AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Die „Blauen“ und meine Lebensqualität

„Wer immer schon mal wissen wollte, wie das damals mit den Nazis einfach so passieren konnte, lebt in der richtigen Zeit“, stichelt der Satiriker Jan Böhmermann. In der Tat: Nach Zweitstimmen haben die „Blauen“, wie man heute nicht die Betrunkenen, sondern die mit der braunen Gesinnung nennt, bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg mehr Wähler für sich gewinnen können als jede andere demokratische Partei. Es herrschte dennoch ein trügerisches Siegesgefühl bei den früheren Volksparteien, weil die Partei der besorgten Bürger keine Regierung bilden kann. Soweit sind wir wieder. Die Aufregung ist aber schnell erlahmt. In meiner Kindheit erzählte mir meine Großmutter, dass sie im November 1933 Hitler gewählt hat in der Vorstellung, er werde sich sehr bald als unfähig erweisen und bei der nächsten Wahl wieder die politische Bühne verlassen. Folgende Wahlen ließen in dieser dunklen Zeit nur noch die eine Partei zu ‑ bis Deutschland Millionen getötet hatte und selber im Elend zerbrach!

Was ist los in unserem Land, wenn ein Viertel der Bevölkerung 2019 eine Partei wählt, die sich offen völkisch, rassistisch, neonazistisch, wissenschaftsarrogant, kurz inhuman, zeigt? Menschen, die andere entwerten müssen, erweisen sich meist als schwach und ängstlich oder, was dasselbe ist, sie zeigen sich arrogant, aggressiv und despektierlich. Sie haben oft keine bewusste Weltanschauung erlernt, sondern kennen nur die Forderung nach strengen Maßnahmen gegen alles, was ihnen nicht passt. Gesellschaftlich haben wir darauf so reagiert, dass wir uns dieser Haltung anschließen und ebenfalls strengere Gesetze fordern. Das hilft niemandem.

Übrigens gab es in den 50er Jahren noch etwas mit dem Rohrstock auf die Finger. Wissen Sie, was meine Eltern gemacht haben, als ich ihnen das ängstlich erzählte? Die sind in die Schule gegangen und haben mit den Lehrern vereinbart, dass bei einem Fehlverhalten ihres Sohnes vor dem Rohrstock darüber gesprochen wird. Meinen Händen blieb der Rohrstock erspart. Das hatte Kultur und mich gebildet. Cool, oder? Mir hat es geholfen.

Ich glaube, wir haben 70 Jahre nach Beendigung des schrecklichen Kriegs und einer Demokratie, in der es uns zumindest seit 30 Jahren in Ost und West (trotz der Ungleichheiten) so gut geht wie kaum einem Volk in dieser Welt, die Orientierung verloren. Wir reagieren auf Missstände in unserer Gesellschaft nicht mehr besonnen und nachdenklich, ob wir alle unsere bürgerlichen Pflichten erfüllen, sondern in der Regel repressiv und fordernd. Das kommt gut an, wenn scheinbar „etwas passiert“.

In seiner Kolumne nach der Wahl hat der Spiegeljournalist Markus Feldenkirchen nun eine andere Konsequenz gezogen: „Die einzige effektive und nachhaltige Maßnahme wären massive Investitionen in Bildung.“ Denn Bildung bedeutet ja nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch das Verständnis für die Zusammenhänge in einer komplexen Welt – Orientierung eben. Wissenschaftler, die sich mit solchen Themen beschäftigen, kommen mit viel gewählteren Worten, als ich es jetzt ausdrücken kann, zu dem Ergebnis, dass es uns langfristig nur gut gehen kann, wenn wir dafür sorgen, dass unsere Umgebung sich auch wohl fühlt. Dazu gehören die Mitmenschen, die Natur und die Pflege unserer Kultur. Die Kälte der Gesellschaft kann ihre Temperatur nur so lange niedrig halten, wie wir ihr nicht mit menschlicher Wärme begegnen. Das gilt in Familie, Schule, Beruf, im Bus und auf der Straße.

Und dazu gehört natürlich auch das Einhalten der Gesetze und eine Vielzahl von gesitteten Umgangsformen und rechtmäßigem Verhalten einschließlich der Steuerehrlichkeit. Denn natürlich fallen Demokratie, Wohlstand und ein angenehmes Lebensgefühl nicht vom Himmel. Von dort kommen bestenfalls solche Hilfen, wie wir, sicherlich manchmal mühsam, eine Kultur schaffen, in der wir uns gegenseitig wertschätzen können. Das ist ein langer Weg, den wir aber heute schon einschlagen können. Der Countdown läuft nicht nur bei der Rettung unseres meteorologischen Klimas, sondern auch bei der Kultivierung unseres gesellschaftlichen Klimas. Du bist der Träger der Atmosphäre um Dich herum.

Wir lassen uns doch von den Rattenfängern hinter einer bröckelnden bürgerlichen Fassade nicht unsere Kultur nehmen. Bilden wir uns eine Haltung, mit der es sich human in unserer Demokratie leben lässt und werden wir selbst aktiv. Ich probiere es zum einen gerade mal mit Freundlichkeit und Wertschätzung anderer Menschen, die mir im Alltag begegnen. Zum anderen lasse ich meine Aufregung und Empörung nicht erlahmen – das hält wach.

Und nur nebenbei: das besprochene Thema hat auch etwas mit süchtiger Haltung zu tun. Oder nicht?