Titelthema 4/21

Vom Säufer zum Sucht-Coach:

„Es gibt keine hoffnungslosen Fälle …“

Er war nicht mehr er selbst … An Seele und Körper zerquält, dazu hoch verschuldet, verkroch er sich vor 19 Jahren verzweifelnd im Haus seiner Eltern. Er war am Ende. Dort, ganz tief unten, sah er nur noch den einen Ausweg – endgültig aufzuhören: Bernd Thränhardt, erfolgreicher Journalist der Kölner Medien- und Sportwelt. Seine Filme wurden gefeiert und er feierte sie kräftig mit. Ohne die wilden Nächte wären ihm die Tage viel zu kurz erschienen. Als könnte er Leben verpassen. Suff, Koks, Sex. Anfangs noch aus Spaß und Genuss, wurde er langsam abhängig. Ohne das selbst glauben zu wollen. ER doch nicht!
In seinem Buch „Ausgesoffen“, das jetzt neu aufgelegt wurde, beschreibt er detailliert sein Leben als „Hallodri“, seinen langsamen Fall, seine unzähligen Versuche, den Alkohol zu kontrollieren oder mit ihm Schluss zu machen. Bis es ihm endlich gelang. Aber wie? Mit seiner Wegbeschreibung will er seine LeserInnen ermutigen. Ihnen Hoffnung schenken: Jeder kann es schaffen, wenn …
Heute unterstützt er Abhängige auf ihrem Weg. Nicht nur als „Trocken-Doc“ im MDR, sondern vor allem in seinen beiden Selbsthilfe-Gruppen, als Seminarleiter und als Therapeut. Bernd Thränhardt (ja, er ist der Bruder der Hochsprunglegende Carlo Thränhardt), im TrokkenPresse-Interview:

Weshalb hast Du damals so viel gesoffen?

Ich habe mich damit belohnt, wenn ich etwas geschafft habe. Ich habe Ängste damit wegtrinken können, es hat mir geholfen, sie zumindest für einen gewissen Zeitraum nicht mehr wahrzunehmen. Alkohol war also ein Medikament für alle Fälle.

Warum hat es bis zur Kapitulation solange gedauert, mehrere Entgiftungen und Versuche kontrollierten Trinkens über Jahre?

In einer meiner beiden Gruppen sagte neulich eine Frau: „Vielleicht bin ich ja gar keine Alkoholikerin, ich trinke ja maximal eine Flasche Wein am Abend, aber wenn ich eure Geschichten höre, dann wart ihr doch alle viel schlimmer“… Die Menschen sind sehr unterschiedlich und manche hören schon auf, wenn der Arzt nur sagt, das geht in die falsche Richtung. Also dieser Tiefpunkt, wie die AA ihn beschreiben, der ist sehr individuell. Ich habe geglaubt, mit meinen kognitiven Fähigkeiten muss ich das doch hinkriegen, damit umgehen zu können. Ich wollte den Alkohol besiegen, so dass er keine Macht über mich hat. Salopp gesagt, es war wie, wenn jemand ’ne Nussallergie hat und sagt, ich find’ die aber Mist, die Nussallergie, ich werde weiter Nüsse fressen … So verbohrt war ich, ich habe geglaubt, ich werde das irgendwann schaffen. Ich bin eben schwer von Begriff, deshalb hat das so lange gedauert (lacht).

 Du hast auch versucht, das Trinken zu kontrollieren …

Ja. Ich habe dann auch allen erzählt, dass ich nur noch zwei Bier am Abend trinke. Aber ich war dauernd durstig, wie bei diesem berühmte Spruch: Zwei Bier waren einfach immer zu wenig und zwanzig nicht genug. Körkel ist heute mein absolutes Feindbild, kontrolliertes Trinken funktioniert bei Abhängigen nicht.

 Wolltest Du mal aufgeben, einfach weitersaufen, Dich tot saufen?

Ja, ich habe manchmal gedacht, das hat doch eh keinen Sinn. Aber ich habe dann doch gemerkt, dass ich sehr am Leben hänge, ich habe ja nur das eine. Du hast vorhin gefragt, warum ich reingeraten bin: Es war auch so eine Lebensgier. Ich habe manchmal um drei Uhr im Bett gelegen, bin aber wieder aufgestanden, in die Stadt gefahren, weil ich gedacht habe, ich verpasse was. Ich fand das einfach toll, so ein exzessives Leben, wie in dem launigen Spruch, „nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern dem Tag mehr Leben“, also wenn ich immer volle Pulle mache, ist das ein geiles Leben. Einer der dümmsten Sprüche, die es gibt, finde ich heute.

Was hat Dich dann letztendlich trocken gehalten?

Vor allem die Selbsthilfegruppen. Da muss das jetzt gar nicht AA sein wie bei mir, es gibt auch andere tolle Gruppen. Ich glaube, dass es wichtig ist, in Gruppen zu gehen, um zu merken, dass man mit der Sache nicht alleine ist, und sowas wie Solidarität zu erleben. Nur Betroffene verstehen, was man durchgemacht hat. Ich bin ein großer Verfechter des Selbsthilfeprinzips. Und auch wenn sich das nach Oberfläche anhört: Mir am Anfang eine Struktur zu schaffen, das war für mich sehr, sehr wichtig. Also zum Beispiel Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Gruppe, an anderen Tagen Bewegung, vor allem in der Natur, dann hatte ich dienstags immer ’ne dämliche Serie, die ich geguckt habe, aber es war tatsächlich wichtig, dass ich mir eine gesunde Struktur aufgebaut habe. Ich habe auch sehr viel zu dem Thema gelesen, ich wollte einfach wissen, was da mit mir los ist. Ich glaube, wenn man ein paar Sachen richtig macht, sich Hilfe holt, in Gruppen geht, vielleicht auch noch ’ne Einzeltherapie hat und dranbleibt, dann ist die Chance, es zu schaffen, sehr groß. Größer, als man allgemein denkt, wenn man von den hohen Rückfallzahlen hört. Die haben mich von Anfang an nicht interessiert. Denn … wenn es einer von hundert schafft, dann will ich zu denen gehören. Das war auch so ein gewisser Ehrgeiz dann.

Hattest du oft Saufdruck? Im Buch erzählst Du davon, einmal literweise Wasser getrunken zu haben, danach Eis gegessen, das habe geholfen…

(Lacht) Das war an einer Tankstelle. Und ich hatte Liebeskummer. Ich habe dann brav gemacht, was mir ein paar Leute am Telefon gesagt haben. Ich hätte mich auch auf den Kopf gestellt, wenn sie das gesagt hätten. Es ging einfach darum, ein paar Stunden zu überstehen und nicht zu trinken. Als ich dann nach Hause fuhr, merkte ich, der Druck wird schon weniger … Wenn mich Leute fragen, ob ich Saufdruck hatte: Zehntausendmal oder gar kein Mal oder einmal. Ich bin ein Mensch, der manchmal einfach unheimlich nervös ist, Anspannungen hat. Ich habe gelernt, dass es auch eine Frage der Betrachtung ist. Früher hätte ich viele dieser Situationen als Saufdruck empfunden, in denen ich heute sage, ich bin einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden oder ich muss mich bewegen, muss irgendwas tun. Man interpretiert manchmal, wenn man ein Säufer ist, jeden Zustand, den auch normale Leute haben, als Saufdruck, der gar keiner ist.

„Es ist ganz einfach, trocken zu werden: Man lässt das erste Glas stehn und ändert sein ganzes Leben“, hast Du mal zitiert …

Das hatte ich von einem Vorbild von mir gehört, von Jürgen Leinemann, ein Autor, der sich als Alkoholiker geoutet hatte, was damals noch unfassbar mutig war, so als Edelfeder beim Spiegel. Neulich hat ein Klient meiner Gruppe, der ist Unternehmensberater, es in der Sprache der Unternehmer so genannt: Das Trockenbleiben ist das operative Geschäft und die Persönlichkeitsentwicklung das strategische … Trockenheit ist kein Selbstzwecke. Wenn ich nicht an meiner Persönlichkeitsentwicklung arbeite, dann werde ich auf lange Sicht auch wieder rückfällig. Ich höre auf zu trinken und mach sonst alles genauso weiter wie vorher – das funktioniert nach meiner Meinung nicht.

Und was hast Du selbst an Deinem Leben verändert?

Ich bin natürlich geprägt durch das 12-Schritteprogramm der AA, weil ich da fünf Jahre in Selbsthilfegruppen war. Alles, was in dem Programm steht, ist schon so die Grundlage, auf der ich stehe. Mich mit dem Begriff Demut auseinanderzusetzen war für mich ganz wichtig. Ich war immer so der Typ: Kriegste alles hin … und dann kam plötzlich etwas, wo ich chancenlos war und ausgerechnet auch noch eine Substanz, das fand ich so unvorstellbar … Es ist ein ständiger Prozess, ich muss immer noch an mir arbeiten, jeden Tag. Auch nach 19 Jahren Trockenheit ist das kein Selbstläufer: Achtsamkeit zum Beispiel. Dieses arg strapazierte Wort im Therapeutendeutsch nenne ich aber lieber Aufmerksamkeit, oder Reflexionsfähigkeit. Als Trinker war ich intellektuell und emotional stehengeblieben, sogar rückwärtsgegangen Mein Therapeut hat damals mal gesagt, Herr Thränhardt, sie sind jetzt 44 und haben ihre Pubertät bis zum 44. Lebensjahr rausgezögert, jetzt wird es erst mal Zeit, erwachsen zu werden und nachzureifen. Das hat mich geschockt, aber er hat recht gehabt.

Wie bewältigst Du heute Gefühle, die Du früher mit Alk betäubt hast?

Ja, manchmal muss ich es einfach aushalten! Das ist nicht so lustig, das Leben besteht eben nicht nur aus guten Gefühlen, sondern auch aus Angst zum Beispiel. Meine Katze ist jetzt gerade gestorben mit über 20 Jahren, sie hatte mich den ganzen trockenen Weg begleitet. Das ist eine tiefsitzende Traurigkeit. Was mache ich heute anders? Ich trinke sie nicht weg, sondern versuche, sie zuzulassen. Das hört sich komisch an, aber es ist wirklich so. Und wenn ich früher getrunken hatte, weil ich total angespannt war, gehe ich heute auf meinem ambulanten Jakobsweg um den See, 500 m vor der Tür. Da gehe ich fast jeden Tag, wenn ich nicht gerade einen Bandscheibenvorfall habe wie jetzt.

Du bist nun schon lange Suchthelfender, in Deinen Gruppen und als Sucht-Coach …

Wenn mir jemand vor 30 Jahren gesagt hätte, dass ich sowas mal beruflich mache, da hätte ich gesagt, du hast sie nicht mehr alle. Es war auch geil, Filme zu machen. Aber das war nicht wirklich …wichtig. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass das, was ich mache, eine Bedeutung hat. Meine Arbeit macht mir unfassbar viel Freude.

 Hast Du dafür eine Ausbildung?

Nein, das hört sich blöd an, aber ich war an einem Punkt, wo das nicht mehr nötig war. Ich hatte autodidaktisch 200 Bücher gelesen zu dem Thema, dazu kamen vier Jahre Learning-by-doing, als ich Suchtseminare in einer Privatklinik gemacht habe, vorher fünf Jahre in der Gruppe …das waren dann schon über 9,5 Jahre Ausbildung… aber ich möchte bald eine Ausbildung selber gestalten, für Gruppenleiter, das ist schon länger in meinem Kopf, und das so machen, wie ich das für gut halte.

Was ist als Coach Dein Ziel für die Klienten?

Tatsächlich frage ich zuerst SIE, was ihr Ziel ist, die sollen ja eins haben. Und da hört man meist schon schnell raus, ob sie noch in der klassischen Ambivalenz stecken, auf der einen Seite aufhören, auf der anderen aber weitertrinken wollen. Mein Ziel ist es natürlich, ihnen zu helfen, nüchtern zu werden. Ich kann nicht für sie trocken werden, aber ich kann ihnen so eine Art Navigator sein. Ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen, einen Schlüssel zu finden, der individuell passt. Ich muss mich auf die Menschen einstellen. Und das ist für mich dann auch der Erfolg, wenn mir das gelingt und mir jemand sagt, so, ich bin jetzt ein Jahr nüchtern. Du schaffst so eine große Freude und Erleichterung beim anderen. Nur ein Beispiel aus meiner Gruppe: Ein junger Mann – wir treffen uns übrigens nicht in hässlichen Kellern, sondern in einem Restaurant etwas abseits und essen miteinander – fragte mich vor Jahren: „Bernd, siehst du nicht, wie die da am Tisch den kalten Weißwein trinken? Ich würde denen den am liebsten von Tisch klauen!“ „Nö, seh ich nicht.“ Und jetzt hat er mal gesagt: „Bei mir ist das jetzt auch so wie bei dir, was ich damals so sehr wollte.“ Nun ist er sechs Jahre trocken. Das sind schöne Erlebnisse für mich.

Was denkst Du, weshalb schafft es mancher gar nicht, trocken zu bleiben?

Das würde ich nie unterstreichen, dass es sowas wie hoffnungslose Fälle gibt. Weil ich selbst, von außen betrachtet, als hoffnungsloser Fall galt: Der hat jetzt schon so viel versucht, der schafft das nicht mehr … Und ich habe es doch geschafft! Es gibt sicher Leute, die an der Krankheit sterben, auch in meinen Gruppen haben sich zum Beispiel Leute umgebracht, ich bin jetzt nicht Gott, der alles verhindern kann. Es gibt Menschen, die eben keinen Ausweg mehr sehen und von der Brücke springen. Aber ich bin trotzdem der Überzeugung, dass jeder eine Chance hat, es zu schaffen, wenn er ein paar Sachen richtig macht. Wenn er natürlich meint: Was du da sagst als mein Navigator, ist alles Schrott, ich weiß alles besser, dann wird’s sehr schwer. Man muss schon bereit sein, Hilfe anzunehmen. So eine Art Trotz ist natürlich auch Teil der Krankheit, aber kein guter Ratgeber.

Bist Du zufrieden trocken?

Uneingeschränkt, tatsächlich! Trotz meiner Rückenschmerzen seit vier Monaten. Ich denke natürlich nicht eine Sekunde, dass sie durch Trinken besser würden, obwohl dadurch meine Bewegung flach fällt, eine echte Prüfung. Ich habe auch, als ich den Schlaganfall mit nur drei Prozent Überlebenschance hatte, nicht eine Sekunde an Alkohol gedacht. Ich bin sehr zufrieden mit den letzten zwanzig Jahren. Kein Vergleich zu dem Leben, in dem ich gesoffen habe. Ich bin niemand, der sagt, wenn du trocken bist, wachst du schon morgens grinsend auf und hast den ganzen Tag ein Dauergrinsen im Gesicht. Das war vielleicht in den ersten Monaten so, aber das Leben ist eben nicht immer nur lustig. Aber im Vergleich zu der Zeit, wo man mit Dauerscham absolut würdelos durch die Welt gegangen ist … die ist vorbei, ich habe wieder den aufrechten Gang gelernt. Ich bin mit mir zufrieden. Aber nicht selbstzufrieden …

Weshalb magst Du das Wort „trocken“ nicht mehr so?

Ich finde „nüchtern“ oder „ich lebe alkoholfrei“ schöner, weil es die positive Seite betont. Trocken hört sich so nach Verzicht an und nach In-der-Ecke-stehn-und-anderen-beim-Leben-zugucken. Leute denken ja oft, es war ein großer Spaß, das Saufen. Das Gegenteil ist der Fall. Die letzten vier, fünf Jahre waren grauenvoll. Ich war erst wieder zur Lebensfreude fähig, als ich aufgehört hatte, zu trinken. Für mich war immer wichtig, das Nichttrinken nicht als Verzicht zu sehen, sondern zu sehen, was ich dadurch gewinne, wenn ich das nicht mehr mache. Und das war unvergleichlich mehr als das, was ich verloren habe.

 Was hast Du mit Deinem Buch bezweckt?

Menschen Mut zu machen. Ich habe echt selber da gestanden, als ich trocken wurde, und hatte keine Vorbilder, erst später. Es gab damals für mich nur die zwei Bilder: den Penner am Bahnhof oder den superrreichen Prominenten, der alle paar Wochen in eine neue Superklinik geht. Und dann festzustellen, dass ganz normale Menschen diese Krankheit kriegen können, das war für mich ein Faszinosum und ich wollte etwas gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit machen. Säufer, Alkoholiker sind immer noch Schimpfworte und ein Attest über ein verpfuschtes Leben. Deshalb wollte ich meine Geschichte dazu erzählen, wie ich reingeraten bin in den Mist und wie ich den Weg rausgefunden habe. Bis heute kriege ich Briefe, dass es Leuten Mut gegeben hat: Mensch, dann kann ich das doch schaffen! Denn das ist der wichtigste Schritt: Dass man für sich selbst wieder Hoffnung schöpft. Die war bei mir nämlich völlig weg. Dass man Hoffnung schöpft, wieder rauskommen zu können und Hilfe sucht, da gibt es ja diesen AA-Spruch, „Man schafft es nur alleine, aber alleine schafft man es nicht.

Das Gespräch führte Anja Wilhelm

Liebe Leserinnen und Leser, falls Sie noch viel mehr Fragen an Bernd Thränhardt hätten – zum Beispiel auch über die Beziehung zu seinem Bruder Carlo ­ dann werden Sie ganz bestimmt in seinem Buch fündig!

