Sexueller Missbrauch in Gruppen?

Sexueller Missbrauch in Gruppen?

Von B.

Ich möchte heute ein Thema ansprechen, was mir immer wieder auffällt – und bei dem ich schon lange mit mir am Hadern bin; ob ich so offen darüber schreiben sollte.

1980 machte ich meinen ersten ernsthaften Versuch, dem Alkohol abzuschwören. Ich war gerade 24 Jahre alt. Um Halt zu finden, schloss ich mich dem damaligen „Saftladen“ in Berlin an, 1978 von einer sehr engagierten, lebensfrohen Gruppe von Leuten gegründet. Träger war der KoWo ev. Und Herr W. der Vereinsvorsitzende. Dann baute ich ein großes alk-freies Café am Fehrbelliner Platz mit auf, den Saftladen II. Am 1. Mai 1980 war Eröffnung. Da arbeitete ich in meiner Freizeit ehrenamtlich mit und hatte dadurch auch Kontakt zu Herrn W. Irgendwann lud er mich in seine Wohnung ein: Angeblich, um mir aus meinen Depressionen zu helfen. Ich glaubte ihm, so labil und angeknackst, wie ich war, vertraute ich ihm erst einmal. Heute weiß ich: Regelmäßig zog er andere junge frisch Trockene und seelisch angeschlagene Männer in sein Bett, so wie mich. Er nutzte seine Machtposition aus, seine eigenen sexuellen Phantasien auszuleben. Das seelische Wohl der jungen Männer war ihm dabei egal. Zehn Jahre habe ich benötigt, um diesen sexuellen Missbrauch als solchen zu benennen und zu verarbeiten.

Was denken sich diese Leute? Sämtliche Empfehlungen der Suchtverbände über sexuelle Kontakte und Partnerschaft waren diesem Mann restlos egal, um des eigenen Erlebnisses willen. Solche alkoholfreien selbstverwalteten Treffpunkte finde ich weiterhin gut und wichtig. Aber irgendwie muss sexueller Missbrauch durch Angestellte verhindert werden.

Auch in Gruppen: Etwa acht Wochen nach meinen Erlebnis mit Herrn W. lud mich Frau M., etwa 60 Jahre, zu sich ins Bett, um mir die Grundlagen der Trockenheit zu erklären, angewidert lehnte ich ab. Oder Herr R., acht Wochen vor seinem Tod bot mir er mir für eine Nacht im Bett sein ganzes Erbe an, er hatte sich eine tödliche Infektionskrankheit eingehandelt. Dieser Mann war über lange Zeit mein Betreuer in einer großen Selbsthilfeorganisation und zerstörte in fünf Minuten, was er in 15 Jahren zuvor aufgebaut hatte …

Vor etwa fünf Jahren unterhielt ich mich in einem Café mit einer netten Dame über Trockenheit, Abstinenz und Sexualität. Meine Erfahrungen damals als wieder frisch Trockener bestätigte diese Dame mit ihren Erfahrungen. Sie war vielleicht ein halbes Jahr weg vom Stoff, als ein „Gruppenfreund“ sie im Bett „trocken legte“. Er hatte nur die eigene Befriedigung im Sinn und ward nie wieder gesehen. Wie die Frau mit dieser Erfahrung klar kam, interessierte ihn nicht.

Da gibt’s aber auch die bisschen „leichtere“ Variante, die bedrängende Belästigung. Oder belästigende Bedrängung. Wie mir eine gute Bekannte erzählte, blieb sie ihrer Gruppe irgendwann ganz fern – der Gruppenleiter, dem sie vertrauen können wollte und musste, denn sie war gerade aus der Entwöhnung gekommen und noch lange nicht im Gleichgewicht, tatschte sie irgendwann ständig an, beflirtete sie heftig. Das verunsicherte und erschütterte sie so sehr, dass sie fast wieder zur Flasche gegriffen hätte.

Dass Menschen ihre „Macht“ benutzen, um andere für ihre Zwecke zu manipulieren, ist ja überall so. Aber psychisch instabile, kranke Menschen zu missbrauchen?

Ist Ihnen sowas auch passiert, liebe Leser/innen? Wie kann man sich schützen, gerade, wenn man selbst noch so wehrlos ist?