AnDi`s Kolumne

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

 

Sucht hat seinen Sinn

In Gesprächen mit Menschen, die mit einer Anlage zur Sucht belastet sind, erlebe ich nicht selten, dass sie mit den Definitionen des „unstillbaren Verlangens“ ihr (Er-)Leben mit der Sucht nicht annähernd beschrieben sehen. Solche Formulierungen sollen wohl auch eher das Gemeinsame zusammenfassen. Meist fehlt vor allem eine Aussage über die Bedeutung süchtigen Verhaltens. Was bringt Menschen dazu, weiter ihrer Sucht zu frönen, wenn sie merken, dass der Schaden den Nutzen übertrifft? Aus den Berichten wird mir immer wieder deutlich, dass den meisten Betroffenen das Eingangstor zur Sucht nicht aufgefallen ist. Oft haben sie empfunden, ihr Trinkverhalten entspricht dem der Mehrheit. Bei den ersten Problemen und Zuschreibungen von außen, es könne sich um einen Missbrauch handeln, erklären sie sich damit, bei ihnen sei es anders. Aber wie anders? Da gibt es viele Ideen.

Selbstkritische Geister hingegen merken im Verlauf der zunehmenden süchtigen Entwicklung, dass der Stoff eine erwünschte Wirkung entfaltet. Die kann vielfältig, manchmal sogar gegensätzlich sein. Dabei glaube ich zwei besonders große Gruppen gefunden zu haben. Einmal gibt es die User, die die unterschiedlichsten Schwierigkeiten mit Beziehungen zu anderen Menschen hatten oder haben, welche sich mit dem Suchtmittel mildern lassen bis hin zum Ersatz des Menschen mit dem Stoff als dem besten Freund, der aber keinen eigenen Willen hat, sondern sich den Wünschen des Bewusstseinsveränderten anpasst. Da braucht man – sagen Erfahrene – niemanden mehr.

Die zweite Gruppe besteht aus den Stimmungswandlern, denen es gelingt, sich eine rosarote Brille anzutrinken, anzufixen oder welches Mittel auch immer die Wirkung bringt. Der Antrieb steigt mit der Stimmung, die Probleme wachsen rückwärts, die Gewaltfantasien verlieren sich in den Phasen zum Rausch und das Horrorkopfkino ändert sein Programm. Und das hat System, solange der Import des idealen Mittels gewährleistet ist, lässt sich das managen. Und Managern der süchtigen Lebensorganisation können die Wirtschaftsmanager nicht einmal den Gin (Wasser wirkt ja nicht!) reichen. Während zweitere oft nur wenige Jahre durchhalten, sind erstere oft nach 20 Jahren noch im Suff. Zweitere sind anschließend reich, erstere vorerst fertig mit der Welt!

Solange die gewünschte Wirkung anhält, das Umfeld die Co-Rolle übernimmt und keine Katastrophen passieren, kann man sogar sagen, dass es gut läuft. Gegenüber anderen von psychischer Krankheit Geplagten haben die Süchtigen zumindest einen „Selbstheilungsversuch“ unternommen. Der scheitert, das ist klar. Aber erst dann, wenn die Nebenwirkungen nicht mehr zu verdecken sind und das Leiden größer wird als die Wirkung des inzwischen höchstdosierten Suchtmittels.

So betrachtet, kriegt die Abstinenz einen realistischen Sinn. Sie ist nicht das Ziel, sondern das Mittel, die Grundlage für ein realistischeres Leben, das nach der Trauer um die schöne süchtige Illusion die Sicht freigibt für die Unterscheidung von Wohltuendem und Schädlichem, das die Menschen in ihrer Verschiedenheit zulässt und das wahren Genuss schätzen lernt als die entspannte Seite eines sonst Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, Verzicht, Schweiß und Kummer abverlangenden Daseins. Glücklich, wer sich statt des Suchtmittels einen Glauben, eine Lebenseinstellung oder eine menschenfreundliche Haltung aneignen kann, die er mit anderen Menschen teilen darf.

Da es sich dann nicht mehr um eine Illusion handelt, kann man übrigens auch nüchtern scheitern. Ich sag das nur, damit wir besonnen bleiben.

AnDi