HundeDoc Jenny

Zum Termin beim „HundeDoc“:

„Die Tiere können ja nichts dafür …

… bei wem oder wo sie gelandet sind. Jemand muss sich um sie kümmern.“ Und das tut sie: Tierärztin Jeanette Klemmt hilft seit 20 Jahren kostenlos den Hunden, Katzen oder Kaninchen sehr bedürftiger Menschen in Berlin. Und zwar als Tierärztin im Projekt „HundeDoc“ der Stiftung SPI*.

Warten auf das weiße HundeDoc-Mobil. Bald müsste es um die Straßenecke biegen. Es ist Dienstag und gleich 13 Uhr. Vor dem Kontaktladen „Enterprise“ in Berlin-Lichtenberg, direkt neben dem Bahnhof, beschnuppern und bebellen sich die ersten Tier-Patienten schon neugierig: Vier Hunde, groß, klein, schwarz, weiß-gefleckt. Die Hundebesitzer dagegen halten den geforderten Abstand, denn noch sind wir mitten in der Corona-Krise.

Owe (63) sitzt sogar noch etwas weiter abseits von den anderen, denn sein Akita-Mischling namens YiGuai (chines.: Kumpel) ist nicht so besonders gut zu sprechen auf jeden, der seinem Herrchen zu nahekommt. Und jetzt gerade sowieso nicht, denn er hat Angst. Große Angst. Das Tierarzt-Auto, ein umgebauter Rettungswagen, parkt nämlich gerade ein. Das weckt wohl keine so guten Erinnerungen. Zum Beispiel an die jährlichen Impfungen.
Heute ist er da, weil sich Herrchen Owe sorgt. YiGuai wird immer dünner, obwohl er so frisst wie immer …
Jenny, wie die Tierärztin von allen genannt wird, öffnet nun ihre Praxis – die Schiebetür des Wagens. Der erste Tierhalter auf der Warteliste ist dran. Er hat einige Fragen und braucht weitere Ohrentropfen für seinen Hund. Wegen Corona berät Jenny ihn über den nötigen Abstand hinweg nach draußen, zwischen Tür und Angel sozusagen.
Owe und YiGuai sind die dritten auf der Liste und nun dran, nach dem weißen Kaninchen in einem Transportkäfig.
YiGuai aber sträubt sich. Weil er untersucht werden soll, muss er nämlich in den Wagen hinein. Auf den Untersuchungstisch. Aber das will er nicht. Er zittert am ganzen Körper und wird beherzt gehoben. Vorsichtshalber bekommt er einen Maulkorb. Jenny tastet und knetet seine Bauchgegend ab, während Herrchen „assistiert“ und ihn festhält. Jenny kann aber nichts Ungewöhnliches finden. Auch die Fragen nach seinem Verhalten in den letzten Wochen erbringen keine Lösung. „Also, Owe, um ganz sicher zu gehen, wäre das Blut zu untersuchen.“
Blutabnahme bei dem zappelnden, zitternden YiGuai? Und: Auch wenn die Allgemeinversorgung kostenlos ist, das Labor muss bezahlt werden: 39 Euro …
Owe ist hin- und hergerissen. Wägt ab und rechnet im Kopf. Denn für ihn als derzeitigen ALG2-Empfänger ist das eine Unsumme. Auch, wenn er nach Entgiftung und Therapie kein Geld für Alkohol mehr braucht. Er stottert gerade noch die Mietkaution ab und versorgt noch seinen zweiten Hund. Beide Tiere hatte er vor über zehn Jahren, als er noch in Arbeit als Schiffsbauingenieur war, in Asien vor dem Tod gerettet. Seitdem sind alle drei unzertrennlich. Brauchen einander. Und auch jetzt, mit schmerzhafter Arthrose in den Knien, einer Lungenkrankheit, einem Tumor am Kopf denkt Owe nicht daran, die beiden wegzugeben. Niemals. Lieber würde er selber hungern. Und deshalb siegen jetzt auch Sorge und Herz über seinen fast leeren Geldbeutel. Und Jenny zapft YiGuai an einer Pfote Blut ab, während Herrchen ihn gegen seinen Willen ganz fest im Griff hält und beruhigend mit ihm spricht.
Danach gibt’s gleich noch die Wurmkur für beide Hunde mit.
Sichtlich aufatmend, besonders YiGuai, verlassen die beiden das Doc-Mobil. Geschafft. Vorerst jedenfalls. Noch steht ja die Laboranalyse aus …

Aber um hier kein falsches Bild zu erwecken: Nicht jeder ALG2-Empfänger Berlins bekommt einen Platz auf der Warteliste. Owe gehört zu den Ausnahmen. Die Sozialarbeiter in den kooperierenden Kontaktläden (s. Liste Anhang) prüfen die individuelle Bedürftigkeit der Menschen genau. Man muss also vorher Kontakt zu ihnen aufnehmen. Das war und ist immer noch ein Ziel des Projekts „HundeDoc“: Menschen, die auf der Straße leben müssen, oder/und suchtmittelabhängig sind, über ihre Tiere zu motivieren, mit sozialen Hilfeangeboten und Trägern in Kontakt zu kommen. „HundeDoc“ als Brücke zwischen Sozialarbeitenden und Tierhalterinnen und Tierhaltern und als Beitrag zum Tierschutz.

Seit 20 Jahren nun schon ist Jenny „der“ HundeDoc. Und jeden Werktag, in Teilzeit angestellt bei der SPI, kreuz und quer durch Berlin unterwegs.

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