FÜR SIE GELESEN II

Abgestürzt

Besser noch weist der Untertitel des Buches auf seinen Inhalt hin: „Egal, wie tief du fällst, du kannst immer aufstehen“! Denn das ist es, was in Olaf Philip Becks Geschichte beweiskräftig dargestellt ist. Aufgeschrieben übrigens nicht von ihm selbst, sondern von einem Journalisten, Kai Psotta. Und zwar toll aufgeschrieben, sprachlich lebendig und mitreißend.

Wer ist Olaf Beck? Kurz gesagt: Ein Mathe-Fünfenschreiber aus Wuppertal, der den Bewerbungstest zum Kampfschimmer nicht bestand und dann, nach seiner Lehre als Hotelfachmann, die Karriereleiter aufstieg und ein bekannter Hotelmanager wurde. Er verhalf so einigen Fünf-Sterne-Hotels zu neuer Kundschaft und bestem Ruf. Ein Lösungsfinder, ein Macher. Mal hinter die Kulissen der Hotellerie zu schauen mit ihm war übrigens auch sehr spannend.

Dieser kräftezehrende geliebte Job wurde leider auch zur Kulisse für seinen Absturz in den Sumpf, so nennt er es: Alkoholismus, Pegelsaufen mit Abstürzen, mit Promille Autofahren, Fettleibigkeit, Schulden, Wohnenmüssen in seinem alten Kinderzimmer bei Mutti, Verlottern, Gesundheitsprobleme bereits mit Mitte 30 … Aber wieso?

Schon früh durchlebt er Todesangst in Panikattacken, bei denen er sogar ohnmächtig wird. Überall, wo es eng wird, ob im Gotthardtunnel, in der MRT-Röhre, im Flugzeug oder in Menschengetümmel. Die Angst davor betäubt er mit immer mehr und mehr Alkohol. Auf diesem Weg in die Abhängigkeit bleibt er zwar vorerst gut im Job, aber sein Äußeres verändert sich, er wird, einst rank, superaktiv und sportlich, sehr stark übergewichtig und lässt sich weiter gehen. In die Breite.

Er weiß irgendwann, dass er Alkoholiker ist. Aber der zu beginnende Weg braucht einige Anläufe. Entgiftung, Rückfall, Entgiftung, Rückfall, Angsttherapie usw. Er liest viel über zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung und erfährt, dass er sein Gehirn umprogrammieren kann. Dass er einen Tagesrhythmus braucht. Dass er wieder gehen muss, auch wortwörtlich. Für einen 165 kg-Mann eine riesige Überwindung. Er beginnt mit ein paar Schritten im Park – und immer weiter geht er … und bleibt stabil trocken. Arbeitet sich aus seinen hohen Schulden heraus (auch, indem er bei „Wer wird Millionär“ eine gute Summe gewinnt, auch diese Episode ist sehr interessant zu lesen).

Er könnte sofort wieder als Hotelmanager arbeiten … aber er will nicht mehr, fühlt sich depressiv. Er sucht „seine Bestimmung“.

Inzwischen hat er sie gefunden. Er berät Menschen, die sich oder/und etwas in ihrem Leben verändern wollen: „Für mehr Erfolg, Motivation und Lebensqualität“, steht auf seiner Coaching-Webseite. Sein Grundsatz: Die Lösung liegt ausschließlich in einem selbst. Und er hilft dabei, zu ihr zu finden. Die Menschen „… wenden sich an mich, weil ich es aus mir heraus geschafft habe. Ich habe gezeigt, das es geht. Das Leben ist mein Diplom.“

Ein spannendes und sehr, sehr motivierendes Buch, finde ich.

Anja Wilhelm

OLAF PHILIP BECK, Abgestürzt, Ariston Verlag, Hardcover, 240 Seiten, ISBN: 978-3-424-20287-8, 22Euro


Daniel Schreiber trauert um seinen Vater

Kein Tod in Venedig

Daniel Schreiber, Autor von „Allein“, „Zuhause“, „Nüchtern“, hat seinem neuesten Essay drei Worte mehr im Titel gegönnt. Schreiber befindet sich in Venedig und neben dem Besuch der todgeweihten Stadt bearbeitet er die Trauer um den Tod seines Vaters.

Sofort kommt dem versierten Leser oder der Leserin Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ in den Sinn, in der schon der angeblich morbide Charme der damals und heute von Touristen überlaufenen Stadt beschrieben wird. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt, Daniel Schreiber, scheinbar Stipendiat, ist Gast im Deutschen Studienzentrum in Venedig, beschreibt seinen Tagesverlauf, ein Frühstück in einer kleinen Bäckerei, Besuch eines Museums mit Betrachtung eines Kunstwerkes, Besuch der Friedhofsinsel, Besuch eines Restaurants, Fahrt über die Kanäle, auch Yogaübungen im Zentrum mit anderen Stipendiatinnen werde beschrieben. Diese Beschreibungen, die einen gerüttet Anteil des Textes ausmachen, sind sehr ausführlich und detailreich. Diese umständliche und redundante Erzählweise, die man von den vorhergehenden Essays von Schreiber kennt, kann ermüdend wirken. Auch die ständigen Verweise auf Veröffentlichung, meist US-amerikanischer Autorinnen, zu der aktuell anstehenden Handlung oder des gerade gefassten Gedankens wirkt nicht sehr erhellend.

Die zweite Ebene bilden Trauer und Schmerz, die den Protagonisten über den Tod seines Vaters befallen. Man erfährt einiges über das Leben des Vaters, der Eltern, aber bruchstückhaft und vage. Der Tod des Vaters ist wohl schon vor längerer Zeit erfolgt, und es stellt sich der Leserin, dem Leser die Frage, warum trauert der namenlosen Ich-Erzähler gerade jetzt?

Dem schmalen Band werden 53 Anmerkungen auf vier Seiten und weitere vier Seiten Literaturverzeichnis angehängt sowie zwei Seiten der Danksagung.

Als Zeitverlust hat der Rezensent die Beschäftigung mit „Die Zeit der Verluste“ nicht empfunden, aber im Gegensatz zu „Nüchtern“ desselben Autors wirkt das Essay wie ein pflichtschuldiger Bericht an eine stipendienausreichende Institution.

Torsten Hübler

DANIEL SCHREIBER, Die Zeit der Verluste, 144 Seiten, geb., Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-27800-4, 22,- Euro


Die Suchtluege von Gaby Guzek

Die Suchtlüge

Ja, so drastisch lautet der Titel des zweiten Buches von Gaby Guzek (nach „Alkohol adé“).

Fast provokant: Wer lügt? Und womit?

Nehmen wir das letzte Kapitel zuvor, um Ihre Neugier zu stillen, liebe LeserInnen. Zitat Seite 205: „Ihr Suchtberater lügt Sie nicht an. Genauso wenig wie Ihr Hausarzt oder Ihr Therapeut. Trotzdem ist die heutige Suchttherapie eine kollektive Lüge. Sie gibt vor, die Gründe für Sucht im Wesentlichen zu kennen und auch behandeln zu können. Genau das stimmt aber nicht.“ Und: Auch schweigen und weitermachen wie immer kann lügen sein, sagt die Autorin an anderer Stelle …

Aha. Und was ist nun die kollektive Lüge?

Wenn ich es richtig verstanden habe, sei Sucht weder eine Willensschwäche (das wissen wir) noch eine psychische Erkrankung (das ist neu), als die sie seit Jahrzehnten behandelt wird. Sondern, salopp zusammengefasst, ein „erklärbarer Vorgang im Gehirn“. Ein Ungleichgewicht in der Hirnchemie.

Als sauber recherchierende Wissenschaftsjournalistin und selbst Betroffene kritisiert Gaby Guzek die heutige Suchttherapie auf ihre Weise. Denn es gibt immer neue Forschungsergebnisse, die ihre These bestätigen. Sie finden allerdings in der heutigen Suchtbehandlung noch immer keine Anwendung.

Damit wir das nachvollziehen können, erklärt sie uns genau, was im Gehirn passiert, wie Nervenbotenstoffe arbeiten (z.B. GABA, Serotonin, Dopamin, Glutamat u.a.), wie Drogen die entsprechenden Andockstellen besetzen, welche Auswirkungen das hat, wie man süchtig wird und warum. Es ist, wie das gesamte Buch, erfrischend und endlich mal verständlich für den Laien erklärt. Nachvollziehbar. Wir erfahren auch, dass bestimmte Nährstoffe, Vitamine und Mineralien unabdingbar sind, damit die Nervenbotenstoffe vom Körper überhaupt produziert werden können. Ebenso superwichtig ist dafür eine gesunde Darmflora (Mikrobiom).

