staatswesen und eine profitable Wirtschaft verfügt, werden durch die Regierung im Zuge der neoliberalen Globalisierung und der steigenden Umschichtung der Geldmittel von unten nach oben ehemals staatliche Aufgaben an private Unternehmen „verkauft“: Energieversorgung, Verkehrswesen, Wohnungswesen, Wasserwirtschaft und eben auch das Gesundheitswesen. Damit ist der Bürger zunehmend der Willkür und den Preisen der privaten Konzerne ausgeliefert. Deren Interesse ist natürlich nicht das Wohl der Menschen, sondern ausschließlich der Profit (wer mehr dazu wissen möchte, lese bei Karl Marx oder Noam Chomsky nach). Der Staat verletzt mehr und mehr eine seiner Hauptaufgaben, die Daseinsfürsorge für seine Bürger, ausgedrückt in einer alten römischen Rechtsnorm, nämlich: salus populi suprema lex – das Wohl des Volkes ist das oberste Gesetz.

Ein Insider analysiert

 Der Arzt Wolfgang Albers, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, analysiert in seinem Buch das deutsche Gesundheitswesen unter dem Gesichtspunkt des Wandels von der sozialen gesundheitlichen Fürsorge zum profitorientierten Wirtschaftszweig. Dabei geht er von den Ursprüngen der sozialen Sicherungssysteme aus, schildert die Anfänge der Krankenkassen und des Kassenarztsystems und kommt bereits im ersten Kapitel zu dem Schluss, dass die Solidargemeinschaft ein Auslaufmodell zugunsten der Privatisierung ist. Die Ärzte werden Unternehmer und die Krankenhäuser wandeln sich „… in Profitcenter und Renditefabriken“, wie er dann im Folgenden anhand zahlreicher Beispiele ausführt. Hier hat das Unbehagen schon längst von mir Besitz ergriffen: Wenn der Patient als Profitquelle gesehen wird, inwieweit kann ich dann Ärzten und Kliniken noch vertrauen? Werden meine Erkrankungen künstlich verlängert, statt sie möglichst schnell zu heilen? Werden mir Operationen aufgeschwatzt, die zwar nicht unbedingt erforderlich sind, Chirurgen und Krankenhäusern aber größtmöglichen finanziellen Nutzen bringen? Bekomme ich Medikamente, die den Gewinn der Pharmaindustrie erhöhen, aber für mich überflüssig sind (vgl. auch unsere Besprechungen der Bücher von Giovanni Maio und Peter C. Gotzsche)?

Noch ist unser Gesundheitssystem eine stabile Säule des Sozialstaates. Allerdings belegt Albers anhand zahlreicher Fakten, wie der Umbau zur Gesundheitsindustrie beschleunigt wird, unter tatkräftiger Mithilfe der Politik. Dabei beschreibt er auch, wie die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen mit ihren Beiträgen zunehmend gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die eigentlich aus Steuermitteln zu finanzieren sind, übernehmen müssen. Als Beispiele nennt er die „Gesundheitsförderung in den Schulen und Kindergärten, die Förderung von Selbsthilfegruppen oder von Beratungsstellen“.

Im Kapitel 3 beschreibt der Autor „Gesundheit als Ware“. Darin kritisiert er u. a. die bei den niedergelassenen Ärzten häufig angebotenen IGeL-Untersuchungen (Individuelle Gesundheitsleistungen). Allein 2014 wurden jedem dritten Patienten diese aus eigener Tasche zu bezahlenden Leistungen angeboten. Er verweist auf solche Angebote wie die Licht- und die Bachblüten-Therapie, die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke oder das sogenannte „Baby-Fernsehen“ in geburtshilflichen Praxen. Auch die Vielzahl von Therapien und Medikamenten, die vor allem in bunten Blättern beworben werden: „Befindlichkeitsstörungen wandeln sich so durch ein entsprechendes Marketing zu ausgewachsenen Krankheiten und selbst normale Lebensprozesse, wie eine Glatzenbildung …, geraten auf einmal zum medizinischen Problem. Manchmal mit fatalen Folgen.“ Daraus resultiert seine Schlussfolgerung: „Bekannt ist schon lange, dass die Pharmaindustrie mehr Geld in die Vermarktung ihrer Produkte steckt, als in die Erfindung neuer.“ 60 000 Medikamente sind in der Bundesrepublik zugelassen, aber etwa 2 000 würden für alle ausreichen.

Wo bleibt das Geld?

 Heute wird über die „Eigenverantwortung“ der Menschen diskutiert, sei es bei Rente, Arbeitslosigkeit oder Gesundheitsversorgung. Dabei ist damit nichts anderes gemeint als eine „Eigenbeteiligung“ an den Kosten, die allerdings jeder durch die entsprechenden Versicherungen bereits übernommen hat. Wohin die Gewinne, nicht nur im Gesundheitswesen, verschwinden, steht im „stern“ 50/2016, S. 32: „Den Zugewinn haben sich die …oberen vier bis fünf Prozent gesichert: die Eigentümer der Unternehmen und ihre treuesten und teuersten Angestellten, die Topmanager … Allein dem reichsten einen Prozent gehört heute ein Drittel von allem, und das reichste Promille besitzt ganze 17 Prozent.“ Dass die Gesundheitsindustrie da nicht abseits stehen will, ist nur zu verständlich, zumal es immer Behandlungsbedürftige geben wird und die Altersstruktur der Bevölkerung dazu beiträgt. Und nur wenig ist dem Menschen so wichtig (und so teuer) wie seine Gesundheit.

Auch die vielgepriesenen „Reformen“ der vergangenen Jahrzehnte „liefen … im Kern nur auf eine Verschlechterung oder eine Verteuerung der Gesundheitsversorgung für die große Mehrheit der Bevölkerung hinaus“. Letztendlich werden ärztliche und klinische Leistungen verkauft. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Mensch, sondern der Gewinn. Diesem Dilemma sind aber nicht nur die Kunden (früher: Patienten) unterworfen, sondern auch die niedergelassenen Ärzte und das Personal in den Krankenhäusern: Eine unzumutbare Zahl an Überstunden, Personaleinsparungen, Beschäftigung von minderbezahlten (und qualifizierten) Hilfskräften, Leiharbeitskräfte (bis hin zu Ärzten: rent a doc) tragen nicht nur zu einer Überforderung, sondern auch zum Qualitätsverlust in der Medizin bei. Besonders geißelt Albers den „Dokumentationsirrsinn“. Ein klinischer Internist wendet pro Schicht über drei Stunden dafür auf, ein Kassenarzt hat es mit 60 unterschiedlichen Formularen zu tun. Dabei laufen viele Krankheiten über die „Disease-Management-Programme“, die einen riesigen Dokumentationsaufwand erfordern, egal, ob bei einem Diabetes oder beim Bluthochdruck.

Abgesehen von der enormen Belastung der Mediziner geht hier wertvolle Zeit verloren, die besser dem Patienten zugutekommen sollte.

Schlussfolgernd stellt Albers fest: Die marktwirtschaftlichen Steuerungsmechanismen führen zwangsläufig zu einer nichtbedarfsgerechten Gesundheitsversorgung, weil die, welche die Versorgung in der Regel am nötigsten brauchen, sich diese Versorgung nicht mehr werden leisten können. Für diese Menschen beschränkt sich ihre medizinische Behandlung auf die Grundversorgung, denn mehr ist für die Alten, für die chronisch Kranken und für die anderen, die nicht über die nötige Kaufkraft verfügen, auf einem solchen Markt nicht zu haben.

Seine Aussagen für die Wandlung des Gesundheitswesens zum Gesundheitsmarkt belegt der Autor durch zahlreiche Fakten und Beispiele. Je länger der Leser sich in das Buch vertieft, umso mehr ergreift ihn das eingangs geschilderte Unbehagen. Geht es in der Konsequenz doch um nichts weniger als die weitere Auflösung der Solidargemeinschaft und somit um gesellschaftliche Grundsatzfragen. Wenn wir zulassen, dass unser Leben immer weiter nach einem ökonomischen Darwinismus ausgerichtet wird, werden immer mehr auf der Strecke bleiben. Eins ist zumindest klar: Das gegenwärtige Gesellschaftssystem und die Politik sind nicht in der Lage und nicht willens, einen grundlegenden Wandel herbeizuführen. Berufspolitiker sind abhängig von Lobbyisten und Topmanagern, und diese genießen offensichtlich einen lebenslangen Welpenschutz. Wer sich also über einen Teilaspekt, nämlich die Probleme im Gesundheitswesen, informieren möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Denn Wolfgang Albers beklagt nicht nur, er zeigt auch mögliche Lösungen auf.

Jürgen Schiebert

 Wolfgang Albers
Zur Kasse, bitte! Gesundheit als Geschäfts-Modell.

218 Seiten
Das Neue Berlin
ISBN 978-3-360-01312-5
14,99 €


Eine Million Minuten von Wolf Kueper

Eine Million Minuten von Wolf Kueper

„Lamsang, keine Hastik!“

 Seit diesem Buch mache ich etwas anders. Um es mal theatralisch auszudrücken: Es hat mein Leben verändert. Na gut, etwas weniger: Es hat etwas in meinem Alltag verändert. Ein Beispiel: Wenn ich, wie vorher, zur S-Bahn haste, in Gedanken schon im Büro und bei der Arbeit, fällt mir jetzt mitunter die kleine Nina ein, die Hauptfigur. Und ihr aus hastig und Hektik zusammengebasteltes kindliches „keine Hastik“. Ich grinse – und schau auf meine Füße, gehe langsamer und bemerke plötzlich jeden einzelnen Schritt. Kopfsteinpflaster. Grauer Stein. Poliert von vielen Füßen (in Hastik). Ein Herbstblatt, golden-rot, Ahorn. Ich gehe. Und nichts weiter …

Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du?“, sagt die vierjährige Nina eines Abends beim Zubettgehen. Ihrem Vater und Autor des Buches, Wolfgang Küper, geht das nicht mehr aus dem Kopf, während er als  Umweltwissenschaftler von einem Ort zum nächsten auf der ganzen Welt reist, von einer Konferenz zur anderen und gerade einen Karrieresprung plant. Sein Leben besteht aus Hektik und Stress. Aber Nina braucht ihren Vater. Vielleicht sogar mehr als andere Kinder. Denn sie ist mit einer Feinmotorik-Störung geboren. Zum Schuhe anziehen (mit Klettverschluss) braucht sie alleine schon vier Minuten. Um ein halbes Brötchen mit Salami zu essen: 19 Minuten. Das Leben mit ihr sei, als wäre man mit einem Dreirad auf einer Autobahn unterwegs, beschreibt Küper.

Er will und muss etwas verändern in seinem Leben, nicht nur Nina und seiner Frau Vera zuliebe. Sie entscheiden sich, einen Traum, der eigentlich auf irgendwann verschoben war, sofort wahr zu machen: Nämlich zu reisen. Eine Million Minuten unterwegs zu sein, das sind ungefähr zwei Jahre … Sie leben nicht in Hotels, sondern in Hütten, am Strand, in der Wildnis. An exotischen Orten. Auf Inseln in Thailand. An Küsten Australiens. In den neuseeländischen Alpen. Sie besitzen nur das Notwendigste, leben ganz einfach, aus dem Koffer. Und oftmals einfach in den Tag hinein. Zeit spielt keine Rolle. Alles, was sie tun – ob das Beobachten von Riesenameisen im Urwald, das Herstellen von Ziegeln aus Erdmatsch, beim Floßbauen oder Sammeln von Holz für das Lagerfeuer – alles das tun sie einfach. In der Zeit, die es eben braucht. „Nach und nach war das Metronom des Alltags unhörbar geworden.“ Sie genießen es, da zu sein. Hier zu sein. Zu leben. Lernen sich und einander besser kennen. Und: „… irgendwann war aus dieser Reise das Leben geworden. Die Zeit, das ist doch das eigene Leben …“. Küper beschreibt diese Zeit als Reise nach innen.

Ja, natürlich, wer kann sich schon eine solche Auszeit finanziell leisten. Aber ich glaube, was Küper dabei erlebte, erkannte – das ist gut übertragbar, in den ganz normalen Alltag. In jedermanns Leben. Zumindest ab und an als Frage: Wie verbringe ich sie gerade, diese meine eine Minute jetzt? Will ich das so – oder anders?

Und noch etwas: Der Autor beschreibt so freundlich, heiter, so witzig, dass zumindest ich mir wünschte, das Buch möge nie enden. Ich habe damit erhellende 1000 Minuten meines Lebens verbracht… und das wünsche ich Ihnen auch!

                                                                                                                                                                                      Anja Wilhelm

Eine Million Minuten
Wolfgang Küper
Knaus Verlag
€ 19,99
Gebunden
ISBN: 978-3-8135-0743-0
Erschienen: 09/2016


7-fitfaircoverFit und fair im Netz

Da liegt es, unübersehbar im Regal im Laden, das Buch FIT UND FAIR IM NETZ. Die Cover-Illustration mit den poppigen Farben und den beiden magisch dreinschauend stilisierten Gesichtern deutet darauf hin, es ist ein Buch für die junge Generation. Aber wer von den Jungen hat Nachhilfe nötig, wer hält sich nicht für ‚fit‘ im Netz? Und was ist heutzutage schon ‚fair‘? Maßstäbe und Vorbilder, mit Blick in den Alltag – nicht nur in jenen der Politik und nicht nur nach Amerika – weitgehend Fehlanzeige.
Der Untertitel „Strategien zur Prävention von Sexting und Cyberbullying“ verrät: Das Buch widmet sich einer Thematik die uns alle angeht, Groß und Klein, Greise und Junge, Schüler, Jugendliche, Erziehende und Lehrende – und vor allem uns Mittelalterliche, uns Eltern.
Der Autor Felix Rauh, erfahren in systemisch-lösungsorientierter Beratung und professioneller Begleitung von Lehrenden, Eltern und Schülern, ist Schulsozialarbeiter und weiß wovon er berichtet. Im Interview macht er die Omnipräsenz vom Netz so deutlich:
„Mit traumwandlerischen Bewegungen wischen wir über das Display, checken stumm und mit gesenktem Blick, ob Nachrichten eingegangen oder Statusänderungen erfolgt sind. Viele schauen morgens mit schläfrigem Blick als Erstes auf den Handyscreen und abends vor dem Einschlafen als Allerletztes. Und natürlich bleibt das Gerät auch nachts „on“ – sicher ist sicher, es könnte ja sein, etwas ganz Wichtiges … Tagsüber wird locker fünfzig, teils über hundert Mal zum Smartphone gegriffen, ob im Ausgang unter Freunden oder während des Geschäftsmeetings, ob in der Schule oder am Arbeitsplatz.“
Und weiter, so seine Erfahrung in Schulen: „Viele Menschen werden in ihrem digitalen Kommunikationsverhalten Opfer von suchtähnlichen Automatismen, ähnlich jener mit den Glimmstängeln. Die Zigarettenschachtel, sie ist nach ca. 18 Zugriffen entleert. Das Smartphone-Schächtelchen aber, es liefert unentwegt neue Zugriffsanreize. Und im Unterschied zur Zigarette verspricht das Smartphone keinen Nikotinkick, sondern mit jeder Neuigkeit einen Dopaminschub.“
Nebenwirkungen von permanenten Zigaretten-Kicks und Smartphone-Klicks sind aus Sicht von Onkologen für das eine und aus Sicht der Erziehungswissenschaft für letzteres längst nachgewiesen.
Hand aufs Herz, bei der Beschreibung dieses uns allen bekannten Tatbestandes durch den Autor fühlt sich jeder Leser selber auf frischer Tat ertappt. Trotzdem, Angst ist nicht angebracht, das Buch klagt nicht an, es informiert, klärt auf, gibt Hilfestellung, eröffnet Eltern und Lehrenden Einblicke in ihnen oft verborgene Realitäten wie in Snapchat, Yik-Yak, WhatsApp-Gruppen, Foto-Sharing im Alltag von Schülern und Jugendlichen. Aber auch bejahrte Leserinnen und Leser kommen ins Sinnieren über ihren längst eingeschliffenen Umgang mit ihrem klettenhaften digitalen Begleiter.
In den siebzehn in sich geschlossenen Kapiteln bekommt der Leser „Inputs für einen reflektierten Umgang mit den neuen Medien und insbesondere mit Social Media“. Die Geschichten erzählen u. a. von der Faszination „Im Banne des Displays“, von der „Mär vom Multitasking“, thematisiert Leid und Scham an Beispielen von „Sexting“ und „Cyberbullying“, fokussiert den Stellenwert der „Eltern als zentrale Bezugspersonen“ und vermittelt für alte und junge Leser „Schritt für Schritt zur Medienkompetenz“.
Die Schule erfüllt „eine wichtige Integrationsfunktion und ist eine zentrale Sozialisationsinstanz“, schreibt der Autor. Dem will gewiss niemand widersprechen. Und die Frage, welche Bedeutung die Lehrenden den neuen Medien, deren Chancen und Gefahren beimessen, diese Frage haben sich auch alle Eltern zu stellen – und sie mit den Kindern konstruktiv zu bereden. Das Buch bietet ihnen eine sehr sachliche Information und es ist in einer Sprache geschrieben, die wohltuend ohne den wirren
Wust von Fachtermini aus der Welt des Netzes auskommt.
Das Kapitel „Klassenchat“ enthält Fragen über Fragen, ganz einfache Fragen zu Nutzen und Fluch des schnellen Chattens – und fordert dazu auf zu reflektieren unter seinesgleichen, in der Schule, in der Familie, in der Freizeit, im Berufsalltag.
Mit „Eintätowiert“ und „Heißer Sommertag“ liegen dem Buch für die praktische Arbeit in der Schule (1. Oberstufe) zwei Poster mit illustrierten Kurzgeschichten bei. Zudem ermöglicht das Buch Zugang zu Onlinematerial, welches Lehrpersonen eine Menge Inspiration bietet, die Thematik mit der eigenen Klasse in Workshops aufzugreifen.
Mit Blick auf die bevorstehende Weihnachtszeit, in der sich ja zu Hause gewiss mal wieder die Chance zum Reden ergibt, können diese Poster durchaus auch ein Aufhänger sein für einen fit und fairen Netz-Disput am Familientisch.
FIT UND FAIR IM NETZ nimmt aktuelle Netzpraktiken und Erziehungsthemen rund um die digitalen Medien auf und lädt – ressourcenorientiert und ohne gehobenen Zeigefinger – zur Reflexion ein: wie wir einen individuell gesunden und respektvollen virtuellen Umgang miteinander pflegenkönnen; wie wir als Erwachsene gegenüber Kindern gute Vorbilder sein können; welche Abmachungen Eltern, Lehrkräften, Kindern und Jugendlichen helfen, damit die Smartphones unser Leben bereichern, anstatt es zu erschweren.
Dem Buch ist sehr zu wünschen, es möge nicht nur in den Buchläden in den Regalen liegen. Es gehört in die Hände von Eltern und auf die Tische in den Lehrerzimmern.
Der Autor ist seit zehn Jahren in der Schulsozialarbeit OS Sense tätig. Dort war er verantwortlich für den Aufbau der Schulsozialarbeit und führt derzeit einen Beratungsdienst an zwei Oberstufenschulen. Für Anregungen zum Buch und für konstruktive Kritik können Sie sich direkt wenden an: ssa.os-sense@gmx.ch
Johannes N. Müller
Felix Rauh
FIT UND FAIR IM NETZ
Strategien zur Prävention von Sexting und Cyberbullying
ISBN Print: 978-30355-0479-8
ISBN Book: 978-3-0355-0357-9
www.hep-verlag.de/fit-und-fair
hep-Verlag Bern, 2016, Paperback,
132 Seiten und 2 Workshop-Poster, € 23,00


