Weshalb ich trotzdem trocken blieb …

Papas Tod …

… und weshalb ich trotzdem trocken blieb

 Von Anja Wilhelm

Es war der 23. August letzten Jahres. Ein heißer, trockener Tag, wie jeder vorige auch schon, ging zu Ende. Letzter Kontrollblick aufs Handy. Eine kurze neue Whats-app-Nachricht. Mein Herz setzte kurz aus, bevor es wie wild zu pochen begann: „Papa gestürzt. Notarzt, Krankenhaus.“ Mein 84-jähriger Vater in Sachsen, wieder einmal gestürzt!
Noch während des folgenden Telefonats mit meinem Bruder meldete sich das Krankenhaus: Trotz Wiederbelebungsversuchen sei er im Krankenhaus verstorben …
So plötzlich. Eben noch hatte er seine Einladungen versendet, sein 85. Geburtstag sollte ein großes Familientreffen werden. Morgen wollte er zu einer kleinen ambulanten OP. Und bevor ihm auf der Treppe seines alten Hauses schwindlig wurde … wollte er einfach nur nach oben, gemütlich Abendbrot essen.

Er ist nicht mehr da.

Das kreiste und kreiste unaufhörlich durch meinen Kopf. Nichts anderes ging mehr. Ich saß da, lag da, wälzte mich durch die Nacht. In mir Unglauben, nicht Wahrhabenkönnen. Schockstarre. Fast eine Apathie. Dann kam die Trauer mit Wucht: Ein Gefühl wie ein großes Loch in meiner Brust, das sich schmerzhaft zusammenzieht. Druck im Magen. Ich tat die nächsten Tage, was zu tun war, aber alles wie im Nebel. Als sei alles an mir taub geworden. Nichts war wirklich von Interesse …

Früher, ja früher hätte ich sofort, an jenem Abend noch, zur Flasche gegriffen. Und eine Weinflasche hätte nimmer genügt.
Früher hätte ich die Tage, Wochen und Monate danach im Pegelzustand verbracht. Jedes aufkommende Trauergefühl im Keime betäubt, weil ich dieses Weh nicht hätte haben wollen …
Und weshalb tat ich es, nach 5,5 Jahren Trockenheit immer noch ein süchtiger Mensch, dennoch nicht?
Zumal: Ich hatte mich damals zu Abstinenz und Therapie vor allem auch entschlossen, weil ich nicht wollte, dass eines baldigen Tages mein alter Vater am Grab seiner Tochter stehen muss. Er sollte sich nicht mehr um mich sorgen müssen. Nun war er nicht mehr da, also hätte ich doch wieder saufen können?

Was half mir, trocken zu bleiben?

Suchtexperten sagen, dass die Gefahr, rückfällig zu werden, bei einem einzelnen einschneidenden Erlebnis wie dem Tod eines geliebten Menschen nicht so groß sei wie bei kleinen Alltagsgeschehnissen. Dem kann ich heute zustimmen: Der Tod meines Vaters war ein Ereignis, das ich so in meiner früheren Suchtlaufbahn noch nie erlebt hatte. In meinem Hirn gab es keinen sogenannten „neuronalen Pfad“ dafür, keine angelernte Gewohnheit, bei dem Tod eines geliebten Menschen Alkohol zu trinken. Es war eine völlig neue Situation und Alkohol fiel mir dazu vorerst gar nicht ein.

Das kam erst später ab und an. Ich hatte in der Zeit nach meiner Therapie ja viel gelernt. Vor allem gehörte dazu, meine Gefühle, die ich einst mit Wein zu betäuben versuchte, zu erkennen. Sie erst einmal überhaupt wahrzunehmen. Das tat ich also. Da waren sie. Trauer und Verlustgefühle und auch Angst, das tat richtig weh im ganzen Körper. Natürlich will man das weghaben, ganz instinktiv will man Schmerz oder ungute Gefühle weghaben. Und manchmal blitzte dann eben der Gedanke doch auf: Ich will endlich mal für einige Stunden nichts fühlen. Ein Glas mit dunkelrotem, wärmendem Wein flimmerte durch meinen Kopf. Ich konnte schon fast spüren, wie er all meine unangenehmen Gefühle auflösen würde, mit jedem Schluck mehr …

Es war kein Suchtdruck in dem Sinne. Kein Zwang, unbedingt trinken zu müssen. Es war eher wie eine Erinnerung an einen alten, lange nicht benutzten Weg. Ich stellte fest, dass ich dem aber nicht folgen musste. Ich hatte die Wahl, darüber nachzudenken. Ich konnte meine Gedanken beobachten und mich gegen den Weg Wein entscheiden. Das konnte ich früher nicht …

Mein Weg blieb also weiterhin der andere, der neu erlernte. Nämlich die entstehenden Gefühle und Empfindungen anzunehmen. Ich habe mich in sie hineinbegeben. Verlust, Unsicherheit, Traurigkeit gefühlt und durch-erlebt. Ganz bewusst.
Ich gestattete mir, zu weinen. Ich gestattete mir, den Druckschmerz, die Enge in der Brust zu fühlen. Alles, was hervorkam, durfte da sein, bleiben – und siehe da, dann ging es auch wieder, von allein. Diese Phasen wurden mit den Tagen und Wochen immer kürzer, danach auch immer seltener. Und auch, wenn das Herz manchmal schier zu zerreißen drohte … dies passierte dennoch nie.

Ich bin heute sehr froh, diesen Weg der sogenannten Achtsamkeit genutzt zu haben, statt den des geringsten Widerstandes, die Flasche.

Und mein Vater, wo immer er auch jetzt sei, lächelt froh und stolz darüber …

Ach ja, was mir damals noch geholfen hat beim „Umgang“ mit allen aufkommenden Gefühlen: Auf einer Trauerseite im Internet fand ich dieses wundervolle, tröstende Zitat von Laotse „Wenn du wüsstest, wohin ich gegangen bin, würdest du dich fragen, weshalb du geweint hast.“