Liebe Leserinnen und Leser,
wir haben uns entschlossen – auch für unsere vielen neu hinzugekommenen AbonnentInnen –, an dieser Stelle eine zwar zehn Jahre alte, aber nie und nimmer veraltete Wiederholung zu starten: AnDi’s ABC der Sucht. Von A bis Z teilte er darin seine damaligen Gedanken zu Abhängigkeit, Suchtmitteln, Suchthilfe und ja, auch Politik.
Aus „ABC der Sucht“, TrokkenPresse 05-2015
AnDis Gedanken zur (damaligen) Zeit – vor zehn Jahren
Die „F“lucht in die Sucht
Die Welt des Süchtigen erscheint ihm meist trist und wenig (er-)lebenswert, weswegen er mit dem Suchtmittel eine neue, andere, eine angenehme Zweitwelt anstrebt. Es ist die Flucht aus der Realität, die so wenig erträglich erschien in einer Welt, die mit dem Suchtmittel beherrschbar wurde, ja fast selber zu steuern. Und nicht nur das: Viele Abhängige sprechen von dem Suchtmittel von einem Freund, der immer da war, alles für sie tat und nichts verlangte. Das ist der ideale Partner, der solange seine Mission erfüllt, bis die Nebenwirkungen nicht mehr wegzusüchteln sind. Süchtiges Verhalten ist wie eine Raumfahrt aus der Realität hinaus. Nur, wenn man einmal um den Kosmos herum ist, kommt man unweigerlich wieder in der Realität an, aus der man wunderbar ziellos ausgereist ist. Inzwischen gewohnt an die wunderbare Wirkung durch Substanzen, erwartet der Ernüchterte nun die „Wirkung“ der Abstinenz und merkt, dass nichts besser wird, das er nicht besser macht, dass nichts angenehmer ist, das er nicht für angenehmer erklärt. Und vieles ist wieder neu zu erlernen.
Wer der Realität entfliehen wollte oder musste, konnte ihr offenbar nichts Gutes abgewinnen. Sie war ihm feindlich gesinnt, wie es scheint. Deshalb ist Sucht ja auch so gut nachzuvollziehen, wenn man weiß: sie ist eine phantasierte Realität, die man sich selber modellieren konnte. Zunächst ist es gut nachvollziehbar für den gelegentlichen Nutzer eines Genussmittels: Ein Glas Wein, das macht den Abend fein. Wohl dosiert eingesetzt, erfüllt der Alkohol auch wirklich gesellschaftlich erwünschte Funktionen: Erholung, Entspannung, Trigger zum Wohlfühlen, ja auch Enzym für gesellschaftliche Kommunikation, beim Klären eines Problems auf ein Bier oder das Glas Sekt zur Begrüßung bei einer Festlichkeit. Erst rückblickend merkt ein Betroffener, es war ein Fake mit meist bösen Folgen.
Da kann man sich Gedanken darüber machen, weshalb Suchtkranke das Wohlergehen ohne Suchtmittel so scheuen und ernsthaft äußern: „Es darf mir nicht zu gut gehen“. Manche haben hier einen Zusammenhang mit Selbstzerstörungstendenzen erkannt. Dies wird in vielen Fällen so sein. Etliche Suchtkranke erkennen den Zusammenhang ja auch in ihrem Bedürfnis, „ich wollte mich totsaufen“.
Ist die schöne zweite Realität also vielleicht gar nicht so eine wünschenswerte Traumreise, sondern der Versuch der Flucht aus dem inneren Elend, den Krieg in Kopf und Herz nicht spüren zu müssen? Sicher ist es nicht immer so dramatisch, aber leider oft! Und das Wiederaufschlagen in der Realität ist nicht selten wie das Ankommen in einer fremden Welt, in der man sich als Außenseiter fühlt.
Aber – es gibt nichts Besseres! Nichts! Deshalb, so lassen erfahrene Abstinenzler wissen, lohnt sich die geduldige Umstellung nach der Flucht aus der Sucht mit Mitleidenden in der Selbsthilfegruppe eben doch!
Wer sich auf diese Weise mit Sucht beschäftigt, dem dürfte es auch nicht schwer fallen, Menschen zu verstehen, die dem äußeren Elend von Krieg, Verfolgung und Hunger entfliehen. Machen wir niemanden zum Außenseiter, sondern empfangen wir Menschen mit außergewöhnlichen Lebensumständen dankbar in unserer Mitte, ob Ernüchterte oder Geflüchtete. Sie helfen sich und lassen mich die Erfahrung üben, dass es niemandem so
recht gut gehen kann, wenn es den Menschen in meiner – nahen und fernen – Umgebung nicht auch gut gehen kann. Erstaunlich, wie aktuell die Buchstaben des ABC sind …
Kommen wir zur Besinnung!
AnDi