Trauer, Trost und Trinken, AnDi`s Kolumne

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

 

T wie: Trauer, Trost und Trinken

Einen wichtigen und geliebten Menschen im Leben zu verlieren ist ein schlimmer Verlust. Manchmal merkt ein Mensch den Wert eines Partners oder Angehörigen erst so recht, wenn er verstorben ist. Nicht nur, weil er mit Rat und Tat zur Verfügung stand, sondern auch, weil er durch sein Dasein eine innere und manchmal auch lebenspraktische Stütze darstellte.

So ist die erste Reaktion häufig auch Wut: Wie kann er (oder sie) mir das antun?! Ja, selbst beim Tod eines geliebten Menschen denken wir häufig zuerst an uns! Dann stellt sich die Trauer ein. Dieses Gefühl zwischen Verlassensein, Hilflosigkeit und Einsamkeit, die scheinbar nie mehr zu Ende gehen wird, lässt sich anfänglich oft nur sehr schwer ertragen. Erst allmählich geht die Trauer in ein Gefühl des wehmütigen Erinnerns über. Daraus entwickelt sich ein inneres Bild des scheinbar verlorenen Menschen. Verbunden ist die Trauer häufig mit liebevoller Grabpflege oder dem Aufstellen eines Bildes. Der reale Mensch mutiert zu einem inneren Freund, wird ein kleiner Teil von mir. Wer die Erinnerung pflegt, kann diesen Freund tatsächlich nicht mehr verlieren.

Trauer ist also ein wichtiges Gefühlserleben. Sie dient der Verarbeitung und der Vorbereitung auf die Veränderung. Aus dem realen Menschen entwickelt sich ein innerer Mensch, dessen Werte wir weiter schätzen können, der in unserem Inneren als Erinnerung erhalten bleibt und neue reale Beziehungen zulässt.

Manche Menschen haben den Vorzug, dass sie Trost von anderen erfahren. Der Trost besteht in dem gemeinsamen Aushalten des unangenehmen Gefühlslebens, im Beisammensein in schwierigen Zeiten. Aber auch, wer nicht von anderen getröstet wird, kann sich selber trösten. Etwa durch die Vorstellung, dass einem niemand die Erinnerung nehmen kann, dass es eine wunderschöne Zeit war, die man gemeinsam verbracht hat oder auch durch das Wissen, dass einen nun nichts mehr trennen kann. Ziel dieser Verarbeitung mit der Trauer ist es, den Weg wieder frei zu machen für neue reale und andere Beziehungen.

Nicht jedem gelingt dieser Weg. Nicht jeder ist mit der Fähigkeit zur Selbsttröstung ausgestattet. Manche Menschen bleiben in einer Sackgasse der Trauer stecken. Ihnen gelingt dieser Prozess nicht und es verbleibt eine Verbitterung, die das Leben schwermacht, eine krankhafte Trauer. Diese Art der Trauer wird von anderen Menschen oft nicht verstanden und es kommt zum Rückzug aus der Wirklichkeit, bei manchen Menschen in die Tröstung durch ein bewusstseinsveränderndes Suchtmittel. Die Wirkung täuscht dann vor, man brauche niemanden mehr. Ein fataler Irrtum, wie Menschen wissen, die diesen Weg gehen mussten.

Aus unterschiedlichen Gründen vermeiden andere Menschen das Gefühl der Trauer vollständig. Sie schaffen es, sich Erklärungen zu bilden, die die unangenehmen Gefühle (scheinbar) vermeiden. Irgendwo taucht dann der unterdrückte Gefühlsstau allerdings unerwartet, plötzlich und mit manchmal unabsehbaren Folgen wieder auf. Auch bei diesen Menschen ist aber ein Hilfsmittel – wie es der Alkohol darstellt – wirksam: die Gefühle werden je nach Wesensart harmonisiert oder in Aktivität umgewandelt. Aber auch hier wird nur die Verarbeitung der Trauer vermieden.

Wohlergehen und Lebensqualität, das zeigt auch das Beispiel der Trauer, bedeuten eben nicht, dass man sich immer „gut“ fühlt. Wirklich zufrieden kann ich mich erst erleben, wenn ich auch die Zeiten des Leidens zu spüren bereit bin. Die Übung des Ertragens unguter Gefühle ist der Mühe wert! Mit der Auseinandersetzung mit diesem Erleben entsteht etwas Neues. Der Zauber des Neuanfangs ist aber eben keine Zauberei, sondern die Arbeit mit der eigenen Seele. Das kann, vor allem im Gespräch mit anderen wohlwollenden Menschen, gelingen! Trauer kann mir etwas Neues bringen – mit schließlich passenden Gefühlen.

Trauern kann man übrigens auch über verpasste Gelegenheiten, unerreichte Ziele und wirklichkeitsfremde Illusionen. Trauer ist Teil des Lebens! Es gilt, sie mit Besonnenheit zu überwinden.

AnDi