7-dirk-marx-coverrgbSei mutig!

Hier wollen wir das Buch, über dessen Vorstellung schon berichtet wurde, vorstellen. Dirk Marx „Ick durfte neue Wege gehen … und wollt‘ mich ma‘ bedanken“, eine Sammlung aus Gedichten und Prosatexten. Marx hat für seinen Titel gekämpft, nicht nur die Texte verfasst, sondern sich Umschlagsgestalter, Innengestalter, Setzer und eine Druckerei gesucht und, als er keinen Verlag fand, mit selbst aufgetriebem Geld sein Werk realisiert. Es ist durch und durch das Werk von Dirk Marx, der auch seinen Therapeuten aus der Fontane-Klink Motzen für ein Vorwort gewinnen konnte, Thomas Klein-Isberner.

„Als Kräuterschnaps noch zweimal brannte“
Im ersten Teil des Bandes merkt der Leser schnell: Der Autor fabuliert gerne und spielt ausgiebig mit den Worten. Bei den dort versammelten Gedichten reimen sich nicht alle Verse immer nahtlos aneinander, bei Joachim Ringelnatz gelang das auch nicht immer, gut war es trotzdem, aber der Autor erzählt damit seine Mission: Es ist besser, positiv ins Leben zu schauen als den schwarzen Hund des Missmutes spazieren zu führen. Es ist besser, trocken und zufrieden zu leben als besoffen im Unfrieden. Seinen Weg zeichnet der Autor in 32 langen und kurzen Gedichten, immer mit Humor. Es geht um die Leere, die Depression, die Suchtverlagerung und Selbstbefragung hin zur Achtsamkeit.

RIP
Der zweite Teil versammelt zwei Nachrufe auf nun verstorbene Personen, Therapeuten, denen Marx in der Entzugsklinik begegnet ist und die ihn tief beindruckten und ihm und seinem Leben eine Wendung gegeben haben, Joachim Duda und Rainer Meschede. Der dritte Nachruf ist seinem Bruder Olli gewidmet.

… wir fahr‘n, fahr‘n, fahr’n …
Die letzten beiden Arbeiten beschäftigen sich weniger mit dem süchtigen als mit dem allgemeinen Leben, dem deutschen Bußgeldkatalog und dem Leben in Königs Wusterhausen, Land Brandenburg. Dem Leser steht besinnliche und vergnügliche Zeit mit den Gedichten bevor. Menschen, die Herrn Duda und Herrn Meschede gekannt haben, werden an den tiefempfundenen und persönlichen Nachrufen anteilnehmen. Aktiven und ehemaligen Gästen der Fontane-Klinik Motzen, aber auch anderer Einrichtungen, werden einiges wiederkennen.

Gut angelegenes Geld, da auch von den zwölf Euro noch zwei Euro an eine Suchthilfe Einrichtung gehen. Ein bisschen umständlich ist der Beschaffungsweg, da das Buch nur beim Autor persönlich zu beziehen ist, Kontaktdaten stehen unten.

Torsten Hübler

Dirk Marx
Ick durfte neue Wege gehen … und wollt‘ mich ma‘ bedanken
200 Seiten, 42 Abb., Broschur
12,00 Euro
Selbstverlag:
Dirk Marx, Friedrich Engels Str. 6,
15711 Königs Wusterhausen
Tel. 0162 870 33 55
dirk.marx@freenet.de


du-hast-angefangenDU HAST ANGEFANGEN! NEIN, DU!

Wer die neuen Bestsellerlisten anschaut, der findet in den Bereichen Belletristik und Sachbücher meistens Bücher mit Hunderten von Seiten. Diese kann man tage- und nächtelang lesen. Das Buch, das wir heute vorstellen, hat allerdings nur 25 Seiten, pro Seite ein großes Bild und maximal drei Zeilen. Titel: „DU HAST ANGEFANGEN! NEIN, DU!“

Es handelt sich eigentlich um ein Kinderbuch. Aber, wie wir feststellen mussten, haben viele dieses Buch als Kind leider nicht gelesen, obwohl es bereits 1987 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Es handelt von einem blauen Kerl und einem roten Kerl, die beide an einem Berg leben und nur über ein Loch im Gipfel miteinander sprechen können. Gesehen haben sie sich nie. Sie geraten in Streit und werfen große Felsbrocken, die schließlich den Gipfel völlig zertrümmern. Zitat: „Du bist eine miese Flasche“, schrie der blaue Kerl und wuchtete einen Brocken, der wieder ein Stück vom Berg abbrach. „Und Du bist ein o-beiniger, labbriger Cornflake!“ brüllte der rote Kerl. Dieses Mal kickte er einen riesigen Felsbrocken.

Es handelt sich um ein geniales Buch, das es nicht ohne Grund bereits in der 15. Auflage gibt. Warum wir dieses Buch von David McKee hier vorstellen? Anders als der S. Fischer Verlag halten wir dieses Buch nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene als hervorragend geeignet. Wir halten es sogar für hoch aktuell. Wer nämlich täglich hört und sieht, wie sich bestimmte Herren in politisch einflussreichen Positionen streiten und wie dabei teilweise Hunderttausende Unbeteiligte ihr Leben verlieren, der würde sich wünschen, dass die Mächtigen dieser Erde gerade dieses Buch lesen, und zwar täglich. Eine Art von Fortbildung, die vielleicht hilfreich sein könnte.

Wie auf dem Umschlag zu lesen ist, handelt es sich um eine einprägsame und vergnügliche Parabel über Streit und Verständigung. Das Buch ist übrigens auch geeignet als Geschenk bei alltäglichen Streitigkeiten im privaten Bereich, in Selbsthilfegruppen, bei Parteiengezänk usw. usw. usw. …

                                                                                                                                      HM

David McKee
Du hast angefangen! Nein, Du!
Verlag S. Fischer 2015
5,95 Euro
ISBN: 978-3-7373-6045-6
(Siehe auch  www.blubberfisch.de


 

Wie alle anderen von John Burnside

Wie alle anderen

Ganz ehrlich? Ich möchte dieses Buch nicht ein zweites Mal lesen.
Weshalb? Es macht mich irgendwie … traurig. Es zieht mich ‘runter. Oder besser: Zurück. Zurück in meine Vergangenheit, in die düsteren Erinnerungen einer Suchtkranken. Ich leide mit dem Autor, wenn er versucht, nüchtern zu bleiben Tag für Tag. Der Trinker erkennt sich wieder in all seinen tragischen Versuchen, aufzuhören. „Geh zur Arbeit. Bring die Zeit rum beschäftige dich, und vor allem, bleibe so lange nüchtern wie irgend möglich …“

Burnside beschreibt den Abschnitt zwischen seiner Entlassung aus der Irrenanstalt (wie er die Klinik lakonisch nennt), beginnend mit seinem Entschluss, von nun als normaler Mensch zu leben – bis hin zur späteren Erkenntnis, dass dies doch nichts für ihn sei. Immer wieder versucht er, „normal“ zu leben, wie alle anderen um ihn herum. Er sucht sein persönliches Surbiton (ländliche Vorstadt von London), eine Wohnung, findet einen Job als Programmierer (später einen, bei dem er die Welt bereisen muss), geht morgens arbeiten, geht nach Hause, geht wieder arbeiten und so weiter. Lernt, Marmelade zu kochen, joggt, heimwerkert. Aber irgendwann landet er, der trockene Alkoholiker, doch wieder in einem Pub. Und dann noch einmal. Und dann immer wieder. Gesellt sich zu trinkenden Kumpanen, trinkenden oder nüchternen Liebschaften.
Er beobachtet – und nimmt den Leser mit dabei – die „normalen“ Menschen, ob im Büro oder auf einem Flughafen, wie sie leben, was sie tun, wie sie sich geben, was sie antreibt. Zwischen liebevoll und sarkastisch beschreibt er sie. Nie aber böse verurteilend.

Das normale Leben, das er ausprobiert, scheint ihn aber nur weiter in die Sucht zu treiben. Es ist ihm schlicht zu langweilig. Zu unattraktiv.
Also sucht er immer weiter. Aber wonach eigentlich? Irgendwo ist zu lesen: „… eine tiefe, hoffentlich anhaltende Zufriedenheit“.
Manchmal, in kleinen Augenblicken, meist in der Natur, ob in der weißen Stille eines finnischen Waldes oder nach einem Regenguss in Surbiton, tief berührend geschildert, ist da etwas. Fühlt er etwas. Nimmt er etwas wahr: Verbundenheit mit alles, was ist. Mit der Welt.

Im Schlusswort fasst er zusammen: „Nicht, wie die Welt ist, ist das Mystische, schrieb Wittgenstein, sondern dass sie ist … Und vielleicht war das über die vielen Jahre der eigentliche Grund für meinen vermeintlichen Wahn. In jenen Tagen, da ich geistesgestört war … konnte ich mich mit der gegebenen Welt einfach nicht abfinden.“

Auch wenn ich selbst mich kein zweites Mal in dieses Buch vertiefen möchte: Offen bleibt für den Leser, wie er es denn geschafft hat, irgendwann ein mit sich selbst zufriedenes Leben zu führen. Denn das lässt der klassische Rahmenbau, der zu Beginn und am Ende die Situation heute schildert – mit Familie und Kindern in einem Haus lebend – erahnen.

Das, ja das macht mich wirklich neugierig auf des mit vielen Preisen bedachten schottischen Poeten Burnsides nächstes Buch … wie ging es weiter, damals?

Anja Wilhelm

John Burneside
Wie alle anderen
Knaus Verlag
Gebunden, 314 Seiten
Erschienen: 22.08.2016
ISBN 978-3-8135-0714-0
€ 19,99


welzerFreiheit! Mir doch egal?

Es fällt schwer, das neue Buch des Sozialforschers und -psychologen Harald Welzer zu lesen, ohne dabei emotional zu werden. Noch schwerer fällt es, es abschließend neutral zu bewerten. Mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Distanz und  scharfer Beobachtungsgabe, gelegentlich aber auch mit der Arroganz des intellektuellen und weltfremden Zynikers, beschreibt er eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft, deren Mitglieder eben dabei sind, sich aus reiner Bequemlichkeit, Selbstverliebtheit  und Ignoranz freiwillig in die Unfreiheit zu begeben – und dabei das Kunststück fertig bringen, für diesen Wahnsinn auch noch zu bezahlen!

Zusammengefasst mangelt es unserer Gesellschaft offenbar an Bewusstsein und Verantwortungsgefühl. Die Vorzüge einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsform sind vielen von Geburt an selbstverständlich und damit offenbar keiner weiteren Beachtung würdig. Deshalb schaffen wir in unserer Gedankenlosigkeit und durch die freiwillige Aufgabe jedweder Privatheit im Internet die Basis für eine neue Form der Diktatur – die „Smarte“. Doch nicht nur das Internet ist gefährlich, auch eine neue Form des Kapitalismus bedroht unsere Freiheit und etabliert einen neofeudalen Tenor, der soziale Ungleichheit und Ausgrenzung von vornherein einkalkuliert. „Räuberische Formationen“ gehen systematisch gegen die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft und des demokratischen Kapitalismus vor und werden dabei von den mental sedierten Konsumsklaven der westlichen Wohlstandsgesellschaften bereitwillig unterstützt. An die Stelle Gottes ist längst der Markt getreten und wir erleben die Umwandlung der res publica zur res oeconomica, also der Republik des Volkes zur Republik des Marktes. Die individuellen Lebensumstände der Verlierer werden, ganz wie im Mittelalter, kurzerhand zum Schicksal erklärt. Der Einzelne verschwindet in einer von Algorithmen gesteuerten und personalisierten Online-Welt, die die Erfahrung des Neuen von vornherein ausschließt. Das Neue aber ist wichtig für jede Form der Entwicklung und so verstärkt sich laut Welzer das Gefühl, die gegenwärtigen Entwicklungen und Lebensumstände seien alternativlos.

Soweit so gut.