BERND THRÄNHARDT UND JÖRG BÖCKEM
Ausgesoffen
Rhein –Mosel Verlag, Klappen-Broschur, 244 S.
 ISBN: 978-3-89801-445-8
14,90 Euro

Titelthema 3/21

Jason Sante ist mit dem Wohnmobil unterwegs:

Auf lebenslanger Lesereise gegen Alkoholmissbrauch

Vor über einem Jahr haben sie ihre Wohnung in Bayern aufgelöst. Traudl und Jason, beide trockene Alkoholiker, zogen um: Nämlich in ihr Wohnmobil. Seitdem sind sie unterwegs. Und zwar auf einer „lebenslangen Lesereise gegen Alkoholmissbrauch“, wie Jason seine Mission beschreibt. Jason ist Autor mehrerer Krimis, aber auch der Trilogie „Alkohol ist ein Blender“. Daraus liest er in Suchthilfevereinen und Gruppen in ganz Deutschland. Naja, so war es jedenfalls geplant. Dann kam Corona dazwischen. Trotz aller Widrigkeiten hielt und hält er an seinem Plan fest – und hofft auf bessere Zeiten …

Wo lebt ihr gerade, jetzt im Mai?

Momentan auf einem Wohnmobilstellplatz in Neuöttingen/Oberbayern, wo ich herkomme. Einer der wenigen, der offen hat zur Zeit.

Weshalb muss es denn unbedingt ein Wohnmobil sein?

Ich hatte ja vorher auch schon viele Lesungen, da musste ich immer mit dem Zug hinfahren. Ich hatte viele Verspätungen, man konnte von der Stadt nix ansehen, weil man wieder zurückmusste. Ein Wohnmobil ist da super geeignet. Die letzten Lesungen hatten wir im Februar 2020 in Sonneberg in Thüringen und im Dezember 2019 in einer Mittelschule, da haben wir drei Tage hintereinander gelesen, ich kann ja problemlos überall hinkommen mit dem Wohnmobil.

Dann kamen die Lockdowns. Sind nun wieder Lesungen in Aussicht?

Es waren viele Lesungen geplant. Die sind aber alle, verständlicherweise, abgesagt worden wegen Corona. Ich hoffe, dass die Lesungsanfragen wieder kommen, wenn sich alles wieder lockert. Ich mache auch Online-Lesungen, aber die Diskussionsrunden nach realen Lesungen sind etwas ganz anderes.

Wovon lebt ihr jetzt, ohne Lesungen?

Traudl macht Markthandel, verkauft auf Jahrmärkten Spielsachen. Aber das findet ja gerade auch nicht statt. Jetzt haben wir nur die Einkünfte aus meinen Büchern, die in Buchhandlungen oder über Internet gekauft werden, das bekomme ich jeden Monat ausbezahlt. Das zweite, was uns gerettet hat: Seit November letzten Jahres bekomme ich eine kleine Teilerwerbsminderungsrente, weil ich nicht mehr so viele Stunden in meinen Berufen arbeiten kann als Kellner. Von dem leben wir momentan.

Das klingt nach sehr wenig.

Es ist sehr wenig. Normalerweise habe ich, meine Lesungen sind ja kostenlos bis auf das Benzingeld, meistens einen kleinen Büchertisch und danach werden ein paar Bücher gekauft. Oder ich bin in Fußgängerzonen, mache einen Tisch, stelle da meine Bücher hin, so wie Musiker zum Beispiel ihre CDs verkaufen. Da kommen oft Diskussionen über Alkoholsucht, ich mache immer irgendwie auf das Thema aufmerksam und es entstehen ganz interessante Gespräche, aber das war alles weggefallen. Es reicht gerade so zum Überleben.

Es wird besser werden …

… ja, ich hoffe auch, dass die Märkte wieder öffnen. Im letzten Sommer war ja alles lockerer, wir waren in Brandenburg in Wandlitz, da war es schön, super Stellplatz und Märkte am Wochenende, wir haben ein bisschen Geld verdienen können. Oder am A10-Center, an den Wochenenden auf den Flohmärkten haben wir unsere Sachen verkaufen können, unter der Wochen konnten wir einen Campingplatz ansteuern können zum Wäsche waschen, ich hoffe, dass es bald wieder so wird …Wir müssen jetzt zwar jeden Cent umdrehen, aber wir sind trotzdem glücklich!

Glücklich – warum?

Weil wir uns haben! Und weil wir ein ganz anderes Leben jetzt haben, so richtig frei. Auch wenn wir gerade viel auf Stellplätzen stehen müssen, nicht so rumfahren können, das können aber andere auch gerade nicht. Weil wir trotzdem immer wieder die Plätze wechseln, immer wieder was Neues entdecken können. Man wird minimalistischer, naturverbundener, es ist total schön, so ein Nomadenleben.

Frei, sagst Du, wovon frei?

Von einer Wohnung zum Beispiel … in der Wohnung bist du immer am selben Ort, Freiheit ist, dass ich überall meine Bücher schreiben kann: Ich kann an einen See fahren, mich überall hinstellen, wo es uns gefällt. Wir können uns Städte anschauen auf Reisen und verdienen, wenn alles wieder normal ist, unser Geld auf Reisen, auf Märkten, ob es in Italien ist oder in Berlin oder Hamburg, wir können hinfahren, wohin wir wollen …vor kurzem waren wir in Leipzig zu einem Interview, das war auch schön.

In Deiner Trilogie beschreibst Du unter anderem Deine Suchtgeschichte, wie verlief sie?

Als Kind schon war ich nervös und ängstlich, teilweise habe ich dann als Jugendlicher nicht mal mehr einkaufen können, hab da Panik bekommen, ich habe nicht mehr Zug fahren können. Ich war ständig beim Arzt, hatte Herzrasen, Atemnot, war völlig verzweifelt. Und dann als 20-Jähriger war das immer noch so schlimm. Ich war oft krankgeschrieben, keiner konnte mir helfen, damals war die Medizin auch noch nicht soweit bei Angsterkrankungen. Irgendwann habe ich dann entdeckt, wenn ich Alkohol trinke, geht’s mir besser, ich kann wieder einkaufen, mit dem Bus oder der Bahn fahren … dann habe ich den Alkohol als Medizin missbraucht, täglich. Ich bin durch diese Angstzustände und den Alkohol als Medizin in die Sucht geraten, über viele Jahre war ich da drin gefangen. So zum Ende hin waren die Trinkmengen enorm, Schnaps und Wein, Bier gar nicht mehr. Bis zu einem körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Über den Nervenzusammenbruch ist dann die erste Hilfe gekommen, bin ich das erste Mal aufgeklärt worden, dass es Entgiftungen gibt, dass es überhaupt Hilfe gibt, das habe ich damals noch gar nicht so gewusst. Nun bin ich trocken stabil seit 2014.

Du willst aufklären, Hilfe bieten, Mut machen … wie gelingt das?

Mir selbst hat damals ein Buch sehr geholfen, ich habe es immer wieder in den Entgiftungen gelesen, es war ein richtiges Mutmachbuch. Da hab ich mir gedacht, ich schreib ja eh Bücher, sowas möchte ich auch machen. Damit andere einfach sehen, Mensch, der hat es geschafft, der hat so gekämpft, hat so viele Rückfälle gehabt, hat aber nie aufgegeben – das schaffe ich doch auch!

Ich hab für jedes Thema, zum Beispiel Suchtmittel-Missbrauch, eigene Lesungen, ich lese nicht nur aus dem Buch, sondern habe zum Beispiel für Schulen einen jugendlich gestalteten Text. Auf Entgiftungsstationen dagegen geht’s mehr ums Mut machen, hey ihr seid aufm Superweg, bleibt dran, in meinem Buch schildere ich ja meinen Weg, wie ich reingekommen und wieder rausgekommen bin. Der dritte Band, den habe ich dann geschrieben, als ich drei Jahre trocken war, und gebe Sachen weiter, die mir persönlich geholfen haben, trocken zu bleiben.

Ich ermutige zum Beispiel auch, indem ich sage, dass für mich jede Entgiftung wie eine Weiterbildung war, dass ich da immer irgendwas dazugelernt habe, auch wenn ich das am Anfang gar nicht so gemerkt habe. Irgendwann bin ich dann da angekommen, wo ich so stabil war, dass ich auf Therapie wollte, und davon erzähle ich auch. Was da alles behandelt wird, da geht’s auch um die ganzen Sachen rundrum, manche haben ein Trauma, manche Angstzustände, manche Panikattacken – das wird ja alles mitbehandelt, was auf reinen Entgiftungen nicht so ist. Zum Ermutigen gehört auch: Sucht euch eine Therapie, sucht euch eine Selbsthilfegruppe, befasst euch mit eurer Krankheit, setzt euch damit auseinander, ich spreche den Leser dann auch direkt an.

Ich bin jetzt kein professioneller Suchthelfer, ich würde mich nie auf diese Stufe stellen. Aber bei den Lesungen ist meistens ein Suchthelfer dabei. Wenn dann Fragen kommen, bei denen ich sagen muss, ich bin nicht qualifiziert für, find ich das immer ganz toll, wenn ein Suchtprofi da ist, der dann mit antwortet, das ist auch für die Leute ganz toll. Ich kann ja nur Fragen aus Sicht eines Betroffenen beantworten.

Wie kommst Du klar, wenn die Camper neben Dir Alkohol trinken?

Nicht zu trinken ist für mich wirklich von Jahr zu Jahr leichter geworden. Aber es war immer mal wieder schwierig, auch am Anfang jetzt auf den Stellplätzen, die Camper sitzen draußen und machen ne Flasche Wein auf. Das hat mir aber nur kurz zu denken gegeben, hat sich schnell gelegt, ich habe gemerkt, wie stabil ich bin. Die meisten trinken ja normal, werden kein Alkoholproblem haben, aber am andern Tag kriegt man mit, wenn so einige früh rauskommen, dass sie einen Kopf haben. Dann denke ich so, bin ich froh, dass ich das nicht mehr habe. Bei uns war es ja noch viel schlimmer, in der Früh dann schon schaun, wie man den Alkohol drinnen behält … ich muss nicht mehr fühlen, was die jetzt fühlen, dieses Verkaterte, das ist kein Leben, du lebst nur noch für das Zeug, alles dreht sich nur noch um das Zeug, das Entsorgen der Flaschen, ums Besorgen, schlimm, das will ich nie mehr erleben.

Ist das Dein neuer Lebensinhalt, etwas zu tun gegen Alkoholmissbrauch?

Ganz klar: ja. Als ich dieses Buch geschrieben hab, wusste ich nicht, was dann passiert: Diese ganzen Reaktionen der Leser, diese Leserbriefe, ich habe so oft Gänsehaut bekommen. Da haben wir gedacht, das hat einfach so sein müssen, dass ich mein Leben lang über dieses Thema reden und versuchen werde, anderen Mut zuzusprechen. Ich möchte mich natürlich nicht in Therapien einmischen, da bin ich nicht befugt dazu, aber einfach zusätzlich Mut machen, den Therapiealltag durch eine Lesung auflockern, Jugendliche in den Schulen aufklären … was ich da alles erlebt hab, einige suchen das Gespräch dann nach der Lesung mit mir, interessieren sich total für das Thema. Es muss Alkoholiker geben, die auch öffentlich darüber reden, finde ich, die es sich zur Lebensaufgabe machen, dass dieses Thema nicht einschläft, weil es einfach so verharmlost wird, das ärgert mich immer. Anfangs sagen die Leute, der ist lustig, der ist trinkfest, aber sobald du dann abhängig wirst, biste bei der Gesellschaft unten durch, zeigen alle mit Finger auf dich, du bist dann der Alki. Ich möchte halt einfach, dass das Thema nie einschläft, niemals.

 

Anja Wilhelm

Info, Lesungsbuchung und Bücherkauf über:

www.jasonsante.beepworld.de/

 

 

Titelthema 2/21

Schauspieler Jaecki Schwarz über seine Abstinenz:

 „Das hat was mit Einsicht zu tun“

Vor 19 Jahren sprach Schauspieler Jaecki Schwarz in der damals noch jungen TrokkenPresse über seine Alkoholsucht. Wie er abhängig wurde, wie er am Tag des Mauerfalls in die Entgiftung kam, wie er trocken wurde. Er nannte den Neubeginn „ein zweites Leben“. Aber – wie erging es ihm bis heute damit? In 32 Jahren kann ja doch so manches geschehen … Wir besuchten ihn für ein Interview in Berlin-Mitte, sein Wohnzimmer ein buntes, duftendes Blumenmeer:

 

Lieber Jaecki Schwarz, auch wir gratulieren zum 75. Geburtstag! Wie geht es Ihnen heute? Und vor allem: Sind Sie noch trocken?

 Ja, natürlich! Ich hatte seit 32 Jahren keinen Rückfall, bin stark geblieben und habe mich nicht vom rechten Weg abbringen lassen. Es bekommt mir gut. Nun habe ich auch mit dem Rauchen noch aufgehört, 2009, was mir viel, viel schwerer gefallen ist, als mit dem Alkohol aufzuhören. Das ging eigentlich reibungslos, aber das mit dem Nikotin hat sich doch gezogen, 1,5 Jahre … ich hab nie wieder eine geraucht, aber wenn ich jetzt eine rauchen würde … Aber ich rauche eben nicht, bin auch ganz froh darüber, aber ich habe natürlich ein bisschen zugenommen dadurch, weil ich auch meine Ernährung nicht umgestellt habe. Ansonsten fühl ich mich trotz Corona relativ gut. Ich hab ein paar Zipperlein, klar. Mit 75 ist man ja auch schon ein bisschen abgenutzt, verbraucht, rein knochenmäßig … Rücken, bisschen Fuß, was man so hat als alter Mann. Aber es geht mir noch gut sonst, ich mache meinen Beruf noch ein bisschen weiter, muss aber nicht mehr große Theatersachen machen oder mir irgendwelche dicken Filme ans Bein binden. Ich mach kleine Sachen wie meine Nebenrolle in „Ein starkes Team“ und lese mit meiner Kollegin Franziska Trögner Kriminalkurzgeschichten, wenn wir wieder dürfen. Und ansonsten warte ich auch, dass Corona bald vorbei ist, weil mein größtes Hobby das Reisen ist. Ansonsten geht mir Corona, wie der Berliner sagt, am Arsch vorbei Ich lass mich nicht kirre und hysterisch machen. Mit der Impfung ist es so: Wenn ich dran bin, bin ich dran, ob es nun einen Monat später ist, ist mir wurscht, ich bin da kein Impfdrängler. Impfdrängler … das Unwort des Jahres. Und ich bin auch kein Impfgegner, ich überlege das gar nicht, als gelernter DDR-Bürger lässt man sich eben impfen, das ist ’ne Selbstverständlichkeit. Da gibt’s keine Verschwörungsgedanken, dass ich jetzt gechipt werden könnte von Bill Gates, und ich trinke auch kein Kinderblut und unter Tage lass ich auch niemanden arbeiten. Wie man als normal denkender Mensch so verblöden kann, ist mir unerklärlich. Unerklärlich. Das ist in kurzen Worten, was ich Ihnen zu sagen habe.

Sie sagten oben, dass Sie natürlich noch trocken sind. Weshalb ist das „natürlich“ für Sie?

Weil ich sonst aufhören könnte mit dem Leben. Weil es existenzbedrohlich gewesen wäre, wenn ich weiter getrunken hätte. Erstens hätte es meinen Beruf völlig verrumpelt und zweitens auch mein Leben. So dass ich keine Minute daran vergeudet habe, zu überlegen, ob ich nicht doch wieder einen kleinen Schluck nehme. Ich weiß, ich darf es nicht. Da kann ich mir ja auch eine Kugel geben. Oder aus dem Fenster springen. Da ich das noch nicht will, halte ich mich daran, keinen Alkohol zu trinken. Weil dann die gleiche Scheiße wieder von vorne losgeht. Und wieder losgeht. Und wieder losgeht. Das sollte man sich vor Augen halten. Die Leute, die überlegen, ob sie es nicht doch wieder versuchen, kontrolliert … das geht, wenn man alkoholkrank ist, nicht! Das ist wissenschaftlich erwiesen. Und wenn etwas erwiesen, bewiesen ist, dann sollte man sich daran halten. Man schmeißt ja auch nicht dauernd einen Apfel in die Luft mit der Hoffnung, dass er irgendwann ins Weltall fliegt. Das macht ja auch keiner, weil man weiß, die Schwerkraft haut ihn runter. So ist das, wenn man wieder Alkohol trinkt, es haut einen auch wieder runter. So einfach ist das. Das hat was mit Verstehen, mit Einsicht zu tun, weil es nicht anders geht, herrgottnochmal. Nur, indem man nichts mehr trinkt, hilft man sich. Und anderen auch, die ja mit dem Alkoholiker dann leben müssen. Der Alkoholiker hat die Krankheit, die Schmerzen hat das Umfeld. Das sollte man auch mit bedenken: dass es eine Belastung ist für das Umfeld, für die Kinder, die Frau, für die Eltern. Wer will das? Ich wollte das nicht. Und: Ich habe auch ganz egoistisch an mich gedacht, weil ich dann meinen Beruf hätte aufgeben müssen. Wenn ich keinen Beruf mehr habe, kann ich kein Geld verdienen. Und gerade in der neuen Zeit des Kapitalismus ist das Geld ja nun alles und das braucht man eben, sonst kann man sich auch erschießen. Ich muss ich mich eben daran halten, nicht zu trinken. Das ist, wie Rosa Luxemburg sagte, die Einsicht in die Notwendigkeit.

