Henning Hirsch: Acht Jahre trocken – wie mir der Absprung gelang

Acht Jahre trocken – wie mir im letzten Moment der Absprung gelang

Von Henning Hirsch

Ende September jährt sich der Tag meiner Neugeburt zum achten Mal. Das ist nicht viel, das ist nicht wenig, das ist ein Wert, der im Mittelfeld der von mir frequentierten Selbsthilfegruppe liegt. An das exakte Datum meines letzten Schlucks Wodka kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht erinnern, weil ich erst Tage später auf einer Intensivstation erwachte und mir eine komplette Woche meiner Erinnerung abhandengekommen war. Da ich mittlerweile zum zehnten Mal auf der Intensiv lag, dreißig Entzüge und zwei Langzeittherapien hinter mich gebracht hatte, entschied ich mich in der gerade anbrechenden Nacht, ans Bett gefesselt, unter mir eine Bettpfanne, der Kreislauf Achterbahn fahrend, die Trinkerei jetzt definitiv an den Nagel zu hängen. Voraussetzung: Ich überlebte diese Nacht, die sich endlos in die Länge zog. Denn dieses Mal war ich mir nicht so sicher wie sonst, dass ich mit heiler Haut das Krankenhaus verlassen würde. Die Sache schien mir am seidenen Faden zu hängen, Ärzte und Krankenschwestern betrachteten mich mit besorgteren Mienen als sonst üblich. Als ich zwei Wochen später die 31. Entgiftung hinter mich gebracht hatte, stand mein Entschluss fest: NIE wieder wegen Alkohols in eine Klinik! Das hat bis heute funktioniert.

Im Anschluss besuchte ich regelmäßig Selbsthilfegruppen, meldete mich im Sportstudio an, begann, Kurzgeschichten, Gedichte und einen Roman zu schreiben, stellte meine Ernährung um, wechselte Job und Wohnort. Nicht alles auf einmal und überhastet, sondern im Zeitverlauf einiger Monate. Trotz anfänglicher körperlicher Implikationen – Schweißausbrüche, Herzrasen, Tremor, Appetitlosigkeit, Nicht-in-den-Schlaf-finden – blieb ich dieses Mal standhaft: Kein Tropfen Alkohol kam über meine Lippen. Es war während Intensivstationsaufenthalt Nr. 10 das eingetreten, was man umgangssprachlich mit „den Schalter umlegen“ versucht, in Worte zu fassen. Es hatte endlich Klick gemacht.

Den Roman brachte ich binnen eines Vierteljahres auf Papier. 2013 wurde er veröffentlicht, und seitdem werde ich immer mal wieder zu Lesungen und Vorträgen eingeladen. Dort kommt es häufig zu folgendem Wortwechsel:

„Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?“

„Nein, kann ich leider nicht.“

„Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.“

„Hören Sie heute mit dem Trinken auf.“

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht.“

Ich weiß, das klingt unbefriedigend, Sie sind nun enttäuscht, denn von einem wie mir hätten Sie mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber: Es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, am Ende einer Lesung Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des jeweiligen Fragestellers ins Kalkül ziehen. Was mir geholfen hat, muss ja nicht zwangsläufig auch bei Ihnen wirken. Ich will mich trotzdem an einer Antwort versuchen.

An dieser Stelle der erste Test: Schaffen Sie es, heute nichts zu trinken? Also, gar nichts. Ohne zu zittern, sich die halbe Nacht schlaflos hin und her zu wälzen, schon auf den morgigen Tag zu hoffen, an dem Sie wieder zuschlagen dürfen? Das funktioniert halbwegs? Fein! Dann lassen Sie uns den unmittelbar anschließenden Test 2 auf vier Wochen ausweiten. Den Monat haben Sie ebenfalls mit Leichtigkeit hinter sich gebracht, den Abendschoppen und Gutenachttrunk nicht vermisst? Falls ja: Bei Ihnen besteht noch Hoffnung, und Sie können die Kolumne jetzt beiseitelegen. Alle anderen – speziell die Gruppe, die bereits mit der 24-Stunden-Pause ein Problem hat – sollten bis zum Ende weiterlesen.

Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whiskey, bringt sich mit Wodka in Schwung, kippt vor dem Sex vier Rum Cola, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über zwei Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger. Der Alkohol und dessen Beschaffung bestimmen den Tagesrhythmus. Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen.

Nun ist es nicht mehr möglich, ohne professionelle Hilfe von dem Zeug loszukommen. Ein Internist muss Leber und Bauchspeicheldrüse checken, der Psychologe macht sich gemeinsam mit dem Patienten auf die Suche nach dem Urknall, die Reha wird unumgänglich. Das alles bringt aber nichts, wenn keine Krankheitseinsicht gezeigt wird. Fehlt diese, wird weiterhin bagatellisiert, ist eine Therapie unnütz verpulvertes Geld. Wer sich nicht eingesteht, dass er drogenabhängig ist, wird nach Entgiftung und Reha weitersaufen, da helfen auch keine anschließenden Sitzungen beim Seelendoktor. Solange mir jemand mit blutunterlaufenen Augen und zitternden Händen erzählt, er würde bloß ab und an ein Schlückchen konsumieren, während er mir dabei seinen alkoholgetränkten Atem entgegenhaucht, brauchen wir gar nicht erst weiterzureden. Wir verschwenden nur unsere Zeit mit Ratschlägen, die der Mann eh nicht beherzigen wird. Und selbst die Krankheitseinsicht bedeutet noch keine Garantie dafür, dass der Alkoholiker tatsächlich mit dem Wahnsinn stoppt.

Nehmen Sie schnell Kontakt mit Experten auf: Suchtberatungsstelle, Psychologe, Reha-Klinik sind superwichtige Anlaufstationen, die einem den Weg in die Abstinenz wirklich erleichtern. Allzu viele Therapiestunden sollte man jedoch nicht mit der Ursachenforschung verplempern. In 95% der Fälle besteht der Urgrund des Suffs im Alkohol selbst. Erst kam der Stoff, und dann entstand der Rattenschwanz an Problemen. Und nicht umgekehrt. Das wird unglücklicherweise häufig verwechselt, was die Erkrankten wiederum daran hindert, die individuellen Hauptrisikogebiete zu lokalisieren. Viel wichtiger ist es, die Auslöser des exzessiven Trinkverhaltens zu identifizieren. Bei mir waren es die Sorge, meine kleine Firma in die Insolvenz zu reiten und Versagensängste beim Sex. Es ist Ihnen peinlich, über so etwas zu reden? Ach, du meine Güte. Es war Ihnen doch auch nicht peinlich, jahrelang abends sturzbetrunken Ihre Mitmenschen mit Unsinn vollzutexten. Gehen Sie endlich offen mit dem Thema um. Die Zeit des Lügens und Versteckspielens muss vorbei sein.

Die ersten zwölf Monate sind erfahrungsgemäß holprig. Noch sehr vom Willen bestimmt. Danach wird die Abstinenz einfacher, bis sie dem trockenen Alkoholiker nach zwei, drei Jahren in Fleisch und Blut übergeht und ihm genauso normal erscheint wie vorher das tägliche Trinken. Trotzdem sollten die Besuche der Gruppe auf jeden Fall beibehalten werden. Vorsicht ist eine Tugend.