Genusssucht minus Sucht gleich Genuss

Was trinke und genieße ich stattdessen?

Genuss-Sucht minus Sucht gleich Genuss

 Von Christian Wossidlo

 Als ich ein junger Mann war, bestand ein Genuss darin, überhaupt Alkohol zu trinken: ein oder zwei Glas Bier mit Freunden am Abend zusammen, ein Glas Wein zum Essen, wenn es etwas zu feiern gab, einen Schnaps bei ganz besonderen Gelegenheiten wie einem runden Geburtstag und einen Flasche Sekt für alle zu Silvester. Im Laufe der Zeit wurde der Alkohol ein ganz selbstverständliches und fast tägliches Lebensmittel. Der Genuss bestand nun darin, nur besondere, ausgewählte Sorten Bier, Wein oder Schnaps zu trinken. Das machte die Sache teurer, aber ich verdiente ja auch mehr und meinte auch, das Besondere zu verdienen. Ich war das, was man einen Genusstrinker nennen kann: Ich wusste es zu genießen.

Dann verschwanden nach und nach die Wünsche nach dem Besonderen und nach dem Genuss. Es kam letztlich nur noch auf die Wirkung an, es ging um den Alkohol, nicht mehr um die „Verpackung“. Es war mir zwar immer noch nicht egal, was ich trank, aber auch nicht mehr so wichtig. Wichtig war, dass der Alkoholspiegel im Blut stimmte. Ich hatte mich mit Genuss in die Sucht getrunken.

All das ist seit 14 Jahren vorbei: der Alkohol als Suchtmittel, der Alkohol als Lebensmittel und auch der Alkohol als der besondere Genuss. Der Alkohol verschwand aus meinem Leben. Und wie war es mit dem Genuss?

Was trinke ich im Biergarten? Was trinke ich beim Urlaub in der Toskana? Was trinke ich nach der letzten Skiabfahrt oder am Lagerfeuer beim Paddeln? Was trinke ich, wenn andre ihr Feierabendbier genießen? Was trinke ich auf der Silvesterparty oder bei der Eröffnung einer Ausstellung einer bekannten Künstlerin? Was trinke ich beim Sonnenuntergang auf dem Balkon? Nein, ich trinke keinen Cognac, keinen Sekt, kein Altbier, keinen Whiskey oder Obstler, keinen Rotwein, kein Weißbier. Was aber dann?

Die erste Wahl ist immer: Wasser, mit oder ohne Kohlensäure, aus der Flasche oder aus der Leitung, Wasser. Es schmeckt überraschend gut, wenn man seine Sinne beisammen hat und nicht schon versoffen hat. Und es bekommt einem gut, in jeder Menge! Manchmal, nach einer harten Arbeit oder an einem heißen Tag oder morgens nach dem Aufstehen, schmeckt es sogar sehr gut.

Und sonst nichts? Kein Genuss des Besonderen?

Doch, immer wieder. Genau wie früher, nur mit dem anderen Vorzeichen. Keine Promille dabei. Ich wollte ein Genusstrinker bleiben, aber auch nie wieder in die Sucht abgleiten.

Ich gehe in den Biergarten, wenn das Wetter mich lockt. Es ist dort noch genau so schön wie früher. Ich wähle heute eine große Rhabarberschorle und sitze damit sehr zufrieden unter den Kastanien. Wenn ich mich umschaue, sitzen da erstaunlich viele Menschen, die kein Bierglas vor sich zu stehen haben. Der Garten trägt seinen Namen längst zu Unrecht, es ist nicht nur ein Biergarten. Es ist ein Garten, in dem man Bier trinken kann, wenn man möchte, aber auch vieles andere aus dem Angebot des Trinkbaren. Ich genieße das Zwitschern der Vögel, das Gemurmel der andren Menschen, den Schatten und meine Rhabarberschorle.

