Trocken bleiben – aber wie? Neue Serie

Neue Serie: Trocken bleiben – aber wie?

„Etwas zu tun – das hält mich trocken“

Alle zwei Monate stürmt er energiegeladen durch unsere Tür. „Ihr habt was für mich?“
Ja, haben wir. Hier im Büro unseres Verlages. Etwa 150 Ausgaben der TrokkenPresse, verpackt in Paketen und Umschlägen. Wolfgang Gottschalk, seit 13 Jahren trocken, wird sie wieder austragen, kreuz und quer durch Berlin. Zu Krankenhäusern, Rathäusern, Vereinen. Seit einem Jahr ist er TrokkenPresse-Bote aus Leidenschaft. Dabei wird er im August bereits 80 Jahre alt! Ein besonderer Grund für uns, ihn heute einmal unseren Leser/innen vorzustellen. Weshalb er einst trank– er hat 22 Entgiftungen und zwei Langzeittherapien hinter sich –, und was ihn heute trocken hält. Für uns schaute er zurück, sogar bis in seine Kindheit …

Du könntest Deinen Alltag mit 80 eigentlich auf dem Sofa verbringen …

Ich will was machen, das hält mich trocken. Ich brauche es nicht wegen des Geldes, ehrenamtlich für euch die TrokkenPresse zu verteilen. Ich brauche eine Aufgabe. Denn jemanden dann im Stich zu lassen geht bei mir nicht, das ist Ehre, es wäre für mich ein Zusammenbruch, wenn ich diejenigen enttäuschen würde.
Wenn ich jetzt einen trinken würde, würde folgendes passieren: Jetzt rufste die doch gar nicht an, die können mich mal. Dann lande ich im Krankenhaus, wieder einen Glockenschuss. So, wie soll ich vor euch denn dann dastehen? Ihr würdet vielleicht sagen, naja, ist die Krankheit … würdet ihr machen … geht aber bei mir nicht, ich kann euch nicht enttäuschen, das kann ich nicht. Verantwortung zu übernehmen ist sowas wie ein Schild, Schutzgitter, ich weiß nicht, das sagten die Psychologen. Vielleicht will ich auch etwas wiedergutmachen, ich habe meine Chefs früher enttäuscht, verletzt.

Du hast ja aber bis zur Rente gearbeitet – u n d getrunken?

Immer wenn ich einsam gewesen bin, so als ob ich einen Dachschaden hätte, habe ich getrunken, ich konnte mich ja nicht selber einsperren. Bei mir ist es erst gut gegangen, als ich meine Marion gefunden habe … da hab ich dann aufgehört zu saufen. Vor 13 Jahren.
Aber von vorne: Nach meiner Lehre als Damen-und Herrenschneider kam ich zu einem bekannten Schneider an den Ku’damm, machte da noch meinen Meister und hab da bis zur Rente mit 63 gearbeitet. Und ich hatte immer das Glück, dass meine Chefs mich nicht entlassen haben. Ich war schon auffällig, habe mich krankschreiben lassen. Das eine Mal stand der Chef sogar vor meiner Türe: „Pass auf, wenn du nächsten Montag nicht arbeiten kommst, bist du weg.“ Ich natürlich hin. Er hat immer zu mir gehalten, er war auch wie Papa zu mir. Meine Chefs waren sehr enttäuscht und traurig, haben mich aber nie fallengelassen, die haben mich lieb gehabt. Da hatte ich Glück.

Dir war immer sehr wichtig, lieb gehabt zu werden?

Das lag vermutlich an meiner Kindheit. Meine Mutter wurde schwanger, sie wollte mich nicht, sie hatte schon drei Abtreibungen. 1939 kam ich dann doch zur Welt, ungewollt. Nach 2 Jahren kriegte ich dann Schwindsucht, beide Lungenflügel. Ich war schon im Waggon, Mongoloide, Spastische, Schwindsüchtige und und und wurden ja vergast …

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