Für Sie gelesen

Chianti zum Frühstück …,

… so der Titel. Oh. Schreck. Will ich das Buch wirklich lesen? Von wegen Trigger und so?

Aber der Untertitel versöhnt und lädt ein: „Eine Frau hört auf zu trinken und fängt an zu leben“.

Und was soll ich sagen: Ich fand das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile … zum Knutschen! Jawohl!

Witzig, trotz des überhaupt nicht lustigen Themas. Leicht zu lesen, trotz des komplizierten Sachverhalts. Erfahrungsreich, denn die Autorin schreibt über sich selbst. Zum Miterleben. Ja, wir erleben mit, wie eine englische Mutter von drei noch minderjährigen Kindern erkennt, dass sie abhängig ist. Eines Tages beschließt sie, so geht es nicht mehr weiter … und hört auf.

Ganz allein. Ohne Suchtberatung, ohne Therapie, ohne Gruppe.
Bis dahin war mir gar nicht mehr bewusst, dass es ja auch ganz viele Menschen gibt, die gar nicht in der Alkoholkranken-Statistik erscheinen, eben weil sie allein aufhören zu trinken. Mal abgesehen von der Gefährlichkeit eines Entzugs allein Zuhause (bitte nicht nachmachen!) – Hut ab vor jenen, die es auch ohne Unterstützung schaffen. Viele von uns durch Therapien gegangene haben es vorher auch auf diese Weise versucht.

Im Laufe der Jahre trank Clare Pooley erst nur abends ihren Wein, nachdem die Kinder im Bett waren – um sich zu belohnen und zu entspannen. Irgendwann wurde es dann schon nachmittags, beim Kochen für die Kinder. Dann manchmal bereits mittags auf dem Spielplatz mit anderen Müttern das erste Sektchen des Tages. Mit allen Folgen, wir selbst so kennen: Streit, Geschrei, heftige Kater, Nervosität, Unausgeschlafensein, Gedächtnisverlust … bis hin zum Schwimmring am Bauch.
Sie macht sich also auf den Weg: „Ist es möglich, ohne Alkohol in einer Welt zu leben, in der man eher ein Glas Wein als eine Tasse Tee angeboten bekommt, wenn man sein Kind bei einem Freund vom Spielen abholt? … Gibt es ein Leben nach dem Wein? Ich nehme an, ich werde es herausfinden.“

Aber ganz allein ist sie dabei dennoch nicht. Sie beginnt, aufzuschreiben, wie es ihr geht, über das ganze erste Jahr hinweg. Tag für Tag. Und zwar in einem Blog: mummywasasecretdrinker.blogspot.com. (Mama war eine heimliche Trinkerin).  Und bei facebook unter „Sober Mummy“.  Der Zuspruch der Leserinnen, es werden immer mehr und mehr, denen es ähnlich geht und ging, gibt ihr Kraft. Denn sie wird lernen müssen – und beschreibt es wundervoll lebendig und selbstironisch – zum Beispiel ihre stetige Ängstlichkeit und ewige Sorge ohne Wein auszuhalten. Das Familienweihnachtsessen ohne die Entspannungsgläser vorher zu bewältigen. Tägliche Kinderprobleme  und Herausforderungen zu lösen ohne Alk im Kopf. Partys zu besuchen, ohne der „Weinhexe“, wie sie die Stimme nennt, nachzugeben. Dieses Stück-für-Stück-Lernen erleben wir hautnah mit.

Und auch ihre Brustkrebserkrankung … die Ängste und Sorgen vor der Biopsieauswertung, der OP und der Bestrahlung nicht zu ersäufen, wie geht das? Sie schafft es. Und erfährt dabei auch wiederholt, dass ohne Alkohol alle Herausforderungen besser zu meistern sind.
Ihr Erleben der Nüchternheit geht bis hin zu Erkenntnissen wie: Plötzlich kann sie das Zusammensein mit ihren Kindern intensiv genießen, ohne gestresst zu sein. Daheim geht es fröhlich und friedlich zu. Alles wird leichter. Alles wird schöner, bunter ohne die Weinhexe. Sie fühlt sich wieder lebendig. „… wie ein Schmetterling, der langsam aus seiner Verpuppung kriecht.“ Wird wieder schlank. Vergisst nicht mehr so viel. Beginnt Yoga. Wird viel gelassener.

Auf ihrem Blog gibt sie an Tag 255 einen Rat: „Ob Krebs oder Entzug: beides ist ein Sprung ins kalte Wasser. Man muss lernen, zumindest eine Weile lang Unsicherheit und Angst auszuhalten. Wenn man den Alkohol weglässt, begibt man sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die einen wiederholt von der rosa Wolke zur Mauer hin und wieder zurück sausen lässt … Meine Strategie des Umgangs damit ist dieselbe …– ich hangle mich von einem Tag zum anderen. Ich bewege mich in kleinen Schritten voran und versuche, so lange nicht in die Zukunft zu blicken, bis ich weiß, dass ich mit der Perspektive umgehen kann.“

Ich merke gerade, mein Bericht wird diesem Buch überhaupt nicht gerecht. Kann er nicht. Deshalb höre ich hier auf, liebe Leser/innen. Lesen Sie mal selbst, dann wissen Sie, was ich meine …
Viel Freude dabei, die werden Sie haben.

Anja Wilhelm

 CLARE POOLEY
Chianti zum Frühstück
Eine Frau hört auf zu trinken und fängt an zu leben
375 S., Beltz Verlag
ISBN:978-3-407-86539-7
17,95 Euro


Die berauschte Gesellschaft
„Genuss und Missbrauch liegen nahe beieinander“

Der ehemalige Präsident der Europäischen Alkohol Forschungsgesellschaft und einer der renommiertesten Alkoholforscher Deutschlands hat ein allgemeinverständliches Buch über die deutsche Todesdroge Nr. 1 geschrieben, Alkohol. Hier bringen er und seine Mitautorin, die erfahrene Journalistin Ingrid Thoms-Hoffmann, die Lesenden nicht nur auf den aktuellen Stand der Wissenschaft. Es werden auch klare, von wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitete Forderungen zur Änderung der Alkoholpolitik an die Politikbetreibenden postuliert.

 Schon im Vorwort räumt Professor Seitz mit der Mär auf, dass es eine ungefährlich zu konsumierende Menge Alkohol gibt, auch das Glas Rotwein am Tag zur Vorbeugung gegen den Herzkasper ist wissenschaftlich nicht haltbar und eher kontraproduktiv. Vielmehr steigt für den Menschen beim Gebrauch kleinster Mengen Alkohol unter anderem die Krebsgefahr, gerade bei Frauen die Brustkrebsgefahr. Daher ist jeder Gebrauch von Alkohol eine Risikoabwägung, die jeder und jede Einzelne für sich vornehmen muss. Ziel von Autorin und Autor ist die „Darstellung des Ist-Zustandes“ in punkto Alkohol.

Schon der Beginn steht unter der Überschrift „Die Upper Class säuft“, hier wenden sich die Journalistin und der Mediziner der Geschichte des Alkoholgebrauchs zu und zeigen, dass exzessiver Alkoholgebrauch über Jahrtausende in den oberen Schichten zelebriert wurde. Erst durch die Industrialisierung der Schnapsherstellung konnte hochprozentiger Alkohol den Massen preiswert angeboten werden. Aber auch noch heute ist der Alkoholkonsum im Oberschichtbereich höher, man kann es sich leisten. Die weiteren Kapitel verfolgen den Weg des Alkohols und seines viel giftigeren Abbauprodukts Acetaldehyd durch den Körper, die zerstörerische Wirkung auf Mund, Speiseröhre, Magen, Darm, Leber, der hier nicht abgebaute Alkohol bzw. seine Abbauprodukte schädigen dann Gehirn, Herz, Bauchspeicheldrüse, Muskulatur und Knochen, um nur einiges zu nennen. Auch den verheerenden Folgen des Alkoholgebrauchs in der Schwangerschaft widmen die Schreibenden ein Kapitel. Mit dem Kapitel „Seelentröster im Alter“ schließt sich der alkoholische Lebensbogen des Menschen.

Auf den folgenden Seiten werden Fallbeispiele von süchtig trinkenden Menschen dargestellt, die man so oder so ähnlich auch im eigenen Umfeld kennen kann. Auch Alkohol und Ernährung sowie die berühmten Trinker werden gestreift, um im letzten Drittel auf die Politik zu kommen, besser, auf den parteiübergreifenden Einfluss der Alkohollobby auf die Politikerinnen und Politiker. Die Macht der Alkohol-, Werbe- und Medienkonzerne, die prächtig an der süchtigen, nicht nur berauschten, Gesellschaft verdienen und weiter verdienen wollen. Die juristische Seite des Alkoholrauschs wird beleuchtet und die medizinhistorischen Aspekte geklärt, es gibt einen Alkoholiker-Selbsttest und die Behandlung der Alkoholkrankheit wird von der Beratung über den Entzug und Entwöhnung bis zur Nachsorge aufgelistet. Am Ende stehen überraschend die Adressen der großen Sucht-Selbsthilfe-Vereine, auf die im restlichen Text gar nicht eingegangen wurde.

 Leider ist der vorliegende Titel sehr unklar strukturiert, aber die verstreuten Informationen können für Lesende beim Umgang mit der Droge hilfreich sein. Sucht-Selbsthilfe findet bedauerlicherweise in der Darstellung der Suchtbehandlung keinerlei Erwähnung, also ein Großteil der Suchtbehandlung findet in diesem Titel nicht statt. Professor Seitz stellt Leserin und Leser schon im Vorwort vor ein Dilemma, denn einerseits zeigt er die Gräuel von über 200 alkoholbedingten Krankheiten auf und stellt fest: „Alle bisherigen Aussagen, die moderaten Alkoholkonsum als risikoarm bezeichnen und von einer Schwellendosis (wie niedrig sie auch sein mag) ausgehen, können so nicht unterschrieben werden.“ Andererseits klärt er im gleichen Vorwort aber auf: „Um nicht falsch verstanden zu werden, nein, eine Republik von Abstinenzlern, die wünsche ich mir nicht.“ Der Suchtforscher und die Journalistin kommen ab Seite 105 zu ihrem wahrscheinlich eigentlichen Ziel diese Buches: Die erneute Propagierung der schon lange von Wissenschaftlern, Ärzten und anderen Fachleuten geforderten Konsequenzen aus dem deutschen Alkoholdebakel: Werbeeinschränkungen, Steueranpassungen, Verfügbarkeitsbeschränkungen und Mindestalteranhebung für Alkohol. Daher ist es auch sehr gut geeignet für Politikerinnen und Politiker aller Parteien und aller Positionen im demokratischen System, die sich so schnell und fundiert von einem weltweit geschätzten Experten über die Seuche Alkohol informieren lassen wollen. Auch sind die Schritte zur Linderung des Problems genannt.

Torsten Hübler

SEITZ, HELMUT K. & THOMS-HOFFMANN, INGRID
Die berauschte Gesellschaft
Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich
176 S. Geb., Kösel, München, ISBN 978-3-466-37222-5; 19,- Euro


Der leise Ruf des Schmetterlings

Es ist sein erstes Buch.
Schauspieler Hardy Krüger jr. erzählt über Liebe und Tod, über Schicksalsschläge und das Wiederaufstehen, über Veränderung und Selbstfindung. Über Lebenssinnfragen, die sich jeder irgendwann mal stellt: Wer sind wir, wozu sind wir hier und was ist dieses Hier überhaupt und was liegt hinter diesem Ort, auch in uns selbst?

Die Meinungen der Lese-Kritiker – es finden sich nur wenige Rezensionen großer Verlage, seltsam – sind geteilt.
Die einen empfinden das Buch als eine „ungeschickte Aneinanderreihung von Lebensweisheiten“. Andere lieben es, weil sie sich wiederfinden mit ihren Sinnfragen und sich ermutigt fühlen zu eigener Veränderung.

Und ich selbst?
Ehrlich gesagt, es wurde meine geliebte Abendlektüre über ein paar Tage. Nicht etwa, weil ich dabei rasch und gut ins Schlafen kam … nein, ganz anders: Das Buch wollte in Frieden, in Stille gelesen werden, dann, wenn der Verstand schon entspannter ist und leise wird. Um alles an tiefen Weisheiten nicht nur mit dem ewig wertenden Kopf, sondern insgesamt wahrzunehmen. Mit allen Sinnen. Hardys Gedanken haben mich meist auf seltsame Weise zur Ruhe gebracht, friedvoll gestimmt und ins Lächeln geführt. „Dieses Leben hier ist nur eine kleine Strecke auf unserem langen Weg der Erkenntnis, dass wir alle aus einer und derselben Energie stammen und wieder alle zu derselben werden, wenn wir dieses Leben verlassen.“

Es ist nicht wirklich ein Roman. Eher erinnert es etwas an den Ewig-Bestseller „Das Café am Rande der Welt“. Es ist auch keine Autobiographie, aber es fließen Dinge aus Hardy Krüger jrs. Leben ein. Der plötzliche Kindstod seines Sohnes Paul-Luca zum Beispiel. Das Verhältnis der Hauptfigur David zum Vater erinnert mich an das, was man so las über das reale Verhältnis Hardy Krüger-Hardy Krüger jr. Und es klingt auch das Thema Alkoholmissbrauch an wie im echten Leben.

Worum geht es?
Hauptfigur David zieht nach Rom, um ein neues, anderes Leben zu beginnen: „Ein Mann auf dem Weg in sein zweites Leben. Eigentlich war es schon sein drittes, wenn man bedenkt, dass sein Herz nicht mehr schlagen wollte. Er war bereits auf dem Weg in die nächste Dimension. Oder sagen wir, eine andere Form des Daseins.“ (Ich persönlich frage mich da, ob das Fiktion ist, oder Hardy Krüger jr. tatsächlich einmal dem Tode nahe war?). David jedenfalls lernt, das Leben mit allen Sinnen wahrzunehmen, ohne zu bewerten, das pralle Leben in Rom, den Kaffeeduft der Nachbarin von gegenüber, den Duft einer Blume, den Klang eines Opernliedes in einer unterirdischen Grotte. Begegnet Menschen, die ihm in dieser Weise nahe sind, seinen Pfad der Veränderung und Bewusstwerdung ein Stück begleiten. Er verliebt sich in Blumenhändlerin Laura, besondere Energiefrequenzen verbinden sie. Er stellt fest, dass das Leben genau in diesem Moment, und nur im Hier und Jetzt, das wirkliche Leben ist – und ein Geschenk. Er lernt, auf sich selbst zu hören, seinen eigenen Weg zu finden, statt wie bisher sein Leben lang Erwartungen anderer zu erfüllen. Später versöhnt er sich sogar mit seinem Vater in Australien. Er erkennt: „… dass wir das Glück in uns suchen müssen, und nicht da draußen.“

Das Buch sei „… eine Mischung aus erlebten, erträumten und fiktiven Situationen. Wie ein Grimm-Märchen für Erwachsene“, sagte der Autor einmal in einem Interview.

Nur zu gerne würde ich persönlich jetzt auch gerne wissen, wie Hardy Krüger jr. auf all diese Lebenserkenntnisse gekommen ist, deren Kernaussagen mich oftmals an Weltweisheitslehrer erinnern wie Krishnamurti, Siddartha, Eckhart Tolle … zum Beispiel dies: „Das Leben zu genießen, ohne etwas von ihm zu fordern, glücklich zu sein, ohne etwas zu erwarten, und du selbst zu sein, ohne jemand anders sein zu wollen. ZU SEIN. So einfach das auch klingen mag, so ist es doch die größte Herausforderung in diesem Leben für uns alle.“

Und welche Rolle der Schmetterling im Titel spielt?

Er „entpuppt“ sich und lernt fliegen …

Anja Wilhelm

HARDY KRÜGER JR.
Der leise Ruf des Schmetterlings
281 S., Giger Verlag Schweiz, 2018
ISBN 978-3-906872-54-4
22,90 Euro


Ein Betroffener bietet Hilfe zur Selbsthilfe

„Null Alkohol, ein Leben lang, Null Risiko und Null Toleranz“

In seinem zweiten Buch zum Thema Alkoholsucht wendet sich Burkhard Thom den mitbetroffenen Angehörigen zu, daneben geht es auch um Rückfallvermeidung und einen Beitrag zur aktuellen Diskussion reale Selbsthilfegruppe oder facebook-Gruppe.

In seinem 2016 erschienen Titel „Alkohol – Die Gefahr lauert überall“ befasste sich der Autor noch mit seiner persönlichen Saufgeschichte, den alkoholischen Gefahren, die die Lebensmittelindustrie für den Abstinenzwilligen bereithält und dem kulinarisch guten Leben ohne Alkohol in Speis und Trank.

Zu Beginn seines zweiten Werkes stellt er seine persönliche Motivation, nicht nur anderen Alkoholikern zu helfen, sondern auch dieses Buch zu schreiben, dar. Er zeigt das Alkoholelend in Deutschland mit Millionen Alkoholkranken, tausenden Alkoholtoten und einer vielfach höheren Anzahl an betroffenen Menschen im Umfeld der Kranken. Schließlich fordert auch er, wie fast alle Suchtexperten in Deutschland: Alkoholsteuererhöhungen, Beschränkung der Alkoholverfügbarkeit, Änderung der StVO, mehr Jugendschutz, Beschränkung der Alkoholwerbung und mehr Aufklärung.

Beim ersten Thema des Ratgebers, der Rückfallvermeidung, nimmt er den potentiell ersten Irrtum eines Alkoholkranken aufs Korn: Das allenthalben verbreitete Märchen vom kontrollierten Trinken für Süchtige. Und stellt klar, dass nur Abstinenz zum Stillstand der Krankheit führt. Dieser Weg führt über die Entgiftung, Entwöhnung und eventuell Nachsorge gradlinig in die Selbsthilfegruppe. Viele Mediziner werden ihm zustimmen, aber die aktuelle S3-Leitlinie zur Behandlung Suchtkranker sieht schon in der Konsumreduktion einen Behandlungserfolg und nach dieser S3-Leitlinie wird in den Kliniken behandelt. Kommerziellen „Beratern“, deren Interessen weniger dem Wohlergehen der Klienten gelten, erteilt er mehrfach eine klare Absage. Der Auslöser für einen Rückfall können alkoholkontaminierte Speisen sein, hierüber schreibt Thom nicht nur ausführlich in seinem Buch, sondern in dieser Ausgabe der TrokkenPresse. Er beschreibt seinen Kampf, Alkohol verbindlich auf den Speisekarten der Gastronomie zu kennzeichnen.

Auch die nächste Hürde für ein abstinentes Leben wird benannt, Medikamente. Viele Medikamente enthalten Alkohol als Lösungs- und Konservierungsmittel. Der Verfasser beschreibt, dass er beim Aufwachen von einer Notoperation Entzugserscheinungen hatte, der behandelnde Arzt bestätigte ihm, dass alkoholische Medikamente verabreicht wurden. Wissenswert ist auch die Ausführung über „mehrwertige Alkohole“, die chemiesystematisch zwar Alkohole sind, aber auf den Menschen eine andere Wirkung haben und daher nicht jugend- und abstinenzgefährdend sind. Ein relativ neues und bisher übersehenes Problem benennt Thom. E-Zigaretten, sie beinhalten auch ein alkoholisches Risiko, da einige der Nikotin-Liquide Alkohol als Lösungs- und Stabilisierungsmittel enthalten, mit dem Erhitzen verdampfen und so in den Körper gelangen.

Es folgen zehn Grundregeln zum Vermeiden des Rückfalls, die lobende Vorstellung von www.suchthilfeapp.de sowie die Vorstellung dreier Mentaltechniken zur Unterstützung der Abstinenz. Zu Schluss des Kapitels stellt er das Lotsennetzwerk, über das die TrokkenPresse schon mehrfach berichtete, vor. Stabil trockene Süchtige helfen, lotsen gerade erst trocken werdende Süchtige nach der Entgiftung oder Entwöhnung wieder im normalen, aber dieses Mal trockenen Leben anzukommen und zu bleiben. Der Kern der Selbsthilfe.

Beim zweiten Thema des Buches weitet Thom den Blick von den Suchtkranken zu den meist vergessenen Kollateralbeschädigten des Suffs. Bedingt durch seine persönliche Unterstützungstätigkeit für Alkoholiker kommt Burkhard Thom natürlich auch mit den ersten Opfern der Alkoholkrankheit in Kontakt, den Kindern, Ehepartnerinnen und -partnern, Eltern und dem gesamten durch die Sucht beschädigten Umfeld. Die sogenannten „Co-Abhängigen“, im Buch werden sie meist treffender „Mitbetroffene“ genannt, sind im klassischen Suchthilfesystem nicht vorgesehen, im Zentrum steht der Süchtige, die Erkenntnis, dass Sucht eine Familienkrankheit ist und auch so behandelt werden muss, setzt sich erst langsam durch. Den Mitbetroffenen bleiben meist nur die Angehörigen-Selbsthilfegruppen, wie sie z.B. NACOA oder Al-Anon anbieten. In der professionellen Suchthilfe werden sie wenig berücksichtigt, da es keine Finanzierung von den Kranken- oder Rentenkassen gibt. In diesem Teil kommen ausführlich Mitbetroffene zu Wort, die Alkoholsucht eindrücklich aus der Perspektive der nichtsüchtigen, aber doch stark beeinträchtigten Mitbetroffenen schildern.

Im Schlusskapitel wird faktenreich abgewogen zwischen realer Selbsthilfegruppe oder Gruppe in den sozialen Netzwerken. Letzt und endlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Einen wichtigen Rat gibt er den Suchenden aber auf den Weg, im realen Leben und ebenso im Cyberspace sollte man sich mehrere Gruppen anschauen, denn es gibt nicht DIE Gruppe, die Art und Weise der Gruppen ist so unterschiedlich wie die Menschen, die die Gruppen ausmachen.

Thom hat wieder eine Mischung aus Ratgeber und (Mit-)Betroffenenbericht verfasst, der nicht nur einzelne Aspekte im Alkoholhochkonsumland Deutschland thematisiert, sondern Betroffene und Mitbetroffene thematisiert. Insofern ist dem Titel eine breite Leserschaft zu wünschen.

Torsten Hübler

P.S.: Vielleicht kann der Verlag bei den nächsten Auflagen den Versatz zwischen Vorder- und Rückseite von über einer Zeile technisch in den Griff kriegen.

BURKHARD THOM

Alkohol : Hilfeschrei

256 S., TB, AAVAA Verlag, Bremen; ISBN 978-3845927268, 12,90 Euro


Muss ich jetzt in die Gosse?

Zum Lachen oder wenigstens zum Grinsen beim Thema Alkoholkrankheit ist mir auch nach fast sieben Jahren Trockenheit noch nicht … Ihnen vielleicht?
Also war erst einmal Skepsis angesagt, wenn ein Satiriker, der TITANIC-Autor Simon Borowiak, ein Buch schreibt, das ALK heißt. Mit dem Untertitel „Fast ein medizinisches Sachbuch“, die jetzt aktualisierte Fassung des 2005 erschienen gleichnamigen Kult-Buches.

Also, was gibt’s nun bei dem Thema zu lachen?
Ich kann Entwarnung geben. Außer vielleicht eine bestimmte Art von Psychiatern und Mitpatienten und die Politik stichelt der Autor niemanden satirisch an. Im Gegenteil: Manchmal fast sogar liebevoll komisch beschreibt er vom Schwips bis in den Tod, was Alkohol in verschiedenen Organen anrichtet. Was beim Entzug genau passiert. Was Sucht überhaupt ist, ab wann man süchtig ist (nach seinem Boro-Schema, grins). Was Rückfall, Suchtdruck und Krankheitseinsicht – die er lieber Alk-Bewusstsein nennt – sind. Wo und wie man weshalb entgiftet und entwöhnen kann.
Das klingt für Sie, liebe Leser/innen, vielleicht ein bisschen nach „Gähn, weiß ich doch alles, alles schon durch“. Aber stop, die Details und die Komik machen es neu, finde ich. Abgesehen von seinen niedlichen Zeichnungen dazu ist mir persönlich zum Beispiel neu, was eigentlich ganz genau vor sich geht, wenn Alk in uns landet. Der Autor erklärt alles bildlich, einfach, verständlich und mit einem Augenzwinkern oft. Egal, ob die menschliche Biochemie, Biologie oder Seele, wenn Alk auf sie trifft. Kleine Kostprobe?
„Das Chefenzym in Sachen Alkohol heißt Alkoholdehydrogenase, kurz liebevoll ADH genannt …Die wackere ADH läutet also in der Leber die Zersetzung des Alkohols ein … Wird die ADH bei ihrer Arbeit jedoch überfordert und kommt mit dem Zerlegen nicht mehr nach, schreit der Betriebsrat der ADH laut: ,Mir packe des net allaan! Die vom MEOS müsse jetzt mit Üwwästunde ran!‘“
Und so geht es weiter, mit Bauspeicheldrüsenentzündung bis Leberzirrhose, Trinkerbein und Hirnzirrhose, alles genauestens erklärt.
Ich wusste das nicht so genau. Und vieles mehr auch nicht, zum Beispiel, wie ein Trockenrausch entsteht und wieso man danach sogar einen Kater haben kann.
Da der Autor selbst betroffen ist und seit vielen Jahren mit Entgiftungen, Entwöhnungen, trockenen Phasen und Rückfällen zu kämpfen hatte, sind seine Erfahrungen, die er auch beschreibt, damit nicht nur real, sondern auch besonders hilfreich. Er hatte sein Buch von 2005 jetzt aktualisiert, weil sich Therapien und Suchtpolitik geändert hatten. Unter anderem kamen Medikamente auf den Markt, z.B. Baclofen. Er selbst schwört auf Antabus. Weshalb? Lesen Sie selbst …
Aber es soll nicht nur ein Buch für die Alkoholkranken selbst sein. Auch für die, die ahnen, dass sie zu viel trinken. „Bin ich schon Alkoholiker? Und wenn ja, muss ich jetzt in die Gosse?“
Im Vorwort hießt es: „Ein Buch für alle, die schon mal einen heben. Und für alle, die schon einen zu viel gehoben haben.“
Und für (noch) Unabhängige, die mehr wissen wollen über abhängige Partner oder Freunde, füge ich hiermit hinzu. Schon immer hatte ich ergebnislos versucht, meinem Liebsten zu erklären, wieso ich nicht einfach so n i c h t s trinken konnte, wie er immer wieder entnervt vorschlug, oder was Suchtdruck ist. Eine Stelle, direkt für Nichtsüchtige geschrieben, las ich ihm vor, da hat dann bei ihm doch leise ein Aha geklickt: „Also los, verbieten Sie sich spaßeshalber für ein Jahr Ihre Lieblingsspeise! Das müsste doch zu schaffen sein! Und jetzt erhöhen wir den Thrill: Wenn Sie auf Kuchen stehen – besuchen Sie täglich eine Konditorei … Fleischfresser – ab ins Steakhaus! Und kommen Sie unverrichteter Dinge wieder raus!“ Auch da muss ich tatsächlich nicht nur schief grinsen, sondern echt schmunzeln.
Und um auf den Anfang zurückzukommen: Meine Skepsis stellte sich als unbegründet heraus. Borowiak nimmt nicht die Krankheit oder den Alkoholiker „aufs Korn“ (die deutsche Trinkkultur- und politik aber doch), und auch nicht fröhlich „auf die Schippe“.
Es ist eher dies: Humor ist, wenn man trotzdem lacht …

Anja Wilhelm

SIMON BOROWIAK
ALK, Fast ein medizinisches Sachbuch
250 S., TB, Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10385-1
12, 00 Euro


Herr Sonneborn geht nach Brüssel: Don Quijote trifft Manneken Pis

Der ehemalige Chefredakteur und Buchautor Marin Sonneborn schaffte es bei der Europawahl 2014 mit seiner Partei DIE PARTEI, mit 184.709 (0,6%) Wählerstimmen in das Europaparlament gewählt zu werden. Über seine ersten fünf Jahre legt er nun Rechenschaft ab.

