Behütet arbeiten im Hiram Haus-Café

Zu Besuch im Café/Restaurant des Hiram Hauses:

Wo Suchtkranke lecker kochen – und trocken bleiben

Draußen unter den grünenden hohen Bäumen frühstücken schon die ersten Gäste ihre üppige Käseplatte. Drinnen ist es noch recht ruhig. Der Tag beginnt entspannt. Fröhliche „Halloho“s, die nächsten MitarbeiterInnen trudeln ein. Jemand will zum „Pusten“, ein anderer muss, weil er vor einiger Zeit einen Rückfall hatte. In den Gesichtern: Freude auf den Arbeitstag. Freude auch, die anderen zu sehen, Menschen, die nicht nur KollegInnen sind, sondern viel mehr: Mitbetroffene. Jeder hat das einstige Dahinvegetieren mit Alkohol oder Drogen hinter sich lassen können, der Weg bis hierher war mehr als schwer … ähnliche Erfahrung eint.

Koch Jens gibt erste Anweisungen. „Andreas, du kümmerst dich schon mal um die Gurken. Marion, du machst den Kaffee, bei dir schmeckt er am besten“. Marion lacht, aus der Maschine ist er doch immer gleich? „Und Erich, wir beide planen jetzt die nächste Woche.“

Gesagt, getan. Beide stecken ihre Köpfe am PC zusammen. Bis die nächsten Arbeiten verteilt werden, Kartoffeln schälen, Salatgemüse putzen, Töpfe abwaschen, Gläser polieren, Forellen vorbereiten …

Jens hat alles im Blick. Und seine Arbeitsanweisungen sind kein lasches Bittebitte – sondern ruhige, klare Ansagen. Leute anzuleiten, auch mal bisschen anzutreiben und an schlechteren Tagen für gute Laune zu sorgen hat er gelernt, er ist nicht das erste Mal Küchenchef. Das wird besonders wichtig, wenn ab Mittag das kleine Café voll wird, mit 40-60 Gästen (und das, obwohl kein Alkohol angeboten wird!). Oder an Tagen wie gestern, wenn nebenher noch Caterings für zwei Veranstaltungen gefordert sind. Kein Zweifel, Jens hat hier absolut die Hosen an, hat das Ober-Sagen. Obwohl er sich nicht so als Chef sieht, „Mich unterschiedet nur von den anderen, dass ich im Chaos den Durchblick habe und für Orientierung sorge.“

Na, na, stellt da jemand sein Licht unter den Scheffel? Denn dank Jens, der seit einem Jahr hier ist, in Vollzeit angestellt, kommen wieder viel mehr Gäste. Weil es schmeckt!

Und warum schmeckt es?

„Wir sind nicht hier, um eine neue Küche zu erfinden, sondern machen gute bürgerliche Küche, so wie wir das von unseren Müttern oder Großeltern kennen, das ist irgendwie das Geheimnis: zu kochen, wie es einem selber schmeckt. Und: Die Menschen, die hier arbeiten, hören von mir manchmal: Wenn hier ein Teller rausgeht oder ein Kaffee, dann stellt euch immer vor, ihr geht in ein Restaurant und gebt Geld dafür aus. Wenn ihr wiederkommen und wieder Geld dafür ausgeben würdet, dann habt ihr eure Sache gut gemacht. Das setzen die Leute hier toll um. Das ganze Team ist mit Leidenschaft dabei. Das schmecken die Gäste.“

Jens (Sie finden hier kein Foto von ihm, er möchte das nicht. Also wenn Sie ihn mal sehen wollen, hilft ein Besuch im Café) ist nicht nur gelernter Koch, der davon ausgeht, dass ihm diese Berufung in die Wiege gelegt wurde, sondern ebenfalls Gleichgesinnter, Mitbetroffener:

„Das ist oft so in der normalen Gastronomie, Küche und Substanzen sind nicht weit voneinander entfernt, sowohl Alkohol als auch Amphetamine, die die Leistung steigern. Man steht auf jeden Fall bis nachts in der Küche und morgens bist du schon früh da wegen der Lieferanten, 14- oder 16-Stundeschichten sind nicht selten und das ist auf normalem Wege kaum schaffbar …“

Nach 20 Drogenjahren

… beschloss er, aufzuhören. Und ging zur Langzeittherapie. Seit 2018 ist er dauerhaft clean, sagt er. Seitdem überlegte er erst, die Branche zu wechseln, aber etwas anderes als das Kochen konnte er sich nicht vorstellen … also suchte er eine Stelle, wo Abstinenz am Arbeitsplatz normal ist und die Arbeitszeiten geregelter sind. Deshalb passte für ihn das Angebot mit einer Geschäftszeit von 8-14.30 Uhr im Hiram Haus e.V., einer Einrichtung der Berliner Suchtkrankenhilfe, „wie die Faust aufs Auge“, sagt er. Hier ist er nun und hier will er auch bleiben. Und das wünschen sich alle von ihm: das Team, das ihn als tollen Boss und lieben Menschen schätzt, die Geschäftsführung des Vereins, und die Gäste ganz sicher auch.