Das klingt für suchtgeplagte und psychotherapieerfahrene Betroffene erstmal irgendwie zu … einfach, oder? Nähr- und Botenstoffmangel als biochemische Ursachen der Sucht? Aber selbst mit solch kritischem Blick habe ich mich der zwingenden Logik im Buch ergeben, Tatsache.

Weshalb ändert sich also nichts in der Suchtbehandlung?

Weil Medizin ein verknöchertes System sei, meint Gaby Guzek. Als ein Beispiel bringt sie die zwei Forscher, die herausfanden, dass die Ursache von Magengeschwüren ein Bakterium ist. Bis dahin wurde diese Erkrankung psychotherapeutisch zu behandeln versucht, viele Patienten starben. Die Forscher wurden ausgelacht. Aber 20 Jahre später bekamen sie den Nobelpreis für ihre Erkenntnis!

Und noch: Weil die heutige Suchttherapie ein Milliardengeschäft sei, die Suchtkliniken verdienen sehr gut an dem, wie es jetzt ist … Aber dem gegenüber steht, dass nur jeder zehnte Patient langfristig trocken lebt nach einer Langzeittherapie. Wäre das nicht des Umdenkens wert? Was würde passieren, wenn einem Chirurgen nur jede zehnte Operation gelänge?

Nach Gaby Guzeks Meinung müsste eine Suchtbehandlung damit beginnen, dass zuerst biochemische Mangelzustände mittels Labor festgestellt werden. Nur ein Beispiel, so wie ich es verstanden habe: Ein Mangel an GABA, das ist ein Entspannungsbotenstoff, kann zu Angsterkrankungen führen, die den Betroffenen in der Selbstmedikation mit Alkohol (dockt an GABA-Rezeptoren an) für ein paar Stunden davon erlösen, den möglichen folgenden Weg in die Sucht kennen wir. Was aber wäre, wenn der Patient den Mangel ausgleichen könnte mit einer GABA-Gabe oder per Nährstoffen? Würde ihm die Abstinenz dann nicht viel leichter fallen vielleicht?

Die Autorin lässt die LeserInnen aber nicht allein mit diesen Erkenntnissen. Sie wendet sich vor allem an Betroffene, die aus der Sucht aussteigen wollen (es geht um alle Süchte, von Alkohol, Drogen, Nikotin, Sexsucht bis Internetsucht und Gaming) und nimmt sie sozusagen an die Hand mit vielen praktischen Hinweisen und erprobten Ratschlägen in den beiden Kapiteln „Erfolgreich aus der Sucht“ und „Strategien für den abstinenten Alltag“. Einiges ist dem trockenen Alkoholiker bereits vertraut, anderes mag manchem neu sein. Sie geht natürlich auch auf wichtige Nährstoffe ein. Lassen Sie sich überraschen.

Eines betont und erklärt sie immer wieder: Nur aufzuhören und ansonsten alles weiterzumachen wie immer funktioniert nicht, um zufrieden abstinent zu werden. Abstinenz bedeutet Arbeit an sich, um letztlich frei zu sein, un-abhängig.

Ich kann dieses frische, ermutigende und rebellische Buch nur empfehlen. Mir hat es den Horizont erweitert. Die einzige Konstante ist die Veränderung, heißt es doch. Weshalb sollte das für die Suchtbehandlung nicht gelten? Was wäre, wenn … es so wäre, wie Gaby Guzek beschreibt?

Anja Wilhelm

GABY GUZEK, Die Suchtlüge – Der Mythos von der fehlenden Willenskraft: Wie Sucht im Hirn entsteht und wie wir sie besiegen, Heyne Verlag, TB, 224 Seiten, ISBN: 978-3-453-60670-8, 13 Euro


Neuer Roman von Walter Moers

Von Hummdudeln und dem Kraakenfieken

Der Zeichner des „Kleinen Arschlochs“ und der Erfinder des „Käpt´n Blaubär“ hat sich in mehreren Büchern, beginnend 1999 mit „Die dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär“, einen eigenen Kontinent, Zamonien, erschaffen. Held seiner Geschichten ist Hildegunst von Mythenmetz, in Zamonien ein höchst angesehener Autor und Drache. Moers legt mit „Die Insel der Tausend Leuchttürme“ eine gewichtige Fortsetzung, über 1,2 Kilogramm schwer und mit 665 Seiten Umfang, vor. Dieses Mal ist es ein monologischer Briefroman, da die Antworten des Brieffreundes wetterbedingt nicht auf die Insel Eydernorn, gelangen, wo sich der Großschriftsteller zur Kur aufhält.

Auf dem abgelegenen Eiland konnten sich vermehrungsfreudige Hummdudeln und flugunfähige Strandlöper und anderes entwickeln. Unterhaltung finden die Insulaner beim Krakenfieken-Sport. Von den titelgebenden Leuchttürmen gibt es gar keine tausend, sondern lediglich 111, die alle individuell gestaltet sind und jeder von einem Genie eigener Art bewohnt ist. Das Wetter spielt im Ablauf der Handlung eine wichtige Rolle. Hildegunst wird vom Kurgast, der mit überteuertem und schlechtem „Dünenwein“ seine Erfahrung machen muss und dessen Heilbehandlung widersinnige Ergebnisse bringt, eher zufällig zu einem Entdecker und Abenteurer, der die Geheimnisse der Insel entdeckt und einem furiosen Finale entgegensieht. Die Leserin, der Leser folgt gebannt der detailverliebten Schilderung der Erlebnisse in 19 Briefen. Hier greift Moers auf das Format des Briefromans, der nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert gepflegt wurde von Goethe (Werther) bis Bram Stoker (Dracula), zurück. Den Briefen sind auch viele Illustrationen beigefügt, die das märchenhafte Leben auf Eydernorn charakterisieren sollen.

Dieses Feuerwerk von phantastischen Einfällen und kreativen, teils absurden Ideen ist etwas für lesende Menschen, die sich Humor und Neugier erhalten haben und ziert auch jeden Gabentisch.

Torsten Hübler


Nein Danke, keinen Alkohol für mich!

 Zwar reiht sich dieses Buch ein in die inzwischen große Anzahl von ermutigenden Erfahrungsberichten trocken Gewordener, aber es ist meiner Ansicht nach besonders: Es könnte fast eine Suchtfibel sein. Die Autorin Ruth Niederkofler aus Südtirol, aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Ahrntal, beschreibt nicht einfach nur, wie sie süchtig wurde und viel später dann abstinent, sondern hat sich ihren ehemaligen Psychotherapeuten mit ins Boot geholt und auch Clara kommt zu Wort, symbolhaft für Angehörige. Trialogisch, so nennt sie das, ist das Buch aufgebaut.

Fast sachlich-neutral beschreibt sie ihre Sucht-Lebensabschnitte, anschließend reflektiert sie sie aus heutiger Sicht. Zu den jeweiligen Phasen ihrer Suchtentwicklung erklärt Dr. Martin, was Sucht ist, wie sie entsteht, wie man sie an sich erkennt, am Ende des Buches dann zum Beispiel, wie Entgiftung und Therapie ablaufen. Clara erklärt Angehörigen und Freunden Betroffener, weshalb alles Reden oder Vorwürfe nichts nützen, sondern was wirklich hilft, ihnen selbst und dem Trinkenden. Die beiden Koautoren beantworten viele, viele Fragen, die Betroffene und Angehörige haben oder haben könnten. Sehr informativ. Ohne Vorwürfe, erhobenen Zeigefinger, sondern immer wohlwollend, fast herzerwärmend, an die Hand nehmend. So, wie es Menschen in Not, die sich eh schon genug schämen, auch benötigen. Den Grundtenor empfand ich als tröstlich und hilfreich.

Kurz zu Ruths eigener Geschichte: Geboren nicht als Wunschkind, sondern vom Vater als „übriger Fresser“ bezeichnet und grundsätzlich kaum wahrgenommen, wächst sie schüchtern, introvertiert und ohne Selbstwert auf. Eine Birne in Schnaps eingelegt, damit beginnt ihre Trinkkarriere. Alkohol macht sie plötzlich mutig, fröhlich, selbstbewusst. Partys, Vergewaltigungen, Ehe mit einem, der sich später als Schläger entpuppt. Vermeintliche Unfruchtbarkeit. Alle Probleme und negativen Gefühle betäubt sie mit Alkohol. Nach und nach wird daraus eine Abhängigkeit. Trinkpausen hat sie nur, als sie dann wider Erwarten doch zwei geliebte Kinder bekommt. Eine Eileiterschwangerschaft, der Eileiter reißt, bringt ihr fast den Tod. Bei einer ungewollten vierten Schwangerschaft ertränkt sie sich in Schnaps. Aber das Kind bleibt, kommt schwerstbehindert als Frühchen zur Welt, würde sein Leben nur mithilfe von Maschinen dahinvegetieren. Sie entscheidet sich, sie abstellen zu lassen. Das verfolgt sie ihr Leben lang, das Schuldgefühl. Dennoch trinkt sie weiter. Immer bis zum Absturz zum Schluss, ihr Ziel ist immer der große Rausch. Bis sie es und sich selbst nicht mehr ertragen kann, sie will sich umbringen. Landet in der Psychiatrie. Später erkennt sie endlich, dass sie abhängig ist. Und fasst den Entschluss, sich helfen zu lassen. Seit der Langzeittherapie ist sie trocken. Von Beruf Pflegehelferin, beginnt sie wieder zu arbeiten, macht eine Ausbildung zur Sozialbetreuerin und Ex-in-Genesungsbegleiterin. Sie hilft inzwischen Betroffenen, wie sie selbst eine war.