 Die 2004 gegründete PARTEI wird allgemein auch als „Spaßpartei“ tituliert, bekam bei der Europawahl überraschend einen Sitz im Europaparlament. Diesen einen Sitz wollten die Parteimitglieder über die fünf Jahre währende Wahlperiode mit monatlich wechselnden Abgeordneten besetzen, um 60 Menschen die Vorteile eines Europaparlamentariers spüren zu lassen. Dies ging aus rechtlichen Gründen nicht. Der Parteivorsitzende Sonneborn amtierte die gesamten fünf Jahre. Das erste gebrochene Wahlversprechen der jungen Partei. Sonneborn hat nun mit dem Auslaufen der Wahlperiode ein Buch vorgestellt, das sein politisch recht wirkungsloses Tun im Brüsseler Parlament dokumentieren soll.
Bei einem Satiriker unvermeidlich, es wird lustig, zumal Sonneborn zu den besseren Satirikern zählt. Damit das Ganze nicht zu einer Witzesammlung verkommt, berichtet der Europa-Abgeordnete auch über die ernsten Realitäten in Brüssel, Straßburg und im deutschen Politikbetrieb. Hierzu zitiert er aus „seriösen“ Medien und offiziellen Dokumenten, um klarzumachen, dass die Vorgänge, die er berichtet, selbst erlebt und real sind, keine Satire.
Bei einem Jahreseinkommen von rund 160.000 Euro plus sehr, sehr vieler weiterer Vergünstigungen lässt sich gut Satire machen. Der Parlamentarier zeigt gnadenlos die Schwächen des Systems EU auf, ohne dabei europafeindlich zu argumentieren. Als Leser erhält man den Eindruck, dass in der Vergangenheit bei der Konstruktion und Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft einiges falsch gelaufen ist und korrigiert werden sollte. Der Autor zeigt exemplarisch an einzelnen Abgeordneten, wie Wirtschaftsverbände und Lobbyisten ihre Interessen stark, manchmal auch korruptiv befördern. Er weist auf das Defizit der demokratischen Legitimierung der EU hin und zeigt die Machtlosigkeit der einzelnen Europaabgeordneten im jetzigen überbordenden System.
Auch erhält man den Eindruck, in der professionellen Politik wird sehr viel gesoffen, Sonneborn ist keine Ausnahme. Obwohl er alles andere hinterfragt und infrage stellt, seinen stark überhöhten Alkoholkonsum kommentiert er kindlich unkritisch. Man kann nur hoffen, dass der Volksvertreter seine Zeit in Brüssel schadlos überstanden hat und nicht, wie so Viele, alkoholkrank wurde.
Wer während dieser mehr als 400 vergnüglichen Seiten ins Wundern und Staunen, vielleicht auch in Wut gerät, sollte sich den alten Satz „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ von Otto Julius Bierbaum (Schriftsteller, 1865 – 1910) ins Gedächtnis rufen. Was bleibt einem außer Lachen übrig …?

Torsten Hübler

Sonneborn, Martin
Herr Sonneborn geht nach Brüssel
Abenteuer im Europaparlament
427 S. Klappenbr., kiepenheuer & Witsch, Köln, ISBN 978-3-462-05261-9; 18,- Euro


Nach dem Streicheln: Hände waschen!

Der Tierpathologe Prof. Dr. Achim Gruber berichtet in seinem Buch „Das Kuscheltier Drama“ über seine Tätigkeit bei der Vermeidung von Seuchen oder bei der Hilfe für gequälte Tiere, aber auch über menschliche Abgründe im Allgemeinen. Dr. Gruber obduzierte auch Eisbär und Medienstar Knut aus dem Berliner Zoo, der 2011 an Gehirnentzündung starb. Das Vorwort schrieb der Berliner Humanpathologe und Buchautor Prof. Dr. Tsokos, der Knuts 2008 an einem Herzinfarkt verstorbenen Pfleger Thomas Dörflein obduzierte. Also sehr viel Fachverstand zwischen zwei Buchdeckeln.

 Für Tierbesitzer und die, die es werden wollen, aber auch für Tierliebhaber generell ist dieser flüssig geschriebene Titel sehr lesenswert. Ein Praktiker erzählt anhand von konkreten Fällen über Gefahren, die von Tieren ausgehen können, aber auch von Gefahren für das Tier, die vom Menschen oder anderen Tieren ausgehen können.

Tierpathologe zu werden ist nicht einfach, nach einem Studium der Veterinärmedizin schließt sich noch eine lange Ausbildung zur Spezialisierung als Tierpathologe an. Diese Spezialdisziplin klärt nicht nur Todesfälle bei Tieren auf. Ziel ist es, die Gesundheitsgefährdungen durch Tiere für andere Tiere oder Menschen zu verhindern, egal ob Goldfisch oder Elefant. Ein anderes Ziel ist die Beweissicherung für kriminaljuristische Tatbestände (… waren zuerst die Katzen tot oder könnten sie die Leiche angefressen haben, wie starben dann die Katzen?) und zivilrechtliche Ansprüche (… war das Tier vor dem Kauf schon krank …?).

Auch dem lebenden Tier kann der Tiermediziner mit seinem Labor und Mikroskop zur Seite stehen, z.B. wenn der Mensch es zu gut meint, der Hund dann Schaden nimmt, aber, nach Untersuchung von Proben im Labor, der Mensch zum Wohle des Tiers sein eigenes Verhalten ändert.

Der Professor gibt am Anfang des Buches allen Leserinnen und Lesern den Rat seiner Großmutter weiter: sich nach Kontakten mit Tieren unbedingt die Hände zu waschen und steigt zusammen mit dem Leser hinab in das Grauen der Fuchsbandwürmer und Herzwürmer und anderer für den Menschen tödliche Parasiten, die gar nicht mal so selten vorkommen und gerne auf den Händen der Streichelnden reisen, die befallene Person wird von innen aufgefressen, bis die Organe versagen. Einige Illustrationen stellen das farbig dar. Viren und Bakterien gibt es aber auch noch, mit verheerenden Wirkungen auf Mensch und Tier! Sogar neue, unbekannte Erreger einer für Brieftauben tödlichen Krankheit wurden von einem Mitarbeiter Doktor Grubers mitten in Berlin entdeckt. Ein weiterer Aspekt des Buches sind die verschiedenen Formen der Qualzucht, was Menschen wehrlosen Tieren antuen, damit sie ein bestimmtes Aussehen oder Verhalten an den Tag legen, für die Lesenden keine leichte Kost. Aber widerliche Realität im Alltag der Amtstierärzte und Tierpathologen.

Auch aus der jüngsten Geschichte berichtet der Veterinär mir Unbekanntes, oder wusste Sie, dass zwischen 1904 und 1924 in München, Chemnitz und Breslau rund 42.000 Hunde geschlachtet und verzehrt wurden? Erst 1986 wurde die Hundeschlachtung zur Fleischgewinnung gesetzlich verboten.

Der Autor beschränkt sich im Kaleidoskop der Tierwelt im Wesentlichen auf Haustiere und lässt Zoo- , Zirkus- und Nutztiere außen vor, sie finden nur am Rande Erwähnung, es wäre wahrscheinlich zu umfangreich, auch bei diesen Tiergruppen die pathologischen Befunde für den Leser aufzubereiten.

Interessierte Leserinnen und Leser finden in den gut 300 Seiten mit Leseempfehlungen und Register viel Erstaunliches, Wissenswertes, aber auch Abstoßendes.

Torsten Hübler

GRUBER; Achim
Das Kuscheltier Drama
Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere
312 S., mit einem Vorw. Von Dr. Michael Tsokos 12 farb. Illustr., Geb., Droemer, München, ISBN 978-3-426-27781-2; 19,99 Euro


Die Klarheit

Jawohl, mit diesem Buchtitel ist ein klarer Kopf gemeint …aber das ist lange, lange noch nicht alles.

Vorab: Mich machen diese über 600 Seiten inclusive 60 (!) Seiten Quellenangaben sehr andächtig: Soweit ich das beurteilen darf, ist dieses Werk hohe Kunst, Literaturkunst. Kein Satz, an dem man einfach mal vorbeihuscht, kein Wort, das nicht seinen Sinn an genau diesem Platze hat. „Erhabene Sprache …“, so bezeichnete es eine Rezension in der „Zeit“. Wobei ich da trotz meiner fast sprachlosen Andächtigkeit ein persönliches Kritikchen anbringen möchte, aber dazu erst am Ende.

Zum Inhalt: Autorin Leslie Jamison ist tatsächlich studierte Literatin aus den USA, 35 Jahre jung, und bereits seit acht Jahren trocken. Ja, sie hat früh angefangen. Alkohol gab ihr, die stetig an sich zweifelte, sich kritisierte, sich als nie genug empfand, die immer nach Anerkennung durch andere suchte, eine „strahlende Version meiner selbst“. Alkohol schaltete ihren sonst immerwährenden inneren Monolog aus.

Sie beschreibt ihren Krankheitsverlauf durch all ihre beruflichen und partnerschaftlichen Lebensstationen. Beginnend vom Anhimmeln schriftstellerischer, trinkender Vorbilder wie William Faulkner, Raymond Carver, Ernest Hemingway, Jack London – hier in dieser Künstlerkneipe saßen sie also, tranken und schrieben …

Mehrere Inhaltslinien durchziehen dieses Buch, verweben sich, ergänzen sich. Zum einen ihre eigene Biographie, ihre Genesung dank und mit dem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (wobei viele persönliche noch unbekannte Dinge über den Gründer Ben Wilson zu lesen sind) und Ergebnisse aus ihren Archiv-Studien zu ihrer Doktorarbeit. Sie will herausfinden, ob ein Schriftsteller tatsächlich emotionales Leid und das Gegenmittel Mittel Alkohol braucht, um wirklich kreativ zu sein.

Ihre Erzählungen über die AA – aus Meetings und von den Leben der anderen – reichen von ihrem früheren Widerstand einer sprachbegabten Intellektuellen gegen klischeehafte Glaubenssätze bis hin zur Erkenntnis der Heilsamkeit durch letztendlich einfache Hingabe. Bewusst will ihr Buch auch ein wenig an ein AA-Meeting erinnern: Wir hören einander unseren Geschichten zu. Deine könnte die meine sein. Meine ist die Deine. Wir sind nicht allein …

Eingebettet in ihre eigene Geschichte der Sucht und Selbsterkenntnis noch erschütternde Themen wie die einstige Strafverfolgung Drogensüchtiger in den USA, Strafe statt Heilung – und aktuelle Erkenntnisse zur Sucht als Krankheit.

Verzeihung, liebe Leserinnen und Leser, aber ich finde es hier an dieser Stelle so langsam schier unmöglich, auch nur ansatzweise anzudeuten, mit welchen Gedanken jede Seite prall gefüllt ist. Lesen Sie am besten selbst. Und nehmen Sie sich Zeit für jeden einzelnen Satz.  Einer zum Beispiel geht mir nicht mehr aus dem Kopf, er trifft das Wesen der Abhängigkeit mit nur wenigen Worten: „Wir tun etwas in uns hinein, um zu verändern, was wir fühlen.“ Wenn wir dies erkennen und anerkennen, könnten wir vielleicht lernen, zu fühlen, was wir nicht fühlen wollen, ohne es verändern zu wollen. Leslie Jamison macht es uns mit vielen beindruckend beschriebenen eigenen Beispielen vor. Und lässt dabei nicht aus, wie verdammt schwer es ist, gerade in den ersten Monaten …

Zu meiner kleinen Kritik, wie oben erwähnt: Mitunter liest sich so mancher Satz für mich wie künstlich erschaffen, genau abgezirkelt. Kühl, mit dem Verstand erdacht, nicht wie aus dem Leben selbst heraus geboren, aus der Seele, dem Universum oder was immer es braucht. Manche, viele Sätze „fassen mich nicht an“. Mir fehlt etwas Wärme, die sich aus einem Satz ergießen könnte, auch wenn er aus nur drei einfachen Worten bestünde.

Ach, übrigens: Nicht nur Leslies Jamisons Recherchen für die Doktorarbeit ergaben, dass Schriftsteller wie zum Beispiel Stephen Kind oder Raymond Carver später auch nüchtern kreativ sein konnten – oder erst recht. Nein, sie selbst ist wohl auch das beste Beispiel dafür, finde ich …

Anja Wilhelm

 JAMISON, LESLIE
Die Klarheit
Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung
638 Seiten, Hanser Berlin, fester Einband
ISBN 978-3-446-25856-3, 28,00 Euro


Vom unerwarteten VERGNÜGEN, NÜCHTERN zu sein

So der Buchtitel einer britischen Star-Journalistin.
Nun ja, also wieder jemand, der mit der neuen Sober-Bewegung mal ausprobiert, wie es sich so lebt ohne Alkohol – ohne tatsächlich alkoholkrank zu sein?

Das stellte ich mir darunter zumindest so vor – vor der ersten Seite!
Aber heute bin ich fast verliebt in dieses Buch. Und zwar so sehr, dass ich es gern an alle alkoholkranken Menschen verschenken würde.

Und nun zum Weshalb des Sinneswandels …

Die Autorin selbst, Catherine Gray, ist schwere Alkoholikerin. Wacht in Ausnüchterungszellen auf, in fremden Betten, muss sich häufig krank melden im Job. Sie beschreibt ihr Trinkerin-Dasein detailliert und lebendig, eigene Erinnerungen kommen hoch dabei. Ja, so war das damals. Auch ihre gescheiterten Versuche des maßvollen Trinkens oder die Rückfälle wird so mancher Leser, manche Leserin wiedererkennen.

Ja, werden Sie vielleicht jetzt denken: Darüber gibt’s doch schon viele Bücher …

Da stimme ich zu. ABER: Dieses eine geht weit, weit darüber hinaus. Es stellt nämlich die neu entdeckte Freude am Nüchternsein, an jedem Tag mehr und mehr, in den Vordergrund. Und den Weg dorthin. Die ersten 30 Tage beschreibt sie als sehr hart. Dazu gibt sie aber auch gleich 30 Hilfsmittel weiter, mit denen sie diese Zeit überstand. Zum Beispiel: lange Bäder nehmen, sich die Augen ausweinen, Vitamin B essen, sich Rituale schaffen, Hausputz veranstalten, einen alkoholfreien Zufluchtsort schaffen, die Suchtstimme erkennen und vor allem: Gleichgesinnte suchen, Stammesmitglied werden, nennt sie es: „Anderen unser Verlangen nach Alkohol einzugestehen nimmt diesem Gedanken die Macht, die er über uns hat.“

Das Beste am Entzug ist, dass du wieder etwas fühlst. Und das schlimmste am Entzug ist, dass du wieder etwas fühlst, sagt sie. „Doch der anfängliche Horror lässt nach, das verspreche ich Ihnen …“

Sie nimmt uns mit auf ihre vorerst stolperige Reise in das sie noch ängstigende nüchterne Leben. Wie sie sich selbst, ihre Gefühle, andere Menschen und die Umwelt so entdeckt, wie sie wirklich sind – und lernt, damit umzugehen ohne betäubende Hilfsmittel, schildert sie genauestens. Und zwar „Tapfer, witzig und brillant …“, wie die Zeitschrift Marie Claire urteilte. Ganz meine Meinung, es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Gleichzeitig möchte man es dehnen, die Zeit mit ihm verlängern.

Das liegt auch an den vielen hilfreichen Tipps. Zum Beispiel, wie man mit ewig kreisenden Gedanken umgehen könnte. Wussten Sie schon, dass dagegen schon hilft, nur durch eine Tür zu gehen? Weil dadurch eine Gedankenlücke entsteht. Sehen Sie, und mit solchen Dingen ist das ganze Buch gespickt. Nüchtern tanzen? Nüchtern daten? Nüchtern Sex haben? Nichts lässt sie aus, worin ein Trockener Probleme sehen könnte.

Was noch besonders auffällt, ist die wohltuende Toleranz, die sich durchs ganze Buch zieht. Es gibt keinen Königsweg, meint sie, und belegt auch dies mit Fakten aus groß angelegten Metastudien. Und wenn jemand am besten trocken bleiben könne, indem er sich blau anmalt wie ein Schlumpf … dann schenken Sie ihm einen Topf blaue Farbe, rät sie augenzwinkernd.

Ach, es gäbe noch viel mehr zu berichten über dieses Buch … aber lesen Sie selbst. Es wird Sie herzzerreißend und vergnüglich ermutigen können, die Freude am nüchternen Leben selbst zu entdecken.

Anja Wilhelm

CATHERINE GRAY

Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein
Frei und glücklich – ein Leben ohne Alkohol
405 Seiten,TB,  mvg Verlag München
ISBN 978-3-86882-958-7
16,99 Euro


Wie sieht der Rausch der Zukunft aus?

KRISTALL

Alexander Wendt, Journalist, der unter anderem für die Wirtschaftswoche, den Focus und den Stern schrieb, mit Schwerpunkt Energiewirtschaft und Strommarkt, setzt sich in seinem neuesten Titel mit den aktuellen und zukünftigen Drogen auseinander. Nicht nur mit Cannabis, dem kommenden Boom-Markt für Großkonzerne und Alkohol, dem Boom-Markt bestehender Großkonzerne.

Der unscheinbare Titel „Kristall“, nicht „Crystal“ und das zurückhaltend gestaltete Cover weisen schon auf einen eher sachlichen als plakativen Umgang mit dem Thema hin. Wendt stellt seinem Erlebnisbericht eine klare Ansage voran: „Jeder Drogenkonsum beruht auf einem Gegengeschäft. Wer sich darauf einlässt, der bietet eine selbstverständliche Funktion seines Körpers – vorausgesetzt, alles dort befindet sich in gutem Zustand ‑, um eine außergewöhnliche Fähigkeit einzutauschen.“ Er weist darauf hin, dass man bei diesem Handel, Rausch gegen Gesundheit, verlieren kann und dass dieses Geschäft nie wieder rückabgewickelt werden kann.

Nach dieser klaren Definition begibt sich der Autor auf eine Reise durch die Zeit und die Kontinente, um die Geschichte der Rauschmittel zu erkunden, hierbei behauptet er, „Drogen fliegen dem Menschen seit tausenden Jahren in den Mund wie gebratene Tauben …“. Wendt erzählt vom Rausch der Inuit am Nordpol, den Drogen der Tataren in der Steppe Asiens und anderen Völkern und Riten. Er kommt zu dem Schluss, dass der Mensch ein Grundbedürfnis zur Änderung seines Geisteszustandes hat. Er geht weiter in der Evolution zurück und zeigt, dass die aus Afrika in die Karibik eingeschleppte südliche Grünmeerkatze, sich dort an vergorenem Zuckerrohr berauscht, in Afrika, dem Herkunftskontinent, gibt es kein Zuckerrohr und keinen Rausch.

Er schlägt den Bogen von den natürlichen Rauschgiften wie Pilzen, Cannabis, Kath zu den halbsynthetisch hergestellten Giften wie Heroin und Kokain zu den vollsynthetischen, Pervitin, Crystal, NPS. Unterbrochen werden seine Ausführungen durch Schilderungen von Treffen mit Beteiligten, einem z.Zt. cleanen Crystal-Süchtigen in einer Entwöhnungseinrichtung in Sachsen oder dem Chef der portugiesischen Drogenbehörde, einem Dealer vom Görlitzer Park oder beim Zuschauen auf der Toilette beim Drogengebrauch. Abgerundet wird der flüssig geschriebene Text durch die Darstellung vieler bekannter und unbekannter Fakten.

Die Alkohol-Prohibition in den USA 1919 bis 1933 ist für den Verfasser ein großes Thema, an dem er bedingt schlüssig zeigen will, dass Rauschgiftverbote zum Scheitern verurteilt sind, er stellt dem die Drogenpolitik Portugals entgegen, die eine völlige Freigabe des privaten Rauschgiftgebrauchs für portugiesische Staatsbürger vorsieht. Eine ausführliche Würdigung des LSD, Geschichte, Wirkung und gesellschaftliche Auswirkungen findet sich in der Reisebeschreibung durch die Drogen des 21. Jahrhundert.

Das eigentlich Neue an diesem Titel war für mich die Schilderung über „Micro-Doser“ und „Biohacker“, vorwiegend in den USA. Die „Micro-Doser“ experimentieren mit kleinen Dosen von Ecstasy, LSD oder Psilocybin, ungefähr einem Zehntel der üblichen Rauschdosis. Sie wollen keinen Rausch, sondern meinen, ihre Leistungsfähigkeit damit zu erhöhen und so in der Arbeitswelt besser bestehen zu können. Über die Selbstvergiftung für den Arbeitsplatz hinaus gehen „Biohacker“, die ihren Körper durch Ein- oder Anbau von Hardware optimieren wollen, indem sie Sensoren oder Schnittstellen in ihren Körper implantieren. Wendt beschreibt eine „Biohacker“-Party, bei der sich Menschen Gegenstände von Nicht-Medizinern unter sehr ungünstigen hygienischen Bedingungen in den Körper praktizieren lassen …

Ein nicht nur informatives und gut lesbares Buch, wobei man nicht den Meinungen des Autors folgen muss, es kann auch einen Fingerzeig für die zu erwartenden Herausforderungen für die Gesellschaft geben, wenn der rauschgiftenthemmte und optimierte Mechano-Mensch auf den nüchternen Teil der Natur-Menschheit trifft.

Torsten Hübler

WENDT, ALEXANDER
Kristall
Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts
243 S., Pb., Tropen, Köln; ISBN 978- 3-608-50353-1, 17,95 Euro


Wackeljahre

 Jenny Elvers gäbe es seit 2012 nicht mehr … wäre sie nicht damals in den Entzug gegangen. Damals, kurz nach ihrer betrunkenen Lall-Vorstellung bei DAS! im NDR. Zwei Monate hatte ihr ein Arzt höchstens noch gegeben, wenn sie so weitermache wie bisher. Und auch während der ersten Tage ihres Entzugs in der Betty Ford Klinik war ihr Körper kurz davor, völlig zu versagen. Ohnmachten, Krampfanfälle, „Hölle“, nennt sie es heute.

Seit diesen sechs Wochen in der Klinik, „Wochen des Lernens“, sagt sie, lebt Jenny Elvers trocken.

Wie sich das Gift Alkohol so in ihr Leben schleichen konnte, dass sie davon abhängig wurde, schildert sie detailliert in den letzten Kapiteln ihres autobiographischen Buches „Wackeljahre“, Mein Leben zwischen Glamour und Absturz. Detailliert bedeutet: Von Zittern, Stürzen bis Trockenkotzen … alles dabei. Ebenso ihr Beginn: Die ersten Gläser am Abend, dann bereits am Mittag bis hin zum morgendlichen Prosecco gegen die Entzugserscheinungen. Ihre Scham über sich selbst, ihre Schuldgefühle, ihre Angst.

Jeder alkoholkranke Mensch kann das genau nachvollziehen. Aber eben auch der nicht alkoholkranke Leser. Denn sie beschreibt ihr Erleben klar, anschaulich und vor allem schonungslos ehrlich.

Vielleicht war auch das ein Ansinnen des Buches: Ein für allemal allen kursierenden Gerüchten zu begegnen und ihre Krankheit klarzustellen und zu erklären. Und vor allem auch: dazu zu stehen.

Es sei kein Sucht-Buch, sagte sie in einem Interview, aber sie wolle erzählen, wie man dahin kommt.

Das Buch beginnt also schon viel früher. In ihrem wohligen Heimatdorf Amelingen in der Lüneburger Heide. Als „Püppi“ von Mama und Papa innig geliebt. Immer und überall als aufgeschlossen, freundlich und unkompliziert bekannt. „Dann sind alle zufrieden“, erlebt sie. Dieses Muster brennt sich ein. Eigentlich will sie Physiotherapeutin werden, insgeheim Schauspielerin, aber das erscheint ihr vorerst wie ein unerfüllbarerer Traum. Seitdem sie aber zur „Heidekönigin“ gekürt wird, verändert sich alles: Modeljob in Japan, erste Auftritte im Rampenlicht, Moderationen im TV, Partys… sie liebt den Glamour, will mehr, will auf Titelblätter. Als Bestätigung, dass „…ich hübsch war, dass ich ,jemand‘ war, und pushte damit mein von Natur aus eher mittelmäßig ausgeprägtes Selbstwertgefühl.“ Später reflektiert sie: „Ich reduzierte mich schließlich selbst auf das, was die Boulevardpresse in mir sehen wollte: Die freche, sexy Blondine. Immer lustig. Immer nett …“ Irgendwann aber, nach Schauspielschule und ernsthaften Rollen in TV und Kino (z.B. „Nikola“, „Frauenherzen“, „Otto-Die Serie“, gefeierte Theaterrollen) ändert sich ihr Ruf langsam mit.

Ja, auch über ihre Partnerschaften schreibt sie etwas.  Sie sucht nach der großen, einzigen Liebe des Lebens , zum Beispiel auch in Heiner Lauterbach. Um weitere Partnerschaften geht es andeutungsweise ebenfalls.

Von der unerfahrenen Heideblüte zur ernsthaften Schauspielerin geworden, pendelt sie zwischen Drehorten, Städten und dem Zuhause mit Sohn Paul hin und her. Sie leidet irgendwann unter der Angst, nicht perfekt zu sein, bis hin zur nächtlichen Panik. Schlafstörungen. Tabletten helfen zuerst. Später nur noch mit Wein im Doppelpack. Mit immer mehr davon. Ihr Absturz nimmt seinen Lauf.

