Selbstliebe

Selbstliebe

Von Cornelia Ludwig

Was für eine Überschrift? Für mich persönlich beinhaltet das Thema Selbstliebe sehr viel Ehrlichkeit und genau hier möchte ich sozusagen ansetzen.
Ich bin in einem Haushalt groß geworden, der heutzutage bestimmt als „generationsübergreifend“ bezeichnet wird. Dabei war es nichts anderes, als dass bei uns drei Generationen unter einem Dach lebten. Da waren meine Großeltern, meine Eltern, mein Bruder und ich, die insgesamt gesehen diese drei Generationen bildeten. Da meine Eltern beide berufstätig waren und mein sieben Jahre älterer Bruder stets seinen eigenen Interessen nachging, lag nicht nur die komplette Aufsicht, sondern auch die hauptsächliche Beeinflussung meiner kleinen Person in den Händen meiner Großeltern. Mein Großvater war „mein Ein und Alles“. Für ihn war ich die Prinzessin, die er verwöhnte, mit der er stets Nachsicht hatte und – das war für mich ausschlaggebend
– der er alles erlaubte. Aber da war auch meine Großmutter. Sie war keine böse Frau, das möchte ich unbedingt klarstellen. Doch für sie war ich weder eine kleine Prinzessin, verwöhnt wurde ich überhaupt nicht von ihr, Nachsichtigkeit gehörte auch nicht ins Erziehungsprogramm und erlaubt wurde mir von ihr rein garnichts. Kurz: Meine Großmutter war das komplette Gegenteil meines Großvaters, was den Umgang mit mir anbetraf. Meine Großmutter war nicht nur komplett in ihrem christlichen Glauben verwurzelt und lebte danach, sie war auch das, was gemeinhin als „erzkatholisch“ bezeichnet wird und darin fußten auch ihre Ansichten. Ich wurde stark von ihren Betrachtungsweisen und begrifflichen Auslegungen beeinflusst.
Dazu gehörte auch die Auffassung des Aspektes der Selbstliebe. Selbstliebe war ein generell negativ belegter Begriff. Selbstliebe bedeutete Überheblichkeit. Selbstliebe war Selbstüberschätzung der eigenen Person. Selbstliebe war Hochmut und Selbstliebe zu leben war anmaßend. Auch wenn es mir schwerfällt, das an dieser Stelle zuzugeben, aber ich wurde von dieser Auffassung sehr lange begleitet und ebenfalls für sehr lange Zeit geprägt. Je älter ich wurde, desto mehr nahm der großmütterliche Einfluss ab und ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte ich mich generell davon befreit.
Aber in meinem tiefsten Inneren war diese Auffassung von Selbstliebe noch vorhanden. Zumindest erschien mir Selbstliebe als nichts Gutes und irgendwann machte ich mir sowieso keine Gedanken mehr über eine Auslegung von Selbstliebe.
… bis zu meiner stationären Entzugsbehandlung. Plötzlich trat der Begriff Selbstliebe wieder in mein Leben und prompt war mir lebhaft in Erinnerung, wie Selbstliebe in meiner jüngsten Kindheit ausgelegt worden war. Aber hier wurde Selbstliebe nicht in Verbindung gebracht mit Überheblichkeit, Selbstüberschätzung, Hochmut oder Anmaßung. Ich war kein plötzlich schlechter Mensch, wenn ich an Selbstliebe dachte. Selbstliebe war ein ausschließlich positiv besetzter Begriff. Mir wurde sozusagen erlaubt, „mich selbst lieb zu haben“ und das wurde auch noch unterstützt.
Das löste bei mir eine Art Fassungslosigkeit aus und ich konnte mit dieser Denkweise anfänglich nicht umgehen. In mir selbst waren meine Erinnerungen an die Auffassung von Selbstliebe in meiner frühen Kindheit derart gefestigt, dass ich Probleme hatte, diese loszulassen. Es gelang mir mit der Zeit und mithilfe meiner Gruppen, einen komplett neuen Ansatz in meiner Betrachtung der Selbstliebe zu finden und zu leben. Aber ganz ehrlich: das fiel mir
nicht leicht. Ich erkannte und ich musste zugeben, wie tief und vor allem wie lang anhaltend die Einflüsse waren, die ich als Kind aufgenommen hatte und die – wenn auch unbewusst – lange Zeit mein Leben beeinflusst hatten.
Ich machte auch in diesem Zusammenhang eine Veränderung durch wie in so vielen anderen Dingen und ich bin heute immer wieder erneut erstaunt – und zugegeben auch erschreckt – darüber, was alles in mir hochkommen kann, das ich einer lange zurückliegenden Zeit zuordne und der Meinung bin, dass es keinen oder wenig Einfluss auf mein heutiges Leben mehr hat. Ein Irrtum! Es ist vieles noch da und will von mir bearbeitet werden. Aber es
liegt an mir, diese Erinnerungen an mich heranzulassen.
Auch hier lege ich meinen gedanklichen Dreisprung, über den ich in einem der vorangegangenen Texte bereits geschrieben habe, zugrunde:
Erst mache ich mir den betreffenden Aspekt oder die Situation bewusst, dadurch verschaffe ich mir Klarheit und erst dann kann ich damit umgehen.

Ich heiße Cornelia. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken und dankbar.