AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Macht, Ohnmacht und Weihnachten

Jetzt sitzen wir wieder zu Hause und versuchen, das Virus zu bezwingen. Wir sind beschäftigt mit Menschen, die anderen heimtückisch das Leben nehmen für ihre Vorstellungen. Wir können nicht mehr sicher sein, ob die Mächtigen ihre Macht nicht einfach willkürlich gegen uns wenden. Da wünschte man sich, einmal „König von Deutschland“ zu sein oder wenigstens mal einzugreifen, um sich nicht so hilflos fremden Mächten ausgesetzt zu fühlen. Dazu passend hat mir kürzlich ein befreundeter Kollege eine Rede für das deutschsprachige Informationsmeeting im ICC Berlin anno 1987 zukommen lassen, gehalten von dem ersten Psychoanalytiker, der eine Klinik für Alkoholkranke in Berlin eröffnet und geleitet hat. Er stellte sich in diesem Großmeeting als Hartmut Spittler vor, dem es erspart geblieben ist, Alkoholiker zu werden. In seiner Rede heißt es: „Es läuft immer auf dasselbe hinaus, auf den Wunsch, gottähnlich oder gottgleich zu werden oder wenigstens so zu fühlen, oder anders ausgedrückt, es geht um die Frage: Allmacht oder Ohnmacht, damit bin ich – Sie merken es – beim Gelassenheitsspruch angelangt:

‚Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit , das eine vom anderen zu unterscheiden.‘

In der letzten Zeile geht es um die Weisheit, unterscheiden zu können, was wir hinnehmen müssen von dem, was wir ändern können, das Böse vom Guten, um die Frage also, wie weit unsere e i g e n e Macht reicht. Es ist kein Zufall, dass dieser weise Spruch im Mittelpunkt des Denkens bei AA steht, und dass diese eigene Macht dort erst einmal in Frage gestellt wird. Wir alle haben es nötig, uns um diese Weisheit ernsthaft zu bemühen, weil wir alle Fehler machen und daran zugrunde gehen können. Aber ich muss zugeben: Es ist sehr schwer! Und weil es so schwer ist, sind wir so leicht verführbar wie Adam und Eva im Paradies. Verführbar denen, die uns wie die Schlange mit attraktiven Versprechungen begegnen, die Verantwortung zu überlassen. Und unsere Erfolge machen uns nur noch sicherer. Halten wir nicht den ganzen, ohne Zweifel eindrucksvollen und unleugbaren Fortschritt unserer Zivilisation, dem wir unseren Fortschritt und unsern Forschergeist und die enorme Anhäufung unseres Wissens verdanken, die er hervorgebracht hat, für den besten Beweis, dass wir auf dem richtigen Wege sind? Betrachtet man unsere Gesellschaft unter diesem Aspekt, so wird man unvermeidlich an den Alkoholiker erinnert, der die Entdeckung der Alkoholwirkung ja auch als Fortschritt erlebt. Am Anfang ist sie das ja auch tatsächlich für ihn und wir wollen nicht so tun, als wenn es diese hilfreiche und lebensverschönernde Wirkung des Alkohols nicht gebe. Es gibt sie, aber es gibt sie nicht umsonst!“

Hartmut Spittler fährt dann mit dem Hinweis fort, dass dieses Auskosten eben leider seinen Preis hat, wenn die Menschen die Natur ausbeuten und der Alkoholiker sich selber. Aus diesem wahnhaften Rausch gilt es zu erwachen und statt nach der besten nach der zweitbesten Lösung zu suchen, nämlich Verantwortung zu übernehmen und einen Kurswechsel einzuleiten, nicht auf andere zu warten, sondern „wir selber sind unsere höhere Macht, aber nicht in dem Sinne absoluter Wahlfreiheit und Willkür, sondern im Sinne der Selbsterkenntnis und Selbstwahrnehmung und der Entdeckung dessen, was uns wirklich lebendig und zufrieden macht, ohne unsere Umwelt und damit uns selbst zu zerstören.“

Aufstehen, mein eigenes Ruder in die Hand nehmen, nicht das Virus, Frau Merkel oder Herrn Trump als Ausrede nutzen, nichts machen zu können. Spittler beendet seinen Beitrag mit den Worten: „Wie

das in der Praxis aussehen kann, dafür gibt uns AA ein Beispiel: Das Beispiel der Gemeinsamkeit, der Gelassenheit und der Liebe“. Ist das nicht Weihnachten? Dass ich bei diesem Chef Lebenserfahrungen sammeln durfte, das ist für mich auch Weihnachten.

Kommen Sie besonnen und gesund in das nächste Jahr!

AnDi