Ihr besagter TV-Auftritt bei DAS!, sagt sie heute, wäre ihre Erlösung gewesen. Und dass sie in der Therapie erkannte: „ … dass ich zwar viel Liebe in mir trage … aber für mich nichts übrig gelassen hatte. Was nicht passte, wurde passend betäubt …“ Sie lernt, auch einmal Nein zu sagen und zu reflektieren, was sie selbst möchte. Und auch, nicht mehr das immer nette, freundliche Mädel sein zu müssen, nur weil andere das so von ihr erwarten … So jedenfalls habe ich das verstanden.

Jenny Elvers gibt sich in ihrem Buch glaubhaft preis, so wie sie wirklich ist.
Nie weinerlich, nicht als Opfer von Umständen. Eher sachlich berichtend, manchmal heiter, manchmal komisch gar.
Und immer nach vorne schauend …

Anja Wilhelm

JENNY ELVERS
Wackeljahre
176 Seiten, Softcover, mvg Verlag,
September 2018
ISBN: 978-3-86882-667-8


Bestsellerautorin De Vigan befasst sich mit

Loyalitäten

In Paris leben die beiden dreizehnjährigen Freunde Théo und Mathis. Beider Eltern Ehen sind zerrüttet. Théos Eltern sind geschieden und Théo lebt eine Woche bei der Mutter, die andere beim Vater. Matthis Eltern haben sich auseinandergelebt, der Vater ist nach Feierabend heimlich als Hassblogger im Internet unterwegs, die Mutter ist unzufrieden mit ihrem Leben als Hausfrau. Die beiden Schüler, insbesondere Théo, werden von einer Lehrerin, Hélène beobachtet, die eine gewalttätige Kindheit erlebt hat und daher meint, bei Théo vermutliche Anzeichen familiärer Probleme zu erkennen. Das ist der Rahmen des Romans.

Erzählt wird die Handlung kapitelweise wechselnd aus der Sicht der Teilnehmenden. Die Dauer der Vorkommnisse ist ein nicht genauer definierter, beschränkter Zeitraum. Entlang Théos wird eine Geschichte erzählt. Die beiden Jungs haben ein Versteck in der Schule gefunden, in dem sie heimlich Schnaps trinken können, vorwiegend finanziert aus Kleingelddiebstählen, die Mathis bei seiner Mutter durchführt. Théos Eltern merken vom sich ausweitenden Alkoholgebrauch ihres Jüngsten nichts, Théos alleinstehender Vater ist nach langer Arbeitslosigkeit depressiv in der Medikamentenabhängigkeit gelandet, die auch alleinstehende Mutter versinkt in ihrem Hass auf den Ex-Mann. Théo will mit dem Alkohol sein Hirn in den ultimativen Rausch versetzen, um der Welt zu entfliehen. Matthis hingegen trinkt aus Solidarität mit seinem einzigen Freund mit. Man erfährt viel über Matthis Mutter, die einen Psychiater konsultiert, ihre Gespräche dort werden im Buch wiedergegeben. Den Vater kennt man nur aus den Erzählungen der Mutter beim Nervenarzt. Hélène, die Lehrerin, will Théo schützen, bedingt durch ihre gewalttätige Kindheit und Jugend kann sie keine Kinder bekommen. Sie engagiert sich über die Grenzen des Lehrerberufs hinaus für das Wohlergehen Théos. Das führt zu Ärger mit dem Schulrektor. Die Handlung des kurzen Romans setzt unvermittelt ein und endet auch unvermittelt.

Das schön ausgestattete Buch, mit Lesebändchen, festem Einband und Schutzumschlag, beleuchtet mit einer sehr sachlichen Sprache nicht nur Théos Werdegang Richtung Abgrund, sondern auch das Auseinanderfliegen der bürgerlichen Familien. Loyalitäten, der Plural von Loyalität, zeigt die Vielschichtigkeit der heutigen Gesellschaft, mit ihrer Gewalt, dem Rausch und der Sucht.

Dieser Titel ist kein unterhaltsames Buch, es ist bedrückend, als Leser möchte man manchmal in den Ablauf eingreifen, aber die Handlung schreitet immer weiter.

Torsten Hübler

DE VIGAN , DELPHINE (Übers. Doris Heinemann)
Loyalitäten
176 S., geb., DuMont Buchverlag, Köln; ISBN 978-3-8321-8359-2, 20,00 Euro


Nach Deinem Tod

(Fortsetzung von „Ich sehe Dich sterben“)

Umarmen möchte ich die Autorin Lexa Wolf!
Weshalb?
Aus Dank für diese 464 lebensprallen Seiten – und auch einfach, weil sie mir mit jedem Tag des Lesens mehr ans Herz gewachsen ist. Egal, ob in der Bahn, auf Sofa, Parkbank oder Wiese: Sie hat meinen Alltag begleitet.

Lexa Wolf erzählt keine erfundene Geschichte, aus der man sich leicht rein-oder wieder rausklappen kann, um ansonsten seinem Tagwerk nachzugehen. Nein. Klappe ich das Buch zu, bleibt etwas hängen. Vielleicht so etwas wie Nähe? Eine Anwesenheit? Und es kommt sogar vor, dass ich gerade vor irgendeinem Problem des Tages stehe, mir das Hirn martere … und da fällt mir Lexa ein. Lexa? Die hat viel Schwierigeres gemeistert. Die hätte … auf jeden Fall nicht aufgegeben. Sie findet immer eine Lösung. Also: Welche könnte ICH jetzt finden?
Soviel zur unterschwelligen Nach-vorne-guck-Wirkung des Buches auf mich und sicher auch auf andere.

Den Inhalt zu beschreiben allerdings würde ebenfalls 464 Seiten brauchen. Denn es geht Schlag auf Schlag. Im ersten Teil, „Ich sehe Dich sterben“ (s. TP 2/18), beginnt sie mit ihrem Leben als Co-Alkoholikerin. Bis hin zu Gewalt und Morddrohungen ihres Mannes. Dann stirbt er eines Nachts einsam an einem Magendurchbruch. Im diesem zweiten Teil geht es um das Leben danach. Denn sie leidet an den Folgen dieser Ehe: Sie muss gegen den Vorwurf von Lebens-Versicherungsbetrug kämpfen, um das Haus – sie steht nicht im Grundbuch, wohl aber im Kreditvertrag. An Körper und Seele geschwächt und krank, versucht sie, den Kindern, sich und ihrem neuen Partner ein schönes Zuhause zu schaffen, aber Jochen “begleitet“ sie immer weiter.
Ihre Erfahrungen mit ihm drängen sich auch in die neue Zweisamkeit. Ihr Ekel vor Bier und Bierfahnen belastet auch ihren Partner. Mitten hinein in all dies: Probleme als Patchworkfamilie mit dem Stief-Sohn. Dann stirbt die Mutter des Partners. Später stirbt ihre Ex-Schwiegermutter. Am Ende auch ihr Seelenhund Knuddel. Und auch sie selbst erhält die Diagnose: Krebs.
Typisch Lexa aber, traut sie der Schulmedizin nicht. Beliest sich, hört in sich hinein und beschließt: „Meine Möpse bleiben dran!“ Mit Hilfe einer Ernährungsumstellung und der Naturheilkunde heilt sie sich selbst und ist heute tumorfrei.
Lexas Leben bis Anfang 2018 ist eine Zeit von hohen Höhen und tiefen Tiefen, zwischendrin fehlen aber auch ruhige, friedliche Zeiten nicht. Mit der Zeit lernt sie, dass sie dem, was kommen wird, nicht entgehen kann: „Was für Dich bestimmt ist, findet Dich überall!“

Die Frage, wie sie mit all diesen Schicksalsschlägen zurechtkommt, woher sie die Kraft nimmt, beantwortet sie im Buch selbst: Nach einigen außersinnlichen Erfahrungen, gerade mit den ihr nahe stehenden  Sterbenden, weiß sie heute für sich: „Müsste ich meinen Glauben genau beschreiben, würde ich über eine gewaltige Energie sprechen, welche in uns Menschen schlummert, über jeden Angriff von außen und alle Verletzungen erhaben. Unzerstörbar … Hat eine Energie ihre Hülle verbraucht, tritt sie aus und geht zumindest nicht verloren … Mit diesem Blick in eine sanfte, leichte Welt ohne den Ballast des irdischen Daseins kann ich nun deutlich gelassener weiterleben.“

Nämlich genau JETZT. Letztlich gibt es ja immer nur das Jetzt.

Ach, ich könnte Ihnen noch viel mehr verraten, liebe Leserinnen und Leser. Dass Krebs keine Himbeeren mag? Dass sie Hunde vor der Tötung rettet? Dass das Nachbargehöft abbrannte?
Lesen Sie lieber selbst. Schon allein Lexas Schreibstil wird Sie einfangen: Authentisch wäre das heutige Modewort dazu. Aus dem Bauch heraus. So, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Oft mit einem Grinse-Smiley im Gepäck. Lebhaft, lebendig, rastlos. Niemals langweilig.

  Anja Wilhelm

LEXA WOLF
Nach Deinem Tod
464 Seiten, Taschenbuch, Books on Demand Norderstedt
ISBN 978-3-7528-7839-4, 18,90 Euro


Der Ernaehrungskompass von Bas Kast

Der Ernährungskompass

Was soll ich denn nun bloß essen?

Hmm. Ich kenne doch die Ernährungspyramide. Wozu soll jetzt auch noch ein Ernährungskompass gut sein? So dachte ich, als das Buch nun vor mir lag. Skepsis. Aber wenn es doch auf der Spiegelbestsellerliste die Nummer 1 ist, schon wochenlang?

Und siehe da: Beim ersten Durchblättern verwandelte sich Skepsis dann plötzlich in große Neugier. Und das lag nicht nur an den Mäusen. Ja, auf einer Seite zwei Strichmäuse von oben. Eine dünn, die andere dick. …? Dazu die Ergebnisse einer Studie: Die eine hatte täglich 24 Stunden Futter im Angebot und fraß auch ständig. Die andere, die schlanke, nur in einem Zeitfenster, nämlich nur tagsüber.
Und solche, für die meisten von uns völlig unbekannte Studien, zieht das gesamte Buch zu Rate. Der Untertitel lautet: Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung.

Inzwischen bin ich begeistert von diesem Kompass. Bas Kast, Wissenschaftsredakteur beim Tagesspiegel, hat nicht nur in jahrelanger Klein-und Feinarbeit fast alle gängigen, oft auch gegensätzlichen Ernährungsweisheiten und Diäten wie z.B. Low-Carb, Low-Fat, Atkins, Mittelmeerdiät und viele weitere unter die Lupe genommen, Studienergebnisse aus aller Welt verglichen und ausgewertet – er beschreibt es auch recht leicht les- und verstehbar, manchmal sogar heiter. Und zwar bis hin in die chemische Zusammensetzung von Fetten (gesättigte, ungesättigte) und was genau sie im Körper bewirken, oder was Insulinresistenz ist und was sie verursacht, was wirklich dick machen, Diabetes und Herzprobleme verursachen kann – und unheimlich Spannendes viel mehr.

Irgendwann während der Lektüre wird so mancher nicht umhin kommen, seinen Erläuterungen irgendwie Glauben zu schenken. Sie scheinen wohl auch Widerwillige überzeugen zu können. Zumindest dazu, einfach mal verschiedene Dinge für sich selbst auszuprobieren. Eingeschliffene Essgewohnheiten („Bei uns gabs doch immer Kartoffeln mit Soße und Fleisch) mal zu hinterfragen. Oder gar zu ändern. Mal genauer darüber nachzudenken, was wir unserem Körper eigentlich jeden Tag antun oder Gutes tun. (Manchmal, scheint es, machen wir uns über unsere Autos mehr Gedanken: Bloß kein schlechtes oder falsches Benzin tanken!).

Das Buch regt dazu an, mal nicht einfach zu glauben, was uns die Lebensmittelindustrie und die Produkte im Supermarkt vorgaukeln, und auch dazu, mal nicht die Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung einfach so hinzunehmen …

Nur kurz ein paar seiner Erkenntnisse zur Information, liebe Leser/innen. Die Studien und Erklärungen dazu aber erläutert dann das Buch selbst:

Olivenöl: Mehrere Esslöffel am Tag! Brot: Je dunkler und körniger, desto gesünder. Zucker: Finger weg vom Haushaltszucker (Stichwort Fruktose). Fruchtsäfte, Cola &Co: Die Dickmacher Nummer 1! Fett: Macht nicht automatisch fett! Fleisch: Nur als Sonntagsbraten, lieber Fisch (fetten!) essen. Eiweiß: Fungiert als Sattmacher, zu viel ist aber nicht gut. Milch: Nicht unbedingt, Joghurt aber unbedingt!

Das nur als eine kleine Auswahl. Und immer gibt es zu diesen Aussagen fundierte wissenschaftliche Erläuterungen, teils sogar anhand internationaler, unabhängiger Meta-Meta-Studien.

Weshalb hat sich Bas Kast eigentlich diese riesige Mühe für uns gemacht?

Nicht für uns Leser/innen tat er das ganz zu Beginn, sondern für sich selbst. Jahrelang war Junkfood seine Ernährung. Chips zum Abendbrot. Als er trotz Joggens dann doch irgendwann ein Bäuchlein bekam, wurde er stutzig. Aber als er mit Anfang 40 plötzlich an schweren Herzattacken litt, zwang ihn das zum Nachdenken. Seine Frage damals war: Was soll ich essen, um mein Herz zu schonen?
Wie ein Besessener sammelte er Wissen, Fakten, Studien aus originalen Forschungsquellen aus aller Welt. Und stellte nach und nach seine eigene Ernährung um. Er probierte aus, wie ihm dies oder jenes bekam, wie er sich fühlte. Sein Bäuchlein ist heute ohne Mühe verschwunden und sein Herz vollkommen in Ordnung.
Ist das nicht eine schöne Nachricht? Mit dem, was wir täglich essen und trinken, könnten wir Übergewicht vermeiden, Altersleiden hinauszögern, einige Krankheiten vielleicht sogar wieder loswerden. Dieses Buch könne Leben retten, schätzte ein Buchkritiker sogar ein.
Was der Autor noch vermitteln will: „Es hängt von unserem Körper ab, wie gut wir auf eine bestimmte Ernährungsart ansprechen. … Deshalb kommt es zuletzt auf den Selbstversuch an …Die Zeiten einheitlicher, starrer Ernährungsrichtlinien, die die individuelle Situation nicht berücksichtigen, sind vorbei.“

Ich für meinen Teil habe aus Neugier während der Lektüre dieses Buches gleich dies und jenes an Veränderung ausprobiert. Nur ein kleines Beispiel (außer der seitdem viel rascher leer werdenden Flasche Olivenöl): Trotz der empfohlenen mindestens zwei bis drei Handvoll fettreicher Erdnusskerne (naturell) pro Tag nahm ich nicht zu, sondern mühelos und unbeabsichtigt einfach so zwei Kilo ab. Vielleicht nicht „trotz“, sondern „wegen“?

Lassen Sie sich doch selbst überraschen …

Anja Wilhelm

BAS KAST
Der Ernährungskompass
320 Seiten, geb., c. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10319-7, 20 Euro


Silla

Vom Alk zum Hulk

Silla, den jüngeren Lesern vielleicht als Rapper und Kraftsportler bekannt, hat sein gesamtes Leben rückhaltlos rekapituliert, schon im Alter von 32 Jahren. Grund ist sein Aufenthalt in einer Entwöhnungsklinik, mit dem Wunsch, seinem Leben einen neuen Anfang zu ermöglichen.

1984 wird Matthias als Sohn eines Beamten in West-Berlin geboren. Er verbringt eine gutbürgerliche Kindheit und Jugend im Ortsteil Mariendorf, als er erstmals in der 7. Klasse Cannabis raucht und später Alkohol trinkt. Wegen des Diebstahls des Klassenbuchs muss er die Schule wechseln und lernt neue „Freunde“ kennen, die ihm neben Alkohol und Drogen auch ermöglichen, einen Fuß in die Musikbranche zu bekommen, als „Godsilla“. Sein Debütalbum 2004 heißt „Übertalentiert“. Es kreuzen viele Rapper, mit Namen wie z.B. „Bushido“, „King Orgasmus One“, „Fler“ oder „Sultan Hengzt“, seinen Weg. Dabei: Alkohol, Alkohol, Cannabis. Ausgiebig werden die Konzerttouren und die Feiern mit den Abstürzen beschrieben. 2009 wird Matthias in die Berliner Charité mit 4,9 Promille eingeliefert und wird wiederbelebt.
Das Ende von „Godsilla“ kommt 2010 in Form eines japanischen Konzerns, der die Namensrechte an dem Monster hat. Ohne „God“ geht die steile Karriere als „Silla“ weiter. Dabei: Alkohol, Alkohol, Cannabis. In einer Trockenphase wendet er sich dem Kraftsport zu und beginnt eisern, täglich Gewichte zu stemmen und sich vom unscheinbaren Matthias zum Muskelmann zu entwickeln. Nebenher liefert er Pizza aus, um seinen Unterhalt zu verdienen, macht aber weiter Musik. Er trifft seine Traumfrau, zieht mit ihr zusammen. Dabei: Alkohol, Alkohol, Cannabis. Beziehungskatastrophe, Rückfall, Entwöhnungsbehandlung.
Diese flüssig geschriebene Lebenserinnerung dürfte natürlich die Fans der Rap Musik interessieren. Bemerkenswert ist, mit welcher rückhaltlosen Offenheit Silla sein Leben, seine Gefühle, seine Ängste, seine Erfolge, aber auch seine Misserfolge von Anfang bis Ende der Leserin und dem Leser nahebringt. Er beschreibt sehr plastisch seinen fortwährenden Kampf mit und gegen das Monster Alkohol. Wenn man die sehr interessanten Einblicke in das Musikbusiness abzieht, zeigt sich eine knallharte Alkoholikerkarriere mit allen Folgen. Daher kann diese Autobiographie vielleicht für manchen alkoholaffinen Menschen erhellend und erschütternd wirken, denn der vorliegende Titel zeigt mal wieder, welche Verheerungen das Zellgift Alkohol anrichtet. Silla kämpft bis heute, mit erst 34 Jahren, mit seiner Krankheit, die er sich in jungen Jahren zugezogen hat.

Torsten Hübler

SILLA
Vom Alk zum HUlk
206 S., geb., Edition Riva, München, Berlin; ISBN 978-386883-833-6, 19,99 Euro


Selbsttest einer „Normal“-Trinkerin:

Ein Jahr ohne Alkohol

„Nüchtern betrachtet, war‘s betrunken nicht so berauschend“, fasst der Buchtitel das Experiment der Autorin zusammen.

Susanne Kaloff, die weltreisende Lifestyle-Redakteurin aus Hamburg, hatte sich vorgenommen, ein Jahr lang auf Alkohol zu verzichten. In ihrem Falle auf edle Weine, Gin Tonic, Brandy, Sekt und Champagner. Meist getrunken bei offiziellen Anlässen, Partynächten, Geburtstagsfeiern, eher selten allein daheim. Und schon gar nicht täglich. Sie ist nicht alkoholabhängig. Wohl aber gewohnt, zu diesen und jenen Gelegenheiten zu trinken. Mit den anderen, für die es ebenso „normal“ ist. Manchmal bis zum Absturz – und sogar zu einem echten Sturz.

Soberness ist das neue Zauberwort aus den USA, eine Art Gesundheitsbewegung, die alles weglässt, was das pure Sein vernebelt. Alkohol und Drogen vor allem. Darauf ist Susanne Kaloff neugierig. Was passiert mit mir, in mir, mit den anderen, wenn ich nicht mehr trinke, mittrinke? Weshalb trinke ich überhaupt? Wie geht das, ohne Alk in einer Gesellschaft, in der das Gläschen oder Fläschchen einfach dazugehört? Und wie wird es mir nach einem trockenen Jahr gehen?

Ja, wie wohl? Dies gleich einmal vorab: „Vor allem merke ich: Ich möchte nie wieder einen Rausch haben. Nicht mal einen Schwips.“ Einmal hat sie aber tatsächlich Lust, nach einem Jahr ohne Alk, zufällig wird ihr ein viertel Glas edler Champagner serviert, sie nippt. „Es ist ein makelloser Schluck Alkohol, ich trinke ihn sehr langsam, aber er lässt mich so kalt, als fließe Eiswasser durch meine Adern.“ Sie benötigt Alkohol also nicht mehr. Er lässt sie kalt …

Irgendwie ist dies doch der Traum eines jeden trocken lebenden alkoholkranken Menschen: Der Alk wird uns total egal …

Was nur ist also in diesem einen Jahr mit der Autorin passiert?

Natürlich stand da kein MUSS bei ihr jeden Tag neu vor der Tür. Sie hätte die Abstinenz einfach abbrechen und wieder trinken können. Das Abstinent-bleiben-müssen, die Angst vor einem Rückfall, die alltägliche Vorsicht – diesen überlebensnotwendigen Druck hatte sie einfach nicht. Sie konnte irgendwie leichter, freier beobachten, was geschieht. Freier entscheiden, was geschehen soll. Auf diese Reise nimmt sie uns mit. Detailliert und oft ironisch-salopp.  Und dieser freiere, unverkrampfte Blick erlaubte ihr auch, so finde ich, Dinge zu erkennen, zu erfühlen, die uns trockene Leser/innen bestärken könnten. Uns unterstützen könnten, zufrieden abstinent zu leben. Wenn schon jemand, der eigentlich saufen dürfte, überzeugter Nichttrinker wird?

Ja also, wie erging es ihr nun?

Mit einem Glas Wasser statt Wein in der Hand, wird sie sogar manchmal gefragt, ob sie Alkoholikerin sei. Sie fühlt sich ausgegrenzt von Gesellschaft und Geselligkeit. Sie fühlt sich wie das schlechte Gewissen der Trinkenden. Ihr wird klar, dass „…Alkohol auch in den kleinsten Mengen einen Weichzeichner auf die Tatsachen legt.“ Und sie kommt sich selbst, ihrem Selbst, auf die Schliche: „…in Wahrheit hat Alkohol die Wirkung eines Pflasters: Er deckt bloß die Oberfläche vorübergehend ab.“ Sie lernt, sich auszuhalten ohne all das. Jedes Gefühl, das sie sonst vielleicht mit Wein gedeckelt hätte. Das aber ist schwer: „Es ist so schwer, dass ich seit einer Woche beinahe täglich mit dem Gedanken spiele, aufzuhören. Oder eher, anzufangen. Anfangen ist ganz einfach. Man trinkt einfach wieder.“ Aber sie kämpft sich durch. Hält Traurigkeit aus mit einem Grünen Tee, Wehmutsanfälle mit Zitronenwasser. „Man wird bewusster, in jeder Situation. Bewusstsein schützt einen aber nicht vor unangenehmen Gefühlen, im Gegenteil. Man nimmt alles eher intensiver auf, das Schöne, das Hässliche, das Böse und das Gute. Alles, was man fühlt, ist hausgemacht, ohne Zusatzstoffe …“ Und so erlebt sie aber: „Selbst Scheißtage sind nüchtern besser“. Ein Trip in die Freiheit also, so auch der Untertitel des Buches.

Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Lesen Sie selbst – ich kann es nur empfehlen. Mir war die Autorin mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen eine wunderbare tägliche Begleitung über die Tage des Lesens hinweg, fast wie eine große Schwester an meiner Seite in meinem täglichen Trockenbleiben.

Anja Wilhelm

 

SUSANNE KALOFF

Nüchtern betrachtet war‘s betrunken nicht so berauschend

Ein Trip in die Freiheit

252 S., Taschenbuch, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70133-9, 14,99 Euro


„Running man“ Charlie Engle

Ein Ultralauf zurück ins Leben

Vielleicht eine Suchtverlagerung?
Das kam mir als erstes in den Sinn während des Lesens.

Denn weshalb quält sich ein Mensch zum Beispiel 7500 km laufend durch die Wüste Sahara, trotz offener Blasen, Infektionen, Verletzungen an Muskeln, Knochen, trotz Schwäche und Schmerzen?
Ja, weshalb tut sich Ultra-Marathonläufer Charlie Engle aus den USA so etwas an?
Antwort im Klappentext: Er läuft sich zurück ins Leben!
Aus dem Drogenrausch zum Runners High, erklärt auch schon der Untertitel des Buches.

Vorab:
Charlie Engle gibt es wirklich. Er ist einer der bekanntesten Ultra-Marathonläufer der Welt. Ultra-Marathon? Das bedeutet oft Strecken von 100 Kilometern und noch viel mehr, quer durch Wüsten, Dschungel oder Gebirge. Diese abenteuerlichen Erfahrungen, ob bei Läufen in Südamerika, Asien oder Afrika, beschreibt er in seinem Buch. Die Qualen. Die Schmerzen. Und wie er sich immer wieder überwindet, nicht aufzugeben.

Aber seine Geschichte beginnt er noch viel früher … Aufgewachsen als Hippieeltern-Kind, macht ihn damals das Laufen schon immer irgendwie glücklich. Als Student allerdings steigt er um auf Alkohol, später zusätzlich noch Kokain. Immer auf der Suche nach dem Kick, nach Erfüllung von außen. Tagelange Orgien, Black-Outs. Sein Familienleben steht auf dem Spiel, er hat eine Frau und zwei Söhne. Nach unzähligen Besserungs-Geloben und Rückfällen, während seiner Therapie, gibt er sich endlich zu, dass er süchtig ist. Und beschließt, dass dies nicht heißt, weiter wie ein Süchtiger leben zu müssen.

