Abschied? Neubeginn? Beides?

Abschied? Neubeginn? Beides?

 Von Cornelia Ludwig

 Gut, dass mir am Anfang dieses Jahres nicht klar war, was mich im Verlaufe der kommenden Monate noch erwartete. Doch dieser Gedanke ging bestimmt sehr vielen von euch im Kopf herum und mit Sicherheit standen bzw. stehen auch sehr viele von euch Veränderungen gegenüber, mit denen sie vor kurzer Zeit noch nicht gerechnet hatten. Ich möchte nicht auf all die Einzelheiten wie zum Beispiel aktuelle Beschränkungen etc. eingehen, die die Corona-Problematik mit sich gebracht hat. Für diese Permanent-Konfrontation sorgen Nachrichten und besonders die allgegenwärtigen Lebensumstände. Ich möchte in den Mittelpunkt dieses Textes Gedanken, Gefühle und  Bewältigungsbemühungen stellen. Genau gesagt, handelt es sich um meine Gedanken, um meine Gefühle und um meine Bewältigungsbemühungen. Doch erst einmal: zurück auf Anfang!

Jahresbeginn 2020! Mein Leben machte alle Anstalten, auch in der nächsten Zeit in den mir bekannten, geregelten und vertrauten Bahnen weiterzuverlaufen. Davon ging ich mit felsenfester Überzeugung aus. Was sollte auch schon meinen Lebenszyklus durcheinanderbringen oder gar aus dem Ruder laufen lassen? Ich lebte in dem von mir gestalteten und auf mich persönlich zugeschneiderten Lebenskonzept meiner Trockenheit! Ich suchte und fand stets die Unterstützung in und bei meiner Selbsthilfegruppe! Ich lebte in einer intakten Partnerschaft, mein familiäres Gesamtgebilde war stabil  und  – ein für mich persönlich ausgesprochen wichtiger Aspekt – ich war glücklich, meine tierische Hundefreundin Farina stets um mich zu haben. Ach ja, da war natürlich auch meine Arbeit als Zahnarzthelferin. Nicht mein Traumberuf. Aber ich hatte mich vor mehr als dreißig Jahren dazu entschlossen, diesen beruflichen Weg einzuschlagen und dabei bin ich geblieben.

Ich frage euch: Wodurch hätte diese Stabilität erschüttert werden können? Meine kleinlaute Antwort: Eine Krankheit mit pandemischen Ausmaßen und Auswirkungen, an die ich noch vor kurzer Zeit nicht im Entferntesten gedacht hatte.

Trockenheit, Selbsthilfegruppe, Partnerschaft, familiäres Gesamtgebilde und meine Farina. All das blieb von diesem Corona-Mist unangetastet. Nun könntet ihr zu Recht fragen „… was soll denn dann ihr Problem sein?“. Richtig. Ein Aspekt bleibt übrig und zwar jener, den ich  mehr als drei Jahrzehnte eher als notwendig und nicht als erstrebenswert betrachtet habe. Mein Beruf! Jeden Tag traf ich mit Menschen zusammen, die in den meisten Fällen sehr nett, aber in einigen eher seltenen Fällen doch auch ziemlich nervig und anstrengend waren. Ich sah Menschen heranwachsen. Sie kamen zum Beispiel als Kleinkind gemeinsam mit ihren Eltern zu der ersten zahnmedizinischen Untersuchung in ihrem Leben. Irgendwann war aus dem Kleinkind ein Teenager geworden. Cool und lässig im Normalfall. Aber dennoch ein ganz normaler Jugendlicher, der mir – der Zahnarzthelferin – trotz der ganzen jugendlichen Abgeklärtheit unter Tränen vom ersten Liebeskummer erzählte. Einige Jahre später war aus dem Teenager ein junger Erwachsener geworden, der mir von seiner Berufsausbildung berichtete und bei einem der kommenden Besuche die bevorstehende eigene Hochzeit erwähnte. Doch damit war unser gemeinsamer Patient-Zahnarzthelferin-Weg noch nicht zu Ende. Der Nachwuchs stellte sich ein und auch dieser nahm irgendwann als kleines Kind im Behandlungsstuhl auf Mamas oder Papas Schoß Platz und erhielt die sogenannte erste Frühuntersuchung. Der imaginäre Kreis schloss sich. Ja. Ich darf sagen, dass ich teilweise komplette Lebensphasen begleitete. Dies ist nur ein einziges Beispiel von vielen, wodurch ich mich bemühe, euch die Lebendigkeit dieses Berufes nahe zu bringen.

