Schon 30 Jahre ohne Alkohol?

Was denn, schon 30 Jahre ohne Alkohol?

Oder: Ein paar Gedanken zu meinen Trocken-Geburtstag am 4. November

Von Bernd Oesterreich

Vor 30 Jahren erschreckte mich der Gedanke „Nie wieder Alkohol!“

Ein lieber, leider zu früh verstorbener Gruppenfreund bot mir, mit den Augen zwinkernd, Prügel an, wenn ich nicht mit in eine Gruppe komme. Er gab mir ein paar Tipps für die ersten Tage, um nüchtern zu bleiben: Lasse das erste Glas einfach stehen, eine Kneipe ist ein Glas-Bier-Geschäft – meide sie, bleibe nur für heute nüchtern – morgen früh nimmst du dir das gleiche vor; so kommen dir drei Monate, drei Jahre, vielleicht 30 Jahre nicht so lange vor, gehe, so oft du getrunken hast, in eine Selbsthilfegruppe, um zu lernen und neue Freunde zu finden. Während des ersten Jahres der Trockenheit solltest du keine Liebesbeziehungen eingehen – sie lenken dich davon ab, neue Wege kennenzulernen, und große Reisen können auch ein großes Rückfallrisiko sein.

Die Trennung von Freunden, mit denen ich fast täglich zusammen war, die mir nicht gut taten, fiel mir sehr schwer. Neue Freunde finden ohne Alk, wie soll das denn gehen? Ich bin ernst geworden, seitdem ich nicht mehr trinke, aber das Kind in mir ist größer als je zuvor. Ich habe mehr ehrliche Freude am Leben. Suchttherapeuten sind übrigens kein Brechmittel, sie wollen dir helfen. In den ersten zwei Jahren sprach ich manchmal drei Mal die Woche mit ihnen über meinen Scherbenhaufen. Du hast das Recht, alles zu hinterfragen, aber lass dir Zeit dazu. Die Gelassenheit wächst mit den Jahren und kommt nicht sofort.

Ich habe es öfter erlebt, dass die Unsicherheit frisch Trockener von einigen Gruppenmitgliedern dazu benutzt wurde, um die eigenen sexuellen Wünsche zu befriedigen. Ich finde das übel und nenne das Missbrauch.

Der Tod von zehn lieben, engen Freunden, fünf in den letzten zwei Jahren, hat mich sehr hart getroffen. Ich hatte oft das Gefühl, dass mir die Seele aus dem Leib gerissen wird. Ich habe dank Suchttherapeuten und Gruppe gelernt, auch mit dem Tod besser umzugehen. Seitdem versuche ich, meine Träume möglichst zeitnah umzusetzen. Für die Zukunft habe ich einige Kurztripps geplant und neue Aktivitäten …

In den letzten 30 Jahren habe ich viele nette Leute immer wieder in der Entgiftung gesehen – Sie konnten mir genau erklären, wie man trocken bleibt und sich ein neues Leben aufbaut, bis zur nächsten Entgiftung, nur sich selber ernst genommen haben sie leider nicht. Alkis sterben im Durchschnitt 24,5 Jahre früher als Normalbürger. Alkohol ist ein Schmerzmittel und Psychopharmakon. Es zerstört ganz langsam die Lust auf ein schönes, manchmal auch hartes Leben. Man verlernt zu leben.

Ich fragte mich, warum so viele liebe Leute immer wieder mit dem Trinken anfangen … Die Versuchung ist riesig und der Suff wird überall billigst angeboten. Ich habe neulich eine Kiste Bier im Sonderangebot für 5 Euro gesehen. Seit kurzem stellt die TV-Werbung das Bier sogar über die Entwicklung eines Jugendlichen:

In der ersten Szene bewundert ein ca. Achtjähriger einen Pferdebrauwagen. In der nächsten wird er an der Kinokasse wegen seiner Jugend abgewiesen und von einem Mädel schroff abgelehnt … Als Erwachsener zwinkert er stolz einer Frau zu, um dann am Ende in einer Kneipe vom Wirt ein Radeberger gezapft zu bekommen. Als Begleitung läuft der Spruch:„… erst, wenn er eine gewisse Reife erreicht hat, darf er einem Radeberger serviert werden…“ Wie pervers ist das denn? Sollen die Kinder schon früh auf die Droge getrimmt werden. Darf er nicht mehr selbst entscheiden, was und wann er trinkt? Dürfen die Brauereien nun entscheiden, wer sich als Erwachsener selbst zerstören darf?

Für eine gesündere Zukunft wünsche ich mir eine spürbare Verteuerung des Alkohols und ein absolutes Werbeverbot.