AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

„Die Klarheit“ musst Du wohl selber finden

Da bin ich wieder. Mit den „Gedanken zur Zeit“. Es soll ab jetzt nicht nur um Sucht gehen. Es gibt ja in der Welt Abhängiger und Unabhängiger noch andere Themen, die Anstoß erregen. Ich habe gehört, das Wichtige an einer Kolumne sei nicht, dass man mit ihr übereinstimmt, sondern dass man an ihr Anstoß nimmt und sie trotzdem liest. Wie dem auch sei: Heute fängt es gleich wieder damit an. Ein unabhängig denkender, abstinent lebender Abhängiger bat mich um meine Meinung zu „Die Klarheit“ (von Leslie Jamison, Hanser Verlag Berlin 2018, 636 Seiten, 28 €, als e-book 20,99€)! Das ist ein Buch von deutlich über 600 Seiten, „ein Monumentalwerk“, wie der Denker mir sagte. 600 Seiten … soll ich mir das antun? Fragen Sie mich nicht: Ich habe es getan.

Das beste zuerst, der Klappentext: „Alle Geschichten von Sucht gleichen einander. Doch jeder Süchtige glaubt, auf ganz eigene Weise unglücklich zu sein. Das ist es, was Leslie Jamison begriff, als sie begann, Treffen der Anonymen Alkoholiker zu besuchen: Sie trank, weil sie ihre Mängel verbergen, ihre Bedürfnisse abschütteln und um jeden Preis besonders sein wollte. Und sie würde erst genesen, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte. Mitreißend erzählt sie von ihrer Abhängigkeit und hält sie gegen die populären Mythen funkelnder Genialität –  über Raymond Carver … und viele andere.“

Ja, in diesem Buch geht es um die verzehrende Gier, geliebt zu werden. Die Autorin kämpft mit ihrem Gefühl, einzigartig zu sein, sich aber dennoch stets als Versager zu fühlen. Sie gibt sich der Illusion hin, dass sie für eine Garantie kämpfen müsste, ihr Freund möge sie ewig lieben, „ein Versprechen, dass es mit uns nie vorbei sein würde“. Ihr fehlt es an der empfundenen Erfahrung des Gefühls, liebenswert zu sein. Das gibt Selbstsicherheit. Dies spürt sie aber nur, wenn der Freund sie liebt. Sie bemerkt zunehmend, dass es ihr in der Beziehung nur um sich selbst geht. Und Leslie erlebt Situationen, in denen nicht Sieg oder Niederlage im Vordergrund stehen, nicht Schuld und Versagen, sondern nüchterne Lösungen, die allen Beteiligten gerecht werden. Daran hat sie mächtig zu knabbern. Die abstinente Leslie lernt auf holprigen Wegen, die Freude am Leben nicht mit dem „Kick“ der Sucht zu vergleichen. Sie müht sich, die Beziehung zu anderen Menschen als Genuss zu erleben. All das scheint fast unerreichbar, wenn es einen Geist in der Flasche gibt, der all das wohldosiert oder kontrollverlustig in der Ekstase erreichen kann.

Erst die Erkenntnis, dass ein chemisches Mittel ihre Individualität zurechtmanipuliert, hilft, zu der Erkenntnis zu kommen, dass es nicht um das absolute Glück und den Kick gehen kann, sondern darum, sich selbst zu finden und damit sein Glück zu machen. In diesem Sinne ist die Lektüre des manchmal schwer verdaulichen Textes hilfreich, weil so viele Probleme des Trinkens und der Abstinenz bearbeitet werden. Die Geschichte einer Genesung ist schon viele Male geschrieben worden, aber speziell diese Geschichte hat den Anspruch, besonders zu sein – wie Leslie Jamison es eben anstrebt. Warum nicht? Mir persönlich waren manche schlichteren authentischen Bücher dieser Art näher.

Und die Moral von der Geschicht‘: Mit einem Suchtmittel kannst Du vielen Problemen aus dem Weg gehen, aber wohl auch Deinem individuellen Leben. Das findest Du in Dir, vielleicht im Gespräch mit anderen Menschen, in der Reaktion Deiner Nächsten, wenn die Synapsen funktionieren und Du Dich erleben kannst.

AnDi dankt dem unabhängigen Denker für die Anregung.