Die Insel
Von Cornelia Ludwig
Vermutlich wundert ihr euch über diese Überschrift, aber meine Wahl kommt sozusagen „nicht von ungefähr“.
Ich sitze momentan an meinem Laptop und während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich auf die vor dem Fenster wachsenden Sträucher von Heckenrosen und die sich im starken Westwind biegenden Kiefernbäume und wer jetzt annimmt, dass ich mich in Küstennähe befinde, der liegt mit dieser Vermutung absolut richtig. Genau genommen befinde ich mich, zusammen mit Frank und unserer Berner Sennenhündin Farina, für einige Tage an der Nordsee.
Hier beginnt jeder Tag mit einem ausgedehnten Strandgang, der besonders Farina entgegenkommt. Doch nicht nur sie allein profitiert von der Situation.
Die stürmisch-raue Atmosphäre, die klare Luft und ein fast menschenleerer Strand – nur hier und da Hundehalter, die mit ihren Vierbeinern eine Runde drehen – drängen sich förmlich auf, lange Wege zurückzulegen und verhelfen mir immer wieder dazu, nachzudenken und meine eigenen Gedanken zu sortieren.
… und bei einem solchen „Morgengang“ entstand die Idee dieser Überschrift.
Während meiner Saufzeit lebte ich ebenfalls auf einer, auf meiner ureigenen, Insel. Eine Insel, die ich mir selbst so erschaffen hatte, wie sie mir persönlich nützlich erschien. Eine Insel, die ich genau auf mich und auf meine Begehrlichkeiten zugeschnitten hatte. Eine Insel, auf der kein anderer Mensch einen Platz hatte, auf der kein anderer Mensch auch nur eine Daseinsberechtigung hatte. Eine Insel, die ich in alle Richtungen verteidigte und die ich überblickte. Niemand konnte sich von mir unbemerkt meiner Insel nähern, geschweige denn sich einschleichen und mich womöglich überraschen. Meine Insel war nicht umgeben von unendlichen Mengen von Wasser, das Gefahren in sich birgt. Nein! Meine Insel war umgeben von Mitmenschen, die ich jedoch als nicht minder gefährlich betrachtete. Die Welt rundherum um meine persönliche Alk-Insel bestand für mich aus menschlichen Gegnern, die mich und meine Pseudo-Ruhe bewusst zerstören wollten. Mit der immer wiederkehrenden Frage „… meinst du nicht, dass du zu viel trinkst?“ störten diese Menschen meinen sich ständig im Alk-Nebel befindenden Insel-Bereich. Mich nervte dieses Gefrage. Mich nervte dieses Einfühlungs-Getue. Mich nervte dieses „… ich mache mir Sorgen um dich …“-Gerede.
Ich wollte nur mein Alk-Gleichgewicht um mich herumhaben und das bot mir meine Insel. Ich hatte hier alles, was ich brauchte: meinen Suchtstoff.
Nicht mehr, aber auf gar keinen Fall weniger!
Ich benötigte niemanden, der sich um mich kümmerte.
Um mein Leben mit meinem Freund Alkohol kümmerte ich mich selbst.
Ich schuf mir Zeitfenster, um zu konsumieren.
Ich koordinierte Abläufe, um zu konsumieren.
Ich entwickelte besondere Einkaufstechniken, um zu konsumieren.
Zusammengefasst: Mein persönliches Inseldasein war bis ins Detail durchorganisiert.
Diese beschrieben Betrachtungen liegen schon eine große Zeitspanne zurück und dennoch bin ich immer wieder erneut schockiert und auch überrascht, wie präsent diese Erinnerungen an mein damaliges Denken und Verhalten in mir verankert sind. Doch was meine persönliche Haltung zu dieser deutlichen Rückbesinnung angeht, möchte ich gestehen, dass ich sehr dankbar dafür bin.
Es ist für mich wichtig, nicht zu vergessen. Nicht zu verdrängen. Nicht zu beschönigen. Nicht zu verharmlosen.
Ich war Alkoholikerin. Ich bin Alkoholikern und ich werde immer Alkoholikerin bleiben.
Das ist eine Tatsache, die ich niemals ignorieren werde. Die ich niemals ignorieren kann. Die ich niemals ignorieren möchte und die ich niemals ignorieren darf.
Denn ich selbst werde, kann, möchte und darf niemals vor mir weglaufen.
Schließlich nehme ich mich selbst überall hin mit.
… und zur Bewältigung dieser meiner Gedankenwelt heißt der zentrale Baustein: meine Selbsthilfegruppe.