Er nimmt nach dem Klinikaufenthalt gleich am ersten 12km-Lauf in der Nähe teil, geht als einer der Letzten durchs Ziel, aber: „Ich spürte ein … ganz neues Gefühl. Ich fühlte mich clean. Mein Körper war frei von Drogen und Alkohol. Nichts verdeckte den Schmerz oder vernebelte die Anstrengung.“

Die Meetings der Anonymen Alkoholiker stützen ihn. „Und jetzt füllt all diese Zeit mit etwas anderem. Mit etwas Sinnvollem“, hört er. Und wendet sich dem Laufen ernsthaft zu. „Nichts anderes verschaffte mir das Gefühl, so rein zu sein, so konzentriert und so befriedigend verausgabt … Diese überschäumende Ausschüttung von Endorphinen … war reiner und wohltuender als jeder Rausch, den ich je nach der Einnahme von Drogen verspürt hatte …“

Er trainiert nun täglich. Er nimmt an berühmten Wettkämpfen teil, weltweit. Für das Projekt Sahara-Durchquerung gewinnt er zwei Freunde. 100 km pro Tag durch die Wüste. Sie leiden, täglich mehr. Werden immer schwächer. Detailliert beschreibt er, wie es ihnen ergeht. Und wie sie über die Schmerzen hinausgehen. Bis gar nichts mehr zu gehen scheint … „Ich wollte, dass wir  litten … dass wir alle leer waren. Das war die einzige Möglichkeit …dass etwas Neues Platz in uns finden konnte.“

Mit diesen Abenteuern aber ist es jäh zu Ende: Trotz (sehr viel später erst erwiesener) Unschuld wird er wegen Bankbetruges angeklagt, muss 21 Monate in ein Bundesgefängnis, gerade eben operiert am Meniskus. Dort versucht er, zu überleben, irgendwie. Besinnt sich wiederum aufs Laufen. Beginnt langsam auf dem Gefängnisareal. Manchmal läuft er in der Zelle (674 Schritte auf der Stelle, Fuß 15 cm über den Boden anheben dabei = 1 Meile). Später schließen sich ihm Insassen an, eine Laufgruppe gründet sich. Und eines Tages nimmt er imaginär am gerade stattfindenden Bad Water Marathon teil: Er läuft die 160 km an zwei Tagen auf dem Gefängnishof …

Wie es nach dem Gefängnis weiterging? Lesen Sie am besten selbst. Ich verspreche Ihnen, liebe Leser/innen, fast Abenteuer-Spannung in jeder Zeile, auf jeder Seite!

Und: Falls diese extreme Laufleidenschaft doch eine Suchtverlagerung sein söllte, wäre es zumindest eine drogen-und alkoholfreie Beschäftigung, oder? Aber aus Wissenschaftskreisen heißt es sowieso: „Positive Süchte sind eines der nachweislich wirksamen Elemente, die zum nachhaltigen Erfolg der Abstinenz beitragen“ (Suchtfibel 2009, S. 441).

Anja Wilhelm

CHARLIE ENGLE

Running man

Unimedica

328 Seiten, geb.

ISBN: 978-3-946566-89-2

19,80 Euro


Wie verlernt man das Fürchten?

Gummistiefel statt Pumps – wann immer sie auf die Straße raus musste.
Das schien bei Hanka Rackwitz (TV-Maklerin, RTL-Dschungelprinzessin) eins ihrer Markenzeichen zu sein. Die Gummistiefel-Macke eben.
Aber der wahre Grund wurde erst seit ihrem Outing 2016 öffentlich: Sie litt an Zwangsstörungen. Vor allem Kontaminations- und Kontrollzwangshandlungen bestimmten ihren Alltag, tatsächlich von früh bis spät. Nur der Schlaf erlöste sie für ein paar Stunden davon.

Gummistiefel sind nun mal leichter zu desinfizieren als andere Schuhe …

Stellen Sie sich einmal vor, auch wenn es fast unvorstellbar ist: Sie sitzen an einem Café-Tisch in der Sonne. Ohne die Arme aufzustützen natürlich, der Tisch könnte mit dreckigem Tuch abgewischt worden sein. Eine Dame setzt sich auf den anderen freien Platz, kurz, nachdem sie – Sie haben das registriert, weil Sie stetig auf den Boden schauen – auf eine Zigarettenkippe getreten war. Dann schlägt jene das Bein übers Knie. Dabei berührt sie unabsichtlich mit dem „verseuchten“ Schuh IHRE HOSE! Horro-Szenario, Panik! Jetzt müssen Sie aufpassen, dass nichts mit dieser kontaminierten Stelle an Ihrem Bein in Kontakt kommt. Hoffentlich nicht Ihre Einkaufstüte. Dann ist sie auch verseucht und muss samt Inhalt in den Müll. Bloß nicht daheim auf die Couch setzen, dann ist die auch verkeimt. Also jetzt schnell nach Hause, Hose ausziehen. Beine desinfizieren. Hose in die Waschmaschine, mit Desinfektionsmittel mehrmals waschen. Hände desinfizieren.

So beschreibt Hanka Rackwitz nur eine einzige Mini-Situation von vielen, vielen aus ihrem Zwangsalltag! Hinzu kommen Ess-Ängste – die Lebensmittelverpackungen könnten kontaminiert sein. Kontrollzwänge: Ist der Wasserhahn auch wirklich zu, der Herd aus oder müssen wegen mir Menschen sterben in einer Feuersbrunst?

Irgendwann traut sie sich kaum noch hinaus. Vereinsamt sogar.

Rechtzeitig bemerkt sie aber auch noch, dass Alkohol ihre Zwangsgedanken herrlich betäubt, deshalb achtet sie nun sehr darauf und schränkt ihren Konsum stark ein.

Nach mehreren ambulanten Therapien, die teilweise halfen, entschließt sie sich eines Tages zu einer stationären Therapie. Von dort, aus der Klinik, schreibt sie ihr Buch. Erklärt, was Zwangsstörungen sind (psychischen Störungen, es besteht ein innerer Zwang oder Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun). Berichtet von ihren Fortschritten mithilfe der kognitiven Verhaltenstherapie, der Konfrontationstherapie und eines Achtsamkeitstrainings: Sie erlernt, den Zwangsgedanken keine Zwangshandlungen mehr folgen lassen zu müssen. Kann zum Schluss sogar barfuß über den Teppichflur gehen, Türklinken ohne Gummihandschuhe benutzen, sich nur 10 statt 80 Mal am Tag die Hände waschen und vieles mehr. Sie geht dabei über ihre Angst und Panik und Tränen weit hinaus …

Und ist heute glücklich darüber, dass das Leben so viel leichter geworden ist. Dass sie die Freiheit im Denken und Handeln zurückgewonnen hat.

Das erinnert mich sehr an uns Alkoholkranke: Auch wir konnten erleben, wie sehr der Trinkzwang mit allem, was dazu gehört, unser ganzes Leben, jeden einzelnen Tag, bestimmt hatte. Und wie frei im Denken und Handeln wir dann wieder werden durften, abstinent.

Was die Autorin mit ihrem sehr lebendig und unterhaltsam geschriebenen Buch – aus jeder Zeile „guckt“ die Hanka, die die TV-Zuschauer kennen und mögen, heraus – bezweckt, lasse ich sie hier selbst sagen:

„Ich hoffe so sehr, dass ich …dazu beitragen kann, dass sich der eine oder andere besser und verstanden fühlt und den Mut bekommt, sich noch mehr helfen zu lassen, um seiner Einsamkeit und dem Leid zu entfliehen …“

Anja Wilhelm

HANKA RACKWITZ

Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen: Wie ich meine Zwänge, Ängste und Neurosen besiegte
215 Seiten, Softcover
mvgverlag
ISBN 978-3-86882-910-5
16,99 Euro


Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, von Axel Hacke

Über die Unmöglichkeit des Herrn Hacke, mit Anstand ein Buch zu schreiben

Axel Hacke schrieb früher für die „Süddeutsche Zeitung“, ist Kolumnist und Bestsellerautor. Der Autor will im vorliegenden Band der Frage des Anstandes nachgehen, auch will er Gedanken über die soziale Interaktion des Menschen äußern. Sehr häufig verwendet der Autor in Zusammenhang mit seiner Person den Begriff „Bier“ und der meistgenannte Ort ist „Dresden“.

Nun könnte man meinen, der Autor setzt sich mit der in Dresden beheimateten Pegida und deren alkoholisierten Mitläufern auseinander. Vielleicht auch mit der Semperoper in Dresden und der dazugehörigen Bierwerbung. – Falsch. Hacke setzt sich mit gar nichts auseinander. In einem knapp 200- seitigen Wortschwall, der nicht durch Kapitel oder ähnliche Strukturen in geregelte Bahnen gelenkt werden soll, gelingt es der Edelfeder aus München, weder dem Leser (s)eine Definition von Anstand begreiflich zu machen, noch eine Lösung zu entwickeln, um den von ihm nicht definierten, aber trotzdem behaupteten schwindenden Anstand zu retten.

Das Buch beginnt in einer Kneipe, wo sich ein Ich-Erzähler und sein Freund jeweils ein Bier bestellten, wobei das eine Bier aus einer angeblich umweltschädigenden Brauerei stammen soll und der Freund ein anderes bestellt. Der Ich-Erzähler denkt, „ein anständiger Kerl“, so ist der Beginn des in der Spiegel-Bestsellerliste unverständlicherweise unter „Sachbuch“ eingruppierten bierseligen Geschwafels über dies und jenes. Loriots Trickfilm über den kaputten Fernseher („… Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe“) wird seitenlang beschrieben, es werden seitenlang relativ belanglose Chats zu völlig irrelevanten Youtube-Filmchen protokolliert. Dazwischen wirft der „Freund“, der dem Leser nicht weiter vorgestellt wird und im Verrinnen der Seiten drei bis vier Bier trinkt, ansatzlos Weisheiten ein. Neben den langwierigen und detailreichen Schilderungen von Banalitäten wird der Rest der knapp 200 Seiten mit für den wohlmeinenden Leser grundlos eingeführten Autorinnen und Autoren mit langstieliger Beschreibung ihrer Bücher gefüllt. Auch Literaturnobelpreisträger Albert Camus kommt zu Wort, aber nicht direkt aus seinen Werken zitiert, sondern aus den Arbeiten einer seiner Biographinnen als Zweitaufguss. In der Wissenschaft nennt man diese Finten „name dropping“, um eine bedeutungslose Arbeit mit etwas Bedeutung aufzublasen. Ich muss zugeben, nach dem Lesen dieser literarisch-handwerklichen Frechheit war ich ratlos. Bin ich zu dumm, hatte ich etwas nicht verstanden? Ich habe es widerwillig ein zweites Mal gelesen, mit gleichem Ergebnis: angesoffenes Geschwafel eines Lohnschreibers, der wahrscheinlich seine Vertragsverpflichtungen zum Thema „Anstand“ gegenüber dem Verlag termingerecht einlösen musste und das in wenigen Stunden heruntergehackt hat, um ans Honorar zu kommen.

„So haut man den Leser übers Ohr“ (Mark Twain), dachte ich. Man nehme einen bekannten Namen, einen renommierten Verlag und ein aktuelles Thema, packe dies ansprechend in ein gut ausgestattetes, schönes Buch und fertig ist der Bestseller für 19,00 Euro, ein Geschenkbuch im angenehmen Format, was keiner lesen muss und keiner lesen soll, Inhalt irrelevant. Erst später wurde mir klar, es ist eine Eulenspiegelei des Axel Hacke, er will den Leser/Käufer vorführen und es hat geklappt. Hacke konnte mich bis zum Ende des Buches foppen und vorspiegeln, es gehe ihm um das Thema „Anstand“ in unseren Zeiten, dabei ging es darum, dem Leser eine Lektion in Nicht-Anstand zu geben. Wenn man das verstanden hat, dann erklärt sich der Rest.

Torsten Hübler


Ich sehe dich sterben

Autobiografie einer Co-Alkoholikerin

Lesen Sie dieses Buch … wenn Sie sich trauen!
Denn diese wahre, beklemmende Geschichte bis zum bitteren Ende mitzuverfolgen fordert doch irgendwie Mut ab.
Jedenfalls ging es mir selbst so. Oft genug wollte ich es, einmal aus der Hand gelegt, nie wieder aufschlagen. Aber dann musste ich doch immer wissen, wie es weitergeht …
Das mit dem Mut – dazu komme ich aber später.

Vorab, worum es geht: Kurz zusammengefasst, schreibt sich die Autorin Lexa Wolf (Pseudonym) ihr jahrelanges Zusammenleben mit einem alkoholkranken Partner von der Seele. Es beginnt in großer Liebe und voller Hoffnung, seine Trinkerei ändern zu können. Und endet, als er einsam, körperlich und psychisch vom Alkohol gezeichnet, an einem Magendurchbruch stirbt.

Das Dazwischen ist es, was die meisten Seiten des Buches einnimmt:

Detailliert beschreibt sie den Alltag mit ihrem Jochen. Wie sie die Alkoholsucht irgendwann erkannte, aber noch dachte, er müsse doch einfach nur aufhören zu trinken. Die unvermeidliche Entwicklung vom Kasten Bier am Abend bis zum versteckten Schnaps im Keller. Das Warmtrinken vor der Arbeitsschicht. Dann das Trinken im Job bis zum Jobverlust. Sie berichtet von verbalen Ausfällen des Betrunkenen, von Beleidigungen, schlimmsten Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt.

Nur eine Szene aus der letzten Zeit der Ehe hier als Beispiel: „Polternd schleudert er den Stuhl an die Schrankwand, greift mir mit einer Hand unters Kinn und hebt mich an. Seine Stirn rammt meine, sein Atem bereitet mir Übelkeit und seine Augen jagen mir Schauer über den Rücken. … Es folgen noch Worte, die ich keinesfalls niederschreiben kann und es folgen Handlungen, die sich nun jeder in seiner Phantasie ausmalen kann oder es besser sein lässt. Jedenfalls lande ich mit dem Rücken am Kühlschrank, dessen Griff sich mir schmerzhaft in die Schulterblätter bohrt. Ich schreie auf …“

Sie hat Angst, er droht ihr sogar, sie zu töten, wenn er betrunken ist. Und sie hat Angst und Sorge um ihre Kinder. Sie beschreibt, wie sie ihm dennoch bei kalten Entzügen daheim die verschwitzte Bettwäsche wechselt, den Brecheimer hält. Immer wieder hilft sie ihm. Und niemand erfährt, wie es ihr wirklich geht. Sie wahrt nach außen „Gesicht“ und das Lächeln.

Mehrfach stellt sie ihm ein Ultimatum: Therapie oder ich bin mit den Kindern weg. Doch danach, auf dem Weg von der Klinik nach Hause, hat er schon wieder Bierkästen im Kofferraum des Autos.

Trockene Zeiten, in denen (fast) alles wieder schön ist, ihr Jochen fast der alte, in den sie sich einst verliebte, wechseln ab mit den Zeiten, in denen er zunehmend aggressiver wird.

Hoffnungsvolle Zeiten, dass sie und ihre Liebe zu ihrem Ehemann Berge versetzen könnten – auch wenn ihr Misstrauen wächst – wechseln ab mit Zeiten täglicher Furcht und auch Wut.

Die Partnerschaft ist längst keine mehr. Sie fühlt sich einsam. Und vor allem hilflos. Machtlos. Sie erkennt jetzt: Sucht ist stärker als Liebe.

Ja, sie will ihn oft verlassen. Doch warum bleibt sie dennoch so lange bei ihm? „Ich wette an dieser Stelle …, dass Millionen Frauen aus genau diesen Gründen ihre Männer nicht verlassen: Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen, sie fragen sich, womit sie ein neues Leben finanzieren sollen und sie glauben, ihren Kindern damit zu schaden. Lieber stecken sie jahrelang zurück …“. Denn genauso erging es der Autorin selbst. Sie weiß heute: „Mir ist durchaus bewusst, … dass all die Handlungen, die aus seinen Exzessen entstanden sind, gar nicht seine Schuld sind.“ Und über ihre Rolle als Co-Abhängige: „Ich bin das traurige Produkt einer langen Reise durch die flammenden Höllen des ,Alkoholteufels‘; dessen immer schuldige Handlangerin, seine kleine Bedienstete. Ich mache die Fehler und gebe ihm die Steilvorlage für seinen teuflischen Plan … Wie eine Klette hing ich an den beiden, an Jochen und ihm.“

Sie versucht, sich finanziell unabhängig von Jochen zu machen. Baut eine berufliche Existenz auf und spart heimlich. Irgendwann, in einer Ein-Tages-Aktion, gemeinsam mit guten Freunden, darunter auch ein Polizist, wagt sie den Auszug – und den Einzug in ein eigenes Haus, reicht die Scheidung ein. Ihr Noch-Ehemann stalkt und bedroht sie auch dort. Und er verwahrlost immer mehr. Einen Tag vor einem erneuten Klinikaufenthalt stirbt er.

Ach ja genau, das Thema Mut vom Beginn:

Den hat das Buch von mir tatsächlich gefordert, denn alle Geschehnisse sind so genau, authentisch, klar in ungekünstelten Sätzen beschrieben, dass man mit-erlebt, was passiert, unweigerlich. Und für einen suchtkranken Menschen kann es schwer erträglich werden, an seine eigenen Handlungen in der nassen Zeit erinnert zu werden. Mit dem Wissen dazu, dass durch den Stoff auch noch Vieles im Nebel versteckt sein könnte, an das man sich gar nicht mehr erinnert. Was mag ich selbst wohl meinen Liebsten angetan haben? Wie ist es ihnen ergangen mit mir? Wie kann ich das je gut machen? Und dann die beschriebenen Trinkszenen, Trinkphasen … ich denke, jeder, der süchtig ist, kann sich erinnern und hineinversetzen, wie es dem Ehemann erging, wie auch er gelitten hat unter der Sucht.

Ein kleines bisschen warnen muss ich vielleicht an dieser Stelle: Möglich, dass manche Situation einen suchtkranken Leser triggern könnte, das Suchtgedächtnis schläft nicht …

Mein Fazit: Das Buch bringt alkoholkranken Menschen sehr deutlich nahe, wie die eigene Sucht andere Menschen verletzen kann, zutiefst unglücklich machen, auf ewig prägen – vor allem auch die Kinder. Und es zeigt Partner/innen alkoholkranker Menschen, dass sie nicht allein sind und kann sie vielleicht sogar ermutigen, loszulassen und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, ein eigenes, unabhängiges Leben zu beginnen …

Anja Wilhelm

 LEXA WOLF
Ich sehe dich sterben
440 S., Taschenbuch,
Books on Demand, Norderstedt
ISBN 9783744830966
17,90 Euro


Zum 70. Geburtstag

Der neue Seyfried 68 50

1978 betrat der Grafiker, Cartoonist, Karikaturist, Autor und Übersetzer Gerhard Seyfried die Welt der Bücher mit seinem Cartoon Band „Wo Soll Das Alles Enden. Kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“. 1979 legte er mit „Freakadellen und Bulletten“ nach, dabei bildete er West-Berlin zu Zeiten von WGs, Hausbesetzung und links-alternativem Leben ab. Nun, nach gefühlt 20 Jahren, schenkt er sich selbst zum 70. Geburtstag wieder einen echten „Seyfried“ in Buchform.

Hauptakteur der detailverliebten Bildergeschichte ist der aus früheren Geschichten bekannte Zwille, der als arbeits- und obdachlos gewordene Comicfigur keine Unterstützung vom Sozialamt mehr erhält – da Comicfiguren ewig leben, ist das dem Staat zu teuer. Auf der Suche nach einem Job und einem Dach über dem Kopf gelangen die Berufskreuzberger sogar bis nach Berlin-Wannsee und Potsdam-Babelsberg. Kreuzberg, korrupte Politiker und natürlich Spekulanten mit ihrer Gentrifizierung spielen eine Rolle. Ein zweiter Handlungsstrang setzt sich mit den Auswüchsen der Medien und „Sozialen“-Netzwerken auseinander, die der Kreativität den Garaus machen wollen. Der Schluss ist überraschend und versöhnlich.

Seyfried zeichnet wie immer das Leben und den Wandel in Kreuzberg und Berlin, detailreich, liebevoll, parteiisch. Wem schon „Wo Soll Das Alles Enden.“ Und „Freakadellen und Bulletten“ vor vierzig Jahren gefallen hat, dem ist mit diesem Comic geholfen. Wer jünger ist und mit „Graphic Novels“ und „Mangas“ aufgewachsen ist, kann mal einen anständigen „Comic“ lesen und so seinen Horizont erweitern.

Die undifferenzierte Propagierung des Hanf-Konsums in diesem Band will ich nicht verschweigen, denke aber, dies ist lediglich unreflektierte Traditionspflege des 70-jährigen Zeichners. Die Leser der TrokkenPresse können bestimmt zwischen Phantasie und Wahrheit unterscheiden und wesentlich für den Plot ist es auch nicht.

Eine „Volksausgabe“ als preiswertes Taschenbuch wäre „Zwille“ zu wünschen.

Torsten Hübler

GERHARD SEYFRIED
Zwille: The Law returns to Kreuzberg!
64 S., Geb., Verlag: fifty-fifty, Frankfurt/ M.
im Vertrieb Westend Verlag, Berlin
ISBN 978-3-946778-06-6
16,00 Euro


Sucht ist eine Lernstörung (?)

Einen revolutionären Erklärungsansatz und neue Chancen für die Therapie … das verspricht der Untertitel des New York Times-Bestsellers „Clean. Sucht verstehen und überwinden“.

Das klingt spannend. Nach ganz neuen Erkenntnissen zur Abhängigkeitserkrankung. Nach neuen Wunder-Therapien irgendwie …Und die Autorin Maria Szalavitz scheint auch zu wissen, wovon sie spricht: Selbst drogenabhängig gewesen, in verschiedenen Therapien und sogar Klein-Dealerin, ist sie seit 25 Jahren renommierte Journalistin und Suchtforscherin in den USA. Etwa 40 (!) Seiten kleinschriftige Quellenangaben von Studien und Statistiken im Anhang des Buches belegen ihre aufwändigen Recherchen. Und ihre eigenen Erfahrungen mit Kokain und Heroin, wie es dazu kam und wie sie clean wurde, schildert sie auch. Zum Miterleben detailliert. Ihr Fazit: Sucht ist eine Lernstörung. Natürlich weiß sie, dass sie nicht die erste ist, die Süchte als erlerntes Verhalten beschreibt. Sie fordert vor allem Konsequenzen daraus, in Behandlung, Vorbeugung und Drogenpolitik: „Das Problem mit der heutigen Einstellung zur Sucht besteht darin, dass wir die Bedeutung des Lernens ignorieren und versuchen, die Sucht als medizinische Störung oder moralisches Versagen abzustempeln.“

Fragezeichen in meinem Kopf …

Ach ja. Genau. Es geht hier im Buch nicht um unser deutsches, international als vorbildlich geltendes Suchtbehandlungssystem. Die Autorin redet von den USA. Von den dortigen noch meist veralteten Therapieansätzen. Von den USA, wo in 14 Staaten Suchtberater weder Zulassung noch Bescheinigungen benötigen. Wo noch etwas mehr als 80 Prozent aller Suchtherapien auf dem 12-Schritte-Programm der AA beruhen. Wo noch immer harte Bestrafung vor Therapie gilt, Sucht kriminalisiert wird. Insofern liefert das Buch viele neue Informationen über den deutschen Tellerrand hinaus. Und ehrlich gesagt schätze ich nun umso mehr, in dem sicheren, menschenwürdigen Suchthilfenetz meiner Heimat aufgefangen worden zu sein.

Also: Lernstörung? Was meint die Autorin damit?
„Wenn Sie nicht gelernt haben, dass Drogen Ihnen ,helfen‘, können Sie nicht süchtig werden, selbst wenn Ihr Körper süchtig ist … (sonst) könnte man Süchte einfach dadurch heilen, dass man den Entzug durchhält.“ Genauer: „Drogenkonsum beginnt als rationale, bewusste Entscheidung und wird durch Wiederholung zum automatischen, unbewusst motivierten Verhalten … so, wie Musiker nicht mehr überlegen müssen, wie sie ihre Töne hervorbringen.“ Und noch sehr viel genauer beschreibt sie ausführlich die Dinge, die psychisch und biochemisch dabei im Gehirn vor sich gehen. Und noch viel mehr.
Das liest sich für mich sehr spannend und lebendig. Sie untermauert jede These mit ihren eigenen Kindheits-und Drogenerfahrungen und mit Studienergebnissen.

Letztendlich geht es, wenn ich das richtig verstand, darum, dass wir Süchtigen Bewältigungsstrategien entwickeln, um mit Traumata, Problemen, Gefühlen zurechtzukommen. „Selbstheilungsversuche“ mit Drogen sozusagen. Es geht uns schlecht – wir trinken Alkohol – es geht uns kurzzeitig besser (Belohnungssystem, Dopamin). Das „erlernen“ wir, es wird zur Automatik, zum Zwang.

Was folgt daraus? Dass andere Bewältigungsstrategien erlernt werden könnten. Der Autorin geht es vor allem auch um eine Richtungsänderung in der US-Drogenpolitik. Nicht hohe Gefängnisstrafen können den Süchtigen helfen, sondern Mitgefühl und Ermutigung beim Lernen. Sie stellt den neuen Leitsatz Schadensminimierung vor und Organisationen wie LEAD und ARRIVE, die bereits nach ihm arbeiten. Erfolgreich, belegen die Statistiken.

Fazit: Wenn ihr Erklärungsansatz auch für uns nicht so revolutionär zu sein scheint, wie er auf dem Cover angepriesen wird – die meisten Fachkliniken wenden hierzulande bereits die kognitive Verhaltenstherapie an, in der es zum Beispiel darum geht, Glaubenssätze, Denkweisen, Selbstinstruktionen aufzudecken, neues Verhalten zu entdecken und zu „üben“ – ist es ein sehr, sehr informatives Werk. Für Suchtkranke, um sich selbst noch besser zu verstehen ebenso wie für Therapeuten, z.B. als Sammlung verschiedenster moderner Studien und Statistiken aus den USA.

Anja Wilhelm

MAIA SZALAVITZ
CLEAN
Sucht verstehen und überwinden
416 Seiten, geb., mvg verlag, ISBN 978-3-86882-850-4, 24,99 Euro


Wenn Freund Alkohol zur Bestie wird

Drachenspuren

So schreeecklich …
Nein, nein! Nicht das Buch.

Sondern die eigene Erinnerung, die wieder hochkommt, auf jeder der 230 Seiten. Denn die Geschichte der Autorin beginnt wie die fast jedes Abhängigen. Erst ein bisschen trinken, wie alle anderen auch. Später allein, um zu entspannen am Abend. Danach das Betäuben von Sorgen, Problemen und Ängsten. Noch ist sie sich dessen nicht bewusst, dass sie Bier und Whisky „benutzt“, weil sie mit ihren Gefühlen nicht anders umzugehen vermag. Sie will sich aber beweisen, dass sie keine Trinkerin ist und entgiftet allein, bleibt ein mühevolles Jahr trocken. Es geht ihr körperlich besser, psychisch aber so schlecht, dass sie Medikamente nimmt. Der Rückfall ist vorprogrammiert. Und er kommt, für das abstinente Jahr kann man sich ja mal belohnen …

Nach folgenden Jahren mühseligen Versuchs, kontrolliert zu trinken, immer in Scham, Schuld, Lügen, Heimlichkeiten gefangen, nach körperlichem Abbau und Depressionen, erkennt sie eines Tages, dass sie so nicht mehr leben kann. Und nicht mehr will. Therapie. Gruppenbesuche. Seitdem ist sie trocken …

Dieser Erfahrungsbericht ist also nicht so neu. Bücher, die dies beschreiben, gibt es einige.
Und dennoch hebt sich dieses durch einige Dinge heraus:

Die Autorin, Mara Reven ist ein Psyeudonym, lässt Nathaniel erzählen. Und Nathaniel ist ihr Engel. Er beobachtet und beschreibt sie, ihr Denken, Fühlen und Tun, benutzt dazu auch ihre Tagebuchausschnitte. Er tut es nicht verurteilend, sondern in Güte und Geduld. Manchmal haareraufend und immer in Aktion. Er hat viel zu tun.

