Lotsin Marion: „Ich bin so dankbar dafür, helfen zu dürfen“

Lotsin Marion: „Ich bin so dankbar dafür, helfen zu dürfen“

Vor dem Haus der Anonymen Alkoholkrankenhilfe e.V. (AKB) in Berlin-Dahlem. Diesen Interview-Treffpunkt hat sich Lotsin Marion für heute gewünscht. Denn hier ist sie noch oft, sie nennt es dankbar ihr „Geburtshaus“ seit ihrer  6-Wochen-Therapie. Hier kam sie her, als sie nach einer Entwöhnungs-Reha im neuen, trockenen Alltag nicht zurechtkam.
Sie hat den Fuß schon aus der Tür ihres „dicken Brunos“, wie sie ihr kleines Auto liebevoll nennt. Letzte Worte ins Telefon sind noch zu vernehmen: „ … ich bin ja Potsdamerin. Ich würde dich aber gerne mit dem Berliner Lotsennetzwerk verbinden. Überleg dir nochmal, ob du wirklich willst und was du erwartest. Und dann sprechen wir nochmal? Toll, dass du angerufen hast!“
Marion hat sich extra eine Freisprechanlage zugelegt, damit sie tatsächlich immer erreichbar sein kann für Hilfesuchende … denn seit 2016, nach einer ersten Schulung durch die Brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen, ist sie in ihrer Freizeit als Lotsin unterwegs.

Weshalb bist Du Lotsin?

Um Menschen zu begleiten, die in Not sind, wie ich es auch mal war: Menschen, die in eine Klinik wollen, in der Klinik oder aus der Klinik auf dem Heimweg sind und nicht wissen, wie es weitergeht. Das hat mir damals gefehlt, der Anschluss ins normale Leben. Und als ich 2016 vom Lotsennetzwerk gehört habe, dachte ich, jetzt kannst du anderen das geben, was du dir damals gewünscht hast.

Du opferst Deine Freizeit für andere?
Ich opfere nichts, es „kostet“ mich gar nichts. Es gibt mir ganz viel. Weil: Die Zeit, die ich früher verbraucht habe, um Partys zu organisieren, danach aufzuräumen und wieder klarzuwerden, wo war ich, mit wem und wie … früher habe ich wahnsinnig viel telefoniert, wo habe ich mein Portemonnaie gelassen, wo ist mein Handy und wo muss ich mich entschuldigen … das habe ich ja jetzt alles nicht mehr! Ich habe ja unwahrscheinlich viel mehr Freizeit als zu der Zeit, als ich konsumiert habe. Und wenn ich diese Zeit heute nutze, anderen zu helfen, dann ist das genau die Zeit, die auch mir hilft, also mir geht keine Zeit verloren.

Wie hilft es Dir selbst, anderen zu helfen?
Es bringt mich dazu, meine eigene Geschichte anzugucken, immer wieder, da sind so viele Parallelen. Und ich bin dankbar dafür, dass die Menschen, überwiegend junge, mich um Rat fragen. Ich kann keine Ratschläge geben, aber ich kann sagen, wie ich es gemacht hab, vermitteln, wie ich lebe und meine Hilfe anbieten.

 Wie kommt ihr in Kontakt?
Entweder laufen mir die Hilfesuchenden in den Selbsthilfegruppen über den Weg oder kommen direkt über die Koordinatorin des Lotsennetzwerkes in der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen. Das läuft dann so: Die Menschen sind in der Entgiftung oder Langzeit, gehen zu Sozialarbeitern dort und diese bieten dann Verbindung zum Lotsennetzwerk an für die Zeit danach.

Was genau tut ihr Lotsen?
In einer Vereinbarung mit dem Lotsennetzwerk wird der Zeitrahmen festgelegt, drei Monate meist. Dann die Wünsche des zu Lotsenden, die Form des Kontaktes, die Orte. Es sind neutrale Orten, z.b. in Cafés, Cleancafés, oder sowas wie Botanischer Garten … die junge Frau mit den zwei Kindern zum Beispiel, die ich jetzt noch begleite, hatte sich schon genau überlegt, an welchen Stellen sie sich von mir Unterstützung wünscht: Dass ich mal mit der Sozialarbeiterin spreche, mit der Familienstelle, mit dem ihr bestellten Betreuer. Das war gut so, wir konnten sie dadurch gut auffangen bei ihren Rückfällen. Von uns war immer jemand greifbar, um dafür zu sorgen, dass sie zum Beispiel wunschgemäß in eine Entgiftung kommt und nicht irgendwo vom Krankenwagen abgeliefert wird, sondern bei ihrer Wunschtherapeutin. Ansonsten treffen wir uns, um gemeinsam ins Meeting zu fahren. Für Neue erst mal angstbesetzt, eine Hemmschwelle. Wenn die junge Frau mit den Kindern aus der Langzeit zurück ist, werde ich sie wieder treffen. Sie hat jetzt eine stabile Partnerschaft, die beiden haben sich in der Klinik kennengelernt. Und im Moment sind beide der Meinung, wenn sie einander haben, ist das ausreichend. Aber dass sich zwei weichgekochte Spaghetti nicht stützen können, das wissen wir ja alle, er hatte Rückfälle, sie auch. Wir können uns das nur angucken, zusammen mit ihrer Betreuung. Und schauen, dass wir eine geeignete Selbsthilfe für sie finden vor Ort. Zwei andere Lotsen, die in ihrer Nähe wohnen, würden sie in die Gruppen vor Ort integrieren. Sie kann die Kinder mitbringen und in der Freizeit wird auch viel gemeinsam gemacht. Ich hoffe, wir bekommen sie da integriert. Das ist so meine Vision.

Was erwarten die zu Lotsenden noch von Dir?
Die junge Mutter zum Beispiel hat sich in ihrer Vereinbarung gewünscht: Regelmäßige, kurze Telefonate mit mir. Eine Zeit lang hat sie das fast jeden Tag gebraucht. Das wird im Laufe der Zeit weniger. Begleitung zum Beginn der Tagestherapie, Kennenlernen und Begleitung zu Selbsthilfegruppen, Stütze in der Vorbereitung der Langzeittherapie bis hin zum Erstellen einer Packliste, wo muss ich mich abmelden, es sind ja vier Monate, da ist ne Menge vorzubereiten. Und vieles andere ergibt sich.
Es gab auch schon exotische Wünsche. Eine Frau wollte Hilfe bei: wie bedient man ein Handy, einen PC, wie richtet man eine Wohnung ein, wie trennt man sich vom Partner, wie erlangt man Selbstsicherheit, wie fährt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wie fahre ich Rolltreppe, wie gehe ich mit meinen Ängsten um …

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