Gab es Momente, in denen Ihnen das schwer gefallen ist, nicht zu trinken, gerade in der ersten Zeit?

Nein. Nie.

Sie hatten nie Suchtdruck?

Nein.

Keine triggernden Situationen? Gar nichts?

Nein. Ich habe gewusst, ich kann nichts trinken. Beim Rauchen wurde es schon schwierig, da wurde ich kribbelig, wenn ich Zigarettenrauch gerochen habe, hmm … oder nach ’nem Kaffee, jetzt ’ne schöne Zigarette … Aber nach Alkohol stand mir nie wieder der Sinn. Ich habe hier Zuhause den ganzen Schrank voll. Für Gäste, die was trinken wollen nach dem Essen.

Die dürfen?

Ja. Ich halte das aber seit dem ersten Tag so, ich habe das nicht weggekippt, obwohl man mir gesagt hatte, ich soll das tun. Aber die schönen Schnäpse, das waren ja alles gute Whiskys, die habe ich behalten. Ich habe keinerlei Bedürfnis, davon was zu trinken. Ja, so einfach ist das. Wie der Kommunismus nach Brecht: Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Aber die meisten haben tatsächlich mit Suchtdruck immens zu tun.

Ich kann das verstehen, ich kann das nachvollziehen, wie bei der Zigarette, da hatte ich Suchtdruck. Aber ich habe dem nicht nachgegeben, habe nicht eine Zigarette geraucht, seitdem ich angefangen hatte, aufzuhören.

Es gab also überhaupt kein Liebäugeln mit dem Alkohol, vielleicht später mal wieder oder wenn ich 75 bin?

Nein, nein. (Er lacht) Warum? Ich weiß, dass es mir, auch wenn ich 80 bin, nicht hilft. Das weiß ich. Ich habe mir auch kein Limit gesetzt, so und so viele Jahre trinkst du nicht oder rauchst du nicht.

Was hat Sie zu dieser Einsicht gebracht? Der Aufenthalt in der Klinik 1989?

Das habe ich in der Klinik gelernt, ja. Das wurde mir gesagt, also: Wenn Sie damit wieder anfangen, dann sind sie wieder … und ich habe das ganz schnell eingesehen, weil ich, bevor ich eingewiesen wurde, schon immer wusste, dass ich alkoholkrank bin und dass irgendwas passieren muss. Ich hatte nur die Kraft nicht, alleine aufzuhören. Es musste eben ein Knall geben. Den gab es mit meinem Kreislaufkollaps am 9. November und deshalb bin ich auch mitgegangen in die Klinik. Weil es mir schlecht ging. Da war mir das schon bewusst, dass ich alkoholkrank bin und das ist mir dann in der Klinik auch alles erklärt worden. Dass es eine Krankheit ist, dass es Rückfälle gibt und man das vermeiden sollte. Ich lag ja in einem Zimmer mit sechs Leuten zusammen. Und sah, davon war nicht einer frisch. Die waren alle schon mal in einer Klinik. Ich war der erste, der das erste Mal da war. Alle anderen hatten schon genascht von der Therapie und sind rückfällig geworden, manche mehrere Male. Und da hab ich mir gesagt, wie können die das denn machen? Wie können die denn wünschen, dass man hier nochmal hergeht? Man weiß doch, wohin man kommt? Nun war das ja noch DDR, und das waren auch DDR-Verhältnisse in den Krankenhäusern – jetzt sieht die Klinik ja anders aus –, es war ja alles hässlich, grässlich, und auch da erinnerte ich mich immer: Hier willst du nie wieder hin! Da trinke ich lieber keinen Alkohol. Es war der Vorhof der Hölle für mich. Das hat man mir auch begründet damals, als mir dies nicht passte dort und das nicht passte: „Wir wollen Sie hier entgiften und therapieren, aber wir sollen Sie hier nie wiedersehen.“ Die Umstände, unter denen man therapiert wurde, waren auch ein Grund, nicht wieder zu trinken. Sie haben für mich ihren Zweck erfüllt.

Zu den Erlebnissen in der Klinik sagte er im TrokkenPresse-Interview 2002:

„Wir mussten auch arbeiten … Ich bin dann freiwillig in die Küche gegangen und habe da Kartoffeln geschält, die großen Töpfe ausgewaschen. Das waren damals in der DDR so Aluminiumtöpfe. War alles schwer zu machen, eine Drecks- und Sauarbeit.“ … „Wir wurden auch angehalten, die anderen zu betreuen, die frisch Eingelieferten. Man wurde eingeteilt. In den ersten drei Tagen hat man so eine Art Wache. Dann setzt man sich eben Tag und Nacht zu dem, bis die Entgiftung durch ist. Dass der nicht aufsteht, der muss ja liegenbleiben. Man gibt ihm die Schale oder die Ente … Manche waren verwirrt und krank, hatten sich vom Hirn schon zu viel weggesoffen. Die wussten gar nicht, wo sie sind, gingen in fremde Zimmer oder machten unter sich. Das mussten wir alles wegmachen. Dazu waren keine Schwestern da, dazu waren wir alle da. Oder wenn einer kotzte, dann mussten wir das wegwischen und die Betten neu beziehen. Fußboden wischen, bohnern – das mussten alles wir machen, was ich damals für schikanös hielt, aber im Nachhinein hatte das alles Hand und Fuß.“

Haben Sie nach der Klinik noch Nachsorge oder Gruppe gehabt?

Gruppensachen habe ich nie gemacht. Aber ich war noch ein bisschen in der Caritas zu Sprechstunden. Das war ja nach der Wende, da war sowieso alles durcheinander. Ich hab dann zu denen gesagt, warum soll ich hierherkommen? Ich weiß, dass ich nichts mehr trinken darf. Dann war ich noch 2, 3 Mal da, weil man das ja nachweisen musste, falls man rückfällig werden würde, damit man wieder aufgenommen wird. Das ist dann eingeschlafen, weil ich auch im Ausland gearbeitet habe.

Für viele ist es sehr schwierig, trocken zu bleiben, wenn sie aus der Klinik wieder zurückkommen in das alte Leben, in das alte Umfeld, in den alten Job. Wie war das bei Ihnen?

Die Kollegen wussten ja Bescheid. Ich habe auch offen drüber gesprochen bei mir im Theater. Ich wurde normal, als ob ich gestern aufgehört hätte, wieder aufgenommen. Keiner machte doofe Witze, dumme Anspielungen, ich habe auch keine Biere spendiert bekommen. Und durch die Arbeit habe ich auch gar nicht das Bedürfnis gehabt, ich hatte gar keine Zeit zum Trinken, denn wenn man abends Vorstellung macht, darf man ja nicht betrunken sein, also muss und kann man sowieso nicht trinken. Ich hab mich damals in die Arbeit gestürzt, hatte Theater, hab geprobt, abends gespielt, Filme gedreht, alles hintereinander, dicht an dicht, so dass keine Lücke war. Und ich war ja auch nicht der einzige Alkoholiker im Hause, ich hatte ja noch einen anderen Kollegen …

… einen trockenen?

Ja, aber er war ab und zu feucht, und der hat uns viel Kummer gemacht, weil er sporadisch ausfiel und dann musste umbesetzt werden. Wenn einer fehlt im Theaterstück, wird eine ganze Maschinerie in Gang gesetzt, damit ein anderer das übernehmen kann, da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran. Das wussten wir, was passiert, wenn jemand wieder rückfällig wird. Und da habe ich mir gesagt, das soll mit mir nicht passieren. Das war auch noch so ein Grund, warum ich trocken geblieben bin.

Zusammengefasst war für Sie das Wichtigste, dass Sie sich klipp und klar entschieden hatten: Ich will nicht mehr trinken?

Ja. Und auch der Ekel, den man vor sich selbst hatte, den ich mir immer vor Augen geführt habe: Wenn man morgens schon saß und das erste Bier getrunken hat, weil man sonst einen Tremor kriegt. Das fand ich eklig. Ich fand es auch eklig, dass man sich manchmal körperlich so gehen ließ. Also nicht, dass ich schmutzig war, aber manchmal doch mal unrasierter, als man sollte, und vielleicht hat man doch nochmal das Hemd angezogen, das man eigentlich nicht mehr anziehen sollte. Auch das Essen, ich habe ja dann nichts mehr vertragen und nur Haferschleim gegessen. Das war … also nee … das fand ich alles …neee…ekelhaft.

Sie schauen jetzt sogar ganz angewidert von sich selbst früher …

Ja, das war mir zutiefst vor mir selber unangenehm. Und man riecht ja als Alkoholiker, hat ja so eine Ausdünstung nach Azeton, ich hab das bei anderen gemerkt. Sie rochen nicht nach Schnaps, sondern nach Azeton.

Haben Sie denn einen Rat für alkoholkranke Menschen?

Ich kann nur sagen, dass sie sich dessen bewusst werden müssen, dass sie krank sind und dass es ohne Hilfe nicht geht. Ganz, ganz wenige können das, der Durchschnitt kann es nicht, deshalb soll man sich Hilfe suchen. Zum Arzt gehen, in die Klinik, sich therapieren lassen.

Und wenn man das bereits eingesehen hat, schon in der Klinik war, wie bleibt man trocken?

Indem man nichts mehr trinkt. Ganz einfach.

Vorher ist es keine – aber nach Entgiftung und Therapie ist es also eine Willensentscheidung?

Ja .Da kann man sich zum Beispiel die ekligen Sachen hochholen und vor sich ablaufen lassen wie einen Film: wie man da sitzt und besoffen ist und lallt, die Sprache verliert, kein richtiges Wort mehr hinkriegt. Daran sollte man sich erinnern und daran, wie beschissen es einem an anderen Tag geht, um dann wieder in Gang zu kommen mit einem Schlückchen Alkohol, es werden ja immer mehr Schlückchen, bis man dann wieder absackt. Es ist eine mentale Sache, wenn man entgiftet, entwöhnt ist: Dass man weiß, ich darf nichts mehr trinken. Der eine darf eben keinen Zucker mehr essen, der andere darf dies nicht und jenes, und das muss man dann eben so machen. Einfach nicht trinken. Sich ablenken und nicht trinken. Und mit der Zeit denkt man auch nicht mehr dran. Man denkt erst so, ah, jetzt hab ich ne Woche geschafft, dann einen Monat, dann ist es schon ein Jahr. Dann freuen Sie sich immer darüber! Man muss sich auch Gutes tun, indem man sich selbst belobigt. Aber nie darf man denken: Jetzt versuch ich es doch nochmal, zu trinken, vielleicht ist es nicht so schlimm …DOCH, es ist schlimm! Wenn man die Hand ins Feuer legt, verbrennt man sich, man weiß es. Man macht es doch nicht nochmal. Man verbrennt sich einmal und das zweite Mal höchstens aus Dussligkeit. Genau so ist es mit dem Alkohol.

Titelthema 1/21

Vor 23 Jahren beschloss Robby Clemens, trocken zu werden:

„Lauf, Robby, lauf!“

So feuerten ihn damals Nachbarn aus ihren Fenstern an, im kleinen Städtchen Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt. Die ersten mühseligen Trainingsmeter mögen wohl damals an Forrest Gumps Anfänge erinnert haben … denn 200 Meter fühlten sich für Robby, den damals übergewichtigen, untrainierten Alkoholiker, wie ein Marathon an. Inzwischen hat er viele echte Marathons hinter sich. Er lief einmal um die Welt. Er lief vom Nordpol zum Südpol. Darüber berichtet er in seinen Büchern. Inzwischen arbeitet er als Motivationscoach, auch für Alkohol-und Drogensüchtige. Und: Seit seinen ersten 200 Metern trank er nie wieder Alkohol …

Mehr als 23 Jahre zurück: Wie wurden Sie alkoholabhängig?

Robby Clemens: Ich hatte damals eine große Firma, hatte mich schon zu DDR-Zeiten selbständig gemacht. Dann kam die Wende und jeder wollte plötzlich neue Heizungen, neue Bäder. Wir wurden einer der größten Arbeitgeber in der Region, alles lief wunderbar. Bis wir an diesen Baulöwen Schneider in Leipzig gerieten … er war ein Hauptauftraggeber, der konnte dann aber irgendwann nicht mehr zahlen. Wir verloren 2,2 Millionen D-Mark, als privat aufgestellte Firma verloren wir alles. Als auch das Haus meiner Eltern zwangsversteigert, ihr ganzes Vermögen eingezogen wurde, war mir klar: Ich hatte 40 Jahre harte Arbeit meiner Eltern vernichtet. Ich griff dann immer mehr zur Flasche. Zuerst Bierchen, dann Fusel. Später oft in einer Runde vor der Kaufhalle … Im Rausch habe ich diese Dramatik vergessen können, habe mich betäubt, denn jeder klare Gedanke schmerzte. Klar, am nächsten Morgen war das alles wieder da. Irgendwann konnte ich das alles überhaupt nicht mehr steuern. Ich nahm gar nicht mehr wahr, dass ich trinke. Da kamen Bekannte, „Meeensch, was säufste denn hier schon wieder rum“, und ich dachte, d i e sind besoffen und nicht ich. Ich hatte Wahrnehmungsstörungen durch das Trinken. Die waren mit ein Grund, warum ich zum Hausarzt ging.

Ihr Hausarzt hat Ihnen sogar Schellen verpasst, um Sie „wachzurütteln“, schreiben Sie im Buch?

Der Arzt kannte mich ja schon von klein auf … und irgendwie muss bei diesen Ohrfeigen etwas in meinem Gehirn passiert sein. Die müssen ausgelöst haben, dass ich begriff, wie sehr meine Familie unter meinem Trinken gelitten hat. In der Schule, wenn meine Kinder ein Problem hatten, gabs tatsächlich Lehrer, die gesagt haben, „Was wollt denn ihr, kümmert euch mal lieber um euren Vater, der liegt wieder stockbesoffen auf der Kreuzung rum.“ Ich bin heute froh, dass ich nie handgreiflich geworden bin, gegen niemand, gegen die Familie nicht, gegen Saufkumpels nicht, aber eben dieser Schmerz, den ich meiner Familie zugefügt habe mit der Betrunkenheit, ihre Scham, mit der sie leben mussten … Deshalb ist es auch so außergewöhnlich, dass ich mit meiner Familie heute noch komplett zusammenlebe, es ist bemerkenswert, dass sie immer zu mir gestanden haben, auch wenn es für sie am allerallerschwierigsten war. Ich kann da nur danke sagen!

Sie hatten sich dann entschieden, etwas gegen die Abhängigkeit zu tun, ein Kliniktermin stand schon fest – aber dann versuchten Sie es doch ganz anders?

Ein Kumpel erzählte mir von einem Buch eines süchtigen Menschen: „Der ist einfach losgelaufen, das ist doch viel einfacher als Klinik, du weißt ja, die Erfolgsaussichten sind ja nicht so groß, versuch doch das mit dem Laufen mal.“ Ich dachte, ja, klingt viel einfacher, hab mir Laufschuhe besorgt und bin los. Nüchtern, von da an habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Anfangs war ich schon nach einer halben Runde auf dem Sportplatz völlig am Ende. Aber von Tag zu Tag wurde es besser.

Wie hielt das Laufen vom Trinken ab?

Als ich loslief, fühlte ich plötzlich in mir: Du machst was ganz Tolles, du machst was Richtiges! Denn mit der Bewegung – natürlich noch nicht am Anfang – merkte ich, wie es mir immer besser ging. Schon diese ersten Schritte wirkten so befreiend auf mich und jeden Tag kam mehr Klarheit in mein Gehirn zurück. Als ich diese Entzugsschmerzen hatte, konnte ich mich natürlich auch mit dem Laufschmerz betäuben, und was konnte ich da rauskotzen, alles, was da drin war, das war auch so ein Punkt, nachdem ich gesucht habe in dieser Zeit. Die paar Kilometer, die ich da dann irgendwann zurückgelegt habe, reichten schon, um mich zu verausgaben, um am Straßenrand niederzusinken und mir die Seele leer zu kotzen, das war befreiend.

Ja und dann die Straße an sich, das Drumherum, völlig neue Wege zu gehen, das hat mich total beeindruckt. Bald verlor ich Kilos und konnte wieder klar denken, das war ja der absolute Wahnsinn – als wenn sich Nebelschleier vor dem Gesicht langsam lichten und du klare Sicht hast. Und dann habe ich versucht, immer aus der Freude heraus, mir Ziele zu setzen, heute 1 km schaffen, später 5 km, und als ich das dann jeweils schaffte, war die Freude so groß und die Befreiung so riesig, dass ich mir ein Leben ohne dieses Laufen gar nicht mehr vorstellen konnte und es auch heute nicht mehr kann.

Laufen hat auch eine Art berauschende Wirkung?

Ja, aber dieser Rausch hat eine andere Wirkung, der stählte mich, der machte mich glücklich, der ließ mich klar denken. Das ist gar nicht zu vergleichen mit dem Alkoholrausch, ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Hatten Sie die geplante Therapie abgesagt, weil das Laufen so gut gewirkt hat?

