Coabhängig: „Ich bin viel zu lange geblieben“

Eine Co-Alkoholikerin beschreibt ihre Hölle:

„Ich bin viel zu lange geblieben“

Sie hat noch immer schwere Albträume …
Und sie schreibt und schreibt weiter, um eines Tages vielleicht frei davon zu sein.

Viele Jahre war Lexa Wolf mit einem Alkoholiker verheiratet. Immer hatte sie gehofft, er würde aufhören zu trinken. Für die Liebe. Für die Kinder. Trotz seiner mehr als 40 Entgiftungsversuche wurde sie immer wieder enttäuscht. Nicht nur das: Ihr Leben bestand irgendwann nur noch aus Furcht, Beschimpfungen, Gewalt, Todesandrohungen und Stalking. Bis sie ihn tot auffand. Er war an einem Magendurchbruch innerlich verblutet …
Darüber schrieb sie das Buch „Ich sehe dich sterben“. Seitdem erhält sie täglich Dankesbriefe von Leser/innen, die mit einem alkoholkranken Partner leben, ebenso hilflos, scheinbar machtlos.
Liebe Leser/Innen, für Sie haben wir das Buch gelesen und rezensiert, siehe hier: https://trokkenpresse.de/fuer-sie-gelesen/

Für die TrokkenPresse war die Autorin – Lexa Wolf ist ein Pseudonym – zu einem Interview bereit.

Wie haben Sie sich während des Schreibens gefühlt, Sie haben ja alles noch einmal „miterlebt“?

Ich hatte schon fast sowas wie ein Burnout in der Mitte des Buches. Ich beschreibe ja erst, wie wir uns kennengelernt haben, aber nach der Hälfte … da hatte ich einfach nicht mehr die Kraft. Ich hatte Angst, das Ende zu formulieren, ich wusste ja, was kommt, und wollte das Projekt aufgeben. Drei Jahre Pause. Aber meine Kinder baten mich, weiterzuschreiben. Sie wollten es als eine Erinnerung an den Papa und waren der Meinung, das Buch könnte vielen Menschen helfen.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich so gut wie gar nix verarbeitet.
Wenn ich schreibe, lebe ich alles nochmal mit. Ich weine viel beim Schreiben, bin manchmal sehr aufgewühlt. Ich sehe die Szenen von früher so deutlich, dass ich sogar weiß, was die Leute getragen haben … dafür weiß ich nicht mehr, was ich gestern gefrühstückt habe (lacht sie).

Sie schreiben an einer Fortsetzung und sagen, die würde noch heftiger. Inwiefern? Ihr Mann lebt nicht mehr …

Ja, die Hauptproblematik „der Trinker“, seine Drohungen, waren nicht mehr da. Aber durch viele Dinge, die er getan hatte, kam doch kurzfristig unsere Existenz ins Wanken. Zum Beispiel hatte er der Lebensversicherung bei den Gesundheitsfragen die Alkoholsucht unterschlagen, ich bekam als zweiter Versicherungsnehmer fast eine Anklage wegen Betrugs. Dann wurde ich krank, es war ein Fass ohne Boden. Dazu habe ich seitdem ein Problem mit jedem, der trinkt …

Sie sagen, „mein Mann sitzt mir noch auf meiner Seele“, was ist damit gemeint?

Anfangs habe ich ihn körperlich immer noch als Bedrohung empfunden, als wäre er gar nicht weg. Ich hatte und habe heute immer noch Albträume von immer denselben Szenen. Das sind Dämonen. In seinem Haus, das konnte ich retten und abbezahlen, habe ich das Gefühl, er kommt gleich um die Ecke. Ich rieche Rauch (die neuen Mieter rauchen auch) und das erzeugt mir Magenschmerzen, ich verbinde den Geruch von Rauch immer noch mit dem Trinken.

Haben Sie auch versucht, alles mit therapeutischer Hilfe zu verarbeiten?

Ich hatte Psychotherapien, über vier Jahre lang. Ja, es war toll, über alles mal reden zu können. Aber erlöst hat mich das nicht. Ich finde hier auch keinen Therapeuten im Umkreis von einer Stunde Autofahrt, der auf Co-Alkoholismus spezialisiert wäre. Die zweite Therapie habe ich dann abgebrochen, die habe ich selber verkackt, es war eine Phase, in der ich mich gar nicht damit beschäftigen wollte, ich wollte mich gar nicht öffnen.

