Home » Allgemein » Titelthema 2/19: Trocken bleiben, aber wie?

Titelthema 2/19: Trocken bleiben, aber wie?

Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

„Etwas zu tun – das hält mich trocken“

Alle zwei Monate stürmt er energiegeladen durch die unsere Tür. „Ihr habt was für mich?“

Ja, haben wir. Hier im Büro unseres Verlages. Etwa 150 Ausgaben der TrokkenPresse, verpackt in Pakete und Umschläge. Wolfgang Gottschalk, seit 13 Jahren trocken, wird sie wieder austragen, kreuz und quer durch Berlin. Zu Krankenhäusern, Rathäusern, Vereinen. Seit einem Jahr ist er TrokkenPresse-Bote aus Leidenschaft. Dabei ist er gerade 80 Jahre alt geworden! Ein besonderer Grund für uns, ihn heute einmal unseren Leser/innen vorzustellen. Weshalb er einst trank– er hat 22 Entgiftungen und zwei Langzeittherapien hinter sich –, und was ihn heute trocken hält. Für uns schaute er zurück, sogar bis in seine Kindheit …

Du könntest Deinen Alltag mit 80 eigentlich auf dem Sofa verbringen …

Ich will was machen, das hält mich trocken. Ich brauche es nicht wegen des Geldes, ehrenamtlich für euch die TrokkenPresse zu verteilen. Ich brauche eine Aufgabe. Denn jemanden dann im Stich zu lassen geht bei mir nicht, das ist Ehre, es wäre für mich ein Zusammenbruch, wenn ich diejenigen enttäuschen würde.

Wenn ich jetzt einen trinken würde, würde folgendes passieren: Jetzt rufste die doch gar nicht an, die können mich mal. Dann lande ich im Krankenhaus, wieder einen Glockenschuss. So, wie soll ich vor euch denn dann dastehen? Ihr würdet vielleicht sagen, naja, ist die Krankheit … würdet ihr machen … geht aber bei mir nicht, ich kann euch nicht enttäuschen, das kann ich nicht. Verantwortung zu übernehmen ist sowas wie ein Schild, Schutzgitter, ich weiß nicht, das sagten die Psychologen. Vielleicht will ich auch etwas wiedergutmachen, ich habe meine Chefs früher enttäuscht, verletzt.

Du hast ja aber bis zur Rente gearbeitet – u n d getrunken?

Immer wenn ich einsam gewesen bin, so als ob ich einen Dachschaden hätte, habe ich getrunken, ich konnte mich ja nicht selber einsperren. Bei mir ist es erst gut gegangen, als ich meine Marion gefunden habe … da hab ich dann aufgehört zu saufen. Vor 13 Jahren.

Aber von vorne: Nach meiner Lehre als Damen-und Herrenschneider kam ich zu einem bekannten Schneider an den Ku’damm, machte da noch meinen Meister und hab da bis zur Rente mit 63 gearbeitet. Und ich hatte immer das Glück, dass meine Chefs mich nicht entlassen haben. Ich war schon auffällig, habe mich krankschreiben lassen. Das eine Mal stand der Chef sogar vor meiner Türe: „Pass auf, wenn du nächsten Montag nicht arbeiten kommst, bist du weg.“ Ich natürlich hin. Er hat immer zu mir gehalten, er war auch wie Papa zu mir. Meine Chefs waren sehr enttäuscht und traurig, haben mich aber nie fallengelassen, die haben mich lieb gehabt. Da hatte ich Glück.

Dir war immer sehr wichtig, lieb gehabt zu werden?

Das lag vermutlich an meiner Kindheit. Meine Mutter wurde schwanger, sie wollte mich nicht, sie hatte schon drei Abtreibungen. 1939 kam ich dann doch zur Welt, ungewollt. Nach 2 Jahren kriegte ich dann Schwindsucht, beide Lungenflügel. Ich war schon im Waggon, Mongoloide, Spastische, Schwindsüchtige und und und wurden ja vergast. Aber wiedergefunden hatte ich mich im Allgäu, in einer Lungenheilanstalt. Es hatte sich herausgestellt, dass mich mein Papa, der war SS-Mann in der obersten Etage, da rausgeholt hatte.

Ich war über zwei Jahre im Allgäu, ich kannte meine Mama nicht, meinen Papa nicht, dann wurde ich gesund. Meine Mutter hat mich zurückgeholt. Am Bahnhof wurde ich ihr von Nonnen übergeben. „Das ist nicht meine Mutti“, habe ich geschrien. Meine Mutter setzte dann meinen Vater unter Druck, damit er uns versorgt. Heiraten konnten sie ja damals nicht, meine Mutter war Jüdin. Außerdem hatte er schwere Kriegsverletzungen, Arm weg, Bein weg …als Krüppel wollte er nicht heiraten. Er hat sie natürlich versorgt, sie hat ein Leben gehabt vom Feinsten.

