AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Das setzt dem Fass die Krone auf

Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden sie Ihnen wie aus der Welt gefallen vorkommen. Zumindest vermute ich das, weil sich seit etwa zwei Wochen alle zwei Tage die Welt verändert. Und es sieht so aus, als ginge das noch eine Weile weiter so. Aber nicht in dem beruhigend philosophisch klingenden Sinn, dass „alles fließt“, sondern , dass morgen wahrscheinlich alles wieder völlig anders ist. Übrigens kann man Heraklit, von dem der Spruch stammt, so verstehen, dass immer alles im Wandel, also in Entwicklung ist oder aber alles vergeht und dann Neues entsteht. Der Autor dieser Kolumne muss im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus zur Kenntnis nehmen, dass er mit dem Alter und seinem Geschlecht zur Hochrisikogruppe jener gehört, die in diesem Sturm der Ereignisse eher „vergehen“.

Statt solch äußerst unangenehmer Gedanken beobachtet er im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie lieber interessante Dinge. Da kommt nun tatsächlich, was irgendwann kommen musste, ein globaler Cyberangriff, der alles zum Stehen bringt, eine atomare Verseuchung, die alle verstrahlt oder – wie jetzt real – eine Viruspandemie mit einem Erreger, den man in seiner Verbreitung, seiner Wirkung und seinen Folgen nicht wirklich kennt. Habe ich tatsächlich ernsthaft vertraut, „die“ werden schon wissen, was zu tun ist, ihre Pläne aus der Tasche ziehen und es passiert nichts Schlimmes – wie bisher immer in meinem 70-jährigen Nachkriegsleben? Jetzt verfolge ich, den Kopf nicht gerade schüttelnd, aber irritiert wiegend, wie gestern noch die Schließung der Bars und Kneipen für Dienstag vorgesehen war und nun heute, am Samstagabend beschlossen und in derselben Stunde umgesetzt wird. Wie naiv bin ich eigentlich, zu mutmaßen, andere werden schon alles regeln und mehr noch, es  l ä s s t  sich alles regeln. Ausgerechnet der winzige fiese Virus lehrt mich auf die alten Tage noch Demut – das Gegenteil von Hochmut. Es ist nicht alles mit dem Computer zu berechnen.

Bleibt also nur noch mein Ärger darüber, dass Politiker schamlos schwadronieren, wir seien mit unserem großartigen Gesundheitssystem „gut vorbereitet“, haben nur leider Papierschutzanzüge und Schutzmasken nach China verkauft, hier aber keine mehr zur Verfügung. Zur Wahrheit gehört auch, dass sich der Staat vor zwanzig Jahren aus seiner finanziellen Verantwortung herausgezogen und endgültig eine Krankheitswirtschaft mit einem Pflegekollaps geschaffen hat, bis es Tote gab. Das begann für Süchtige mal mit einer 7-Tage-Entgiftung. Aber das ist ein anderes, nur leider dazu gehörendes, Kapitel. Sorry, aber Demut schützt leider nicht vor dem Zorn über die hochmütige Vernachlässigung.

Hierzulande werden, nachdem ein führender Virologe den Vorschlag schon 10 Tage zuvor vor den Ohren kopfschüttelnder Politiker unterbreitet hatte, die Schulen fünf Wochen geschlossen. Die Großkonzerne haben gleichzeitig die Versicherung, dass sie großzügig finanziell unterstützt werden und die alleinerziehende Mutter mit dem 24 Stunden auf Anwesenheit und Assistenz angewiesenen behinderten Kind hat ihren Etat für Fremdhilfe für das Jahr fast aufgebraucht. Mit solchen Fällen und den selbständigen Kleinkünstlern, Taxifahrern und Klenikioskbetreibern könne man sich später noch befassen, sagt der Finanzmister. Ja, erwidert die Mutter, wenn ihr mich in die Psychiatrie gebracht habt. (Hoffentlich nicht in Berlin!) Das setzt dem Fass den Corona auf!

Nein, nein , ich kritisiere nicht speziell die deutschen Verhältnisse, ich bin nur immer wieder erstaunt: In den USA werden die Schulen auch geschlossen, aber nicht in Chicago, wie ich höre. Die Bürgermeisterin dort fürchtet um die Gewalt, der die Kinder ausgesetzt sind, die fehlenden Mahlzeiten und die Verwahrlosung, wenn sie so lange zu Hause sind. Gespannt bin ich, wie sich die Solidarität der Menschen untereinander entwickelt, wenn es wirklich kein Klopapier mehr in den Läden gibt. Wird man sich dann um die Rollen schlagen oder solidarisch teilen? Vielleicht wissen wir es schon, wenn Sie dies lesen.

In all dem Virenwirbel noch etwas Wichtiges. Kennen Sie noch Rüdiger Salloch-Vogel, der hier eine nachdenkliche Kolumne gepflegt hat, nachdem er viele Jahre Alkoholikern authentisch Wege in die Abstinenz weisen konnte? Wegen so manch schöner Geschichten, die er erzählen kann, wird er von manchen liebevoll Salonvogel genannt. 80 Jahre ist er jetzt geworden. Von dieser Stelle wünsche ich ihm, ich glaube, mit mir unzählige Dankbare, Gesundheit, Lebensfreude und ein erfülltes Leben weit über die Corona(w)vir(r)en hinaus. Auf der besonnenen Suche nach dem Blick für das Wesentliche schielt

AnDi