Die einzige tatsächlich funktionierende Therapie war, das erste Buch zu schreiben. Nach Abschluss hatte ich das Gefühl, das mein Körper wieder kooperiert. Aber ich habe auch gemerkt, dass immer noch etwas fehlt. Deshalb beschloss ich, dass es weitergeht, mit Teil 2. Im Januar habe ich begonnen, im Juni soll das Buch rauskommen, wenn ich keine Schreibpausen machen muss.

Werfen Sie sich etwas vor, was Sie in dieser Ehe hätten anders machen sollen?

Der einzige Vorwurf, den ich mir machen müsste – was ich aber nicht tue, ist: Ich bin zu lange geblieben, ich hätte ihn viel früher verlassen müssen. Ich würde heute keine Sekunde zögern, zu einem Co-Alkoholiker zu sagen: „Geh! Es ist alles vergebens, bis sich der Trinker eines Tages morgens selbst nicht mehr im Spiegel ansehen kann!“
Ich hatte ihm jahrelang mit Trennung gedroht, bis ich dann endlich umzog mit den Kindern und er uns dort weiter stalkte. Habe ihn echt geliebt, total. Egal, was war. Aber ich habe ihm ja nicht geholfen damit.
Warum jemand, der geliebt wird, zwei kleine Kinder hat, ein Haus, nicht einfach aufhören kann zu trinken, es einfach lassen, das war für mich damals nicht nachvollziehbar. Gesunder Menschenverstand kann das nicht verstehen. Er hat ja auch immer selbst geglaubt, er kann wieder normal trinken, nach jedem der zahlreichen, kalten Entzüge …

Was haben Sie aus diesem Lebensabschnitt gelernt für sich?

Vorab muss ich sagen: Das Positivste in meinem Leben und an der Beziehung mit meinem Mann waren und sind die Kinder. Ohne ihn hätte ich sie nicht, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe die Kinder nicht von einem Alkoholiker, sondern von einem guten Menschen.
Gelernt habe ich: Ich lasse mir nie wieder von einem Menschen etwas verbieten, ausgenommen Polizei und Gericht und so, nie wieder bedrohen, ohne mich sofort zu wehren und ich will nie wieder an einem Tisch sitzen mit Leuten, die sich gnadenlos volllaufen lassen.
Ich bin reif, aber auch verkorkst geworden.

Können Sie Ihrem Mann verzeihen – oder niemals?

Ich habe ihm verziehen (sie schluckt, bittet um eine kleine Pause) … als ich ihn tot auf dem Sofa liegen sah. Er ist so jämmerlich und einsam gestorben. Da habe ich ihm alles verziehen. Alles. Was ich nachtrage – aber nicht ihm als Person, sondern auf die Krankheit bezogen: Dass mein Lebensgefährte zu leiden hat darunter. Er trinkt sehr selten, aber manchmal, beim Grillen mit Leuten, fragt er mich um Erlaubnis, ob er auch ein Bier trinken darf. Ich möchte nicht, dass er wegen mir verzichtet auf Dinge, die ihm Spaß machen. Ich sage natürlich ja, obwohl ich lieber nein gesagt hätte … dieser Geruch! Wahnsinn, man riecht die Bierfahne schon, egal ob jemand zwei Schluck Bier trinkt oder eine halbe Kiste. Diese Fahne hasse ich, da kommt in mir alles wieder hoch.

Möchten Sie Alkoholikern etwas Bestimmtes sagen?

Den Nassen möchte ich nichts sagen, das wäre verschwendete Energie, das geht links rein und kommt rechts wieder raus. Sie müssen ihren eigenen Entschluss fassen.
Aber wenn ein trockener Alkoholiker vor mir stünde, ich kenne keinen, dann …(sie kämpft mit den Tränen) … würde ich ihn in den Arm nehmen! Denn ich finde es unfassbar, wenn  jemand den Absprung schafft, ich habe den allergrößten Respekt davor!

Übrigens: Das Buch ist ein Spendenprojekt. Seit Oktober geht  jeder Euro Marge in den Tierschutz. Lexa Wolf spendet nur an Vereine, mit denen sie eng zusammenarbeitet, die absolut seriös sind. Als nächstes möchte sie an den “Weißen Ring“ spenden. „Diese Organisation hat mir so unglaublich geholfen damals. Sie vermittelte mir eine Anwältin in meiner Nähe, die alle Schritte gegen Jochens Bedrohung in die Wege leitete und übernahm  alle Kosten. Sonst muss man überall Vermögensverhältnisse angeben, Fragebögen ausfüllen … Hier galt nur ‚Frau in Not – wir sind bei dir!‘ Das hat mich sehr gerührt.“

 

Das Gespräch führte Anja Wilhelm