Mehr! Mehr? Genug.

Mehr! Mehr? Genug.

Warum die sieben Todsünden erstaunlich modern sind – und was die Fastenzeit über unsere Gier verrät.

Von Henning Hirsch

 Die sieben Todsünden klingen nach Mittelalter – und treffen doch mitten ins Jahr 2026. Vor allem die Gier ist erstaunlich lebendig: als permanentes „Mehr“ in einer Welt ohne Pause. Eine persönliche Geschichte über Maßlosigkeit, Absturz – und die leise Kraft des Genug.

 Alte Begriffe, erstaunlich aktuell

Es gibt Begriffe, die klingen nach Weihrauch und Mittelalter, nach dunklen Holzbänken und erhobenem Zeigefinger. Die sieben Todsünden gehören zweifellos dazu. Hochmut, Geiz (oder Gier), Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit – das hört sich zunächst nach einer moralischen Inventarliste aus einer Zeit an, in der das Leben überschaubarer und die Versuchungen weniger digital waren.

Und doch: Kaum beginnt die Fastenzeit – in der diese Kolumne geschrieben wurde –, tauchen sie wieder auf. In Predigten, in Podcasts, in Feuilletons – und, ironischerweise, in perfekt kuratierten Instagram-Posts über „Verzicht als Lifestyle“. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht brauchen wir gerade heute diese alten Begriffe, weil sie uns helfen, etwas zu benennen, das wir sonst nur diffus spüren: dass wir uns oft selbst im Weg stehen.

Die sieben Todsünden sind keine spektakulären Verbrechen. Es geht nicht um Mord oder Diebstahl. Es geht um innere Haltungen. Um Grundmuster. Um Neigungen, die in jedem Menschen angelegt sind. Sie heißen „Todsünden“, weil sie – so die alte Lehre – die Wurzel weiterer Verfehlungen sein können. Wer vom Hochmut getrieben ist, wird andere herabsetzen. Wer vom Neid zerfressen ist, gönnt niemandem etwas. Wer von Gier bestimmt wird, kennt kein Genug.

Das Entscheidende: Diese Sünden sind keine einzelnen Taten. Sie sind Dispositionen. Und gerade deshalb sind sie so zeitlos.

Warum gerade jetzt?

Warum also sollte man sich 2026 – in einer Welt aus Streamingdiensten, KI-Tools und Dauererreichbarkeit – mit einer Liste beschäftigen, die älter ist als der Buchdruck?

Weil sich die Oberfläche geändert hat, nicht aber der Mensch.

Die Fastenzeit ist traditionell eine Phase der Reduktion. Weniger Fleisch, weniger Süßes, weniger Alkohol. Inzwischen fasten viele Social Media, Streaming oder Nachrichten. Das klingt modern – ist aber im Kern sehr alt: Es geht darum, Gewohnheiten zu hinterfragen. Und genau da kommen die sieben Todsünden ins Spiel. Sie sind wie eine Art Diagnoseinstrument. Keine Anklage, sondern eine Einladung zur Selbstprüfung.

Und wenn ich ehrlich bin, dann trifft mich eine dieser Sünden besonders: die Gier.

Gier – das permanente „Mehr“

Gier klingt nach Geldsäcken und Goldbarren. Aber sie ist subtiler. Sie muss nichts mit Reichtum zu tun haben. Gier ist das permanente „Mehr“. Mehr Besitz. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Bestätigung. Mehr Sicherheit. Mehr Optionen.

Unsere Gesellschaft belohnt dieses „Mehr“. Wachstum ist gut. Mehr Umsatz ist besser. Mehr Follower sind Erfolg. Wer sich mit „genug“ zufriedengibt, wirkt schnell ambitionslos. Stillstand ist verdächtig.

Dabei ist Gier im Kern eine Form von Angst. Die Angst, zu kurz zu kommen. Die Angst, nicht genug zu sein. Die Angst, dass andere mehr bekommen. Sie speist sich aus einem Mangelgefühl – selbst dann, wenn objektiv kein Mangel herrscht.

Das Smartphone wirkt dabei wie ein Verstärker. Es zeigt uns im Minutentakt, was andere haben, erleben, erreichen. Vergleich wird zur Gewohnheit. Und aus Vergleich wird schnell Begehren.

Gier hat ein Gedächtnis wie ein Goldfisch. Sie vergisst sofort, was sie schon bekommen hat. Kaum ist ein Ziel erreicht, taucht das nächste auf.

Meine Geschichte mit der Gier

Ich kenne dieses „Mehr“ sehr gut. Früher war ich selbst gierig – und zwar nicht nur im harmlosen Sinn. Gierig nach Reichtum, nach Wohlstand, nach Anerkennung, nach Macht. Ich wollte nach oben, wollte sichtbar sein, wollte dazugehören zu denen, die scheinbar alles im Griff haben. Erfolg war kein Wunsch, sondern ein Maßstab. Und wenn ich ihn nicht erreichte, wurde das als persönliches Scheitern verbucht.

