Integrierte Suchttherapie

Integrierte Suchtbehandlung:

„Erst die Abstinenz, dann die Psyche“? Das war einmal …

Noch immer denken viele Betroffene: Erst muss ich stabil abstinent sein, bevor ich meine Depression oder das Trauma behandeln (lassen) kann. Das war einst tatsächlich so, als Begleiterkrankungen noch als eine Folge des Substanz-Konsums betrachtet oder aus den Sucht-Rehabilitationen ausgeklammert wurden. Ein Patient kam deshalb oft gar nicht in weiterführende psychische Behandlung, wenn eine Abhängigkeit noch im Vordergrund stand. Folge: hohe Rückfallquoten. In der S3-Leitlinie „Alkoholbezogene Störungen“, der Behandlungsleitlinie für Ärzte und Therapeuten, ist aber schon lange festgelegt: Sucht UND psychische Störungen sollen gemeinsam behandelt werden. Auch die DRV stellte 2018 fest, dass in dieser Notwendigkeit Luft nach oben besteht. Was bedeutet diese integrierte Suchttherapie, wie wird sie umgesetzt? Die TrokkenPresse im Gespräch mit Dr. Martin Enke, Psychotherapeutische Klinikleitung in der MEDIAN-Klinik Wilhelmsheim, wo seit einigen Jahren Begleiterkrankungen parallel mitbehandelt werden …

Integrierte Suchtbehandlung: Was bedeutet das?

Wenn Begleiterkrankungen wie Depression, Trauma, Angststörung, ADHS verknüpft sind mit der Abhängigkeitserkrankung, also die Sucht beeinflussen oder daraus resultieren, sollten beide Erkrankungen behandelt werden. Es ist heute Herausforderung und Auftrag einer Sucht-Rehabilitation, dass man auch Komorbiditäten feststellt und überlegt, ob und wie man sie grundlegend mitbehandeln kann. Leichtere Erkrankungen wie eine Schlafstörung oder eine Phobie lassen sich leichter integrieren, aber es ist ungleich schwerer bei tiefgreifenden oder komplexen Begleiterkrankungen. Diese sind nicht selten hinter der Abhängigkeit verborgen, den Betroffenen gar nicht bewusst oder bekannt. Aber sie erhalten die Abhängigkeit häufig aufrecht. Dieses Aufrechterhaltende, das Interagierende mit der Abhängigkeit, ist das Problem und beides muss behandelt werden. Ganz grundlegend ist die Entwöhnung aber immer priorisiert, weil sie natürlich das Fundament für weitere Behandlungen ist.

Warum ist eine integrierte Therapie so wichtig?

Für die Abstinenz relevante Begleiterkrankungen betreffen schätzungsweise ein Drittel der Patienten bei den legalen Abhängigkeiten. Wenn man bei ihnen eine Abstinenz stabilisiert, aber die ursächlichen Faktoren, die Begleiterkrankungen, nicht adressiert, kann das dazu führen, dass die Betroffenen schneller bzw. schwerer rückfällig werden, weil nach der Stabilisierung der Abstinenz die Ursache wieder auffällt.

Könnten Sie ein Beispiel beschreiben?

Wenn eine Patientin beispielsweise ihre Traumatisierung schon sehr, sehr lange mit sich herumträgt und mit Cannabis oder Alkohol versucht, mit den Symptomen, den psychosozialen Beschwerden, besser umgehen zu können, macht sie das ja nicht mit der Absicht, freiwillig eine Abhängigkeit zu entwickeln. Sie rutscht immer mehr hinein und das Abhängigkeitsverhalten – das Konsumieren – bleibt aber nach wie vor ein stabilisierender Faktor für die Trauma-Symptomatik. Wenn wir jetzt nur diese Abhängigkeit behandeln, tun wir der Patientin etwas sehr Gutes und sie kommt deutliche Schritte weiter. Aber wir legen auch die Trauma-Symptomatik offen, weil wir ihr stabilisierende Faktoren, das Suchtmittel, wegnehmen. Die Abstinenz ist zwar erstmal stabil, aber der Patientin geht es im Verlauf u. U. schnell wieder schlechter. Deshalb ist es wichtig, dass eine Hintergrund- oder ursächliche Erkrankung mitbehandelt wird, sonst haben wir stärkere Rückfallgeschehen.

Gibt es dafür statistische Belege?

Ja, aber da muss man die Studien je nach Begleiterkrankungen anschauen. Wenn wir beim Beispiel Trauma bleiben, zeigen die Studien: Wenn man in einer Suchttherapie bereits wenige Traumatherapie-Sitzungen integriert, führt das schon zu einer deutlichen Reduktion der Trauma-Symptomatik und einer Verminderung des Alkoholkonsums. Und auch, wenn man sozusagen erstmal „anbehandelt“ – es muss nicht die Parallel-Behandlung mit dem Anspruch sein, alles abschließend geheilt zu haben –, sorgt das dafür, dass sich beide Erkrankungen nach 12 Monaten gebessert zeigen können. Wir haben dazu bei uns auch Daten, die müssen aber noch ausgewertet werden.

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