Aus dem Tagebuch der zufriedenen Abstinenz

Von Andreas Sänger

Tag 7, Monat 7, Jahr 2022

07h42 morgens und ich sehe den lang ersehnten Regen. Und ich höre ihn. Und ich bin in der glücklichen Situation, ein Außenklo zu haben, also durfte ich den Regen sogar spüren. Wann spürtest du das letzte Mal auf dem Weg zur Toilette Regentropfen auf deiner Haut, deinem T-Shirt?

Jetzt sitze ich hier mit leicht feuchten Haaren in meinem Bett und betrachte den Regen durch die offenen Fenster. Der Kaffee schmeckt wieder herrlich. Diesmal mit einem Teelöffel Kakaopulver verfeinert. Die Regentropfen prasseln gleichmäßig auf das Vordach. Darunter ist es trocken. Die reparierte Regenrinne hinten am Haus ist dicht. Es ist alles perfekt. Ich brauche nicht raus. Heute keine Außentermine. Bei dem Wetter keine Gartenarbeit. Schreiben, lesen, DVDs, Musik, kochen, essen. Das Leben meint es gut mit mir.

Meine Freundin Anja von der TrokkenPresse fragte, wie ich das mache, dass es mir gut geht. Dass es mir dauerhaft sehr gut geht. Ich dachte daran, ihr mein neuestes Buch zu schicken. Dort sind auf 100 Seiten alle Antworten zu finden, aber nein, die Frage ist eine Inspiration, um eine neue Geschichte für das nächste Buch zu schreiben.

Warum es mir sehr gut geht? Weil ich dabei bin, das Lächeln zu lernen. Seit der Trennung von der Frau, die einst neun Jahre lang meine Kaiserin war und der überstandenen C19-Infektion Anfang des Jahres, die mich 21 Tage von der Außenwelt abgeschnitten hatte, bleibt nur das Lächeln übrig.

Es ist alles nicht wahr, liebe Anja …

Ich werde wach. Es regnet. Krause Stirn. Alle meine Pläne bezüglich Gartenarbeit und sonstiger Aktivitäten durchkreuzt. Die Übung: Lächeln. Sofort den Blickwinkel ändern. All die positiven Sachen hervorheben, die trotz des Regens da sind. Ich muss sie nur sehen wollen:

Ich habe genug Kaffee und Milch und andere luxuriöse Nahrungsmittel, um mir den Morgen traumhaft zu gestalten. Es regnet nirgends durch. Es ist warm in meinem Bettchen. Nicht nur das, es ist gemütlich. Ich habe endlich mal wieder Zeit zum Schreiben und nicht zuletzt: Ich bin trocken und clean. Keine Kopfschmerzen, kein Brechreiz, keine Verletzungen.

Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Das ist die Wahrheit. Alles andere ist Illusion.

Ich kann aus diesem regnerischen, grauen Wetter ein Drama machen oder ich kann aus diesem Tag den schönsten Tag meines Lebens werden lassen. Oder nein, warte, liebe Anja … Eine bessere Formulierung: Werden liegt ja in der Zukunft. Ich lasse den Tag SEIN. Jetzt! Ich lasse den Tag den schönsten Tag meines Lebens sein. Jetzt! Ab sofort. Und schon darüber kann man doch herzhaft lächeln oder?

Unser Verstand sträubt sich einfach gegen diese unglaubliche Macht, die in uns steckt. Dabei ist es nichts weiter als die unfassbare Schönheit des Lebens. Der Verstand, das Ego wehrt sich, so paradox es auch klingen mag, gegen das Leben, weil er so erzogen wurde. Devot. Ich muss das Leben ertragen, mich irgendwie durchschlagen, arbeiten, etwas tun, kämpfen gegen … Gegen wen? Gegen die Natur? Gegen die Sucht? Gegen Gott?

Ich bin Gott! Ich bin der Schöpfer, die Schöpferin. Ich erschaffe die Welt, in der ich lebe, einzig und allein durch meine Aufmerksamkeit. Das ist kein Größenwahn, sondern nichts weiter als die Wahrheit. Wenn du mir nicht erzählen würdest, wo überall Krieg herrscht auf der Welt, wenn mir niemand sagen würde, dass Millionen Kinder auf der Welt verhungern, wenn mir niemand etwas von Killervieren, Ozonlöchern, vom Waldsterben und von Flügen zum Mars erzählen würde, würde es mich dann beunruhigen? Das ist, wenn ich all diese unnötigen Informationen negiere, keine Vogel-Strauß-Politik, kein Egoismus, sondern ganz einfach die Wahrheit. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen. (Die Weisheit der Worte: Wer macht sich Sorgen? Das Ego.)

Ich will anders denken. Ich will das Wollen fallen lassen. Ich schaffe Platz für ein anderes Denken, für ein anderes Wollen, das nicht von mir kommt. Mein kleingeistiger Verstand will ständig irgendetwas. Irgendetwas muss immer verändert werden. Irgendein Mangel muss ständig beseitigt werden. Was, wenn es gar keinen Mangel gibt? In der Wahrheit gibt es keinen Mangel. Was, wenn ich mir ständig darüber bewusst bin, dass ich im absoluten Überfluss lebe? Ich lebe. Das Leben pulsiert in mir! Mit all seinen Facetten. Das Leben sieht sich durch meine Augen. Das ist die Wahrheit. Alles andere ist nur die Wirklichkeit. All mein unnützes Wissen bewirkt, dass ich Zweifel habe. Dass ich Mangel empfinde. All meine Traurigkeit, alle meine Leiden, körperliche wie seelische, haben ihre Wurzeln in meinem konditionierten Ego. „Dies muss so, das muss anders und ich will aber …“ Das Leben will, dass es mir gut geht, Punkt. Wenn ich das zulasse, wenn ich aufhöre, meinen Verstand als das Nonplusultra anzusehen, wenn ich aufhöre, logisch zu denken, wenn ich aufhöre, irgendetwas zu wollen, sondern mich darauf konzentriere, zu horchen, was das Leben von mir will, dann kann ich von Herzen sagen „es geht mir sehr gut“.