Und diesem Zweck dient auch ihr Buch, wie sie im Vorwort beschreibt: „Durch meine Geschichte und meine Erfahrungen möchte ich Betroffenen Hoffnung schenken … Mut machen. Mut, den steinigen und oft harten Weg aus der Sucht zu wählen, zurück in ein Leben in Freiheit.“

Ich denke, ja, genau dies tut dieses Buch.

Anja Wilhelm

RUTH NIEDERKOFLER, Mit Dr. Martin Fronthaler, Nein Danke, keinen Alkohol für mich! Durch den Suchttunnel in die Freiheit, ATHESIA Verlag, Paperback, 272 Seiten, 24,- Euro, ISBN: 978-88-6839-690-9


Trinkerbelle

Das Buch hat mich umgehauen, liebe LeserInnen.
Sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen, weil es so wunderbar geschrieben ist – so dass ich mitgelebt, mitgetrauert, mich mitgeschämt und Schuldgefühle mitgetragen habe … und es mir irgendwann gar nicht mehr gutging. Im Magen, im Kopf, in der Seele. Lassen Sie sich also lieber Zeit, legen Sie Pausen ein. Denn das Buch ähnelt einem Spiegel, in dem Sie Dinge aus Ihrer Trinkerzeit sehen, erinnern können, gar müssen, die Sie so detailgenau doch vielleicht lieber vergessen hatten, tief verscharrt. Vielleicht. Mir ging es so. Und nun kam es mit dem Lesen herausgeflossen … Aber Mimi Fiedlers Buch endet hoffnungsfroh, ermutigend, mit Happyend. Und lächeln, gar grinsen darf man trotz aller prallvollen Dramatik auch ab und zu. Das sei dazugesagt.

Worum geht es? Es beginnt, untypisch für ein Alkoholiker-Erfahrungsbuch, mit Historie. Der dalmatinischen, denn Mimi entstammt einer großen Familie auf einem kleinen Dorf in Kroatien und nimmt uns mit ins Früher. Kriege, Auswanderungen, dazu Slibowitz – damit wir den seelischen Schmerz, der wie ein roter Faden von Generation zu Generation weitergesponnen wurde, wie sie es nennt, verstehen. Denn der ist es, der auf ihr lastet, ohne dass sie das damals so weiß. Auch als Kind aufgestaute Schuldgefühle und der sexuelle Missbrauch sind tief ins Unbewusste gefallen und erzeugen von dort aus stetigem inneren Druck. Mit 14 entdeckt sie, dass Alkohol ihr Wunderheiler ist, er macht sie leicht, frei, schafft ihr eine sorglose eigene Welt. Der heimliche und später auch öffentliche Rausch wird fortan ihr Begleiter.

Später dann, aufgewachsen in einem hessischen Dorf, ihre Eltern waren Gastarbeiter in Deutschland, begann sie nach dem Abitur ein Literaturstudium, wurde aber für den Film entdeckt. Ihr Traum war das nicht und wurde es nie. Die ehemalige „Nachtschwester“ und „Tatort“-Kollegin war erfolgreich, aber was sie am meisten im Job hielt, war, dass sie ungestört und allein in den Drehorthotels trinken konnte. Saufen. Es musste immer enden im Rausch. Manchmal im Blackout. Das körperliche und seelische Elend, das dies mit sich brachte, kennen Betroffene sehr genau. Auch Peinlichkeiten aller Art (bei ihr zum Beispiel: Sie musste bei reichlich Wein so oft zur Toilette, dass sie sich manches Mal einpullerte und ihre Höschen einfach auszog und liegenließ. Oder: Ein hochedles Date-Essen endete mit Verschmutzung des teuren Bades des Gastgebers – hier übrigens lallt sie, dass sie Tinkerbelle sei, eine Trickfilmfee, der Herr missversteht das und lacht: Ja, Trinkerbelle, das passt zu dir).

Mimi erzählt von Partnerschaften, die zerbrechen, von der Geburt ihrer Tochter, bei der sie selbst fast gestorben wäre, ihrer außerkörperlichen Erfahrung dabei, vom Kampf, ihre Tochter bei sich behalten zu dürfen, von Armut, denn sie muss wieder zu ihren Eltern in ihr Kinderzimmer ziehen, davon, wie die Kleine ihre Mutter auf dem Küchenboden auffand und weinend die Nachbarn um Hilfe ruft … Und von ihren Kämpfen ums Aufhören – acht Jahre hat sie gebraucht. Eine Therapie half, die AA-Gruppenbesuche, aber nichts davon auf Dauer. Auf einer panikattackenreichen Reise aber geschieht dann mitten in New York das Wunder, an das sie nie aufgehört hatte zu glauben: IHR Klick. Sie hört IHRE höhere Macht: „Leg Deine Waffen nieder. Du brauchst sie nicht mehr. Es ist vorbei.“ Seitdem ist sie abstinent …

Das war jetzt nur ein winziger Einblick in ein für mich großartiges Buch. Und wenn so manch skeptische Kritiker behaupten, dass Mimi Fiedler damit nur wie andere buchschreibende Prominente ihren weiteren Weg pushen will, glaube ich das nicht. Sie hat es nicht nötig, denn ihren Schauspiel-Beruf hat sie aufgegeben. Und schon gar nicht nötig hat sie es, derart tief in ihr Innerstes blicken zu lassen. Ich gehe davon aus, dass es genau so gemeint ist, wie sie am Ende schreibt: „Ich wünsche Dir, dass auch du dich niemals aufgibst, und hoffe, du konntest in und zwischen meinen Zeilen etwas für dich finden. Einen Ansatz, einen Anstoß, eine Erkenntnis vielleicht …“

Ja! Danke, Mimi.

Anja Wilhelm

Mimi: TRINKERBELLE, Mein Leben im Rausch, Verlag Knaur, TB, 256 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-426-79148-6


… und Sie schaffen das auch!

Autor Klaus-Ulrich Schuldt berichtet in seinem schmalen Büchlein „So habe ich den Alkohol besiegt“ nicht nur von sich selbst und seinem Weg und seinen Erfahrungen. Das ganz Besondere an seinen Zeilen ist, und es hat mich wirklich begeistert: Er nimmt den betroffenen Lesenden mitfühlend und wohlwollend an die Hand. Es ist wortwörtlich ein Handbuch. Und zwar für diejenigen Menschen, die ihren Alkoholmissbrauch einsehen und trocken leben wollen, aber noch ganz, ganz am Anfang stehen. Dort, wo man noch nicht weiß, ob und wie das gehen soll, sich verzweifelt müht, weniger zu trinken oder gar nicht mehr.

Man braucht auf jeden Fall Zettel und Stift für die Lektüre. Klaus-Ulrich beginnt mit einer Negativ-Positiv-Liste, mit einer Bestandsaufnahme: „Schildern Sie in drei bis vier Sätzen Ihren jetzigen Zustand. Es macht nichts, wenn die Hand zittert. Wenn es nicht schön aussieht, … zerreißen sie es nicht. Haben Sie es geschrieben?“ Und so ähnlich führt er den Lesenden weiter. Es geht um grundehrlich zu beantwortende Fragen wie: Heimliches Trinken? Wie reagieren Sie bei Anspielungen auf Ihren Alkoholkonsum? Filmrisse?

Und immer, immer wieder spricht er den Lesenden auch direkt an.

Das Büchlein ermutigt zum Entschluss, aufzuhören. Zehn Schritte geben Betroffenen handfeste Wegesstruktur. Der Haupt-Rat am Ende ist: Suchtberatung (möglichst mit einem Partner oder Freund), Therapie, Gruppe.

Leider ist das Büchlein im Selbstverlag: „So habe ich den Alkohol besiegt – und Sie schaffen das auch!“ vorerst vergriffen, aber der Autor bietet es auch als Online-Version an: https://goo.gl/b1zZsQ.

