Neues aus der Wissenschaft:
Sucht – auf der Suche nach dem Glück?
Was uns die Neurobiologie verrät
So lautete das Thema eines Vortrages der vergangenen Suchtselbsthilfetagung der Landesstelle Berlin. Eine Frage, die jeden Betroffenen irgendwann schon einmal bewegt hat, oder? Was habe ich wirklich gesucht, als ich trank oder Drogen nahm? Wir wollten nochmal genauer wissen, was uns denn nun die Neurobiologie verrät. Und sprachen mit Frau Prof. Dr. Anne Beck (Leiterin der Lehr- und Forschungsambulanz der Health and Medical University Potsdam)
Ist es denn wirklich so, dass Menschen mit der Sucht das Glück suchen?
Vom Wortstamm her hat Sucht nichts mit Suchen zu tun, sondern mit Siechen. Aber woher kommt der Gedanke, dass Sucht die Suche nach dem Glück sein könnte? Zum Beispiel von Trinkmotiven, also warum Personen konsumieren. Eins davon wird auch Verstärkungsmotiv genannt – Alkohol wird konsumiert, um positive Emotionen zu verstärken. Es gibt auch soziale Motive, man trinkt, um sich in der Gruppe wohler zu fühlen, Kommunikation zu erleichtern … Ganz wichtig sind auch die Bewältigungsmotive – also zu konsumieren, um negative Gefühle wie Angst, Stress, Anspannung zu reduzieren, da geht es gar nicht so darum, Glück zu suchen. Insofern ist Sucht definitiv mehr als die Suche nach Glück. Warum außerdem oft der Begriff Glück ins Spiel kommt, hat auch mit der Neurobiologie zu tun …
Auf welche Weise denn?
Sie untersucht im Suchtbereich das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn, denn bei Personen, die regelmäßig konsumieren, scheint dieses System besonders aktiv zu sein …
Ein Belohnungsgefühl hatte ich in der nassen Zeit später aber gar nicht mehr!
Genau. Die Aktivierung des Belohnungssystems muss sich gar nicht belohnend anfühlen, muss nicht glücklich machen. Es heißt auch Verhaltensverstärkungssystem: Es wird immer dann aktiviert, wenn irgendetwas besonders relevant ist. Drogen und Alkohol lassen Dopamin in diesem Hirnsystem ausschütten, das ist ein Botenstoff im Gehirn, der sehr stark signalisiert: Hier ist jetzt etwas wichtig. Dopamin wird auch ausgeschüttet, wenn man etwas Angenehmes tut oder wenn etwas überraschend ist. Aber Drogen aktivieren sehr viel mehr Dopaminausschüttung als z. B. eine Portion Nudeln oder ein Steak, sogar mehr als Sexualität, dadurch bekommen sie eine viel stärkere Wichtigkeit. Drogenreize ziehen die Aufmerksamkeit weg von anderen Reizen und hin zu diesen Drogenreizen. Das hat man auch in Tierversuchen beweisen können: Jede Droge regt automatisch die Dopaminausschüttung an – und über einen längeren Konsumzeitraum wird die Wichtigkeit immer noch stärker.
Wenn nach Entzug keine Droge mehr für diese Dopaminausschüttung sorgt … erlebt man deshalb die sogenannte freudlose Phase?
Ja. Wenn man den Betroffenen im Entzug sagt, jetzt suchen Sie sich mal ein schönes Hobby – ist das unrealistisch. Das Problem ist, dass dem Gehirn im Moment etwas fehlt. Man nimmt etwas weg und zwar die einzige Möglichkeit, mit dem, was im Leben gerade passiert, scheinbar gut umzugehen – aber man gibt nichts Neues. Das Gehirn braucht aber etwas … Das Gute ist: Das Gehirn ist plastisch. So, wie es Dinge lernt, kann es Dinge auch wieder verlernen. Man muss es dabei unterstützen, dass sich nicht-drogenassoziierte Belohnungen wieder belohnend anfühlen.
Aber wie, wenn erstmal NICHTS Freude macht, weil der Reiz zu klein ist?
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