U wie Urteil fällen, AnDi`s Kolumne

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

 

„U“ wie: Ein gutes Urteil fällen

Aus gutem Grund vertreten Menschen, die nach einer langen Phase der Abhängigkeit zu einem abstinenten Leben gekommen sind, die Ansicht, sie sollten sich über andere kein Urteil bilden, sondern auf sich selber schauen.

Manche konnten mir erklären, dass ihnen dieser Grundsatz hilft, sich auf sich selber zu konzentrieren. Sie suchen die Probleme bei sich und fragen, was sie ändern können. Sie suchen die Ursachen ihrer Probleme nicht mehr bei anderen. Das kann sehr hilfreich sein, wenn es nicht zu einer überhöhten Gewichtung dieser Einstellung kommt. Ich meine damit, dass hilfreiche Grundsätze nicht so einseitig sein sollten, dass es keine Alternative geben kann.

Wir brauchen immer auch unsere Urteilskraft. Mir sind viele Erfahrungen erinnerlich, aus denen ich gelernt habe, meine Überzeugungen und Grundsätze an der Wahrnehmung und Beobachtung meiner Situation zu überprüfen. Erst neulich bot mir ein Vertreter an, eine Versicherung „an die heutigen Verhältnisse“ anzupassen. Wortreich legte er dar, welche erheblichen Vorteile der neue Tarif bringe und dass nun sogar meine Fahrlässigkeit mitversichert werde. Erst das krude Beispiel einer überlaufenden Badewanne, bei der der hohe Abfluss mit einem im Wasser schwimmenden Waschlappen verstopft werden könnte, ließ mich stutzig werden. Ich vertraue den guten Erfahrungen mit der Versicherungsgesellschaft seit Jahrzehnten. Aber dieses Beispiel kam mir komisch vor. (Übrigens: Ich habe es probiert. Der Waschlappen schwimmt nicht mehr, wenn er vollgesogen ist.)

Natürlich vertritt die Versicherung auch ihre Interessen – der neue Vertrag wäre deutlich teurer. In meiner Situation bringt er mir aber keine Vorteile. Also bin ich diesmal dem Rat der Versicherung nicht gefolgt. Das war das Ergebnis des Vergleichs meiner inneren Vorstellung, dass ich denen vertrauen kann, mit der wahrgenommenen Realität, dass die Versicherung auf ihren eigenen Vorteil schauen muss.

Ich kenne das auch aus meiner Berufserfahrung in der Klinik, in der Patienten gelegentlich Überzeugungen vertraten, die mit den – sogar gemeinsamen – Beobachtungen nicht in Einklang zu bringen waren. Meine Versuche, mein Gegenüber von der Realität zu überzeugen, sind gescheitert. In der Gruppe erläuterten mir dann Mitpatienten, was sie beobachtet haben: Für den ist das so, weil es seine Überzeugung ist. Ich musste lernen, dass mein Gesprächspartner viel mehr Erfahrung mit nicht eingehaltenen Versprechen hat als mit zuverlässigen Zusagen. Ich hoffe, der Patient konnte während der Therapie neue korrigierende Erfahrungen sammeln und kann heute mit Vertrauen und Misstrauen flexibler umgehen.

Wir sind täglich gefordert, uns Urteile zu bilden, damit wir unser Leben sinnvoll gestalten. Hüten können wir uns vor Verurteilungen, Entwertungen und Sturheit. Ich unterhalte mich gerne mit anderen Menschen über politische, weltanschauliche und gesellschaftliche Fragen, über zwischenmenschliche Beziehungen und Themen, die mir helfen, meine Einstellungen zu prüfen. Öfter, als ich zugebe, merke ich, dass ich auch als inzwischen älterer Herr nicht nur Neues hinzulerne, sondern auch, dass ich Vorurteile habe.

Ein wichtiger Gradmesser ist mir die Frage geworden, ob jemand durch meine Einstellung zu Schaden kommt. Aber selbst darüber kann man sich immer wieder im Gespräch mit anderen Menschen orientieren. Abstinent lebende Menschen haben den beneidenswerten Vorteil, sich regelmäßig mit Gleichgesinnten zu treffen und sich austauschen zu können. Aber auch das Gespräch mit Andersdenkenden lässt mich oft überraschende Sichtweisen verstehen, die ich ja nicht übernehmen muss – aber könnte, wenn ich zu neuen Einsichten komme.

Übrigens habe ich dabei lernen dürfen, dass es keine Wunderlösungen gibt. Abstinenz ist ja auch keine ideale Lösung, weil man für sie auf manches verzichten muss, aber für Süchtige der beste Kompromiss. Ein schönes Beispiel für Urteilsbildung ist folgende wahre Geschichte:

Der ehemalige New Yorker Bürgermeister La Guardia war auch Richter. Eines kalten Wintertages führte man ihm einen abgerissenen, alten Mann vor. Er hatte aus einer Bäckerei ein Brot gestohlen. In der Vernehmung gab er den Diebstahl zu, er habe das Brot gestohlen, weil seine Familie hungere. La Guardia verurteilte den armen Mann zur Zahlung von zehn Dollar, damit er seine Strafe auch bezahlen konnte. Das Gesetz erlaubte keine Ausnahme. Dann wandte er sich an die Zuhörer und sagte: „Nun verurteile ich jeden Anwesenden im Gerichtssaal zu einer Geldbuße von fünfzig Cent, und zwar dafür, dass er in einer Stadt lebt, in der ein Mann ein Brot stehlen muss, um seine Familie vor dem Hungerstod zu bewahren. Herr Gerichtsdiener, kassieren Sie die Geldstrafen sogleich und übergeben Sie sie dem Angeklagten!“ Der Hut machte die Runde. Der alte Mann konnte mit fast 50 Dollar in der Tasche den Gerichtssaal verlassen …

Auch beim Stichwort „Urteile“ hilft mir Besonnenheit, die gelegentlich wirklich schwer zu wahren ist.

AnDi