AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Wohlfühlorte

Mir ist in der akuten ersten Phase der Coronakrise die Decke nicht auf den Kopf gefallen, ich hatte keine Verschwörungserzählungen im Sinn und fühlte mich in den Grundrechten durch die Vorsichtsmaßnahmen nicht sonderlich beeinträchtigt. Jetzt, da alles nicht mehr so bedrohlich ist, muss ich allerdings feststellen, dass ich Zukunftssorgen entwickele. Der Bäcker an der Ecke hat die Krise nicht überstanden, Kaufhäuser werden geschlossen, geplante Reisen können nicht so stattfinden, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Pflegekräfte bekommen offenbar wirklich nur ein Klatschen und einen feuchtwarmen Händedruck, die pflegenden Angehörigen lässt die Politik ganz im Regen stehen und in der Zeitung steht, dass es nicht gut um die Entwicklung eines Impfserums steht. Die Prognosen um das weitere Infektionsgeschehen sind sehr widersprüchlich und ich merke, wie Unbehagen und dunkle Fantasien in mir aufsteigen. Irgendwie wird mir nachvollziehbar, warum sich inzwischen so viele Menschen  gereizt, manchmal aggressiv und provozierend verhalten.

Vielleicht erlebe ich die Lage ähnlich wie Menschen in unerwartet schwierigen Lebenslagen: Sie bewältigen die Probleme, reagieren sinnvoll und spüren ihre Verunsicherung erst nach der Notlage. Manche fallen dann in eine Depression, andere werden angriffslustig und suchen „schwarze Schafe“ oder sehen Verschwörungen um sich herum.

Beruhigen könnte ich mich damit, dass es andere Menschen viel härter getroffen hat, solche, die erkrankt sind und in Ländern leben, in denen die Gesundheitsversorgung schlechter ist als bei uns. Wir haben auch (noch) keine ignoranten Populisten an der Spitze unseres Landes. Das stimmt, aber diese Tröstungen erreichen meine Seele nicht. Ich habe mich einer bewährten Methode besonnen, mit der ich im Leben über manche persönliche Krise hinweggekommen bin. Es gibt Orte, mit denen ich gute Erinnerungen verbinde, Bänke in einem Park etwa oder ein Musikerlebnis mit Freunden. Solche Plätze kann man aufsuchen und die Kraft der Erinnerung spüren. Natürlich geht das auch mit der Lieblingsmusik, dem guten Film und dem Buch, das einem positive Anregungen gegeben hat.

Menschen, die in Meditation geübt sind, wissen, wovon ich rede: Solche Rituale helfen zur Besinnung auf sich selbst, zum Blick auf die eigenen inneren Kräfte, auf die Ressourcen, wie man heute sagt. Innere Not lässt sich nur durch in mir ruhende Energie überwinden. Manchmal braucht man dazu die Hilfe eines Menschen oder einer Gruppe, mit der man sich darüber austauscht. Leser dieser Zeitschrift durften solche Wege gehen, um zu sich selbst zu kommen, sich unabhängig zu machen von Stoffen oder illusionärem Verhalten.

Ich mache gute Erfahrungen mit „Wohlfühlorten“ in meiner Umgebung und meinem Inneren. Sie helfen mir zur Konzentration auf das Wichtige, wenn ich in der Gefahr stehe, mich verwirren zu lassen oder sich Katastrophenängste breit zu machen versuchen. Übrigens hat mich die Konzentration auf diese Zeilen auch wieder etwas in mein Gleichgewicht gebracht – durch die Besinnung auf Kräfte, die mir in meinem Leben schon früher über Schwierigkeiten hinweggeholfen haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Orte finden.

AnDi