Gefangen im Netz
Man kann Welzer in vielem einfach nicht widersprechen. Unser Konsumverhalten ist maßlos, unser Gesellschaftsmodell basiert auf Ausbeutung und wir verlieren uns gleichzeitig in bigotten Diskussionen über Nachhaltigkeit, Wachstum und gleichem Recht für alle. Für unsere Bedürfnisse gilt: Alles, immer und sofort. Für die Konsequenzen: Nicht heute, nicht hier und schon gar nicht wegen mir. So reduziert der Soziologe systematisch und durch anschauliche Fallbeispiele belegt sämtliche Krisen der Welt auf eine einzige: Unser Wirtschaftssystem. Dabei sieht er die größte Gefahr für unsere Freiheit in den gegenwärtigen Entwicklungen der Internetindustrie. Er entlarvt einige der vermeintlich fortschrittlichen Errungenschaften dieser Branche als hochgradig antidemokratisch und spricht von „Blödsinn“, mit meist degenerativer Wirkung. So stellt er wiederholt die berechtigte Frage, inwieweit die selbst ernannten Heilsbringer von Google, Facebook und Co. unsere Welt tatsächlich besser machen und dabei helfen, echte Probleme zu lösen. Muss ich mir von einem Algorithmus diktieren lassen, welche Musik, Literatur oder welcher potentielle Partner zu mir passt? Ist es wirklich Fortschritt, wenn mein Smartphone mir täglich das Gefühl vermittelt, nicht zu genügen, weil ich statt der empfohlenen 10.000 nur 4000 Schritte gelaufen bin? War es je ein echtes Problem für mich, meine Milch im Supermarkt zu kaufen oder die Heizung hochzudrehen? Gemein ist all diesen technischen „Errungenschaften“ zum einen ihre Trivialität und zum anderen der Charakter der totalen Kontrolle und Überwachung. Denn ob wir wollen oder nicht: Das Internet der Dinge, die großen Internetkonzerne und Geheimdienste, allen voran die NSA,  speichern ALLES, was wir im Netz tun. Auf Vorrat. Allein die NSA soll für ihren Überwachungsapparat zwei eigene Atomkraftwerke beantragt haben, weil das öffentliche Stromnetz der USA demnächst nicht mehr ausreicht. Erschreckend nachvollziehbar entlarvt Welzer auch die so genannten sozialen Netzwerke als das genaue Gegenteil von dem, was sie zu sein behaupten. Er spricht von reinen Bewertungsplattformen mit Pogromstimmungs-Potential. Hier kann jeder, unabhängig von seinen Qualifikationen und dem Gesamtzusammenhang, alles und jeden konsequenzlos bewerten. Dabei wird nach Kräften ausgegrenzt und verurteilt und die Welt mit verlogener Hypermoral in Schwarz-Weiß Kategorien eingeteilt. Nicht selten schwappen die Folgen dieses Wahnsinns dabei von der Offline- in die Onlinewelt über, wie der Soziologe anhand erschreckender Fallbeispiele eindrucksvoll zu belegen weiß. Existenzen werden buchstäblich vernichtet. In China etabliert sich zum Beispiel gerade eine Art soziales Kreditsystem. Bei dieser Social-Media-Schufa werden Faktoren wie der Wohnort, Freundeskreis oder das Kaufverhalten nach fragwürdigen Kriterien bewertet und durch ein jederzeit und für jeden einsehbares Punktesystem gemessen. Selbst die Aktivitäten der Freunde im Netz wirken sich auf den Punktestand aus, der wiederum Auswirkungen auf die reale Kreditwürdigkeit, die Wohnungssuche und nicht zuletzt auf das soziale Umfeld hat. Klar, dass sich sowas massiv auf das Verhalten der Menschen auswirkt und jeder aus Angst vor Ausgrenzung oder Benachteiligung doch irgendwie zum Blockwart des anderen wird. Die totale Kontrolle. Auch die so genannte „Share Economy“, die positiv klingende Ökonomie des Teilens, wird von Welzer als das demaskiert, was sie ist: Ein Instrument, dass über kurz oder lang zur Monetarisierung aller Lebensbereiche und zwischenmenschlicher Interaktionen beiträgt. Wo früher ein WG-Zimmer für ein paar Tage kostenlos an einen Kommilitonen übergeben wurde, kommen heute Vermietungs-Plattformen wie Airbnb ins Spiel. Warum auch darauf verzichten, aus jeder Gelegenheit Kapital zu schlagen? Gemein ist den Inhabern dieser Share-Plattformen vor allem ihr hochgradig unsozialer und parasitärer Charakter. So besitzt das Carsharing Unternehmen Uber zum Beispiel kein einziges eigenes Taxi und muss folglich auch keine entsprechenden Konzessionen erwerben, Personalkosten bestreiten oder für die Instandhaltung und den Betrieb von Fahrzeugen bezahlen. Der Schaden für die Taxiindustrie ist mittlerweile existenzbedrohend.

Das Beste nicht zum Schluss
Anhand plakativer Überschriften, wie: „Digital ist fossil“ versucht Welzer, durch erfrischend bildhafte Gedankenmodelle und Fallbeispiele aufzuzeigen, dass die vermeintlich fortschrittlichen Errungenschaften der Internetbranche einen degenerativen, zerstörerischen Charakter und Einfluss auf menschliche und gesellschaftliche Entwicklungen haben. Dabei wirkt er gelegentlich selbst etwas fossil und irgendwie aus der Zeit gefallen. Das hier allerdings einer der letzten Dinosaurier der alten Frankfurter Schule, selbstgefällig und mit einem Aperitif in der Hand, dem Untergang der Welt vom Dachgeschoss seines Elfenbeinturms zusehen soll, wie von anderen Rezensenten behauptet, kann man so eigentlich nicht stehen lassen. Das Buch ist intelligent und spannend geschrieben und sehr gut recherchiert. Lediglich das letzte Kapitel, in dem Welzer Wege aus der Krise aufzeigt, wirkt etwas unbeholfen und fast schon verzweifelt. Hier büßt er in fast mitleiderregender Weise Seriosität ein und verliert sich in unfreiwilliger(?) Komik.

mahebest

HARALD WELZER
Die smarte Diktatur.
Der Angriff auf unsere Freiheit
Fischer
19,99 Euro
ISBN 978-3-10-002491-6


9783462048858_10„Man muss aufpassen“

Über Benjamin von Stuckrad-Barres „PANIKHERZ“

Da hat aber einer wirklich sehr kurz vor ganz knapp die Reißleine gezogen oder sie ist ihm gezogen worden (‚halb sank er hin‘…) und mit ganz viel Chuzpe und Hilfe hat Benjamin von Stuckrad-Barre, Autor  von ‚Panikherz‘, einem zu frühen Ende seines Lebens entkommen können.

Darin liegt mehrfaches, jedoch nur vorläufiges Glück. Zum einen und vor allem für den Autor selbst, der vor lauter Erstaunen über seine Rettung sogar die bemerkenswerte Energie aufbringt, seine Sucht-Biographie niederzuschreiben, zum anderen für den Leser, dem mit ausnahmsloser Ehrlichkeit und in höchst anschaulicher Weise und Sprache die Verzweiflung und tausendfach vergebliche Energie aufgeblättert wird, mit der der Autor seinen Wünschen, Zielen, Träumen hinterher hetzt und sich dabei immer mehr in den so grandios vergeblichen Versprechungen von Drogen verheddert.

Das Glück für Autor und Leser besteht aber vor allem darin, dass dieser Bericht – bei aller mutigen Verzweiflung, mit der Menschen ihren Träumen, Idealen und Wünschen entgegen leben – ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass eben diese doch stärker sein können als all das Elend unserer „normalen“ Existenz, die uns so viel verspricht und oft genau so wenig hält wie alle leeren Versprechungen aller Suchtmittel.

Dass dies so ist, belegt die zweite Hauptrolle in „Panikherz“ und dies ist niemand Geringeres als Udo Lindenberg, dessen Lieder und Texte dem Autor schon früh zur Leitplanke seines nervösen Lebens werden.

Udo Lindenberg selbst beweist ja permanent, wie weit ein selbst erfundenes Leben die Wirklichkeit prägen kann und wie stark Identität eben auch zu einem Wegweiser werden kann – zugebenermaßen nach endlosen Irrungen und Wirrungen, in denen Drogen-Konsum zum Selbstverständlichsten der Welt gehören, genauso wie die vielen Chancen des Scheiterns und Untergehens. Sucht entfaltet enorme und ungeheure Energien – Udo L. kultiviert die Lässigkeit und cooles Selbstvertrauen trotz vieler langer alkoholgeschwängerter Jahre – die auch er wohl erst jüngst durch Abstinenz erlöst hat.

Idole, Träume, Ziele, Wünsche sind wichtige und wegweisende Bestandteile des Lebens, aber sie bleiben nur Abziehbilder oder Projektion und sind zu oft nur Einbahnstraßen in die falsche Richtung oder ersehnte Realität im Gefängnishof der Illusionen, wenn nicht eine innere Sicherheit Halt bietet, der sich Gelassenheit und Solidarität zugesellen.

In einer Welt, in der Oberflächlichkeit und Erzeugung von Schein-Realität als Hauptbeschäftigung von Medien und ihren Produzenten Selbstzweck geworden sind, sind substanzlose Existenzen ohne Identität dankbare Opfer von Ersatzleben und MÜSSEN Illusionen nähren und füttern bis zur Bulimie.

Das innere Doppelleben passt nicht mehr in die Schablonen von Wünschen und immer mehr Scherben von zerplatzter Realität machen genau diese so unerreichbar für den Süchtigen.

Wie heftig und umfassend Rausch, Sucht und Leiden an Sucht in der Mitte unserer gesellschaftlichen Normalität angekommen ist und wie sehr sie offensichtlich als Korrektiv einer unerträglichen Realität benötigt werden – in „Panikherz“ kann es anschaulich und präzise nachvollzogen werden und darin liegt wohl auch der Grund dafür, warum die Lesungen des Autors so gut besucht sind und das Buch sich so sehr gut verkauft.

Aber zurück zur „Rettung“ und zum „Glück“. Wie fast immer ist es weniger eigene Einsicht oder Entschlussfähigkeit, die zur Wirklichkeit zurückführt – es ist die Droge, die niederzwingt und es ist Notwehr, wenn sich die Restbestände des Ichs aufraffen und jeden Notnagel verzweifelt begrüßen.

Wenn diese grandiose Rutschpartie durchs Leben eine Botschaft beinhaltet, dann ist es eindeutig der Weckruf, sich so früh wie möglich bewusst seiner Identität zu versichern und der nervösen und kurzsichtigen Hektik unserer so „aufgeklärten“ Gesellschaft Widerstand zu leisten. Glück ist mehr als die Abwesenheit von Unglück und Freiheit ist mehr als man darf – die Rettung für Benjamin von Stuckrad-Barre hat mit „Panikherz“ begonnen – sie wird Realität, wenn der begonnenen Abwesenheit von Drogen mehr als nur Nachsorge und beginnende Langeweile folgen. Hoffentlich wird es so sein, dass Udo Lindenberg und der Autor von „Panikherz“ nun frische Texte verfassen mit neuem spielerischem Mut, sich selbst immer wieder zu begegnen, ohne zu erschrecken und sich den eigenen Wünschen und Träumen wieder gefahrlos und mutiger zu nähern – sie sind wichtiger und notwendiger denn je, die Wünsche und Träume und die nüchterne Freundschaft von Stuckrad-Barre mit Udo Lindenberg.

Michael Annecke

Benjamin von Stuckrad-Barre:
PANIKHERZ
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
576 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04885-8
22,99 €


 Zwei Reisen zu sich selbst:
„Freut euchTosende Stille von Janice Jakait nicht zu spät“ und „Tosende Stille“

Sie ist allein auf dem weiten Ozean …

Und rudert und rudert. Meist Tag und Nacht. Durch Stürme und Flauten des Meeres. Und durch die in ihrem Inneren. Nur eine Sturmschwalbe begleitet sie 6500 Kilometer von der portugiesischen Küste an. Sie muss Öltankern ausweichen, sich vor Haien fürchten, haushohe Wellen überstehen. Nach 90 Tagen erreicht sie ihr Ziel. Eigentlich ihre zwei Ziele:
Barbados – und das, was sie antrieb , dieses Wagnis einzugehen: Die Suche nach sich selbst.

Sie ist heute die erste Deutsche, die mit einem Ruderboot (keiner Nussschale, sondern einem hochmodernen Boot) den Atlantik überquerte. Aber nicht um diesen Ruhm ging es ihr, sondern:

7 Jakait

„Wir können heute fast alles erreichen, doch was genügt und erfüllt uns wirklich? … Ich fand einfach keine dauerhafte Zufriedenheit – und auch keinen rechten Lebenssinn. Ich steckte in einem Hamsterrad fest.“
Auch in den ersten Wochen auf dem Ozean zermartert sie sich das Hirn und denkt und denkt und will den Sinn ihres Lebens mit dem Verstand ergründen. Doch erst in jenen Augenblicken, in denen sie, zu Tode erschöpft und  ohne Überlebens-Hoffnung, aufgibt, sich der Situation hingibt und nichts mehr denkt … wird sie dessen gewahr, was sie immer suchte: Sie spürt das Gefühl von Lebendigsein, rein in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Und als sie einem Wal begegnet, der ihr direkt in die Augen schaut, erfühlt sie plötzlich die ganze Welt als Eines …

„Mitreisend“ nannte ein Journalist dieses Buch, das 2014 ein Bestseller wurde. Dieses Buchstabenspiel trifft es, finde ich. Denn auch ich war beim Lesen mitgerissen vom Mitreisen-Dürfen. Ob Schmerzen, Hunger, Übelkeit oder ohrenbetäubender Wellenlärm – alles erlebt der Leser hautnah mit. Ungeschönt und ehrlich. Spannend in jeder Zeile.

Und natürlich habe ich sehnsüchtig auf das Folge-Buch gewartet. Janice hatte auf dem Meer sich selbst gefunden, das Sein im Augenblick wieder entdeckt. Wie nun aber hat sie wohl danach weitergelebt, an Land, in ihrem alten Umfeld, mit ihrer alten Arbeit als IT-Beraterin …?
Darum geht es in ihrem gerade erschienen Buch: „Freut euch nicht zu spät! Warum das zweite Leben beginnt,  wenn man begreift, dass man nur eines hat.“ Darin nennt sie ihre Extremtour heute eine Flucht, einen Egotrip. Aber sie persönlich habe das gebraucht auf ihrem Weg des Erkennens, des Sicht-Findens.
Wieder an Land, kommt sie vorerst gar nicht zurecht: „Jetzt konnte ich mich zwar stundenlang im Gezwitscher der Vögel verlieren und mich frei und erfüllt fühlen, doch der Lärm der Menschen trieb mich in den Wahnsinn.“ Sie zog sich zurück. Verlor Freunde. Und begab sich wieder auf eine Reise – in die Spiritualität. Mit geheimnisvollen Schamananmittelchen versucht sie, Erleuchtung und Erlösung zu finden. Das gelingt zwar für Stunden, aber nach denen landet sie immer wieder in der Wirklichkeit. Doch eines Tages waren da die Erdbeeren … Der Duft von Erdbeeren, der sie in einem Supermarkt streift. Sie steht vor dem Regal und beginnt  einfach so zu weinen. „Mein Herz öffnete sich, und ich spürte die Welt umso mehr, je weniger ich davon noch verstehen konnte. Und ich atmete dieses Leben ein …“.

Es scheint mir kaum möglich, in nur wenigen Sätzen zusammenzufassen, wie ihr Weg weiter verläuft, welche Erkenntnisse sie sammelt und welche Erfahrungen. Das muss dem Leser vorbehalten bleiben: Janice Jakait auf ihrem weiteren Weg vom Kopf zurück ins Herz zu begleiten, in ein zufriedenes, erfülltes Dasein. Nur so viel: Sie werden Gedanken finden wie „Wir sind schon, was wir suchen“, „Wir haben viel zu gewinnen, nämliche sinnliche Erfahrungen, die nur dem Menschen vorbehalten sind“, das zweite Leben sei „ der Frieden mit dem Leben, das wir die ganze Zeit schon hatten. Es ist der Frieden mit der Tatsache, dass wir alles erfahren und erleben dürfen, wie es ist“ oder „Die Bäume wachsen ohne unser Zutun, auch wenn sie niemand als Baum bezeichnet“.

Wie sie zu diesen Aussagen gelangte? Das Büchlein nimmt Sie mit bis dahin, immer wieder neu.
Ich empfehle es jedem, der auf der Suche ist, der in einer Krise steckt oder nach einer Krise nach Veränderung für sich sucht. Wir sind nicht das, was wir über uns denken, wir sind viel mehr – das ist wohl der Kernsatz.

Dieses kleine Buch passt übrigens in jede Handtasche – und die kurzen Kapitel laden ein zum Hinein schauen, wo immer man einmal ein paar Minuten Zeit hat. Es kann also ein Begleiter im Alltag werden …

Anja Wilhelm

JANICE JAKAIT

Tosende Stille
Goldman/Random Houses
5. Auflage 2016, Taschenbuch
9,99 Euro
Taschenbuch
ISBN: 978-3-442-15894-2
(auch als Hörbuch und ebook erhältlich)

Freut euch nicht zu spät
EUROPAVERLAG
April 2016
17,99 Euro
ISBN 9783958900240


7 b Schmidbauer

Was Wolfgang Schmidbauer für überflüssig hält:

Kann denn Duschen Sünde sein?

„Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall“, schrieb der plattdeutsche Mundartdichter Fritz Reuter (1810 – 1874). Er meinte damit, dass jeder seine Perspektive auf die Dinge und Erscheinungen hat.