Dann kam Corona! Patienten sagten Termine ab. Die Angst vor dem bei einer Behandlung entstehenden Sprühnebel der rotierenden Instrumente und die Sorge vor der menschlichen Nähe, die durch das Dreigestirn Patient-Arzt-Helferin unumgänglich ist, führten zunehmend zum Rückgang  der Arbeitsintensität. Ich mach’s kurz: Der Praxisbetrieb musste eingestellt werden und ich verlor meine Arbeit. Das klingt jetzt beinahe grausam naiv, aber ich bin ganz ehrlich, dass mich diese Entwicklung in eine Art Schockstarre versetzte. Denn ich selbst sah mich völlig bequem und sicher diesen Beruf bis zu meinem Eintritt ins Rentenalter ausüben.

Anfangs fühlte ich mich, als wäre mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden. Mein Kopf schien leer zu sein, meine Gedanken (wenn ich dieses Kauderwelsch in meinem Kopf mal so bezeichnen darf) waren konfus und nichtssagend. Ich war geradezu panisch und musste aufpassen, nicht hysterisch zu werden. Doch da waren sie: die Gruppenfreunde. Wir haben uns zwar schon lange nicht mehr persönlich gesehen, aber der Kontakt wurde die ganze, blöde Corona-Zeit über telefonisch aufrechterhalten. Sie trösteten mich und sie halfen mir, unbekannte Perspektiven zu entdecken. Aber sie sprachen auch klare, ehrliche Worte. Kein Drumherum-Reden. Kein Beschönigen. Kein Verharmlosen. Sondern direkte – und für mich persönlich sehr wichtig – helfende Klarheit und deutliche Ehrlichkeit. Dadurch wurde mir auch klar, dass sich mir jetzt eine Chance bietet, an die ich in meinem Selbstmitleid nicht gedacht hatte. Ich erhalte durch das Ende meiner Zahnarzthelferin-Tätigkeit die Gelegenheit, in eine berufliche Richtung zu wechseln, die nicht nur meinem Interesse, sondern die auch meinen Veranlagungen entspricht.

Und genau das mache ich jetzt. Ich bin auf der Suche nach meinem Neubeginn. Ich möchte mich in einem Bereich engagieren, der mir besonders am Herzen liegt. Ein Bereich, in dem ich selbst von Menschen begleitet und unterstützt wurde, die meine ersten Geh-Bemühungen in einer für mich unbekannten Welt betreuten. Ich möchte etwas von all dem weitergeben, was ich in meinem trockenen Leben dankbar annehmen durfte und auch heute immer wieder annehmen darf.

Was soll ich euch sagen: Nicht mal in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass mir der Abschied von einem Beruf, den ich niemals mit Begeisterung ausübte, so schwerfallen würde. Anfänglich verfiel ich in Selbstmitleid. Doch glücklicherweise wurde mir meine negative Reaktion auf mein berufliches Ende bewusst. Ich sage immer, wenn mir selbst etwas bewusst wird, dann kann ich auch damit umgehen. Ich entschloss mich, die entstandene Traurigkeit zuzulassen und das tat mir gut. Denn im Anschluss gelang es mir, an den beschriebenen Neubeginn zu denken und mich darauf zu freuen. Obwohl sich zwar noch gar nichts Konkretes entwickelt hat, weiß ich, dass ich meinen Weg gehen werde und dass Veränderungen auf mich warten, vor denen ich es mir erlaube, ängstlich zu sein. Aber das ist für mich in Ordnung, denn Veränderungen dürfen Ängstlichkeit hervorrufen, dessen bin ich mir bewusst.

Ich heiße Cornelia. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken und dafür bin ich dankbar.