Anja Wilhelm


Kostenfaktor Mann: Bezahlen tun wir alle
Durch eine Empfehlung wurde der Rezensent auf den schon 2022 erschienenen Titel aufmerksam. Der Autor,
Boris von Heesen, studierter Wirtschaftswissenschaftler und heute Vorstand eines Jugendhilfeträgers, beschreibt die ökonomischen Folgen einer männlich geprägten Umwelt.
Um die Vergleichbarkeit der beschriebenen vielschichtigen Probleme darzustellen, behilft sich der Autor mit
der Anwendung eines in der Ökonomie gängigen Verfahrens, er nimmt als universelle Maßeinheit zur Beschreibung der Umstände Geld, also Euro und Cent, so kann er Kapitel für Kapitel, Problem für Problem
die Kosten des männlichen Verhaltens oder Unterlassens quantifizieren.

Die Datenbasis liefern ihm frei zugängliche Quellen wie Statistiken von Destatis, Versicherungen und anderen, auch veröffentlichte Berechnungen anderer Wissenschaftler sind Teil seiner Berechnungen.
Dies wird in den umfangreichen 370 Fußnoten am Ende des 300-Seiten-Werkes dokumentiert, dem zusätzlich ein Register vorangestellt ist.
Im ersten Teil befasst sich von Heesen mit den messbaren Kosten. Er führt die Kosten für Gefängnisaufenthalte (93,9 Prozent der Gefangenen sind Männer, durchschnittliche Kosten: 130,- € pro Hafttag, insgesamt 3 Mrd. Euro beträgt der männliche Anteil) detailliert auf, angereichert mit weiteren Zahlen und inhaltlichen Erklärungen. Weitere messbare Kosten sind für ihn unter anderem Gewalt gegen Frauen, Sucht und Kriminalität. Wobei die Sucht mit 43,7 Mrd. Euro Kosten bei einer vom Autor berechneten Gesamtschadenssumme von 63,5 Mrd. Euro den größten Posten ausmacht. Die Zahlen sind zu hinterfragen, da er z.B. beim Glücksspiel von ca. 400.000 pathologisch oder problematisch spielenden Menschen ausgeht. Wie hier auf Seite 22 dargestellt, soll es aber 1,4 Millionen Menschen mit pathologischem und weitere drei Millionen mit riskantem Spielverhalten geben.
Im zweiten Teil geht es um die nicht messbaren Kosten, dargestellt werden verschiedene Faktoren wie geringere Lebenserwartung, Suizide (75,7% der Selbstmorde werden von Männern begangen), Rechtsradikalismus usw., deren Auswahl und Gewichtung nicht transparent sind, eher als Illustration „toxischen männlichen Verhaltens“ im „Patriarchat“ dienen.
In Teil 3 wird der Weg aus der Krise gesucht. Die Lösungsmöglichkeiten für die in Teil 1 dargestellten und quantifizierten Probleme klingen nicht realisierbar und berücksichtigen nicht den langfristig kulturell prägenden Einfluss der Wertesysteme, in denen die Menschen aufwachsen.
Die Vorschläge, z.B. bessere Bildung, die Überwindung von Stereotypen, mediales Bild vom „Mann“ usw. versäumen es, einen globalen Blickwinkel einzunehmen und fokussieren auf deutsche Befindlichkeiten, die schon in Europa anders gelagert sein können.
Dieses flüssig geschriebene teils Sachbuch, teils politische Statement kann auf jeden Fall die Diskussion bei der Frage, wie wir künftig leben wollen, bereichern. Ich sehe es als einen weiteren Ansatz, unsere Gesellschaft und die Notwendigkeit zu deren Weiterentwicklung besser zu erklären.
Torsten Hübler

von Heesen, Boris: Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats, 304 S., Softcover, Heyne, ISBN
978-3-453-60624-1, 18,- Euro


Ein Kompass für Ihren Seelenfrieden?

Am besten ist bei mir nach der Lektüre hängengeblieben, was für mich als suchtkranken Menschen aber überhaupt nicht in Frage kommen kann: Auf einen Trip zu gehen, mit einem Begleiter und mit MDMA (Ecstasy), LSD oder Pilzen (Psilocybin) … und zwar gegen meine Angststörung. Es ist sooo verlockend, wie der Autor seine eigenen Erfahrungen vom Auflösen des konditionierten Verstandes, damit auch der Angst, und langwirkenden Veränderungen des Bewusstseins spricht. Und er erläutert die neuesten Studien dazu …

Wie in seinem Ernährungskompass-Bestseller hat er auch für dieses Buch unzählige Recherchen geführt, neueste Studien wirklich aus aller Welt eingebunden, die wahrscheinlich keinem von uns je über den Weg gelaufen wären: ein toller Service für Lesende. Und er hat alles tatsächlich selbst auch für sich ausprobiert! Kurzum: Es geht darum, wie wir unsere Psyche, unsere Seele stärken können. Gerade in der heutigen Zeit, in der psychische Erkrankungen stark zunehmen, vor allem Depression und Angsterkrankungen.

Auf die Idee brachte ihn eine Lebenssituation, in der jeder andere sagen würde: Ey, freu dich doch einfach, dir geht es super, du bist Bestseller-Millionär, das war doch immer dein Traum! Aber Bas Kast schreibt: „Inmitten des äußerlichen Erfolges fühlte ich mich zunehmend niedergeschlagen … war doch nicht glücklich, sondern fühlte mich leer.“ Dieses Rätsel wollte er nun ergründen.

Und das hat er geschafft, auch für sich selbst. Er bietet dem Lesenden nun eine Fülle von „Werkzeugen“ an, seelische Tiefs zu überwinden oder ihnen vorzubeugen. Er suchte dabei auch bei asiatischen Weisheitslehrern, den griechischen Stoikern wie Seneca und natürlich in der heutigen Wissenschaft. Er beschreibt mit genauesten Erklärungen, was in einzelnen Gehirn-Arealen vor sich geht (sogar mit Abbildungen), weshalb also genau dies oder jenes seine Wirkungen zeigt:

Zum Beispiel geht es um Ernährung für die Seele, was Bewegung im Gehirn bewirkt, um Aufenthalte in der Natur (Waldbaden u.a.), Musik, soziale Bindung, Achtsamkeit, Meditieren, Atmen und so weiter. Klingt wie „alles schon mal gehört“, oder? Nun, aber vielleicht nicht so, denn das, was mich am Buch besonders fasziniert, ist immer die wissenschaftliche Erläuterung dahinter. WARUM es funktioniert …

Interessant eben auch das lange Kapitel zu den neuesten Erforschungen und klinischen Studien zu Psychedelika (halluzinogen wirksame psychotrope Substanzen, erklärt Wikipedia dazu), wie oben schon beschrieben. Natürlich beschreibt er auch die Risiken und Nebenwirkungen. Nur sollten wir als abhängigkeitserkrankte Menschen vorsichtshalber sowieso die Finger davon lassen.

Auf jeden Fall kann dieser flüssig und frisch geschriebene Ratgeber ein Gewinn für Sie sein, glaube ich. Ich habe mir auch einige Dinge für mich entnehmen können, die ich jetzt tatsächlich praktiziere.

Ich gehe nämlich jetzt zum Beispiel Waldbaden, tschüssi 😊.

Anja Wilhelm

BAS KAST: Kompass für die Seele, Hardcover, 256 Seiten, Bertelsmann Verlag, ISBN: 978-3-570-10461-3, 24 Euro


„Der gelbe Elefant“ von Heinz Strunk – 30 Miniaturen

Heinz Strunk geht steil

Der Sommer ist da, der neue Strunk erscheint. Dieses Mal bietet der 61-Jährige den Lesenden nicht einen Roman, sondern ein Potpourri aus 30 sehr kurzen und etwas längeren Texten an.

Wie in seinem vorhergehenden Roman „Ein Sommer in Niendorf“ beobachtet der Autor seine Mitmenschen scharf und berichtet darüber mit einem Sprachwitz, der das Markenzeichen seines literarischen Wirkens ist. Es geht bei ihm um Menschen wie Dich und mich. Da wird die Schilderung eines 90. Geburtstages oder ein Besuch „beim Griechen“ mit einem befreundeten Paar mit spitzer Feder seziert, bis nur noch Jammer bleibt, der aber mit einer kräftigen Prise untergründigem Humor gewürzt ist. Eine Fahrt von Düsseldorf über Mettmann nach Bochum erweist sich als überraschendes Abenteuer. Eine Dystopie über unser aller Zukunft halten die vier Seiten „Frivillig över klippan“ bereit. „Nachrichten von Carola“ zeichnen anhand eines SMS-Monologs den alkoholischen Verfall einer jungen Frau nach, recht humorlos. Der auch als Humorist und Titanic-Autor bekannte Strunk legt in diesem Buch seinen Schwerpunkt auf Verfall, Alter und Tod, denen er durchaus für die Leserin und den Leser etwas Komisches abgewinnen kann. „Der Goldene Handschuh“, ein Roman über einen Hamburger Frauenmörder, lässt grüßen. Bemerkenswert ist auch, wie er in den meisten Geschichten die wichtige Rolle des Alkohols in einer meist bürgerlichen Umgebung darstellt, und das nicht unbedingt im Positiven.