Dieses Zitat kam mir in den Sinn, als ich mich mit Wolfgang Schmidbauers Buch „Enzyklopädie der dummen Dinge“ beschäftigte. Schmidbauer, bestsellernder Sach- und Fachbuchautor, erfolgreicher Paartherapeut und Kritiker des Konsumwahns, leitet seine Betrachtungen über die Ampel, das Auto, den Beistellherd, das Einmalbesteck, die Fernwärme, den Geländewagen, den Rasenmäher, die TÜV-Plakette und viele andere Dinge mit einem klugen Beitrag über „Ware und Intelligenz“ ein. Ausgangspunkt ist dabei der Widerspruch zwischen „gutem Wissen und schlechtem Tun“; z. B. wissen wir, dass Alkohol ungesund ist und sagen das auch unseren Kindern, trinken ihn aber trotzdem. Diesen Widerspruch im individuellen Handeln transformiert er auf die Konsumgesellschaften, die Raubbau an der Gegenwart betreiben, mehr verbrauchen als nachwächst und die Zinsen für ihre Kredite durch neue Schulden bezahlen. Daraus schlussfolgert er, „dass die Strukturen, die solche Entwicklungen bedingen, stärker geworden sind als die menschliche Einsicht.“ Er bezeichnet sie als „dumme Dinge“, die „unsere Möglichkeiten schwächen, einsichtig zu handeln, gesund zu bleiben und unsere Intelligenz zu trainieren.“ Dieser 37-seitige Eingangsessay (Vorwort) war für mich der eigentliche Gewinn beim Lesen des Buches, auch deshalb, weil er mit meinen Gedanken und Erfahrungen weitgehend übereinstimmt. Neben der Schilderung von Pfusch und Gewinnsucht kommen auch zwei der Hauptübel der menschlichen Entwicklung, die Bequemlichkeit und die Gedankenlosigkeit bzw. die mangelnde Fähigkeit, Dinge bis zum Ende zu durchdenken, zum Ausdruck. Hier bin ich sehr auf der Seite des Autors und seiner Kritik an der „Marktwirtschaft“, die oft doch nur eine Marketingstrategie ist, um dem Verbraucher überflüssige und nutzlose Dinge aufzuschwatzen. Vieles erinnert mich an meine Kindheit: wenn ich früher im Lexikon einen Begriff suchte, bin ich beim Nachschlagen an zehn anderen zuvor hängengeblieben und habe so unmerklich mein Wissen erweitert. Heute werde ich eindimensional und emotionslos von Google informiert. Oder wir konnten als Kinder – weitergegeben von unseren Vätern und Großvätern – Angeln, Pfeil und Bogen selber bauen bzw. unsere Fahrräder reparieren. Allerdings hatten die auch keine 33 Gänge oder Scheibenbremsen, trotzdem sind wir damit überall hingekommen. Ich will hier nicht den Eindruck erwecken „früher war alles besser“, sondern Schmidbauer nur beipflichten, dass einmal vorhandene Fähigkeiten und Instinkte weiter verkümmern, unter anderem aus den oben genannten Gründen. Die zur Zeit diskutierte Abschaffung der Schreibschrift, in Finnland für den Herbst 2016 schon beschlossen, ist eine Verneigung vor der Digitalisierung der Kommunikation, bei der man nur einen schnellen Daumen und Zeigefinger braucht. Vergessen wird dabei aber, dass schreiben auch die direkte Sichtbarmachung kognitiver Prozesse bedeutet. In einer französischen Studie wurde nachgewiesen, dass Kinder, welche die Schreibschrift schlecht beherrschen, auch schlechter lesen können. Was aber, wenn sich der Mensch in einer Notsituation befindet und Tablet oder Smartphone nicht funktionieren? Wir halten uns in unserer technischen Borniertheit für so fortschrittlich und huldigen doch nur einem Götzen, der uns abhängig (süchtig) macht.

In den konkreten Beispielen geht Schmidbauer mit der menschlichen Unzulänglichkeit ins Gericht. Es sind ja nicht nur die Produzenten, die uns abhängig und unmündig machen (vergleiche hierzu auch Kant und seinen Aufsatz “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ von 1784). Dazu gehören ja auch immer die Konsumenten, also wir. Nur zu gerne verschreiben wir uns dem „Fortschritt“, der aber oft neben Ressourcen auch unsere ursprünglichen Fähigkeiten kostet.

In vielen seiner konkreten Beispiele stimme ich Schmidbauer zu, so z. B. beim Laufband, der Fernsteuerung (-bedienung), der Spielkonsole oder dem Stacheldraht. Andere von ihm, durchaus auch ironisch betrachteten Dinge, wie die Wasserleitung, das Toilettenpapier, die Säge oder der Reißverschluss, möchte ich weniger missen.

Auch wenn sich Schmidbauer in seiner „Enzyklopädie“ mit ganz konkreten Dingen beschäftigt, so sieht er doch auch als Psychoanalytiker die Gefahr, die sich aus dem kritiklosen Umgang mit der „komfortablen Technologie“ (ich würde den Begriff „Technik“ bevorzugen) ergibt. Er bietet weniger Lösungen an, sondern mehr die „Darstellung eines Dilemmas, in das uns die Umweltsituation versetzt.“ Schließlich „schläft die menschliche Bereitschaft zur Regression nie und endet erst mit unsrem Tod“. Dabei sieht er klar die Gefahr eines Schwindens der menschlichen Kreativität.

Ich habe das Büchlein (229 Seiten) mit großem Interesse und Vergnügen, an manchen Stellen aber auch kopfschüttelnd, gelesen. Tiefere Einsichten, gepaart mit Kurzweil, sind für den aufgeschlossenen Leser garantiert.

Jürgen Schiebert

Wolfgang Schmidbauer:
Enzyklopädie der dummen Dinge
ökom verlag München 2015.
17,95€
ISBN 978-3-86581-732-7


7 Strunk 978-3-644-05081-5„Denn alles, was man sich vorstellen kann, gibt es auch“

 Der in Hamburg geborene Schriftsteller und Entertainer Heinz Strunk wagt in seinem im März beim Rowohlt-Verlag erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“ eine Reise an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft. Mit großem Einfühlungsvermögen, Rechercheaufwand und mit Milieukenntnis zeichnet er das psychologische Profil des deutschen Serienmörders Fritz Honka nach. Der Fall ging in die Justizgeschichte ein, nachdem der Münchner Staranwalt Rolf Bossi ein kontrovers diskutiertes Urteil wegen verminderter Schuldfähigkeit in Folge von „entwicklungsbedingter, seelischer Abartigkeit mit Krankheitswert“, erwirkte.

 Der Großteil der Handlung spielt sich rund um das 24-Stunden-Lokal „Der goldene Handschuh“ auf der Hamburger Reeperbahn ab. In einer vor Schmutz, Grausamkeit und Verzweiflung starrenden Welt verrotten die vom Leben und Alkohol gezeichneten, zerstörten Gestalten des untersten Trinkermilieus und scheinen nur noch auf ihre Erlösung, den Tod, zu warten. Hier war der Serienmörder Stammgast und traf drei seiner vier Opfer zum ersten Mal, bevor er sie, allesamt obdach- und mittellos, aus scheinbarer Großzügigkeit mit zu sich nach Hause nahm. Dort versklavte er sie buchstäblich und machte sie zum Spielball seiner krankhaften, sexuellen Fantasien – bevor er sie aus teils niederen, teils sadistischen Beweggründen ermordete. Der in seiner Entwicklung stark beeinträchtigte, schwere Alkoholiker Fritz Honka tötete zwischen 1970 und 1974 insgesamt vier Frauen, die er anschließend zerstückelte, und zum Teil in Plastiktüten verpackt in seiner Hamburger Wohnung verstaute. Heinz Strunk gelingt es beinahe spielerisch, den Leser in die perfide Gedankenweltwelt des Triebtäters und der Ihn umgebenden, schrillen Charaktere eintauchen zu lassen und fast ein Teil von ihr zu werden. Zugleich wirft er in seinem Roman eine schon vor den 70er Jahren heiß diskutierte Frage in den Raum: Kann ein Triebtäter für die ihm zur Last gelegten Verbrechen verantwortlich gemacht werden oder ist er so krank, dass er in psychiatrische Behandlung gehört?

An der Grenze zum Wahnsinn
In drei Handlungssträngen, die nur auf den ersten Blick ohne Bezug zueinander stehen, gelingt es dem Autor milieuübergreifend, die unter Alkoholeinfluss übermächtig werdenden, kranken Fantasien von drei augenscheinlich vollkommen verschiedenen Menschen lebendig werden zu lassen.

Da wären zum einen Fritz Honka, der im untersten Trinker-Milieu der Hamburger Reeperbahn nur dadurch auffällt, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt. Deshalb ist er auch wahnsinnig stolz auf seinen neuen Spitznamen „Fiete“, der einer Beförderung gleichkommt und der endlich zeigt, dass er jemand ist. Zwischen Allmachtsfantasien und fehlendem Selbstwertgefühl führen seine radikale Ich-Bezogenheit und sein übermäßiger Alkoholkonsum dazu, dass ihm selbst die abartigsten Gedankengänge die meiste Zeit „normal“ erscheinen. Der zweite im Bund ist der dauergeile und in Folge einer genetischen Beeinträchtigung entstellte, von Minderwertigkeitskomplexen zerfressene Sprössling der traditionsbewussten und (noch) wohlhabenden Hamburger Reederfamilie Dohrens: Wilhelm Friedrich 3 (genannt WH3). Von „den anderen“ oder seinen eigenen Gedanken im Leben und der Liebe aufs Abstellgleis gestellt, verzehrt er sich vor Sehnsucht nach Anerkennung und körperlicher Nähe, ohne dabei auch nur den geringsten Bezug zur Gefühlswelt der ihn umgebenden Menschen zu haben – oder haben zu können. Zu guter Letzt wäre da noch der erfolgreiche und stets gelangweilte Anwalt Karl von Lützow, der jüngere Bruder der Mutter von WH3. Er scheint nur in seinen menschenverachtenden und sexuell ausufernden, perversen Fantasien (auf)leben zu können. Wenn er getrunken hat, geht es ihm gut.

Gemeinsam ist allen dreien vor allem ihre triebgesteuerte Psychopathie und ihr stark ausgeprägter Hang zum Alkoholismus. Das übermächtige Gefühl innerer Leere und die Unfähigkeit zum Empfinden von Empathie machen sie zu stillen Leidensgenossen. Ihre, zum Teil grausamen, Persönlichkeitsveranlagungen werden unter Alkoholeinfluss um ein vielfaches verstärkt, Grenzen überschritten. Der sich stetig steigernde Wahnsinn, das Gedankenkreisen und sich Hineinsteigern in Denkmuster und kranke Fantasien nach dem „Genuss“ alkoholischer Getränke wirkt dabei so authentisch, dass man sich wohl nicht nur als (trockener) Alkoholiker beim Lesen immer wieder und auf schwer zu beschreibende Weise „ertappt“ fühlt – und sich zugleich angewidert abwenden möchte. Frauen werden zu Objekten und zum Spielball sexueller Grenzfantasien, Menschen werden zu Dingen und Mücken zu Elefanten.

Erst kommt der Gedanke, dann die Tat?
Nie ist ganz klar, ob und wann einer der drei Protagonisten die Kontrolle verlieren wird und vor allem: warum? Der einzige, der der Triebkraft seiner abartigen Fantasien letztlich voll erliegt und sie fast beiläufig auslebt, ist der Serienmörder Fritz Honka. Die Frage nach der Schuldfähigkeit und dem Umgang mit Triebtätern gewinnt umso mehr an Bedeutung, als die irren Gedanken und gelegentlichen Grenzüberschreitungen der anderen Figuren eben nicht zum Äußersten führen. Greift bei Ihnen eine letzte, moralische Schranke oder verhindert am Ende doch ein kleines bisschen Restempathie das Schlimmste? Heinz Strunk zieht den Leser von Beginn an auf schwer zu beschreibende Weise in seinem Bann. Mit unglaublichem Einfühlungsvermögen und großer Menschenkenntnis führt er an die Grenzen der Vorstellungskraft und erweckt eine abgründige und kaputte Welt zum Leben. Zum Schluss stellt man sich unweigerlich die Frage, wie viel von einem Fritz Honka, WH3 oder Karl von Lützow in einem selbst steckt und ob andauernder Alkoholmissbrauch irgendwann nicht jeden zum Psychopathen werden lässt.
(mahebest)

HEINZ STRUNK
Der Goldene Handschuh
Rowohlt
19,95 Euro
ISBN 978-3-644-05081-5


Reinhard Siemes:

Mein Todfreund, der Alkohol.

Beflügelt und zu Tode getrunken … Das Buch erschüttert Bastionen. Nämlich die der Suchttherapien und die der  „von Berufstrockenen dominierten Selbsthilfegruppen“. Der renommierte deutsche Werbetexter Reinhard Siemes (1940 -2011)  stellt nicht nur die Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit und Bigotterie in den Entzugsstationen, Kliniken, aber auch der „Trockenpropheten“ in der Suchtselbsthilfe in Frage, sondern er analysiert schonungslos seinen eigenen Weg durch alle Stationen der Sucht, dabei die schönen Seiten seines bewegten Lebens nicht aussparend.

In über 50 Kapiteln, geschrieben nach 2006, fasst er wichtige Stationen seines beruflichen Lebens, die ständig vom Alkohol geprägt waren, und seine Gedanken über Menschen, Dinge und Erscheinungen zusammen. Eine überaus spannend zu lesende Lektüre, die auch deshalb so fesselt, weil sie autobiografisch ist und tiefe Einblicke in die Szene der PR und Werbung der 1960er bis 2000er Jahre ermöglicht, in der der Alkohol gewissermaßen geistiges Schmiermittel war und noch heute ist (der Rezensent weiß, wovon er spricht). Genauso sprunghaft wie sein Leben verlief, sind auch die 56 Episoden angeordnet, der Leser kann also einsteigen, wo er will.

Dabei bezeichnet Siemes den Alkohol als seinen „Todfreund“, und in den fiktiven Dialogen mit ihm kommen in deutlicher Klarheit die zwei Seelen zum Ausdruck, die in der Brust eines jeden Trinkers wohnen. Der „Todfreund“ versucht nicht, ihn plump zum Trinken zu verführen, er wendet sich sogar gegen den Alkohol als „Heilsversprechen“, sondern er bezeichnet die Sucht als einen Weg zur Erkenntnis: „Ich, der Todfreund, meinetwegen auch Teufel, bin die wahre, die ehrliche Religion. Ich verspreche den Menschen nicht ewigen Frieden und Glückseligkeit, sondern mache ihnen bewusst, dass Wohlgefühl und innere Zufriedenheit nur geliehen und vergänglich sind. Ich nenne ihnen immer wieder den Preis, den sie bezahlen müssen, wenn sie sich mir bedingungslos hingeben: Kotzen, Zittern, qualvolle Ängste, Schmerzen und Tod. Propheten und Heilslehrer aber … versprechen nur das Gute … Eine wunderbare Lüge … Das Gute wird nur erlebbar durch das Böse, die Euphorie des Rausches durch den Absturz … Ich bin der wahre, der ehrliche Gott.“