Ja, ich hatte dann gar nicht wieder drüber nachgedacht mit dem Laufen. Das sind ja immer ganz, ganz kleine Schritte, die du da tust, für dich ist ja schon überhaupt ein Riesenerfolg, dass du eine Runde schaffst, die 400 m,– ich war in der Lage, das auch so zu werten, mich daraufhin auch aufbauen und immer wieder neue 400 m in Angriff nehmen zu können.

Laufen kann also das Trockenbleiben unterstützen – aber wenn nun jemand nicht joggen kann oder darf?

Ich schlage jedem die Bewegung vor, die er ausüben kann, schwimmen, Fahrrad fahren, Rollstuhl fahren, es kann langsames Gehen sein, in der Natur sein und gehen, da kann man sich ja auch Ziele setzen: Heute kann ich mal von Zuhause bis zum Bäcker gehen. Man darf die Ziele nur nicht so groß setzen, es sollten kleine Ziele sein. Und man sollte sich überhaupt auch schon über den ersten Schritt freuen, den man dann tut, den ersten Schwimmzug… Ich halte Bewegung für wichtig, gleich welcher Art sie ist, und wenn es Gewichtestemmen ist. Jeder muss für sich die Freude an einer Art Bewegung finden. Ich propagiere fürs Laufen, weil es die einfachste Art der Bewegung ist und preiswert. Was brauchst du dafür? Keine teure Mitgliedschaft in einem Golfklub oder Ausrüstung, sondern nur die Klamotten am Leib und Schuhe.

Ich glaube, laufen, Bewegung an sich, erhöht auch das Selbstbewusstsein, das bei vielen Alkoholkranken auf Null steht, oder?

Ja, man kann sich auf die Schulter klopfen! Auch, wenn andere sagen, ne Runde um den Block, das ist doch gar nix, nee, da muss man sogar für sich sagen: Für mich ist das ein Marathonlauf, wenn ich eine Runde laufe. Das ist ganz wichtig, man muss lernen, sich auch mal selber zu lieben und sich zu sagen: Das hab ich heute aber klasse gemacht, ich will das morgen unbedingt wieder machen. Auch wenn dein Umfeld dir andere Dinge erzählt, bleib da stark, das machst du nicht für andere Leute, du machst es erst mal nur für dich.

Was bringen Bewegung oder eben Laufen noch, wozu sollte man sich aufraffen vom Sofa?

Es bringt dich einfach in ein neues Leben. Der Weg des Alkoholikers raubt dir die Freuden des Lebens  und mit diesem Laufen bekommst du das wieder zurück – wenn du es verstehst, dich an kleinen Dingen zu erfreuen und mit einigen wenigen Schritten etwas ganz Großartiges für dich zu tun. Nur dieses Aufstehen, das musst du selber machen. Es gibt dieses bekannte Sprichwort, jedes Abenteuer, jedes Ziel beginnt mit einem kleinen ersten Schritt … deshalb ist es einfach wichtig, aufzustehn und diesen ersten Schritt zu machen.

Als Motivationscoach haben Sie auch mit alkohol-und drogenkranken Menschen zu tun. Wie motivieren Sie sie?

Da gibt es doch diese Worte von Antoine de Saint-Exupéry: Wenn Menschen auf einer einsamen Insel sind und sie wollen da wegkommen, dann gib ihnen keine Pläne in die Hand, sondern erzähle ihnen davon, wie schön es auf dem Meer ist. Das ist es vom Prinzip her das, was ich mache …

Laufen ist ja das eine, aber vom Nordpol zum Südpol zu laufen … Weshalb haben Sie das gemacht?

Weil ich es großartig finde, den Blick über den eigenen Gartenzaun hinaus richten zu können und Natur und Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören, zu erleben, wie sie leben. Es riecht alles anders, schmeckt alles anders, alle Sinnesorgane nehmen völlig andere Dinge wahr als die, die du Zuhause hast, das bildet doch. Und das mit der einfachsten Fortbewegungsart zu machen, mit meinen Füßen, bedeutet Langsamkeit. Und die lässt dich alles viel intensiver wahrnehmen, als wenn du mit dem Auto unterwegs bist. Und es ist spannend: Welches Abenteuer erwartet dich hinter der Bergkuppe dort, welches hinter der nächsten Kurve, die du noch lange nicht einsehen kannst? Das kannst du nur so voll erleben, wenn du läufst.

Ihnen geht es also nicht so sehr um die Kilometerzahl …

Mich interessieren keine Kilometer. Meine Kilometer sind die Menschen, denen ich begegnen darf. Du kannst hinkommen, wohin du willst, du findest immer Leute, die dir helfen. Wenn du mal nichts zu essen hast, gibts Leute, die dir sogar von dem Wenigen, was sie selbst nur haben, abgeben. Gerade von diesen Menschen, über die viele denken würden, dass sie selbst über denen stehen, weil sie sehr arm sind oder krank, habe ich so unendlich viel Weisheit für das Leben erfahren. Solche Menschen haben mich auf meinen Reisen unendlich viel gelernt, vor allem Bescheidenheit, Dankbarkeit und Demut.

Das Interview führte Anja Wilhelm

 Info: Mehr Informationen, auch über die Bücher, finden Sie unter www.robbyclemens.de

 

Titelthema 6/20

Wie Reittherapie auch Suchtkranken helfen kann:

Manchmal macht schon das Streicheln glücklich …

Sie erfüllt sich gerade einen Traum: Rebecca Böde, Mitarbeiterin eines Berliner Bezirksamtes, bringt Menschen und Pferde heilsam zusammen. Menschen mit psychischen Problemen und ihr Therapiepferd Snowy. Sie ist, neben ihrem Hauptberuf, inzwischen auch Reittherapeutin, Heilpraktikerin, Pferdekundlerin – und betriebliche Suchtberaterin. Da sie künftig auch suchtkranken Menschen mit ihrem Pferd helfen will, meldete sie sich Ende des Sommers bei uns. Sie möchte gerne drei TrokkenPresse-LeserInnen eine Erstberatung spendieren. Natürlich mit Snowy, ihrem Therapiepferd, gemeinsam. Das war ein Grund für uns, sie einmal zu besuchen …

Liebe Rebecca, es war ein wundervoller Ausflug zu Dir auf den „Pferdehof Müller“ bei Nauen! Den Großstadtlärm von Millionen Autos und Menschen noch in Ohr und Gemüt – dann plötzlicher Frieden inmitten der Felder und Bäume. Aaaah! Reine Luft. Nur Hühnergackern. Blätterwispern. Pferdeschnauben. Quer über den weiten Acker stapfen bis hin zur Sommerweide, Snowy zurück zum Hof führen. Striegeln, streicheln, fühlen. Weiche Pferdelippen und warmer Atem neugierig an meiner Hand. Anlehnen an das große, starke, warme Tier. Mein Herz geht auf. Es gibt nur das Jetzt, jedes „Muss-noch-dies“ und „Soll-ja-das“ ist verschwunden aus meinem Kopf. Es liegt wohl nicht nur AUF dem Rücken der Pferde, das Glück dieser Erde … Nähe reicht auch schon. Die Reittherapie, die Rebecca Böde anbietet, könnte auch einfach Pferdetherapie heißen. Denn es geht ihr gar nicht darum, dass ein Klient unbedingt hinauf muss in den Sattel. Mit dem Tier zusammen zu sein in der Natur genüge manchem schon, sagt sie. Deshalb bekommt jeder Mensch, der bei ihr Hilfe sucht, ganz individuell genau das, was er gerade braucht. Ihr Motto: „Ängste, Probleme und psychische Erkrankungen aller Art sind nicht in Stein gemeißelt. Das Gehirn ist fähig, neue und gesunde Strukturen zu entwickeln.“ Wie das mit einem Tier gelingen kann? Dazu später im Interview mehr.

Wie bist Du als Nichtabhängige zum Thema Sucht gekommen?

Mein Vater war Alkoholiker. Er hat sein halbes Leben lang viel getrunken, ist irgendwann in der Klinik gelandet, auch mit Korsakow-Symptomen und Diabetes. Er konnte nicht mehr selbst für sich sorgen, starb vor drei Jahren. Ich hatte zwar seit der Scheidung meiner Eltern fast keinen Kontakt mehr, aber ich habe mich oft gefragt, warum konnte ihm keiner helfen? Denn manche Menschen schaffen es ja, machen eine Entwöhnung, finden wieder Perspektiven für ihr Leben. Die Frage hat mich immer begleitet.

Nun bist Du kollegiale Suchtberaterin, was heißt das?

Ich arbeite im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Kollegen, die Suchtprobleme haben, kommen zu mir und fragen um Rat: ich kann so nicht mehr weitermachen, was kann ich machen … Ich hatte mich dafür beworben und eine einjährige Ausbildung am Institut für betriebliche Suchtprävention gemacht.

Wenn ich als Suchtkranke heute eine Therapie bei Dir beginnen würde …

Wir würden ein Erstgespräch führen. Klären, was möchtest du erreichen, was versprichst du dir von der Reittherapie? Geht es für dich mehr ums Streicheln, Liebhaben, Pflegen, um eine schöne Zeit in der Natur, mit dem Pferd? Oder geht’s dir nur ums Reiten, willst du nur aufs Pferd rauf, willst du nur von oben die Welt erkunden? Oder möchtest du dein Selbstbewusstsein stärken und Snowy durch einen Parcours führen, das nennt man Bodenarbeit. Man kann lernen, durch Gassen zu gehen, eine Führposition zu übernehmen und das Pferd folgt einem. Oder magst du geführtes Reiten im Schritt und von oben einfach genießen? Vielleicht hast du Reiterfahrung, du könntest den Snowy selbst reiten, auf der Reitbahn durch kleine Parcours … so würde ich erstmal rangehen und dann gucken, wie man in den nächsten Stunden Bedürfnisse und Kompetenzen weiter ausbaut.

Ich muss als Klient also noch nicht reiten können?

Bei mir musst du nichts können, nicht reiten, nicht die Zügel festhalten, du darfst einfach nur genießen. Obendrauf sitzen, dich führen lassen. Du kannst dich natürlich ranarbeiten: Ich möchte jetzt selbst ein bisschen die Führung übernehmen. Mich weiterentwickeln mit dem Pferd bis dahin, dass ich selbst reiten oder führen kann. Ich achte schon sehr genau drauf, ob meine Klienten überfordert damit sind oder ver/erschreckt, dann kann man darauf eingehen und einen Schritt zurückgehen. Und ich sage meinen Menschen da oben immer, dass sie auch sagen können, wie es ihnen damit geht.

Apropos „oben“: Wie „sicher“ ist Dein Therapiepferd für Unerfahrene?

Snowy ist ein ruhiger, ausgeglichener Trabermix, Traber haben ein großes Herz, auch im übertragenen Sinne. Er ist ein sehr soziales Tier, vielleicht auch, weil er als Fohlen fast verhungert wäre, wenn Herr Müller ihn nicht hierhergeholt und aufgepäppelt hätte. In der Herde, als Rangmittlerer, nimmt er sich eher anderer an, als jemanden wegzubeißen. Auch allen anderen Tieren hier begegnet er freundlich, den Hühnern, den Hunden, dem Ganter. Ich habe ihn zum Beispiel auch an fremde Gegenstände gewöhnt, an große Bälle, Plastikplanen auf Wegen und viele Schrecksituationen geübt. Snowy ist zwar noch jung, aber ich kann mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Er passt auf den Reiter auf, der auf ihm sitzt.

Wie kann Deine Therapie süchtigen Menschen helfen?

Suchtkranke, die trocken sind, eine Entgiftung hinter sich haben, sitzen vielleicht nun Zuhause, in der Wohnung und fragen sich, was sie jetzt mit der ganzen Zeit anfangen wollen, mit dem Leben. Vielleicht  fange ich ja doch wieder an zu trinken, weil alles so sinnlos ist? Sich bewegen, in der Natur zu sein und gerade das Zusammensein mit Tieren setzt ganz viele positive Gefühle frei, die derjenige braucht, der sich innerlich leer fühlt oder Saufdruck hat. Ein Tier lenkt ab, die Nähe, das Streicheln senken den Cholesterinspiegel, den Blutdruck, den Herzschlag, und zwar bei beiden, beim Pferd und bei demjenigen, der es zum Beispiel putzt. Und man kann vielleicht auch seine Zukunft klarer sehen: Ok, es gibt also nicht nur meine vier Wände, den Alkohol, die Selbsthilfegruppe – ich muss vielleicht auch wieder was für mich tun und kann in der Natur neue Ressourcen für mich finden, Freude, ich fühl mich da wohl … Das Pferd kann lehren, eigene Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, eigene Gefühle, das Reiten kann helfen, die eigene Stärke, den Selbstwert wieder zu entdecken.

Du arbeitest momentan viel mit Kindern. Weshalb kommen sie zu Dir und Snowy?

Bei Kindern soll meist das Sprechen gefördert werden oder der Gleichgewichtssinn geschult. Oder das soziale Verhalten, um überhaupt wieder eine Bindung eingehen zu können zu einem verlässlichen Partner – zur Therapeutin, zum Pferd. Vieles geschieht nebenbei. Es ist so spielerisch, Pferde haben einen so hohen Aufforderungscharakter, dass die Kinder gar nicht merken, in welchen Bereichen sie gefordert werden, die Feinmotorik durchs Putzen zum Beispiel.

Was brauchen die erwachsenen Klienten?

Erwachsene kommen meist zu mir, weil sie Depressionen haben und die herkömmlichen Gesprächstherapien in irgendwelchen Büros sie gar nicht weitergebracht haben. Sie sagen immer: „Ja, er sagt mir, ich soll dieses und jenes machen, aber irgendwie ändert sich nichts für mich, ich habe immer noch Ängste, immer noch Depressionen.“ Da ist für mich schlüssiger: Geht raus in die Natur, macht was, setzt dem Gehirn neue Bilder, neue Eindrücke, geht in die Sonne, bewegt euch, kommt auf andere Gedanken, dann kommt der Rest vielleicht von ganz alleine. Oder: Denkt überhaupt mal gar nicht an Probleme. Wenn man hier und jetzt sein muss mit dem Pferd, gelingt das.

Viele wollen sich auch nur einfach mal Anlehnen ans Pferd. Oder wenn sie Berührungsängste mit Menschen haben, können sie sich mit dem Pferd langsam rantasten. Manche bleiben einfach eine halbe Stunde beim Pferd, putzen es, schnuppern am Pferd, die riechen so wunderbar, spüren das warme Fell, genießen die Zeit mit so einem großen Tier, dem Therapiepartner.

Also eine andere Herangehensweise an Depressionen ?

Ich rate jedem, macht was draußen, fahrt Fahrrad, lernt Menschen kennen, setzt euch in die Sonne … bleibt nicht zuhause, auch wenn es schwerfällt, sich aufzuraffen. Holt euch positive Dinge ins Leben, die Spaß machen, probiert Dinge aus, macht einen Zeichenkurs, nehmt ein heißes Bad, kocht einen tollen Tee, Hauptsache, ihr bewegt euch, holt euch neue Eindrücke. Das trifft auch auf Suchtkranke zu.

Das Besondere an Deiner Therapie ist, dass sie heilpraktisch stattfindet, ganzheitlich?

Ja, ich nutze zum Beispiel die euthyme Therapie, in der man bewusst alle fünf Sinne benutzt. Statt nur in einem Zimmer zu sitzen und mit einem Therapeuten zu sprechen, spüren wir Wind und Sonne auf der Haut, nehmen Gerüche wahr, wie riecht eigentlich Heu, das Pferd, die Tanne neben mir, wir hören Vögel zwitschern, Pferde schnauben … Diese Freude kann man mit in den Alltag nehmen … oder in ein Schatzkästchen packen: Das holst du dir vielleicht mal raus, wenn es dir mal nicht so gut geht. Es ist eine Genuss-Therapie, bei der es einem schon von sich aus besser geht.

Man kann auch tolle Entspannungsübungen machen auf dem Pferderücken, durch Atmung Stress abbauen. Dieses Getragenwerden, diese Schaukelbewegung kann auffangen, nachsorgen, was man vielleicht all die Jahre vermisst hat in einer nicht so guten Kindheit.

Woher weißt Du, dass Deine Therapie etwas bewirkt?

Ich frage meine Klienten vorher, wie es ihnen geht auf einer Skala von 1 bis 10 und danach auch. In der Ausbildung hatten wir 50 Klienten aus psychotherapeutischen Einrichtungen, 90 Prozent ging es vorher 2, sie hatten einen schlechten Tag, waren traurig. Und nach der Therapie waren sie auf 8, auf 9. Sie haben sich immer auf die Reittherapie gefreut, da wollten immer alle hin.

Wie viel Therapie braucht man?

Ich biete einmal wöchentlich eine Stunde an. Etwa 5-10 Stunden sollte man ausprobieren, ob und bis eine Verbesserung stattfindet.

Die 65 Euro pro Stunde zahlen die Krankenkassen aber nicht?

Die gesetzlichen leider nicht. Private bezahlen es ab und an, wenn man nachweisen kann, dass man innerhalb von drei Monaten keine passende Psychotherapie gefunden hat. Manchmal gibt es auch Zusatzversicherungen für heilpraktische Behandlungen. Einige meiner Klientinnen haben bei Stiftungen um einen Zuschuss für eine Reittherapie gebeten. Stiftungen, die eventuell spenden würden, sind unter vielen anderen z.B. die Uwe–Seeler–Stiftung und die Deutsche Bank Stiftung. Der Bedürftige muss genau begründen, warum er dringend eine Reittherapie benötigt. Bei Kindern gibt es noch viel mehr Förderung …

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie Interesse an einer Erstberatung bei Rebecca Böde? Dann melden Sie sich bitte. Wir verlosen dann aus allen Teilnehmern drei GewinnerInnen.

