Die letzte heilige Droge

Warum die Grünen mit ihrem Alkohol-Vorstoß einen wunden Punkt der deutschen Politik treffen

Die letzte heilige Droge

Von Henning Hirsch

Während über Cannabis, Zucker und Tabak intensiv debattiert wird, bleibt Alkohol erstaunlich unangetastet. Ein neuer Vorstoß der Grünen- Bundestagsfraktion zeigt, wie groß die politische Scheu vor Eingriffen bei Deutschlands beliebtester Droge noch immer ist. Anlass dieser Kolumne ist ein Antrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel „Alkoholprävention in Deutschland wirksam stärken – Kinder und Jugendliche besser schützen, Gesundheit verbessern“.

Und was tut die Politik?

Deutschland führt leidenschaftliche Debatten über Cannabis, E-Zigaretten oder Zucker. Geht es jedoch um Alkohol, wird aus dem fürsorglichen Staat plötzlich ein überzeugter Liberaler. Vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle gefragt: „Und was tut die Politik?“ Die Antwort fiel ernüchternd aus. Außer ein paar Aufklärungskampagnen und dem obligatorischen „Kenn dein Limit“ geschieht erstaunlich wenig gegen jene Substanz, die Jahr für Jahr zehntausende Menschenleben kostet und für einen erheblichen Teil der Suchterkrankungen verantwortlich ist. Nun gibt es Bewegung. Ausgerechnet die Grünen-Bundestagsfraktion hat einen Antrag vorgelegt, der Deutschland zu einer etwas nüchterneren Nation machen soll. Geplant sind unter anderem strengere Werberegeln, die Abschaffung des sogenannten begleiteten Trinkens für Jugendliche ab 14 Jahren, schärfere Kontrollen beim Verkauf sowie ein umfassendes Alkoholpräventionsgesetz.

Die erwartbare Empörung

Die Reaktionen darauf lassen sich bereits jetzt zuverlässig vorhersagen.
„Verbotspartei!“
„Jetzt wollen sie uns auch noch das Feierabendbier wegnehmen!“
„Kümmert euch lieber um die echten Drogen!“
Man kennt das Ritual.
Dabei lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und die Debatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Denn was genau schlagen die Grünen eigentlich vor? Kein Alkoholverbot. Keine Prohibition. Keine Hausdurchsuchungen wegen eines Kasten Biers im Keller. Sie wollen lediglich einige Rahmenbedingungen verändern, die den Alkoholkonsum in Deutschland seit Jahrzehnten begünstigen. Und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Diskussion.

Die Sonderrolle des Alkohols

Deutschland behandelt Alkohol bis heute wie eine Art kulturelles Grundrecht. Bier gilt vielen nicht als Droge, sondern als Lebensmittel mit Schaumkrone. Wein gehört angeblich zur abendländischen Identität. Der Schnaps nach dem Essen wird als Tradition verklärt. Und wer auf die gesundheitlichen Folgen hinweist, gilt schnell als Spaßbremse oder Gesundheitsdiktator. Man stelle sich dagegen nur einmal vor, Cannabis würde im Fernsehen zur besten Sendezeit beworben. Fußballvereine würden mit Joint-Marken auf den Trikots auflaufen. Tankstellen verkauften Haschisch rund um die Uhr neben Motoröl und Kaugummis. Der politische Aufschrei wäre gewaltig. Bei Alkohol hingegen nehmen wir genau das als selbstverständlich hin. Das ist bemerkenswert. Denn die Fakten sind seit Jahren bekannt. Millionen Menschen konsumieren Alkohol in riskanten Mengen, mehr als drei Millionen gelten als abhängig. Die volkswirtschaftlichen Kosten gehen in die Milliarden. Krankenhäuser, Suchthilfeeinrichtungen und Rettungsdienste kennen die Folgen nur zu gut.Die letzte heilige Droge

Vielleicht liegt das daran, dass Alkohol die letzte heilige Droge unserer Gesellschaft ist. Während Rauchen gesellschaftlich zunehmend geächtet wurde, während Cannabis jahrzehntelang kriminalisiert wurde und andere Substanzen ohnehin außerhalb des akzeptierten Spektrums liegen, genießt Alkohol einen Sonderstatus. Wer auf dem Oktoberfest zehn Maß Bier trinkt, wird als fröhlicher Zecher betrachtet. Wer dieselbe Menge Wodka konsumiert, landet vermutlich im Krankenhaus. Das Problem liegt jedoch nicht in der kulturellen Verpackung, sondern im Wirkstoff. Natürlich darf man über einzelne Vorschläge der Grünen streiten. Nicht jede Idee ist automatisch sinnvoll. Ob die Verbannung von Alkohol aus dem Kassenbereich tatsächlich große Wirkungen entfaltet, darüber kann man diskutieren. Auch die Frage, wie weit Werbeverbote reichen sollten, ist legitim. Aber die grundsätzliche Richtung verdient eine ernsthafte Debatte.