Die gut 200 Seiten sollte man nicht flüssig durchlesen, da die berührten Fragestellungen sich auch an die Lesenden richten. Die schwarzhumorige Wortakrobatik Strunks dämpft dann aber die Betroffenheit sehr.

Torsten Hübler

HEINZ STRUNK, Der gelbe Elefant, 208 Seiten, geb., Rowohlt, Hamburg, ISBN 978-3-498-00350-0, 22,00 Euro


„Rausch. Was wir über Drogen wissen müssen und wie ihr Konsum sicherer werden kann“,

Lesen, bis der Notarzt kommt

Der Rostocker Notfallmediziner, Anästhesist und ärztlicher Leiter des Fusion Festivals mit 80.000 Besuchern gibt sein Wissen als Experte für den Freizeitdrogenkonsum an Interessierte weiter.

Das Hauptanliegen des Autors ist die Neujustierung des deutschen Rauschmittelwesens. Dazu holt er weit aus und stellt die Fakten dar.

Begonnen wird mit der detailliert recherchierten Geschichte des Rauschmittels, er beginnt mit der vergorenen Frucht, die Tiere verzehren, erzählt von Hanffaserfunden, uralten Rauschpilzen, Opium der Phönizier, um dann zum Bierbrauen im alten Ägypten zu gelangen, auch der Weinanbau kommt nicht zu kurz. Rücker geht dann über das alkoholisch berauschte Mittelalter zum Zeitalter der Entdeckung der Welt, damit kam auch der internationale Drogenhandel in Schwung, Koka aus Amerika, Opium aus Asien, Tabak, Kaffee usw. Die industrielle Revolution revolutionierte auch die Alkoholherstellung und die Erschaffung neuer Drogen wie Heroin.

Weiter geht es mit dem medizinischen und chemischen Teil des Rausches. Es werden der Aufbau des Hirns erklärt und die Funktion der verschiedenen Teile. Die Chemie der einzelnen Substanzen und ihre Wirkung auf Nerven und Hirn. Angereichert ist das Ganze mit aussagekräftigen Grafiken.

Dem Alkohol, dem gefährlichsten Rauschmittel, ist ein umfangreiches eigenes Kapitel gewidmet, Kosten und Kriminalität werden ebenso thematisiert wie die Untersuchungen von David Nutt. Wenn man sich schon knapp 190 Seiten mit Rauschmitteln befasst hat, dann ist die logische Folge die Sucht, die im vorletzten Kapitel behandelt wird.

Im letzten Kapitel kommt der Verfasser zu seinem Anliegen, die überragende Gefährlichkeit von Alkohol im Vergleich mit anderen Rauschmitteln wie z.B, Cannabis herauszustellen. Als Konsequenz aus den vorausgehenden Ausführungen kristallisiert er einen Zehn-Punkte-Aktionsplan zur Verbesserung des Umgangs mit Alkohol. Es sind die auch in der TrokkenPresse und von anderen lange geforderten, leicht umzusetzenden und preiswerten Korrekturen: Null Promille im Straßenverkehr, Einschränkung der Verfügbarkeit, Preiserhöhung, Erhöhung des Abgabealters auf 18 Jahre usw. Neu und interessant ist die Forderung nach einer Angabe der Grammzahl von Alkohol auf jeder Flasche, damit man seinen individuellen Promillewert leichter berechnen kann. Die Forderung der Besetzung des Amtes der Drogenbeauftragten mit einer Fachkraft wird wohl dem Amt nicht gerecht, das ganz bewusst ein politisches Amt ist. Die Hauptforderung und der Kern der Abhandlung ist die Forderung zur Freigabe weiterer Drogen, insbesondere Cannabis.

Der vorliegende Titel gibt dem Laien einen sehr guten Überblick über Rauschmittel, deren medizinische und chemische Wirkung und Gefahren. Viele Informationen lassen sich auch dank des Sachregisters schnell finden, über 100 Endnoten laden zum Weiterrecherchieren ein. Sechs Seiten Anleitung zur Ersten Hilfe bei Rauschgift-Notfällen können hilfreich sein. Die solitäre Stellung des Alkohols im Rausch- und Suchtsystem wird sehr anschaulich herausgearbeitet.

Was das Anliegen des Autors angeht, ist der Titel des erfahrenen Mediziners eher kontraproduktiv, denn er geht von der Prämisse aus, dass Rausch für den Menschen notwendig ist. Hier schreibt ein Theoretiker ÜBER Sucht und Suchtmittel, wie es die medizinische und andere Literatur eben schildern, ein Drittel seiner Literaturhinweise sind Titel aus einem Verlag, der sich mit „Rauschkultur“ befasst. Ein von der Sucht betroffener Mensch wird seiner Prämisse evidenzbasiert widersprechen, denn jeder Rausch schadet dem Hirn. Das Eintreten für die Legalisierung von Cannabis und LSD fügt dem Kanon der sich heute schon legal in Umlauf befindlichen Rauschmittel, flüssig oder in Pillenform, weitere Gehirnlöscher hinzu. Ziel muss es sein, den Rausch zu entmythologisieren und die beiden Begriffe Genuss und Kultur vom Rausch zu entkoppeln. Wenn man dies im Hinterkopf hat, kann das Lesen dieser Abhandlung ein Gewinn sein.

Torsten Hübler

Dr. Gernot Rücker, Rausch, Was wir über Drogen wissen müssen und wie ihr Konsum sicherer werden kann, 272 Seiten, geb., Mosaik, München, ISBN 978-3-442-39404-3, 22,00 Euro


Zurück auf Los – zurück ins Leben

Und wieder ein Büchlein, das eigene Erfahrungen schildert und ermutigt: zum Trockenwerden, zum Trockenbleiben. Wie andere vorher auch, kann es unschätzbar wertvoll werden für jeden, der sich auf den Weg macht in die Abstinenz, denn solche Bücher können buchstäblich Leben retten und erhalten …

Autorin Monika Gerhards hatte fünf Jahre „Rumgehampel“, so nennt sie es, hinter sich: Sechs Entgiftungen, eine abgebrochene ambulante Therapie, zwei Jahre Kreuzbundgruppe, als sie in die Langzeittherapie in einer Klinik startet. Nach den für sie harten und lehrreichen Monaten unter der Käseglocke aber hat sie Angst vor dem Leben draußen. Sie will endlich für immer trocken bleiben, aber wie soll das denn gehen, zuhause im alten Leben? Davon handelt ihr erstes Kapitel.

Der Hauptteil dann besteht aus ihren damaligen Tagebucheinträgen zur Zeit der Nachsorgegruppe. Damit lässt sie uns lebendig teilhaben an ihren Ängsten und Sorgen, an Einsamkeitsgefühlen, an schweren Situationen wie der Krankheit ihres Vaters, die lebensbedrohliche Erkrankung einer der beiden Töchter, dem fast herzzerbrechenden Auszug der anderen, ihrer vorerst erfolglosen Suche nach einem Job, an Krisen in der Kreuzbundgruppe und so weiter. Authentisch, in damaliger Echtzeit für sich selbst niedergeschrieben. Viele, viele Situationen bringen sie in Rückfallgefahr – doch sie meistert alle trocken. Wie nur? „Ich lernte immer besser, mit schwierigen Situationen ohne Alkohol auszukommen. Ich konnte zum Telefonhörer greifen und um Hilfe schreien. Ich fuhr nicht zur Tanke. Ich schaltete den Kopf ein und bedachte die Konsequenzen. Entwickelte Strategien und Techniken, die mich trocken hielten …“ Und der Lesende erfährt hautnah und tagesgenau, welche das waren und sind.

Aber lesen Sie selbst, begleiten Sie Monika durch all die Fallen, die im normalen Alltag nach der Rückkehr für einen Betroffenen lauern können – und erkennen und meistern Sie gemeinsam mit ihr auf diese Weise vielleicht auch Ihre eigenen.

Und das ist es auch, was Monika möchte: Sie, ja, genau Sie unterstützen auf Ihrem abstinenten Weg.

Anja Wilhelm

Zurück auf Los – zurück ins Leben, Meine Integration nach der stationären Suchttherapie, MONIKA GERHARDS, TB, Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-932-6, 11 Euro


Mo ist FAS(D) perfekt!

 Wenn dieses Büchlein in den Frauenarzt-Praxen liegen würde für alle werdenden Mütter … wären vielleicht so einige Kinder wie Mo, die Titelfigur des bunten Bilderbuches, völlig gesund geboren worden. Und nicht mit dem Fetalen Alkoholsyndrom bzw. der Fetalen Alkoholspektrumsstörung, (FAS), mit der jedes Jahr in Deutschland mehr als 2000 Kinder auf die Welt kommen müssen. Und warum? Weil in der Schwangerschaft Alkohol getrunken wurde. Oft auch aus Unwissenheit. Erst seit den letzten Forschungen weiß man, dass sogar auch ein gelegentliches Glas Rotwein solche Schäden anrichten kann.

