Reden, reden, reden …

Reden, reden, reden …

Von Cornelia Ludwig

Bei dieser Überschrift habe ich eine bestimmte Erinnerung in meinem Kopf, die mich vor einiger Zeit – etwas übertrieben ausgedrückt – drohte, nahezu wahnsinnig werden zu lassen. Mein ältester Enkel, fünfjährig, übernachtete bei mir und die unglaubliche Redefreudigkeit bzw. Redebegeisterung dieses Kindes, die mir schon immer bekannt war, fesselte mich aufs Neue.

Warum ich das in diesem Fall abermals feststellte, das weiß ich nicht, aber die Tatsache, problemlos an das Gesagte kurz vor dem ZuBettgehen anzuknüpfen und zwar just zu dem Zeitpunkt, wo der Junge am folgenden Morgen die Augen öffnete, brachte mich zum Nachdenken. Wobei ich zugebe, dass mich das kindliche Einfach-Drauflosreden schon des Öfteren beeindruckte.

Wie ist es denn bei mir als einer Erwachsenen?
Im Allgemeinen haue ich nicht verbal raus, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich denke, wenn auch unbewusst, über die Rahmenbedingungen nach, in denen ich rede.
Zum wem spreche ich? Ist mir möglicherweise im Vorfeld bekannt, dass mein Zuhörer ein empfindsamer Mensch ist, der sich Gehörtes sehr schnell zu Herzen nimmt oder wo das von mir Gesagte eventuell verletzend aufgefasst werden kann? Reiße ich mit meiner Rede irgendwelche Wunden auf? Kann ich mit meiner Rede vielleicht nützliche, hilfreiche Informationen weitergeben? Natürlich ist das alles nicht wasserdicht abzusichern, aber ich selbst achte schon darauf, wie bzw. mit welchen Worten ich meinem Gegenüber begegne.

Doch es gibt meiner Auffassung nach unterschiedliche Redeformen.
Da existiert die Form des Miteinander-Redens. Hier ist Reden für mich dergestalt, dass ich durch den direkten Gesprächsaustausch möglichen Missverständnissen vorbeugen oder diese sogar aus der Welt schaffen kann. Denn ich habe sozusagen die Möglichkeit zur Kommunikation in der Hand und dadurch ist es mir wiederum möglich, bestehenden Probleme entgegenzutreten. Aber an dieser Stelle ist es an der Zeit für mich, zuzugeben, dass ich mich nicht zu den kommunikativen Konfliktbeseitigern zählen darf. Ich bin vielmehr der Typ Mensch, der sich vorzugsweise verhalten benimmt und nicht unbedingt die direkte Aussprache sucht. Ich habe hier mein Verhalten im Vergleich zu früheren Zeiten zwar schon merklich verändert, aber – ehrlich gesagt – ist da noch eine Menge Luft nach oben.

Diese Form des Miteinander-Redens lässt das Leben konfliktärmer gestalten. Doch es existiert eine weitere Form des Redens, die für mich persönlich bedeutender und wertvoller ist. … und hier denke ich an die Selbsthilfegruppen, die in der Gesprächsdurchführung der Monologform folgen.

Als ich mich das erste Mal dieser Monologform in einer Gruppe gegenübersah, dachte ich mir „… was soll das denn? Es kann doch nicht ernsthaft gemeint sein, dass ich so alleine vor mich hin quatschen soll. Was ist denn das für ein Schwachsinn.“ An dieser Stelle entschuldige ich mich für meine rustikale Ausdrucksweise, aber so dachte ich wirklich.
Es war damals für mich nicht vorstellbar, ohne verbale Einflüsse von außen zu reden. Ich war der Überzeugung, dass ich ausschließlich auf diesem Weg jenes loswerden konnte, was ich auch loswerden wollte und daher erschien mir eine Monologgruppe völlig unsinnig zu sein.
Doch irgendwas ließ mich nicht los. Ich erinnere mich an dieses Gefühl des ungestörten Redens, dass Gefühl des nicht Unterbrochen-Werdens und an das sichere Empfinden, dass niemand in meine Rede verbal hineingrätschen konnte. Je häufiger ich an dieser monologen Gesprächsdurchführung teilnahm, desto häufiger bemerkte ich bei mir, dass dieses ungestörte Reden sowohl bewusstseinserweiternd als auch auf mich befreiend wirkte. Zum einen wurde mir durch das laute Reden so manches bewusst – und dieses Ergebnis stellt sich übrigens auch heute noch bei mir ein.
Zum Beispiel, dass ich mich sozusagen total in mir selbst verlaufen habe, dass ich Dinge bisher sehr einseitig betrachtet habe oder dass ich in frühere Verhaltensmuster zurückkehre, die mir in der Vergangenheit nicht guttaten.
Diese alleinige Rede, die eine Monologgruppe kennzeichnet, hat für mich einen sehr hohen Stellenwert in meiner Lebensführung.
Wo bitte ist es sonst möglich, dass ich in Ruhe meine Gedanken sortieren kann?
Wo eröffnet sich mir die Möglichkeit, diese Gedanken zu formulieren?
Wo kann ich dem roten Faden in meinem Kopf folgen, ohne durch äußere Ansprache abgelenkt und aus dem Konzept gebracht zu werden?
Möglicherweise gebe ich durch meine Rede einem anderen Gruppenbesucher hilfreiche Anregungen?

Das sind für mich persönlich alles überzeugende Aspekte, die für meine weiteren Besuche in der Selbsthilfegruppe mit monologer Rededurchführung sprechen.
Redendürfen ist ein Werkzeug, das mir die Natur zur Verfügung stellt.
… und zwar kostenlos und stets verfügbar.
Es liegt an mir, mit diesem Werkzeug behutsam, einfühlsam und wohlwollend umzugehen.
Mir selbst gegenüber, meinen Mitmenschen gegenüber.
Reden ist für mich gleichbedeutend mit Sich-Öffnen.

Ich heiße Cornelia. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken und dafür bin ich dankbar.