Selbst-Stigmatisierung:
Ich bin ja selber schuld …?
Denken Sie manchmal auch noch so, selbst wenn Sie schon längst trocken oder clean sind? Steckt das noch irgendwo, fest verankert, im Hinterkopf? „Hätte ich nicht getrunken, hätte ich meine Familie noch, mein Haus noch, meinen Job, meine Freunde, eine sicherere Zukunft …“ Oder: „Ich bin eben Alkoholiker, traue mir vieles nicht zu, bin unzuverlässig, und ein Rückfall gehört sowieso dazu …“ Solche Gedanken, Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, ob bewusst oder unbewusst, halten uns im Vergangenen fest. Behindern die Genesung. Sie stehen einem neuen, freien Leben oft im Weg. Manchmal machen sie sogar krank. Was genau Selbststigmatisierung ist, woher sie kommt und wie wir damit umgehen könnten, erklärt uns Stigma-Forscher Prof. Dr. Georg Schomerus, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig …
Weshalb denke ich, selbst nach vielen Jahren Trockenheit, mitunter noch: Wenn du nicht Alkoholikerin geworden wärest, wäre dies und jenes viel besser gelaufen im Leben, aber du bist ja selber schuld …?
Ich glaube, dass das moralische Stigma von Suchtkrankheiten tief eingewachsen ist. Man macht sich selber den Vorwurf … natürlich, wem denn sonst? Aber das ist der grundsätzliche Denkfehler!
Denkfehler – warum?
Weil Alkoholabhängigkeit nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern in einer Gesellschaft. In einem Umfeld, in dem sowieso viel getrunken wird, in dem das Trinken gefeiert wird, in dem man erst dann dazugehört, wenn man mittrinkt. In dem es sehr viel leichter ist, abhängig zu werden, als danach wieder davon loszukommen. Das heißt, dieses Sich-selber-beschuldigen ist falsch.
Was genau ist denn Selbst-Stigmatisierung und wie entsteht sie?
Sie geschieht, wenn das gesellschaftliche Stigma „einsickert“ und in der Person selbst Schaden anrichtet. Das passiert in Schritten. Man weiß ja, was andere Leute über Menschen mit Alkoholproblemen denken, kennt die gängigen Vorurteile: Er ist selbst schuld am Alkoholkonsum, ein Alkoholabhängiger ist unzuverlässig, unehrlich und so weiter. Und zum Teil denkt man das selbst auch. Und wenn man dann selbst so ein Problem entwickelt, gehört man auf einmal zu der Gruppe, die man vorher mit abgewertet hat, auf die man mit dem Finger gezeigt hat. Dann richtet sich dieser Finger unweigerlich auf einen selbst und das ist sehr schmerzhaft. Man versucht, das abzuwehren, indem man das Problem kleinredet und denkt: Solange ich noch nicht vorm Supermarkt stehe mit dem Bier in der Hand, bin ich ja kein Alkoholiker. Wenn es dann aber einsickert und man zugeben muss, wirklich ein Alkoholproblem zu haben, schämt man sich. Dann richten sich diese ganzen Vorurteile gegen sich selbst. Da muss noch gar kein böses Wort von außen gefallen sein. Man findet sich selber so furchtbar, dass man ganz, ganz, ganz klein wird, seinen Selbstwert verliert. Sich gar nicht mehr zutraut, das Problem anzugehen, obwohl man gerade dann alle Kräfte dafür sammeln müsste.
Für Ihre Studien zum Thema hatten Sie Fragebögen für Betroffene entwickelt … worum geht es da?
Um negative Stereotype, die in vier Stufen „einsickern“, zum Beispiel das Vorurteil „unzuverlässig“. Erste Stufe: Ich denke, die meisten anderen Leute halten jemanden mit einem Alkoholproblem für unzuverlässig. Die nächste Stufe: Ich denke selbst, jemand mit Alkoholproblemen ist unzuverlässig. Die dritte: Weil ich ein Alkoholproblem habe, bin ich unzuverlässig – das heißt, ich wende das schon auf mich selber an. Die letzte: Weil ich unzuverlässig bin, achte ich mich im Moment weniger.
Diese Studien waren dafür gedacht, zu zeigen, dass Selbststigmatisierung Menschen an der Recovery hindert. Man könnte ja meinen, es sei doch gut, wenn die Leute sich schlecht fühlen, das motiviere sie, besser zu sein und alle Energiereserven zusammenzukratzen. Aber so funktioniert das nicht. Wenn man sich schlecht fühlt, klein und verzweifelt, führt das eher dazu, dass man sich eben nicht zutraut, trocken zu werden – und dann noch mehr konsumiert, weil das Gefühl so unangenehm ist.
Warum stigmatisiert man sich aber auch nach Jahren noch selbst?
Dieses Gefühl, dass man an seiner Erkrankung selber schuld ist, selber dafür verantwortlich ist, sitzt ganz, ganz tief …
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