Was das Gift Alkohol vor allem im Gehirn eines Ungeborenen zerstört – aber auch z.B. am Skelett, am Äußeren, an inneren Organen – beschreibt das Buch im zweiten Teil, in dem für die Erwachsenen, genauer. Denn es richtet sich nicht nur an betroffene Kinder wie Mo, sondern auch an Eltern, Lehrer, Erzieher und Pflegekräfte. Anschaulich wird auf den letzten Seiten nicht nur die Geschichte der Forschung zu FASD erklärt, sondern vor allem auch, wie und warum FASD-Kinder so anders sind, um sie besser zu verstehen: Sie vergessen oft sehr schnell, von jetzt auf gleich – auch Regeln. Was oft als ungezogen und aufsässig verurteilt wird. Sie lernen schwer, und gelten deshalb oft als faul. Sie sitzen nicht gern still, sind arglos und naiv, können Folgen ihres Handelns nicht voraussehen und Gefahren nicht abschätzen, deshalb kennen sie kaum Furcht. Sie sind anders – und anders als pädagogische Erziehung benötigen sie vor allem Verständnis und sehr, sehr viel Geduld. Die Autoren appellieren an alle Betreuenden und das Umfeld, das Selbstwertgefühl dieser Kinder zu stärken und sie vor allem zu behüten, statt ihnen mit ständigen Vorhaltungen und Kritik oder gar Strafen zu begegnen. Und sie geben Alltagstipps dazu.

Der kleine Mo erzählt im ersten Teil zu schön gemalten Bildern seine Geschichte, wie es ihm oft schlecht ergeht in der Schule, wie er ungewollt Menschen ärgerlich macht, warum ihm neulich ein Zelt abgebrannt ist usw. – aber auch, wie ihn seine Pflegeeltern trotzdem sehr liebhaben und wie sehr er die Gesellschaft von Kindern, die so sind wie er, genießt. Und dass jeder von ihnen eben etwas anderes besonders gut kann. Mo z.B. ist der beste Baumkletterer weit und breit. Sein Fazit: „Ich wünsche allen FAS(D)-Kindern und mir, dass man uns versteht, hilft, beschützt und genauso liebhat, wie wir eben sind! Wir alle sind FAS/D) perfekt.“

Ich jedenfalls habe einen ganz besonderen Einblick bekommen: Menschenkinder, die etwas anders „ticken“, als das Umfeld es gerne hätte oder für normal hält, wollen damit nicht andere böse ärgern, auch wenn es so aussieht – sie sind eben einfach anders. Ich verstehe plötzlich besser, nicht nur FASD-Kinder. Jeder ist anders.

Also, wie schon gesagt, es wäre wundervoll, wenn das Büchlein in jede Frauenarztpraxis käme …

Anja Wilhelm

FAS(D) perfekt, REINHOLD FELDMANN/ANKE NOPPENBERGER, Ernst Reinhardt Verlag München, 2. Auflage, ISBN 978-3-497-02873-3, 24,90 Euro


Die Freiheit einer Frau

Édouard Louis, 1991 geboren, erzählt bereits in seinem 2015 erschienen autobiographischen Debütroman „Das Ende von Eddy“ von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf. Und auch in den nachfolgenden Erzählungen kehrt er in seine Vergangenheit zurück, die geprägt war von Gewalt, Armut, Erniedrigung, von Co-Abhängigkeit, psychischen Verletzungen, Verlassen-Werden, Ausgrenzung als Homosexueller. Louis Bücher sind Lebensberichte als auch politische Manifeste.

Das Schicksal der Mutter in „Die Freiheit einer Frau“ (2021) beschreibt er in fast zärtlichem Ton und versucht zugleich, eine Erklärung dafür zu finden, warum seine Mutter so viel vom Leben wollte, aber kaum etwas bekam …

Die Mutter hatte sich gerade von ihrem ersten Mann getrennt, einem Alkoholiker, der durch zwei Schwangerschaften versuchte, die Frau an sich zu ketten. Sklavisch zu allem Haushalt verurteilt, träumte sie von einer Ausbildung zur Köchin, idealerweise auf einer Hotelfachschule. Doch aus dem Traum wird nichts. Denn da ist der zweite Mann, auch ein Alkoholiker und ebenso darauf bedacht, sie nicht arbeiten gehen zu lassen, auf das sie zu Hause voll funktioniere und ihm gnadenlos diene. Für ihn war die Ehefrau nur „eine dumme Kuh“, ein „fettes Stück“. Hatten ihrem Ehemann die harte körperliche Arbeit und das unzureichende Sozialsystem „die Luft genommen“, so ist es nun er, der die Gewalt eine soziale Hierarchiestufe weiter nach unten reicht. Drei weitere Kinder werden geboren, unter ihnen auch der Erzähler.

Édouard entkommt diesen Verhältnissen, studiert Soziologie und wird ein erfolgreicher Schriftsteller. Und die Mutter inzwischen? Sie unternimmt einen zweiten Ausbruchsversuch: Sie packt die Sachen ihres Mannes in Müllsäcke, schmeißt sie vor die Haustür, schließt ab, und als der nach Hause kommt und gewaltig gegen die Wände schlägt, bleibt sie standhaft. „Er hat geweint, aber ich hab zu mir gesagt, Du gibst nicht nach. Du gibst nicht nach. Schluss mit dem Nachgeben.“ Und der Sohn ermutigt seine Mutter.

Louis wendet sich mal direkt an die Mutter, im nächsten Moment nimmt er ihre Perspektive ein, dann wieder schreibt er über sie in der dritten Person. Er entschuldigt sich bei ihr dafür, dass er sich ihrer schämte, dass er sich – als Gymnasiast – für etwas Besseres hielt und dafür, dass er sie aufgegeben hatte.

„Das Hin und Her zum und vom Lebensmittelladen des Dorfs, die Zubereitung der Mahlzeiten, dass ihre Kinder ihr eigenes Leben nachlebten, die Ödnis des Landlebens, die Gemeinheiten meines Vaters ihr gegenüber. Sie war erst um die vierzig, aber es sollte nichts Neues mehr kommen. Und genau in dem Moment, als ich innerlich diesen Gedanken formulierte, änderte sich alles.“

Die Mutter verlässt ihren zweiten Mann. Sie verdient ihr eigenes Geld, indem sie alten Leuten beim Putzen, Waschen und Anziehen hilft. „Ich bin keine Putzfrau, aufgepasst, ich bin Haushaltshilfe, das ist fast so gut wie Krankenschwester. (…) Da siehst du mal, wie gut ich zurechtkomme (…).“ Und der Autor kommentiert: „Es rührte mich, dich glücklich zu sehen.“ Die Selbstbefreiung der Mutter verändert auch seinen Blick auf die Kindheit.

Mich hat die emphatische Zärtlichkeit der Sprache, die der Autor seiner Klasse, denen, die ihn auch unterdrückt haben, in eindrücklichen Bildern entgegenbringt, sehr berührt. Es ist die treffsichere Wortauswahl, die das Geschehen so nachfühlbar macht. Es ist die Offenherzigkeit, mit der der Autor seine „Ratlosigkeit“ formuliert. Doch die Zeilen, mit denen sich Louis im Buch direkt an seine Mutter wendet, gehören zu den anrührendsten. Die gewachsene Freundschaft zu ihr hat für ihn, der ohne Fürsorge aufwuchs, einen existenziellen Wert. Dies ist es, was das kleine Bändchen zu einer großartigen Erzählung wachsen ließ.

Mit einer gnadenlos beschriebenen unschönen Realität eröffnet der Autor einen Blick in eine Welt, vor der immer noch viel zu viele Menschen lieber die Augen verschließen möchten. Schreiben ist Louis Kampf gegen soziale Gewalt.

Édouard Louis setzt sich mit der Literatengilde ebenso auseinander: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals einem politischen Manifest ähneln, aber schon schärfe ich jeden Satz, als wäre er eine Messerklinge. Denn jetzt weiß ich es, sie haben das, was sie Literatur nennen, gegen solche Leben und solche Körper wie den ihren, wie den meiner Mutter konstruiert. Denn jetzt weiß ich es, künftig über sie und über ihr Leben zu schreiben, das heißt, gegen die Literatur anzuschreiben.“

Mit diesem kleinen, stillen Buch tritt eine Frau aus der Unsichtbarkeit …

Hans-Jürgen Schwebke

ÉDOUARD LOUIS: Die Freiheit einer Frau, S. Fischer Verlage, Frankfurt/M. 2021, 96 S., 17,- €, ISBN: 978-3-10-000064-4


Immer noch kein Roman

Ahnes Autobiographie: Wie ich einmal lebte

Nach den vier Bänden „Zwiegespräche mit Gott“ und dem Titel „Wieder kein Roman“ und sieben weiteren Büchern legt hier der Berliner Surfpoet und Schriftsteller Ahne nun einen Versuch über die Beschreibung seines Lebens vor.

