Abstinenz, Sinnsuche und Sinnfindung

Viktor Frankl und die Wirkung seiner „Sinnfindung“ auf Suchtkranke

Vom Parkplatz im Regen ins Gehirn und von dort in die Seele

Von Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel *

Mittlerweile bin ich nun 78 Jahre alt geworden. Ich bin lange abstinent und gehe seit vielen Jahren in meine Selbsthilfegruppe. In den Jahren der Abstinenz musste ich nicht rückfällig werden, und oft wird auf diese Tatsache mit dem Satz geantwortet: „Da sind sie doch sicherlich stolz drauf.“ Nach all diesen Jahren des Trinkens und der Genesung ist „stolz“ keine Bezeichnung, für die ich mich noch interessieren würde.

Der Alkohol hatte mich, als ich mit dem Trinken aufhören konnte oder musste, derartig zugerichtet, dass ich völlig am Boden war und Angst, Panik, Scham und ein dauerhaft schlechtes Gewissen für Jahre mein Leben bestimmten, und ich deshalb sehr lange keine lobenden Beiworte mehr auf mich anwenden konnte und wollte. Ich hatte an meinem Schreibtisch einen Abschiedsbrief geschrieben und diesen noch einmal gelesen, als ich eine Stimme in meinem Kopf – wörtlich und klar – hörte: „Du musst sofort einen Psychiater anrufen, du willst dich umbringen.“ Bis heute nehme ich an, dass es entweder eine Seite von mir selbst war, die leben wollte oder mein Gott, der noch etwas mit mir vorhatte. Ich nahm den Telefonhörer in die Hand, es meldete sich der Oberarzt einer großen psychiatrischen Klinik, mit dem ich aus Weiterbildungen gut bekannt war, und meine Entwöhnung begann.

Von der damals diensthabenden Ärztin an bis zum heutigen Tag haben mir sehr viele Menschen auf die eine oder andere Art geholfen, besonders die, deren Zuneigung, manchmal Liebe, ich spüren konnte, und meine Schwestern und Brüder mit dem Programm meiner Selbsthilfegruppe. In der langen Zeit meiner Abstinenz habe ich einige Male auch therapeutische Hilfe in Anspruch genommen.

Es gab auch eine Reihe von Menschen, die mich bis heute immer noch am liebsten von hinten sehen, darunter ein weibliches Wesen, das laut und fest behauptete, ich sei überhaupt kein Alkoholiker und hätte mich nur in der Selbsthilfegruppe festgesetzt, um ein Buch zu schreiben. (Eine ganze Weile hat mich die Frage beschäftigt, wie ich mit einer solchen Aussage umgehen sollte, denn ich konnte und wollte ja nicht das Gegenteil dieser Behauptung beweisen.)

Trotzdem es mir viele abstinente Alkoholiker schon gesagt hatten, dauerte die Zeit, bis ich zufriedener wurde, eine Frau kennenlernte, mit der ich bis heute sehr gerne zusammenlebe, und bis ich gut arbeitsfähig wurde, etwa 3-5 Jahre, auch wenn ich aus der Wissenschaft wusste, dass die Abstinenzrate nach zwei Jahren Trockenheit und bei regelmäßigem Gruppenbesuch zuverlässig anstieg.

Bis auf den heutigen Tag nehme ich von Zeit zu Zeit bis heute bestimmte Ereignisse wahr, die ich schmunzelnd als Wunder bezeichne, wie zum Beispiel Folgendes: Ich kam etwa acht Monate nach Abstinenzbeginn an einem Nachmittag müde und verwirrt von der Arbeit aus dem Krankenhaus, als ich eine Buchhandlung bemerkte, die ich meinte, noch nie gesehen zu haben, als es zu regnen begann und ich eine trockene Stelle suchte. Vor mir stand in einer Reihe von Taschenbüchern ein schmales Taschenbuch, das mich durch ein großes Bild des Eingangstores vom Konzentrationslager Auschwitz anzog, mit dem Titel „… trotzdem ja zum Leben sagen/Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Mich hatte dieses Thema immer schon mit Scham erfüllt und interessiert, darüber hinaus war ich schon viele Jahre am Jüdischen Krankenhaus in Berlin tätig. Mich ekelte, seit ich denken und fühlen konnte, die Tatsache, dass eine deutsche Ärztekammer dem Autor Viktor Frankl den Titel Arzt aberkannte (etwa um 1936) und er sich „Jüdischer Krankenbehandler“, wie alle jüdischen Ärzte, nennen musste. Trotz meiner internistischen und psychiatrischen Ausbildung und auch langjährigen psychotherapeutischen Erfahrungen stellte sich mir immer wieder die Frage, wie Menschen sich in Tiere verwandeln können, und dann wieder zurück in Menschen, um zu Hause mit den Kindern Weihnachten zu feiern, wie die Mörder in den KZ es in der Regel machten.

Ich blätterte in dem Buch, kaufte es, fuhr mit dem Auto auf den Parkplatz des Volksparks und las in vier Stunden das gesamte Buch.

Viktor Frankl hatte es sechs Monate nach Kriegsende geschrieben, ein Arzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien, der in vier verschiedenen Konzentrationslagern gewesen war und dessen gesamte Familie dort ausgerottet worden war. Aus meiner vermeintlichen Verzweiflung und Schwäche heraus suchte ich in den Monaten nach Beginn der Abstinenz immer wieder Menschen, die so etwas, was ich lächerlicherweise noch vor mir zu haben glaubte, schon hinter sich hatten, um daraus zu lernen, und nun fand ich mit einem Mal einen Bericht, der mein Leid bei weitem in den Schatten stellte und besonders mein Selbstmitleid ordnete und schrumpfen ließ.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beinhaltet die Frage nach der Bestimmung des Menschen und ist eng verbunden mit dem Vertrauen in mein Leben (Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Menschen oder eine göttliche Macht).

„Unter dem Sinn des Lebens kann die…

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