Was wir beim Tabak längst akzeptiert haben

Denn sie folgt einer simplen Logik: Wenn eine Substanz erhebliche gesellschaftliche Schäden verursacht, darf der Staat versuchen, deren Verfügbarkeit und Attraktivität zu reduzieren. Genau das geschieht beim Tabak seit Jahren. Höhere Preise, Werbeverbote und Nichtraucherschutzgesetze haben nicht zur Diktatur geführt. Sie haben vielmehr dazu beigetragen, dass deutlich weniger Menschen rauchen als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Warum sollte ein ähnlicher Ansatz beim Alkohol von vornherein ausgeschlossen sein? Interessant ist dabei vor allem die politische Dimension. Viele der Maßnahmen, die heute diskutiert werden, entsprechen erstaunlich genau jenen Forderungen, die Suchtforscher seit vielen Jahren erheben: weniger Werbung, besserer Jugendschutz, stärkere Prävention und eine Preisgestaltung, die sich stärker am Alkoholgehalt orientiert. Die Wissenschaft ist sich in dieser Frage grundsätzlich einig. Die Politik hingegen bleibt nervös.

Die Angst vor dem Stammtisch

Denn jeder weiß, was passiert, sobald jemand am Stammtisch rüttelt. Der Widerstand ist garantiert. Kaum ein Politiker gewinnt Wahlen mit der Forderung nach teurerem Bier oder weniger Alkoholverfügbarkeit. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Bundesregierungen aller Couleur bislang lieber auf Aufklärungskampagnen setzen als auf strukturelle Veränderungen. Das ist politisch verständlich. Aber möglicherweise gesundheitspolitisch zu wenig. Man muss den Grünen-Antrag nicht begeistert beklatschen. Man kann einzelne Punkte ablehnen, andere begrüßen und wieder andere für Symbolpolitik halten. Was man allerdings nicht tun sollte: die Debatte reflexartig als Ausdruck grüner Bevormundung abtun.

Eine einfache Frage

Die Frage lautet nicht, ob Erwachsene weiterhin ein Bier trinken dürfen. Natürlich dürfen sie das. Die Frage lautet vielmehr, warum Deutschland bei der gefährlichsten legalen Droge des Landes bis heute eine Liberalität pflegt, die man bei nahezu keiner anderen psychoaktiven Substanz akzeptieren würde. Vielleicht liegt die Antwort tatsächlich in unserer Kultur. Vielleicht haben wir uns so sehr daran gewöhnt, Alkohol als normalen Bestandteil des Alltags wahrzunehmen, dass wir seine Risiken systematisch unterschätzen. Und vielleicht erklärt genau das auch die politische Zurückhaltung. Ich finde es deshalb bemerkenswert, dass ausgerechnet eine Oppositionsfraktion dieses Thema überhaupt wieder auf die Agenda setzt. Über einzelne Maßnahmen kann man trefflich streiten – aber dass wir über Alkohol endlich ernsthaft reden müssen, steht außer Frage. Ob aus dem Vorstoß der Grünen-Bundestagsfraktion jemals Gesetzgebung wird, ist völlig offen. Der Antrag liegt inzwischen im Gesundheitsausschuss, wo er zunächst beraten wird. Unabhängig davon hat die Fraktion aber eine Debatte angestoßen, die lange überfällig ist.

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Verwendete Quellen:

(1) Deutscher Bundestag, Drucksache 21/6016, „Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Stärkung der Alkoholprävention“, 21.05.2026. (amtliche Vorlage der Grünen-Fraktion)

(2) Deutscher Bundestag, hib 425/2026, „Grünen-Fraktion fordert Stärkung der Alkoholprävention“, 21.05.2026. (Mitteilung der Pressestelle des Bundestags)

(3) Tagesspiegel:, „So wollen die Grünen den Alkoholkonsum der Deutschen eindämmen“, 07.06.2026