Für Jens hat der Job in einem garantiert promille- und drogenfreien Restaurant auch noch eine weitere Bedeutung: Er hält ihn weiter clean. „Das ist einer meiner wichtigsten Stützpfeiler für die Abstinenz. Ich denke, dass es grundsätzlich extrem wichtig ist, dass man was zu tun hat über den Tag, für jeden Suchtmenschen. Da ist eine Einrichtung wie diese perfekt. Jeder achtet hier auf den anderen, man kann sich hier sicher sein. Und niemand nimmt es dem anderen übel, wenn dann doch jemand wieder einen Rückfall hatte. Wenn er dann clean zurückkommt, wird er nicht mit erhobenem Zeigefinger erwartet, denn wir sitzen hier alle in einem Boot, jeder mit seiner Packung, die er zu tragen hat, mit seiner Vergangenheit, und Rückfälle gehören leider auch dazu. Wir alle wissen, was es bedeutet, wieder auf die Beine zu kommen oder kommen zu wollen.“

Behütetes Arbeiten

Und Mitarbeiter Erich fasst es noch weiter: „Wir haben ja in der Zeit, in der wir hier zusammen arbeiten, permanent Selbsthilfe: Wir können über alles reden, sehen uns unsere Befindlichkeiten gegenseitig an, wir wissen, wie der Einzelne reagiert, was draußen niemals der Fall sein würde, können uns also hier auch trainieren und konditionieren für das Leben draußen.“ Erich, alkoholkrank, lebt hier im Hiram Haus im Betreuten Wohnen und ist im Café als Springer unterwegs, wo auch immer er gebraucht wird, ob in der Küche oder im Service. Während einige der KollegInnen ehrenamtlich mitarbeiten oder als Minijobber, ist er im Betreuten Arbeiten, einem Projekt des Stadtbezirkes Tempelhof zur Eingliederungshilfe, eingebunden. „Ein sehr behütetes Arbeiten“, nennt es Erich.

Zur „Behütung“ gehört auch, dass die hier Arbeitenden nichts übertreiben. Dürfen. Koch Jens sagt, es sei ein Balanceakt: Man möchte, dass es noch besser wird und noch mehr Gäste kommen, aber müsse gucken, dass das auch alles noch gangbar ist für die Menschen. Ken Thielebein, Geschäftsführer des Hiram Haus e.V., „wacht“ darüber, dass das Café also nicht zum zweiten Wohnzimmer wird, 15 Wochenstunden im Betreuten Arbeiten genügen, sagt er. Momentan freut er sich über eine gute Bilanz des Cafés, „der neue Koch zieht Leute, wir sind füreinander ein Glückstreffer“, zudem ist Corona „ein bisschen vorbei“, es wird wieder Veranstaltungen im Haus geben, für das das Catering gefragt ist. Am wichtigsten aber ist auch ihm, dem Leiter dieser anthroposophischen* Einrichtung: „Jedem Individuum soll die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu entfalten, das ist eine Haltung, die im Hintergrund mitschwingt, auch im Café. Und eine sinnstiftende Tätigkeit gehört dazu. Diese Leere, die entsteht, wenn man keine Aufgabe hat, ist wirklich ein großes Problem für Suchtkranke. Insofern ist es ganz immens wichtig, dass man weiß, weshalb man morgens aufsteht, dass man einen Tagesablauf hat, der einem Halt gibt, dass man Menschen um sich hat, die einem was geben …“

Ja, das wäre der perfekte Schlusssatz gewesen … würde es nicht so herrlich duften aus der Küche: Das Tagesgericht kommt nämlich gerade in die riesige Pfanne, halb gefüllt mit Rapsöl (ja, Restaurants bekommen das noch ohne Probleme, aber ebenfalls teurer). „Ein Fisch muss zweimal schwimmen, einmal im Wasser – und dann in der Pfanne. Sonst backt er an und wird innen nicht gut gar“, sagt Jens, der die Tierchen gerade wendet. Aha, noch etwas gelernt heut. Und wenig später ertönt der Küchengong. Minijobberin Marion, seit 7 Jahren und sehr gerne dabei, trägt die Teller an den Tisch, Punkt 12.30 Uhr. Gast Wolfgang, Rentner, trocken und übrigens unser TrokkenPresse-Bote, freut sich. Schon einfach erst mal über den verheißungsvollen Anblick des knusprigen Fisches. Und später, nach der Entgräterei mit Lesebrille, darüber, dass es klasse schmeckt. Und ich freu mich über mein Red Curry, auf der Karte ist wirklich für jeden etwas dabei … also: Kommen sie doch einfach mal vorbei!

Anja Wilhelm

Infos:
Hiram Haus Café/Restaurant, Alt Tempelhof 28, 12103 Berlin, Tel: 030 78703059
Öffnungszeiten: Mo-Frei 8-14.30 Uhr

*Anthroposophie (altgriech. Anthropos= Mensch, Sophia= Weisheit) ist eine von Rudolf Steiner begründete Bewegung, die eine ganzheitliche Auffassung vom Menschen vertritt und ihn zur Entwicklung höherer seelischer Fähigkeiten und Erkenntnisse führen will.