Weitere Infos zur Reittherapie unter:

www.meinereittherapie.de

Titelthema 4/20

Im Corona-Lockdown: Eine Idee rettet das Dock Nord

„Suppe statt Gruppe“

Plötzlich keine Gruppetreffen mehr. Vereinsräume geschlossen. Kontaktsperre. Ohne zu wissen, ob und wann sich alles wieder normalisieren wird. Das traf damals im März natürlich auch die alkoholfreie Kontaktstelle „Dock Nord“ im Berliner Wedding. Kein „andocken“, kein „ankern“ im sicheren drogenfreien „Hafen“ mehr möglich. Normalerweise treffen sich Betroffene von 15 Uhr an dort, um Kaffee zu trinken, einen Imbiss zu nehmen, sich zu unterhalten. Und am Abend freie Gruppen oder Gruppen von Vereinen wie VAL, NA, AKB.
Nichts ging mehr. Was nun? Abwarten, bis alles vorbei ist? Abzuwarten hätte wahrscheinlich bedeutet, dass der Verein schließen muss. Diesen Verein für suchtfreies Leben Eigeninitiative e.V gründeten 1983 zwei Alkoholkranke, um Betroffenen eine Kneipenalternative zu schaffen. Einen Ort, an dem man sich wie in einem cleanen gemütlichen Wohnzimmer treffen und austauschen kann. DAS schließen? Nein, nicht mit Andrea Plath! Sie, Angehörige eines Alkoholikers, ist seit letztem Jahr Vorstandsmitglied und Kassenwartin des Dock Nord. Ihre neue Idee wurde zum Rettungsanker …

 

Weshalb waren die Corona-Beschränkungen so belastend fürs Dock Nord?
Andrea Plath: Das Problem waren vor allem Miete und Strom, die laufenden Kosten. Denn wenn der Geschäftsbetrieb ruht, das Essen, das Trinken, und die Nutzungsgebühr der Gruppen wegfallen … damit haben wir ja immer die 1000 Euro Monats-Miete bezahlt. Das war eine schlimme Zeit. Was tun? Müssen wir schließen? Aber die Menschen müssen doch weiterhin genesen können. Sie brauchen uns, die Gruppen, den Treff.

Woher kam Hilfe?
Eine Kaltmiete hat uns die Wohnungsverwaltung zum Glück erlassen. Und im Bürgerverein „Moabiter Ratschlag“ riet man uns dann, bei der IBB-Bank die Soforthilfe für kleine Unternehmen zu beantragen. Nach dem Antrag war gleich am nächsten Tag das Geld da. Miete und Strom waren nun vorerst damit abgesichert, aber wie sehen ja jetzt, es ist Juli und Corona noch lange nicht zu Ende. Was machen wir jetzt, fragten wir uns damals? Der Laden ist zu, aber wir müssen doch irgendwie noch etwas tun können …

Was war die Idee?
In der Landesstelle für Suchtfragen riet man uns, ein Catering aufzumachen, wir haben ja eine Küche.
Da hab ich zuerst gedacht: Wir sind doch ne Kontaktstelle, wir machen Selbsthilfe, wir wollen doch kein Essen verteilen! Naja, aber durch die Coronazeit waren ja nicht nur wir betroffen, viele mussten in Kurzarbeit gehen, waren zuhause mit wenig Geld. Der nächste Rat war: Schreib doch mal „Aktion Mensch“ an, die fördern Projekte, gerade in der Coronazeit sind Gelder zur Verfügung, vielleicht findest du da Ideen. So haben wir uns dann entschieden, dass wir nicht zu den Leuten hingehen mit dem Essen, sondern hier für die Leute kochen. Suppe statt Gruppe. Also habe ich acht Stunden lang einen Antrag ausgefüllt und nach drei Wochen kam wirklich ein Anruf von der zuständigen Bearbeiterin für unser Projekt: von Mai bis Ende des Jahres helfen wir Menschen in der Coronazeit mit einer täglich frischen Suppenmahlzeit. Nach einer Prüfung bekamen wir Gelder für einen neuen Herd und für die Personalkosten. 95 Prozent des Projekts werden gefördert, die 5 Prozent Eigenanteil erwirtschaften wir selbst. Der Koch, nun angestellt für 30 h, war vorher als MAE hier, zwei 450-Euro-Kräfte sind als Beiköchin und für die Ausgabe zuständig. Nachdem uns das Lebensmittelamt geprüft hatte, ging es Ende Mai los mit dem Außerhausverkauf an der Tür.

Wer sind die Kunden?
Wir haben viele Stammkunden aus den Häusern rundum, Omis kommen mit Rollator und ihrem Suppentopf an, Gäste der Kneipe an der Ecke, Pflegedienstmitarbeiter und Menschen, die sie betreuen. Und Betroffene, die sonst immer nachmittags hier waren. Etwa 60 Portionen brauchen wir inzwischen. Ein Essen kostet zwar 3 Euro, aber für Menschen in Hartz4 nur 2 Euro und wenn einer gerade gar kein Geld hat, weil er auf die Rente wartet, kriegt er sein Essen auch mal so.

Aus der Küche duftet es gerade himmlisch nach Kartoffelpuffern. Also gibt es inzwischen mehr als Suppe?
Ja. Dank der Aktion Mensch hatten wir gutes Wirtschaftsgeld und die Kunden baten uns, auch mal dies oder das zu kochen. Königsberger Klopse sind beliebt, Pellkartoffeln mit Leinöl/Kräuterquark, Putenspieße, Käse-Lauchsuppe ging gut, Nudelauflauf. Wir haben auch vegan, Eintopf z.B. mit oder ohne Fleisch. Umgetauscht hat noch keiner, gemeckert auch nicht. Wir kochen frische Hausmannskost.

Was läuft zurzeit noch im Dock Nord?
Mittlerweile sind einige Gruppen wieder da … Mit den nötigen Hygieneauflagen, Mundschutz, Abstand, Desinfektionsmittel, Kontaktdatenabgabe. Aber unsere normalen Öffnungszeiten, täglich 15-21 Uhr, sonntags bis 20 Uhr, müssen leider aufgrund der Einschränkungen noch warten.

Wie wird es weitergehen, wenn das Geld von Aktion Mensch verbraucht  ist?
Darüber denken wir gerade nach. Wir wollen ja auch, dass die Selbsthilfegruppen bei uns weiterexistieren können. Meine Erfahrung ist: Freiwillig klopft niemand an die Tür und sagt, wir haben hier Geld, wollt ihr was haben. Man muss etwas fordern, Anträge stellen. Das ist zwar viel, viel Schreibkram, aber lohnt sich wirklich! Vom Moabiter Ratschlag hatten wir letztes Jahr für Weihnachten und ein Skattournier je 100 Euro erhalten. Beim Berliner Kammergericht, wo man einen Antrag auf Gewährung einer Geldzuweisung aus Bußgeldern stellen kann, bekamen wir Geld für neue Kühlschränke und eine Waschmaschine. Jetzt brauchen wir zum Beispiel eine neue Webseite, einen PC. Mal sehen, ob wir wieder dabei sind. Auch mit den Selbsthilfegruppen, die von der AOK 600 Euro im Jahr bekommen können, habe ich Anträge ausgefüllt.
Ja, wie geht es weiter im nächsten Jahr, das bereitet schon Kopfzerbrechen. Wie weit ist Corona, wie sind die Lockerungen, die Öffnungszeiten, Versammlungen. Was wird mit Festen wie Tanz in den Mai, Sommerfest, dieses Jahr fiel alles aus.
Meine Idee ist gerade, das Samstagfrühstück wieder anzufangen, mit nur 15 Leuten, ohne Buffet, sondern mit fertig gepackten Tellern, um wieder die Kommunikation zu fördern, zu zeigen, wir sind da, ihr seid da, wir sind beieinander …

 

Titelthema 3/20: Hundedoc Jenny

Zum Termin beim „HundeDoc“:

 „Die Tiere können ja nichts dafür …

… bei wem oder wo sie gelandet sind. Jemand muss sich um sie kümmern.“ Und das tut sie: Tierärztin Jeanette Klemmt hilft seit 20 Jahren kostenlos den Hunden, Katzen oder Kaninchen sehr bedürftiger Menschen in Berlin. Und zwar als Tierärztin im Projekt „HundeDoc“ der Stiftung SPI*.

Warten auf das weiße HundeDoc-Mobil. Bald müsste es um die Straßenecke biegen. Es ist Dienstag und gleich 13 Uhr. Vor dem Kontaktladen „Enterprise“ in Berlin-Lichtenberg, direkt neben dem Bahnhof, beschnuppern und bebellen sich die ersten Tier-Patienten schon neugierig: Vier Hunde, groß, klein, schwarz, weiß-gefleckt. Die Hundebesitzer dagegen halten den geforderten Abstand, denn noch sind wir mitten in der Corona-Krise.
Owe (63) sitzt sogar noch etwas weiter abseits von den anderen, denn sein Akita-Mischling namens YiGuai (chines.: Kumpel) ist nicht so besonders gut zu sprechen auf jeden, der seinem Herrchen zu nahekommt. Und jetzt gerade sowieso nicht, denn er hat Angst. Große Angst. Das Tierarzt-Auto, ein umgebauter Rettungswagen, parkt nämlich gerade ein. Das weckt wohl keine so guten Erinnerungen. Zum Beispiel an die jährlichen Impfungen.
Heute ist er da, weil sich Herrchen Owe sorgt. YiGuai wird immer dünner, obwohl er so frisst wie immer …

Jenny, wie die Tierärztin von allen genannt wird, öffnet nun ihre Praxis – die Schiebetür des Wagens. Der erste Tierhalter auf der Warteliste ist dran. Er hat einige Fragen und braucht weitere Ohrentropfen für seinen Hund. Wegen Corona berät Jenny ihn über den nötigen Abstand hinweg nach draußen, zwischen Tür und Angel sozusagen.
Owe und YiGuai sind die dritten auf der Liste und nun dran, nach dem weißen Kaninchen in einem Transportkäfig.
YiGuai aber sträubt sich. Weil er untersucht werden soll, muss er nämlich in den Wagen hinein. Auf den Untersuchungstisch. Aber das will er nicht. Er zittert am ganzen Körper und wird beherzt gehoben. Vorsichtshalber bekommt er einen Maulkorb. Jenny tastet und knetet seine Bauchgegend ab, während Herrchen „assistiert“ und ihn festhält. Jenny kann aber nichts Ungewöhnliches finden. Auch die Fragen nach seinem Verhalten in den letzten Wochen erbringen keine Lösung. „Also, Owe, um ganz sicher zu gehen, wäre das Blut zu untersuchen.“
Blutabnahme bei dem zappelnden, zitternden YiGuai? Und: Auch wenn die Allgemeinversorgung kostenlos ist, das Labor muss bezahlt werden: 39 Euro …
Owe ist hin- und hergerissen. Wägt ab und rechnet im Kopf. Denn für ihn als derzeitigen ALG2-Empfänger ist das eine Unsumme. Auch, wenn er nach Entgiftung und Therapie kein Geld für Alkohol mehr braucht. Er stottert gerade noch die Mietkaution ab und versorgt noch seinen zweiten Hund. Beide Tiere hatte er vor über zehn Jahren, als er noch in Arbeit als Schiffsbauingenieur war, in Asien vor dem Tod gerettet. Seitdem sind alle drei unzertrennlich. Brauchen einander. Und auch jetzt, mit schmerzhafter Arthrose in den Knien, einer Lungenkrankheit, einem Tumor am Kopf denkt Owe nicht daran, die beiden wegzugeben. Niemals. Lieber würde er selber hungern. Und deshalb siegen jetzt auch Sorge und Herz über seinen fast leeren Geldbeutel. Und Jenny zapft YiGuai an einer Pfote Blut ab, während Herrchen ihn gegen seinen Willen ganz fest im Griff hält und beruhigend mit ihm spricht.
Danach gibt’s gleich noch die Wurmkur für beide Hunde mit.
Sichtlich aufatmend, besonders YiGuai, verlassen die beiden das Doc-Mobil. Geschafft. Vorerst jedenfalls. Noch steht ja die Laboranalyse aus …

Aber um hier kein falsches Bild zu erwecken: Nicht jeder ALG2-Empfänger Berlins bekommt einen Platz auf der Warteliste. Owe gehört zu den Ausnahmen. Die Sozialarbeiter in den kooperierenden Kontaktläden (s. Liste Anhang) prüfen die individuelle Bedürftigkeit der Menschen genau. Man muss also vorher Kontakt zu ihnen aufnehmen. Das war und ist immer noch ein Ziel des Projekts „HundeDoc“: Menschen, die auf der Straße leben müssen, oder/und suchtmittelabhängig sind, über ihre Tiere zu motivieren, mit sozialen Hilfeangeboten und Trägern in Kontakt zu kommen. „HundeDoc“ als Brücke zwischen Sozialarbeitenden und Tierhalterinnen und Tierhaltern und als Beitrag zum Tierschutz.

Seit 20 Jahren nun schon ist Jenny „der“ HundeDoc. Und jeden Werktag, in Teilzeit angestellt bei der SPI, kreuz und quer durch Berlin unterwegs.

Aber weshalb? Wenn Du doch mit einer eigenen netten Praxis sicher und ruhiger mehr Geld verdienen könntest?

Jenny: Direkt nach dem Studium wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, mich um diese Tiere zu kümmern. Ich dachte: Zum Ausprobieren nicht schlecht. Es war ja unklar, wie lange das finanziert würde, denn das Projekt lebt ausschließlich von Spenden. Und dann fand ich das total spannend, weil ich mit Menschen von der Straße vorher überhaupt nichts zu tun hatte. Was mir klar war und ist: Dass sich jemand um diese Tiere kümmern muss, weil die ja nix dafür können, bei wem und wo sie gelandet sind.

Mit welchen Problemen kommen die Tiere zu Dir?

Ich mache vor allem die Grundversorgung, also Allgemeinuntersuchungen, Impfen und auch mal Kastrieren, natürlich Wurmkur und Flöhe behandeln, was nicht weiter aufwändig ist, aber totale Probleme bereiten kann und wichtig ist. Ich behandle kleinere Verletzungen. Schlimm wird es, wenn die großen Sachen kommen, Frakturen durch Autounfälle und so weiter. Oder Inneres, was dramatisch verlaufen kann. Das ist manchmal ganz bitter, weil meine chirurgischen und auch diagnostischen Möglichkeiten begrenzt sind.
Vor allem aber berate ich unheimlich viel, ich kläre auf, erzähle, was man machen muss, um Erkrankungen und damit auch weitere Kosten zu vermeiden. Das ist schon eine große Hilfe und trägt auf lange Sicht zu einer positiven Entwicklung bei – und zwar bei beiden, beim Tier genauso wie beim Besitzer. Alleine schon deshalb, weil der Besitzer sich überlegen kann, ob er mal mit dem Sparen anfangen sollte oder ob er das alles überhaupt so gewuppt kriegt. Und wenn nicht bei diesem Tier, dann vielleicht beim nächsten, was er sich vielleicht gar nicht erst anschafft.

Anfangs warst Du vor allem bei Jugendlichen auf der Straße unterwegs …

Ja, aber das hat sich jetzt gewandelt, weil es diese Brennpunkte so kaum noch gibt. 2000 hatten wir einen noch hässlicheren Alexanderplatz, da gab es die Baustellen Friedrichstraße und Potsdamer Platz noch, alles war noch nicht so touristisch. Es gab noch kaum Handys und Facebook gar nicht. Inzwischen hat eine Verdrängung aus dem öffentlichen Raum stattgefunden und diese Menschen bleiben häufig über die sozialen Medien in Kontakt, sie müssen sich nicht mehr live treffen. Punk sein ist nicht mehr in Mode und die Drogen haben sich geändert. Alkohol ist zwar nach wie vor die Einstiegsdroge, aber wir haben nun noch die ganze Chemie dazu, die noch viel, viel schlimmer ist, was die Suchtverläufe angeht. Und die Jugendlichen sind halt auch anders drauf heute …

Deswegen hat sich unsere Arbeit etwas verlagert zu den Erwachsenen hin. Ich kooperiere mit sozialen Einrichtungen wie „enterprise“, Klik, KuB und Drugstop, und sie führen mir die Leute zu. Ich mache selbst keine Streetwork, aber bei den Jugendlichen ist zurzeit der Bedarf an Tierarzt weniger geworden. Also haben wir jetzt auch die älteren Menschen, die auch einsam sind, die auch ein asoziales Leben führen mitunter, die krank sind, die nicht von der Sucht wegkommen.

Wie im Kontaktladen „enterprise“?

Ja, hier gibt es keine Beschränkung, weder im Alter, noch Geschlecht noch Bezirk noch Erkrankung. Hier können sich auch nur einfach alte einsame Menschen treffen, um mal wieder Sozialkontakt zu haben oder welche, die gar kein Drogenproblem haben. Deshalb kann ich meine älteren Klienten dahin lotsen, weil das enterprise mit seinem Konzept keine Schwierigkeiten bekommt, wenn die Menschen sich kurzfristig dort aufhalten.

Weshalb geht Behandlung aber nur über Termin?

