Z wie ZEIT

ABC der Sucht. AnDi`s Gedanken zur Zeit

Gedanken zur Zeit

Ach, du liebe Zeit! Schon wieder ist ein Jahr vergangen, seufzt so mancher Mensch, wenn die Silvesterraketen das neue Jahr ankündigen. Wieder einmal ist ein Jahr vergangen. Warum sagen wir das mit einem meist negativen Unterton? Haben wir etwas versäumt, haben wir unsere Ziele nicht erreicht? Hatten wir denn welche? Unsere Lebenszeit beginnt irgendwann nach unserer Zeugung und dauert bis zu unserem Tod an. Sie ist ein wichtiger Faktor unseres Lebens, weil sie Möglichkeiten bietet, aber auch Grenzen aufzeigt. Die Zeit, so scheint es mir, ist nur ein Rahmen, den wir indes aber gestalten können.

Dabei ist es nicht so wichtig, womit wir den Rahmen füllen, sondern, dass wir den Inhalt des Rahmens bestimmen … und wenn wir wie Loriot’s Herrmann auch nur einfach „hier sitzen“. Er hat es so entschieden und fühlt sich wohl. Es kann aber auch ganz anders gehen, wie etwa bei den Menschen, die unter Langeweile leiden. An ihnen rinnt die Zeit vorbei. Langeweile entsteht aber nur in Erwartungshaltung, als sei jemand anders für die Lebensgestaltung zuständig. Wer etwas gestaltet, dem ist nicht langweilig.

Das Gegenteil von Langeweile ist die Rastlosigkeit dessen, der „keine Zeit“ hat. Auch hier steckt oft das Begehren dahinter, andere mögen mir bitte Zeit lassen. In Wirklichkeit entscheiden wir uns, keine Zeit für die Kinder, für gesunde Sporttätigkeit, für die Gruppe, die uns Halt gibt, die Besinnung auf das für uns Wesentliche, unsere Leidenschaften oder ein Treffen mit Freunden zu haben.

Alle Menschen haben Zeit, aber nicht alle gehen bewusst und eigenständig damit um. Noch kein Patient, mit dem ich über die Zeit gesprochen habe, war wirklich so von äußeren Mächten bestimmt, dass er „keine Zeit“ hätte. Viele aber merken bei den Überlegungen zu diesem Thema, dass es zu einer gesellschaftlich anerkannten Ausrede geworden ist, die man sich dann fast selbst glaubt.

Zwischen Langeweile und Rastlosigkeit liegt die Fülle des Lebens: Ich finde es hilfreich, dass ich weiß, was mir wichtig ist, dafür muss ich auf andere Dinge verzichten. Oder ich kann Kompromisse finden, um meinen Umgang mit der Zeit so zu gestalten, dass ich weiß, wo meine „Wichtigkeiten“ liegen, wem ich Zeit schenken möchte, wer meine Zeit versüßt und wo ich sie vergeude.

Wie viel Zeit haben wir, um unsere Träume zu leben, wie viel Zeit haben wir, um endlich mit selbstschädigendem Verhalten aufzuhören? Wie viel Zeit haben wir dann noch, um davon zu profitieren?!

Wie pastoral es auch klingen mag, ich sage es dennoch: Die Zeit bleibt als Protokoll in unserem Gehirn erhalten und kann wie ein Film als Erinnerung abgerufen werden. Auch das kann man einüben, weil so ein guter Film der Erinnerung den Genuss der genutzten Zeit immer wieder hervorrufen kann. Nur süchtiges Denken kommt zu dem Schluss, dass das Gewesene vorbei ist.

Damit kann zwar etwas zu Ende gehen, es kann uns aber nicht mehr genommen werden. So geht nun auch die Kolumne „ABC der Sucht“ mit diesem Beitrag zu Ende. Wem die Lektüre gefallen hat, kann sich daran erfreuen. Wem es nicht gefallen hat, hat hoffentlich nicht seine Zeit damit vergeudet. Besinnen Sie sich der Möglichkeiten Ihrer Zeit und schieben sie die verpassten Gelegenheiten nicht auf andere, sondern nehmen Sie sich die Zeit, um sie zu nutzen.

Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich mit den Kolumnen zum Nachdenken angeregt haben und bleibe Ihr

AnDi

(Dr. Andreas Dieckmann)