Siemes hat eine erfrischend lakonische und sarkastische Art, mit sich selbst, aber auch mit Kollegen, Auftraggebern und Medizinmännern umzugehen. Seine Texte kommen mit der Komik des Entlarvens daher, aber seine Selbstentblößung ist nie exhibitionistisch. Dabei geht er in die Tiefe, bis dahin, wo es wehtut, um seine Befindlichkeit, aber auch die Liebe und das Leiden der ihm wichtigen Freundinnen zu beschreiben. Seine Darstellungen aus dem interessanten Leben eines Werbetexters wechseln mit der Analyse der Trinkphasen und der unterschiedlichen Kliniken und Therapien sowie der Erfahrungen in den Selbsthilfegruppen. Unter der Überschrift „Wer feiner säuft, darf auch einen feineren Entzug machen“, schildert er seine Eindrücke aus der bundesweit bekannten Oberbergklinik 1996. Für 610 D-Mark pro Tag wurden dort die „besseren“ Säufer, Ärzte, Rechtsanwälte, Hochschulprofessoren usw. behandelt, aber als Außenseiter. Dass der dritthäufigsten Todesursache in Deutschland, nach Krebs und Herzerkrankungen, auch heute noch im Medizinstudium nur einige Stunden gewidmet werden, ist nicht nur dem Autor unverständlich.  Dabei setzt sich Siemes, wie im ganzen Buch, sehr skeptisch mit Theorien und Vorgehensweisen auseinander. Namentlich benannt wird Prof. Heinz von der Charité, dessen These von der genetisch bedingten Funktionsstörung der Neuromodulatoren, die durch negative Lebensumstände verstärkt werden, seinen Widerspruch herausfordert, denn „kein Mensch wird mit Genen geboren, die ihn irgendwann zum Säufer machen.“ Dazu haben die Säufer nicht die geringsten Gemeinsamkeiten, es kann jeden erwischen. Das Motiv ist bei allen die Realitätsflucht. Suchtprägende Faktoren können nach seiner Meinung „Armut oder Überfluss. Dominanz der Mutter. Überzogene Ansprüche des Vaters. Bevorzugung der Geschwister. Zu wenig oder erdrückende Liebe. Freudloses Stadtviertel oder stressende Nobelgegend. Herrschsüchtige Lehrer oder Weicheier“ sein. Siemes betrachtet diese Faktoren zwar als persönlichkeitsbeeinflussend, nicht aber als direkte Suchtauslöser. Für ihn ergibt sich die Frage: „Warum trinke ich, mein Nachbar aber nicht, obwohl wir das gleiche Schicksal haben, den gleichen emotionalen Status? Das ist die große, unbeantwortete Frage, die ewige Grauzone des Alkoholismus. Das Wühlen in unserer Vergangenheit bringt darum gar nichts. Allenfalls die Psychiater haben was davon, wenn sie die Rechnung schreiben.“ Der Mangel aller Therapien besteht nach seiner Meinung darin, dass zwar alle gleich saufen, der Weg in die Trockenheit aber sehr individuell ist. „Den Weg in ein suchtfreies, zufriedenes Leben muss jeder für sich selbst finden und gehen. Doch statt Beistand bekommt er eine starre, zementierte Therapie übergestülpt … Ärzten und Therapeuten fällt es leider schwer, die Freiheit des Individuums zu berücksichtigen.“

Ähnlich zugespitzt und spöttisch geht er mit den Dogmatikern der Selbsthilfe ins Gericht. Er geißelt die „abstoßende Selbstgerechtigkeit der Trockenpropheten in den AA-Gruppen“ ebenso wie die „bigotten AA-Leierkästen mit ihrem Spruch von der wundervollen Gruppe, die ihnen die Augen geöffnet hat.“ Seine Kritik an der aktuellen Praxis in den Gruppen mündet in der Aufforderung: „Es ist an der Zeit, dass nicht nur die Ärzte, sondern auch wir, die Betroffenen, die gesammelten Thesen und Heilslehren überdenken. Mein Todfreund ist raffiniert und einfallsreich bis zum Gehtnichtmehr. Wenn ich ihm gegenüber kapituliere, was viele Selbsthilfegruppen als Voraussetzung für ein Leben in Trockenheit ansehen, wird er mich besetzen … Kapitulation bedeutet Unterwerfung. Ich muss meinen Todfeind bekämpfen und besiegen. Andernfalls werde ich auch als trockener Alkoholiker von ihm beherrscht: Ich muss ihm jeden Tag huldigen, indem ich mir sage, wie schön es ist, dass ich nicht trinke.“

Damit greift Siemes vermeintlich unumstößliche Prinzipien der Selbsthilfe an. Auch der Rezensent ist der Meinung, dass sowohl die klinischen Therapien als auch die Inhalte und die Struktur der Suchtselbsthilfe einer Reform bedürfen, denn eine Rückfallhäufigkeit von 70 bis 80 Prozent zeugt nicht gerade vom Erfolg der Bemühungen. Damit soll keinesfalls die Berechtigung aller vorhandenen Maßnahmen in Frage gestellt werden, aber, wie Siemes konstatiert, was Bill und Bob (die Gründer der Anonymen Alkoholiker) vor 80 Jahren geschrieben haben, mag damals gut und nützlich gewesen sein, heute stehen ganz andere Stressfaktoren vor uns. Auch der teilweise immer noch vergötterte Jellinek war zu seiner Zeit aktuell und richtig, inzwischen ist die Welt, auch die der Säufer, eine andere. Erste, vorsichtige Schritte in eine neue Richtung der Therapie sind bereits zu verzeichnen, die z. B. die Rigorosität der Abstinenz, mit der vor allem jugendliche Mehrfachabhängige nicht zurechtkommen, langsam auflöst. Die Eigenmotivation ist m. E. die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Weg in die Trockenheit. Nicht alle Positionen des Autors finden meine Zustimmung. Aber: es ist die schonungslose Analyse eines Lebens in der Hölle, aber auch im Himmel, wobei ersteres vor allem dem Alkohol geschuldet war. Hier hat sich einer der Mühe unterzogen, vermeintlich in Stein Gemeißeltes zu hinterfragen und zu durchdenken und im Kantschen Sinne seinen eigenen Verstand zu nutzen. Inwieweit der Leser ihm zustimmt, muss dieser selbst entscheiden, denn so manche Aussagen fordern in ihrer Provokation geradezu zum Widerspruch heraus. Das Reden in den Selbsthilfegruppen über eigene Erfahrungen, egal ob negativ oder positiv, ist immer noch sinnvoller und hilfreicher als das Wiedergeben übernommener Aussagen, die ich von irgendwem gehört habe und nun als Allgemeingut wiedergebe. Siemes spricht davon, dass das Trockenwerden auch einen bestimmten Lernprozess beinhaltet, im Sinne von Erfahrungen anderer individuell zu verwerten. Diese sollten dann allerdings auch auf persönlich Erlebtem beruhen und keine Floskeln wiedergeben.

Meiner Meinung nach gibt es zurzeit kein spannenderes und mehr zum Widerspruch herausforderndes Buch zum Thema „Alkohol“ als das hier besprochene. Einige Kapitel eignen sich hervorragend, um so mancher im eigenen Saft schmorenden Gruppe neues Leben einzuhauchen.

Dass ich bei der Lektüre wieder zahlreiche U-Bahnstationen verpasste, der Vollständigkeit halber.

                                                                                                                                                                                                                                  Jürgen Schiebert

Reinhard Siemes: Mein Todfreund, der Alkohol.
56 Episoden aus dem Leben eines Reklametexters, der auch Trinker war. Und eines Trinkers, der auch Reklametexter war.
avedition, Stuttgart 2015
360 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-89986-226-3
24,90 €


Das Jüngste Gerücht, Joachim Seiler, TrokkenPresse Verlag

Anmerkungen zur Veröffentlichung
des TrokkenPresse Verlages:

Joachim Seiler, „Das jüngste Gerücht“

In der großen Gemeinschaft trockener Alkoholiker ist Joachim Seiler eine Institution. Nach einem äußerst bewegten, nassen Leben hat er, wie viele andere auch, den Weg in ein Leben ohne Alkohol geschafft. Das war ihm allerdings längst nicht genug. Um auch anderen Betroffenen zu helfen, gründete er eine Selbsthilfegruppe und verfasste Bücher und Einzelartikel rund um den Alkohol und vor allem viel über die Wege, auf denen er letztendlich selbst das trockene Ufer erreichen konnte. Joachim Seiler hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass diese Wege steinig und schwierig waren. Trotzdem hat er bei aller Betroffenheit nie den Humor verloren und sich häufig mit spitzer Feder und einem feinen Sarkasmus vor allem mit den Ultras der Alkoholiker-Selbsthilfeeinrichtungen auseinandergesetzt. So auch in diesem Buch.Dieses Buch ist eine Sammlung von Texten, die Joachim Seiler in seiner aktiven Zeit verfasst hat. Es erschließt sich mir nicht, warum dieses Buch ausgerechnet „Das jüngste Gerücht“ heißen muss? Dieser Titel wurde in den sechziger Jahren vom Kabarettisten Wolfgang Neuss für sein Soloprogramm verwendet. Neuss war respektloser Spötter und Salonlinker, bis er sich für ein Leben im Haschisch-Rausch entschied. Neuss verstarb zahnlos, vereinsamt als Sozialhilfeempfänger fast unbemerkt am 5. Mai 1989 in Berlin.

Als Joachim Seiler geboren wurde, muss der griechische Gott Satyr[1] auf dem Dach des Hauses gesessen haben. Nur so ist für mich (mythologisch) erklärbar, wie dieser Mensch trotz Alkoholbelastung und einer Fülle privater und beruflicher Probleme (siehe Blaupause) den Weg zu einer derartig spitzfindigen, teilweise humoristisch bösartigen Schreibweise finden konnte. Und ungeachtet der zahllosen Meinungen im Umfeld der Sucht- und Alkoholexperten, hat es etwas außerordentlich Erfrischendes, Joachim Seilers Texte zu lesen.

Wer die Blaupause von Joachim Seiler kennt, dem liefert dieses Buch nichts wirklich Neues. Es ist noch einmal die Aneinanderreihung bekannter Auslassungen. Allerdings macht es Spaß, in dem 95 Seiten umfassenden Buch zu lesen! Das steht außer Frage. Dieses Buch ist zuallererst eine Würdigung des Menschen Joachim Seiler. Das hat er sich verdient, ersoffen und erschrieben. Daran gibt es nichts zu zweifeln.

Das jüngste Gerücht ist eine kurzweilige Lektüre für Abhängige und Unabhängige (um im Sprachgebrauch der TP zu bleiben) und dieses Buch hilft auch einen gesunden Abstand zum teilweise sehr verbohrten und festgefahrenen Denken der Old-School-Selbsthilfeexperten zu entwickeln. Ist diese Form des Umdenkens heute überhaupt nötig? Hier lege ich mich mit einem eindeutigen „Ja“ fest und stelle mich eindeutig auf die Seite von Joachim Seiler, der aus seinem gespannten Verhältnis zu den Ultras der Selbsthilfegruppen in keiner Zeile ein Geheimnis macht. Das jüngste Gerücht endet mit folgendem Satz meine alkoholischen Brüder und Schwestern, ihr selbst seid es, die über euch bestimmt und entscheidet.“

Damit legt sich Joachim Seiler eindeutig fest, dass er sich als Alkoholiker nie als Opfer, sondern immer als Täter gesehen hat. Auch im Zustand zufriedener Abstinenz bleibt der Autor Täter und nicht Opfer. Er bestimmt mit der Unterstützung von Experten den Zeitpunkt seines Ausstieges und damit auch den weiteren Verlauf seines Lebens. Er übernimmt als Täter selbst die Verantwortung für die Vergangenheit, Gegenwart und das, was ihn dann als Zukunft noch erwartet. Das ist Selbstverantwortung im wahrsten Sinne dieses Wortes!

Und weil er das so gemacht hat, hat er auch das Recht, die Finger in die Wunden des Lebens trockener Alkoholiker und ihrer Selbsthilfeeinrichtungen bzw. deren Vertreter zu legen.

Joachim Seilers Buch liefert erheiternde Beiträge für einen Lebensbereich, in dem es nicht immer für alle etwas zu lachen gibt. Wer sich allerdings auf den Weg macht oder gemacht hat, sein Leben endlich ohne Alkohol zu gestalten, hat auch ein Recht darauf, sein Lachen und seine Fröhlichkeit wiederzufinden, ohne deshalb gleich in euphorischem Größenwahn zu versinken. Niemand von uns (den trockenen Alkis) muss im Büßerhemd unter dem Teppich kriechen, sondern wir alle sollten uns darüber klar sein, trocken sind wir vor allem eines wieder: liebenswerte, achtsame Menschen. Das muss Joachim Seiler durch den Kopf geschossen sein, als er sich sehr kritisch mit dem Ritualen der SHG auseinander gesetzt hat, bei dem auf Gruppentreffen, nach der Namensnennung, das Bekenntnis zur Alkoholsucht zu erfolgen hat. J. Seiler stellt den Sinn dieses Ritual einfach nur zur Diskussion. Er sagt ja nicht, hört auf damit und dann wird alles viel, viel leichter. Was er aber mit diesem kurzen, einleitenden Gedanken meint, ist, dass wir uns besinnen sollen! Zuallererst auf uns selbst. Denn wir alle sind Täter und halten damit auch in unseren Händen, ein Leben ohne Alkohol hinzubekommen. Das nimmt uns niemand ab.

Dieses Buch ist wenig gut geeignet für Menschen, denen das Verhältnis zur Selbstironie abhandengekommen ist. Es ist kein Leitfaden zur Selbsthilfe für Suchtkranke und es ist völlig ungeeignet für Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen.

Dieses Buch ist gut geeignet für alle Menschen, die trotz Suchterkrankung ihr Leben wieder ohne Suchtmittel meistern und ihren Sinn für Humor nicht verloren haben. Dieses Buch liefert einen unschätzbaren Beitrag, dass Gedanken und Ideen des trockenen Alkoholikers Joachim Seiler in uns allen weiterleben können.

Joachim Seiler verstarb im Jahre 2014.

                                                                                                                                                                                        Joachim Köhler / Berlin-Michendorf

[1] Satyr wird von vielen Experten als der Urvater der Satire genannt. Als stets unbekleideter Mann soll er in der Antike mit kritischem Auge das gesellschaftliche Leben seiner Zeit beobachtet haben. Sprachwissenschaftler bestreiten diesen Zusammenhang. Für sie stammt das Wort Satire aus dem lat.: satira/ satura lanx


7 Wattengel 4cutWilfried Stüven: Wattengel

„Wattengel“ ist der zweite Roman des Autors Wilfried Stüven. Das erste Buch „Im Schatten der Schwebefähre“ wurde in der TrokkenPresse bereits in der Ausgabe Dezember 2014/Januar 2015 vorgestellt. Es ist ein Roman über den alkoholkranken Johannes, sein süchtiges Leben und den Weg, wie und mit wessen Hilfe er aus der Sucht herausgefunden hat.

Neben der Liebe zu Christina spielt im zweiten Buch die Freundschaft zu Schrubber, dem Freund aus Kindertagen, eine zentrale Rolle. Der ehemalige Lokführer ist zum Puppenspieler geworden, weil die Suizide anderer Menschen ihn aus der Bahn geworfen haben. Rückschauend wird zudem deutlich, wie Schrubbers Kindheit vom Putzfimmel seiner Mutter bestimmt war. Putzfimmel, Sucht, Putzsucht, Reinlichkeitsfimmel, gibt es da Ähnlichkeiten? Der Autor jedenfalls nennt jede Sucht einen Verrat an der Liebe.

Johannes und Schrubber finden am Ufer der Oste eine Flaschenpost, in der ein Kind in Not den Weihnachtsmann um Hilfe bittet. In Johannes werden böse Erinnerungen wach, wie er vor Jahren im Vollrausch leere Flaschen verwenden wollte, um mit einer Flaschenpost alle Kinder der Welt vor dem Alkohol zu bewahren. Damals nur das typische großspurige Denken eines Alkoholikers, suchen die beiden Männer jetzt nach realistischen Hilfsmöglichkeiten. Keinesfalls wollen sie den Hilferuf eines Kindes überhören.

In Wattengel wird aufgezeigt, wie lebenswert es sein kann, ohne Alkohol durchs Leben zu gehen. Johannes und die Tochter des Kaufmanns aus Jugendtagen sind heute ein sich liebendes Paar. Sie können das Leben gemeinsam genießen, aber auch die großen und kleinen täglichen Herausforderungen des Alltags gemeinsam meistern. In Wattengel spielt auch die nächste Generation eine wichtige Rolle. Johannes´ Tochter Bettina muss mit dem Verrat an der Liebe fertig werden und Schrubbers Tochter Lisan nimmt den Leser mit auf eine ungewisse und abenteuerliche Reise nach Spanien, um dort eine Spur in die Vergangenheit ihrer Familie zu finden.

Ohne das Ende vorweg zu nehmen: auch Wattengel hat ein gutes Ende. Manchmal erscheint die Handlung etwas märchenhaft und unglaublich. Aber der Leser / die Leserin sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Das Buch ist sehr lesenswert. Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Alkohol und andere Süchte, sondern ein Roman, in dem es um Liebe geht und um unsere Kinder. Ein Roman, der uns vor Augen führt, wie einfach das Leben sein kann.

                                                                                                                                                                                                                 Gerd Klütemeyer

Wilfried Stüven
Wattengel
swb media publishing 2016
12,80 €
ISBN: 978-3-945769-42-3


 

 Das-verlorene-WochenendeCharles Jackson: Das verlorene Wochenende

Der Schweizer Dörlemann Verlag hat Charles Jacksons sehr lesenswerten Roman „Das verlorene Wochenende“ dankenswerterweise wiederentdeckt. Die Erstauflage 1944 in den USA war ein Bestseller, 1945 verfilmt von Billy Wilder als „The Lost Weekend“ (dt. „Fünf Tage“).

