Hilfe, ich muss zur MPU!

Führerschein weg wegen Alkohols:

Hilfe, ich muss zur MPU!

Fast 4,4 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden geschehen unter dem Einfluss von Alkohol. Das bedeutet, etwa 14 000 Menschen werden verletzt, schwerverletzt oder sogar getötet. Mütter, Väter, Partner, Kinder. Und oftmals haben nicht sie selbst den Alkohol getrunken. Sie werden zum Opfer durch andere …

Hand aufs Herz, sind Sie schon mal mit einem Bierchen oder Weinchen oder gar mehr im Blut Auto gefahren? Najaaa, bis 0,5 Promille darf man doch? Ja, aber was, wenn dann doch etwas passiert? Oder es aus Versehen doch 0,8 werden? Die Dunkelziffer der trinkenden Autofahrer jedenfalls ist hoch, laut ADAC wird nur jede 600. Alkoholfahrt überhaupt entdeckt. Und die wird dann aber auch ordentlich geahndet:

Zum Beispiel mit der Einziehung des Führerscheins für eine gewisse Sperrfrist, mit hohen Bußgeldern und sogar Freiheitsentzug. Auch ein medizinisch-psychologisches Gutachten (MPU) ab 1,6 Promille am Steuer, bei „Wiederholungstätern“ ab 0,5 Promille, wird von der Straßenverkehrsbehörde angeordnet. Mit dessen Ergebnis dann entscheidet die Behörde, ob sie die Fahrerlaubnis wieder erteilt. Es geht dabei vor allem um die charakterliche Fahreignung und die Frage: Wird die Person auch weiterhin unter Alkoholeinfluss fahren?

Für alkoholkranke Menschen – viele sind in ihrer nassen Zeit unter Promille gefahren und haben den Führerschein abgeben müssen – scheint das, wenn sie heute abstinent leben, positiv ausgehen zu können. Aber ganz so einfach ist es nicht. Der Weg zum positiven MPU-Gutachten hält auch für trockene Alkoholiker ein paar Steine und Fallen parat. Lesen Sie dazu viele wichtige Hinweise in unserem Interview mit Dipl. Psychologen Michael Bogus, Fachlicher Leiter der Nord-Kurs GmbH & Co. KG, TÜV NORD GROUP.

Vorab zur Einleitung aber erst einmal mein eigener Erfahrungsbericht …

So begann meine MPU

Eine Aufforderung zur MPU!

Dieses Schreiben des Berliner Landesamtes für Bürger-und Ordnungsangelegenheiten hielt ich vor einem Jahr in der Hand. Zwei Wochen, nachdem ich den Antrag auf Wiedererteilung der Fahrerlaubnis gestellt hatte. Knapp elf Jahre, nachdem sie mir entzogen wurde wegen Alkohols am Steuer. Ich wollte nun endlich meinen Führerschein zurück, aus joblichen Gründen.

Schade. Ich dachte, ich komme drum herum und mein Delikt wäre nach zehn Jahren verjährt. Das hatte ich mal so gehört.

Aber Irrtum! Eine Aufforderung zur MPU wird erst nach 15 Jahren aus der Akte gelöscht, machte ich mich kundig. Und dann heißt es aber, die Fahrerlaubnis ganz von vorne neu zu erkämpfen …

Also doch MPU. Na, aber was soll mir, einer trockenen, überzeugten Alkoholikerin, da schon passieren können? Erst einmal Begutachtungsstelle suchen, MPU-Termin machen, hingehen, fertig.

Vorsichtshalber (und glücklicherweise) aber quengelten da Fragen durch meinen Kopf. Was ist eigentlich so eine MPU, was passiert da, was will ein Gutachter herausfinden – schließlich kostet die MPU ziemlich viel Geld, das ich mir nun endlich zusammengespart hatte. Und siehe da: Ich wäre, aus heutiger Sicht, sehr teuer „durchgerauscht“!

Weshalb? Ich habe doch nichts zu verbergen, ich trinke seit fünf Jahren nichts mehr?

Tja, das kann ja jeder erzählen, oder? Glauben muss es niemand. Schon gar nicht ein Gutachter.

Jedenfalls, im MPU-Forum www.mpu-idiotentest.com fand ich viele Antworten von erfahrenen Betroffenen: Ich benötigte, erfuhr ich da verschreckt, recht sicher einen sogenannten Abstinenznachweis! Das heißt, entweder ein Jahr lang vier Haaranalysen (per Termin) oder sechs Urinproben (per Zufallstermin) abzugeben. Darin wird ein Alkoholabbauprodukt gemessen. Liegt es unter der messbaren Grenze, kann von Abstinenz ausgegangen werden.

Dies hieß nun aber wiederum, den von der Behörde festgesetzten amtlichen Termin zur Abgabe des Gutachtens (sechs Monate) verschieben zu müssen! Machen die sowas überhaupt? Oh je. Aber eine schriftliche, freundliche Bitte und als Beleg ein Vertrag über die Haaranalysenerstellung, von einer von mir selbst gewählten Begutachtungsstelle, genügten wirklich.

Ich entschied mich damals kurzerhand für IAS Berlin, wegen ihrer Außenstelle in meinem Stadtbezirk.

Der Tag des Vertragsabschließens dort entpuppte sich fast als eine Art Einführung in das MPU-Geschehen. Sehr Respekt einflößend. Im Warteraum, auf den Tischen standen Kaffee und Wasser, saßen all die Kandidaten dieses Tages. Blätter ausfüllend. Schwer grübelnd. Mit den Knien wippend. An den Fingernägeln knaupelnd. Aus einem Raum tönte ein ständiges Piepsen, der Reaktionstest, ahnte ich. Da drinnen Kommentare wie: „Na, in der Mitte haben Sie etwas geschwächelt, aber dann … sehr gut gemacht.“ Männer und Frauen allen Alters verließen meist hochroten Kopfes das eine oder andere Zimmer. Auweia! Bald fühlte ich mich auf meinem Stuhl wie ein armer Sünder. Meine Scham von früher kam wieder hoch: Ich Ex-Trinkerin, ich! Ich hatte Menschenleben gefährdet!

Wie erleichternd dann aber die unerwartete Freundlichkeit, ob von Arzt oder Psychologin oder Büroangestellten: Die Kandidaten und ich wurden behandelt wie „ganz normale“ Menschen. Respektvoll, zuvorkommend, lächelnd. Balsam für meine schon jetzt angstbeutelte Seele.

Das folgende Jahr verlief „gezeichnet“ vom Abstinenznachweis: Mein dicker Pferdeschwanz hing von Mal zu Mal dünner in seinen zu weit werdenden Gummis. Denn allein nur eine Haarprobe bedeutet, zwei Mal bleistiftdicke Haarsträhnen von der Kopfhaut an sind ritsch-ratsch weg. Heute würde ich mich deshalb eher für die Urinprobe entscheiden, auch wenn solch ein Termin von heute auf morgen sehr ungünstig in den Alltag platzen kann …

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