AnDi: Gedanken zur Zeit

AnDi und seine Gedanken zur Zeit:

Ich hab mal in mich reingeschaut …

Corona-Krise, Verschwörungserzählungen, Zunahme menschenfeindlicher Bewegungen, autokratische Herrscher in inzwischen recht vielen Ländern, tausende von Menschen in elenden Gefängniscamps, vergessene Minderheiten in unserem Land, die Unterstützung brauchen, aber nicht bekommen – und der Klimawandel – all das bedrückt mich, macht mich gelegentlich wütend und vor allem, das spüre ich zunehmend deutlicher, schürt das eine wachsende Angst und Hilflosigkeit in mir, die ich nicht spüren will. Das gelingt mir gelegentlich auch für eine Weile, wenn ich ordentlich auf die Instanzen schimpfe, von denen ich glaube, sie könnten es ändern. Wut erleichtert mich gelegentlich und die (irrige) Vorstellung: Dafür sind andere zuständig. Die Verschiebung der Verantwortung wundert mich dann aber auch wieder, weil ich doch weiß, dass da niemand in Machtpositionen sitzt, der sich die gleichen Gedanken macht und nur auf den Knopf drücken müsste, damit alles besser wird.
Klar, Deutschland könnte meinetwegen viel mehr Flüchtlinge aufnehmen. Ich habe dadurch bisher keinen Nachteil hinnehmen müssen, ich habe keine Angst vor Überfremdung, keine Angst, dass sie mein Einkommen kürzen und ich hätte nicht mehr so ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Bilder des Elends und der Ungerechtigkeit im Fernsehen anschaue. Aber ich schaue aus der Perspektive relativer wirtschaftlicher Sicherheit, geringer Verletzbarkeit meiner gesellschaftlichen Situation. Ich muss nicht mit einem Regelsatz von 432 Euro auskommen, in dem für Bildung ein Betrag von 1,12 Euro und für Lebensmittel 150,60 Euro vorgesehen sind. Seit ich mich sorglos für mehr nachhaltige Ernährung entschieden habe, ist mein Nahrungsbudget deutlich höher. Hätte ich solche Geldsorgen, würde ich vielleicht auch das Gefühl vieler Menschen teilen, die Geflüchteten sitzen mir auf der Tasche. Das ist eine ganz andere Perspektive.
Ich weiß eben leider auch keine Lösung, aber ich habe für mich eine vorläufige Lösung gefunden. Ich beteilige mich an Aktionen, denen ich zustimmen kann, obwohl das auch nicht mehr so einfach ist. Stecken da Rechtsextreme hinter, die mich ködern wollen oder Wirtschaftsunternehmen, die mich trickreich für ihre Ziele ausnutzen? Ich kenne aber einige Organisationen, denen ich vertrauen kann. Ich will versuchen, wach zu bleiben für die Probleme dieser Erde, weil ich glaube, verstanden zu haben, dass viel mehr mit mir zu tun hat, als ich zuvor dachte. Ich übernehme einfach in meinem kleinen Bereich so viel Verantwortung, wie ich kann und verstehe.
Nach diesem Text schreibe ich dem Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass ich es für richtig hielte, wenigstens den Brand in Moria dazu zu nutzen, die deutsche Politik darauf zu richten, die Regimes, aus denen die Menschen wegen der Gefahr für Leib und Leben flüchten müssen, unter Druck zu setzen und gleichzeitig eine intelligente Entwicklungshilfe zu organisieren. Nichtregierungsorganisationen haben dazu gute Konzepte erarbeitet. Ich werde darum bitten, aus der relativen Tatenlosigkeit nach der Flüchtlingskrise für die Zukunft zu lernen.
Nehmen wir an, zwei oder drei Leser schließen sich diesen Gedanken an, erzählen darüber in ihren Familien und Gruppen, in denen sie verkehren, würde sich schon etwas ändern. Für mich hat sich geändert, dass ich mich und meine Gefühle, aber auch die Situation anderer besser verstehe, aber auch die Illusion verloren habe, dass schon irgendjemand verantwortlich ist und es irgendwann alles gut werden muss. Das macht mich zufriedener als die Suche nach dem Glück und der Sorglosigkeit.
Irgendwie lande ich am Ende dieser Kolumnen immer wieder bei der Empfehlung zur Besonnenheit.

AnDi