In diesem Roman geht es um fünf Tage im Jahre 1936, die Don Birnam, Schriftsteller und Alkoholiker, in New York verbringt. Es ist das Jahr nach der Gründung der AA´s in den USA.
Sein Bruder Wick ist alleine aufs Land gefahren, Don hatte es so eingerichtet, dass er den Bruder verpasst und ihm nun geplante fünf Tage eines Rückfalls bevorstehen. Der Leser begleitet den Protagonisten durch ein alkoholisches Martyrium. Die Handlung des Romans ist recht einfach, der Held trinkt, vertrinkt und verliert öfters sein Geld. Das ganze Buch über bemüht er sich, Geld zum Saufen zu beschaffen, irgendwie gelingt es ihm immer wieder. Er versucht, eine Handtasche zu stehlen, was misslingt; versucht, seine Schreibmaschine zu versetzen, was misslingt, landet auf der Entgiftungsstation, versetzt den Pelz seiner Bekannten und pumpt arme Witwen an.

Es ist also nicht eine komplizierte Handlung, die den Roman so fesselnd macht. Wobei die Schilderung seiner fußläufigen Odyssee durch fast ganz Manhattan, die schwere Schreibmaschine unter dem Arm, auf der vergeblichen Suche nach einem geöffneten Pfandleihgeschäft, es ist Feiertag, so eindringlich geschildert ist, dass man die Symptome des kalten Entzugs zu spüren meint.
Es sind die Gedanken, die sich im kranken Hirn von Don Birnham abspielen, die das Buch auch heute noch so lesenswert und für seine Zeit einzigartig machen. Die Rückblenden in die Kindheit und Jugend, sein schmählicher Abgang in der Universität nehmen großen Raum ein. Faszinierend macht das Buch aber die realistische Darstellung der Gedanken und Gefühle eines Abhängigen mit und ohne Stoff. Teilweise sind die Schilderungen so eindringlich, dass sich beim Leser körperliches Unwohlsein einstellen kann.
Mit Jacksons Werk findet, erstmals in der Literatur, die Trunksucht als Krankheit Eingang, und nicht als heroische Saufaus-Geschichte oder tragischen Roman eines Willensschwachen wie bei Falladas „Trinker“ noch gezeigt.

Dieses sorgfältig und wertig gestaltete Buch ist, wie man sich denken kann, kein Unterhaltungsroman, aber er fesselt den Leser durch eine ungeschminkte und realistische Darstellung eines Zustandes, den Millionen Menschen ertragen müssen – Sucht.

                                                                                                                                                                                                                  Torsten Hübler

Charles Jackson
Das verlorene Wochenende
Übersetzung Bettina Abarbanell
348 Seiten,
Dörlemann-Verlag, Zürich 2014,
ISBN: 978-303820007-9,
geb., 24,90 Euro


Kater-BobNeue Geschichten von Bob, dem Streuner:
James Bowen: „Alle Lieben Bob“

Mögen Sie Katzen?
Wenn nicht, wird Bob Sie vielleicht umstimmen können.
Wenn ja, werden Sie Ihrem Liebling daheim vielleicht noch respektvoller begegnen.
Denn Rotpelzchen Bob hat dem einst heroinsüchtigen James Bowen das Leben gerettet. Wie das geschah? Dazu später …

Das aktuell erschienene Buch „Alle lieben Bob“ ist die Fortsetzung einer wahren Geschichte auf den Straßen Londons. Sie begann 2013 mit dem Buch „Bob, der Streuner – Die Katze, die mein Leben veränderte“. Die tagebuchähnlich aufgeschriebenen Erlebnisse wurden damals sofort zum Weltbestseller. Millionen Menschen lieben Bob seitdem. Und gewannen dankbar Einsicht in das Leben eines einst obdachlosen Straßenmusikers, der versucht, nach dem Heroin nun auch vom Methadon loszukommen.

Alles begann so: Eines Abends, als James müde vom Tagwerk nach Hause in seine winzige karge Sozialwohnung kommt, liegt vor seiner Tür ein magerer, verletzter Kater. Er weicht nicht von der Stelle. James gibt ihm etwas Milch und versorgt die Bein-Wunde. Danach lässt er ihn wieder gehen. Aber der rothaarige Kater will gar nicht gehen! Fortan sind sie täglich gemeinsam unterwegs auf den Straßenmusiker-Plätzen. Für den menschenscheu und misstrauisch gewordenen James wird Bob zum besten Freund. James muss nun Verantwortung zu übernehmen lernen. Er muss täglich arbeiten, um für beide sorgen zu können. Ein Tag hat plötzlich wieder Struktur. Und Sinn. James wird gebraucht. Von Bob lernt er auch, die einfache Freude am Dasein wiederzuentdecken. Und selbst beim Methadon-Entzug weicht der Kater ihm nicht von der Seite: Er holt ihn aus jeder Halluzination in die Wirklichkeit zurück.
Außerdem sorgt der rotpelzige, neugierige und selbstbewusste Kater für Aufsehen: Plötzlich bleiben viele Menschen stehen, wenn James Gitarre spielt, und bestaunen Bob auf seinen Schultern. Plötzlich nehmen sie auch James wieder als Menschen wahr. Und plötzlich verdienen beide auch mehr Geld. Und werden sogar gebeten, ein Buch zu schreiben …

Die neuen Geschichten des Fortsetzungsromans rühren wieder sehr ans Herz: Durch Mobbing verliert James seinen Job als Verkäufer einer Obdachlosenzeitung, später wird er schwerkrank und und und. Wie die beiden besten Freunde all diese Situationen meistern?
Lesen Sie selbst! Es macht einfach Freude, beiden „zuzuschauen“, wie sie miteinander umgehen und miteinander leben.

                                                                                                                                                                                                     Anja Wilhelm

James Bowen:
2013: Bob der Streuner,
Bastei-Lübbe,
ISBN 978-3-404-60693-1
2015: Alle lieben Bob,
ISBN 978-3-414-82430-1
12,99 Euro


 

FalladaKlaus-Jürgen Neumärker: Der andere Fallada. Eine Chronik des Leidens

Der Schriftsteller Hans Fallada genießt heute vor allem Bekanntheit durch seinen erst 1995 verfilmten Roman „Der Trinker“ mit Harald Juhnke. Aber auch die filmisch gleich mehrfach umgesetzten Welterfolge „Kleiner Mann, was nun?“ und „Jeder stirbt für sich allein“ erreichten ein breites Publikum. Mit dem Kleinstadtroman „Bauern, Bonzen, Bomben“ gelang ihm 1931 der Durchbruch.
Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Heinz-Rudolf Dietzen, schrieb insgesamt 30 Romane, die häufig autobiographische Züge hatten. In dem 1933 entstandenen sozialkritischen Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst verarbeitet er beispielsweise Erlebnisse aus seiner Inhaftierung. Aus seinem Spätwerk dürften die Romane Wolf unter Wölfen und Der eiserne Gustav noch bekannt sein. Er war ein schwer suchtkranker, manischer Schreiber, der seine Manuskripte oftmals in kürzester Zeit verfasste. Seinen Künstlernamen entlehnte der Autor den Märchen Hans im Glück und Die Gänsemagd.

Der Neurologe und Psychiater Klaus-Jürgen Neumärker hat jetzt in seiner neuen Fallada-Biographie Der andere Fallada. Eine Chronik des Leidens auf bisher noch nicht dagewesene Weise untersucht, wie es wirklich um Fallada stand.

Anhand von dessen Krankenakten nämlich erzählt er die Lebensgeschichte des anderen Fallada. Hierbei erhält der Leser tiefen Einblick in das Leben des Schriftstellers und wird mit zum Teil völlig neuen Erkenntnissen, beispielsweise bezüglich seiner vermeintlichen Alkoholabhängigkeit, konfrontiert. So erfährt man auch von einer beachtlichen Zahl stetig wiederkehrender Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen, die der Öffentlichkeit zum Teil noch nicht bekannt waren. Der Schriftsteller befand sich im Verlauf seines Lebens vier Mal in Psychiatrischen Kliniken, insgesamt 23 Mal in Nerven- und Heilanstalten für Gemütskranke und musste weitere vier Mal ins Gefängnis. Neumärker zeichnet das Bild eines innerlich getriebenen, persönlichkeitsgestörten und zeitweise schwer depressiven Schriftstellers. Durch Auswertung und Interpretation von bisher noch unveröffentlichtem, zuvor nicht eingesehenem Material zeigt der Verfasser die Auswirkungen auf, die dieses psychologisch interessante Profil auf den Verlauf von Falladas Leben hatte. Man erhält zudem detaillierte Einblicke in Falladas Selbstbild, seinen Hang zur Selbstzerstörung, Dramatisierung und Übertreibung, aber auch in das Ausmaß, in dem der Schriftsteller unter sich selbst gelitten hat.

In seinen Ausführungen bleibt Neumärker stets neutral, bewertet nicht und verweist bei uneindeutiger Quellenlage auf verschiedene Deutungsoptionen. Verschiedene Einrichtungen und Personen mit psychiatrischem, institutionellem, aber auch juristischem Hintergrund behandeln über einen Zeitraum von vielen Jahren den Fall Fallada. Der Biograph stellt private Korrespondenz den professionellen Einschätzungen und Gutachten von offizieller Seite gegenüber und lässt sein Wissen als Psychiater in die Auswertungen mit einfließen. Er übersetzt das psychiatrische Vokabular des beginnenden 20. Jahrhunderts in die heutige Sprache und berücksichtigt hierbei auch die zeitlich geschichtlichen Rahmenbedingungen. So erhält der Leser unter anderem Einblick in damals gängige Behandlungsmethoden und Diagnoseschlüssel.

Mit neuen Erkenntnissen wartet der Publizist auch im Bereich der Sucht auf. Neben der bereits bekannten Nikotinsucht führte seine Schlafmittelabhängigkeit, und nicht eine Morphium Überdosis, wie von anderen Fallada Biographen zeitweise vermutet, zu dessen Tod am 5. Februar 1947 in Berlin. Alkoholabhängigkeit hingegen lässt sich, laut der vom Biographen gesichteten und diskutierten Quellen, überraschender Weise nicht eindeutig nachweisen. Hier wirkt er bei der Auswertung von Falladas Angaben zu seinem Suchtverhalten gelegentlich unbedarft, wenn nicht zu sagen gutgläubig. Etwa, wenn Fallada seinen Konsum zu bestimmten Zeiten erst als bedenklich und zu hoch bezeichnet, dann aber angibt, er habe jetzt, auch ohne fremde Hilfe „wieder alles im Griff“. Ein Verhaltensmuster, das jedem Süchtigen bekannt vorkommen dürfte. Zudem zeigt er Fallada als einen stets gut vernetzten Meister der Inszenierung, der immer auf jemanden zurückgreifen konnte, der ihm den Rücken freihielt. So wurden Berichte und Gutachten mehrfach den jeweiligen Erfordernissen entsprechend angepasst, um den psychisch kranken, süchtigen Fallada vor der vollen Härte des Gesetzes zu schützen. Dazu wiederum kommt, dass Fallada als zahlungskräftiger, gerngesehener (Stamm-)Kunde in verschiedenen Privatinstitutionen des höheren Preissegments immer wieder Einfluss nahm auf den Verlauf seiner Behandlungen. Hier insbesondere bei seiner Medikation.

Der andere Fallada sollte für Fallada-Fans ein Muss darstellen und dürfte auch für jeden auf dem Gebiet der Psychologie interessierten ein mehrere Abende füllendes, unterhaltsames Programm sein.

                                                                                                                                                                                                                              mahebest

(* Pathographie ist ein Begriff aus der Literatur und Psychiatrie und bezeichnet eine biographische Beschreibung mit dem Schwerpunkt auf der Krankheitsgeschichte.)

Klaus-Jürgen Neumärker
Der andere Fallada. Eine Chronik des Leidens
416 Seiten,84 Abbildungen
Steffen Verlag, Berlin;
ISBN 978-3-941683-49-5,
geb., 26,95 Euro


BüchtemannAndreas Büchtemann:  „… und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.“

Von Ost nach West: Bestandsaufnahme eines Physikers

Pfarrerskind, Abitur, FDJ-Funktion, Herdermedaille für ausgezeichnete Russischleistungen, CDU-Mitglied, Physiker, Akademie der Wissenschaften, Promotion – nein, nicht von der Bundeskanzlerin ist hier die Rede, sondern von meinem Mitschüler Andreas Büchtemann, der wie ich 1967 an der Erweiterten Goethe-Oberschule (EOS) in Brandenburg/Havel das Abitur ablegte.
Nun ist seine Autobiografie erschienen. Der Titel „… und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns“ ist die Schlusszeile aus Schillers naturphilosophischem Gedicht „Der Spaziergang“. Mit ihr schlägt Schiller die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.
Auch Andreas Büchtemann berichtet – größtenteils chronologisch – von seinen Vorfahren bis zu seiner Zeit als Rentner und Großvater. Programmatisch der Untertitel:

„Erinnerungen eines Pfarrerssohnes und DDR-Bürgers.“ Hier rechnet nicht etwa einer mit einer Gesellschaftsordnung ab, die auch heute noch von den unwissend geBILDeten und denen, die aus westelbischer Überheblichkeit urteilen, diskriminiert wird. In einer bewundernswerten Unaufgeregtheit schildert er seine Entwicklung von der Kindheit bis zum Rentenbeginn. Dabei entsteht ein durchaus kritisches, aber nie bösartiges Bild des Lebens in zwei sehr gegensätzlichen Gesellschaften, die gründlich kennenzulernen nur die DDR-Bürger das Glück hatten.

Ich habe den Autor während unserer gemeinsamen Schulzeit als geradlinigen, ehrlichen und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn versehenen Menschen erlebt; Eigenschaften, die ihm nicht immer nur Anerkennung eingebracht haben. Seine schulischen Leistungen waren über alle Zweifel erhaben, und seine Herkunft aus einem christlichen Elternhaus brachte keinerlei Nachteile für das Studium mit sich (es mag andere Beispiele gegeben haben, aber die sind nicht Gegenstand dieser Besprechung). Ohnehin fehlt die zugespitzte Polemik, aber die Bewertungen der Zustände sowohl damals als heute verstärken die Authentizität des Beschriebenen.

Seiner Schul- und Studienzeit widmet der Autor 89 Seiten. Schon die Schilderung der Kindheit auf dem Dorf verleitet an so mancher Stelle zum Lachen, und nicht nur für den Insider köstlich ist seine Charakterisierung der Lehrer an der EOS, ebenso wie seine Darstellung der Berufsausbildung als Betonbauer.

In der lakonischen Darstellung schwingt eine Portion Humor und Selbstironie mit, welche auch die in ihren Bann zieht, die nichts mit Brandenburg/Havel zu tun hatten. Die DDR-Lebenswege waren in den unterschiedlichen Ausbildungen ziemlich gleich, und so manches von Büchtemann erwähnte Detail ist bereits vergessen.

Die Schilderung seiner Studienjahre in Jena und Berlin und der Einstieg ins Berufsleben 1972 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch zeigt ein Panorama, das über die offizielle Geschichtsschreibung und mediengeprägte Bewertung nach 1990 hinausgeht. Es gab nicht nur das triste Leben in grauen Betonblöcken und die allseits lauernde Stasi. Der Autor erzählt engagiert über Widersprüche und Konflikte, aber auch über die gegenseitige Unterstützung und Herzlichkeit, als Karriere und Geld noch sekundär waren; über die Schlitzohrigkeit und Improvisationsfähigkeit, die aus dem Mangel entstanden.

Wie der Pfarrerssohn zu einer Funktion in der FDJ kam, wird folgendermaßen beschrieben: „Ich hatte zwar im Grunde keine Lust, mich da an vorderer Stelle zu engagieren und weigerte mich, aber wieder einmal konnte ich am schlechtesten Nein sagen, und so wurde ich von den anderen, die wohl z. T. froh waren, dass sich nun einer gefunden hatte, zum FDJ-Sekretär des Zentralinstituts für Molekularbiologie gewählt.“

Interessant auch die Schilderung seiner CDU-Mitgliedschaft, die offenbart, welche Rolle die „Blockparteien“ in der DDR spielten – sie waren ein quasidemokratisches Feigenblättchen für die Allmacht der SED.

