Tonne oder Wonne?

Tonne oder Wonne!?

Von Cornelia Ludwig

Bei dieser Überschrift denkt ihr jetzt bestimmt, „…was hat die Frau denn nun für ein Problem …?“ Ich gebe zu, dass dieser Titel inhaltlich nicht eindeutig ist, sondern vielmehr Anlass zu Spekulationen bietet. Sofern ich persönlich etwas der Tonne überantworte, dann möchte ich damit nichts mehr zu tun haben. Gleichgültig, ob es sich dabei um einen materiellen Gegenstand oder um ein emotionales Unwohlsein handelt. Ich belaste mich nicht mehr damit. Wobei ich zugeben möchte, dass mich die Trennung von einem greifbar vorhandenen Objekt weitaus weniger mitnimmt und mir deutlich leichter von der Hand geht, als mir eine Störung meines gefühlsmäßigen Wohlbefindens einzugestehen und die damit verbundenen Konsequenzen anzunehmen. Doch auch hier gilt, was in allen anderen Situationen oder hinsichtlich jedes bestehenden Verhaltens Geltung hat: Was mir selbst gut und richtig erscheint, dass kann natürlich von allen anderen Menschen völlig gegensätzlich betrachtet bzw. empfunden werden.

So. Schluss mit meinen einführenden Gedanken und hin zum Wesentlichen. Ich gehöre zu einem seit vielen Jahren eng miteinander verbundenen Freundeskreis. Wir sind insgesamt acht Personen und einmal im Jahr verbringen wir gemeinsam ein verlängertes Wochenende. Ich bin als Einzige der Runde alkoholkrank. Jeder weiß, dass ich trockene Alkoholikerin bin. Jeder akzeptiert meine Lebensführung und da wir uns schon so lange kennen, waren meine Mitreisenden der Meinung, dass meine Haltung, mein Verhalten, mein Handeln allen hinlänglich vertraut wäre.

Nun ja. Diese Annahme stellte sich als Irrtum heraus. An einem dieser Wochenend-Abende wurden völlig harmlose und inhaltlich belanglose Gespräche geführt. Plötzlich hatte irgendjemand in der Runde aus einer parallel laufenden Unterhaltung einen Wortfetzen aufgeschnappt, meinte, unbedingt seinen Kommentar dazu abgeben zu müssen und blökte quer über den Tisch seinen Beitrag. Die bisher gemütlich dahinplätschernde Gesprächsstimmung war damit beendet. Denn nun fühlten sich auch meine übrigen Wochenend-Reisenden aufgefordert, ihrerseits Bemerkungen in den Raum zu quaken. Es kam, was kommen musste: Blitzschnell erhitzten sich die Gemüter und die anfangs friedlich geführten Unterhaltungen entwickelten sich zu einem gewaltigen verbalen Debakel!

Auch ich wollte mich zu Wort melden und in meiner grenzenlosen Naivität wartete ich darauf, bis einmal Ruhe herrschte und ich meine Meinung sagen konnte. Ich wartete vergebens. Der eine grätschte mit Worten dem anderen in die Rede und die Stimmen wurden immer lauter. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass keiner der Beteiligten Luft zu holen schien. Ich erkannte schnell die Sinnlosigkeit meiner Bemühung, hier einmal zu Wort zu kommen. Also lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und betrachtete dieses verbale Schlachtfeld. Dabei stellte ich fest, dass einige der beteiligten Wort-Krieger durchaus in ihren Meinungen in ein und dieselbe Richtung tendierten. Dass dies aber keinem in der Hitze des Gefechts auffiel.

Ganz ehrlich: Es dauerte nicht lange und ich hatte genug, mir weiter dieses sinnfreie und ergebnislose Gequatsche anzuhören. Ich stand auf und plötzlich sah ich in einige erstaunte Gesichter und siehe da: Es ergab sich plötzlich die Möglichkeit, dass ich mich vernehmbar verabschieden konnte. Ich ging auf mein Zimmer. Am kommenden Morgen erfuhr ich, dass mein Weggang dazu geführt hatte, dass die hitzige Debatte von einer Sekunde zur nächsten verstummt war und die verbliebene Runde sich kurz nach mir auch auf ihre Zimmer zurückgezogen hatte. Meine Rückzugs-Entscheidung hatte die übrigen Anwesenden überrascht. Obwohl wir lange miteinander befreundet sind. Obwohl wir bereits viel miteinander erlebt haben und obwohl alle der Ansicht waren, mich gut zu kennen, löste allem Anschein nach mein Weggang einiges Grübeln aus.

Warum aber entschied ich mich, diese Gesprächsrunde zu verlassen? Ganz einfach: Ich wollte mir diese Situation nicht weiter antun. Ich fühlte mich körperlich zwar in Ordnung, aber die herrschende Atmosphäre tat mir nicht gut und sie missfiel mir. Vor allem stank mir dieses Kreuz- und Quer-Gequatsche. Ich hatte den Eindruck, dass jeder nur loswerden wollte, was als kurz aufflammendes Blitzlicht-Gewitter durch den jeweiligen Kopf schoss. Da gab es meiner Ansicht nach keinen wirklich gedachten Gedanken. Kein roter Faden zog sich durch einzelne Überlegungen und von sinngebenden Bemerkungen konnte leider überhaupt nicht die Rede sein. Kurz gesagt: Das alles musste ich nicht weiter aushalten und ging. Punkt!

Als ich schließlich entspannt in meinem ruhigen Zimmer saß, überkamen mich sehnsüchtige Gedanken, die der samstäglichen Gruppe, die ich immer besuche, galten. Eine Gruppe mit alleiniger Gesprächsführung. Eine Monolog-Gruppe. Wenn ich hier meine Gedanken teile, dann kann ich dies ungestört und ohne unterbrochen zu werden, tun. Ich verfolge meinen roten Faden. Ich kann während meines Beitrages eine kleine Pause machen, entweder um meine Gedanken zu sortieren oder einfach nur, um in Ruhe durchzuatmen. Niemand nutzt diese Gelegenheit, um mir ins Wort zu fallen. Niemand donnert plötzlich mit einer Frage oder Bemerkung dazwischen, die mich ablenkt oder vollends aus dem Konzept bringt. Hier herrscht Ruhe und eine auf mich beruhigend einwirkende Atmosphäre. Hier erde ich mich. Hier komme ich runter und finde zu mir selbst. Sicher, eine Monolog-Gruppe ist nicht für Jeden das Richtige. Doch ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass diese Gruppenform für mich sehr wertvoll ist und mein Leben bereichert. Nach meinem Wochenend-Erlebnis ist mir erneut klar geworden, welchen hoch geschätzten Stellenwert die Umgangsformen dieser Treffen für mich einnehmen. Zusammengefasst: Chaos-Gerede klopp‘ ich persönlich in die Tonne und meine Monolog-Gruppe empfinde ich als Wonne.

Ich heiße Cornelia. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken und dafür bin ich dankbar.