V wie Verstehen und Verstandenwerden, AnDi`s Kolumne

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

 

V wie Verstehen und Verstandenwerden

Manchmal verstehe ich mich nicht: Was treibt mich an, plötzlich einen anderen Menschen mit Worten zu kränken oder gereizt auf eine berechtigte kritische Nachfrage zu reagieren?

Etwas häufiger noch erlebe ich bei Mitmenschen, dass ich deren Reaktion auf ein Erleben komisch finde, weil ich selber anders reagiere. Im Nachhinein weiß ich dann gelegentlich nicht einmal mehr, worum es in der Sache ging.

Inzwischen ist mir mit der Hilfe kluger und wohlmeinender Berater deutlich geworden, dass in Meinungsverschiedenheiten in den seltensten Fällen die „Sache“ wirklich von Bedeutung ist. Am leichtesten fällt mir das in solchen Fällen einzusehen, wenn es um Kleinigkeiten des Alltags geht. Da ist es eigentlich völlig egal, ob die Schuhe nebeneinander stehen oder der ausgeborgte Kuli in den Becher mit den Stiften zurückgelegt wird oder daneben liegt.

An dem letzten Beispiel ist mir das einmal aufgefallen. Ich habe mich darüber so geärgert, dass ich mich über mich wundern musste. Ein Griff – und der Kuli ist an Ort und Stelle. Erst, als ich in mich hineingespürt habe, ist mir aufgefallen: was mich wirklich gewurmt hat. Es war die Tatsache, dass der Ausborger sich über meine Ordnung einfach hinweggesetzt hat. Darüber hätte ich mich richtig schön streiten können – mit dem Kampf darum, dass der Andere irgendwann versteht, dass mir meine Ordnung wichtig ist und er sie respektiert, indem er den geborgten Kuli genau dahin legt, wo es mir wichtig ist. Dann fühle ich mich verstanden.

Pillepalle? Vorsicht! Wer einmal darauf achtet, wird wohl bald merken, dass er bei sich auch solche Schwächen entdeckt und wie heftig er darauf reagiert. Dabei geht es übrigens nicht um die Frage, ob die eigene Reaktion „normal“ ist. Es geht darum, mitzubekommen, wie wichtig es uns ist, verstanden zu werden. Das kommt auch im Rechthabenwollen zum Ausdruck. Ich glaube, das hat mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Wenn ich mich verstanden fühle, dann bin ich ausgeglichen.

Für die Beziehung zu Partnern, Freunden und Kollegen gilt natürlich ähnliches. Auch sie wollen verstanden werden. Mir hilft es, mich zu fragen, wie ich mich in deren Situation fühlen würde. Ich habe aber auch Menschen kennengelernt, denen das nicht gelingt. Da imponiert mir die Faustregel vieler trockener Alkoholiker, die sich angewöhnt haben, anderen Menschen einfach zu glauben. Das ist fast genial: Ich muss nicht genauso empfinden wie der Andere, es reicht, ihm einfach abzunehmen, dass er ist, wie er ist.

Was hat das alles mit Sucht zu tun? Die bewusstseinsverändernden Mittel werden als Konfliktlöser eingesetzt! Mit ihnen entzieht man sich der Auseinandersetzung mit sich selber und Gesprächspartnern. Suchtmittel ersetzen das Verstehen und Verstandenwerden durch das giftig wohltuende Gefühl, welches man sich in der Beziehungsgestaltung zu sich und anderen erst erarbeiten muss. Leider hält das positive Gefühl nur über die Zeit der Drogenwirkung. Das Bemühen um gegenseitiges Verständnis ist mühsam, aber auf Dauer deutlich haltbarer.

Im Alltag, in Selbsthilfegruppen oder auch mit professioneller Hilfe lässt es sich üben, sich selber zu verstehen und zu akzeptieren, dass andere anders fühlen, denken und erleben. Daraus lässt sich viel lernen und es erweitert den eigenen Horizont. Zuhören hilft, Vorurteile zu überprüfen und zu erkennen, welche Vielfalt das Leben zur Verfügung hat. Und es gibt die Möglichkeit zu unterscheiden, ob ich akzeptieren möchte, was ich verstanden habe oder nicht.

Wenn wir es mit Besonnenheit angehen, sind die Chancen zu einem guten Verständnis nicht schlecht.

AnDi