Serie: Trocken bleiben, aber wie?

„Die Anonymität hält mich trocken“

Von Herbert

Es gab eine Zeit als Kneipensäufer, da wollte ich berühmt werden, und weil mir schreiben schon immer leichter fiel als reden, wollte ich von irgendeinem Verlag entdeckt werden, einen Haufen Geld kriegen, die Tochter des Verlegers vögeln und dann endlich, endlich mit der bekloppten Schreiberei aufhören können. Deshalb hockte ich am Tresen wie tausend andere, und wenn die Tür aufging, flogen alle Köpfe rum. Meiner auch. Ich wartete ja auf Herrn rororo oder Suhrkamp oder Luchterhand oder wen oder was.

Dann bin ich bei meinem anonymen Verein gelandet, zum ersten Anlauf, weil ich hörte, dort sei ein Schriftsteller trocken geworden. Das ist halb gelogen, denn den Ausdruck „trocken werden“ kannte ich ja noch gar nicht. Ich wusste nur, der Kerl hatte da mit dem Saufen aufgehört, und weil ich inzwischen Angst vor mir selber bekam, bin ich hin in diesen Laden. Anlass war eine Braut, die etwas Festes mit mir anfangen wollte und schwanger wurde, doch ich wollte ja lieber Kind bleiben als Kinder haben.

An der Abtreibung hätte sie sterben können. Am gleichen Tag, als der kleine Asylbewerber in ihrem Bauch dran glauben musste, saß ich wie Graf Koks im ***schlößchen, gab mir die Kante und verkündete: „Die Frauen verstehen mich nicht.“ — Nächsten Morgen kriegte ich mitsamt Kater einen Moralischen und mir wurde klar, wie sich mein Verhalten durch den Suff verändert hatte. Ich war kein „Kerl wie Samt und Seide“ mehr, sondern ein versoffenes Charakterschwein, ein Penner, der vor der Verantwortung flüchtete wie dem Fischer synn Fru Merkel 2015 vor irgendwelchen schlimmen Bildern im Fernsehen.

Das war mein erster Versuch. Einen dritten gibt es nicht.

Zwischendurch hab ich mich vom Kneipensäufer zum Stubensäufer entwickelt und bekam eine unendliche Sehnsucht nach jenem „gepflegten Trinken“, das ich früher vollkommen sinnlos fand, denn ich hab von Anfang an der Wirkung wegen getrunken. Alles ging los mit 16, 17 in einem Zeltlager in Pelzerhaken an der Ostsee mit Männlein und Weiblein und Bier und Nikotin. Ich hatte vorher höchstens mal Malzbier getrunken und an Schokoladenzigaretten geknabbert und wusste zwar, wie Geschlechtsverkehr geht und wo die kleinen Kinder herkommen, aber weil ich keine Schwester hatte und nur von älteren Damen umgeben gewesen war, stand ich vor all den Muschis da wie der Ochse vorm neuen Tor. Ich weiß bloß nicht, ob Ochsen auch so schüchtern sind und rote Ohren kriegen. Ich jedenfalls merkte, dass vom Bier die roten Ohren weggehen und dass Reden auf einmal viel besser geht, und damit ging die Post ab. Nach der Rückkehr vom Ostseestrand in meine Heimatstadt hatte ich sofort eine Stammkneipe, ein sogenanntes „Künstler- und Studentenlokal“, in dem nachts die Hütte brechend voll war und ich auch jeden Abend, außer Sonntag, wenn Ruhetag war.

Mit 22 bin ich dann nach Berlin, weil hier mein einer großer Bruder war, der auf mich aufpassen musste. Heute würde ich das „Ortsflucht“ nennen, aber damals dachte ich noch: „Morgen beginnt ein neues Leben und in Berlin wird alles anders!“

Nun aber zurück zum zweiten und letzten Anlauf: Meine Lügenburg „alles ganz normal, wie du trinkst, und außerdem merkt gar keiner was davon“, diese Sandburg rutschte weg. Jeden Morgen nahm ich mir vor: „Heute trinkst du nicht!“, und spätestens abends war ich besoffen. An einem Silvester hab ich dann klein beigegeben, bin in ein bodenloses schwarzes Loch der Verzweiflung gestürzt, nächsten Dienstag ganz klein mit Stock und Hut in die alte Gruppe und zurück zum alten Verein, und seitdem trink ich nicht mehr. Was mich trocken hält, sind meine Artikel für die TrokkenPresse, nach dem Motto: „Ein schlechter Scherz zur falschen Zeit/erhöht noch die Gemütlichkeit!“

Heute weiß ich, dass Frauen eine Abtreibung gar nicht so leicht wegstecken, wie immer getan wird. Die Freundin, die ich damals unglücklich gemacht hatte, ist jedenfalls ziemlich früh an ihrer notgedrungenen „Selbstverwirklichung“ gestorben, trotz taz und allem Bohei von wegen „sexuelle Revolution“.

Na, ok, ich vertrete das Prinzip der Anonymität, weil sie sich in meinem Leben und für Millionen andere Alkoholiker bewährt hat. In meinem Verein haben sie eines Tages Personen über Prinzipien gesetzt, besonders bei der Vereinszeitung, und es ging los mit Nachnamen wie in Thailand nach Einführung der Prostitution und des Menschenhandels in den 50er Jahren. Vorher haben die Vornamen gereicht.

Ich hab das nicht eingesehen, schrieb auch darüber und bekam Veröffentlichungsverbot in der Vereinszeitung. Inzwischen gibt es diese Zeitung der Namhaften nicht mehr, aber mich gibt es noch.

Die Anonymität hält mich trocken, wie gesagt, und die Gruppe natürlich. Ohne Gruppe geht gar nichts für einen Säufer, der nüchtern leben will. Da bin ich „Herbert, Alkoholiker“ und nicht besser und nicht schlechter als Du oder Sie oder Martin Schulz oder der letzte Penner vom Kotti.