Y wie Ying und Yang

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

Y wie Ying und Yang

Es wäre so schön, wenn man gleich wüsste, was richtig ist und was falsch, wer gut ist und wer böse. Ich hätte gerne eindeutige
Gefühle, denke ich manchmal. Dann wiederum erwische ich mich beim „einerseits“ und „andererseits“. In vielen
Fragen des Lebens habe ich mich mit der Zeit verändert. Und gerade vor einigen Tagen ist mir in einem Gespräch mit einem
Deutschen türkischer Kultur klar geworden, dass ich sehr komische Vorstellungen zum Thema „Integration“ vertrete.
Was ich damit sagen will? Ich habe gelernt, dass Eindeutigkeit nicht Einseitigkeit ist. Ich komme zu meinen eindeutigen
Positionen nur, wenn ich verschiedene Argumente abwäge, sie in Beziehung setze zu meinem bisherigen Wissen und zu
meiner Einstellung. Die steht im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen. Von den Selbsthilfegruppen der Suchtkranken
ist mir sehr vertraut geworden, dass unser Sein ein Weg ist, ein Prozess, der uns im Leben immer in Bewegung hält –
also nicht in festen „Standpunkten“!

„Heute bin ich trocken, was gestern war, hat nichts mehr mit mir zu tun, weil ich jetzt ein anderer Mensch bin“ scheint
mir deshalb eine Einstellung zu sein, die vielleicht nicht ganz ungefährlich ist. Der uns bewegende Prozess ist ja ein Teil
unseres ganzen Lebens, der zu uns gehört. Ich weiß von mir, dass ich möglichst freundlich mit allen Menschen sein möchte,
aber manchmal sehr unfreundliche Gedanken über sie habe. Das gehört auch zu mir! Die Widersprüchlichkeiten sind
Bestandteil unseres Daseins. Sie sind manchmal einfach der andere Teil von uns.

Im Yin und Yang ist das – wie ich finde – ganz nachvollziehbar erklärt: Yang enthält das Helle, Männliche und Aktive,
meinten chinesische Philosophen. Yin beherbergt das Dunkle, Weibliche und die Ruhe. Beides, so heißt es, gehört untrennbar
zusammen, wenn es um das Ganze geht. Gegensätzliche Begriffe existieren nur gemeinsam. Etwas als hell zu
bezeichnen hat nur Sinn, wenn es auch das Dunkle gibt. Die Begriffe stehen also für Gegensätzlichkeiten, die sich aber
aufeinander beziehen und voneinander abhängen. Deshalb muss ich nicht versuchen, meine ungeliebten Wesenszüge,
Charakterfehler, mein Krankheitsverhalten und meine Irrtümer zu vernichten oder zu verleugnen, sondern kann allein oder
mit Hilfe anderer versuchen, solche Eigentümlichkeiten zu beherrschen.

Vielleicht ist es sogar gut, dass man nicht einfach etwas von sich vernichten kann: Wenn der Friedfertige seine Aggression
kennt und spürt, dann bricht sie nicht unkontrolliert durch. Wenn der Süchtige seine gierige Seite kennt, spürt er sie
womöglich rechtzeitig und kann seine Unversehrtheit erhalten – und es „passieren“ keine Rückfälle mehr. Sie kommen
eben nicht von außen, sondern aus dem widersprüchlichen Inneren eines Menschen.

Manchen Menschen hat ihre Entwicklung aber das Gespür für ihre Gegensätzlichkeiten nicht mitgegeben. Sie empfinden
sie nicht, selbst wenn andere Menschen sie schon am Verhalten erkennen. Wer es nicht spürt, der kann aber lernen, dass
auch in ihr oder ihm – wie im Yin und Yang – die Widersprüche und Gegensätzlichkeiten wohnen. Wer es selbst nicht
sieht, der kann sich Menschen suchen, die ihm dabei helfen, in der Familie, im Kreis von Freunden oder in der Selbsthilfegruppe.
Zu einigen meiner dunkleren Seiten habe ich inzwischen ein augenzwinkerndes, fast gutes Verhältnis, wenn ich manchmal
in einem Film dem irgendwie doch mit mir wesensähnlichen Ganoven wünsche, dass er davonkommt … aber sagen
Sie es nicht weiter, sondern schauen Sie mal nach Ihren Gegensätzlichkeiten, die sich zu etwas Neuem ergänzen lassen.
Besonnenheit hilft dabei übrigens gelegentlich.
AnDi