Gedanken zur Zeit – ABC der Sucht

Aus „ABC der Sucht“, TrokkenPresse 01-2016

AnDis Gedanken zur (damaligen) Zeit – vor zehn Jahren

„I“ndividuation – „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“

Der griechische Dichter Pindar hat diesen Satz formuliert, der bei manchem Zeitgenossen bei unangemessenem Verhalten zu der flapsigen Bemerkung gerinnt, „Ick‘ bin eben, wie ick‘ bin!“ Während der alte Grieche sich darauf bezog, dass es wohl eine der wichtigsten Entwicklungsschritte des Menschen ist, seine Berufung, seine Befähigung, seine Möglichkeiten und seine Einstellung in dieser Welt zu finden. Die Nachbemerkung „und sei danach“ enthält den Auftrag, die eigene Individualität in dieser Welt auch zu vertreten. Unzählige Menschen bleiben ein ganzes Leben auf der Suche nach sich selbst
oder warten darauf, dass jemand die Selbstverwirklichung bringt.
Wir sind alle einzigartige Wesen, selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich voneinander. So hat uns die Natur oder die Schöpfung gemeint. Das Wissen darum kann zu dem entscheidenden Lebensgefühl werden: Ich bin ein einzigartiger Mensch unter lauter einzigartigen Menschen. Jeder hat seinen Platz
in diesem Leben. Das gilt für jeden, aber auch für jeden anderen. Hier liegt die Chance, sich seiner Selbstverwirklichung auf der einen Seite und seiner persönlichen und gesellschaftlichen Verantwortung auf der anderen Seite bewusst zu werden und – um bei Pindar zu bleiben – danach zu sein.
Individuation haben das kluge Menschen genannt und meinten damit einen ständigen Prozess der Selbstverwirklichung oder, einfacher ausgedrückt, sich möglichst durchgängig in dem Bewusstsein zu halten, dass ich nicht Teil einer undefinierbaren Masse bin, nicht unfähig bin, etwas zu ändern, sondern
etwas tun kann. Damit geschieht sehr viel mehr, als wenn ich es unterlasse und sehr viel weniger, als dass sich das ganze Weltgeschehen verändert, weil ich meine Verantwortung wahrnehme.
Diese Kolumne erscheint in einer Zeitschrift für Menschen, die abstinent von einem Suchtmittel leben möchten. Das ist eine Entscheidung, die jeder nur individuell für sich treffen kann und die er mit seinem Handeln vertreten muss. Damit verändert er seine Welt. Um diesen Veränderungsprozess aufrecht zu erhalten, braucht es mehr, als nur das erste Glas stehen zu lassen. Das ist z. B. ein Individuationsprozess.
In der Verantwortung für die Gesellschaft hat es übrigens genutzt, dass sich viele Menschen gegen das neue Berechnungssystem für stationäre psychiatrische Behandlung gewehrt haben. Ich habe inder letzten Ausgabe darüber berichtet. Der Bundesgesundheitsminister hat – für viele überraschend – einen Kurswechsel beim PsychEntgeltsystem verkündet. „Die geplanten landeseinheitlichen diagnosebezogenen Tagesentgelte sind passé“, berichtet das DEUTSCHE ÄRZTEBLATT. Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten kleine Dinge tun …
„Ick‘ bin eben wie ick‘ bin“ muss besonnen verantwortet werden – und zwar von icke! Das ist das Tüpfelchen auf dem „I“.
AnDi