Ich verabrede mich mit Freundinnen und Freunden zum Essen. Wir treffen uns in einem thailändischen Restaurant. Auf der Karte finde ich mindesten fünf verschieden Tees. Es ist ein Genuss, zu probieren, welcher mir am besten schmeckt.

Es gibt zu Hause Spargel. Das war früher fast zwangsläufig verbunden mit einer Flasche Prosecco. Prosecco ist „out“, Spargel nicht. Ich habe herausgefunden, das ideale Getränk dazu ist Bitterlemon. Das passt hervorragend. Ich genieße das Essen, ohne einen Schluck Prosecco zu brauchen.

Wie oft sind wir nach dem Kino oder nach dem Theater noch in eine Kneipe gezogen! Noch ein Bier oder ein Wein, das musste doch sein. Inzwischen gibt es Bars oder „Lounges“, in denen es Cocktails gibt. Wenn sie gut sind, diese Orte der Geselligkeit, und es gibt eine Menge gute, dann haben sie eine Auswahl an alkoholfreien Cocktails, die, wenn man bereit ist für Neues, keine Wünsche offen lassen.

Ich durchforste das Angebot an Nichtalkoholika in einem Getränkemarkt. Es gibt fast nichts mehr, was es da nicht gibt an Sorten, Geschmacksrichtungen, Säften, Kuriositäten. Meine Favoriten sind, neben Alltagsgetränken wie Apfelsaft und Fassbrause, eine Limonade, „die schmeckt wie Tannenwald“ (steht auf dem Etikett und es stimmt: sie schmeckt auch so) und sortenreine Säfte: weißer Traubensaft „Scheurebe“, „Konstantinopel Quitte“, Dornfelder roter Traubensaft und die Mischung von Apfel und Holunder. Es ist eine reiche Ausbeute an Genussmitteln im Angebot. Selbst alkoholfreie Aperitifs wie Crodino oder Sunbitter sind zu finden, dank des Einfallsreichtums der Italiener.

„Das alles oder doch einiges liegt mir zu dicht am ,nassen Verhalten‘, höre ich warnende Kritiker sagen. Vielleicht haben sie recht, wenn sie dabei an noch nicht gefestigte Abstinenzler denken. Ich will nicht behaupten, dass mir keine Gefahr mehr droht. Ich weiß sehr wohl, dass Alkoholismus nicht heilbar ist und die Sucht immer auf der Lauer liegt. Aber ich auch! Das „nie wieder“ ist wie ein Mantra eingebrannt.

Ich weiß noch sehr wohl, wie ein Obstler schmeckt oder ein Weißwein aus dem Veneto. Aber ich weiß eben auch, wie ich mich an meinem Tiefpunkt fühlte: elend, beschämt, fertig gemacht. Das will ich nie wieder haben und bin mit allen Sinnen auf der Hut, dass es nicht passiert.

Aber ich bin auch ein Mensch, der den Genuss liebt. Deshalb suche und finde ich Wege, wo ich ohne Reue genießen kann und tue das dann auch.

Dabei habe ich noch gar nicht von all den anderen Genüssen gesprochen, die das Leben uns anbietet. Die der Liebe oder der Musik, eines Spaziergangs durch einen Wald oder des Schwimmens in einem See, des Gesangs der Amsel am Morgen und des Anblicks eines blühenden Rapsfeldes, eines gepflegten Skatspiels und des Bastelns mit Enkelkindern, eines Schaufensterbummels und des Im-Cafè-an-der-Ecke-Sitzens oder doch lieber in der Eisdiele? … All das und so vieles mehr geht ohne Alkohol. Es gibt genug Genüsse ohne Reue, wir abstinent Lebenden müssen auf nichts verzichten.

Im Übrigen: Genießen kann man lernen, man muss es nur wollen. Bei der Abstinenz geht es nicht um das Verzichten, sondern um das Erschließen neuer Lebenswirklichkeiten. Genießen fängt im Kopf an und hilft sehr nachdrücklich zu einem herrlichen Gefühl: der zufriedenen Abstinenz.