Anders ist auch, dass nicht nur beschrieben wird, was geschieht – sondern auch, welche Gefühle da sind, die dazu führen. Die Autorin reflektiert sich. Schaut genau nach innen. Sie will verstehen. In jeder Phase der Sucht: Was ist los mit mir? Besonders gegen Ende fragt sie sich immer wieder, welch tiefere Wurzel ihre Abhängigkeit haben könnte. Denn sie lebt inzwischen abstinent, aber wie nun umgehen mit all dem, das sie einst betäubte? Mit Angst, Unwertgefühl, Druck, Stress? „Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass man mir meine Krücken weggenommen hat … und mich jetzt ohne Waffen und ohne Heilmittel einfach auf der Straße liegen lässt. Ich weiß alles ganz genau, aber meine Gefühle scheren sich einen Dreck …Wie kann man lernen, neuem Erleben nicht mit altem Muster zu begegnen?“

Eine Psychotherapie hilft ihr dabei. Sie lernt, mit Gefühlen anders umzugehen. Lernt Meditieren, das hilft ihr sehr. Während einer Session hört sie, vermutet sie, Gott. Den, der gütig ist und alles und jeden liebt, auch die Mara, die sich immer als nicht gut genug empfand. Und er lacht sogar freundlich. Dieses Lachen Gottes, schreibt sie, begleitet sie von nun an …

Wie sagte Engel Nathaniel zu Beginn des Buches? „Ein Mensch, der viele Jahre an Krücken geht, kann nicht automatisch gleich laufen, nur weil er diese von sich wirft.“

Trockenwerdung braucht Geduld, neues Lernen, Veränderung in sich – dies bringt das Büchlein nahe.

Es schenkt Hoffnung.

Anja Wilhelm

MARA REVEN
Drachenspuren/Wenn Freund Alkohol zur Bestie wird
230 Seiten, Taschenbuch, Großschrift
Verlag AAVAA
ISBN 978-3-84590-017-9, 11,95 Euro
e-book: 6,99 Euro


 

Über Grenzen denken

Eine Ethik der Migration

Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin hat sich in einem Essay Gedanken zu Grenzen gemacht, in einem Land, das zwischen „Obergrenze“ und „offenen Grenzen“ pendelt.

Der Autor geht philosophisch ein aktuelles und scheinbar unlösbares Problem an. Weltweit sind Millionen von Migranten aus den verschiedensten Gründen unterwegs, Krieg und Bürgerkrieg, Hunger und wirtschaftliche Not, politische und religiöse Unterdrückung. Die meisten Migranten bleiben im Umfeld ihrer Herkunftsländer, da sie es meist aus finanziellen oder physischen Gründen nicht schaffen, eine Reise in die reichen und freien Teile der Erde zu unternehmen. Aber diese Reise unternehmen trotzdem Jahr für Jahr Millionen von Menschen und versuchen, in die EU oder nach Nordamerika zu gelangen. Millionen Menschen in den Zielländern versuchen dies mit verschiedenen Mitteln zu unterbinden.

Es ergibt sich so die Frage, was sind eigentlich Grenzen und wie lassen sie sich begründen? Grenzen definieren ein Staatsgebiet, die darin lebenden Menschen sind das Staatsvolk und die darin geltenden Gesetze sind die Staatsgewalt, diese Gesamtheit ist ein Staat, so die herrschende Meinung.

Der Autor teilt seine Analyse von Grenzen in der heutigen Zeit in zehn Kapitel auf, geht von den ethischen Pflichten und den verschiedenen Ausprägungen der Verantwortung (individuell, kollektiv, global) zu den beiden vermeintlichen Gegenpolen Kommunitarismus und Kosmopolitismus, um dann auf die drei Hauptgründe von Migration zu kommen, Armutswanderung, Kriegs- und Bürgerkriegsflucht sowie Wirtschaftsmigration. Daraus folgert er sieben Postulate:

  • Gestalte die Migrationspolitik so, dass sie zu einer humaneren und gerechteren Welt beiträgt.
  • Gestalte die Migrationspolitik im Inneren, also in den aufnehmenden Gesellschaften so, dass die Einwanderung als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.
  • Migrationspolitische Entscheidungen müssen mit dem kollektiven Selbstbestimmungsrecht der jeweiligen Bürgerschaft verträglich sein.
  • Die Migrationspolitik sollte so ausgestattet sein, dass sie die soziale Ungleichheit im aufnehmenden Land nicht verschärft, die Strukturen des sozialen Ausgleichs (Sozialstaat) nicht gefährdet und über alle sozialen Schichten hinweg Akzeptanz finden kann.
  • Die Migrationspolitik generell, speziell aber die Wirtschafts- und Arbeitsmigration gerichtete, hat die Nachteile, die sich daraus für die Herkunftsregionen ergeben, vollständig zu kompensieren.
  • Da Migration … bei der Bekämpfung des Weltelends und der Milderung der Ungleichheit zwischen globalem Norden und Süden (eher kontraproduktiv wirkt), sollten die Solidaritätsressourcen der Weltgemeinschaft nicht überwiegend durch transkontinentale Migration gebunden, sondern … zum Aufbau einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung eingesetzt werden.
  • Verlange von der Migrationspolitik nichts, was du nicht auch in deinem sozialen Nahbereich akzeptierst und praktizierst, und praktiziere in deinem sozialen Nahbereich, was du von der Migrationspolitik erwartest.

Anhand eines konkreten Beispiels zeigt er im vorletzten Kapitel die Legimitation von Grenzen auf, um sich im letzten Kapitel gedanklich auf den Weg zu einer gerechteren Welt zu begeben.

Der nicht leicht zu lesende Text beschäftigt sich mit dem komplizierten Thema auf grundlegend humanistische und weltsichtige Weise. Er benennt klar die Defizite der aktuellen Politik und gibt einen Ausblick auf bessere Handlungsmöglichkeiten.

 Torsten Hübler

JULIAN NIDA-RÜMELIN
Über Grenzen denken
248 S., geb., edition Körber-Stiftung, Hamburg, ISBN 978-3-89684-195-7, 20,- Eur0


 

beziehungsweise Café Milath

Ein Ü-Buch – in der U-Bahn …

So in etwa wirkt das handliche schmale Büchlein auf mich beim ersten Durchblättern: Ah, Fotos. Alte Fotos. Oh, eine leere Seite mit gelbem Kreis? Ui, keine Ecken für Eselsohren …

Lauter Überraschungen eben.

Ich lese es in der Berliner U-Bahn … Es liest sich irgendwie passend so, im berlinernden Menschengetümmel, aussteigen, einsteigen, Potsdamer Platz, Alexanderplatz … Denn genau hier spielt die Geschichte – mitten in Berlin. Sie beginnt im Jahre 1976, Elvis lebt da noch. Und ein Jahr später, wenn die Geschichte endet, ist Elvis tot. Die Maria Callas ebenso. Das wird so am Rande erwähnt. Vielleicht zur besseren geschichtlichen Einordnung. Ebenso tauchen viele andere kleine geschichtliche Anekdoten auf aus dieser Zeit.

Die Story an sich scheint einfach: Hilfskellner Urs, 30, Literaturstudium-Absolvent ohne Abschluss, arbeitet tagein, tagaus im Café Milath am Luise-Platz. Das Café ist damals berühmt für sein selbstgemachtes Eis. Urs ist etwas schüchtern, das Gegenteil von welt-und wortgewandt – zumindest in entscheidenden Momenten. Und so verliebt er sich in die blonde Bibelschulenbesucherin Nadja, seine Aushilfskollegin – ohne ein Jahr lang die rechten Worte zu finden. Nebenher ist er auf Lebenssinn-Suche, oder muss sich um die Chefin sorgen, die bei einem Raubüberfall schwer verletzt wird, oder steckt zeitweise in unrühmlichen Lebenserinnerungen fest, und und und … Aber irgendwann dann, ein Jahr später (wie gesagt, Elvis ist nun tot) endet die Story – indem eine neue beginnt … Welche? RINGlingLING. Lesen Sie selbst.

Ich als Leserin nehme teil am Leben in diesem Berliner Café. Die Besucher, ihre Lebensgeschichten, die Dialoge, die Urs aus seiner Sicht erzählt, sind miterlebbar – als säße man mit an Tisch 2 oder 3 und das Vanilleeis zergehe einem gerade auf der Zunge wie Stammgästin Frau Mewes’ Lebensweisheiten im Ohr. Vergnüglich zu lesende Gespräche in Berliner Denkart und Schnauze.

Und: Aha. So ging es also damals zu in den Siebzigern, in Westberlin – bekomme ich einen kleinen Eindruck. Zeitreise. Auch dank alter Fotodokumente auf den vom Autor so genannten Bonusseiten …

Ein knuffiges, handtaschentaugliches Büchlein voller Gedanken- und WortWITZ(EL). Autor Herbert Witzel, der einstige Spediteur, transportiert nun Worte – in seinem vor einem Jahr gegründeten Verlag www.worttransport.de und ist übrigens ein langjährig ehrenamtlicher Autor der TrokkenPresse.

Anja Wilhelm

HERBERT WITZEL
beziehungsweise Café Milath
Eine Geschichte aus Berlin
107 Seiten,
wortransport.de Verlag – Bücher ohne Eselsohren
14 Euro


 

Ernst Bloch: Zu seinem 30. Todestag

Das Prinzip Hoffnung ist Blochs Hauptwerk. Es zu lesen ist nicht einfach, fast schon abenteuerlich zu nennen. Die Sprache schwierig, klobig, wie Felsgestein. Der Inhalt ist ein wüstes Gemenge, eine wilde, schier berauschenden Mixtur (wäre sie dazu nicht allzu schwer) aus Musik, Philosophie, Religion und Kunst. Und obwohl Bloch stets großen Wert darauf legte, als Marxist gesehen zu werden, spielen Politik und Wirtschaft darin kaum eine Rolle. Stattdessen breitet er ein mit großem Pathos vorgetragenes (kulturelles) Bild der Menschheitsgeschichte (von ihm versehen mit den Kategorien Möglichkeit, des Noch-Nicht, des Surplus und des Prinzips Hoffnung) und ihrer vor allem vom Juden-und Christentum inspirierten Hoffnung auf eine bessere Welt vor uns aus.

Seine Zielvorstellung war es, die in seinen Augen noch lange nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Welt und des Menschengeschlechts zu einer ganz anderen als der bisherigen Welt aufzuzeigen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Und dies nicht auf dem Boden bloßer Schwärmerei, sondern als etwas Reales, als eine Möglichkeit (daher die Kategorie), die in der offenen Struktur des Menschen und der Welt angelegt sei. In einer Welt und in Menschen verankert, worin alles noch am Anfang stünde, alles noch sei wie am ersten Tag, wie neugeboren und in nichts an sein Ende gelangt.

Dass aus solch einer Offenheit nicht allein ein Paradies auf Erden resultieren könnte, sondern auch das Gegenteil, ist der weiße Fleck in seinem Werk. Woran auch der Titel eines seiner letzten Aufsätze: Kann Hoffnung enttäuscht werden (eine Frage, welche er bejahte) nur wenig ändern kann. Denn sein Verhältnis zur Welt war weniger ein analytisches als das einer Weltanschauung, weshalb eine Zeit lang auch Stalin neben seinen sonstigen Lieblingsfiguren Jesus, Hegel, Marx und Karl May in die Position eines Säulenheiligen bei ihm gelangen konnte und Bloch folgerichtig die Moskauer Prozesse vehement verteidigte. Manche titulieren deshalb sein Verhalten, seine Sprache und seine Art des Philosophierens als die eines Sportreporters, als zu emotional, zu schmissig, zu laut und zu wenig durchdacht. In dieser Weise geurteilt, könnte man die Art Heideggers pedantisch nennen, bürokratisch und sein in schier unvergleichlich eng gestrickter Weise geschriebenes berühmtesten Werk – Sein und Zeit (mit den Vokabeln der Sorge, des Hineingehaltensein ins Nichts, des Geworfenseins, der Existenz, der Angst angesichts des Todes, der Begrenztheit von Raum und Zeit) als ungenießbar, als phantasielos und als phrasenhaft. Bloch hielt es (platt wie oft) für den Ausdruck der letzten Zuckungen eines untergehenden Kleinbürgertums. Nur so, wie es Heidegger unmöglich gewesen wäre, die Oktoberrevolution (wie Bloch es tat) für das Geburtsdatum einer neuen Welt und eines neuen Menschen zu halten, so wenig wäre es Bloch eingefallen, den Nationalsozialismus (wie es Heidegger tat) zur angemessenen Form menschlichen Daseins zu erklären. So gewiss Hoffnung enttäuscht werden kann, so gewiss kann sie auch Erfüllung finden. Und was wäre eine Welt schließlich ohne sie anderes als ein Höllenkreis. Nur was dann, wenn sie „Erfüllung“ fand ? Auch hier erneut zu viel an Phrase und zu wenig an Gedanken.

Nein, all dies ist letztlich keine Philosophie, denn er übersieht vollständig, dass er mit gleichem Recht ein Prinzip der Hoffnungslosigkeit hätte schreiben können (mit den Kategorien der Unmöglichkeit et al, vergleichbar den Versuchen Schopenhauers und Nietzsches dazu). Denn dort, wo er die Philosophie zu beenden sucht, dort fängt sie (das Denken) erst an. (Ganz so, wie das Leben einer Alkoholikerin mit der Nüchternheit erst beginnen kann, statt dort zu enden.)

Wolfgang Hille

 ERNST BLOCH
Das Prinzip Hoffnung
Taschenbuch, 1696 Seiten
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 554
Erschienen: 01.07.1985
ISBN: 978-3-518-28154-3
32,00 €


Jürgen

Ladies first, James Last

Nach dem Bestseller „Der Goldene Handschuh“ legt Heinz Strunk nun wieder eine kleine Geschichte über zwei Männer auf ihrer Suche nach dem Glück vor.

Jürgen, der Ich-Erzähler, ist Parkwächter in einer Tiefgarage in Hamburg, seine bettlägerige Mutter lebt bei ihm. Bernd, Jürgens bester und einziger Freund, ist Sachbearbeiter bei Westsaat mit Schwerpunkt Kaltakquise, da macht ihm keiner was vor, und sitzt im Rollstuhl. Diese Zwei stellen nun, im mittleren Alter von Jahren fest, dass eine Partnerin in ihrem Leben fehlt. Die Ansprüche der Beiden sind bescheiden, der eine äußert sich: „Ob blond, brünett oder rothaarig, spielt keine Rolle. Das Alter ist auch nicht entscheidend. Nur übermäßig dick sollte sie nicht sein, und nicht zu groß.“ Der Andere: „Ich hab auch keine großen Ansprüche: Meine Zukünftige sollte Insekten wegmachen können, keine Amalgamzähne haben und gerne kniffeln.“ Jürgen Dose hat alle Ratgeber zum Thema „Mission Traumfrau“ gelesen und zitiert das ganze Buch hindurch die Ratschläge der „Beziehungsprofis“. Theoretisch weiß er alles über Frauen (wenn sie flirten, erhöht sich angeblich die Blinzelrate), nur praktisch hat er wenig Anwendungsmöglichkeiten.

Jürgen geht es an und hat ein Date mit Manu, die sich während des Essens beim Italiener volllaufen lässt, das ergebnislos endet.

Nun gehen es die beiden Freunde und Leidensgefährten gemeinsam an, mit Speeddating, welches aber auch, trotz zweier „Augenpralinen“,  nur ins Fiasko führt.

Letzte Rettung ist die Firma „Eurolove“, die anschmiegsame Frauen aus Polen vermittelt. Beginnend mit einer Kleinbustour von Hamburg über Dortmund und Bautzen nach Breslau nimmt das Desaster seinen Lauf.

Diese an sich banale Geschichte wird durch Strunks Erzählweise veredelt. Die nicht nur aus den Ratgebern, die tatsächlich als Quellen am Ende des Titels angegeben werden, sondern aus Werbe- und Behördendeutsch entnommenen Phrasen, Stereotypen  und Worthülsen lassen die Geschichte leicht und lustig werden. „… zähl deine Geschenke, nicht deine Probleme. Denn wenn dir das Leben nur Zitronen gibt, dann mach Limonade draus.“ Und ähnlichen Schwachsinn baut der Autor in die Sätze der beiden armen Kerle ein.

Angereichert wird das Ganze noch mit skurrilen Nebengeschichten, z.B. von dem Plan des Mann aus der Stammkneipe der beiden Hauptakteure, der ins Guinnessbuch der Rekorde kommen will, indem er unentdeckt über 15 Jahre tot in seiner Wohnung liegen will oder dem Nachbarn, der jahrelang für 8.000 Petro-Dollar im Monat in einem Ölstaat als lebende Schachfigur arbeitet.

Keine große Literatur, aber ein sehr heiteres Buch, was gute Laune macht. Trotz der trüben Ausgangssituation und der Rückschläge lassen sich die Beiden nicht unterkriegen und schauen optimistisch in das Morgen.

Torsten Hübler

HEINZ STRUNK
Jürgen
256 S., geb., Rowohlt, Reinbek, ISBN 978-3-498-03574-7, 19,95 Euro


 

Tatort Krankenhaus

Hochgerechnet 21.000 Patientenmorde in Heimen und Krankenhäusern

Nach „Tatort“, Deutschlands beliebtester Krimiserie, benennen Professor Dr. med. Karl H. Beine und Jeanne Turczynski ihren neu erschienen Titel zum skandalösen deutschen Krankenhaus- und Pflegeheimwesen. Die Autoren rechnen eine aktuelle Umfrage der Universität Witten-Herdecke mit gut 5.000 Teilnehmern für ganz Deutschland hoch.

Dies ist natürlich eine hochspekulative Zahl. Beine ist Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der untersuchenden Universität Witten-Herdecke. Turczynski ist Redakteurin in der Redaktion Wissenschaft beim Bayerischen Rundfunk. Daher verwundert die sehr bodenständige Herangehensweise an das komplexe Thema Krankenhaus, Versorgung und Pflege.

Ausgehend vom Fall Niels H., dem „Massenmörder im weißen Kittel“ (Frankfurter Rundschau), welcher zugab, in Oldenburg und Delmenhorst mindesten 30 Patienten mittels Medikamenten zu Tode gebracht zu haben und weiterer spektakulärer Patientenmordfälle, soll dargestellt werden, wie die Überlastung der Pflegekräfte, die Unzulänglichkeiten des Systems und die Widersinnigkeit der Fallpauschalen einen schlechten, teils mörderischen Umgang mit den Patienten hervorrufen. Belegt wird dies überwiegend mit Zahlen aus der oben genannten Studie der Universität Witten-Herdecke und der minutiösen Schilderung von tödlichen Einzelfällen. Auch werden Auswüchse des unbestritten schlecht arbeitenden Krankenhaussystems teils mehrfach benannt, z.B. ein 93-Jähriger, dem eine neue Herzklappe implantiert wird. Um am Ende in sieben Forderungen (z. B: bessere Ausbildung, Klasse statt Masse oder Wehrt euch!) zu gipfeln, deren Adressat aber unbestimmt bleibt.

So nachvollziehbar Kritik am bestehenden überkomplexen Gesundheitssystem ist, so wenig nachvollziehbar ist der Weg, den die Autorin und der Autor gehen. Ausgehend von Mord und Totschlag fokussieren sie auf die Arbeitsbelastung und den Patientenschlüssel der Pflegenden in Deutschland und stellen dem Schweden als positives Beispiel entgegen. Sie fordern, die Ökonomisierung des Krankenhausbetriebes abzuschaffen zugunsten einer dem Patienten zugewandten Medizin und Pflege. Als Vorschlag zur Finanzierung von mehr Pflegenden pro Patient, besserer Ausbildung, Coaching und anderen wünschenswerten Dingen schlagen sie vor, die Chefarzt-Boni zu streichen, nach meiner Einschätzung ein Tropfen im großen Fass der Gesundheitsindustrie. Es wird sich sogar zu der Frage verstiegen: „Muss tatsächlich ein Medikament gezahlt werden, bei dem eine Dosis 100.000 Euro kostet?“ Eine weitere Auseinandersetzung mit der Finanzierbarkeit ihrer Forderungen findet nicht statt.

Beide vermeiden eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem weltweit teuersten Gesundheitssystem, welches nur bestenfalls mittelgute Ergebnisse liefert. Gefragt werden müsste, warum kein Geld für mehr Pflegende im System ist. Liegt es an der Aufteilung in private und gesetzliche Kassen, liegt es an der Anzahl der 200 gesetzlichen Krankenkassen? Liegt es daran, dass nicht alle nach ihrem wirtschaftlichen Leistungsvermögen in die Gesundheitskassen einzahlen? Natürlich ist bei der Verteilung des Geldes der Versicherten eine Ökonomisierung zu wünschen, man darf dies aber nicht Politikern, Lobbyisten, Krankenkassendirektoren  und Gesundheitsmanagern überlassen, auch die Pharmaindustrie ist außen vor zu lassen. Der vorliegende Titel bringt wenig Neues, breitet dies aber weidlich aus. Vielleicht wäre es besser gewesen, wirklich nur die Kriminalfälle im Krankenhaus zu reportieren, auch der Abrechnungsbetrug zählt dazu. Die Forderungen an das System hätten vielleicht in einer eigenen Publikation Platz gefunden, begründet und dargestellt anhand der immer wieder im Buch auftauchenden Studie der Universität Witten-Herdecke und deren Zahlen.

Torsten Hübler

KARL H. BEINE, JEANNE TURCZYNSKI
Tatort Krankenhaus
256 S., geb., Droemer Verlag, München, ISBN 978-3-426-27688-4, 19,99 Euro


7 Cover CannabisPsychiatrie Verlag Basiswissen

Cannabiskonsum und psychische Störungen

Michael Büge, Berliner Therapeut aus dem Suchtbereich, schreibt einen hilfreichen Praxis-Ratgeber über Cannabis, nicht nur für Fachleute.

24.000 Cannabisabhängige in der Hauptstadt sind kein Pappenstiel. Dies nur vorausgeschickt, damit der Leser die enorme Dimension des oft bagatellisierten Rauschmittels einschätzen kann. Büge geht sehr systematisch an das Thema, gibt erst Grundinformationen zum Cannabis und dessen synthetischem Ableger, sog. „Badesalze“, um dann praktische Fragen aus dem Alltag des Missbrauchenden zu diskutieren. Über die Erklärung der Sucht und den Wechselwirkungen zu psychischen Erkrankungen und Medikamenten kommt er zur Behandlung. Die Rolle der Helfer und Angehörigen wird besprochen und Vorschläge für ein konkretes Handeln im Umgang mit dem Suchtkranken werden gemacht.

Neben der guten Systematik ist auch das Druckbild sehr hilfreich, da Kernwörter fett gedruckt am Rande stehen und so ein Auffinden bestimmter Themenkomplexe erleichtert wird. Auch werden Merksätze und Beispiele verwendet, die das Büchlein zu einem hilfreichen Ratgeber machen. Geschrieben für Praktiker, Therapeuten und andere in der professionellen Suchthilfe Tätige, kann es auch hilfreich für Angehörige von Cannabismissbrauchenden sein, die sich im Bereich Cannabissucht schnell und effizient orientieren wollen. Die einzelnen Kapitel sind kurz und sehr konzentriert geschrieben. Neben den allgemeinen Themen geht es um folgende psychischen Erkrankungen und deren Wechselwirkungen mit Cannabis: Depression, Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen, ADHS und verschiedene Psychosen.

Am Ende werden noch Web-Links und ausgewählte, weiterführende Literatur aufgelistet.
Ein schneller und umfassender Einstieg in das Thema.

Torsten Hübler

MICHAEL BÜGE
Cannabiskonsum und psychische Störungen
152 S., TB., Psychiatrie Verlag, Köln, ISBN 978-3-88414-635-4, 17,95 Euro


7 cover dunkelblauDunkelblau.

 Vor drei Jahren starb der Vater an den Folgen der Alkoholsucht. Ganz allein, ja einsam sogar, in seiner Wohnung. Dominik Schottner erfuhr es damals von der Polizei am Telefon, als er, 500 km entfernt, gerade in seiner Küche steht und Kartoffelsuppe kocht …
Seitdem hatte sich der Autor auf den Weg gemacht, herauszufinden, warum das passieren konnte. Nun ist sein Buch darüber erschienen.

Ihm war immer bewusst, dass sein Vater zu viel trank. Zu viel, seit er sich erinnern kann. Schuldgefühle kamen hoch: Hätte er etwas tun sollen dagegen? Tun können überhaupt?

Er macht sich auf, quer durch Deutschland, um Verwandte, Freunde, Kollegen des Vaters zu befragen – und erinnert sich zurück in seine eigene Kindheit mit einem trinkenden Vater. Wie wurde er zum Alkoholiker? Wann und warum begann alles? Wie hätte man ihm helfen können? Hätte er Hilfe überhaupt angenommen?

Für Alkoholabhängige ist an der Geschichte des alkoholkranken Vater nichts tatsächlich neu. Wir kennen aus eigenem Erleben, wie man sich fühlt, wie man leidet, kämpft, sich schämt. Was aber neu ist: Dass sie von einem nichtsüchtigen Außenstehenden, vom Sohn sogar, erforscht und betrachtet wird. Nicht als Bewerter und Verurteiler. Nein, der Autor fahndet fast liebevoll nach Anzeichen und Ursachen. Versucht, Rat zu finden in der Suchtforschung (zum Beispiel: Kann Alkoholismus vererbt werden?), in der Suchtpolitik, bei Betroffenen.

Auf spannende und in einem für mich geübten, tollen Schreib-Stil – er ist Journalist und Radiomoderator – verwebt er diese seine neuen Erkenntnisse mit der Geschichte seiner Suche, seiner Erinnerungen und die der anderen.

So erleben Angehörige einen alkoholabhängigen Menschen, so leiden sie häufig unter ihm – ja, diese Blickrichtung mal anders herum finde ich persönlich sehr wichtig!