Um dem Chaos etwas vorzubeugen … wenn es voll ist, sitzen ja alle draußen, der eine kommt später, der andere pünktlich, einer gar nicht. Gleich zu Beginn am Alex war der Andrang so groß, dass wir Wartelisten beschlossen. Und dann wollen wir natürlich auch, dass sich die Tierbesitzer ein bisschen an Verbindlichkeiten zu halten lernen, denn das klappt häufig nicht. Sie erscheinen nicht und dann Wochen später heißt es, die Telefonkarte war leer oder sorry, hab verschlafen. Da muss ich drauf drängen, dass sie mir gegenüber und anderen Leuten eine Verpflichtung haben. Und wenn jemand zu oft einen Termin ausfallen lässt, müssen wir sowieso ein ernstes Wörtchen miteinander reden.
Mit Warteliste weiß ich auch genauer, worauf ich mich einzustellen habe. Aber ansonsten kann wirklich jeder jederzeit kommen, wenn es akut ist.

Ist ein Termin an Bedingungen geknüpft?

Nein, aber die Menschen sollen sich anmelden bei den jeweiligen Sozialarbeitern, damit auch immer sichergestellt ist, dass es sich hier wirklich um Bedürftige handelt. Darauf achten wir und nur für diese Menschen habe ich auch die Ausnahmegenehmigung der Tierärztekammer. Denn Tierärzte dürfen ja nicht einfach irgendwo kostenlos behandeln.
Es kann durchaus sein, dass ich Hartz4-Empfänger dabei habe, aber es ist nicht so, dass ich sämtliche Hartz4-Empfänger Berlins behandeln kann. Erstens sieht es die Gebührenordnung nicht vor und zweitens muss es nicht sein, dass ich, wenn ich im Hartz4 bin, mir auch noch Tiere anschaffe.
Wenn ich allerdings jemand bin, der krank ist, einsam, gerade von der Straße gekommen im Hartz4 gelandet ist, wäre es blöd, ihn dafür abzustrafen. Ich muss das immer auch von Fall zu Fall auch beleuchten. Und da ich das nicht alleine bewältigen kann, ist es wichtig, dass die Sozialarbeiter das vorher schon gemacht haben.

Wie geht es den Tieren von Bedürftigen im Allgemeinen?

Im Allgemeinen auch nicht schlechter, als wenn sie bei Leuten wären, die „normal“ sind. Die „normalen“ machen auch viel falsch mit ihren Tieren. Und sind auch nicht immer nett zu ihnen. Ich erlebe den breiten Durchschnitt: Manche kommen super gut mit ihren Tieren aus, weil sie `ne ruhige Art haben oder das Tier gut zu ihnen passt, oder weil sie eben nicht doof sind und sich mit der Erziehung des Tieres gut beschäftigt haben. Und manche sind eben eine Katastrophe. Aber das ist genau das, was ich auch beobachte, wenn ich privat mit meinen Hunden in den Wald gehe.

Was meinst Du: Weshalb brauchen Menschen, die zum Teil auf der Straße leben, abhängig von Suchtmitteln sind, ihre Tiere?

Tiere sind prinzipiell die einfacheren Sozialpartner. Sie stellen weniger Forderungen an dich.
Dein Partner möchte, dass du die Wohnung aufräumst, schön kochst und möglichst treu bist, dich hübsch machst und dann sollen vielleicht auch noch berauschende Gespräche geführt werden. Das ist dem Tier alles egal, dem ist es sogar egal, ob du dir die Zähne putzt oder nicht. Hauptsache, du bist gut zu ihm und gibst ihm Zuwendung. Das macht es natürlich viel, viel leichter. Sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen kann ja furchtbar anstrengend sein. Und weil ihnen oft die Grundregeln des sozialen Lebens abhandengekommen sind oder nie beigebracht wurden – viele kommen ja tatsächlich aus desolaten Familien – schaffen sie es dann eher, sich mit einem Tier in eine dauerhafte Beziehung zu begeben. Oder eben die einzige dauerhafte Beziehung überhaupt zu führen. Irgendeine Form der Wärme und der Nähe und auch der Bestätigung braucht jeder. Dein Partner erzählt dir vielleicht die ganze Zeit, du bist ne dumme Kuh oder du bist n fauler Sack, aber das Tier findet dich ja immer toll. Und das braucht ja jeder Mensch. Sonst fühlt man sich wertlos und das macht eben den Hund oder die Katze oder das Kaninchen so attraktiv als „Lebenspartner“.

Hattest du anfangs Berührungsängste?

Bisschen nervös war ich schon, zumal mich die Sozialarbeiter sehr bildhaft gebrieft hatten, dass es zum Teil auch unangenehm sein kann mit den Kunden. Aber Tierärzte sind da nicht so etepetete. Und dann war ja auch klar, dass sie mich nicht alleine lassen, weil Gewalt auch ein Thema sein kann. Es ist immer ein Sozialarbeiter dabei, ich fühle mich gut aufgehoben.

Weshalb hast Du nicht aufgehört und eine eigene Praxis eröffnet?

Ich hab mal versucht, einen Praxis-Partner zu finden, aber das hat nie geklappt. Und alleine eine Praxis neben HundeDoc zu führen, das hätte ich nicht geschafft. HundeDoc ist mir aber sehr wichtig. Weil der Bedarf einfach da ist in der Stadt, das sieht man ja.
Das kann ich aber auch nur machen, weil ich mich darauf verlassen kann, dass meine Familie mich unterstützt, auch später, weil ich von dem Teilzeit-Verdienst keine Altersvorsorge betreiben kann. Die Rente würde nicht reichen.

Du erlebst viele menschliche und tierische Schicksale. Wie hältst Du das seit 20 Jahren durch?

Es liegt auch daran, dass ich mich auf die Tiermedizin zurückziehen kann. Ich muss mir nicht wie die Sozialarbeiter jedes Leben, jede Biographie „reinziehen“, ich hab ja die Tiere und die Erfolge, die ich bei den Tieren erziele. Und auch privat geht es mir besser als meinen Klienten, ich hab ein gesundes, schönes Umfeld. Das heißt, die Rahmenbedingungen für mich, Gutes zu tun, die sind einfach gut und da. Das trägt zum Erfolg von mir und HundeDoc bei, das darf man nicht vergessen.
Ich habe häufig Momente, wenn ich aus dem Leben meiner Kunden näheres erfahre, in denen ich demütig werde: Was bin ich zum Beispiel froh, dass ich nicht wohnungslos bin, dass ich keiner Sucht verfallen bin! Das sind ja alles Kämpfe, die ausgestanden werden müssen. Ich bin so herrlich normal und muss nichts ausfechten. Ich muss „nur“ versuchen, bei meiner Arbeit die Nerven zu behalten und alles gut zu machen. Ja, manchmal überfällt mich da Demut …

Anja Wilhelm

Weitere Infos:
www.hundedoc-berlin.de

 Spendenkonto:

Stiftung SPI
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE65100205000003112105
BIC: BFSWDE33BER
Bitte geben Sie unbedingt als Verwendungszweck „Spende HundeDoc” an.

 Termin machen?

-KLIK e. V.
Kontakt- und Beratungsstelle (Wohnungslosigkeit/soziale Schwierigkeiten, bis 30 Jahre)
Tel: 030 40752573

-„enterprise“
Kontaktladen für Abhängige/Gefährdete von Suchtmitteln und Menschen jeden Alters in Krisensituationen
Tel: +49 1622806099

-Drugstop
Beratung und Tageseinrichtung für drogenkonsumierende Menschen im Alter von 13 bis 27 Jahren
Tel: 030 515898500

KuB
Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen bis 21 Jahre in Not
Tel: 030 61006800

*Die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin »Walter May«, eine Stiftung des Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt Berlin e. V., verfolgt die Ziele der Arbeiterwohlfahrt und soll mit dazu beitragen, eine Gesellschaft zu entwickeln, in der sich jeder Mensch in Verantwortung für sich und das Gemeinwesen frei entfalten kann. Dabei orientiert sich die Stiftung SPI vornehmlich an den Lebenswelten betroffener Bürger und Bürgerinnen und fördert im Rahmen seiner sozialen Arbeit besonders die Hilfe zur Selbsthilfe.

Titelthema 6/19: Trinkteufel

Serie: Trocken bleiben – aber wie?

Der Trinkteufel sitzt immer auf der Schulter

Seit unserer ersten Ausgabe 2019 stellen wir Menschen vor, die seit einiger Zeit trocken leben. Wir wollen wissen, wie sie das geschafft haben, jeden Tag aufs Neue, bis daraus Monate und Jahre wurden. Ihre Erfahrungen können vielleicht dem einen oder anderen Betroffenen auch hilfreich sein.
Heute sprechen wir mit Eva (72) aus Berlin. Vor ihrem Rückfall 2017, aus dem sie viel gelernt hat, wie sie sagt, war sie schon einmal drei Jahre trocken. Nun sind es schon wieder zwei Jahre – und zwar einer tagtäglich glücklichen, lebensfrohen Abstinenz! Wie gelang und gelingt ihr das?

Hast Du heutzutage noch Suchtdruck?
Manchmal schon. Aber ich habe mir fest vorgenommen, trocken zu bleiben. Der letzte Rückfall war der Horror, das habe ich immer vor Augen, wenn mal „was kommt“.

Wenn „was kommt“?
Wenn ich merke, dass ich unruhig werde, rumtigere … Nicht mal so, dass ich Appetit auf Alkohol hätte oder dass ich loslaufen müsste, mir was zu holen. Es ist so ein allgemeines Unwohlsein. Es kommt aus … ich weiß nicht, woher, es ist einfach da. Früher habe ich zwar auch versucht, dagegen anzugehen, aber da war es meist schon zu spät. So dass ich dann wegen der Brötchen runtergegangen bin, aber im Hinterkopf schon die Flasche hatte. Und heute, da denke ich aber sofort: Halt, Eva! Alarm! Es ist gut, dass ich das jetzt erkennen kann. Aber das kann ich nur, weil ich heute in mich reingucke. Gefühle angucke und zulasse. Was ich früher gar nicht konnte.

Was sind für Dich noch kritische Momente – und wie meisterst Du sie heute?
Da ist immer noch meine frühere „Sangria-Zeit“, der Monat, in dem mein Mann gestorben war. Heute spreche ich darüber, wie es mir gerade geht. Nicht nur in der Gruppe, ich bitte dann auch um Einzelgespräche in der Tagesstätte, in der ich drei Tage die Woche bin. Ich rede drüber und das tut mir gut. Das habe ich ja früher nie.
Oder solche Momente wie letzten Samstag. Wenn ich nach einem Besuch der Familie ganz plötzlich wieder alleine bin. Da muss ich mich wieder einkriegen – und das schaffe ich, wenn ich mich beschäftige, zum Beispiel den Abwasch mache. Dann fällt das so langsam von mir ab. Wir telefonieren, sie sind gut angekommen, alles ist in Ordnung. Oder ich suche mir dann jemanden, mit dem ich reden kann. Ganz, ganz wichtig! Bei mir im Haus habe ich jetzt auch eine Freundin gefunden, ich hatte niemals vorher eine, und wenn mal was ist, kann ich sie auch jederzeit anrufen.
Ich versuche heute, mit dem Saufdruck umzugehen, statt ihm nachzugeben. Früher bin ich losgelaufen ohne Überlegung. Zack, es ist soweit und du läufst los. Ich bekam manchmal gar nicht mit, dass es soweit ist – und hatte die Flasche schon im Wagen.

Du sagtest vorhin, Du konntest früher nicht über Gefühle sprechen?
Gar nicht! Und da hatte ich ja auch mal diesen Schmerz in der Brust. Ich dachte eines Tages, ich hab Herzschmerzen, ich platze. Ich bin rausgegangen aus der Gruppe, habe geheult, bin wieder zurück. In den Einzelgesprächen danach ist so viel aus mir rausgekommen, da hab ich gemerkt, aaaha! Danach habe ich mich nämlich viel besser gefühlt. Ich meine, 47 Jahre Ehe sind ja kein Pappenstiel und da war ja auch nicht immer alles …

Es ging um Deine Ehe, Deinen Mann, der vor 8 Jahren starb?
Naja, da war ja nicht alles so … und das kam da hoch. Ich habe endlich drüber gesprochen. Im Innersten hatte das so gebrodelt, tat ja weh, war eine Jauchengrube, die musste raus. Als ich mich danach wohler fühlte, hatte ich begriffen, dass es hilft, zu reden.

War es das Thema Ehe, was Du früher betäubt hast mit Sangria?
… und mit Schnaps, Bier allem. Ja, das war es auch. Ich trank schon, als mein Mann bettlägerig war und ich ihn pflegte, sonst hätte ich das gar nicht geschafft. Als er gestorben war, da habe ich dann richtig getrunken. Aber es gab auch andere Dinge … ich war immer zu streng mit mir. Ich nahm nie ernst, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Für mich selbst war ich charakterschwach, ein Schwächling, der sich gehen lässt. Diese Schuldgefühle habe ich auch betäubt. Und Gedanken und Ängste, dass ich nichts auf die Reihe kriege, etwas wieder nicht geschafft hatte, andere mich lebensuntüchtig fanden. Angst. Ich hatte mein ganzes Leben lang Angst. Dass ich etwas falsch mache, weil ich ja immer alles falsch gemacht habe. Das war der Schmerz in meiner Brust.

Weshalb wolltest Du vor sechs Jahren aufhören zu trinken?
Ich hatte schon Polyneuropathie, konnte nicht mehr laufen. Mein Hausarzt hatte gesagt, ich soll diese Langzeittherapie machen. Ich hab da in Bad Liebenwerda sogar wieder laufen gelernt. Es hat mir gut getan. Und dann kam ich zurück – und, weil ich vorher umgezogen war – in eine neue Umgebung. Meine Wohnung war neu, alles war neu … ich habe nochmal angefangen zu trinken. Das habe ich dann wieder mit einer Woche Entgiftung hingekriegt. Als ich mich zuhause eingerichtet hatte, eingelebt – wieder Rückfall. Wieder Entgiftung. Da in der Klinik hat mich jemand an die Hand genommen und gesagt: „Ich möchte Ihnen mal die PBAM-Beschäftigungstagesstätte in Schöneberg vorstellen.“ Hmmm, naja …, dachte ich so. Heute weiß ich, das ist genau das Richtige für mich gewesen. Ist es heute noch.

Wie half und hilft Dir die Tagesstätte, trocken zu bleiben?
Ich habe hier eine Tagesstruktur. Und musste lernen, mit anderen umzugehen: die Leute mit mir, ich mit den Leuten. Was ich überhaupt nicht kannte. Ich hatte sehr jung geheiratet und war immer nur mit meinem Mann und der Familie zusammen. Mal zu einer Veranstaltung, mit einer Freundin, das habe ich gar nicht gehabt. Das habe ich mir jetzt erst aufgebaut. Ich habe erst in der Tagesstätte gelernt, auf Menschen offen zuzugehen. Heute gehe ich auch mal alleine Kaffee trinken, in die Philharmonie, Bowlen, mache Ausflüge mit. Das ist ein ganz anderes Leben! Mein Leben hat sich so zum Guten gewendet!

Was durftest Du noch dort lernen?
Mich selber kennenzulernen. Gefühle zuzulassen. Darüber auch zu reden. Ich habe da wirklich zu kämpfen gehabt, es war nicht einfach, aber ich wusste: Sonst hast du nie Ruhe, kriegst nie den Frieden in dir.
Ich habe jetzt keine Angst mehr, in mich reinzugucken. Oder andere Leute anzusprechen. Anfangs konnte ja nicht einen Ton in der Gruppe rausbringen, ich wollte ja gar nicht erst hin. Ich saß da und hab gehofft, mich fragt niemand etwas. Und heute höre ich den anderen zu und erzähle selbst. Ich merke jetzt, dass ich etwas gebe und auch etwas mitnehme aus der Gruppe. Ich sehe, ach, da kannst du was ändern, Eva, das könntest du so und so machen. Ich nehme Dinge an und versuche, das umzusetzen. Und das geht gut. Was ich früher nicht für möglich gehalten habe: Überleg mal, in meinem Alter, ich werde 73, was ich noch annehmen kann! Ich bin den Mitarbeitern der Tagesstätte so unendlich dankbar! Ohne sie hätte man mich wohl irgendwann mal irgendwo in der Gosse gefunden …

Was hält Dich noch tagtäglich trocken?
Die Familie, die glaubt an mich. Mein Enkel Nico, der findet das toll, wie seine Oma jetzt ist. Ich merke, sie gehen jetzt anders mit mir um, ich gehe ja auch mit ihnen anders um. Ich werde wieder voll akzeptiert, meine Meinung wird angehört, ich werde wieder mit einbezogen in ihr Leben. Früher fühlte ich mich immer wie ein Anhängsel, war ich wahrscheinlich auch: Na, wir müssen sie ja einladen … Ich fühle mich wieder aufgenommen. So ein schönes Gefühl für mich!
Und das auch: Ob wir nun einen Ausflug machen mit der Tagesstätte, eine Dampferfahrt, zum Bowling gehen – ich sehe was anderes, mache was anderes, habe Spaß dran. Ich muss nicht der Weltmeister da werden, aber ich bin dabei und mach mit, das ist ein herrliches Gefühl. Auch in der Tagesstätte, wenn ich meine Blumen gieße oder was ich sonst für Aufgaben habe.

