ABC der Sucht (aus der TrokkenPresse-Ausgabe 03/2016)
AnDis Gedanken zur (damaligen) Zeit – vor zehn Jahren
„J“eden kann es treffen
Seit ich diese Kolumne schreibe, fällt mir verstärkt auf, wie oft ich mich mit Banalitäten beschäftige. Ich komme nicht umhin, mir einzugestehen, wie wichtig solche Banalitäten und ihre Akzeptanz für mich werden können. „Jeden kann es treffen“ ist so eine Banalität. Jeder kann Krebs bekommen, jeder kann süchtig werden, jeder kann einen geliebten Menschen verlieren, jeder kann Flüchtling werden, jeder kann unversehens in öffentlichen Misskredit fallen. All das ist banal. Damit kann man sich mit schnellem Fuß des Themas entledigen. Damit kann man sich besänftigen, verallgemeinern oder ablenken.
Mir fällt zunehmend auch auf, dass mich das „Jeder“ berührt, weil ich erlebt habe, dass mich solches „Treffen“ in meinem Leben schon erreicht hat. Schläge des Schicksals, an deren Nähe ich früher nicht geglaubt habe. Plötzlich bin ich damit konfrontiert und unversehens erkenne ich Zusammenhänge, von denen ich mich bisher gerne innerlich distanziert gehalten habe. Aber diese Horizonterweiterung ist mir hilfreich geworden und hat meine Urteilsbildung entschleunigt.
Ich denke an das Schicksal von süchtigen Menschen, die täglich auf ein Unlustvermeidungsmittel oder einen Glücklichmacher verzichten müssen – Substanzen, die gewirkt haben! Substanzen, die aus der Welt der Realitäten eine selbstbestimmte Welt mixen konnten und wieder können würden! Da entlockt mir ein Leben in Abstinenz Hochachtung und Demut, weil ich meine eigenen kleinen Süchteleien mit viel weniger Profit so mühsam beherrsche.
Ich denke an das Schicksal von vertriebenen Menschen, die in ihrer angestammten Heimat ein zufriedenes Leben führten, denen aber plötzlich Bomben, Granatsplitter und Gewehrkugeln um die Ohren sausten, dass sie den Tod in den Gliedern spürten und sich deshalb auf den Weg machen, um irgendwo – sogar in einer Kultur mit ihnen manchmal schwer verständlichen Sitten – eine neue Existenz aufzubauen. Das entlockt mir Demut, weil ich an meine aus dem tiefen Osten nach dem Krieg geflüchtete Großmutter denke, die zuvor im Krieg in den Osten geflohen ist. Sie hat nie mehr ein zufriedenes Heimatgefühl erlebt, weil sie sich so erniedrigt fühlte als „Flüchtling“.
In meinem Beruf bin ich vielen Menschen durch mein professionelles Verstehen-Müssen sehr nahe gekommen und habe feststellen dürfen, wie wohltuend es ist, wenn sich die eigenen Einstellungen verändern, sobald man einem Menschen oder einer menschlichen Problematik „näher“ kommt. Dann fallen mir gelegentlich bessere Alternativen ein als Obergrenzen, Wegsperren, Liebesentzug und Rückfall in das Muster von Gewalt gegen Gewalt.
Naiv? Vielleicht, ja! Aber der Blick zurück in die Entwicklungen zu mehr Menschlichkeit zeigt, dass es häufig eine wohl dosierte kluge Form der Naivität war, die zur Gleichberechtigung der Frau, der Menschenrechtskonvention, der Akzeptanz von Gleichgeschlechtlichkeit, der Entdämonisierung der Suchtkranken oder der Entfernung von Barrieren für Behinderte geführt hat.
Manche trockene Alkoholiker haben mir erzählt, wie sie einfach nur ganz naiv den Strategien der Abstinenten gefolgt sind, bevor sie den Sinn der Rituale und Handlungen verstanden haben.
Vielleicht können wir mit besonnenem Blick aus Banalitäten sogar Weisheiten beziehen!
AnDi