Aber wie erging es Dir, als ungewolltes Kind?

Meine Therapeuten haben immer gesagt, Du standest deiner Mutter im Weg …

Wenn ich Fünfen nach Hause gebracht habe, da hat sie den Rohrstock genommen. Immer rauf, immer gib ihm was. Wenn das nicht geholfen hat, hat sie mich nachts in den Keller gesperrt, da hab ich natürlich geweint.

Die ganzen Ärzte in den Therapien, die konnten nicht verstehen, warum ich überhaupt getrunken habe. Die haben immer gesagt, das steckt bei ihnen nicht drin. Die wollten es aber unbedingt wissen, da habe ich denen von der Kindheit erzählt. Und da haben die gesagt, die Seele ist krank, sie wurde kaputt gemacht, denn ich kenne ja keine Liebe. So hat mich meine Mutter dann bis zu meiner Lehre behandelt. Mit meinem Lehrmeister, da hatte ich Glück, der hatte nur Töchter, der war wie ein Papa zu mir, das war schön, der hat mir Liebe gegeben. Heute weiß ich: Mein ganzes Leben habe ich nach Liebe und Geborgenheit gesucht.

Ein Beispiel: Ich bin in ne Kneipe gegangen, da saßen alles so leichte Mädels, und dann habe ich mich dazugesetzt, die habe ich umarmt und meinen Kopf dann angelehnt. „Ach, den lässte ran“, kam von den Kerlen. „Nee“, sagte sie, „der Wolfgang sucht was ganz anderes, nicht das, was du suchst.“

Für meine Mutter war ich das gehasste Miststück. Versoffener Penner, der ist doch nur in der Irrenanstalt gewesen, das hat sie alles verbreitet. Trotzdem habe ich immer den Kontakt gehalten. Als wollte ich immer noch, dass sie mich endlich doch noch lieb hat. Leider, leider, leider.

Wieso leider?

Ein Beispiel: 19 62 lernte ich meine erste Ehefrau kennen. Was passiert: Meine Mutter merkt, dass die mich lieb hat. Meine Mutter hat intrigiert, hat die Kleene zur Sau gemacht. Viel später, mit einer anderen Frau, war das ähnlich. Da ist der Groschen gefallen bei mir: Sie wollte meine Mutter kennenlernen, „Nee, lass sein“, warnte ich, aber sie: „So schlecht kann kein Mensch sein.“ Meine Mutter hat jedenfalls zu ihr gesagt, die Frau hatte mir ja vorher ein Auto geschenkt: „Du hast für meinen Sohn nur ein Auto gekauft, weil er gut F… le… kann.“ Da hat Rosemarie gesagt, „Wolfgang, das ist nicht mein Niveau …“ Da habe ich wieder angefangen zu trinken.

Meine Mutter war der Stachel. Als ich zum Beispiel im Jüdischen Museum gearbeitet habe, da habe ich nicht gesoffen, da ruft sie dort an: „Wissen Sie eigentlich, was sie eingestellt haben? Mein Sohn ist Alkoholiker.“ Ist das schön? So lieb hat meine Mutter mich gehabt. Als meine Mutter dann eingeschlafen ist, das sagen die Leute heute noch, war es, als wäre mir ein unheimlicher Brocken von den Schultern gefallen, ich war ein anderer Mensch.

Deine erste Ehe ist an der Trinkerei zerbrochen?

Das war komplizierter. Meine Frau hatte bei der Post Karriere gemacht. Da hatte sie trinken gelernt, da waren welche, die Fanta mit Wodka tranken, da war sie dabei, und dann haben wir immer beide gesoffen, das funktionierte. Bis wir die Kontrolle beide verloren hatten. Und mir in der Wenckebach-Klinik gesagt wurde: „Herr Gottschalk, Sie müssen sich von ihrer Frau trennen. Und: Das überleben sie sonst nicht. Ich sagte: „30 Jahre Ehe, ne ne ne, das kann ja wohl nicht sein!“

Sie sagte zum Doktor: „Was kann ich dafür, wenn mein Mann nicht trinken kann?“ Ich hatte schon 15 Entgiftungen damals. Da wurde der Doktor verrückt: „Sie selbst waren schon dreimal bei uns. Sie schlafen sich hier aus, frühstücken und gehen. Sie unterstützen ihren Mann gar nicht. Der kommt her, wir wollen ihm immer helfen.“

Da habe ich das tatsächlich gemacht. Mich getrennt. Ich kam ins Johanneshaus für ein Jahr. Von da aus ist auch Scheidung gegangen, Sozialarbeiter haben alles organisiert. Ich bin denen tief dankbar.

Sie hat sich später totgesoffen. Die Ärzte meinten, ich wäre vor ihr gestorben, ich hätte es nie geschafft, aufzuhören oder es durchzustehen. Die Trennung hat mir das Leben gerettet.