„Warum trinken wir eigentlich überhaupt Wein und Bier und Schnaps?“, das ist die Grundfrage, bei der der Autor landet. „Die Antwort: Weil Sie, weil ich, weil wir es so gelernt haben.“ So kommt er auf das Thema der gesellschaftlichen Akzeptanz von Alkohol. Die Universaldroge der Welt, wie er es nennt, preiswert und allgegenwärtig. Und er stellt weiter fest, dass „… dieses gesellschaftliche Klima Erfüllungsgehilfe und Henker zugleich“ für Suchtkranke wie seinen Vater ist.

Dominik Schottner teilt mit diesem Buch seine Erkenntnisse mit dem Leser – und kann vielleicht den einen oder anderen auf den eigenen unbedachten Umgang mit dem Feierabendbier oder dem Problem-Schnäpschen aufmerksam machen …

„Dunkelblau erzählt eine Familiengeschichte, die auch unsere sein könnte“, bemerkte ein Rezensent treffend, finde ich.

Anja Wilhelm

DOMINIK SCHOTTNER
Dunkelblau. Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor
254 Seiten, Taschenbuch, Verlag PIPER, ISBN 978-3-492-06062-2, 15 Euro


7 Cover Erhard

Vom Sollen zum Wollen

Lesen Sie es, dieses Büchlein … das ist meine Empfehlung: An den noch unentschlossenen Alkoholkranken. An jenen, der gerade eine Entwöhnung hinter sich hat – und an diejenigen, die schon lange trocken leben. Jeder kann den Gedanken Anton Erharts etwas für sich entnehmen, finde ich.

Denn etwas ist anders, ist besonders an diesem Büchlein in der langen Reihe inzwischen vieler Bücher von trockenen Alkoholikern: Es ist kein bloßer Erfahrungsbericht. Zwar berichtet  der Autor natürlich von seinem Weg in die Trinkerei. Vom Verlust von Ehe und Job. Von Entgiftung und Therapie. Von seinem Weg in die Trockenheit bis hin zur zufriedenen Abstinenz. Diese Geschichte gleicht den unseren. Typischen Alkoholiker-Lebenswegen. Wir können uns wiederfinden darin.

ABER: Mit seiner Erfahrung von 18 Jahren Trockenheit ist er in der Lage, auch zu reflektieren. Zum Beispiel die Warum‘s, die Wie’s. Er stellte sich selbst viele Fragen im Laufe der ersten Zeit, wie: „Ich hätte die Freiheit, weiter zu trinken, doch zu welchem Preis? Wäre ich bereit, die Konsequenzen zu tragen?“ oder „Wieso sollte ich ein Recht auf Glück haben?“ Solche Fragen teilt er mit dem Leser. Erzählt, wie er welche Antworten fand. Unwillkürlich stellt sich der Lesende diese Fragen auch selbst dann … Und Anton Erhart spricht den Leser auch sehr häufig direkt an: „Möchtest du sagen können, ich trinke keinen Alkohol mehr, und das ist gut so?“ Jeder kann sich seine Antworten dann selbst finden. Und das eben ist noch etwas sehr Besonderes: Der Autor nimmt den Lesenden an die Hand in einem Erkenntnisprozess, wenn es der Lesende denn will.

Anton Erhart schreibt nicht, um sich selbst darzustellen. Schon gar nicht, um uns seinen persönlichen Weg als DEN Königsweg aufzudrücken, Recht haben zu wollen oder gar zu sagen: Du musst dies und das! Eher wirken seine Gedanken, seine Worte, ja … mitfühlend ist vielleicht das richtige Wort. Helfen wollend, ohne Druck. Und das immer, immer positiv. Darum geht es ihm: Zu motivieren. Das tut er vor allem in Kapiteln wie „Loslassen“, „Veränderung des Denkens, Handelns und Fühlens“, „Dafür und nicht dagegen, „Auch du hast ein Anrecht auf Glück“, „Vom Sollen zum Wollen“. Er schreibt zum Beispiel: „Mir hat geholfen, dass ich Abstinenz nicht mehr als notwendiges Übel ansah und als Verzicht, sondern als besondere Leistung und Freiheit, die mich keine Energie kostet, sondern mir sogar Energie gibt. Ich habe mir erlaubt, wieder Spaß und Freude am Leben zu haben, damit ich keinen Alkohol mehr trinken möchte.“

Wie er bis dahin gekommen ist, wie er das geschafft hat, diese zufriedene Abstinenz, die nur eintreten kann, wenn man mehr ändert im Leben als nur das Trinkverhalten, das können Sie sehr detailliert in seinem Buch nachlesen.

(Übrigens: Anfangs bin ich zwar über die zahlreichen Groß/Kleinschreibungs-und Kommafehler gestolpert, weil sie manchmal etwas den Sinn veränderten – aber da das Buch im Selbstverlag ohne Lektorat erschien, kann man sich doch rasch und verständnisvoll daran gewöhnen ;-))

Anja Wilhelm

ANTON ERHART
Mach dich unabhängig – vom Sollen zum Wollen
Softcover, Taschenbuch, 144 Seiten
Verlag www.epubli.de
ISBN: 9783956454851
7,99 Euro


7 GurgelStatistik der Versoffenheit

Der Arzt Magnus Hirschfeld beschreibt das Elend durch den Alkohol im wilhelminischen Berlin

Ein Fund im Antiquariat macht die Neuausgabe des vergessenen Werkes „Die Gurgel Berlins“ von Magnus Hirschfeld im kleinen Berlin-Neuköllner wortransport.de Verlag erst möglich. Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Arzt in Berlin-Charlottenburg, bekannt wurde er als Sexualforscher, setzte sich aber auch mit der verheerenden Wirkung des Alkohols auseinander. Vor der „Gurgel Berlins“ schrieb er schon „Der Einfluss des Alkohols auf das Geschlechtsleben“, danach „Alkohol und Familienleben“, die auch einer Neuauflage harren.

In im Jahre 1905 erschienenem Werk „Die Gurgel von Berlin“ beschränkt er sich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet, den Alkoholmissbrauch in der Stadt Berlin. Dabei bedient er sich in allen drei Kapiteln eines unverdächtigen Werkzeugs, der Statistik.

Hirschfeld führt penibel auf, wie sich der Bestand der Branntweinhandlungen und -schenken langsam erhöhte, setzt dies ins Verhältnis zur Einwohnerzahl. Desgleichen schreibt er von Weinlokalen, Bierrestaurants, Schankwirtschaften und Kaffeehäusern mit alkoholischem Ausschank. Im Jahre 1905 werden 157 Berlinerinnen und Berliner von einer gastronomischen Einrichtung mit alkoholischem Ausschank versorgt, eine Steigerung um 83,8 Prozent in zwanzig Jahren, wie der Mediziner feststellt. Der Autor setzt auch die Anzahl der Schenken in Relation zur Anzahl der Berliner Grundstücke, nach seiner Rechnung befand sich in jedem zweiten Haus ein alkoholischer Ausschank. Auch internationale Vergleichszahlen zieht er heran, in Wien z.B. versorgte ein Ausschank 1.244 Einwohner.

Der Arzt Hirschfeld zeigt im zweiten Teil die katastrophalen gesundheitlichen Folgen des Nervengifts und zieht nicht nur die Berliner Statistik heran, dem heutigen Leser wird manche Kategorie der Datenerhebung absonderlich vorkommen (z.B. bei Suizid die Kategorien „wegen Laster“ oder „wegen Leidenschaft“), sondern auch die Berichte seiner renommierten Kollegen aus den großen Berliner Krankenhäusern und Nervenheilanstalten. Überraschend für den Leser ist 100 Jahre später, welches Wissen schon damals über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums bestand. Im weiteren Verlauf der Beobachtung führt Hirschfeld den Zusammenhang von Obdachlosigkeit und Alkohol sowie Kriminalität und Alkohol aus, alles unterlegt mit Zahlen und plastischen Beispielen. (Mit Interesse hat der Rezensent zur Kenntnis genommen, dass es 1905 schon den „XI. [elften] Kongress gegen den Alkoholismus“ in Stockholm gab, sich also die Medizin schon seit mindestens, aus heutiger Sicht, 123 Jahren öffentlich und international mit dem Alkoholismus beschäftigt.) Den schädlichen Folgen des Alkoholkonsums fügt der Mediziner noch eine weitere, alle Bürger betreffende, hinzu, die ökonomische. „Alle Fachleute sind sich darüber einig, dass die Belastung des Kommunalhaushalts durch den Alkoholismus in Deutschland eine sehr erhebliche ist“, führt er aus und unterlegt auch diesen volkswirtschaftlichen Aspekt mit einer Menge Zahlen. Das Kapitel endet mit dem Aufruf: „Zwei Probleme individueller Lebensführung harren heute mehr denn je der Nachprüfung und Lösung: Die Alkoholfrage und die sexuelle Frage.“ Die sexuelle Frage ist weitgehend gelöst, die alkoholische harrt noch ihrer Lösung.

Im dritten und letzten Teil befasst sich der Autor mit der Alkoholkrankenhilfe, die es auch schon gab. Er sieht Suchthilfe als Kampf gegen das finanzkräftige „Alkoholkapital“. Interessant für den Leser, es gab schon damals ein alkoholfreies Restaurant, welches aber mangels Zuspruch schließen musste. Auch hier schaut er über den Berliner Tellerrand und benennt z.B. Schweden, das seinen Rein-Alkoholkonsum von 23 Liter pro Kopf und Jahr in 1829 auf 3,6 Liter im Jahre 1896 reduzieren konnte und resigniert „ Im ganzen Königreich Schweden mit 5 Millionen Einwohnern finden sich weniger Branntweinverkaufsstellen als in Charlottenburg“. Hirschfeld zeigt die schon damals existenten zwei Säulen der Suchthilfe, die professionell-medizinische und die nichtökonomische Selbsthilfe. Er setzt seine Hoffnung auf die neue Trinkerheilanstalt in Fürstenwalde und zeigt ausführlich die Aktivitäten der verschiedenen Abstinenzverbände und –vereine, wie z.B. Guttempler, Blaues Kreuz, Heilsarmee. Er lobt die Produzenten alkoholfreier Getränke und verdammt den Markt der Scharlatane mit den „Trunksuchtmitteln“ Damals wie heute ist die Dauer der (zu kurzen) Entgiftung und Entwöhnung Thema. Auch werden Gesetzgebungsvorhaben und Steuererhebung thematisiert.

Insgesamt ein Kabinettstück, welches der Verlag ausgegraben hat. Für Medizinhistoriker bestimmt eine hilfreiche Abhandlung, kann das Werk aber auch den normalen Leser interessieren. Hirschfeld ist kein Schriftsteller und der vorliegende Band ist kein belletristisches Vergnügen, aber ein populärwissenschaftliches Sachbuch. Für Menschen, die an Kultur- oder Berliner Geschichte interessiert sind, ein lesenswertes Stück Zeitgeschichte. Es ist schon erschreckend, wie viel Wissen es im Jahre 1905 schon über die Alkoholkrankheit gab, und wie wenig in über 100 Jahren seit dem Erscheinen des Titels in Sachen Suchtbehandlung und Suchtprävention geschehen ist.

Torsten Hübler

MAGNUS HIRSCHFELD
Die Gurgel Berlins
218 Seiten, TB, worttransport.de, Berlin; ISBN 978-3-944324-70-8, 12,00 Euro


Denn sie wissen nicht, was sie tun

„Vorsicht, Erfahrungsbericht!“, möchte ich am liebsten vorher warnen.

Denn dieses Buch ist vielleicht nichts für zartbesaitete Seelchen? Es kann erschüttern. Indem es sehr detailgetreu die schleichende, tragisch-dramatische Entwicklung einer schweren Krankheit – der Alkoholsucht, schildert

Es gibt bereits so einige Erfahrungsberichte von trockenen Alkoholkranken in Buchform. Aber das Besondere an diesem von Belinda Stern ist: Sie macht es nachvollziehbar auch für Außenstehende, dass die süchtige Trinkerei keine Schwäche des Willens ist, kein Fehler des Charakters. Täglich kämpft sie darum, weniger oder gar nichts zu trinken. „Jeden Morgen beschimpfte ich mich still als Versager, Nichtsnutz, Tunichtgut. Jeden Morgen nahm ich mir vor: Heute ist mein letzter Tag mit Alk.“ … „Abends lag ich mit Entzugserscheinungen im Bett. Ich war schweißgebadet, mein Herz raste, jeder Muskel und jeder Nerv zitterte und mein Puls spielte verrückt.“ Dagegen trinkt sie dann dennoch immer wieder an … Und das heimlich. Niemand soll es bemerken, weil sie sich schämt und schuldig fühlt.

Alkoholkranke Leser werden erinnert werden … So wie ich. Mir war, als würde Belinda Stern MEIN einst nasses Dasein schildern. Sie emotionalisiert nichts, schildert ganz sachlich ihre Tagesabläufe mit Feind/Freund Alkohol. Ja, genau so habe ich dahinvegetiert als Pegeltrinkerin. Das Büchlein erinnert mich an Details, die ich längst weit hinten im Gehirn abgelegt hatte. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich ebenfalls Wein in Limoflaschen umgefüllt hatte zur Tarnung. Jeden Tag neu planen musste, wann genau ich wohl wieder einen kleinen Underberg – oder mehr –brauchen würde gegen das Zittern, um nicht aufzufallen und halbwegs gerade laufen und denken zu können. Wo ich den verstecke könnte oder einnehmen kann. Ich wusste nicht mehr so im Detail, dass ich genauso mit meinen Liebsten verbal gefochten hatte, sie beleidigt, verletzt, wie Belinda Stern. Dass jeder Tag einfach nur die Hölle war bis zum nächsten Schluck, der irgendwann auch nicht mehr befreite. Ich durchlebte alles nochmals. Wollte es gebannt weiterlesen – und wiederum auch nicht. Nach einigen Seiten musste ich das Buch immer wieder zuklappen, es bedrückte mich zu sehr.

Andererseits fühlte ich mich auch wie ein Beobachter, Außenstehender, ich konnte das Drama sehen wie in einem Spiegel, aber es war nur ein Spiegel, es war nicht mehr ICH. Teil des Gesundungsprozesses?

Die Story des Buches des Buches ist rasch erzählt:

Über den Zeitrahmen von neun Jahren schildert Belinda, Mutter von zwei Kindern und mittlere Angestellte einer Spedition, ihr Leben. Als ihre innig geliebte Mutter stirbt, trinkt sie vor Kummer drei Gläser Wein auf Ex. Die wohltuende Wärme überrascht sie. Bald wird der tägliche Wein selbstverständlich. Sie ahnt aber irgendwann, dass das doch nicht mehr normal sein kann. Schafft es aber nicht, aufzuhören. Es wird täglich mehr. Dennoch funktioniert sie, sie schafft es, im Job und Zuhause zu verheimlichen, wie es ihr wirklich geht. Ihre Filmrisse, ihre Streitlust belasten das Familienleben mit dem neuen Partner, der die Ursache nicht bemerkt. Nach neun Jahren allerdings und bei Schnaps in großen Mengen angelangt, ist sie körperlich und seelisch am Ende. „… ich beneidete jeden, der mir begegnete … Sie waren frei, frei von dem Diktat des Alkohols … Ich dagegen fühlte mich wie eine Gefangene.“ Sie entscheidet sich für professionelle Hilfe …

Ein Buch für Trockene, die sich erinnern und niemals vergessen wollen.

Ein Buch für Angehörige und Freunde von Alkoholkranken, die verstehen wollen.

Und ein Buch für jene, die noch um eine Entscheidung ringen, um die Erkenntnis: Bin ich Alkoholiker oder nicht?

Anja Wilhelm

BELINDA STERN
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Mein Leben als „Nasse“ Alkoholikerin:
Neun Jahre, vier Monate und zwölf Tage
215 Seiten
AAVAA-Verlag
ISBN: 978-3-8459-1339-1
11,95 Euro


7 cover ALKOHOL-Die Gefahr lauert überall!Drei Bücher in einem

„Saufen kann jeder und die reine Lebensgeschichte eines Trinkers, will die jemand lesen?“ schreibt Burkhard Thom in seinem hier besprochenen Titel über die Buchpläne saufender Prominenter. Sein Buch ist zur einen Hälfte genau das, eine Säufergeschichte. Ein deutscher Manager säuft sich weltweit durch die Flughafenlounges, Edelhotels und Nobelrestaurants. Der lukrative Geschäftsabschluss, ein erfolgreicher Messetag, ein Geschäftsessen, ein langer Flug, es gibt immer Gründe, dem Alkohol zu frönen, zuerst nur auf geschäftlicher Ebene, später werden auch am heimischen Herd die Pullen versteckt und heimlich konsumiert. Nach Feierabend kommt das gesellschaftliche Leben nicht zu kurz, ein alkoholisches Getränk geht immer und überall. Zusammen mit seiner Frau plant er den Ausstieg aus der Sucht. Nachdem er in seinem räumlichen Umfeld ein in seinen Augen unzulängliches professionelles Hilfeangebot vorfindet, macht er einen „kalten Entzug“ zuhause und besucht ein Jahr lang eine Nachsorgegruppe. Er ist heute seit 23 Jahren trocken. In seiner alkoholischen Autobiographie setzt er sich auch mit der Verbreitung des Alkohols in Gesellschaft und Lebensmitteln auseinander. „Will die jemand lesen?“ Wenn man sich mit der Sucht auseinandersetzt, erkennt man im Austausch mit anderen, dass es DIE Sucht nicht gibt, jeder hat seine eigene Ausprägung, insofern ist auch die Schilderung von Thoms Sucht für den Leser hilfreich und zeigt einen Menschen, der sich seiner Krankheit gestellt hat und sie zum Stillstand bringen konnte. Eine Erfolgsgeschichte, die man gerne liest, die Mut macht.

Im zweiten Teil findet sich die Korrespondenz mit Lebensmittelherstellern zum Thema Alkohol in ihren Produkten, die der Verfasser nur kurz kommentiert. Es werden viele Produkte des täglichen Lebens behandelt und dem Leser wird der Untertitel klar, „Die Gefahr lauert überall“, nicht nur in der Schwarzwälder Torte, auch in Hygieneartikeln und in der Medizin. Dieses Kapitel ist sehr unübersichtlich und schwer zu lesen, kann aber dem frisch Entzogenen Hinweise für die neue Lebensführung geben.
Im letzten Teil hat sich der Autor mit einem Spitzenkoch zusammengetan und bietet 33 alkoholfreie kulinarische Rezepte auf hohem Niveau. Mache Rezepte wird kaum ein Leser dieser Zeilen je verwirklichen, z.B. „Cremesuppe vom Hummer mit Curry & Kokos“ (man benötigt u.a. 600g Hummerschalen), andere sind durchaus für den Normalbürger machbar, so das „Schmorhuhn“. Wer gerne kocht, findet hier Anregungen für das eigene Speisenangebot.

Hier hat jemand seine Jahrzehnte Suff, seinen Weg in die Trockenheit und seinen 23 Jahre währenden Erfolg in einem Buch aufgeschrieben, das eigentlich drei Bücher ist. Eine Autobiographie, ein Diskurs über versteckte Alkohole und ein Kochbuch, was eine Empfehlung an einen Leserkreis schwierig macht. Zum Schluss möchte ich dem Verlag bei einer weiteren Auflage empfehlen, dass ein gewissenhaftes Lektorat durchgeführt wird – es gibt beispielsweise recht viele Doppelungen in der Erzählung – und ein akribisches Korrektorat, da Satz- und Rechtschreibfehler das Lesevergnügen dieser Auflage sehr trüben.

Torsten Hübler

BURKHARD THOM
Alkohol : Die Gefahr lauert überall
212 Seiten; Klappenbr.; AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf; ISBN 978-3-8459-2000-8; 11,95 Euro


cover Albers-BuchWolfgang Albers: Zur Kasse, bitte!

Gesundheit als Geschäftsmodell

Es gibt Bücher, die ich gerne bespreche, weil sie mir geistigen Genuss bereitet haben, und es gibt solche, die ein ungutes Gefühl erzeugen. Die Journalistenpflicht erfordert aber, das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen.

Das vorliegende Buch gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Erstens ist es ein Sachbuch, eine Analyse, und zweitens sind die genannten Fakten nicht neu, aber in der Konzentration bedrückend. Es geht um den Wandel des Gesundheitswesens zur Gesundheitsindustrie und den vom Patienten zum Kunden. Was ursprünglich Teil des „Sozialstaates“ war, wird jetzt Teil des ausschließlich profitorientierten Monopolkapitals. Auch in der deutschen Bundesrepublik, die im weltweiten Vergleich noch über ein solides Staatswesen und eine profitable Wirtschaft verfügt, werden durch die Regierung im Zuge der neoliberalen Globalisierung und der steigenden Umschichtung der Geldmittel von unten nach oben ehemals staatliche Aufgaben an private Unternehmen „verkauft“: Energieversorgung, Verkehrswesen, Wohnungswesen, Wasserwirtschaft und eben auch das Gesundheitswesen. Damit ist der Bürger zunehmend der Willkür und den Preisen der privaten Konzerne ausgeliefert. Deren Interesse ist natürlich nicht das Wohl der Menschen, sondern ausschließlich der Profit (wer mehr dazu wissen möchte, lese bei Karl Marx oder Noam Chomsky nach). Der Staat verletzt mehr und mehr eine seiner Hauptaufgaben, die Daseinsfürsorge für seine Bürger, ausgedrückt in einer alten römischen Rechtsnorm, nämlich: salus populi suprema lex – das Wohl des Volkes ist das oberste Gesetz.

Ein Insider analysiert

 Der Arzt Wolfgang Albers, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, analysiert in seinem Buch das deutsche Gesundheitswesen unter dem Gesichtspunkt des Wandels von der sozialen gesundheitlichen Fürsorge zum profitorientierten Wirtschaftszweig. Dabei geht er von den Ursprüngen der sozialen Sicherungssysteme aus, schildert die Anfänge der Krankenkassen und des Kassenarztsystems und kommt bereits im ersten Kapitel zu dem Schluss, dass die Solidargemeinschaft ein Auslaufmodell zugunsten der Privatisierung ist. Die Ärzte werden Unternehmer und die Krankenhäuser wandeln sich „… in Profitcenter und Renditefabriken“, wie er dann im Folgenden anhand zahlreicher Beispiele ausführt. Hier hat das Unbehagen schon längst von mir Besitz ergriffen: Wenn der Patient als Profitquelle gesehen wird, inwieweit kann ich dann Ärzten und Kliniken noch vertrauen? Werden meine Erkrankungen künstlich verlängert, statt sie möglichst schnell zu heilen? Werden mir Operationen aufgeschwatzt, die zwar nicht unbedingt erforderlich sind, Chirurgen und Krankenhäusern aber größtmöglichen finanziellen Nutzen bringen? Bekomme ich Medikamente, die den Gewinn der Pharmaindustrie erhöhen, aber für mich überflüssig sind (vgl. auch unsere Besprechungen der Bücher von Giovanni Maio und Peter C. Gotzsche)?

Noch ist unser Gesundheitssystem eine stabile Säule des Sozialstaates. Allerdings belegt Albers anhand zahlreicher Fakten, wie der Umbau zur Gesundheitsindustrie beschleunigt wird, unter tatkräftiger Mithilfe der Politik. Dabei beschreibt er auch, wie die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen mit ihren Beiträgen zunehmend gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die eigentlich aus Steuermitteln zu finanzieren sind, übernehmen müssen. Als Beispiele nennt er die „Gesundheitsförderung in den Schulen und Kindergärten, die Förderung von Selbsthilfegruppen oder von Beratungsstellen“.

Im Kapitel 3 beschreibt der Autor „Gesundheit als Ware“. Darin kritisiert er u. a. die bei den niedergelassenen Ärzten häufig angebotenen IGeL-Untersuchungen (Individuelle Gesundheitsleistungen). Allein 2014 wurden jedem dritten Patienten diese aus eigener Tasche zu bezahlenden Leistungen angeboten. Er verweist auf solche Angebote wie die Licht- und die Bachblüten-Therapie, die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke oder das sogenannte „Baby-Fernsehen“ in geburtshilflichen Praxen. Auch die Vielzahl von Therapien und Medikamenten, die vor allem in bunten Blättern beworben werden: „Befindlichkeitsstörungen wandeln sich so durch ein entsprechendes Marketing zu ausgewachsenen Krankheiten und selbst normale Lebensprozesse, wie eine Glatzenbildung …, geraten auf einmal zum medizinischen Problem. Manchmal mit fatalen Folgen.“ Daraus resultiert seine Schlussfolgerung: „Bekannt ist schon lange, dass die Pharmaindustrie mehr Geld in die Vermarktung ihrer Produkte steckt, als in die Erfindung neuer.“ 60 000 Medikamente sind in der Bundesrepublik zugelassen, aber etwa 2 000 würden für alle ausreichen.

Wo bleibt das Geld?

 Heute wird über die „Eigenverantwortung“ der Menschen diskutiert, sei es bei Rente, Arbeitslosigkeit oder Gesundheitsversorgung. Dabei ist damit nichts anderes gemeint als eine „Eigenbeteiligung“ an den Kosten, die allerdings jeder durch die entsprechenden Versicherungen bereits übernommen hat. Wohin die Gewinne, nicht nur im Gesundheitswesen, verschwinden, steht im „stern“ 50/2016, S. 32: „Den Zugewinn haben sich die …oberen vier bis fünf Prozent gesichert: die Eigentümer der Unternehmen und ihre treuesten und teuersten Angestellten, die Topmanager … Allein dem reichsten einen Prozent gehört heute ein Drittel von allem, und das reichste Promille besitzt ganze 17 Prozent.“ Dass die Gesundheitsindustrie da nicht abseits stehen will, ist nur zu verständlich, zumal es immer Behandlungsbedürftige geben wird und die Altersstruktur der Bevölkerung dazu beiträgt. Und nur wenig ist dem Menschen so wichtig (und so teuer) wie seine Gesundheit.

Auch die vielgepriesenen „Reformen“ der vergangenen Jahrzehnte „liefen … im Kern nur auf eine Verschlechterung oder eine Verteuerung der Gesundheitsversorgung für die große Mehrheit der Bevölkerung hinaus“. Letztendlich werden ärztliche und klinische Leistungen verkauft. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Mensch, sondern der Gewinn. Diesem Dilemma sind aber nicht nur die Kunden (früher: Patienten) unterworfen, sondern auch die niedergelassenen Ärzte und das Personal in den Krankenhäusern: Eine unzumutbare Zahl an Überstunden, Personaleinsparungen, Beschäftigung von minderbezahlten (und qualifizierten) Hilfskräften, Leiharbeitskräfte (bis hin zu Ärzten: rent a doc) tragen nicht nur zu einer Überforderung, sondern auch zum Qualitätsverlust in der Medizin bei. Besonders geißelt Albers den „Dokumentationsirrsinn“. Ein klinischer Internist wendet pro Schicht über drei Stunden dafür auf, ein Kassenarzt hat es mit 60 unterschiedlichen Formularen zu tun. Dabei laufen viele Krankheiten über die „Disease-Management-Programme“, die einen riesigen Dokumentationsaufwand erfordern, egal, ob bei einem Diabetes oder beim Bluthochdruck.

