Aus „ABC der Sucht“, TrokkenPresse 01-2016
AnDis Gedanken zur (damaligen) Zeit – vor zehn Jahren
Therapeutische Heroinabgabe und Abstinenztherapie – von der Polarisierung zur humanen Differenzierung gesellschaftlicher Probleme
In den vergangenen Monaten haben sich die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Konflikte wieder einmal zugespitzt. Ob es sich um Terrorismus, Gewalt oder Flüchtlinge handelt – wenn es eng wird, kommt es zur Polarisierung – entweder oder. Leser dieser Zeitschrift kennen das aus dem Bereich ihrer persönlichen oder beruflichen Erfahrung.
Und tatsächlich ist es weitgehend auch so: Wer süchtig ist, wird entweder abstinent oder nicht. So einfach war das mal. Wer abstinent werden kann, der hat einen harten, aber nicht mehr lebensgefährlichen Weg vor sich.
Tatsächlich gibt es Menschen, die können zu einem Zeitpunkt ihres Krankheitsverlaufs die Sucht zum Stillstand bringen. Und die anderen? „Die müssen noch eine Runde drehen“ oder „… werden erst dry, wenn sie in der Kiste bröseln!“ Das ist die zynische Polarisierung, von der ich sprechen will. Heute wissen wir, dass Heroinabhängige, die reines Heroin in einer Abgabepraxis bekommen, deutlich länger in der Therapie bleiben und länger leben. Obwohl wir das schon eine Weile wissen, tun wir – ich übrigens auch – uns schwer damit, dass man mit dem Gift Menschenleben rettet. Natürlich ist das nicht das Mittel der ersten Wahl, sondern eine Chance für die, die es nicht anders schaffen. Sie müssen nicht mehr von der Gesellschaft kriminalisiert und selber kriminell werden, um zu überleben.
Ideal ist das nicht, aber menschlich und entstigmatisierend. Wir brauchten hier also keine schärferen Gesetze, sondern eine humane Medizin. Wir hatten Menschen, die sich gegen den Mainstream nicht haben aus der Fassung bringen lassen. Diese Lösung ist denkbar einfach, war aber für mich lange Zeit undenkbar. Ich lerne daraus wieder, dass wir „das schaffen“, wenn wir uns dem Problem stellen. Die kontrollierte Heroinabgabe ist das Ergebnis der Suche nach Lösungen, die nichts anderes im Sinn haben, als dem Menschen zu dienen. Das muss unser Fokus sein!
Bleiben wir bei der Sucht. In der stationären Psychiatrie gibt es jetzt ein Vergütungssystem, das zwar PEPP (Pauschaliertes Entgelt für Psychiatrie und Psychosomatik) heißt, aber keinen Pepp hat. Es führt in der Versorgung der Suchtkranken zunehmend dazu, dass aus den Entzugsstationen kaum mehr Patienten den nahtlosen Übergang in die Entwöhnung finden. Das müsste man anklagen, wenn Ärzte wegen eines veränderten Vergütungssystems schlechtere Qualität abliefern und sich ohne den Pepp der Zivilcourage dem PEPP unterwerfen. Die Psychiater wären dann aber nur die Sündenböcke einer Fehlentwicklung wie jüngst der Behördenchef des LaGeSo oder der Polizeichef in Köln!
Die Zivilgesellschaft darf es sich nicht gefallen lassen, wenn Bauernopfer beruhigen sollen! Wir brauchen das Engagement für die Erhaltung der Suchttherapien, damit Menschen die Chance behalten, sich ihre Abstinenz zu sichern. 2015 gab es gegenüber 2014 deutlich mehr Einrichtungen mit einer Belegung von unter 70 Prozent. Eine wesentliche Ursache ist der Rückgang der Anträge. Und das hat seine Quelle im PEPP. Mehr als die Hälfte aller Sucht-Reha-Einrichtungen kann also nach den Ergebnissen der Belegungsumfrage des Bundesverbandes stationäre Suchtkrankenhilfe nicht kostendeckend arbeiten.
Wir brauchen wieder mehr Solidarität in der Gesellschaft. Wir sollten den Mund auftun und die Dinge beim Namen nennen. Entwickeln wir Phantasie, wie wir die Praxis Heroinabgabe aus dem Schattendasein heben und andererseits der Abstinenztherapie eine Chance lassen für die, die sich ihr Leben über eine Entwöhnung retten (lassen)!
Werden wir aktiv, wie immer ganz besonnen!
AnDi
AnDi