Sexualität und Sucht

Sexualität und Sucht

 Ein Tabubruch

 Von Dr. Andreas Dieckmann

 Über die wichtigen Dinge im Leben redet man nicht: Einkommen, Wahlen, Glauben und – natürlich – Sexualität. Dabei sind das spannende Themen des Lebens. Dagegen ist der Austausch über den ausgebliebenen Sommer ein Dauerthema. Wir sprechen nicht gern über Intimes. Auch in Therapien vermeiden Betroffene nicht selten das Thema ebenso wie deren Therapeuten. Vermutlich fürchten wir verletzliche Situationen.

Nur für Erwachsene
Ein Erlebnis mit einem alkoholkranken Patienten hat den Eindruck bestärkt: Im Zusammenhang mit der Frage der Rückfallvermeidung suchten die Teilnehmer an der Informationsstunde nach Alternativen zum Rückfall. Kontakt aufnehmen, in eine Gruppe gehen, sich ein gutes Buch nehmen und einige andere Vorschläge veranlassten einen der Betroffenen zu der Bemerkung: „Wenn ich so unter Druck stehe, dann suche ich nach etwas geil Entspannendem, nicht nach dem erwartbaren drögen Rat, ich solle mir Gedanken machen, was bei einem Rückfall am Ende herauskommt. Das weiß ich selber.“

Was denn „geil entspannend“ sein könnte, wurde erfragt. Es begann ein Kichern und Murmeln wie unter pubertierenden Jugendlichen unter den Anwesenden. Der Gruppenleiter sprach dann die Sexualität direkt an und es setzte eine Diskussion ein, dass man in solchen Situationen ja wohl nicht immer einen Partner oder eine Partnerin zur „Verfügung“ habe und „das Puff kann ich mir nicht leisten“. Im weiteren Verlauf deutete ein Teilnehmer sehr vorsichtig die Möglichkeit zur Selbstbefriedigung an. Wieder musste der Moderator den „Fall“ beim Namen nennen. Während der gesamten Therapie ließ der Teilnehmer nur wenige Gelegenheiten aus, um zu bemerken, der Doktor selber habe gesagt, er solle sich „einen herunterholen“, wenn er „Durst“ habe.

Damit sei angedeutet, wie kompliziert es für viele – besonders männliche Menschen – ist, über Sexualität in angemessener Weise zu reden. Es hat ja auch sein Gutes, den Hauch des Besonderen zu wahren. Wenn wir aber jetzt über das Thema Sucht und Sexualität sprechen, dann ist Offenheit erforderlich. Und der Schutz derer, die mit diesem Thema noch nichts anfangen können. Also Weiterlesen: Nur für Erwachsene!

Der Stoff regt an
Wer sich mit der Funktion süchtigen Verhaltens auseinandersetzt, der stößt sehr bald auf die Wirkungen des Suchtmittels bei längerem Gebrauch. Der gelegentliche Nutzer von bewusstseinsverändernden Genussmitteln schätzt die stimmungsaufhellende Wirkung als Bereicherung der Lebensqualität. Ein nicht süchtiger Mensch kann Drogen sogar für eine zeitlich begrenzte Ekstase, also einen Rausch, nutzen. Dieses Verhalten kennen wir bei ritualisierten Festen wie Karneval oder auch in mystischen Religionen. Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung schaffen es in religiösen Gemeinschaften sogar, auch ohne ein bewusstseinsveränderndes Mittel einzunehmen, sich über ihre Vorstellung der Nähe zu Gott in ekstatische Zustände zu bringen, aus denen sie nach der Zeremonie wieder „erwachen“. Ein glückseliges Erleben.

Manchmal beschreiben auch süchtige Menschen während ihrer aktiven Krankheitsphase ihre Erlebnisse in ähnlicher Weise. Manche Künstler haben ihre kreativen Phasen unter Einsatz von Substanzen, die das Erleben beeinflussen, optimieren können. Ich kenne aber auch einen ehemaligen Verkäufer von vielfältig nutzbaren Haushaltsgeräten, der mir berichtet hat, dass er in den ersten Jahren des Einsatzes von Alkohol mit seinen Verkaufsfähigkeiten über sich hinausgewachsen ist. Erst mit dem Einsatz der Entzugserscheinungen und der Unfähigkeit der selbstbestimmten Regulierung der Trinkmenge stellte er an seinem Umsatz fest, dass „die schöne Zeit vorbei“ war.

Befriedigung im Tran
Sehr viele Suchtkranke mussten aber die Erfahrung machen, dass angenehme Zeiten und Erlebnisse eng verbunden waren mit dem Rausch, anschließend indes als angenehme im Innern zu bewahrende Erlebnisse nicht mehr zur Verfügung standen. Sie müssen feststellen, dass wohltuendes Erleben überhaupt nur im Rausch möglich ist, hinterher aber nicht mehr für die nachhaltige Erinnerung als Befriedigungsmöglichkeit zur Verfügung steht. „Ich bin wie ein Sieb”, formulierte es einmal ein Betroffener. Deshalb, so meinte er, habe er stets im „Tran“ bleiben müssen, um sich einigermaßen wohl zu fühlen. Zuletzt ging es nur noch darum, Gefühle des Unwohlseins zu vermeiden – lange nicht mehr um Genuss.

Ein wesentliches Problem der Sucht ist der mehr oder weniger ausgeprägte Verlust der Genussfähigkeit, sollte sie denn zuvor bestanden haben. Genuss kann man vor allem in dem Wechsel von Spannung und Entspannung erfahren. Nehmen wir nun endlich die Sexualität als Beispiel: Sex ist wunderbar, wenn er sich langsam von der Freude darauf, über die flirtende Kontaktaufnahme und die allmähliche Annäherung mit zärtlicher Erotik zu einer Spannung aufbaut, die sich im günstigen Fall im gleichzeitigen Orgasmus entlädt. Anschließend kann es dann in den Armen des Partners zu dem wohligen Gefühl der Befriedigung, zärtlicher Berührung und sanftem Einschlafen kommen. War die Partnerin oder der Partner mit Bedacht gewählt, kommt nach dem süßen Schlaf statt der erschreckten Ernüchterung die wunderbare Erinnerung.

Die Lust versiegt in den Promille
Das ist ein Genuss, der sich anfänglich sogar mit Genussmitteln steigern lässt. Eine Nase Kokain soll die vielfache Stärke eines Orgasmusgefühls vermitteln. Längerfristiger Alkoholkonsum dagegen dämpft die sexuelle Lust auf Dauer. Das hängt mit einigen biologischen Faktoren zusammen. Insbesondere das im Limbischen System des Gehirns liegende Gebiet, in dem die angenehmen Empfindungen aus dem Körper zusammenfließen, wird durch viele Suchtstoffe „unempfindlich“ für Genüsse. Der unglückliche Begriff des „Belohnungssystems“ verschleiert die vielfältigen Genüsse, die etwa mit Erotik zusammenhängen, von den Schmetterlingen im Bauch über die anregende Wirkung von Blicken, die Zärtlichkeit, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und natürlich die differenzierten Gefühle der Sexualität bis zum Orgasmus.

Wenn chronischer Alkoholkonsum das Limbische System verändert hat, kann die Freude an der Sexualität, die Libido, sehr eingeschränkt werden …

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