X wie Xenophobie

ABC der Sucht. AnDi‘s Gedanken zur Zeit.
dieckmann

 

 

 

X wie Xenophobie

Es führen viele Wege in die Sucht. Einer geht über die Unfähigkeit, das Anderssein anderer zu ertragen. Meist entwickelt sich das schon in der frühen Kindheit. Wenn alles gut geht, dann lernen wir, uns für etwas Neues zu interessieren, zu schauen, wie wir es uns nützlich machen können. Uns wird früh beigebracht, Fremden mit Freundlichkeit entgegenzutreten. Allerdings lernen wir ebenso früh (hoffentlich) auch, nicht mit Fremden mitzugehen. Ich durfte sogar bei Tanten und Onkels aus der Familie, die nur zu hohen Feiertagen zu Besuch kamen, den Wunsch nach einem „Küsschen“ abschlagen, wenn es mir zu fremd war. Was mir sehr entgegenkam, weil die Tantenküsse immer so eklig feucht waren. Ich durfte zur Kenntnis nehmen, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, ich aber nicht alle Menschen gleich sympathisch finden muss. Ich habe erlebt, dass meine Großmutter nach dem Krieg in den Westen flüchten musste und nicht verstanden hat, warum sie deshalb Schwierigkeiten hatte, in der neuen Umgebung angenommen zu werden. Das hat sie bitter und hart gemacht. Daran muss ich heute oft denken angesichts der gesellschaftlichen Diskussion um geflüchtete Menschen, die bei uns Schutz vor Krieg suchen. Irgendwie habe ich gelernt, das Fremdartige interessant zu finden, bin aber nun wirklich nicht frei von Vorurteilen, die mir manchmal bestätigt und manchmal widerlegt werden.

Ich könnte da so manche Geschichte erzählen. Eine will ich Ihnen nicht vorenthalten: Als ich noch in der Klinik gearbeitet habe, wurde es gelegentlich abends spät. Auf dem dunklen Weg zu meinem Auto kam mir auf dem durch Mittelstreifen geteilten Grazer Damm eine Gruppe lauter arabischer Jugendlicher entgegen. Mein Vorurteil raunte mir zu: „Die sind aggressiv“, mein Gegengedanke war: „Reines Vorurteil!“ Trotzdem spürte ich einen Linksdrall und querte die Straße. Als ich drüben war und mein schlechtes Gewissen wahrnahm, rief einer der Halbwüchsigen, der das wohl gespürt hat: „Hallo, Opa, wir tun nix!“ (Das mit dem „Opa“…)

Manche Menschen haben nicht das Glück, dass sie Fremdes als interessant erleben können, sondern in ihrem kurzen oder auch schön längeren Leben die Erfahrung mitnehmen mussten, dass Fremde und Fremdes eher gefährlich sind. Ich glaube, mancher von denen, die jetzt auf den spektakulären Demos fürchten, dass das Deutsche aus Deutschland vertrieben werden soll, ist mit solchen Ängsten bedrängt und hat deshalb über die Skepsis hinaus eine echte Fremdenfeindlichkeit entwickelt, die man Xenophobie nennt. Genauer übersetzt ist es eben eine Angst vor Fremden, die man zu vermeiden sucht. Angst vermeiden kann man auch dadurch, dass man sich über den anderen stellt, ihn also entwertet.

In den Jahren meiner therapeutischen Begleitung von Suchtkranken zu einem weniger selbstschädigenden Verhalten sind mir viele begegnet, deren großes Problem es ist, dass sie von anderen, speziell fremden Menschen, auch aus anderen Kulturen, nicht viel Gutes erwarten. Oft sind es Menschen, die nur solche Mitmenschen ertragen, die ihnen ähnlich sind. Im Verlaufe eines solchen Lebens kommt es nicht selten zu einer Einsamkeit; die einen „Partner“ verlangt, der genauso wirkt und reagiert wie sie es wünschen.

Die Rolle eines solchen „idealen“ Partners kann nur ein Suchtmittel übernehmen, welches die Eigenschaften des Alkohols in sich trägt. Menschen, die sich so in die Sucht getrunken haben, sehen natürlich in Therapeuten, Abstinenzlern und Selbsthilfegruppen sehr leicht ihre Feinde, verhalten sich so und erhalten die erwartete Reaktion: Ablehnung und Entwertung vom Typ: „Einer wie Du muss noch viele Runden drehen.“ Das Vorurteil stimmt gelegentlich, ich habe aber auch Menschen erlebt, die sich nach der Therapie bedankt haben, dass man sie ausgehalten hat, weil das ihr Vorurteil gelockert hat. Wer seine Besonnenheit pflegt, kann viel erleben – mit sich und den Fremden!

AnDi