Es geht dieses Mal weniger um Gott als um Ahnes Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden in Ostberlin, als es das noch gab, in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Kindheit, Familie, zehn Jahre Wladimir-Lomonossow-Schule in Karlshorst, Druckerlehre beim Neuen Deutschland, Armeezeit, Arbeit und ein bisschen Subkultur sind die Themen, die der Leserin, dem Leser ein Panorama der ostdeutschen Realität und Befindlichkeiten liefern. Persönlich geht es um sein Hirngespinst eines von ihm entdeckten eigenen Kontinents, später auch um seine erste Liebe. Ahne stellt sein Leben als Mitläufer, weder Widerstandskämpfer noch Unterstützer des Systems, dar. Es passiert nichts Aufregendes in diesem Buch, ein graues Ostberlin in einer grauen DDR und darin die graue Maus Ahne, so war scheinbar die DDR.

Wer sich für das „normale“ Leben der Menschen in der DDR interessiert, der findet hier einen Zeitzeugen für die letzte Hälfte des Bestehens der Deutschen Demokratischen Republik. Die Lebensbeschreibung endet im Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Mauer

Torsten Hübler

AHNE, Wie ich einmal lebte, 270S., 1. Aufl., Festeinband, Verlag Voland & Quist, Berlin, ISBN 978-3-86391-380-9, 26,00 EUR


In guten wie in schlechten Zeiten?

Eben dieses Ehe-Versprechen ist es, nur zum Beispiel, weswegen Laura (zu) vieles über lange Zeit erträgt: Die Schläge ihres alkoholkranken Mannes, die oft blutig enden. Gebrüll, Beleidigungen. Ihre zwei Kinder müssen alles mit ansehen und auch sie erleben Gewalt.  Laura wird krank, leidet an Depressionen, die Kinder wissen nicht mehr, was Lachen und Spielfreude sind. Die drei leben in Angst …

Warum, warum nur lässt Laura das zu, möchte man als Leserin wissen? Weshalb geht sie nicht? Trennt sich nicht?

Ihr einst so liebevoller Ehemann Holger, sie glaubt, ihn trotz allem zu lieben, tut ihr immer wieder leid. Er würde doch ohne sie noch tiefer fallen? Und ohne Alkohol war er doch ihr lieber Mensch wie früher? Er brauchte doch ihre Hilfe? Sie schämt sich für ihren Mann, für die zerrüttete Ehe und redet nur mit ihrer Mutter und ihrem Chef darüber, beide haben ihre Erfahrungen nämlich einst auch gemacht. Schließlich bringt sie ihn dazu, zu entgiften, sogar bis zu einer 12-Wochentherapie. Danach aber reiht sich ein Rückfall an den nächsten, dazwischen liegen gute Zeiten, die ihr immer wieder Hoffnung geben.

Nach einem besonders grässlichen Vorfall, er wirft den kleinen Sohn zu Boden, der seine Mutter beschützen will, fasst Laura den Entschluss und beantragt die Scheidung.

Wie es für beide weitergeht? Das können Sie vielleicht selbst lesen …

Dieser dritte Band von Steffen Krumm beleuchtet diesmal nicht seine eigenen realen Erlebnisse und Erfahrungen als schwer Alkoholkranker. Sie fließen aber mit ein, wenn er Holgers süchtiges Verhalten beschreibt. Vielmehr hat der Autor zur Recherche mit vielen co-abhängigen Menschen gesprochen. Aus all dem entstand diese Erzählung, die eher ein bisschen an eine fiktive Dokumentation erinnert, vom Schreibstil her.

Die Antwort auf die Eingangsfrage, warum Laura so lange bei ihrem suchtkranken Mann blieb, erschließt sich dem Lesenden im Laufe des Buches. Am Ende erklärt der Autor noch ein bisschen mehr zur Co-Abhängigkeit. Und appelliert an die Verantwortlichen in diesem Land und auch an uns, gezielter darüber aufzuklären und die betroffenen Menschen nicht allein zu lassen.

Lieber Steffen, danke dafür, dass du den oft einsam über viele Jahre hinweg leidenden Frauen (und auch Männern) und Kindern eine „Bühne“ gebaut hast mit Deinem Buch. Da kann und sollte man dann über die oft deplatzierte Zeichensetzung mal hinwegschauen, sie wird ziemlich unwichtig (lächel).

Anja Wilhelm

STEFFEN KRUMM, Sucht ist stärker als Liebe, New Dreams Verlag, Independently published, TB, 158 Seiten, 8,90 Euro


Markus, glaubst Du an den lieben Gott?

Wenn ein Komödiant ein Buch schreibt, was erwarten Sie da, liebe LeserInnen? Ganz was Lustiges, oder nicht? Auf jeder Seite viel zum Lachen?

Aber Markus Majowski ist auch nur ein Mensch – ein Comedy-Star auf Bühne und im TV hat auch noch ein Leben hinter der Show. Ein „echtes“ Leben. Das fließt und floss mitnichten nur immer lustig und heiter dahin. Natürlich gibt’s auch viele, viele Anekdoten zum Grinsenmüssen, na klar beschreibt er auch Geschichten auf seine Weise, die die Mundwinkel unweigerlich nach oben ziehen. Ich habe jedenfalls sehr oft geschmunzelt im Verlauf der 200 Seiten. Schon am Anfang, als seine Frau Barbara in ihrem liebevollen Vorwort beschreibt: „Immer klappert oder scheppert etwas, wenn Markus in der Nähe ist …“ oder er fragt Dinge wie: „,Liebling, wo stehen bei uns die Gläser?‘, ,Was ist heute für ein Tag?‘, Wo bin ich?‘“. Ja, so ein bissel verschusselt ist er eben nicht nur auf Bühne und Bildschirm, sondern in echt. Verträumt. Mit den Gedanken ganz woanders. Und das ADHS tut seines noch dazu.

Außerdem ist er im echten Leben drogen- und alkoholkrank und bisexuell und sehr gläubig. Punkt. Dieses Buch, 2013 erschienen, ist sein damaliges Outcoming – und noch ganz vieles mehr …

Aufgewachsen als schon damals ein Wonneproppen, wie er schreibt, ist er in einer begüterten Westberliner Familie, der Vater war Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Markus fehlt es an nichts. Auch nicht an absoluter Liebe. Und Harmonie. Aber dennoch oder deshalb … er hat nicht gelernt, mit Widerstand und widrigen Umständen umzugehen. Das bringt ihn viele Jahre, Jahrzehnte immer wieder in Schwierigkeiten. Bis hin zum Drogen- Alkoholmissbrauch.

Sein beruflicher Werdegang beginnt eher noch nicht so verheißungsvoll. Auf kleinen Bühnen. Er lebt in WGs, schuftet in einer Restaurantküche nebenher. Dann als Komiker und Schauspieler erst einmal entdeckt, startet er voll durch. Tourneen, Filme, Werbung. Aber auch das oft nicht ohne kleine und größere Missgeschicke, ob im Job und im Alltag. Von Rückschlägen oder Schicksalsschlägen bleibt auch er nicht verschont.

Woran er sich im Laufe seines kunterbunten Lebens bis 2012 (er lernt z.B. auch tauchen, findet die Liebe seines Lebens auf einer Tauchreise, wird Vater, schreibt ein Kinderbuch, gründet eine Firma, sorgt sich um trauernde Kinder, stellt seine Ernährung um, nimmt ab, lernt Qigong und, und, und …) wieder erinnert: Er glaubt an Gott. Nur hatte er inzwischen „den Draht“ zu ihm verloren. Markus nimmt ihn wieder auf. Spricht mit ihm, betet täglich. Hört zu. Und übt, in Resonanz zu gehen mit dem, was Gott für ihn vorgesehen hat. Jedenfalls habe ich das so verstanden als Leserin.

Markus Majowski schrieb das Buch, als er bereits einige Jahre trocken war. Diese Rückschau half ihm auch, weiter trocken zu bleiben, sagt er.

Und er sagt noch so, so, so viel!

Wissen Sie was, liebe LeserInnen? Ich werfe jetzt das Handtuch. Und zwar Ihnen zu (keine Sorge, es duftet nach Weichspüler). Sie sollten einfach selbst lesen. Vom prallen Leben, vom Hinfallen und Aufstehen, von Trauer und Schmerz, von Liebe und Glück, erzählt in unverwechselbarem, oft wirklich komischen Majowskisch. Und am Ende haben Sie dann sehr oft mitgefühlt, vor allem mitgegrinst. Und dies auch, kennen Sie diesen Zustand, wenn man lächelt und gleichzeitig aber „Pipi in den Augen“ hat vor Rührung?

