AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Sucht polarisiert

Sucht polarisiert Suchtkranke, Therapeuten und die Gesellschaft. Alle sind sich nur in einer Frage (fast) einig: Die Abhängigkeit von einem Suchtmittel ist eine Erkrankung. Spätestens nach dem Beginn von Entzugserscheinungen kann man nicht mehr umhin anzuerkennen, dass es sich nicht um eine Charakterschwäche handelt, wenn ein Mensch die Kontrolle über den Konsum eines Suchtmittels verloren hat. Anders als bei der Entwicklung verschiedener organischer Erkrankungen entwickeln viele Menschen indes kein Mitleid, sondern eher ein Strafbedürfnis gegenüber Menschen mit Suchtproblemen. Davon sind übrigens auch Betroffene nicht ausgenommen. In der Suchttherapie plädieren Patienten häufig bei einem Rückfall eines Mitpatienten eher für Bestrafung – etwa die Entlassung aus der Therapie – als für eine Intensivierung der Therapie.

Ähnlich ist in vielen Fällen das Verhältnis von Therapie und Selbsthilfe. In manchen Selbsthilfebewegungen wird die Ansicht vertreten, dass Therapeuten die Therapie nur zur Geldschneiderei nutzen. Andererseits vernachlässigen einige Therapeuten nicht ganz zufällig gelegentlich den Hinweis auf die Selbsthilfe. Kürzlich habe ich den Hinweis auf eine App bekommen, die relativ vollständig das therapeutische Angebot für abhängigkeitskranke Menschen in der Region abbildet. Aber die Selbsthilfe ist mit keinem Wort erwähnt!

Die Behandlung chronischer Krankheiten wird in der Medizin von der Akutbehandlung bis zur Palliativmedizin vom ersten Symptom bis zum Ableben des Patienten aufrechterhalten. Die Sucht ist die einzige mir bekannte Erkrankung, von der gelegentlich auch Ärzte äußern, dass man die Behandlung einstellen sollte, wenn mehrere Therapien nicht „angeschlagen“ haben – und drücken anschließend, wie zur Bestätigung ihrer Aussage, mit fester Hand ihre Zigarette im Aschenbecher aus. Manche sprechen sogar von einer „letzten Chance”, die sie mit der Therapie gewähren. Ob das immer nur sadistisch ist, weiß ich nicht einmal, es ist aber unethisch. Natürlich wissen wir, dass es süchtelnde Menschen gibt, die möglicherweise ihre Sucht aufrechterhalten, weil sie wissen: Die Therapeuten müssen helfen!

Diese Erfahrungen stammen übrigens nicht (nur) aus der Frühzeit der therapeutischen Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen nach der höchstrichterlichen Anerkennung als behandlungspflichtige Krankheit 1968, sondern aus jüngster Zeit im 21. Jahrhundert.

Ebenso aus der Zeit gefallen kommen mir die immer noch vorhandenen latenten Kämpfe zwischen Abstinenztherapie und gewährender Therapie vor. Natürlich ist es für den Menschen in Bezug auf sein Leben, meist auch seiner Lebensqualität, hilfreicher, wenn es ihm gelingt, seinen Alltag abstinent zu gestalten. Aber ich trage doch Eulen nach Athen, wenn ich sage, dass nicht wenige Abhängigkeitskranke sich auch nach vielen Jahren der Abstinenz immer noch nicht vorstellen können, bis zum Lebensende suchtmittelfrei zu leben. Und gerade denen, die abhängig von suchtinduzierenden Substanzen sind, darf die Medizin die Hilfe nicht verweigern. Daher gibt es seit langer Zeit die Substitutionstherapie und seit zehn Jahren auch die Diamorphinvergabe. Bei Menschen, denen es nicht gelingt, sich von der Droge zu lösen, ist die Abgabe einer sauberen Substanz die lebensrettende Maßnahme – wahrscheinlich schon für tausende. So werden sie gelegentlich sogar in die Situation versetzt, ihren Lebensunterhalt wieder durch eigene Arbeit zu bestreiten und deutlich länger zu leben.

Es kann deswegen kein „entweder – oder“ geben. Es ist dagegen die Aufgabe der Therapie, wie überall in der Medizin, eine korrekte Diagnose zu stellen und einen individuellen Behandlungsplan aufzustellen – natürlich in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen des Patienten.

Neulich erlebte ich als Supervisor in einer Beratungsstelle die Diskussion der Mitarbeiter über den Umgang mit einem psychosekranken Mann, der seit zwölf Jahren Kokain zu sich nimmt und davon nicht lassen kann. Ein bundesweites Programm stellt auch hier Mittel und Wege zur Verfügung, einem solchen Patienten die Einnahme kontrolliert zu ermöglichen, ohne dass er strafrechtlich verfolgt wird. Die Mitarbeiter haben eine lange kontroverse und ernsthafte Diskussion geführt. Sie kamen schließlich trotz gut begründeter Skepsis zu der Entscheidung, dieses Programm mit dem Patienten zu versuchen. Außer der Behandlungsverweigerung ist ihnen keine Alternative eingefallen – mir auch nicht. Mir ist aber auch klar geworden, wie den Therapeuten zumute sein kann, wenn sie sich entscheiden müssen, das Suchtmittel selber zu verordnen.

Gesellschaftlich wird ja auch immer noch darüber nachgedacht, ob es sich überhaupt „lohnt“, hohe Behandlungskosten aufzuwenden. Ich komme mir fast zynisch vor, wenn ich mir in diesem Zusammenhang einzuwenden erlaube, dass eine Prognos-Studie zu dem Ergebnis gekommen ist, dass jeder in die Rehabilitation investierte Euro der Gesellschaft fünf Euro Gewinn bringt. Die von mir geschätzte und längst verstorbene Psychotherapeutin Frau Professor Dr. Anneliese Heigl-Evers hat auf die Frage eines Kollegen, wie lange sie denn Süchtige zu behandeln gedenke, geantwortet: „Bis zum letzten Atemzug!“

Es geht bei dieser Diskussion nicht um Ideologie, nicht um die Psychologie des Neids, nicht um die Zuschreibung eigener Probleme auf andere – es geht (nur) um Menschen(leben).

„Ich habe fertig“, füge ich in Besinnung auf Herrn Trapattoni und den Gelassenheitsspruch hinzu.