Was hast Du da noch für Aufgaben?
Meistens Tische abwischen nach den gemeinsamen Essen, Toilette putzen, eben die Pflanzen in allen Räumen gießen. Das macht mir auch Spaß. Ich kann ja nun nicht mehr so, stehe deshalb nur noch in der Küche, wenn Not am Mann ist. Und das Häkeln und Stricken in der Ergo-Zeit. Das macht mich auch glücklich. Sehr sogar, das mache ich oft auch Zuhause, wenn ich denke, du musst mal runterkommen. Es beruhigt mich. Für den Kieztreff nebenan häkeln und stricken wir gerade für die Kinder. Wenn man dann hört, dass es anderen Freude macht, was man tut, da bin ich immer ganz happy. Ich muss nicht nach „Weeßickwohin“ hinfahren, damit ich Freude hab. Mein Herz geht auf … auch bei so einfachen Dingen.


Du erlebst also täglich, dass Abstinenz Sinn macht?
Ja! Die Freude, die man haben kann, wenn man trocken ist …
Trocken kann man ganz anders denken. Sonst war ja fast nur der Gedanke an Alkohol da. Wie kommst du an den nächsten Stoff. Jetzt bin ich ja wieder mitten im Leben. Man kriegt doch alles ganz anders mit. Intensiver. Zum Beispiel, als ich aus der Philharmonie kam … ich kam da raus wie auf Wolke 7. Ich habe drei volle Busse weg fahren lassen, weil ich nicht in dieses Gedrängel rein wollte, ich wollte mir dieses Gefühl nicht kaputt machen lassen. Ich hab gewartet und bin dann ganz in Ruhe eingestiegen.
Ich achte heute auf mich, und auf meine Freizeit, mit der weiß ich heute umzugehen.

Du achtest auf Dich, was bedeutet das?
Na, dass ich das mache, was mir gut tut.
Früher habe ich nur funktioniert. Jetzt schaue ich erstmal auf mich selbst. Was tut dir gut, Eva? Ach, heute könntest du das machen – und wenn ich dann doch keine Lust habe, kann ich inzwischen auch schön zuhause bleiben, mal einen Tag Ruhe haben und fühle mich wohl dabei. Früher war ich unruhig, bin dahin, dorthin, rumgetigert. Heute kann ich auch mal auf der Couch liegen und ein Buch lesen. Mich ganz bewusst ausruhen.


Der Rückfall war Dir dabei auch eine Lehre?
Ja, ich seh das jetzt so. Ich fühlte mich damals überfordert. Heute passe ich besser auf. Ich gucke immer, dass ich nicht zwei Sachen an einem Tag habe, also wenn ich einen Arztbesuch habe, dann nicht mehr zur Bank gehe oder einholen. Ich mache eins. Und das reicht. Das ist mit dem Saubermachen genau dasselbe. Den einen Tag sauge ich, den anderen wische ich.

Für viele ist das Nichttrinken noch ein täglicher Kampf …
Bei mir war das auch noch lange so. Der Trinkteufel, wie aus unserem Tagesstätten-Film „Reingerauscht“: Der ist doch erst groß, wird immer kleiner und sitzt dann auf der Schulter. Und so war es bei mir. Ich bin zur Tagesstätte, zur Nachsorge, dahin und dahin, zur Gruppe, nicht an das Regal im Supermarkt, du gehst da lang … das ist das mit dem Stress. Ich habe immer nur dran gedacht, du darfst nicht trinken. Das hatte mich fertig gemacht. Da hab ich mir eines Tages gesagt, Eva, du machst dich irre. Irgendwas stimmt mit dir nicht. Du kannst doch so nicht leben. So nicht. Geh mal anders damit um. Und … der Trinkteufel wurde immer kleiner! Nicht dass er weg ist, im Gegenteil, er wurde immer kleiner, aber bleibt immer so präsent, dass er mich in solchen Situationen, wenn ich merke, halt, erinnert: da ist doch wieder der Teufel am Werk, da muss du jetzt gegensteuern.
Dieses andere umgehen damit. Er ist immer da, er wird kleiner, aber er ist da und gehört zu mir. Ich muss ihn nicht vorne auf der Stirn haben, damit ihn jeder sieht. Aber er ist immer bei mir. Der soll auch bleiben, bis ich die Augen zumache.

Aber bis dahin …
… will ich noch etwas von meinem Lebensabend haben. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, früher und heute. Dieses bewusste Leben heute! Ich habe früher auch alles gemacht, Haushalt, Arbeit, Kind, Enkel versorgt. Aber das läuft vor mir jetzt alles so ab wie ein Film, ich habe funktioniert. Ich habe gar nicht gewusst, wer ich bin, was ich will. Erschreckend, da lebst du ein ganzes Leben und jetzt merkst du sowas … Ich sehe die Blumen wieder, das Grün. An den kleinsten Knospen kann ich mich erfreuen. Aber ich will auch nicht sagen, dass ich etwas versäumt habe. Ich habe eben nur ein anderes Leben gelebt.
Ich bin heute so dankbar. Ich kann es nicht in Worte kleiden.

Dieses Leben möchte ich nie wieder aufgeben.

Das Gespräch führte Anja Wilhelm

 

Titelthema 5/19: Lotsennetzwerk

Lotsin Marion: „Ich bin so dankbar dafür, helfen zu dürfen“

Vor dem Haus der Anonymen Alkoholkrankenhilfe e.V. (AKB) in Berlin-Dahlem. Diesen Interview-Treffpunkt hat sich Lotsin Marion für heute gewünscht. Denn hier ist sie noch oft, sie nennt es dankbar ihr „Geburtshaus“ seit ihrer  6-Wochen-Therapie. Hier kam sie her, als sie nach einer Entwöhnungs-Reha im neuen, trockenen Alltag nicht zurechtkam.

Sie hat den Fuß schon aus der Tür ihres „dicken Brunos“, wie sie ihr kleines Auto liebevoll nennt. Letzte Worte ins Telefon sind noch zu vernehmen: „ … ich bin ja Potsdamerin. Ich würde dich aber gerne mit dem Berliner Lotsennetzwerk verbinden. Überleg dir nochmal, ob du wirklich willst und was du erwartest. Und dann sprechen wir nochmal? Toll, dass du angerufen hast!“

Marion hat sich extra eine Freisprechanlage zugelegt, damit sie tatsächlich immer erreichbar sein kann für Hilfesuchende … denn seit 2016, nach einer ersten Schulung durch die Brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen, ist sie in ihrer Freizeit als Lotsin unterwegs.

Weshalb bist Du Lotsin?
Um Menschen zu begleiten, die in Not sind, wie ich es auch mal war: Menschen, die in eine Klinik wollen, in der Klinik oder aus der Klinik auf dem Heimweg sind und nicht wissen, wie es weitergeht. Das hat mir damals gefehlt, der Anschluss ins normale Leben. Und als ich 2016 vom Lotsennetzwerk gehört habe, dachte ich, jetzt kannst du anderen das geben, was du dir damals gewünscht hast.

Du opferst Deine Freizeit für andere?
Ich opfere nichts, es „kostet“ mich gar nichts. Es gibt mir ganz viel. Weil: Die Zeit, die ich früher verbraucht habe, um Partys zu organisieren, danach aufzuräumen und wieder klarzuwerden, wo war ich, mit wem und wie … früher habe ich wahnsinnig viel telefoniert, wo habe ich mein Portemonnaie gelassen, wo ist mein Handy und wo muss ich mich entschuldigen … das habe ich ja jetzt alles nicht mehr! Ich habe ja unwahrscheinlich viel mehr Freizeit als zu der Zeit, als ich konsumiert habe. Und wenn ich diese Zeit heute nutze, anderen zu helfen, dann ist das genau die Zeit, die auch mir hilft, also mir geht keine Zeit verloren.

Wie hilft es Dir selbst, anderen zu helfen?
Es bringt mich dazu, meine eigene Geschichte anzugucken, immer wieder, da sind so viele Parallelen. Und ich bin dankbar dafür, dass die Menschen, überwiegend junge, mich um Rat fragen. Ich kann keine Ratschläge geben, aber ich kann sagen, wie ich es gemacht hab, vermitteln, wie ich lebe und meine Hilfe anbieten.

Wie kommt ihr in Kontakt?
Entweder laufen mir die Hilfesuchenden in den Selbsthilfegruppen über den Weg oder kommen direkt über die Koordinatorin des Lotsennetzwerkes in der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen. Das läuft dann so: Die Menschen sind in der Entgiftung oder Langzeit, gehen zu Sozialarbeitern dort und diese bieten dann Verbindung zum Lotsennetzwerk an für die Zeit danach.

Was genau tut ihr Lotsen?
In einer Vereinbarung mit dem Lotsennetzwerk wird der Zeitrahmen festgelegt, drei Monate meist. Dann die Wünsche des zu Lotsenden, die Form des Kontaktes, die Orte. Es sind neutrale Orten, z.b. in Cafés, Cleancafés, oder sowas wie Botanischer Garten … die junge Frau mit den zwei Kindern zum Beispiel, die ich jetzt noch begleite, hatte sich schon genau überlegt, an welchen Stellen sie sich von mir Unterstützung wünscht: Dass ich mal mit der Sozialarbeiterin spreche, mit der Familienstelle, mit dem ihr bestellten Betreuer. Das war gut so, wir konnten sie dadurch gut auffangen bei ihren Rückfällen. Von uns war immer jemand greifbar, um dafür zu sorgen, dass sie zum Beispiel wunschgemäß in eine Entgiftung kommt und nicht irgendwo vom Krankenwagen abgeliefert wird, sondern bei ihrer Wunschtherapeutin. Ansonsten treffen wir uns, um gemeinsam ins Meeting zu fahren. Für Neue erst mal angstbesetzt, eine Hemmschwelle. Wenn die junge Frau mit den Kindern aus der Langzeit zurück ist, werde ich sie wieder treffen. Sie hat jetzt eine stabile Partnerschaft, die beiden haben sich in der Klinik kennengelernt. Und im Moment sind beide der Meinung, wenn sie einander haben, ist das ausreichend. Aber dass sich zwei weichgekochte Spaghetti nicht stützen können, das wissen wir ja alle, er hatte Rückfälle, sie auch. Wir können uns das nur angucken, zusammen mit ihrer Betreuung. Und schauen, dass wir eine geeignete Selbsthilfe für sie finden vor Ort. Zwei andere Lotsen, die in ihrer Nähe wohnen, würden sie in die Gruppen vor Ort integrieren. Sie kann die Kinder mitbringen und in der Freizeit wird auch viel gemeinsam gemacht. Ich hoffe, wir bekommen sie da integriert. Das ist so meine Vision.

Was erwarten die zu Lotsenden noch von dir?
Die junge Mutter zum Beispiel hat sich in ihrer Vereinbarung gewünscht: Regelmäßige, kurze Telefonate mit mir. Eine Zeit lang hat sie das fast jeden Tag gebraucht. Das wird im Laufe der Zeit weniger. Begleitung zum Beginn der Tagestherapie, Kennenlernen und Begleitung zu Selbsthilfegruppen, Stütze in der Vorbereitung der Langzeittherapie bis hin zum Erstellen einer Packliste, wo muss ich mich abmelden, es sind ja vier Monate, da ist ne Menge vorzubereiten. Und vieles andere ergibt sich.
Es gab auch schon exotische Wünsche. Eine Frau wollte Hilfe bei: wie bedient man ein Handy, einen PC, wie richtet man eine Wohnung ein, wie trennt man sich vom Partner, wie erlangt man Selbstsicherheit, wie fährt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wie fahre ich Rolltreppe, wie gehe ich mit meinen Ängsten um …

Was machst Du mit solch besonderen Wünschen?
Mich klar positionieren, wobei ich Unterstützung geben kann und wo nicht. Wenn es zum Beispiel um Schulden geht wie bei vielen, vermittle ich an die Schuldnerberatung. Aber das mit dem Handy war sehr wichtig, denn ohne Handy hätten wir ja nicht telefonieren können. Wegen des PCs habe ich sie zur Volkshochschule vermittelt, zu ihren Ängsten habe ich ihr Unterstützung verschafft durch die psychiatrische Institutsambulanz Potsdam. Das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln haben wir trainiert, indem wir in die Meetings gefahren sind.

Bist du als Lotsin Tag und Nacht ansprechbar?
Ja, aber das machen nicht alle Lotsen so. 24 Stunden und das 7 Tage, 24-7, das kommt auch aus dem Genesungsprogramm aus den USA: Weil ich weiß, wie wichtig das für mich ist, 24/7 jemanden anrufen zu können, wenn es mir schlecht geht. Es wird aber kaum genutzt, sie fragen meist, bis wann können wir ernsthafte Dinge bereden, dann sage ich inzwischen, bis 20.30 Uhr können wir uns ein Problem angucken. Natürlich, wenn Saufdruck da ist, auch nachts!

Was passiert bei einem Rückfall des zu Lotsenden?
Das kann ja jedem von uns Süchtigen passieren. Gerade diese Menschen sind ja dann so verzweifelt und von sich enttäuscht, in Schuld und Scham gefangen und brauchen eine vertraute Person. Dann begleite ich sie zum Beispiel in die Entgiftung. Ich sage, schön, dass du wieder da bist. Was ist für dich das Ziel, wie kann ich dich unterstützen?


Hast Du eine Begleitung auch mal abgebrochen?
Ja. In der Verlängerung wollte eine Frau gerne eine begleitete Teilnahme an Kulturveranstaltungen ohne Suchtdruck, Kabarett, Theater Konzerte, wo ja in der Pause Leute mit Sektgläsern stehn. Fand ich gut, das ist auch für mich immer noch eine Herausforderung, und wenn wir dann schon zwei Süchtige sind, sind wir uns gegenseitig Stütze. Aber als sie mir dann erklärte, wir könnten doch auch mal in einen Biergarten gehen, – da bin dann ausgestiegen. Ich habe gesagt, wenn du in einen Biergarten gehen möchtest … du bist frei. Ich mache das nicht mit, ich gehöre nicht in einen Biergarten.

Natürlich war die Begleitung bis dahin trotzdem hilfreich, sie blieb eine Zeit lang trocken, hat Selbsthilfegruppen kennen gelernt, sich stabilisiert, war in der Tagesklinik … aber wenn sie dann der Meinung ist, sie muss wieder trinken, muss ich das akzeptieren.

Irgendwann bist Du für jeden Gelotsten „weg“. Bereitest Du das vor?
Über die Selbsthilfe, sie haben, wenn sie mit mir mitgegangen sind, dann die Gruppen. Die Möglichkeit, sich mit den Menschen dort zu verbinden. Aber es ist schwer, so eine Vorbereitung aufs Selberlaufenlernen in drei Monaten zu schaffen, die Menschen fokussieren sich ja komplett auf uns als Lotsen und können sich gar nicht vorstellen, dass die Zeit irgendwann vorbei ist, wo sie ständig jemanden anrufen können, wenn der Schuh drückt.

Gibt es für dich Erfolgserlebnisse?
Ja. Jeder Anruf ist ein Erfolgserlebnis, denn wenn Menschen sich dazu bekennen, dass sie ein Problem haben mit ihrer Sucht und bereit sind, sich Hilfe zu holen, ist das schon ein Erfolg. Erfolg ist auch, wenn so ein junger Mensch sagt, ich komme mal mit dir mit in die Selbsthilfegruppen.

Oder … zum Beispiel die junge Frau, die ich gelotst hatte und die jetzt selbst eine Selbsthilfegruppe leitet. Wenn ich dieses Mädel sehe, wie kaputt sie mir damals in die Arme gefallen ist und mich fast angefleht hat, sie möchte nur noch mit mir mitgehen … überall, wo ich hingehe, wolle sie auch hingehen, sie will auch so ein fröhliches Leben haben wie ich jetzt.

Und auch eine Frau aus einer sehr hoch angebundenen Position in der Wirtschaft, die jetzt wieder ihre Frau stehen kann. Da ist bei mir so viel Dankbarkeit, dass sie das annehmen konnte, was ich zu bieten habe, das ist ja nicht viel, das sind ja nur meine Erfahrungen. Und sie ist voller Dankbarkeit, dass ich für sie da war, als ihre Familie sie verstoßen hatte, als ihr Mann nichts mehr von ihr wissen wollte, als sie nicht mehr arbeiten gehen konnte, weil der Saufdruck größer war als ihre Kraft, die sie hatte.

Wie passt Du auf Dich selbst auf, wenn Du immer für andere und ihre Probleme da bist?
Ich mach es inzwischen auch mal so, dass ich nicht ans Telefon gehe und mein AB sagt: „Ich kann jetzt nicht telefonieren, rufe später zurück. Sollte ihr Anliegen sehr wichtig sein, schicken sie mir bitte eine SMS.“ Und wenn dann per SMS kommt, „ich habe Saufdruck“, dann rufe ich zurück, egal, um welche Uhrzeit.

Mittlerweile ist die Selbsthygiene Selbstverständlichkeit. In der Anfangszeit bin ich teilweise sehr intensiv eingestiegen, auch emotional. Das ist jetzt kaum noch so. Ich nutze jede Chance, über die Landesstelle an Weiterbildungen teilnehmen zu können und da gibt es solche Themen wie Selbstfürsorge und Abgrenzung, Vergebung, Trauerarbeit, wenn Menschen den Weg nicht weiterverfolgen können und rückfällig werden und auch sterben … ja, das ist schmerzlich, aber ich habe gelernt, es ist nicht meine Baustelle, nicht mehr. Und ich hab ja selbst auch die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen, jemanden anzurufen oder in den SHGs etwas zu teilen. Und wenn alles nichts hilft, putze ich Schuhe. Inklusive Fußbettauswaschen, Einlagenpflege …, um aus dem Kopf herauszukommen. Das hilft wirklich!

