Trocken bleiben mit Sport?

Ob Laufen, Schwimmen, Wandern & Co:

Kann Sport tatsächlich „trocken halten“?

„Ja, ja, ja!“, werden einige von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sofort begeistert rufen. Andere haben vielleicht mit körperlicher Betätigung noch nie viel im Sinn gehabt, weshalb also jetzt? Und wiederum einige unter Ihnen wissen, dass etwas mehr Bewegung gut täte, können sich aber selten überwinden. Und manchen hält vielleicht auch eine Krankheit davon ab.
Was auch immer Sie jetzt gerade über Sport denken – wir wollen versuchen, die obige Frage zu beantworten. Dazu gibt es so einige Theorien, Erfahrungen und Studien, sogar Hamster spielen eine Rolle …

„Kurze Pause, alle Paddel raus!“, tönt es vom Trainer hinten am Steuerruder.
Drachenboottraining in Berlin-Grünau. Der Klärwerk e.V. bereitet sich auf den Cup des Anti-Drogen-Vereins vor. Wir 12 Paddler keuchen bereits, nach 1000 nassen Metern über die Dahme. Schweiß mischt sich mit Flusswasser. Sonne glitzert auf den Wellen. Pause also. Atem schöpfen.

Wortfetzchen von hinten landen an meinem Ohr: „ … meine Bandscheiben … morgen Physiotherapie … ja, mein Knie auch …“ Hut ab, dass jemand trotz Beschwerden mittrainiert. Ich drehe mich mitfühlend um. Sofort kommt mir die Frage entgegen: „Und was hast Du so für Krankheiten?“

Oh. Ähm … ja stimmt. Arthrose in den Knie-und Ellenbogengelenken, kann ich also mitreden, aber dass ich davon nur noch wenig merke, seitdem ich regelmäßig Sport treibe.

Ich weiß auch, dass weiter vorn im Boot jemand sitzt, der chronische Kniebeschwerden hat. Eine Frau mit einer Halswirbelverschraubung auch. Aber jeder paddelt mit, so gut er eben kann. Weshalb?

Die Glücksgefühle, ja regelrechten Hochgefühle, die unser Auspowern mit sich bringt – noch verstärkt durch das Gemeinschaftsgefühl in einem Boot – , sind stärker und wichtiger als alle Zipperleins. Wir fühlen uns so lebendig auf dem Wasser und nach dem Training! Suchtdruck und Sehnsucht nach Bier? Keine Chance. Dafür eine Chance, alte Trinkmuster zu überschreiben, denn wir erleben: Ja, es geht, ohne Alk glücklich zu sein! „Mir geht’s jetzt so gut!“, „War das geil!“, Ich freu mich schon so aufs nächste Mal!“

Wenn wir ehrlich sind, haben doch die meisten von uns in ihrer Trinkzeit, in der nichts wichtiger war als der Alk, auch den Körper vernachlässigt. Arme, Beine, Muskeln, Sehnen, Knochen? Egal. Mir selbst ja auch. Vor meiner Entwöhnung vor fünf Jahren habe ich minutenlang gebraucht, um von der Bettkante aufstehen zu können, Arthritisknie, Gicht, Rücken. Mit erst 50! Aber das war mir damals egal. Hauptsache, ich schaffe es bis zum einzig wichtigen Regal im Supermarkt, irgendwie.
Sport? Na, wie denn …

Eben deshalb vielleicht ist es so schwer, unseren Körper wieder wahrnehmen zu müssen, ohne Betäubungsmittel und Fluchthelfer Alkohol. Mit allen Zipperleins. Er hat ja schwer gelitten.
Aber er ist nun mal unser Zuhause.
Wollen wir uns Zuhause wohlfühlen? Wir könnten es wieder erlernen. Sich irgendwann wieder wohlzufühlen im eigenen Körper kann nämlich ebenso das Rückfallrisiko senken wie der Glückshormonausstoß beim körperlichen Betätigen:

Was Hamster uns beweisen

Sport kann in der Suchttherapie als eine Art natürliche und gesunde „Ersatzdroge“ wirken. US-Wissenschaftler J. David Glass belegte das in seiner Studie (2010). Er untersuchte das Verhalten von Hamstern, die sich – freiwillig – in einem sogenannten Hamsterrad bewegen konnten und Zugang zu Wasser mit Alkohol hatten, ohne dass sie gezwungen wurden, dieses zu trinken. Je mehr die Hamster liefen, desto geringer war ihr Alkoholkonsum. Die „fauleren“ Hamster hatten ein größeres Verlangen nach Alkohol und tranken mehr. „Das zeigt, dass körperliche Betätigung eine effektive, nützliche und nicht-medikamentöse Behandlungsmethode für Alkoholismus sein könnte”, schlussfolgerte Glass.

„Alkoholkonsum und freiwillige körperliche Betätigung scheinen zwei Verhaltensweisen zu sein, die von Natur aus belohnend sind”, sagt Alan M. Rosenwasser, Professor für Psychologie an der US-University of Maine. „Die belohnenden Effekte dieser beiden Verhaltensweisen könnten teilweise austauschbar sein. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die beiden Verhaltensweisen von überlappenden Systemen im Gehirn reguliert werden.”

Ein chinesisches Forschungsteam hat einmal alle verfügbaren Einzelstudien zu diesem Thema zusammenfassend analysiert. Das Ergebnis: Entzugsbehandlungen, die körperliche Aktivität beinhalten, erzielten höhere Abstinenzquoten und reduzierten die Entzugssymptomatik stärker als Behandlungen ohne körperliche Aktivität. Neben typischen Ausdauersportarten wurden auch fernöstliche „Mind & Body“-Aktivitäten wie Tai-Chi, Yoga oder Qigong untersucht. Sie verbessern die Abstinenzrate ähnlich wie klassischer Ausdauersport.

Und noch eine Studie:…

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