Das jüngste AKBaby

Das jüngste AKBaby

 Meine neue Stammgruppe in „Pankoff“(Konrad Adenauer)

 Von Herbert, Alkoholiker

 Wie soeben auf Rheinländisch erwähnt, gibt es jetzt in Berlin-Pankow eine neue AKB-Gruppe*, und die ist mir wichtig, denn ich gehöre zur Gründergeneration. Eigentlich hat mein AKB-Freund Roland die Gruppe gegründet und den Raum dafür klargemacht im Stadtteilzentrum Pankow, nicht weit weg vom Rathaus, das genauso rot ist wie das Rote Rathaus, denn es besteht ebenfalls aus Backsteinen bzw. aus „Ziegeln“, wie die Maurer in Norddeutschland sagen. Roland kommt ursprünglich aus der Gastronomie und hat schon von daher viel mehr Menschenkenntnis als ich, der ich immer nur mich kannte nach meinem alten Motto: „Selber saufen macht besoffen.“ Das war schon kriegsentscheidend, denn der soziale Abstieg führte mich in Kneipen, wo du nicht nur auf dein Portemonnaie und deine Klamotten (den berühmten Otto-Reutterschen „Überzieher“) aufpassen, sondern auch dein Bier festhalten musstest.

Nun denn, jetzt halte ich meine Nüchternheit fest. Na klar hab ich mir dadurch nicht nur Freunde geschaffen in meiner Umgebung. Nirgendwo auf der ganzen Welt wird so viel gesoffen wie überall. Deshalb bringt es für einen Alkoholiker auch nix, nach Saudi-Arabien auszuwandern, wo der Koran den Suff bei Strafe verbietet. Ich hab einen AKB-Freund, der aus diesem Grund in die islamische Welt auf Montage gegangen ist und immerhin in Algerien eine sympathische Ehefrau aufgabelte, aber mit dem Saufen hat er erst aufgehört, als er anfing, regelmäßig in die Gruppen zu gehen.

Ohne Gruppe geht es nicht. Die einzige mir bekannte Ausnahme heißt Martin Schulz, doch seine Persönlichkeitsentwicklung möchte ich nun für mich nicht unbedingt nachvollziehen.

Roland und ich, wir stellen den AKB alle vier Wochen im St. Josephs-Krankenhaus in Weißensee vor. Weil es im Norden von Berlin keine Gruppe gibt, wo wir die Patienten hinschicken können, haben wir jetzt selbst diese Gruppe gegründet.

Wir sind hier anonym und sprechen uns nur mit dem Vornamen an, weil wir alle gleich sind vor dem Alkohol bzw. der Droge, dem Stoff, der unsere Seele auf Wunsch verändert hat und schließlich die Macht übernahm. Ich melde mich, wenn ich etwas sagen will. Der Gruppensprecher notiert das und legt die Reihenfolge fest. Wenn ich dran bin, stelle ich mich vor: „Ich heiße Herbert, ich bin Alkoholiker.“ Dann kann ich sprechen, niemand unterbricht mich, und wenn ich ausgeredet hab, sag ich laut und deutlich „DANKE“, damit der Gruppensprecher weiß, jetzt kann er die nächste Wortmeldung drannehmen.

Ich habe zugegeben, dass ich machtlos bin gegenüber dem Alkohol und mein Leben nicht mehr meistern konnte. Wie lange das her ist, kann ich gar nicht so genau sagen, weil ich jetzt nach dem 24-Stunden-Programm der Anonymen Alkoholiker im Heute lebe: Nur für heute lasse ich das erste Glas stehen, weil ich weiß, wenn ich anfange zu trinken, höre ich erst auf, wenn ich bewusstlos bin. Die Fachleute bei Gericht und sonst wo nennen das „Kontrollverlust“, wenn einer immer wieder losgeht, um nur mal ein einziges kleines Bier zu trinken und dann in der Ausnüchterungszelle aufwacht.

Ich als Laie bin Alkoholiker geworden, weil ich so viel gesoffen hab. Warum es so ist, das weiß niemand ― die Sucht kennt keine Gesichts- oder Parteibuchkontrolle. Deshalb kennt unsere Gruppe auch keine Türsteher. Jeder ist willkommen: Alkoholiker, Tablettenabhängige, akademische Polytoxikomaniker, Angehörige, professionelle Helfer und sonstige am Thema Interessierte.

Auch meine frühere Stammgruppe war eine solch offene Familiengruppe und diese Zugangsberechtigung hat sich für mich bewährt. Es kam schon vor, dass Leute nur in unsere Gruppe gekommen sind, weil es nix kostete und sie da irgendwelche Ansprachen halten konnten, auf die es dann natürlich auch Echo gab. Sie sind dann wieder weggeblieben wie leider überhaupt viele „Durchläufer“, die erst mit Stentorstimme voller Begeisterung verkünden, dass sie uns alle wegen unserer Nüchternheit knutschen könnten, bis wir lachen, und dann siehst du diese Kameradinnen und Kameraden nie wieder oder erst, wenn sie auf die Schnauze gefallen sind und uns das gleiche Affentheater vorspielen. Ich bin ja auch nicht besser. Ich krieg immer nur die Hälfte mit und den Rest bilde ich mir ein. Deshalb brauch ich die Gruppe, um einmal in der Woche im Oberstübchen die Möbel wieder gerade zu rücken.

Dazu könnte ich noch viel mehr erzählen, liebe Leserinnen und Leser, Schnapsdrosseln und Schluckspechte. In der Gruppe teilen wir unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung nicht deshalb ehrenamtlich, damit andere Leute in unserem Namen möglichst viele Fördergelder für sich abgreifen können, sondern wir sind anonym. Wir sind eine Selbsthilfegruppe. Jeder hat das Recht, dem anderen einen Spiegel vorzuhalten, wenn es denn der eigene Spiegel ist. So verhelfen wir uns gegenseitig zur Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können, bekommen den Mut, Dinge zu ändern, die wir ändern können, und wachsen in der Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

DANKE.

Herbert, Alkoholiker

 *AKB= Anonyme Alkoholkrankenhilfe Berlin

 

Ort der Gruppe:

Schönholzer Straße 10, 13187 Berlin;

Stadtteilzentrum Pankow (KIS), erster Stock rechts.

Zeit:

jeden Freitag 19 Uhr.

Kontakt:

Tel: 030-6931649 (Herbert)