Weniger Alkohol. Mehr Drogen?

Weniger Alkohol. Mehr Drogen?

Jugendliche trinken seltener und beginnen später – doch bei jungen Erwachsenen steigt der Kokainkonsum

 Von Henning Hirsch

 Die gute Nachricht zuerst: die Jugend trinkt weniger. Doch wenn sich das Konsumverhalten verändert, stellt sich eine unangenehme Frage: Haben wir ein Suchtproblem tatsächlich gelöst – oder nur dabei zugesehen, wie es sein Gesicht verändert? Der Alkohol verliert bei jungen Menschen an Bedeutung. Das klingt zunächst einmal nach einer guten Nachricht. Und tatsächlich liefern die neuen Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) einiges, worüber man sich freuen kann. Die Drogenaffinitätsstudie 2025 zeigt: Jugendliche und junge Erwachsene trinken heute deutlich weniger Alkohol als noch vor 20 Jahren. Der regelmäßige Konsum ist zurückgegangen, der Einstieg erfolgt später. Gleichzeitig allerdings gibt es eine gegenläufige Entwicklung: Bei jungen Erwachsenen hat der Kokainkonsum deutlich zugenommen.

Also: weniger Alkohol, mehr Drogen? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Bei den 12- bis 17-Jährigen ist der Rückgang des Alkoholkonsums bemerkenswert. 2025 hatten 58,9 Prozent schon einmal Alkohol getrunken, 2001 waren es noch 86,6 Prozent. Auch der aktuelle Konsum ist deutlich zurückgegangen: Innerhalb der vergangenen 30 Tage hatten 2025 noch 32,9 Prozent Alkohol getrunken, 2004 waren es 58,4 Prozent. Ebenfalls der regelmäßige Konsum ist rückläufig. Nur noch 6,8 Prozent der Jugendlichen gaben 2025 an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal pro Woche Alkohol getrunken zu haben – ein historischer Tiefstand. Und noch eine Zahl ist interessant: Das durchschnittliche Alter beim ersten Glas Alkohol ist von 14,1 Jahren im Jahr 2004 auf 15,1 Jahre im Jahr 2025 gestiegen. Man kann das durchaus als Erfolgsgeschichte der Prävention betrachten. Zumindest teilweise. Denn die Geschichte hat einen Haken.

Rauschtrinken ist noch lange nicht verschwunden. Wer jetzt glaubt, die Jugend habe den Alkohol endgültig hinter sich gelassen, sollte sich die Zahlen zum Rauschtrinken ansehen: Bei den 12- bis 17-Jährigen haben 2025 knapp 15 Prozent innerhalb der vergangenen 30 Tage Rauschtrinken angegeben. Bei den jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren waren es sogar 45,8 Prozent. Bei den jungen Frauen ist der Wert erfreulicherweise deutlich zurückgegangen. Bei den jungen Männern dagegen hat sich über die Jahre wenig verändert. Der Alkohol ist also keineswegs verschwunden. Er hat nur einen Teil seiner Selbstverständlichkeit verloren.

Und dann kommt das Kokain

Denn während der Alkohol bei jungen Menschen an Bedeutung verliert, sieht es bei einer weiteren Substanz anders aus. Am 24. Juni veröffentlichte das BIÖG vorab die Ergebnisse zum Konsum illegaler Drogen. Besonders auffällig: bei den 18- bis 25-Jährigen ist der Kokainkonsum deutlich gestiegen. 2015 hatten 1,2 Prozent dieser Altersgruppe angegeben, in den vergangenen zwölf Monaten Kokain konsumiert zu haben. 2025 waren es 4,1 Prozent. Bei den jungen Männern stieg der Anteil von 1,8 auf 5,7 Prozent, bei den jungen Frauen von 0,5 auf 2,4 Prozent. Das ist keine Kleinigkeit. Aber es wäre ebenso falsch, daraus nun die nächste Schlagzeile zu basteln: Die Jugend säuft weniger und kokst dafür mehr. Denn die Zahlen geben das so nicht her.

Bei den 12- bis 17-Jährigen bleibt der Konsum illegaler Drogen insgesamt auf einem niedrigen Niveau. Nur 2,5 Prozent gaben 2025 an, Erfahrungen mit mindestens einer illegalen Droge zu haben. Bei den 18- bis 25-Jährigen waren es 18,7 Prozent. Wir müssen also genauer hinschauen. Eine Droge verschwindet nicht, nur weil eine andere auftaucht. Sucht funktioniert nicht wie ein Getränkemarkt. Wenn die Nachfrage nach Bier sinkt, wird nicht automatisch im gleichen Umfang Kokain nachgefragt. Konsumverhalten verändert sich. Gesellschaften verändern sich. Verfügbarkeiten verändern sich. Bilder von Alkohol verändern sich. Und auch die Gründe, warum junge Menschen überhaupt zu psychoaktiven Substanzen greifen, können sich verändern. Der Rückgang des Alkoholkonsums ist deshalb zunächst einmal genau das: ein Rückgang des Alkoholkonsums. Und der Anstieg beim Kokain ist ein eigenes Problem. Beides miteinander zu verrechnen, wäre statistisch genauso falsch wie gesundheitspolitisch gefährlich.

Prävention darf sich nicht auf Alkohol beschränken. Trotzdem steckt in den neuen Zahlen eine wichtige Botschaft: Wenn es tatsächlich gelungen ist, den Alkoholkonsum junger Menschen über einen langen Zeitraum deutlich zu reduzieren, dann sollte man sich durchaus fragen, was dabei funktioniert hat.

Aufklärung?

Veränderte gesellschaftliche Einstellungen?

Weniger Akzeptanz des Rauschtrinkens?

Veränderte Freizeitgewohnheiten?

Oder schlicht eine Generation, die mit Alkohol anders umgeht als ihre Eltern und Großeltern?

Wahrscheinlich ist es – wie so oft bei Suchtfragen – eine Mischung aus mehreren Faktoren.

Deshalb wäre es völlig falsch, Prävention jetzt als erledigte Aufgabe zu betrachten und einen Haken dran zu setzen. Denn die Substanzen ändern sich. Früher war es das Bier. Heute vielleicht das Pulver. Ich bin alt genug, um mich noch an eine Zeit zu erinnern, in der Alkohol für junge Menschen praktisch zum Erwachsenwerden gehörte. Das erste Bier. Die erste Party. Der erste Vollrausch. Und irgendwo dazwischen der Satz: „Das gehört halt dazu.“ Dass diese Selbstverständlichkeit offenbar bröckelt, ist eine erst mal gute Entwicklung. Aber Suchtprävention darf nicht an einer einzelnen Substanz hängen. Wenn Alkohol weniger attraktiv wird, ist das kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Es ist vielmehr die Gelegenheit, genauer hinzuschauen, welche anderen Substanzen an seine Stelle treten – und warum. Denn am Ende geht es nicht um die Frage, ob junge Menschen Bier, Schnaps oder Kokain konsumieren. Es geht um die Frage, warum sie überhaupt einen Stoff brauchen, um sich besser, mutiger, entspannter oder überhaupt anders zu fühlen. Und genau da beginnt Prävention. Nicht beim Alkohol. Sondern beim Menschen.

 

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Die Drogenaffinität Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2025, Teilband Alkohol und Teilband Illegale Drogen; Pressemitteilungen des BIÖG vom 3. September 2026 und 24. Juni 2026.