Wie gehe ich als trockene Alkoholikerin mit einer belastenden Lebenssituation um?
Von Gaby Mertens
Ich habe damals, während meiner langen ambulanten Therapie, viel über Selbstfürsorge und Achtsamkeit gelernt. Davor habe ich mich damit nie beschäftigt oder mir darüber Gedanken gemacht, ich war mir nie besonders wichtig.
Seit meiner Therapie aber habe ich mich immer sehr wichtig genommen und mich und meine Bedürfnisse hinterfragt, gespickt mit einer gesunden Portion Egoismus.
Ich wusste/weiß, dass mir Überforderung überhaupt nicht guttut und habe mein trockenes Leben dann auch konsequent entschleunigt.
Als ich meinen Mann im Mai vorigen Jahres zur Rettungsstelle ins Krankenhaus fahren musste, wusste ich noch nicht, dass sich mein Leben radikal verändern würde …
Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich im Laufe des Jahres immer mehr und ich musste viele Rückschläge und Herausforderungen hinnehmen.
Ich merkte die Überforderung jeden Tag und befand mich in einer anderen Welt. Ich fühlte Angst, Sorge, Traurigkeit, aber auch Wut. Wut auf die Krankheit, die mir unser bisher gesundes und auch entspanntes Leben genommen hatte. Die Krankheit nahm so viel Platz ein und meine Leichtigkeit und Freude am Leben verschwanden immer mehr.
Ich kann mit Schwebezuständen sowieso nicht gut umgehen und manchmal wäre ich am liebsten weggerannt. Dass ich das alles akzeptieren musste, wusste ich. Das aber alles auszuhalten und hautnah Tag für Tag, Stunde für Stunde zu erleben und mitanzusehen, war etwas ganz anderes.
Ich habe mir oft vorgenommen, mir Auszeiten außer Haus zu nehmen oder „Erholungsinseln“ zu schaffen. Oft genug musste ich sie verwerfen, weil ich meinen Mann nicht alleine lassen konnte, die nächste OP anstand, oder die Fahrt ins Krankenhaus unumgänglich war, weil sich sein Gesundheitszustand akut verschlechterte. Eine Krebserkrankung ist auch eine Familienkrankheit wie der Alkoholismus.
Als ich merkte, dass ich mir Unterstützung suchen muss, auch weil ich keine Kraft mehr hatte, habe ich dann in meiner ehemaligen Therapieeinrichtung angerufen und um einen zeitnahen Termin gebeten.
Der Gedanke an Alkohol war bis heute nie da. Für mich gibt es keinen Grund zu trinken. Mein Leben ohne Alkohol hat für mich ganz viel mit Freiheit zu tun. Nur nüchtern kann ich alles regeln und aushalten. Ich wollte dort einfach nur reden, weinen und mich fallen lassen.
Da kannte man mich und die Termine nehme ich erstmal weiterhin noch in unregelmäßigen Abständen wahr.
Mir hat auch meine Online-Gruppe „Alkoholiker- Gemeinsam gegen die Sucht“ sehr geholfen. Ich habe da immer meinen Ballast abgeworfen, indem ich alles schrieb, was mich beschäftigt. Mir hat es immer schon geholfen, zu schreiben, weil das für mich auch eine Verarbeitung des Erlebten ist.
Die Kommentare, das Mitgefühl, die Anregungen, die Vertrautheit und Verbundenheit der Mitglieder, die ich da spüre, sind für mich seit über fünf Jahren für mein trockenes Leben von unschätzbarem Wert. „Meine“ Gruppe hat mich, besonders im letzten Jahr, so sehr getragen. Es ist immer jemand da, das Gefühl, nicht alleine zu sein, ist so hilfreich und wertvoll.
Inzwischen geht es meinem Mann langsam besser, es ist noch nicht alles ausgestanden, aber es kehrt langsam wieder vorsichtiger Optimismus in mein Leben zurück. Ich kann wieder gut für mich sorgen und meine Bedürfnisse stehen nicht mehr hinten an. Es fühlt sich wieder gut an, wenn ich morgens aufstehe, weil ich mich auf mein HEUTE wieder freue.
So traurig das bisher Erlebte für mich war/ist, spüre ich, dass ich nach den zahlreichen Herausforderungen, Krisensituationen, gewachsen bin. Ich habe mich intensiv in Geduld und Gelassenheit geübt. Das war nicht immer einfach, ich habe immer an meine höhere Macht geglaubt. Inzwischen weiß ich auch, was ich geleistet habe, es hat mich stärker gemacht.
Jetzt mit etwas Abstand kann ich das zusammenfassend alles schreiben und dazu fällt mir noch ein schöner Satz ein: Ich musste es alleine schaffen, aber alleine hätte ich es nie geschafft. Mit dem Satz danke ich meiner Online- Gruppe, die mich so sehr gestärkt hat.
Nachtrag: Ich bin sehr dankbar, dass es nur an MIR liegt, an meiner Krankheit weiter zu genesen. Bei Krebs wie bei meinem Mann ist das anders. Das ist mir gerade wieder in den letzten Monaten sehr bewusst geworden.