Der Autor lässt das gesamte Spektrum des Lebens in der DDR Revue passieren: Beruf, Ehe, Wohnungssuche, Chor, Urlaub, Versorgung, Armee usw. In der Darstellung ist aber immer seine Ausgeglichenheit und Zuneigung zu den Menschen zu spüren, die ihm nahestanden und -stehen. Vieles ließ mich bei der Lektüre schmunzeln, Vergessenes wurde wieder lebendig, manches habe ich genau so erlebt, einiges ist anders in meiner Erinnerung.

Kritisch beurteilt Büchtemann das Wirken der Treuhand, die Übernahme von wichtigen Funktionen durch „korrupte Manager und sonstige Akteure mit krimineller Energie, minderfähige Leute aus der zweiten Reihe, die hier ihre Chance witterten, vor allem aber von Betrieben, die zu Spottpreisen von altbundesdeutschen Unternehmen übernommen wurden, nur um dann doch geschlossen zu werden, um so mögliche Konkurrenz auszuschalten; mehr offiziell hörte man auch von gelungenen Transformationen.“ Er bescheinigt aber auch, dass Mitarbeitern der Treuhand in ihren Bemühungen Unrecht getan wurde. Ich überlasse die Beurteilung dieser Vorgänge dem Leser, weil wohl ein jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht hat.

Die Stärke dieser Autobiografie liegt in ihrer Ausgewogenheit und der optimistischen Einstellung des Autors, die Dinge zu nehmen, wie sie waren und durch Eigeninitiative mit Widrigkeiten fertig zu werden. Wer eine typisch ost-westdeutsche Lebensgeschichte ohne Häme lesen will, die realistischer als sogenannte wissenschaftliche Darstellungen oder Medienlügen die Wirklichkeit von 1949 bis 2005 widerspiegelt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

                                                                                                                                                                                                        Jürgen Schiebert

 Andreas Büchtemann:
… und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.
Verlag Traugott Bautz 2014
260 S.
ISBN 978-3-88309-895-1
25,00 €


 

Rolf-LudwigLebenserinnerungen des Schauspielers Rolf Ludwig:
„Nüchtern betrachtet“ …

… und mit meinen Augen einer Alkoholabhängigen gelesen:

Oh ja.
Wenn Rolf Ludwig, der große Mime des deutschen Theaters und Films, kein Trinker war, wer dann?

Sein übermäßiger Konsum von Bier, Schnaps und Likör zieht sich fast durchs ganze Buch. Als stetige Randerscheinung, wohl gemerkt. Ob als komisch-erlebnisreiche Zecherei oder trauriges Besäufnis. Ob nach der Probe, nach dem Auftritt, oder auch dazwischen. Vor so manchem Rausschmiss hatte ihn bewahrt, dass er auch angetrunken keine Vorstellung platzen ließ. Dass er seine Kollegen – viele namhafte wie Wolfgang Heinz, Thomas Langhoff, Dieter Mann, Harald Juhnke – niemals im Stich ließ.

Aber natürlich erinnert er sich vor allem an seine Arbeit als Schauspieler. An das Leben hinter den Kulissen und vor den Kulissen. An Anekdoten am Rande. An liebevolle Interna aus der Szene. „Tausendsassa der Berliner Bühnen“ genannt, war sein Lebensinhalt nun mal die Bühne. Zuletzt die des Deutschen Theaters. Und als Soldat im Kinofilm „Das Feuerzeug“ bleibt er ebenso unvergesslich auf Zelluloid gebannt wie in 49 weiteren Filmen.
All seine beruflichen Stationen, seine Kindheit als Buchdruckersohn in Dresden, seine Zeit als Kampfpilot der Wehrmacht, die britische Kriegsgefangenschaft, seine zwei Ehen beschreibt er in diesen Erinnerungen. Ohne Häme gegen andere, ohne Schuldzuweisungen und Vorwürfe, eher mit einer großen Portion liebevollen Schalks in den lebendigen, unterhaltsam zu lesenden Zeilen.

Seine zweite Frau Gisela, die ihm bis zu seinem Tod – er starb 1999 an Lungenkrebs – nicht von der Seite wich, ergänzt seine Betrachtungen mit ihren eigenen Erinnerungen, aus ihrer Perspektive.

Ärzte diagnostizierten seine Trinkerei übrigens als Versuch, sein Kriegstrauma zu bewältigen. Und wer weiß, vielleicht war auch die Schauspielerei eine Art Flucht vor den Erinnerungen an unmenschliches Kriegsleid? Falls ja, hat er es in Freude für Millionen Zuschauer wandeln können.

Danke, Rolf Ludwig!

(Ach ja: Ob er wohl jemals eingesehen hat, abhängig zu sein?
Lesen Sie doch einfach nach …)

                                                                                                                                                                                                                       Anja Wilhelm

 Rolf Ludwig
Nüchtern betrachtet
Mit Erinnerungen von Gisela Ludwig
DAS NEUE BERLIN
Auflage 2015,
ISBN 978-3-360-02193-9,
14,99 Euro


 

Mia, Mats und MoritzEin Erklär-Büchlein für Kinder:
Wenn Mama nicht aufsteht, weil sie wieder getrunken hat …

Mia ist zehn Jahre alt. Sie wacht an einem schon sehr lange freudig erwarteten Tag auf: Denn heute wird Moritz, ihr jüngster Bruder, das erste Mal zur Kita gehen dürfen!
Aber sie kann ihre Mama noch gar nicht hören. Sie lugt durch die Schlafzimmertür: Mama schläft noch. Tief und fest, und viele leere Weinflaschen stehen neben ihrem Bett. Sie zu wecken traut sich Mia nicht, denn sie weiß aus Erfahrung, Mama kann dann sehr, sehr schlechte Laune haben. Das will Mia nicht, am schönsten Tag ihres kleinen Bruders. Also muss sie sich Mia selbst um Moritz und den auch erst siebenjährigen Mats kümmern. Was soll Moritz bloß am ersten Kita-Tag anziehen? Den schicken Pullover? Ohje, den will er nicht! Und Frühstücksbrote schmieren muss sie noch. Ach, gar kein Aufschnitt mehr im Kühlschrank. Also Ketchup auf die trockene Stulle …
Das Büchlein ist für Kinder geschrieben, die mit trinkenden Eltern leben. In den typischen alltäglichen Situationen, Gedanken und Gefühlen von Mia und ihren Geschwistern können sie sich wiederfinden. In der Scham, fremden Leuten von Mama zu erzählen, in der Sorge um die Mutter und die kleinen Geschwister, in der Traurigkeit, wenn wichtige Dinge vergessen werden, zum Beispiel ein Geburtstag:„… Mama hatte ihn vergessen. Alle hatten ihn vergessen, Mama, Mats, Moritz – keiner hat dran gedacht. Da war ich sauer und wütend und traurig, und eine andere Mama hab ich mir gewünscht …“.

Aber das Büchlein führt noch weiter: Es erklärt mit bunten Zeichnungen und in kindlicher Sprache – denn Mia erzählt selbst – weshalb Mama trinkt, manchmal nicht trinkt oder was ein Rückfall ist. Und wie andere Erwachsene, zum Beispiel Opa und die Frau vom Jugendamt, helfen können. Es bietet nicht nur für Kinder verständliche Informationen, sondern auch Hoffnung für betroffene junge Leser:
Sie sind nicht allein, anderen geht es ähnlich, und es gibt Hilfe!

(Hilfe-Adressen sind übrigens im Anhang aufgelistet.)

                                                                                                                                                                                                                             Anja Wilhelm

Mia, Mats und Moritz …
… und ihre Mama, wenn sie wieder trinkt

kostenlose Broschüre der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
Westenwall 4 /59065 Hamm
Tel: 02381 90150
Email: info@dhs.de
www.dhs.de


 

SuizidAndrea Schröder: Suizid – die Rückkehr des Lichts

„Er griff nach dem Seil, das lose am Deckenbalken baumelte … Er knüpfte die Seilenden zu einer Schlinge zusammen und kletterte auf einen der Stühle …“
Autorin Andrea Schröder berichtet in ihrem Buch, was bis zum diesem Freitod ihres Ehemannes Thomas geschah. Wie aus einst großer Liebe eine Beziehung wurde, die beide Partner und Söhnchen Linus unaufhaltsam an den körperlichen und seelischen Abgrund trieb. Sie berichtet detailliert aus dem Alltag. Wir können mitverfolgen, wie aus einem liebevoll-leidenschaftlichen Begrüßungskuss am Abend innerhalb weniger Jahre nur noch ein Blick voller Vorwürfe wird. Aus Vertrauen Misstrauen. Aus Wertschätzung gefühlte Missachtung. Ein Ehedrama mit Streit, Schreierei bis hin zu Handgreiflichkeiten. Thomas entpuppt sich als Alkoholiker. Andrea braucht lange, um das zu erkennen. Sie, die selbst krank ist, an Multipler Sklerose leidet, will ihm helfen – aber er lässt sich nicht helfen. Er versinkt weiter und weiter in Depressionen und in die Sucht. Eines Tages, Andrea entschließt sich zu einer Beziehungs-Auszeit, greift er zu einem letzten Mittel, einem Hilfeschrei: Er geht auf den Balkon, legt die Schlinge um seinen Hals … Andrea kommt zu spät. Sie kann ihn nicht mehr retten.
Die Autorin berichtet schonungslos ehrlich. Schnörkellos direkt. Ohne Verurteilung und Bösartigkeit. Ermutigend und hoffnungsvoll endet ihre Geschichte:
„Es liegt in unserer Hand, dem Vergangenen nachzutrauern oder uns in Liebe und Freude an die schönen Zeiten zu erinnern. Es ist unsere Entscheidung, die Momente des Lichts wiederzuentdecken und anzunehmen oder sie für lange Zeit zu verschließen.“

                                                                                                                                                                                                                           Anja Wilhelm

Andrea Schröder
Suizid
Die Rückkehr des Lichts
Verlag Andrea Schröder
(www.verlag-andreaschroeder.de)
Taschenbuch, 328 Seiten,
ISBN 978-3-944990-05-7,
9,99 Euro


 

Cover "Nüchtern", Daniel SchreiberDaniel Schreiber: „Nüchtern“

Über das Trinken und das Glück

Ein sehr gutes Buch, wenn nicht das Beste, das ich bisher über die Alkoholsucht gelesen habe. Daniel Schreiber, Journalist und Publizist, schreibt über sein nasses Rauschleben und sein trockenes Suchtleben, daneben, und das macht das Buch so lesenswert, reflektiert er über unsere alkoholgeschwängerte Gesellschaft und teilt sein Wissen aus der aktuellen Suchtforschung und Suchtmedizin mit dem Leser. Dies funktioniert deshalb so gut, weil der Autor sehr gut und verständlich schreiben kann, ein scharfer Beobachter, der nicht nur die Wissenschaftsliteratur beherrscht, sondern auch die schöne Literatur.

Die Kernzielgruppe seines Bandes dürften die „Normalen“ sein, denen er sehr verständlich die schwer verstehbare Krankheit „Sucht“ erklärt. Ein Buch für Menschen aus dem Umfeld des Alkoholikers, die nicht verstehen können, warum dieser Mensch so uneinsichtig und schwach ist und das exzessive Trinken nicht beendet. Nichtsdestotrotz kann man es auch als Abhängiger mit großem Gewinn lesen.

Durch den ganzheitlichen Blick auf das Problem Alkoholsucht geht das Werk über andere Titel hinaus, die das Trinkerleben beschreiben und so die Krankheit individualisieren. Schreiber zeigt anhand seiner eigenen Person und seines eigenen Erlebens, wie banal und einfach der Weg in die Sucht ist, auch wie in dieser Gesellschaft lange Zeit ein alkoholsüchtiges Leben kaschiert werden kann und wie es plötzlich, mit der ausgesprochenen Feststellung „Alkoholiker“, zu Ende ist mit dem bürgerlichen Firnis und damit die Ausgrenzung beginnt.

Der Autor hat sich sogar die Mühe gemacht, ungewöhnlich für einen Essayband, ein recht umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis anzufertigen, das sehr hilfreich ist.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen, für Alkoholkranke, die mehr über ihre Krankheit wissen wollen, und Menschen ohne Alkoholkrankheit, die ihre alkoholische und alkoholkranke Umwelt besser verstehen wollen.

Daniel Schreiber verfasste zwei Jahre lang eine monatliche Kolumne in der „taz“auch mit dem Titel „Nüchtern“, die sich an die breite, zumeist nicht ständig nüchterne Leserschaft wandte; dieser Band ist nicht die Sammlung der Kolumnen, aber ihre logische Fortführung, seine Abschiedskolumne drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Autors nebenstehend.

                                                                                                                                                                                                                               Torsten Hübler

Daniel Schreiber
Nüchtern
160 Seiten,
Hanser Berlin,
ISBN: 978-3-446-24650-8,
gebunden,
16,90 Euro


NepoMoritz Honert: Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz

Ein kleiner brauner Hund sitzt vor dem leeren Futternapf, sehr traurig und sehr hungrig. Er wartet seit einem Tag darauf, dass sein Herrchen endlich aus dem Suff erwacht… das würde auch Sie anrühren, nicht wahr?
Hündchen Nepomuks Erlebnisse mit seinem alkoholkranken Herrchen haben mich sehr getroffen. Ich musste sofort an meinen eigenen Hund denken, den ich wohl auch ab und an vergaß, als ich noch nasse Alkoholikerin war. Aber noch viel schlimmer: Ich musste mich erinnern, was mein Sohn alles mit mir erlebt haben mag…
Hätte es dieses Büchlein damals schon gegeben – vielleicht hätte er etwas besser verstanden, was mit Mama los ist.
Nur wenige Worte, einfache Sätze, sparsame Striche erklären das, was das Leben eines Alkoholikers ausmacht: das Trinkenmüssen, Verletzen, Vergessen, Zorn, Scham… Eine Vorlesegeschichte für Kinder, besonders für jene, die in Alkoholiker-Familien aufwachsen müssen. Und das sind leider immerhin 2,6 Millionen in Deutschland.
So wie Nepomuk werden sie oft enttäuscht von trinkenden Erwachsenen, müssen sich fürchten, sind einsam, fühlen sich ungeliebt. Das Büchlein will ihnen die Angst etwas nehmen, indem es erklärt, weshalb Herr Heinz glaubt, trinken zu müssen. Und wie sehr es ihm immer leidtut danach. Und wie sehr er Nepomuk liebt, obwohl es manchmal nicht so aussieht.
Natürlich hat auch dieses Büchlein ein happy end, direkt aus dem wirklichen Leben: Nepomuk sucht sich Hilfe bei einem Freund, mit dem er über all das reden kann – und Herr Heinz beschließt, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen.
Kindern die Angst nehmen und Hoffnung geben – das ist das Ziel dieser Geschichte.
Ich empfehle es … eigentlich allen Menschen:

Den Kindern.
Den trinkenden Eltern.
Den werdenden Eltern, die trinken.
Trinkenden und Nichtsüchtigen.
Dir und Mir.

                                                                                                                                                                                                      Anja Wilhelm

Moritz Honert
Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz
Blaukreuzverlag Lüdenscheid 2014,
ISBN: 978-3-941186-59-0,
8,95 Euro


 

 grünTP_1_16_Entwurf_15LudwigCornelia Ludwig: Ganz frisch trocken!
Harry B. Neuper: Alkoholsucht

Zum Jahresende 2014 erhielt die Redaktion zwei Titel zur Besprechung, in denen die alkoholkranken Autoren über ihr Leben in der Trunkenheit und das jeweilsüber zehnjährige nüchterne Leben danach berichten.

