Gedanken zur Zeit – ABC der Sucht

ABC der Sucht (aus der TrokkenPresse-Ausgabe 06/2015)

AnDis Gedanken zur (damaligen) Zeit

Wieder ins Lebensgefühl aufnehmen – G wie Genuss

Menschen mit Erfahrungen süchtigen Verhaltens berichten nicht selten, dass sie erlebten Genuss nicht „bei sich halten können“, wie es ein erfahrener Abstinenzler einmal ausdrückte. Manch einer vermeidet Genuss gar, weil er seine Neigung kennt, alles wieder zu zerstören oder mit der Illusion der Steigerung bis zum „Kick“ rückfällig zu werden. Das ist sicher eine wichtige Selbsterkenntnis und Gefahrenwahrnehmung, die jeder Betroffene in der Tat ernst nehmen sollte. Nicht genießen zu können oder die Genussfähigkeit mit dem Suchtmittel verloren zu haben, lässt sich psychologisch und hirnphysiologisch erklären.

So kommen aber manche clean und trocken lebenden Menschen langfristig in die Situation, zu leben, um nüchtern zu sein und nicht nüchtern zu sein, um zu leben. Und das ist keine Perspektive mit guter Lebensqualität. Nach vielen traurigen Erlebnissen der Abhängigkeit von enttäuschenden Beziehungen zu Bezugspersonen und später zum Suchtmittel kann es schwerfallen, wieder an seine Genussfähigkeit zu glauben.

Wem es aber gelungen ist, die Bewusstseinsveränderung mit Giftstoffen gegen eine selbstbestimmte Abstinenz zu tauschen, der hat einen Schritt in die Selbständigkeit getan. Unabhängig von Stoffen und hohen Erwartungen anderen gegenüber zu sein bietet die Grundlage zum Genusserleben. Wenn Sie selber entscheiden, über Stunden nicht zu essen, um dann zu erleben, wie Sie von einer Mahlzeit satt werden, dann hatten Sie einen Genuss! Wenn

Sie angestrengt arbeiten und sich rechtschaffen erschöpft auf dem Sofa niederlassen, dann genießen Sie die Erholung. Das ist eine Frage der Einstellung und nicht gefährlich, man muss es aber gestalten und zu fühlen bereit sein. Dann empfindet der Selbstbeobachter den Unterschied zum stundenlangen Sofaliegen mit dauerndem Gummibärchenkauen.

Zum Genuss gehört der Aufbau von Spannung, manchmal sogar bis zum Unlustgefühl, wenn man Hunger hat oder erschöpft ist. Diese Fähigkeit verletzt der dauernde Suchtmittelkonsum im Hirn und in der bewussten Haltung. Aber Genuss kann geübt und wieder erfahren werden im kleinen Alltag und in der Lebenseinstellung. Das heilt Hirn und Seele.

Wie wäre es mit einer Weihnachtsplanung, mit einem vorausschauenden Konzept für einen Urlaub in 2016 oder mit der Vorbereitung einer Geburtstagsfeier?

Ich habe schon einmal den Kalender für das nächste Jahr mit Eintragungen für Aktivitäten gespickt. Wenn ich gesund bleibe, mache ich kleine Träume wahr.

Ich wünsche Ihnen eine Adventszeit als Vorbereitung für das Fest des Neuanfangs. Vielleicht haben Sie bis dahin schon (wieder) einmal (einen kleinen) Genuss gespürt.

Aber: Bleiben Sie genüsslich besonnen!

 

AnDi