Abgesehen von der enormen Belastung der Mediziner geht hier wertvolle Zeit verloren, die besser dem Patienten zugutekommen sollte.

Schlussfolgernd stellt Albers fest: Die marktwirtschaftlichen Steuerungsmechanismen führen zwangsläufig zu einer nichtbedarfsgerechten Gesundheitsversorgung, weil die, welche die Versorgung in der Regel am nötigsten brauchen, sich diese Versorgung nicht mehr werden leisten können. Für diese Menschen beschränkt sich ihre medizinische Behandlung auf die Grundversorgung, denn mehr ist für die Alten, für die chronisch Kranken und für die anderen, die nicht über die nötige Kaufkraft verfügen, auf einem solchen Markt nicht zu haben.

Seine Aussagen für die Wandlung des Gesundheitswesens zum Gesundheitsmarkt belegt der Autor durch zahlreiche Fakten und Beispiele. Je länger der Leser sich in das Buch vertieft, umso mehr ergreift ihn das eingangs geschilderte Unbehagen. Geht es in der Konsequenz doch um nichts weniger als die weitere Auflösung der Solidargemeinschaft und somit um gesellschaftliche Grundsatzfragen. Wenn wir zulassen, dass unser Leben immer weiter nach einem ökonomischen Darwinismus ausgerichtet wird, werden immer mehr auf der Strecke bleiben. Eins ist zumindest klar: Das gegenwärtige Gesellschaftssystem und die Politik sind nicht in der Lage und nicht willens, einen grundlegenden Wandel herbeizuführen. Berufspolitiker sind abhängig von Lobbyisten und Topmanagern, und diese genießen offensichtlich einen lebenslangen Welpenschutz. Wer sich also über einen Teilaspekt, nämlich die Probleme im Gesundheitswesen, informieren möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Denn Wolfgang Albers beklagt nicht nur, er zeigt auch mögliche Lösungen auf.

Jürgen Schiebert

 Wolfgang Albers
Zur Kasse, bitte! Gesundheit als Geschäfts-Modell.

218 Seiten
Das Neue Berlin
ISBN 978-3-360-01312-5
14,99 €


7-dirk-marx-coverrgbSei mutig!

Hier wollen wir das Buch, über dessen Vorstellung schon berichtet wurde, vorstellen. Dirk Marx „Ick durfte neue Wege gehen … und wollt‘ mich ma‘ bedanken“, eine Sammlung aus Gedichten und Prosatexten. Marx hat für seinen Titel gekämpft, nicht nur die Texte verfasst, sondern sich Umschlagsgestalter, Innengestalter, Setzer und eine Druckerei gesucht und, als er keinen Verlag fand, mit selbst aufgetriebem Geld sein Werk realisiert. Es ist durch und durch das Werk von Dirk Marx, der auch seinen Therapeuten aus der Fontane-Klink Motzen für ein Vorwort gewinnen konnte, Thomas Klein-Isberner.

„Als Kräuterschnaps noch zweimal brannte“
Im ersten Teil des Bandes merkt der Leser schnell: Der Autor fabuliert gerne und spielt ausgiebig mit den Worten. Bei den dort versammelten Gedichten reimen sich nicht alle Verse immer nahtlos aneinander, bei Joachim Ringelnatz gelang das auch nicht immer, gut war es trotzdem, aber der Autor erzählt damit seine Mission: Es ist besser, positiv ins Leben zu schauen als den schwarzen Hund des Missmutes spazieren zu führen. Es ist besser, trocken und zufrieden zu leben als besoffen im Unfrieden. Seinen Weg zeichnet der Autor in 32 langen und kurzen Gedichten, immer mit Humor. Es geht um die Leere, die Depression, die Suchtverlagerung und Selbstbefragung hin zur Achtsamkeit.

RIP
Der zweite Teil versammelt zwei Nachrufe auf nun verstorbene Personen, Therapeuten, denen Marx in der Entzugsklinik begegnet ist und die ihn tief beindruckten und ihm und seinem Leben eine Wendung gegeben haben, Joachim Duda und Rainer Meschede. Der dritte Nachruf ist seinem Bruder Olli gewidmet.

… wir fahr‘n, fahr‘n, fahr’n …
Die letzten beiden Arbeiten beschäftigen sich weniger mit dem süchtigen als mit dem allgemeinen Leben, dem deutschen Bußgeldkatalog und dem Leben in Königs Wusterhausen, Land Brandenburg. Dem Leser steht besinnliche und vergnügliche Zeit mit den Gedichten bevor. Menschen, die Herrn Duda und Herrn Meschede gekannt haben, werden an den tiefempfundenen und persönlichen Nachrufen anteilnehmen. Aktiven und ehemaligen Gästen der Fontane-Klinik Motzen, aber auch anderer Einrichtungen, werden einiges wiederkennen.

Gut angelegenes Geld, da auch von den zwölf Euro noch zwei Euro an eine Suchthilfe Einrichtung gehen. Ein bisschen umständlich ist der Beschaffungsweg, da das Buch nur beim Autor persönlich zu beziehen ist, Kontaktdaten stehen unten.

Torsten Hübler

Dirk Marx
Ick durfte neue Wege gehen … und wollt‘ mich ma‘ bedanken
200 Seiten, 42 Abb., Broschur
12,00 Euro
Selbstverlag:
Dirk Marx, Friedrich Engels Str. 6,
15711 Königs Wusterhausen
Tel. 0162 870 33 55
dirk.marx@freenet.de


Wie alle anderen von John Burnside

Wie alle anderen

Ganz ehrlich? Ich möchte dieses Buch nicht ein zweites Mal lesen.
Weshalb? Es macht mich irgendwie … traurig. Es zieht mich ‘runter. Oder besser: Zurück. Zurück in meine Vergangenheit, in die düsteren Erinnerungen einer Suchtkranken. Ich leide mit dem Autor, wenn er versucht, nüchtern zu bleiben Tag für Tag. Der Trinker erkennt sich wieder in all seinen tragischen Versuchen, aufzuhören. „Geh zur Arbeit. Bring die Zeit rum beschäftige dich, und vor allem, bleibe so lange nüchtern wie irgend möglich …“

Burnside beschreibt den Abschnitt zwischen seiner Entlassung aus der Irrenanstalt (wie er die Klinik lakonisch nennt), beginnend mit seinem Entschluss, von nun als normaler Mensch zu leben – bis hin zur späteren Erkenntnis, dass dies doch nichts für ihn sei. Immer wieder versucht er, „normal“ zu leben, wie alle anderen um ihn herum. Er sucht sein persönliches Surbiton (ländliche Vorstadt von London), eine Wohnung, findet einen Job als Programmierer (später einen, bei dem er die Welt bereisen muss), geht morgens arbeiten, geht nach Hause, geht wieder arbeiten und so weiter. Lernt, Marmelade zu kochen, joggt, heimwerkert. Aber irgendwann landet er, der trockene Alkoholiker, doch wieder in einem Pub. Und dann noch einmal. Und dann immer wieder. Gesellt sich zu trinkenden Kumpanen, trinkenden oder nüchternen Liebschaften.
Er beobachtet – und nimmt den Leser mit dabei – die „normalen“ Menschen, ob im Büro oder auf einem Flughafen, wie sie leben, was sie tun, wie sie sich geben, was sie antreibt. Zwischen liebevoll und sarkastisch beschreibt er sie. Nie aber böse verurteilend.

Das normale Leben, das er ausprobiert, scheint ihn aber nur weiter in die Sucht zu treiben. Es ist ihm schlicht zu langweilig. Zu unattraktiv.
Also sucht er immer weiter. Aber wonach eigentlich? Irgendwo ist zu lesen: „… eine tiefe, hoffentlich anhaltende Zufriedenheit“.
Manchmal, in kleinen Augenblicken, meist in der Natur, ob in der weißen Stille eines finnischen Waldes oder nach einem Regenguss in Surbiton, tief berührend geschildert, ist da etwas. Fühlt er etwas. Nimmt er etwas wahr: Verbundenheit mit alles, was ist. Mit der Welt.

Im Schlusswort fasst er zusammen: „Nicht, wie die Welt ist, ist das Mystische, schrieb Wittgenstein, sondern dass sie ist … Und vielleicht war das über die vielen Jahre der eigentliche Grund für meinen vermeintlichen Wahn. In jenen Tagen, da ich geistesgestört war … konnte ich mich mit der gegebenen Welt einfach nicht abfinden.“

Auch wenn ich selbst mich kein zweites Mal in dieses Buch vertiefen möchte: Offen bleibt für den Leser, wie er es denn geschafft hat, irgendwann ein mit sich selbst zufriedenes Leben zu führen. Denn das lässt der klassische Rahmenbau, der zu Beginn und am Ende die Situation heute schildert – mit Familie und Kindern in einem Haus lebend – erahnen.

Das, ja das macht mich wirklich neugierig auf des mit vielen Preisen bedachten schottischen Poeten Burnsides nächstes Buch … wie ging es weiter, damals?

Anja Wilhelm

John Burneside
Wie alle anderen
Knaus Verlag
Gebunden, 314 Seiten
Erschienen: 22.08.2016
ISBN 978-3-8135-0714-0
€ 19,99


9783462048858_10„Man muss aufpassen“

Über Benjamin von Stuckrad-Barres „PANIKHERZ“

Da hat aber einer wirklich sehr kurz vor ganz knapp die Reißleine gezogen oder sie ist ihm gezogen worden (‚halb sank er hin‘…) und mit ganz viel Chuzpe und Hilfe hat Benjamin von Stuckrad-Barre, Autor  von ‚Panikherz‘, einem zu frühen Ende seines Lebens entkommen können.

Darin liegt mehrfaches, jedoch nur vorläufiges Glück. Zum einen und vor allem für den Autor selbst, der vor lauter Erstaunen über seine Rettung sogar die bemerkenswerte Energie aufbringt, seine Sucht-Biographie niederzuschreiben, zum anderen für den Leser, dem mit ausnahmsloser Ehrlichkeit und in höchst anschaulicher Weise und Sprache die Verzweiflung und tausendfach vergebliche Energie aufgeblättert wird, mit der der Autor seinen Wünschen, Zielen, Träumen hinterher hetzt und sich dabei immer mehr in den so grandios vergeblichen Versprechungen von Drogen verheddert.

Das Glück für Autor und Leser besteht aber vor allem darin, dass dieser Bericht – bei aller mutigen Verzweiflung, mit der Menschen ihren Träumen, Idealen und Wünschen entgegen leben – ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass eben diese doch stärker sein können als all das Elend unserer „normalen“ Existenz, die uns so viel verspricht und oft genau so wenig hält wie alle leeren Versprechungen aller Suchtmittel.

Dass dies so ist, belegt die zweite Hauptrolle in „Panikherz“ und dies ist niemand Geringeres als Udo Lindenberg, dessen Lieder und Texte dem Autor schon früh zur Leitplanke seines nervösen Lebens werden.

Udo Lindenberg selbst beweist ja permanent, wie weit ein selbst erfundenes Leben die Wirklichkeit prägen kann und wie stark Identität eben auch zu einem Wegweiser werden kann – zugebenermaßen nach endlosen Irrungen und Wirrungen, in denen Drogen-Konsum zum Selbstverständlichsten der Welt gehören, genauso wie die vielen Chancen des Scheiterns und Untergehens. Sucht entfaltet enorme und ungeheure Energien – Udo L. kultiviert die Lässigkeit und cooles Selbstvertrauen trotz vieler langer alkoholgeschwängerter Jahre – die auch er wohl erst jüngst durch Abstinenz erlöst hat.

Idole, Träume, Ziele, Wünsche sind wichtige und wegweisende Bestandteile des Lebens, aber sie bleiben nur Abziehbilder oder Projektion und sind zu oft nur Einbahnstraßen in die falsche Richtung oder ersehnte Realität im Gefängnishof der Illusionen, wenn nicht eine innere Sicherheit Halt bietet, der sich Gelassenheit und Solidarität zugesellen.

In einer Welt, in der Oberflächlichkeit und Erzeugung von Schein-Realität als Hauptbeschäftigung von Medien und ihren Produzenten Selbstzweck geworden sind, sind substanzlose Existenzen ohne Identität dankbare Opfer von Ersatzleben und MÜSSEN Illusionen nähren und füttern bis zur Bulimie.

Das innere Doppelleben passt nicht mehr in die Schablonen von Wünschen und immer mehr Scherben von zerplatzter Realität machen genau diese so unerreichbar für den Süchtigen.

Wie heftig und umfassend Rausch, Sucht und Leiden an Sucht in der Mitte unserer gesellschaftlichen Normalität angekommen ist und wie sehr sie offensichtlich als Korrektiv einer unerträglichen Realität benötigt werden – in „Panikherz“ kann es anschaulich und präzise nachvollzogen werden und darin liegt wohl auch der Grund dafür, warum die Lesungen des Autors so gut besucht sind und das Buch sich so sehr gut verkauft.

Aber zurück zur „Rettung“ und zum „Glück“. Wie fast immer ist es weniger eigene Einsicht oder Entschlussfähigkeit, die zur Wirklichkeit zurückführt – es ist die Droge, die niederzwingt und es ist Notwehr, wenn sich die Restbestände des Ichs aufraffen und jeden Notnagel verzweifelt begrüßen.

Wenn diese grandiose Rutschpartie durchs Leben eine Botschaft beinhaltet, dann ist es eindeutig der Weckruf, sich so früh wie möglich bewusst seiner Identität zu versichern und der nervösen und kurzsichtigen Hektik unserer so „aufgeklärten“ Gesellschaft Widerstand zu leisten. Glück ist mehr als die Abwesenheit von Unglück und Freiheit ist mehr als man darf – die Rettung für Benjamin von Stuckrad-Barre hat mit „Panikherz“ begonnen – sie wird Realität, wenn der begonnenen Abwesenheit von Drogen mehr als nur Nachsorge und beginnende Langeweile folgen. Hoffentlich wird es so sein, dass Udo Lindenberg und der Autor von „Panikherz“ nun frische Texte verfassen mit neuem spielerischem Mut, sich selbst immer wieder zu begegnen, ohne zu erschrecken und sich den eigenen Wünschen und Träumen wieder gefahrlos und mutiger zu nähern – sie sind wichtiger und notwendiger denn je, die Wünsche und Träume und die nüchterne Freundschaft von Stuckrad-Barre mit Udo Lindenberg.

Michael Annecke

Benjamin von Stuckrad-Barre:
PANIKHERZ
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
576 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04885-8
22,99 €


 Zwei Reisen zu sich selbst:
„Freut euchTosende Stille von Janice Jakait nicht zu spät“ und „Tosende Stille“

Sie ist allein auf dem weiten Ozean …

Und rudert und rudert. Meist Tag und Nacht. Durch Stürme und Flauten des Meeres. Und durch die in ihrem Inneren. Nur eine Sturmschwalbe begleitet sie 6500 Kilometer von der portugiesischen Küste an. Sie muss Öltankern ausweichen, sich vor Haien fürchten, haushohe Wellen überstehen. Nach 90 Tagen erreicht sie ihr Ziel. Eigentlich ihre zwei Ziele:
Barbados – und das, was sie antrieb , dieses Wagnis einzugehen: Die Suche nach sich selbst.

Sie ist heute die erste Deutsche, die mit einem Ruderboot (keiner Nussschale, sondern einem hochmodernen Boot) den Atlantik überquerte. Aber nicht um diesen Ruhm ging es ihr, sondern:

7 Jakait

„Wir können heute fast alles erreichen, doch was genügt und erfüllt uns wirklich? … Ich fand einfach keine dauerhafte Zufriedenheit – und auch keinen rechten Lebenssinn. Ich steckte in einem Hamsterrad fest.“
Auch in den ersten Wochen auf dem Ozean zermartert sie sich das Hirn und denkt und denkt und will den Sinn ihres Lebens mit dem Verstand ergründen. Doch erst in jenen Augenblicken, in denen sie, zu Tode erschöpft und  ohne Überlebens-Hoffnung, aufgibt, sich der Situation hingibt und nichts mehr denkt … wird sie dessen gewahr, was sie immer suchte: Sie spürt das Gefühl von Lebendigsein, rein in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Und als sie einem Wal begegnet, der ihr direkt in die Augen schaut, erfühlt sie plötzlich die ganze Welt als Eines …

„Mitreisend“ nannte ein Journalist dieses Buch, das 2014 ein Bestseller wurde. Dieses Buchstabenspiel trifft es, finde ich. Denn auch ich war beim Lesen mitgerissen vom Mitreisen-Dürfen. Ob Schmerzen, Hunger, Übelkeit oder ohrenbetäubender Wellenlärm – alles erlebt der Leser hautnah mit. Ungeschönt und ehrlich. Spannend in jeder Zeile.

Und natürlich habe ich sehnsüchtig auf das Folge-Buch gewartet. Janice hatte auf dem Meer sich selbst gefunden, das Sein im Augenblick wieder entdeckt. Wie nun aber hat sie wohl danach weitergelebt, an Land, in ihrem alten Umfeld, mit ihrer alten Arbeit als IT-Beraterin …?
Darum geht es in ihrem gerade erschienen Buch: „Freut euch nicht zu spät! Warum das zweite Leben beginnt,  wenn man begreift, dass man nur eines hat.“ Darin nennt sie ihre Extremtour heute eine Flucht, einen Egotrip. Aber sie persönlich habe das gebraucht auf ihrem Weg des Erkennens, des Sicht-Findens.
Wieder an Land, kommt sie vorerst gar nicht zurecht: „Jetzt konnte ich mich zwar stundenlang im Gezwitscher der Vögel verlieren und mich frei und erfüllt fühlen, doch der Lärm der Menschen trieb mich in den Wahnsinn.“ Sie zog sich zurück. Verlor Freunde. Und begab sich wieder auf eine Reise – in die Spiritualität. Mit geheimnisvollen Schamananmittelchen versucht sie, Erleuchtung und Erlösung zu finden. Das gelingt zwar für Stunden, aber nach denen landet sie immer wieder in der Wirklichkeit. Doch eines Tages waren da die Erdbeeren … Der Duft von Erdbeeren, der sie in einem Supermarkt streift. Sie steht vor dem Regal und beginnt  einfach so zu weinen. „Mein Herz öffnete sich, und ich spürte die Welt umso mehr, je weniger ich davon noch verstehen konnte. Und ich atmete dieses Leben ein …“.

Es scheint mir kaum möglich, in nur wenigen Sätzen zusammenzufassen, wie ihr Weg weiter verläuft, welche Erkenntnisse sie sammelt und welche Erfahrungen. Das muss dem Leser vorbehalten bleiben: Janice Jakait auf ihrem weiteren Weg vom Kopf zurück ins Herz zu begleiten, in ein zufriedenes, erfülltes Dasein. Nur so viel: Sie werden Gedanken finden wie „Wir sind schon, was wir suchen“, „Wir haben viel zu gewinnen, nämliche sinnliche Erfahrungen, die nur dem Menschen vorbehalten sind“, das zweite Leben sei „ der Frieden mit dem Leben, das wir die ganze Zeit schon hatten. Es ist der Frieden mit der Tatsache, dass wir alles erfahren und erleben dürfen, wie es ist“ oder „Die Bäume wachsen ohne unser Zutun, auch wenn sie niemand als Baum bezeichnet“.

Wie sie zu diesen Aussagen gelangte? Das Büchlein nimmt Sie mit bis dahin, immer wieder neu.
Ich empfehle es jedem, der auf der Suche ist, der in einer Krise steckt oder nach einer Krise nach Veränderung für sich sucht. Wir sind nicht das, was wir über uns denken, wir sind viel mehr – das ist wohl der Kernsatz.

Dieses kleine Buch passt übrigens in jede Handtasche – und die kurzen Kapitel laden ein zum Hinein schauen, wo immer man einmal ein paar Minuten Zeit hat. Es kann also ein Begleiter im Alltag werden …

Anja Wilhelm

JANICE JAKAIT

Tosende Stille
Goldman/Random Houses
5. Auflage 2016, Taschenbuch
9,99 Euro
Taschenbuch
ISBN: 978-3-442-15894-2
(auch als Hörbuch und ebook erhältlich)

Freut euch nicht zu spät
EUROPAVERLAG
April 2016
17,99 Euro
ISBN 9783958900240


7 Strunk 978-3-644-05081-5„Denn alles, was man sich vorstellen kann, gibt es auch“

 Der in Hamburg geborene Schriftsteller und Entertainer Heinz Strunk wagt in seinem im März beim Rowohlt-Verlag erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“ eine Reise an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft. Mit großem Einfühlungsvermögen, Rechercheaufwand und mit Milieukenntnis zeichnet er das psychologische Profil des deutschen Serienmörders Fritz Honka nach. Der Fall ging in die Justizgeschichte ein, nachdem der Münchner Staranwalt Rolf Bossi ein kontrovers diskutiertes Urteil wegen verminderter Schuldfähigkeit in Folge von „entwicklungsbedingter, seelischer Abartigkeit mit Krankheitswert“, erwirkte.

 Der Großteil der Handlung spielt sich rund um das 24-Stunden-Lokal „Der goldene Handschuh“ auf der Hamburger Reeperbahn ab. In einer vor Schmutz, Grausamkeit und Verzweiflung starrenden Welt verrotten die vom Leben und Alkohol gezeichneten, zerstörten Gestalten des untersten Trinkermilieus und scheinen nur noch auf ihre Erlösung, den Tod, zu warten. Hier war der Serienmörder Stammgast und traf drei seiner vier Opfer zum ersten Mal, bevor er sie, allesamt obdach- und mittellos, aus scheinbarer Großzügigkeit mit zu sich nach Hause nahm. Dort versklavte er sie buchstäblich und machte sie zum Spielball seiner krankhaften, sexuellen Fantasien – bevor er sie aus teils niederen, teils sadistischen Beweggründen ermordete. Der in seiner Entwicklung stark beeinträchtigte, schwere Alkoholiker Fritz Honka tötete zwischen 1970 und 1974 insgesamt vier Frauen, die er anschließend zerstückelte, und zum Teil in Plastiktüten verpackt in seiner Hamburger Wohnung verstaute. Heinz Strunk gelingt es beinahe spielerisch, den Leser in die perfide Gedankenweltwelt des Triebtäters und der Ihn umgebenden, schrillen Charaktere eintauchen zu lassen und fast ein Teil von ihr zu werden. Zugleich wirft er in seinem Roman eine schon vor den 70er Jahren heiß diskutierte Frage in den Raum: Kann ein Triebtäter für die ihm zur Last gelegten Verbrechen verantwortlich gemacht werden oder ist er so krank, dass er in psychiatrische Behandlung gehört?

An der Grenze zum Wahnsinn
In drei Handlungssträngen, die nur auf den ersten Blick ohne Bezug zueinander stehen, gelingt es dem Autor milieuübergreifend, die unter Alkoholeinfluss übermächtig werdenden, kranken Fantasien von drei augenscheinlich vollkommen verschiedenen Menschen lebendig werden zu lassen.

Da wären zum einen Fritz Honka, der im untersten Trinker-Milieu der Hamburger Reeperbahn nur dadurch auffällt, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt. Deshalb ist er auch wahnsinnig stolz auf seinen neuen Spitznamen „Fiete“, der einer Beförderung gleichkommt und der endlich zeigt, dass er jemand ist. Zwischen Allmachtsfantasien und fehlendem Selbstwertgefühl führen seine radikale Ich-Bezogenheit und sein übermäßiger Alkoholkonsum dazu, dass ihm selbst die abartigsten Gedankengänge die meiste Zeit „normal“ erscheinen. Der zweite im Bund ist der dauergeile und in Folge einer genetischen Beeinträchtigung entstellte, von Minderwertigkeitskomplexen zerfressene Sprössling der traditionsbewussten und (noch) wohlhabenden Hamburger Reederfamilie Dohrens: Wilhelm Friedrich 3 (genannt WH3). Von „den anderen“ oder seinen eigenen Gedanken im Leben und der Liebe aufs Abstellgleis gestellt, verzehrt er sich vor Sehnsucht nach Anerkennung und körperlicher Nähe, ohne dabei auch nur den geringsten Bezug zur Gefühlswelt der ihn umgebenden Menschen zu haben – oder haben zu können. Zu guter Letzt wäre da noch der erfolgreiche und stets gelangweilte Anwalt Karl von Lützow, der jüngere Bruder der Mutter von WH3. Er scheint nur in seinen menschenverachtenden und sexuell ausufernden, perversen Fantasien (auf)leben zu können. Wenn er getrunken hat, geht es ihm gut.

Gemeinsam ist allen dreien vor allem ihre triebgesteuerte Psychopathie und ihr stark ausgeprägter Hang zum Alkoholismus. Das übermächtige Gefühl innerer Leere und die Unfähigkeit zum Empfinden von Empathie machen sie zu stillen Leidensgenossen. Ihre, zum Teil grausamen, Persönlichkeitsveranlagungen werden unter Alkoholeinfluss um ein vielfaches verstärkt, Grenzen überschritten. Der sich stetig steigernde Wahnsinn, das Gedankenkreisen und sich Hineinsteigern in Denkmuster und kranke Fantasien nach dem „Genuss“ alkoholischer Getränke wirkt dabei so authentisch, dass man sich wohl nicht nur als (trockener) Alkoholiker beim Lesen immer wieder und auf schwer zu beschreibende Weise „ertappt“ fühlt – und sich zugleich angewidert abwenden möchte. Frauen werden zu Objekten und zum Spielball sexueller Grenzfantasien, Menschen werden zu Dingen und Mücken zu Elefanten.