Gleichzeitig begann ich, mich zu verlieren. Vier Jahre Hardcore-Trinken. Zahlreiche Klinikaufenthalte. Abstürze, die nicht nur körperlich waren. Und irgendwann der Moment, in dem klar wurde: Noch ein Stück weiter – und es gibt kein Zurück mehr. Auf den letzten Drücker bin ich abgebogen. In Richtung Abstinenz. In Richtung Leben.

Diese Jahre haben mir etwas beigebracht, das kein Ratgeber, kein Karriereschritt mir hätte vermitteln können: Demut. Nicht als fromme Pose, sondern als schlichte Erkenntnis der eigenen Begrenztheit. Ich habe gelernt, dass man alles verlieren kann. Dass Gesundheit kein Bonus ist, sondern Grundlage. Dass Anerkennung wertlos wird, wenn man sich selbst nicht mehr spürt.

Die Gier, die mich früher antrieb, hat mich nicht zufriedener gemacht – sie hat mich getrieben. Und das Getrieben-Sein suchte irgendwann Betäubung. Alkohol war keine Ursache meiner Gier, aber ein Brandbeschleuniger.

Heute bin ich bescheidener geworden. Nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern aus Erfahrung. Es geht mir nicht mehr um Macht oder Status. Es geht um Gesundheit. Um klare Tage. Um die Bewahrung meines kleinen Glücks.

Dieses kleine Glück besteht aus unspektakulären Dingen: morgens ohne Zittern aufzuwachen. Ein Gespräch führen zu können, ohne innerlich abwesend zu sein. Verlässlich zu sein. Vertrauen nicht zu verspielen. Stabilität zu spüren. Ein Körper, der mitmacht. Ein Kopf, der nicht im Nebel hängt.

Demut erinnert. Sie erinnert daran, wie schnell alles kippen kann. Und wie kostbar Normalität ist.

Fasten als Gegenbewegung

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum es sinnvoll ist, sich gerade in der Fastenzeit mit der Gier auseinanderzusetzen. Fasten ist nicht nur Verzicht um des Verzichts willen. Es ist ein Experiment: Was passiert, wenn ich bewusst weniger konsumiere? Wenn ich eine Lücke aushalte? Wenn ich das Bedürfnis nicht sofort befriedige?

Für mich bedeutet Fasten heute vor allem eines: wach bleiben. Wach gegenüber alten Mustern. Denn Gier verschwindet nicht einfach. Sie verändert nur ihre Gestalt. Früher wollte ich mehr Erfolg, mehr Status, mehr Rausch. Heute könnte ich versucht sein, mehr Kontrolle zu wollen, mehr Sicherheit, mehr Perfektion in meinem neuen, nüchternen Leben.

Die Versuchung bleibt – sie trägt nur ein anderes Kostüm.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied, den die alten Lehren meinten: Bin ich derjenige, der entscheidet – oder werde ich entschieden?

In meinem Alltag merke ich, wie wohltuend es ist, bewusst Grenzen zu setzen. Nicht jedes Ziel verfolgen. Nicht jede Chance ergreifen. Manchmal ist das Schwierigste, ein gutes Angebot auszuschlagen – weil Stabilität wichtiger ist als Prestige. Weil ein freier Abend mehr zählt als ein weiterer Punkt auf der Erfolgsliste.

Gier sagt: „Du könntest etwas verpassen.“

Demut sagt: „Du hast schon genug gewonnen, wenn du gesund bleibst.“

Ein alter Spiegel für moderne Zeiten

Die sieben Todsünden sind deshalb für mich keine Drohkulisse. Sie sind ein Spiegel. Sie zeigen, wo ich anfällig bin. Und sie erinnern mich daran, dass Maßlosigkeit selten spektakulär beginnt. Sie beginnt im Kleinen. In Gedanken. In Rechtfertigungen. In dem Satz: „Nur dieses eine Mal.“

Vielleicht ist es genau das, was die Fastenzeit leisten kann: einen Fokus setzen. Nicht alles gleichzeitig ändern. Sondern eine Haltung genauer betrachten. Bei mir heißt das in diesem Jahr: dankbar bleiben. Mich nicht wieder hineinziehen lassen in Vergleiche, in Statusspiele, in das alte „Mehr“.

Denn Dankbarkeit ist gewissermaßen das Gegenmittel zur Gier. Sie richtet den Blick auf das, was schon da ist. Auf das Genug.

Die sieben Todsünden mögen alt sein. Aber sie sprechen von sehr gegenwärtigen Kämpfen. Und vielleicht beginnt Veränderung nicht mit großen Vorsätzen, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme.

Meine fällt heute nüchtern aus. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und das ist mehr, als ich mir früher vorstellen konnte.