Mit Besoffski unterwegs

Mit Besoffski von Berlin nach Ahlbeck und zurück

Von Herbert Witzel

Ich hab ’nen kleinen Mann im Ohr, der sagt mir alles vor. Zuletzt hatte er ständig den gleichen Spruch drauf: „Mach keinen Quatsch! Trink erst mal ein Bier.“ Deshalb nenne ich ihn hier Besoffski. Besoffski ist immer dabei, er kommt überall mit hin, ich kann vor ihm nicht weglaufen, obwohl ich es schon tausendmal alleene versucht hab. Er ist stärker als ich.

Meine Stammgruppe bringt ihn zum Schweigen. Wir sind eine Selbsthilfegruppe und zahlen auch selber für die Nutzung des Raumes in der Glogauer Straße 22. Das Geld, das ich jeden Dienstagabend ins Gruppensparschwein werfe, ist Schweigegeld für Besoffski und deshalb ausgesprochen gut angelegt. Gruppengründer und Alkoholiker-Urgestein Blubberhotte, der Straßenfeger vom Forum Steglitz, hat nicht nur diese Familiengruppe angeschoben, sondern auch Grillpartys und Busfahrten, um unsere innere und äußere Isolation aufzubrechen und an Kindern und Angehörigen die Schäden des gnadenloses Suffs wiedergutzumachen. Im 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker ist es der neunte Schritt: „Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut — wo immer es möglich war —, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.“

Wir sind eine lebendige Gemeinschaft von Männern und Frauen, die den ernsthaften Wunsch haben, mit dem Trinken aufzuhören. Ich gehöre dazu, weil ich diese Macke hab, dass ich, wenn ich anfange, Alkohol zu trinken, erst damit aufhöre, wenn ich betäubt bin und nix mehr reingeht.

— An einem Sonntag im goldenen Herbst des Jahres 2018 sind wir mal wieder dorthin gefahren, „wo de Ostseewellen trecken an den Strand“, nämlich nach Ahlbeck auf Usedom. Was ist daran nun so reizvoll, nüchtern in dieses eine der drei Kaiserbäder zu fahren? — Ist es die Tatsache, dass Horst Köhler als Bundespräsident hier schon vor zehn Jahren zur Erholung weilte und Seine Königliche Hoheit Prinz Henrik von Dänemark dito im September 2008 seinen Urlaub genoss?

Oder ist es das Wachsen und Gedeihen der vier Gruppenkinder an Bord des Busses? Laura, Paul, Jakob und Heidis Enkelin sind dabei und fühlen sich wohl, man kann jedes Jahr zusehen, wie sie größer werden. Und ich selber bin nicht mehr die „hilflose Person“, der nach Angstschweiß stinkende Besoffski, der mir als Warteschleife immer noch im Ohr sitzt. Aber so lange ich dabei bleibe und mich engagiere nach dem alten Motto: „Wer abwäscht, bleibt trocken“, so lange kann Besoffski lange warten und bleibt abgeschaltet.

Im Restaurant vom „Hotel Meereswelle“ begrüßt uns wieder der Chef des Hauses persönlich. Weiland nach der Wende hat Blubberhotte hier das Eis gebrochen und die ersten Mittagessen gebucht, bei denen sich jeder zwischen Fisch oder Schnitzel entscheiden kann. Wir wissen also an diesem Sonntag, wo wir hingehören, und wir vertragen feste Nahrung ohne anschließenden Würfelhusten.

Das Patienten-Dasein ist vorbei. Der Krankenschein fürs Fehlverhalten: „Nicht böse sein, ich bin besoffen“, dieser alte Krankenschein gilt nicht mehr und wird nicht vermisst.

Es ist so schön hier, dass Gruppensprecher Holzwurm-Peter sogar dableibt und die Leitung und das Gästebuch für Lob und Beschwerden weitergibt an Bayern-Micha, seinen Passmann und Stellvertreter.

Dieser Tag ist ein Sonntag der Dankbarkeit für mich. Unser Ehrenvorsitzender Dienstags-Hartmut ist mit Mutter Lilo und Schwester Marion dabei, der dicke Ingo dito, Suso aus Algerien mit ihrem Angler Peter; Randolfo, der schönste Chilene von Berlin; Ingrid, die ehemalige AKB-Vorsitzende, und Gerd, ihr ewiger Verlobter, beide im Jeans-Partnerlook; Sybille, Michas Frau; Manfred und Bert mit ihren Söhnen Paul und Jakob; und last but not least der Busfahrer mit gleich zwei Begleiterinnen. Es ist ein besonders schöner Urlaubstag vom Säufer-Ich Besoffski wie inzwischen überhaupt jeder Tag, der HEUTE heißt.

Der nächste Ostsee-Sonntag steht schon fest, es wird der 15. September 2019. Um 7 Uhr fahren wir los gegenüber vom PARK INN Hotel, Alexanderplatz.

Bis dahin treffen wir uns als Gesprächsgruppe weiter jeden Dienstag um 19 Uhr in der Glogauer Straße 22 (ganz nach hinten durchgehen), 10999 Berlin Kreuzberg. Wir sind eine offene Gruppe für Betroffene, Angehörige, Profi-Helfer und grundsätzlich am Thema Interessierte. Ich würde mich freuen, Dich kennenzulernen, verehrte Leserin und geschätzter Leser — als Budenfax mit Schlüsselgewalt bin ich immer schon eine halbe Stunde vorher da.

Herbert, Alkoholiker