Die Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein, nicht nur weil „Ganz frisch trocken!“ von einer Frau geschrieben wurde und „Alkoholsucht“ von einem Mann, auch die Optik und der Inhalt unterscheiden sich gänzlich.
„Alkoholsucht: Ich helfe dir raus!“ von Harry B. Neuper ist ein schmales Bändchen von ca. 80 Seiten, die ohne Seitenzahlen sind und daher das Inhaltsverzeichnis verzichtbar machen, formuliert im Klappentext „Es ist kein Ersatz für eine Therapie“, will aber den Leser unterstützen, „die Gründe des Alkoholszu finden“ und verspricht: „Es lohnt sich“. Man hat den Eindruck, dass es sich vorwiegend für den Autor lohnen soll, da der Umfang der Broschüre durch einen lesefeindlich großen Zeilenabstand bewusst aufgebläht ist. Um mit den Äußerlichkeiten abzuschließen: eine Gestaltung oder ein Layout des Textes ist nicht vorhanden, sodass dem Lesevergnügen enge Grenzen gesetzt sind. Neuper erzählt zum einen Teil aus seiner trunksüchtigen und trockenen Zeit, zum anderen Teil gibt er konkrete Ratschläge, was nicht nur ein Alkoholiker mit Abstinenzwunsch zu tun hat, sondern rät auch dem potenziell Co- Abhängigen. Er verweist mehrfach auf die enorme Wichtigkeit der Selbst- und der professionellen Hilfe, die ein Alkoholkranker nutzen soll. Seine Lebenserfahrungen und seine Handlungsanweisungen an den Leser, der ständig geduzt wird, vermengen sich in diesem Text so sehr, dass ein strukturlos Geschriebenes entsteht. Ich hoffe, dass das Schreiben dieses Traktates dem Autor bei der Bewältigung der Krankheit geholfen hat, mich hat die verschwendete Lesezeit geärgert. Nicht jeder, der trinken kann, kann auch schreiben.
„Ganz frisch trocken! Meine Alltagserfahrungen nach dem Alkoholentzug“ von Cornelia M. Ludwig tritt bescheidener auf und will lediglich den schwierigen Neustart in ein anderes Leben schildern. Die Autorin schildert in der gut gesetzten und strukturierten Autobiographie nur am Rande ihr Leben unter Alkohol. Der eigentliche Startpunkt ist der Entschluss zum Entzug nach einem, für sie und ihre Familie sehr demütigenden, alkoholischen Ausfall. Der erste Teil schildert das neue, nüchterne Leben nach der Entgiftung. Von „Mein erster Besuch in einer Selbsthilfegruppe“ geht es Schritt für Schritt bis in den ersten Urlaub. Es werden die Gemeinheiten, die ein Supermarkt für die Süchtige bereithält, ebenso geschildert wie die Schwierigkeiten und Gefahren, die eine Feier verursachen kann. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem sozialen Umfeld der Autorin: sie hat ihren Sohn und ihren Ehemann befragt, wie diese die Zeit der Trunkenheit erlebt hatten, aber auch wie es ist, eine nüchterne Frau und Mutter zu haben. In ihren Schlussgedanken schildert die Autorin, dass das Verfassen des Textes alte, längst vergessenen Erinnerungen an ihre Suchtphase zu Tage gefördert hat und ihr nochmal bewusst wurde, wie sehr sie ihre Nächsten und ihr Umfeld mit der Sucht belastet hat, aber auch, wie hilfreich ihre Familie beim Weg in die Trockenheit war.
Ein lesenswerter Titel, auch wenn die Geschichte aus Sucht und Nüchternheit schon oft erzählt wurde, hier kann man sie noch einmal in sehr sachlichem Ton mit neuen Facetten erfahren. Nicht nur für trockene Menschen und deren Angehörige ist dieser Titel interessant, sondern auch für Leser, die in ihrem persönlichen Umfeld mit der Sucht konfrontiert sind.

Gemeinsam ist beiden Titeln, dass sie im stationären Buchhandel wohl nur sehr schwer zu bekommen sind, da „Alkoholsucht“ in einem US-amerikanischen Verlag und „Ganz frischtrocken!“ in einem kleinen Berliner Verlag erschienen ist.

                                                                                                                                                                                                                           Torsten Hübler

Cornelia Maria Ludwig
Ganz frisch trocken!
176 Seiten, Pro Business,
ISBN: 978-3-86386-685-3,
broschiert, 11,90 Euro

Harry B. Neuper
Alkoholsucht
80 Seiten,
ISBN 9781502718150,
9,00 Euro


BuchGIOVANNI MAIO: Geschäftsmodell Gesundheit

Wie der Markt die Heilkunst abschafft.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es mittlerweile unzählige kritische Veröffentlichungen zum Paradigmenwandel im Gesundheitswesen und über die Machenschaften der Pharmaindustrie gibt. Einige davon wurden bereits an dieser Stelle besprochen. Erinnert sei nur an Caroline Walter/Alexander Kobylinski: Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne und an Schwarz/Welch/Woloschin: Die Diagnosefalle. Wie Gesunde zu Kranken erklärt werden. Erfolgreiche Therapien sind ohne gute Medikamente kaum denkbar. Aber wie überall im Leben bleiben Moral und Ethik auf der Strecke, wenn das Geld ins Spiel kommt. Das ist im Sport nicht anders als in der Werbung. So lange dabei nur die Unwissenden und Gutgläubigen finanziell geschädigt werden, ist es unmoralisch. Wenn aber das Gesundheitswesen zur Gesundheitsindustrie wird und die Pharmaunternehmen sich ausschließlich am Gewinn orientieren, dann wird es oft tödlich. Keiner schickt so viele Lobbyisten ins Rennen wie Banken, Versicherungen und die Pharmaindustrie, und das bereits stark privatisierte Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen usw.) orientiert sich zunehmend an Kennziffern statt an Menschen. Patienten werden zu Kunden und Medikamente zur lukrativen Einnahmequelle. Kritiker dieser kaum noch aufzuhaltenden Missstände, wie der ehemalige Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens (IQWiG), Peter Sawicki, wurden unter wesentlicher Mithilfe der Politik zur Strecke gebracht. Nun gibt es Neuerscheinungen, die wir Ihnen vorstellen möchten: Giovanni Maio: Geschäftsmodell Gesundheit. Wie der Markt die Heilkunst abschafft.
Der Freiburger Medizinethiker Prof. Maio beleuchtet darin „die Auswirkungen einer Bemächtigung der Medizin durch die Ökonomie … um aufzuzeigen, wie sehr sich die Identität der Medizin dabei von innen her verändert“. Die Gefahr liegt seiner Meinung vor allem darin, dass dieser Prozess sehr subtil vonstattengeht. Dabei lässt er durchaus zu, dass Kliniken und Ärzte auch ökonomisch denken müssen, aber dabei darf der Patient, darf die Humanität niemals an die zweite Stelle rücken. Seine ursprüngliche Kritik gilt der Einführung der Fallpauschalen (DRG) 2003. Seit diesem Zeitpunkt „wirtschaften“ die Krankenhäuser. „Mit der Fallpauschale ist im Vorhinein klar, wie viel das Krankenhaus für den Patienten erhält, und es obliegt dem Krankenhaus, die Behandlung so zu gestalten, dass es mit dem Geld auskommt. Auf diese Weise sind die Krankenhäuser einer betriebswirtschaftlichen Effizienz- und Wettbewerbslogik unterworfen“. Maio holt hier nicht zum großen Rundumschlag gegen Kliniken und Ärzte aus; er klärt auf, wie wichtig es ist, dass der Patient mit seinen Sorgen und Nöten, oft genug in einer psychischen Ausnahmesituation stehend, die Zuwendung braucht. Aber Ökonomisierung steht gegen Humanität, oder wie der Herausgeber Bernd Hontschick im Vorwort schreibt: „Ein Gesundheitssystem ist Teil des Sozialsystems … Eine Gesundheitsindustrie hingegen ist Teil des Wirtschaftssystems.“ Bilanz gegen Therapie – so könnte man die gegenwärtig stattfindende Entwicklung bezeichnen.
Der Verfasser weist darauf hin, dass in diesem System vor allem die Menschen berücksichtigt werden, „mit denen man Geld verdienen kann“ und „Menschen, die der ärztlichen und psychosozialen Hilfe am meisten bedürfen, zuallererst marginalisiert werden“. Neben der tiefgründigen Analyse des Status quo steht aber immer auch der Aufruf an die Ärzte und die Kliniken, ihre Verantwortung im Interesse der Menschen, nicht des Profits, wahrzunehmen. Dass dazu auch ein Umdenken, eine Rückbesinnung auf humane Werte in der Politik unabdingbar ist, steht außer Frage. Allen, die sich mit der im vollen Gange befindlichen Wandlung des Gesundheitswesens auseinandersetzen und neue Sichtweisen gewinnen wollen, sei dieses auch philosophischen Aspekten verpflichtete Buch empfohlen.

Giovanni Maio
Geschäftsmodell Gesundheit.
Wie der Markt die Heilkunst abschafft.
164 S. Suhrkamp, Berlin;
ISBN 978-3-518-46514-1,
9,30 Euro

28_TP 2_15 KorrekturDie Gesundheitsindustrie Medizin als Marktwirtschaft

Peter C. Gøtzsche

Wo Maio noch die feine Klinge schlägt, haut der dänische Professor unerschrocken drauf, und zwar auf die seiner Meinung nach mafiöse Pharmaindustrie. Er muss es wissen, hat er doch jahrelang für Pharmaunternehmen klinische Studien durchgeführt. Wer sich durch die über 500 Seiten gelesen hat, nimmt zukünftig keine Tablette mehr oder wird in jedem Falle vorher seinen Arzt oder Apotheker fragen. Aber nach der Lektüre kann man auch diesen nicht mehr trauen. Die Pharmagiganten arbeiten mit dem Schmiermittel an sich: Geld. Nicht nur Forscher, Ärzte, Patientenvereinigungen oder Kliniken werden bestochen, sondern auch Politiker, Journalisten und Berufsverbände.
Nun ist das nicht neu, das Thema bespielt jede seriöse Zeitschrift und jeder ernstzunehmende Sender regelmäßig. Aber in dieser Konzentration, bei Nennung aller Details – von den verantwortlichen Unternehmen bis zu den Medikamenten – hat es eine erschütternde, teilweise resignative Wirkung. Erstere, weil sich trotz aller Erkenntnis nichts, aber auch gar nichts ändert, im Gegenteil, zweitere, weil es den Leser verunsichert: Wem kann er noch trauen, wenn er auf lebenserhaltende Medikamente angewiesen ist? Wenn er lesen muss, dass in den USA und Europa „Medikamente die dritthäufi gste Todesursache nach Herzkrankheiten und Krebs“ sind? Dabei vergleicht Gøtzsche zu Beginn seiner dokumentarischen Kampfschrift die Manager der Tabakindustrie mit denen der Pharmaindustrie: beide wissen, dass sie den Tod feilbieten. Gøtzsche sieht das Hauptproblem darin, dass die Durchführung und Bewertung klinischer Studien nicht von ihrer Finanzierung getrennt ist, die Pharmaunternehmen teilweise ihre eigenen Studien bewerten. Damit ist dem Betrug Tür und Tor geöffnet. Anhand zahlreicher Medikamente und ihr Hineindrücken in den Markt weist der Autor nach, dass der Profit über dem Menschen steht. Dass fast alle Medikamente Nebenwirkungen haben, gehört zum Standardwissen. Dass aber bei zahlreichen Arzneien deren tödliche Gefahr verschwiegen bzw. erst Jahre später zugegeben wird, gehört zum Profitstreben. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die durch die Politik immer weiter aufgeweichten Zulassungsbedingungen. Gøtzsche bekundet seinen Respekt gegenüber den Experten in den Arzneimittelbehörden. „Aber sie arbeiten in einem System, das durch und durch fehlerhaft ist und im Zweifel die Unternehmen, nicht die Patienten schützt.“ Dabei arbeiten die Pharmariesen nicht nur mit Geld, sondern auch mit Einschüchterungen, Drohungen und Gewalt. Der Autor schreckt auch vor alarmierenden Zahlen nicht zurück. So habe das Antipsychotikum Zyprexa bei vielen Patienten Diabetes verursacht. Er schätzt, dass von 20 Millionen mit diesem Medikament behandelten Patienten 200 000 an den Nebenwirkungen gestorben sind. Aber nicht nur Medikamente werden konkret benannt, das Buch liest sich auch wie ein „Who is who“ der großen Pharmafirmen. Es ist ein zutiefst enthüllendes, aber auch deprimierendes (übrigens an dieser Stelle: die Psychiatrie bezeichnet der Autor als das „Paradiesder Pharmaindustrie“).
Das „Versagen des Systems schreit nach Revolution“, stellt er resümierend fest.
Mir bleibt folgendes Fazit: Ich habe nach wie vor Vertrauen zu meinem Arzt, der auch nicht bei jedem Zipperlein zum medikamentösen Hammer greift. Ich kenne auch Krankenhäuser, bei denen der Patient noch als Persönlichkeit akzeptiert wird. Aber die Tendenz weist in die in beiden Büchern kritisierte Richtung. Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens schreitet unaufhaltbar fort, und die Pharmaindustrie ist, wie alle Wirtschaftsunternehmen, dem Profit verpflichtet. Es werden Krankheiten erfunden und Grenzwerte erhöht, um den Medikamentenumsatz zu steigern. Die große Frage, die sich stellt: was können wir Patienten selber tun? Wir sind Milliarden, setzen aber unsere Quantität nicht in Qualität um. Eine Systemänderung wagen wir im Gegensatz zu den DDRBürgern nicht mehr, und auf die Politik brauchen wir nicht zu hoffen, weil sie genau die in beiden Büchern geschilderten Missstände vorantreibt.

                                                                                                                                                                                                          Jürgen Schiebert

PETER C. GØTZSCHE
Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität.
Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert
512 S. riva, München; ISBN
978-3-86883-438-3
24,99 Euro


1406 Stüven im Schatten Cover 300pixelWilfried Stüven: „Im Schatten der Schwebefähre“

Mein erster Gedanke, als ich die Vorstellung des Romans in unserer örtlichen Tageszeitung, dem Weser Kurier in Bremen sah, war: schon wieder ein Buch über einen Alkoholiker, der sich genötigt sieht, sein Leben autobiografisch zu präsentieren. Aber halt, auf dem Einband steht klar und deutlich: Roman, nicht Biografie oder Autobiografie. Als ich den Artikel näher durchlas, wurde ich hellhörig. Da stand etwas von psychologischen Hintergründen, die der Autor beleuchtet hat. Kurz und gut, Buch beschafft und gelesen.

Auf den ersten Seiten sah ich meinen Eingangsverdacht bestätigt. Es wird die Jugend und Kindheit der Hauptperson, eben jenes Johannes Wüst, beschrieben, eine typische Säuferkarriere. Kann man in diesem Zusammenhang von Karriere sprechen? Da sind die ersten Begegnungen mit dem Alkohol als 14-jähriger, da ist der trinkende Vater. Vater kommt nach dem Weltkrieg nach Hause und wird mit dem Leben nicht fertig. Er greift zur Flasche, trinkt mal heimlich, mal öffentlich. Eines Tages bei der großen Sturmflut 1962 ertrinkt Vater unter nicht ganz geklärten Umständen. Soll hier ein Zusammenhang zwischen trinken und ertrinken aufgezeigt werden? Johannes Mutter muss nun den Jungen und seine kleine Schwester alleine aufziehen. Vorurteile sind vorprogrammiert und Mutter wird nicht müde den Sohn zu bitten, doch nicht dem Weg seines Vaters zu folgen. Aber Johannes ist in einem Alter, in dem die Versuchung und die Verführung durch angebliche „Kumpels“ und Freunde normal sind. Kann man als Jugendlicher widerstehen?

Das Buch beschreibt auch, wie es mit der Ehe des Johannes bergab geht. Das Ende seiner Ehe ist nicht ihm alleine und nicht nur der Sauferei zuzuschreiben. Im Suff erinnert er sich häufiger an seine geliebte Tochter als an seine Ex. Vielleicht, weil er bei einem Autounfall seine Tochter fast getötet hätte ? Immer wieder kommt ihm die Idee, alle Kinder dieser Welt vor dem Teufel Alkohol zu behüten. Immer wieder nimmt er sich vor, mit dem Alkohol Schluss zu machen, aber… Als trockener Alkoholiker konnte ich diese Passagen sehr gut nachempfinden.

Johannes wartet darauf, angesprochen zu werden und Hilfe angeboten zu bekommen. Auch typisch: wie viele Alkoholiker warten auf Hilfe? Können sie nicht selber Hilfe suchen? Nein. Das schaffen nur die Wenigsten, denn das heißt ja, die Krankheit als solche für sich selbst anzuerkennen.

Zitat:“ Warum sah denn niemand die Angst? Die Verzweiflung? Die Not?“

Irgendwann beschließt er, seinem Leben ein Ende zu bereiten, mehr will ich hier nicht verraten. Das kann jeder Interessierte selber lesen. Es lohnt sich, und mein erster Eindruck, schon wieder ein Buch über das Leben eines Alkoholikers, habe ich nach Ende der Lektüre revidiert. Die eingangs genannten psychologischen Hintergründe haben mich tief beeindruckt.

                                                                                                                                                                                                                      Gerd Klütemeyer

Wilfried Stüven
Im Schatten der Schwebefähre
z.Zt. Selbstverlag, erhältlich beim Autor, www.wilfried-stueven.de., 338 Seiten, Softcover, Preis 10,70 €
ab jetzt: 2. Auflage 2015,
Südwestbuch-Verlag