Am Mute hängt der Erfolg

Vom großen Ehemaligentreffen in der Fontane-Klinik:

Am Mute hängt der Erfolg

Unter diesem Motto, einem Zitat von Theodor Fontane, fand das 24. Große Ehemaligentreffen im 25. Jubiläumsjahr der Fontane-Klinik in Motzen statt. Höhepunkt für mich war die Festveranstaltung der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen, an der ca. 400 aktuelle Patienten, Ehemalige und ihre Angehörigen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fontane-Klinik teilnahmen. Es gehört schon sehr viel Mut dazu, vor einem solch großen Auditorium über seine Erfahrungen, Gefühle und Erinnerungen zu sprechen. In diesem Jahr gab es neben zwei vorbereiteten Wortmeldungen sehr viele spontane. Eine Rede ist mir, der ich die Reden immer mit geschlossenen Augen verfolge, was für mich das Gehörte stärker aufnehmen lässt, besonders in Erinnerung geblieben, ich konnte mich darin wiedererkennen. David Stumpfeldt stellte mir diese Rede für die Veröffentlichung in der „TrokkenPresse“ dankenswerterweise zur Verfügung.

Hans-Jürgen Schwebke

 

Liebe Patienten, Therapeuten, Ehemalige,

mein Name ist David Stumpfeldt und ich bin polytox.
Ich war im Jahre 2017 hier in Motzen und bin seit dem 16.11.2015 frei von Betäubungsmitteln, seit dem 17.01.2017 trocken und seit dem 25.12.2018 nikotinfrei.
Als ich das Thema des diesjährigen großen Ehemaligentreffs gehört habe, AM MUTE HÄNGT DER ERFOLG, stellte ich mir sofort die Frage: Was ist Mut?

Mut ist, sich einzugestehen, dass man abhängig ist.
Mut ist, zu erkennen, dass man sein Leben grad völlig versaut.
Mut ist, sich darüber bewusst zu werden, was man seinen Angehörigen antut mit all den Lügen, den Diebstählen und jeder Enttäuschung … und vor allem zu erkennen, was man sich selbst antut.
Mut bedeutet aber auch, zum Suchtberater zu gehen, zu entgiften und einen Antrag für eine Therapie zu stellen.
Mut bedeutet, anzufangen, mit dem Jugendamt zu kooperieren um den eigenen Sohn aus der Pflegefamilie zu holen.
Mut bedeutet, eine Therapie anzufangen, durchzuziehen, sich einzulassen und zu vertrauen. Vertrauen in die Partnerin, das eigene Können, das Durchhaltevermögen.

Ich muss aber auch erwähnen, wie mutig die Menschen um mich herum waren:

Eine vergangene Liebe, die sich trotz des Wissens, in welcher Situation ich mich befinde, erneut auf mich eingelassen hat. Mir eine Chance gegeben hat, an mich glaubte, auf unsere Liebe vertraute.
Eine Partnerin, die mutig genug war, sich auf meinen Sohn einzulassen, ihm eine Mutter zu sein, wie es die leibliche nie geschafft hätte.
Die den Mut bewiesen hat, sich in die Angehörigenseminare zu setzen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und ihre eigene Co-Abhängigkeit erkannte.
Die sich in den gesamten 24 Wochen tagtäglich um unseren Sohn gekümmert hat, mich besuchte, mich anrief, mich nicht allein ließ.
Die es akzeptierte, wie ich mich entwickelte, in der Therapie veränderte und bereit war, mit mir gemeinsam zu wachsen.

Und was ist der erwähnte Erfolg nach all dem bewiesenen Mut?

Erfolg ist, die Therapie zu beenden und das alleinige Sorgerecht für meinen Sohn zu bekommen.
Erfolg ist, die alten Kontakte abzubrechen und 60 km weg vom Heimatort zu ziehen.
Erfolg ist, lachen zu können, weil ich endlich wieder Zähne hab.
Erfolg ist, das erste Mal seit 6 Jahren wieder arbeiten zu gehen. Sich der MPU zu stellen und heute mit dem eigenen Auto gekommen zu sein.
Erfolg ist, jeden Monat ein Stückchen mehr von meinen Schulden abzubezahlen. Und einen Ausbildungsplatz zu haben, um endlich mehr als eine Aushilfe zu sein.
Erfolg ist, zu Familienfeiern zu gehen, begrüßt zu werden, wieder ein Teil davon zu sein.

Aber vor allem ist für mich Erfolg:

Ein geiles Leben zu haben, ohne Stoff, ohne Druck, ohne all das, was mich heute so anwidert.
Eine Frau an meiner Seite zu haben, der ich vertrauen kann und die den Weg mit mir gemeinsam geht, wir beide als gleichberechtigte Partner.
Erfolg wird für mich sein, in ein paar Jahren mein zweites Kind von dieser Frau, der richtigen Frau, in den Armen zu halten und zu wissen, ich hab es geschafft.

Ihr alle seid mutig, ihr alle werdet Erfolg haben, seid stolz auf eure bisherigen Leistungen und hört nie auf zu träumen und Wünsche zu haben.

Ich danke meiner Bezugstherapeutin Frau Jatzlau, die mich auf dem Weg zum Mutigsein begleitet hat.

Ich danke meinen ehemaligen Mitpatienten für jede Gruppenstunde und jede Erfahrung, die ihr mit mir geteilt habt. Vor allem den Menschen, die heute noch in meinem Leben sind.

Ich danke meiner Frau und meinem Sohn und meiner Familie.

Aber vor allem danke ich mir selbst, mich getraut zu haben, den Mut gehabt zu haben, diesen Weg zu gehen und mein Leben wieder lebenswert zu machen.

Ich war mutig, habe Erfolg und bin verdammt stolz darauf …