Dann habe ich eine Senioren-Wohnung gefunden und wieder Fuß gefasst.

Und dann ist es wieder schief gelaufen, mit meiner Mutter und meiner neuen Freundin. Was macht Wolle, geht an die Tankstelle, Jägermeister. Mensch, was haste denn jetzt gemacht, Mensch, ging mir das Sch… Da war ich die Frau wieder los. Ich hatte meine Wohnungstür offen gelassen, die Nachbarn sahen mich auf dem Fußboden liegen, ohnmächtig. Wieder Krankenhaus.

Dann hatte ich mich wieder gefangen, bin in eine Beschäftigungstagesstätte, ins Q43. Dann habe ich in einer Blaukreuz-Ausbildung ehrenamtlicher Suchthelfer gelernt, Gruppen geleitet und im Krankenhaus vorgestellt. Auf einmal wandelt diese Frau da lang, oh Gottchen, ist die süß, dachte ich …

Marion?

Ja. Sie kam dann später auch in die Tagesstätte.

Eines Tages wollte ich will für meinen Balkon bepflanzen, Blumen kaufen, mit dem Fahrrad. Da fragte sie, „Och, kann ich da mitkommen? Ich hab doch ein Auto, ich fahr dich da hin.“

Wir kauften Blumen, sie fuhr mich nach Hause. „ Ach, ich komme mit nach oben und helfe dir!“

Da war das Ding gelaufen.

Als es immer ernster wurden, dass wir zusammenziehen, habe ich ihr einen Heiratsantrag in Griechenland aufm Dampfer gemacht, 2005, dann haben wir geheiratet, und seitdem bin ich trocken … Vorher hatte ich noch einen Rückfall an der Ostsee, was mach ick Idiot, damit ich schlafen kann, habe ich aus der Minibar alle Flaschen ausgetrunken. Ich hatte schön geschlafen, wurde wach, und wusste, den Heimweg schaffe ich nicht. Marion ist gefahren. Ich hatte im Auto noch ne Flasche Jägermeister, falls was passiert, dass ich nicht abstürze, davon nahm ich einen Schluck. Ich habe dann meinen früheren Berater angerufen: „Ich hab gesoffen.“ Und er: „Wenn du in Berlin ankommst, schaffe ich dich gleich ins Krankenhaus.“

Sie brachte mich erst mal nach Hause, ich lag da, und sie steht da und sagt zu meinem Berater: „Was soll ich denn ohne meinen Wolfgang machen …“ Von da an wurde ich langsam normal und dachte, nee, nochmal nicht mehr, das hältst du nicht mehr aus. Seitdem bin ich trocken, 13 Jahre ohne Alkohol. Ich kann nicht mehr kontrolliert trinken, ich will nicht mehr, ich will mein Leben genießen.

Wie bist Du von da an trocken geblieben

Dank Marion und weil ich habe mir immer Beschäftigung gesucht habe. Um trocken zu bleiben, habe ich mir immer Arbeit gesucht. Habe als Rentner für Thoben Kuchen ausgefahren in die Bäckereien, im Jüdischen Museum Exponate beaufsichtigt, bin für DPD gefahren. Dann im Café Q 43 geholfen, im Hiramhaus e.V. als Einkäufer für die Küche, jetzt die TrokkenPresse-Verteilung. Kein Leerlauf zu haben, es zu tun, das rettet meine Nüchternheit. Denn wenn ich um 8 Uhr aufstehe und nicht weiß, was ich bis 23 Uhr machen soll, tagein tagaus, Woche für Woche … In den Gruppen wurde oft gesagt, ich müsse doch für mich selbst trocken bleiben. Aber ich bin mir unwichtig, ich kiek in den Spiegel, ich kann mich nicht leiden. Du sollst für dich trocken sein … das kann ja alles sein. Aber die Arbeit, die ich hatte, da wollte ich niemanden enttäuschen. Das ist doch mein Ding. Und da muss ich mir die Vorwürfe nicht anhören.

Und Marion … Der beste Mensch, den ich da gefunden habe, das ist sie … Mein ALLES! Wie das tief sitzt. Wir liegen abends im Bett, uns in den Armen, und sie sagt: „Weißt du, Wolfgang, wenn Du stirbst, dann möchte mit dir mitsterben.“

Weißt Du heute, weshalb Du früher immer getrunken hast?

Ich bin nicht alleine mit mir klargekommen, ich kann mich nicht leiden, ich bin mir nichts. Ich wollte mich damit immer aus dem Leben nehmen, aus dem Denken, wollte also nur schlafen, abschalten, mich aus der Verantwortung nehmen.

Jetzt bin ich wieder so stark, dass ich das Leben in den Händen habe.

Herzlichen Dank und alles Liebe weiterhin, Wolfgang!

Torsten Hübler/Anja Wilhe