Und vielleicht sind Sie dann sogar, wie ich auch, ein Stückchen weiser geworden, mit Markus auf seinem ureigenen Lebensweg …

Übrigens: Sein zweites Buch, erschienen 2021, stellen wir Ihnen in der nächsten Ausgabe vor: MARKUS, MACH MAL!

Anja Wilhelm

 MARKUS MAJOWSKI, Markus, glaubst du an den lieben Gott? Verlag neukirchener aussaat, 2013, Geb., 200 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-7615-6035-8


Mein tödlicher Freund

Kein mahnend und lehrmeisterlich erhobener Zeigefinger, nirgendwo im Buch …

Auch darin unterscheidet sich dieses Erfahrungsbuch im Selbstverlag von einigen anderen Alkoholiker-Erfahrungsbüchern. Ja, es mahnt und erschüttert – und das teilweise bis ins Mark – aber einzig durch seine sachliche, undramatische Schilderung von hoch dramatischen Situationen und Fakten.

Was ich damit meine?

Steffen Krumm begann schon mit 15 seinen ersten „Selbstversuch“ mit einer kleinen Flasche Kirschlikör. Es war an einem Wochenende. Er wollte herausfinden, was seinen trinkenden Stiefvater oftmals aggressiv machte und andere Familienmitglieder wiederum ausgelassen … der Alkohol tat seine Wirkung. Vorerst positive. Und half auch gegen seine Ängste. Das kennen wir alle.

Mit 18 lernte er das erste Mal Entzugssymptome kennen. Mit 21 landete er zum ersten Mal auf einer Entgiftungsstation.
Unzählige weitere Entgiftungen folgten … Rückfälle, Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Obdachlosigkeit und dazu die Abhängigkeit von Benzos. Irgendwann aber machte es klick und er blieb neun Jahre trocken. Bis zu einem Rückfall, der ihn fast das Leben kostete. Der Rettungsdienst konnte ihn reanimieren.

Seit einer Therapie und betreutem Wohnen ist er nun wieder trocken, clean und begann ein ganz neues Leben. Sein neu gefundener Glauben half ihm dabei. Er hat eine Wohnung, einen Job, und sogar mit seiner Exfrau ist er wieder zusammen. Das Schreiben des Buches war für ihn Teil seiner Therapie.

Vieles Geschilderte ist für trockene LeserInnen nicht ganz neu. Aber ob jemand von Ihnen sooo weit unten war? Steffen Krumm schildert detailliert, wie eine Party über Tage und Nächte verlief. Nachdem sich ein paar Leute, gerade aus der Entgiftungsstation gekommen, sofort wieder zudröhnten bei ihm Zuhause, als er noch eins hatte (nach der Party nicht mehr). Wie sie die letzten Tropfen aus den Flaschen zusammenkratzten, um ihr Zittern zu bekämpfen, After Shave tranken und Schlimmeres, kein Geld mehr hatten, Klauen gingen in den Supermarkt, wenn überhaupt noch jemand laufen konnte. Was mit seinem Körper geschah. Mit einer Psyche. Wie er sich selbst verdammte. Wie er Alkohol trinken MUSSTE … und am liebsten sterben wollte.

Die glasklare Schilderung seines Delirs erschütterte mich am meisten.

Am Ende beschreibt er mit eigenen, gut verständlichen Worten für einen Laien, was Sucht ist. Und dass die rote Linie zwischen Missbrauch und Sucht oft nicht sichtbar ist für den einzelnen.

Ich empfehle dieses Büchlein unbedingt!

Der noch Trinkende wird es nicht lesen wollen, es wäre wie ein Blick in den Spiegel, in den er nicht schauen will. Aber für den Trockenen kann es Erinnerung und Mahnung sein, es wirkt wie eine Art Rückfallprävention. Für Freunde und Angehörige von Abhängigen ist es fast Pflichtlektüre, wenn sie unbedingt verstehen wollen, warum Sucht keine Willens- oder Charakterfrage ist, sondern eine Krankheit ist …

Diesem Buch folgen noch zwei weitere Teile. Die lese ich für Sie gerne bis zur nächsten Ausgabe der TrokkenPresse.

Anja Wilhelm

STEFFEN KRUMM, Mein tödlicher Freund, NewDreams Verlag Steffen Krumm, (steffenk67@gmail.com), 196 S., 8,90 Euro, ISBN: ‎ 978-1695600911


Rückschau eines 83-Jährigen

Ein anderes „Wirtschafts“wunder

Der 1939 geborene Autor blickt zurück auf ein erst unglückliches, dann alkoholgetränktes und später abstinent-glückliches Leben.

Josef Schutzmeyer beginnt mit dem Leben seiner Eltern. Von seinem Vater Heinrich erfährt man, dass er Polizist und Parteimitglied der NSDAP war. Von seiner Mutter Maria erfährt man, dass sie aus Braunau (heute Broumov in der Tschechischen Republik) stammt und chemisch-technische Assistentin war. Die Familienverhältnisse der Mutter werden ausgebreitet, die Großtanten Hermine, Johanna und Marie, die Onkel Franz und Karl. Der Kurort, in dem der Vater die Mutter kennenlernte, wird beschrieben. Der Umzug nach dem Krieg nach Westdeutschland, Niedersachsen. Hier wird die Kindheit von Josef erzählt, dass er in der Schule keine Leuchte war und sein Vater des Öfteren sagte, dass er lebensunfähig wäre und es ein böses Ende mit ihm nähme. Er schildert seine Zeit als Heranwachsender im dörflichen und familiären Umfeld, die Schule, die Lehre, die Tanzschule, den ersten Alkohol. Hier ist schon fast die Hälfte des Buches durchschritten.

Zur neu gegründeten Bundeswehr meldet sich Josef freiwillig. Hier ist Bier ein normales Getränk, gerne auch in größeren Mengen getrunken. Nach seiner Dienstzeit nimmt er den erlernten Beruf in der Schuhhandelsbranche wieder auf, wechselt aber mehrfach den Arbeitgeber, wird Filialleiter eines großen Schuhhauses. Anschließend wechselt er in den Außendienst für einen Schuhhersteller. Nun kommt er richtig ins Saufen, fünf Tage in der Woche, alleine im Hotel und ständig Kundenkontakte erleichtern den Alkoholkonsum. Eine Trunkenheitsfahrt mit dem Geschäftswagen und 2,2 Promille endet im Graben und hat ein einjähriges Fahrverbot zur Folge und damit ist auch der Arbeitsplatz im Außendienst im Strudel des Alkohols untergegangen.

So kam er ins väterliche Geschäft, als Teilhaber und billige und willige Arbeitskraft. Diese Episode endete mit einem Zerwürfnis mit dem Vater, nachdem er seinen Führerschein zurückerhalten hatte. Er ging wieder in den Außendienst für eine Schuhfabrik. Mittlerweile hat Josef mit seiner Frau Gudrun zwei Kinder.

In der Erinnerung von Josef wurde in dieser Zeit immer und überall Alkohol getrunken, außer beim Frühstück, auch Josefs Frau Gudrun trinkt gerne mit. Josef bemerkt aber bei sich Abhängigkeitssymptome, weiß aber damit nicht anders umzugehen als weiter zu saufen. Dann versucht er, mittels kaltem Entzug dem Alkohol zu entfliehen, mit grausigen Entzugserscheinungen, deren Überwindung, einmal überstanden, mit „nur einem Korn und einem Pils“ belohnt werden.

Der Protagonist arbeitet nun als Fachberater in der Flachdachbranche, da die deutsche Schuhindustrie zu ihrem Ende kommt, und trinkt weiter, die Familie, die Kunden, die Vorgesetzten sehen über seine zitternden Hände und seine sich über den Tag steigernde Fahne hinweg, solange er funktioniert. Für ihn geht es aufwärts, bald steht das Eigenheim, er macht sich selbstständig, geht pleite und verliert aufs Neue bei einer Alkoholfahrt den Führerschein.

Ein Arzt verschreibt ihm Antabus, das aber nicht nachhaltig auf sein Suchtverhalten wirkt. Nach weiteren Eskapaden zieht sein Bruder, Psychologe, die Notbremse und schickt ihn in eine Selbsthilfegruppe.

Gruppe hilft, auch hier. Wie es weitergeht mit Josef, können Sie im Büchlein nachlesen.

JÜRGEN EICHMEYER, Innenansichten eines Alkoholikers, Leben ohne Alkohol, 96 Seiten, Softcover, novum Verlag, ISBN 978-3-99130-053-3, 15,50 Euro