Erst kommt der Gedanke, dann die Tat?
Nie ist ganz klar, ob und wann einer der drei Protagonisten die Kontrolle verlieren wird und vor allem: warum? Der einzige, der der Triebkraft seiner abartigen Fantasien letztlich voll erliegt und sie fast beiläufig auslebt, ist der Serienmörder Fritz Honka. Die Frage nach der Schuldfähigkeit und dem Umgang mit Triebtätern gewinnt umso mehr an Bedeutung, als die irren Gedanken und gelegentlichen Grenzüberschreitungen der anderen Figuren eben nicht zum Äußersten führen. Greift bei Ihnen eine letzte, moralische Schranke oder verhindert am Ende doch ein kleines bisschen Restempathie das Schlimmste? Heinz Strunk zieht den Leser von Beginn an auf schwer zu beschreibende Weise in seinem Bann. Mit unglaublichem Einfühlungsvermögen und großer Menschenkenntnis führt er an die Grenzen der Vorstellungskraft und erweckt eine abgründige und kaputte Welt zum Leben. Zum Schluss stellt man sich unweigerlich die Frage, wie viel von einem Fritz Honka, WH3 oder Karl von Lützow in einem selbst steckt und ob andauernder Alkoholmissbrauch irgendwann nicht jeden zum Psychopathen werden lässt.
(mahebest)

HEINZ STRUNK
Der Goldene Handschuh
Rowohlt
19,95 Euro
ISBN 978-3-644-05081-5


Reinhard Siemes:

Mein Todfreund, der Alkohol.

Beflügelt und zu Tode getrunken … Das Buch erschüttert Bastionen. Nämlich die der Suchttherapien und die der  „von Berufstrockenen dominierten Selbsthilfegruppen“. Der renommierte deutsche Werbetexter Reinhard Siemes (1940 -2011)  stellt nicht nur die Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit und Bigotterie in den Entzugsstationen, Kliniken, aber auch der „Trockenpropheten“ in der Suchtselbsthilfe in Frage, sondern er analysiert schonungslos seinen eigenen Weg durch alle Stationen der Sucht, dabei die schönen Seiten seines bewegten Lebens nicht aussparend.

In über 50 Kapiteln, geschrieben nach 2006, fasst er wichtige Stationen seines beruflichen Lebens, die ständig vom Alkohol geprägt waren, und seine Gedanken über Menschen, Dinge und Erscheinungen zusammen. Eine überaus spannend zu lesende Lektüre, die auch deshalb so fesselt, weil sie autobiografisch ist und tiefe Einblicke in die Szene der PR und Werbung der 1960er bis 2000er Jahre ermöglicht, in der der Alkohol gewissermaßen geistiges Schmiermittel war und noch heute ist (der Rezensent weiß, wovon er spricht). Genauso sprunghaft wie sein Leben verlief, sind auch die 56 Episoden angeordnet, der Leser kann also einsteigen, wo er will.

Dabei bezeichnet Siemes den Alkohol als seinen „Todfreund“, und in den fiktiven Dialogen mit ihm kommen in deutlicher Klarheit die zwei Seelen zum Ausdruck, die in der Brust eines jeden Trinkers wohnen. Der „Todfreund“ versucht nicht, ihn plump zum Trinken zu verführen, er wendet sich sogar gegen den Alkohol als „Heilsversprechen“, sondern er bezeichnet die Sucht als einen Weg zur Erkenntnis: „Ich, der Todfreund, meinetwegen auch Teufel, bin die wahre, die ehrliche Religion. Ich verspreche den Menschen nicht ewigen Frieden und Glückseligkeit, sondern mache ihnen bewusst, dass Wohlgefühl und innere Zufriedenheit nur geliehen und vergänglich sind. Ich nenne ihnen immer wieder den Preis, den sie bezahlen müssen, wenn sie sich mir bedingungslos hingeben: Kotzen, Zittern, qualvolle Ängste, Schmerzen und Tod. Propheten und Heilslehrer aber … versprechen nur das Gute … Eine wunderbare Lüge … Das Gute wird nur erlebbar durch das Böse, die Euphorie des Rausches durch den Absturz … Ich bin der wahre, der ehrliche Gott.“

Siemes hat eine erfrischend lakonische und sarkastische Art, mit sich selbst, aber auch mit Kollegen, Auftraggebern und Medizinmännern umzugehen. Seine Texte kommen mit der Komik des Entlarvens daher, aber seine Selbstentblößung ist nie exhibitionistisch. Dabei geht er in die Tiefe, bis dahin, wo es wehtut, um seine Befindlichkeit, aber auch die Liebe und das Leiden der ihm wichtigen Freundinnen zu beschreiben. Seine Darstellungen aus dem interessanten Leben eines Werbetexters wechseln mit der Analyse der Trinkphasen und der unterschiedlichen Kliniken und Therapien sowie der Erfahrungen in den Selbsthilfegruppen. Unter der Überschrift „Wer feiner säuft, darf auch einen feineren Entzug machen“, schildert er seine Eindrücke aus der bundesweit bekannten Oberbergklinik 1996. Für 610 D-Mark pro Tag wurden dort die „besseren“ Säufer, Ärzte, Rechtsanwälte, Hochschulprofessoren usw. behandelt, aber als Außenseiter. Dass der dritthäufigsten Todesursache in Deutschland, nach Krebs und Herzerkrankungen, auch heute noch im Medizinstudium nur einige Stunden gewidmet werden, ist nicht nur dem Autor unverständlich.  Dabei setzt sich Siemes, wie im ganzen Buch, sehr skeptisch mit Theorien und Vorgehensweisen auseinander. Namentlich benannt wird Prof. Heinz von der Charité, dessen These von der genetisch bedingten Funktionsstörung der Neuromodulatoren, die durch negative Lebensumstände verstärkt werden, seinen Widerspruch herausfordert, denn „kein Mensch wird mit Genen geboren, die ihn irgendwann zum Säufer machen.“ Dazu haben die Säufer nicht die geringsten Gemeinsamkeiten, es kann jeden erwischen. Das Motiv ist bei allen die Realitätsflucht. Suchtprägende Faktoren können nach seiner Meinung „Armut oder Überfluss. Dominanz der Mutter. Überzogene Ansprüche des Vaters. Bevorzugung der Geschwister. Zu wenig oder erdrückende Liebe. Freudloses Stadtviertel oder stressende Nobelgegend. Herrschsüchtige Lehrer oder Weicheier“ sein. Siemes betrachtet diese Faktoren zwar als persönlichkeitsbeeinflussend, nicht aber als direkte Suchtauslöser. Für ihn ergibt sich die Frage: „Warum trinke ich, mein Nachbar aber nicht, obwohl wir das gleiche Schicksal haben, den gleichen emotionalen Status? Das ist die große, unbeantwortete Frage, die ewige Grauzone des Alkoholismus. Das Wühlen in unserer Vergangenheit bringt darum gar nichts. Allenfalls die Psychiater haben was davon, wenn sie die Rechnung schreiben.“ Der Mangel aller Therapien besteht nach seiner Meinung darin, dass zwar alle gleich saufen, der Weg in die Trockenheit aber sehr individuell ist. „Den Weg in ein suchtfreies, zufriedenes Leben muss jeder für sich selbst finden und gehen. Doch statt Beistand bekommt er eine starre, zementierte Therapie übergestülpt … Ärzten und Therapeuten fällt es leider schwer, die Freiheit des Individuums zu berücksichtigen.“

Ähnlich zugespitzt und spöttisch geht er mit den Dogmatikern der Selbsthilfe ins Gericht. Er geißelt die „abstoßende Selbstgerechtigkeit der Trockenpropheten in den AA-Gruppen“ ebenso wie die „bigotten AA-Leierkästen mit ihrem Spruch von der wundervollen Gruppe, die ihnen die Augen geöffnet hat.“ Seine Kritik an der aktuellen Praxis in den Gruppen mündet in der Aufforderung: „Es ist an der Zeit, dass nicht nur die Ärzte, sondern auch wir, die Betroffenen, die gesammelten Thesen und Heilslehren überdenken. Mein Todfreund ist raffiniert und einfallsreich bis zum Gehtnichtmehr. Wenn ich ihm gegenüber kapituliere, was viele Selbsthilfegruppen als Voraussetzung für ein Leben in Trockenheit ansehen, wird er mich besetzen … Kapitulation bedeutet Unterwerfung. Ich muss meinen Todfeind bekämpfen und besiegen. Andernfalls werde ich auch als trockener Alkoholiker von ihm beherrscht: Ich muss ihm jeden Tag huldigen, indem ich mir sage, wie schön es ist, dass ich nicht trinke.“

Damit greift Siemes vermeintlich unumstößliche Prinzipien der Selbsthilfe an. Auch der Rezensent ist der Meinung, dass sowohl die klinischen Therapien als auch die Inhalte und die Struktur der Suchtselbsthilfe einer Reform bedürfen, denn eine Rückfallhäufigkeit von 70 bis 80 Prozent zeugt nicht gerade vom Erfolg der Bemühungen. Damit soll keinesfalls die Berechtigung aller vorhandenen Maßnahmen in Frage gestellt werden, aber, wie Siemes konstatiert, was Bill und Bob (die Gründer der Anonymen Alkoholiker) vor 80 Jahren geschrieben haben, mag damals gut und nützlich gewesen sein, heute stehen ganz andere Stressfaktoren vor uns. Auch der teilweise immer noch vergötterte Jellinek war zu seiner Zeit aktuell und richtig, inzwischen ist die Welt, auch die der Säufer, eine andere. Erste, vorsichtige Schritte in eine neue Richtung der Therapie sind bereits zu verzeichnen, die z. B. die Rigorosität der Abstinenz, mit der vor allem jugendliche Mehrfachabhängige nicht zurechtkommen, langsam auflöst. Die Eigenmotivation ist m. E. die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Weg in die Trockenheit. Nicht alle Positionen des Autors finden meine Zustimmung. Aber: es ist die schonungslose Analyse eines Lebens in der Hölle, aber auch im Himmel, wobei ersteres vor allem dem Alkohol geschuldet war. Hier hat sich einer der Mühe unterzogen, vermeintlich in Stein Gemeißeltes zu hinterfragen und zu durchdenken und im Kantschen Sinne seinen eigenen Verstand zu nutzen. Inwieweit der Leser ihm zustimmt, muss dieser selbst entscheiden, denn so manche Aussagen fordern in ihrer Provokation geradezu zum Widerspruch heraus. Das Reden in den Selbsthilfegruppen über eigene Erfahrungen, egal ob negativ oder positiv, ist immer noch sinnvoller und hilfreicher als das Wiedergeben übernommener Aussagen, die ich von irgendwem gehört habe und nun als Allgemeingut wiedergebe. Siemes spricht davon, dass das Trockenwerden auch einen bestimmten Lernprozess beinhaltet, im Sinne von Erfahrungen anderer individuell zu verwerten. Diese sollten dann allerdings auch auf persönlich Erlebtem beruhen und keine Floskeln wiedergeben.

Meiner Meinung nach gibt es zurzeit kein spannenderes und mehr zum Widerspruch herausforderndes Buch zum Thema „Alkohol“ als das hier besprochene. Einige Kapitel eignen sich hervorragend, um so mancher im eigenen Saft schmorenden Gruppe neues Leben einzuhauchen.

Dass ich bei der Lektüre wieder zahlreiche U-Bahnstationen verpasste, der Vollständigkeit halber.

                                                                                                                                                                                                                                  Jürgen Schiebert

Reinhard Siemes: Mein Todfreund, der Alkohol.
56 Episoden aus dem Leben eines Reklametexters, der auch Trinker war. Und eines Trinkers, der auch Reklametexter war.
avedition, Stuttgart 2015
360 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-89986-226-3
24,90 €


Das Jüngste Gerücht, Joachim Seiler, TrokkenPresse Verlag

Anmerkungen zur Veröffentlichung
des TrokkenPresse Verlages:

Joachim Seiler, „Das jüngste Gerücht“

In der großen Gemeinschaft trockener Alkoholiker ist Joachim Seiler eine Institution. Nach einem äußerst bewegten, nassen Leben hat er, wie viele andere auch, den Weg in ein Leben ohne Alkohol geschafft. Das war ihm allerdings längst nicht genug. Um auch anderen Betroffenen zu helfen, gründete er eine Selbsthilfegruppe und verfasste Bücher und Einzelartikel rund um den Alkohol und vor allem viel über die Wege, auf denen er letztendlich selbst das trockene Ufer erreichen konnte. Joachim Seiler hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass diese Wege steinig und schwierig waren. Trotzdem hat er bei aller Betroffenheit nie den Humor verloren und sich häufig mit spitzer Feder und einem feinen Sarkasmus vor allem mit den Ultras der Alkoholiker-Selbsthilfeeinrichtungen auseinandergesetzt. So auch in diesem Buch.Dieses Buch ist eine Sammlung von Texten, die Joachim Seiler in seiner aktiven Zeit verfasst hat. Es erschließt sich mir nicht, warum dieses Buch ausgerechnet „Das jüngste Gerücht“ heißen muss? Dieser Titel wurde in den sechziger Jahren vom Kabarettisten Wolfgang Neuss für sein Soloprogramm verwendet. Neuss war respektloser Spötter und Salonlinker, bis er sich für ein Leben im Haschisch-Rausch entschied. Neuss verstarb zahnlos, vereinsamt als Sozialhilfeempfänger fast unbemerkt am 5. Mai 1989 in Berlin.

Als Joachim Seiler geboren wurde, muss der griechische Gott Satyr[1] auf dem Dach des Hauses gesessen haben. Nur so ist für mich (mythologisch) erklärbar, wie dieser Mensch trotz Alkoholbelastung und einer Fülle privater und beruflicher Probleme (siehe Blaupause) den Weg zu einer derartig spitzfindigen, teilweise humoristisch bösartigen Schreibweise finden konnte. Und ungeachtet der zahllosen Meinungen im Umfeld der Sucht- und Alkoholexperten, hat es etwas außerordentlich Erfrischendes, Joachim Seilers Texte zu lesen.

Wer die Blaupause von Joachim Seiler kennt, dem liefert dieses Buch nichts wirklich Neues. Es ist noch einmal die Aneinanderreihung bekannter Auslassungen. Allerdings macht es Spaß, in dem 95 Seiten umfassenden Buch zu lesen! Das steht außer Frage. Dieses Buch ist zuallererst eine Würdigung des Menschen Joachim Seiler. Das hat er sich verdient, ersoffen und erschrieben. Daran gibt es nichts zu zweifeln.

Das jüngste Gerücht ist eine kurzweilige Lektüre für Abhängige und Unabhängige (um im Sprachgebrauch der TP zu bleiben) und dieses Buch hilft auch einen gesunden Abstand zum teilweise sehr verbohrten und festgefahrenen Denken der Old-School-Selbsthilfeexperten zu entwickeln. Ist diese Form des Umdenkens heute überhaupt nötig? Hier lege ich mich mit einem eindeutigen „Ja“ fest und stelle mich eindeutig auf die Seite von Joachim Seiler, der aus seinem gespannten Verhältnis zu den Ultras der Selbsthilfegruppen in keiner Zeile ein Geheimnis macht. Das jüngste Gerücht endet mit folgendem Satz meine alkoholischen Brüder und Schwestern, ihr selbst seid es, die über euch bestimmt und entscheidet.“

Damit legt sich Joachim Seiler eindeutig fest, dass er sich als Alkoholiker nie als Opfer, sondern immer als Täter gesehen hat. Auch im Zustand zufriedener Abstinenz bleibt der Autor Täter und nicht Opfer. Er bestimmt mit der Unterstützung von Experten den Zeitpunkt seines Ausstieges und damit auch den weiteren Verlauf seines Lebens. Er übernimmt als Täter selbst die Verantwortung für die Vergangenheit, Gegenwart und das, was ihn dann als Zukunft noch erwartet. Das ist Selbstverantwortung im wahrsten Sinne dieses Wortes!

Und weil er das so gemacht hat, hat er auch das Recht, die Finger in die Wunden des Lebens trockener Alkoholiker und ihrer Selbsthilfeeinrichtungen bzw. deren Vertreter zu legen.

Joachim Seilers Buch liefert erheiternde Beiträge für einen Lebensbereich, in dem es nicht immer für alle etwas zu lachen gibt. Wer sich allerdings auf den Weg macht oder gemacht hat, sein Leben endlich ohne Alkohol zu gestalten, hat auch ein Recht darauf, sein Lachen und seine Fröhlichkeit wiederzufinden, ohne deshalb gleich in euphorischem Größenwahn zu versinken. Niemand von uns (den trockenen Alkis) muss im Büßerhemd unter dem Teppich kriechen, sondern wir alle sollten uns darüber klar sein, trocken sind wir vor allem eines wieder: liebenswerte, achtsame Menschen. Das muss Joachim Seiler durch den Kopf geschossen sein, als er sich sehr kritisch mit dem Ritualen der SHG auseinander gesetzt hat, bei dem auf Gruppentreffen, nach der Namensnennung, das Bekenntnis zur Alkoholsucht zu erfolgen hat. J. Seiler stellt den Sinn dieses Ritual einfach nur zur Diskussion. Er sagt ja nicht, hört auf damit und dann wird alles viel, viel leichter. Was er aber mit diesem kurzen, einleitenden Gedanken meint, ist, dass wir uns besinnen sollen! Zuallererst auf uns selbst. Denn wir alle sind Täter und halten damit auch in unseren Händen, ein Leben ohne Alkohol hinzubekommen. Das nimmt uns niemand ab.

Dieses Buch ist wenig gut geeignet für Menschen, denen das Verhältnis zur Selbstironie abhandengekommen ist. Es ist kein Leitfaden zur Selbsthilfe für Suchtkranke und es ist völlig ungeeignet für Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen.

Dieses Buch ist gut geeignet für alle Menschen, die trotz Suchterkrankung ihr Leben wieder ohne Suchtmittel meistern und ihren Sinn für Humor nicht verloren haben. Dieses Buch liefert einen unschätzbaren Beitrag, dass Gedanken und Ideen des trockenen Alkoholikers Joachim Seiler in uns allen weiterleben können.

Joachim Seiler verstarb im Jahre 2014.

                                                                                                                                                                                        Joachim Köhler / Berlin-Michendorf

[1] Satyr wird von vielen Experten als der Urvater der Satire genannt. Als stets unbekleideter Mann soll er in der Antike mit kritischem Auge das gesellschaftliche Leben seiner Zeit beobachtet haben. Sprachwissenschaftler bestreiten diesen Zusammenhang. Für sie stammt das Wort Satire aus dem lat.: satira/ satura lanx


 Das-verlorene-WochenendeCharles Jackson: Das verlorene Wochenende

Der Schweizer Dörlemann Verlag hat Charles Jacksons sehr lesenswerten Roman „Das verlorene Wochenende“ dankenswerterweise wiederentdeckt. Die Erstauflage 1944 in den USA war ein Bestseller, 1945 verfilmt von Billy Wilder als „The Lost Weekend“ (dt. „Fünf Tage“).

In diesem Roman geht es um fünf Tage im Jahre 1936, die Don Birnam, Schriftsteller und Alkoholiker, in New York verbringt. Es ist das Jahr nach der Gründung der AA´s in den USA.
Sein Bruder Wick ist alleine aufs Land gefahren, Don hatte es so eingerichtet, dass er den Bruder verpasst und ihm nun geplante fünf Tage eines Rückfalls bevorstehen. Der Leser begleitet den Protagonisten durch ein alkoholisches Martyrium. Die Handlung des Romans ist recht einfach, der Held trinkt, vertrinkt und verliert öfters sein Geld. Das ganze Buch über bemüht er sich, Geld zum Saufen zu beschaffen, irgendwie gelingt es ihm immer wieder. Er versucht, eine Handtasche zu stehlen, was misslingt; versucht, seine Schreibmaschine zu versetzen, was misslingt, landet auf der Entgiftungsstation, versetzt den Pelz seiner Bekannten und pumpt arme Witwen an.

Es ist also nicht eine komplizierte Handlung, die den Roman so fesselnd macht. Wobei die Schilderung seiner fußläufigen Odyssee durch fast ganz Manhattan, die schwere Schreibmaschine unter dem Arm, auf der vergeblichen Suche nach einem geöffneten Pfandleihgeschäft, es ist Feiertag, so eindringlich geschildert ist, dass man die Symptome des kalten Entzugs zu spüren meint.
Es sind die Gedanken, die sich im kranken Hirn von Don Birnham abspielen, die das Buch auch heute noch so lesenswert und für seine Zeit einzigartig machen. Die Rückblenden in die Kindheit und Jugend, sein schmählicher Abgang in der Universität nehmen großen Raum ein. Faszinierend macht das Buch aber die realistische Darstellung der Gedanken und Gefühle eines Abhängigen mit und ohne Stoff. Teilweise sind die Schilderungen so eindringlich, dass sich beim Leser körperliches Unwohlsein einstellen kann.
Mit Jacksons Werk findet, erstmals in der Literatur, die Trunksucht als Krankheit Eingang, und nicht als heroische Saufaus-Geschichte oder tragischen Roman eines Willensschwachen wie bei Falladas „Trinker“ noch gezeigt.

Dieses sorgfältig und wertig gestaltete Buch ist, wie man sich denken kann, kein Unterhaltungsroman, aber er fesselt den Leser durch eine ungeschminkte und realistische Darstellung eines Zustandes, den Millionen Menschen ertragen müssen – Sucht.

                                                                                                                                                                                                                  Torsten Hübler

Charles Jackson
Das verlorene Wochenende
Übersetzung Bettina Abarbanell
348 Seiten,
Dörlemann-Verlag, Zürich 2014,
ISBN: 978-303820007-9,
geb., 24,90 Euro


Rolf-LudwigLebenserinnerungen des Schauspielers Rolf Ludwig:
„Nüchtern betrachtet“ …

… und mit meinen Augen einer Alkoholabhängigen gelesen:

Oh ja.
Wenn Rolf Ludwig, der große Mime des deutschen Theaters und Films, kein Trinker war, wer dann?

Sein übermäßiger Konsum von Bier, Schnaps und Likör zieht sich fast durchs ganze Buch. Als stetige Randerscheinung, wohl gemerkt. Ob als komisch-erlebnisreiche Zecherei oder trauriges Besäufnis. Ob nach der Probe, nach dem Auftritt, oder auch dazwischen. Vor so manchem Rausschmiss hatte ihn bewahrt, dass er auch angetrunken keine Vorstellung platzen ließ. Dass er seine Kollegen – viele namhafte wie Wolfgang Heinz, Thomas Langhoff, Dieter Mann, Harald Juhnke – niemals im Stich ließ.

Aber natürlich erinnert er sich vor allem an seine Arbeit als Schauspieler. An das Leben hinter den Kulissen und vor den Kulissen. An Anekdoten am Rande. An liebevolle Interna aus der Szene. „Tausendsassa der Berliner Bühnen“ genannt, war sein Lebensinhalt nun mal die Bühne. Zuletzt die des Deutschen Theaters. Und als Soldat im Kinofilm „Das Feuerzeug“ bleibt er ebenso unvergesslich auf Zelluloid gebannt wie in 49 weiteren Filmen.
All seine beruflichen Stationen, seine Kindheit als Buchdruckersohn in Dresden, seine Zeit als Kampfpilot der Wehrmacht, die britische Kriegsgefangenschaft, seine zwei Ehen beschreibt er in diesen Erinnerungen. Ohne Häme gegen andere, ohne Schuldzuweisungen und Vorwürfe, eher mit einer großen Portion liebevollen Schalks in den lebendigen, unterhaltsam zu lesenden Zeilen.

Seine zweite Frau Gisela, die ihm bis zu seinem Tod – er starb 1999 an Lungenkrebs – nicht von der Seite wich, ergänzt seine Betrachtungen mit ihren eigenen Erinnerungen, aus ihrer Perspektive.

Ärzte diagnostizierten seine Trinkerei übrigens als Versuch, sein Kriegstrauma zu bewältigen. Und wer weiß, vielleicht war auch die Schauspielerei eine Art Flucht vor den Erinnerungen an unmenschliches Kriegsleid? Falls ja, hat er es in Freude für Millionen Zuschauer wandeln können.

Danke, Rolf Ludwig!

(Ach ja: Ob er wohl jemals eingesehen hat, abhängig zu sein?
Lesen Sie doch einfach nach …)

                                                                                                                                                                                                                       Anja Wilhelm

 Rolf Ludwig
Nüchtern betrachtet
Mit Erinnerungen von Gisela Ludwig
DAS NEUE BERLIN
Auflage 2015,
ISBN 978-3-360-02193-9,
14,99 Euro


Cover "Nüchtern", Daniel SchreiberDaniel Schreiber: „Nüchtern“

Über das Trinken und das Glück

Ein sehr gutes Buch, wenn nicht das Beste, das ich bisher über die Alkoholsucht gelesen habe. Daniel Schreiber, Journalist und Publizist, schreibt über sein nasses Rauschleben und sein trockenes Suchtleben, daneben, und das macht das Buch so lesenswert, reflektiert er über unsere alkoholgeschwängerte Gesellschaft und teilt sein Wissen aus der aktuellen Suchtforschung und Suchtmedizin mit dem Leser. Dies funktioniert deshalb so gut, weil der Autor sehr gut und verständlich schreiben kann, ein scharfer Beobachter, der nicht nur die Wissenschaftsliteratur beherrscht, sondern auch die schöne Literatur.

Die Kernzielgruppe seines Bandes dürften die „Normalen“ sein, denen er sehr verständlich die schwer verstehbare Krankheit „Sucht“ erklärt. Ein Buch für Menschen aus dem Umfeld des Alkoholikers, die nicht verstehen können, warum dieser Mensch so uneinsichtig und schwach ist und das exzessive Trinken nicht beendet. Nichtsdestotrotz kann man es auch als Abhängiger mit großem Gewinn lesen.

Durch den ganzheitlichen Blick auf das Problem Alkoholsucht geht das Werk über andere Titel hinaus, die das Trinkerleben beschreiben und so die Krankheit individualisieren. Schreiber zeigt anhand seiner eigenen Person und seines eigenen Erlebens, wie banal und einfach der Weg in die Sucht ist, auch wie in dieser Gesellschaft lange Zeit ein alkoholsüchtiges Leben kaschiert werden kann und wie es plötzlich, mit der ausgesprochenen Feststellung „Alkoholiker“, zu Ende ist mit dem bürgerlichen Firnis und damit die Ausgrenzung beginnt.

Der Autor hat sich sogar die Mühe gemacht, ungewöhnlich für einen Essayband, ein recht umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis anzufertigen, das sehr hilfreich ist.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen, für Alkoholkranke, die mehr über ihre Krankheit wissen wollen, und Menschen ohne Alkoholkrankheit, die ihre alkoholische und alkoholkranke Umwelt besser verstehen wollen.

Daniel Schreiber verfasste zwei Jahre lang eine monatliche Kolumne in der „taz“auch mit dem Titel „Nüchtern“, die sich an die breite, zumeist nicht ständig nüchterne Leserschaft wandte; dieser Band ist nicht die Sammlung der Kolumnen, aber ihre logische Fortführung, seine Abschiedskolumne drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Autors nebenstehend.

                                                                                                                                                                                                                               Torsten Hübler

Daniel Schreiber
Nüchtern
160 Seiten,
Hanser Berlin,
ISBN: 978-3-446-24650-8,
gebunden,
16,90 Euro