Was tust Du noch zum Selbstschutz?
Ich gehe zum Beispiel nicht alleine, um jemanden irgendwo abzuholen und in die Entgiftung zu bringen, und wir holen auch immer einen Krankenwagen dafür. Die Betroffenen sind ja auch in Gefahr, falls sie kollabieren unterwegs. Auch Telefonate zu begrenzen ist Selbstschutz, ich sage vorher, ich stelle meinen Wecker, der piept dann nach 20 min. Und wenn er dann piept, verabschiede ich mich auch aus der Leitung, vorher fassen wir nochmal zusammen: du wirst zum Sozialdienst gehen, du wirst dieses und jenes tun und dann kannst du dich wieder melden. Oder du gehst jetzt in die Entgiftung. Möchtest du dich selbst um den Platz kümmern, oder brauchst du meine Unterstützung?

Wir haben auch ganz klare Vereinbarungen: wenn getrunken wurde, macht es keinen Sinn, wenn sie mich anrufen, ich bin keine Telefonseelsorge und auch kein Therapeut. Da ist die Suchtklinik die erste Adresse. Wenn sie dort aber abgewiesen werden mit der Begründung: Sie sind den Monat schon das dritte Mal bei uns … dann rufen sie mich an und ich kümmere mich. Und wenn sie dreimal die Woche dahinkommen: jemanden, der um Hilfe bittet, den können sie nicht wegschicken.

Und: Ich werde selbst auch gelotst, habe eine Sponsorin bei den AA, sie begleitet mich durch alle Höhen und Tiefen.

Wie seid ihr Lotsen vernetzt untereinander?
Wir sehen uns alle zwei Monate beim Lotsentreffen, verbunden mit einer Schulung durch Therapeuten aus umliegenden Kliniken. Wir haben auch ein Notfallnetzwerk, wo wir diese Therapeuten und Ärzte anrufen können: Dieser Mensch hier ist in Not, er braucht sofort erstmal ne Entgiftung – und dann gibt es schnelle Hilfe, es ist unglaublich.

Hast Du ein Ziel für die zu Lotsenden?
Ja. Zufriedene Abstinenz. Das, was ich auch geschenkt bekommen habe. Nix mehr nehmen zu müssen, zu wollen, es nicht mehr zu brauchen. Das versuche ich zu vermitteln als oberstes Ziel, indem ich das auch vorlebe.

Titelthema 04/19: „Egal, was passiert – gesoffen wird nicht!“

Serie: Trocken bleiben, aber wie?

„Egal, was passiert: Gesoffen wird nicht!“

Seit unserer ersten Ausgabe 2019 stellen wir Menschen vor, die seit längerer Zeit trocken leben. Wir wollen wissen, wie sie das geschafft haben, jeden Tag aufs Neue, bis daraus Mo­nate und Jahre wurden. Ihre Erfahrungen können vielleicht dem einen oder anderen Betroffe­nen auch hilfreich sein. Heute sprechen wir mit Hans-Jürgen Schwebke aus Berlin, seit 15 Jahren abstinent, seit seiner Langzeittherapie in der Fontaneklinik Motzen.

Wann hattest Du überhaupt zu trinken begonnen – und weshalb?
Meine ersten Erfahrungen hatte ich mit fünf Jahren. Die haben auch mit dem Missbrauchsge­schehen als Kind zu tun und mit den menschenunwürdigen Unterbringungsbedin­gungen. Ich habe als Waise bei einer alleinstehenden Pflegemutter gelebt, litt oft unter Hunger und Angstzuständen und wurde körperlich misshandelt. Ich musste schwere Kinderarbeit in ihrem Kunstgewerbegeschäft leisten. Dabei habe ich ganz früh Er­leichterungstrinken erfahren, Wein war mir unbeaufsichtigt zur Verfügung. Ich lernte, mit Alkohol und Tabletten Schmerzen zu verdrängen. Meine Pflegemutter bekam Westpakete, in deren Kaffeetüten Tabletten geschmuggelt waren. Ich hatte Tabletten und Kaffeebohnen auseinander zu sortieren. Und Kinder probieren aus. Das hat sich schleichend immer weiter entwickelt. Im Kinderheim später habe ich gesagt, ich geh zu Mitschülern, Hausaufgaben machen, aber dann haben wir Fußball geguckt und dabei was getrunken oder waren in Kneipen. So habe ich mich immer um Nachschub für meinen Alkoholkonsum gekümmert und auch Möglichkeiten gefunden. Ja, ich hab in der EOS (Gymnasium, d. R.) Vorträge halten müssen vor der Schüler- und Lehrerschaft, und habe vorher immer getrunken. Flachmänner oder in der Kneipe zwei, drei Bier, um locker und selbstbewusst zu sein, was ich tatsächlich nicht war.

Wann und wie wurde Dir bewusst, dass Dein Alk-Konsum nicht „normal“ ist?
Ich habe fast 25 Jahre gebraucht zwischen meiner ersten Wahrnehmung, da könnte ein Problem sein, bis zur relativen Gewissheit und noch einmal fünf Jahre, bis es krachte. Es begann 1974 bei der Armee, da stellte ich irgendwann mal fest, auf der Bude mit zwölf Leuten, alle rauchten, außer mir. Da fragte ich mich, warum rauchst du nicht, trinkst aber feste mit? Und: Könntest du dir vor­stellen, dass du mal nicht trinkst? Das machte mir plötzlich Angst. Später habe ich Literatur zum Thema gesucht, begann zu blättern, aber dann wollte ich es gar nicht lesen… Immer wieder machte sie mir Angst, diese wahnsinnige Vorstel­lung, ohne Alkohol leben, das geht gar nicht.
Bewusst ist mir das Problem aber erst geworden, als ich 2003 so viel getrunken hatte, dass ich meine Kündi­gungsklage vom Vermieter bekam, mir der Strom abgeschaltet und der Telefonanschluss gekündigt wurde.

Was passierte da?
Nachdem ich die Räumungsklage bekam, fragte mich eine Mitar­beiterin des Sozialamts Friedrichshain, Abteilung zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit, am Telefon, warum ich denn keine Miete zahle. Und da platzte es aus mir raus: Weil ich trinke! Das war das erste Mal, dass ich das öffentlich aussprach und zugab. Es war ein hochemotionaler Moment der Erleichterung: Jetzt hast du es gesagt. Und da meinte die Mitarbeiterin: Na, dann kommen Sie mal zu mir. Und ich bin losgestiefelt.
Vorher und nachher hatte ich auch Termine bei Hilfevereinen wegen Umschuldungsversuchen. Ich habe dann immer vor der Tür gestan­den, bin wieder abgehauen und in die nächste Kneipe. Da war die Scham noch sehr groß. Es überkam mich jedes Mal, es lieber wegzutrinken, als mich tatsächlich da nackig zu machen.
Dieser eine Anruf damals war der zentrale. Als ich auflegte, dachte ich: Jetzt musst du aber dran bleiben. Jetzt ist es raus: Ich zahle keine Miete, keinen Strom und keine Telefongebühren, weil ich saufe und das Geld dafür brauche.
Dann habe ich alle Schritte unternommen: Sozialpsychiatrischer Dienst, Suchtberatung SPI, Gruppe, Hausärztin und andere Spezialisten. Der Kardiologe sagte mir auf den Kopf zu: Sie können den Aus­stieg in den Einstieg alkoholbedingter Schädigungen in nur noch wenig Zeit schaffen. Das war – nach einer klaren Ansage von Karla – das dritte starke Argument für meine Umkehr.

Welche Rolle spielte Deine Lebenspartnerin?
Karla und ich lebten in getrennten Wohnungen. Sie ahnte, nein, sie wusste es. Ein halbes Jahr vorher hatte sie schließlich gesagt: Wenn du bei mir was trinken willst, dann musst du dir deinen Alkohol selbst mitbringen. Sie hat nicht gesagt, du trinkst zu viel, hat mir keine Vorwürfe gemacht, sondern die Botschaft war: Deinen Suff bezahlste alleine. Als hochsensibler Mensch war das für mich die höchste Form der Kritik an mir in dieser Frage. Das waren starke Vorboten dafür, dass nicht irgendwann, sondern recht bald angesagt ist: Entweder du hörst auf oder du bleibst liegen und krepierst.

Dann bist Du zur Entwöhnung. Wie schwer fiel es Dir, nichts mehr zu trinken? Hattest Du Suchtdruck?
Ich kann mit dem Begriff Suchtdruck nichts anfangen, weil es mir so nicht passiert ist. Ich habe es durch die Langzeit-Entwöhnungsbehandlung als eine große Befreiung empfunden, nicht mehr trinken zu müssen. Mir wurde bewusst, dass ich alles geleistet habe, was man von mir erwartete – aber nur mit Hilfe des Trinkens … und dass ich den unbedingten Willen hatte, jedem und allen zu gefallen, dass ich mir Liebe und Anerkennung erkaufte durch gute Arbeit, durch Jedem-Helfen, ja das war gnadenlose Anpassung.
Das alles nicht mehr tun zu müssen, durch dieses Klinik-Gelände zu laufen und die Blumen, die Tiere zu sehen, wieder Natur zu riechen, essen zu lernen, mitzukriegen, was mir schmeckt und was nicht – all das war ja  verschüttet in mir. Mein erstes Kuscheltier schenkte man mir in Motzen. Zum Ab­schluss bekam ich eine Pflanze (winziger und kleiner Ableger) geschenkt, die ich immer noch hüte und pflege. Das erste Märchen, was mir jemals vorgelesen wurde, hörte ich nach der Entwöhnung bei einer Psychologin.
Es gab so unglaublich viele kleine Momente, die zum ersten Mal in meinem Leben passierten – und das wollte ich nun nie wieder aufgeben.

Hattest Du auch in der ersten Zeit kein Verlangen? Wenn Du an Alk-Regalen vorbeige­gangen bist vielleicht?
Ich hatte für den 5. Januar den Klinik-Termin. Ein guter Anlass, Silvester aufzuhören, dachte ich. Ich war vorher bei der Suchtberatung, bei der Hausärztin, die mir vorsorglich Rezepte mitgegeben hat für den Fall, dass es notwendig wäre. Unter Karlas Aufsicht habe ich dann wahnsinnig viel Wasser getrunken, das Ziel vor Augen, du musst nüchtern in der Klinik an­kommen. Die fünf Tage war ich wirklich nur in der Wohnung. Und schon danach habe ich mich plötzlich so wohl gefühlt, so wach, dass ich dachte: Das darfst du nicht wieder aufgeben. Dann bin ich in Motzen eingezogen und es nahm seinen Lauf.
Ich hab es also gar nicht zugelassen, irgendwo nochmal ein Regal anzugucken. Das war mein Selbstschutz.
Was ich nicht verstanden habe … dass später während der Adaption Leute als Praktikanten im Super­markt gearbeitet und die leeren Bierflaschen hinter den Automaten sortiert haben. Ich hab mich bewusst diesen Dingen nicht ausgesetzt. Diesen Versuch, probiere mal aus, ob du dem widerstehen kannst, habe ich zu vermeiden versucht.

Hast Du das später im Alltag so fortgesetzt?
Ja. Ich gehe auch heute noch bewusst nicht an Alkoholregalen vorbei. Weil ich keinen kaufe, und meine Freunde wissen: Wer zu mir kommt und unbedingt Alk trinken will, der hat ein Problem. Meinen 50. Geburtstag habe ich im alkohol-und drogenfreien Café Garbe gefeiert. Und viele Freunde waren erstaunt, dass das geht.

Bei Dir ist alkoholfreie Zone?
Ja. Und wenn Karla bei sich Feiern hatte, war unsere Abmachung: Ich nehme mir das Recht heraus, zu gehen, wann ich es für richtig halte. Ohne es begründen zu müssen.
Während der Therapie, als eine Übungsheimfahrt anstand, habe ich Zuhause als ein Ritual alle Gläser, aus denen Alkohol getrunken wurde, zerschlagen. Ich saß eine halbe Nacht in der Küche und habe mit einem kleinen Hämmerchen alle Gläser zertrümmert. So, dass nur noch Was­sergläser übrigblieben. Weil ich davon ausgehe, dass ich nicht zum Schein ein Sektglas nehmen werde und darin Wasser ist. Die Leute können ruhig sehen, dass ich keinen Alkohol trinke.
Ich bin auch heute noch sehr aufmerksam. Das hält mich trocken. Kein alkoholfreies Bier, kein Rasierwasser mit Alkohol, keine noch so kleinen Ausnahmen genehmige ich mir. Ich habe die Kontrolle über den Genuss von Alkohol verloren. Was ich aber heute aus freien Stücken kann, ist, das erste Glas stehenzulassen.

Diese absolute Entscheidung für die Abstinenz hilft beim Trockenbleiben?
Ja, ja! Ich glaube, je früher und je bewusster die Entscheidung für einen abstinenten Lebensweg ge­troffen wird, je klarer diese Entscheidung ist – also ohne diese Rückversicherung, vielleicht kannst du ja irgendwann wieder normal trinken –, desto leichter wird sie durchzuhalten sein.
Ich habe sehr viele Mitpatienten erlebt, die einem fremdbestimmtem Auftrag nachgegangen sind. Das ist ja kein verwerfliches Motiv. Im Gegenteil. Jede Phase, die man trocken oder ohne Alkohol lebt, ist eine gesunde Phase. Dieses „Ich will den Führerschein wiederhaben“ oder „Meine Frau will sich tren­nen“ und so weiter sind alles starke Motive und können ein Auslöser für Entgiftung und Entwöh­nung sein. Aber wenn ich meine Alkoholabstinenz an ein Le­bensziel binde und dieses Lebensziel ist erreicht, ja was dann? Wofür bleibe ich dann noch trocken? Es zum Ausgangspunkt zu bestimmen, ja, aber zum Endpunkt und danach kann ich ja mal wieder, das funktioniert aus meiner Sicht nicht.

Hast Du eine Art Warnsystem und andere Hilfen?
Als Karla im Sterben lag und ich im Krankenhaus mit Kreislaufproblemen zusammensackte, kam schnell ein Arzt und das erste, was ich sagte, war: Ich bin Alkoholiker, nehmen sie keinen Alkohol. Ich wusste nicht, was der mit mir machen wird, ich habe es ganz schnell ausge­sprochen, falls ich bewusstlos werde und die mir irgendwelche Lösungen geben.
Und ich bin offen damit umgegangen nach dem Entscheid damals, zu der Frau zum Sozialamt zu ge­hen. Da habe ich Freunde eingeweiht, Karla auch. In der  Hoffnung, dass sie mich erinnern, wenn ich wieder auf einen Abweg komme.
Im meinem Portemonnaie habe ich den Hinweis: Ich bin Alkoholiker, und die Num­mer der Suchtberatungsstelle.
Ich lade über Facebook viele ein, mit mir den Trockengeburtstag an jedem 1. Januar des Jahres zur Kenntnis zu nehmen und mir Anerkennung und Lob zukommen zu lassen.
In meiner Apotheke habe ich die Suchterkrankung angegeben, damit bei Verschreibungen von Medikamenten ein Warnsignal im PC kommt, wenn sie Gefahr für die Sucht darstellen sollten.
Wenn ich keine Ahnung habe, ob in Lebens­mitteln Alkohol ist, lasse ich sie im Regal des Supermarktes liegen. Das kommt oft vor, wenn ich keine Lesebrille mithabe.
Ich bin in drei Gruppe auf Facebook zu diesem Thema unterwegs.
Wenn ich zu Feiern gehe, frage ich offen nach, wenn ich das Gefühl habe, dass Alkohol in Speisen versteckt vorkommt.
Zu meinem ersten Trockengeburtstag habe ich mir einen Ring gekauft und das Datum des Beginns der Abstinenz eingravieren lassen. Ich trage ihn heute noch und ich fühle, dass es eine runde Sache ist, sich jedes Jahr wieder mal an den Anfang zu erinnern. Genauso geht es mir, wenn ich zum 1. Samstag im September eines Jahres zum großen Jahrestreffen nach Motzen fahre und am großen Absti­nenzritual teilnehme, was mich immer stolz macht. Ich kann jedes Jahr für ein Jahr Abstinenz länger stehen bleiben.

Wie gehst du nun mit den Dingen um, bei denen du vorher Alk brauchtest?
Zum Beispiel dem nachzutrauern, dass man keine Familie hat, keine Angehörigen, dass man überall fremd ist, dass man überlegen muss, wo geht man Weihnachten hin … diese Gefühle kann ich natürlich heute nicht wegtrinken. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sie aushalten kann. Der Schmerz ist nicht weniger. Aber das Schöne ist, zum Beispiel diese Weihnacht, sie kommt wie eine Wolke, sie kommt heran und fliegt dann auch wieder weg. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Und da muss man sich nicht so fokussieren und trauern. Also die Schmerzen bleiben, aber sie sind anders aushaltbar. Und dass ich dafür den Alkohol nicht mehr brauche, ist eine schöne Erfahrung. Therapeut Herr Meschede aus der Fontaneklinik, selbst trockener Alkoholiker, hat immer gesagt: Egal, was passiert, gesoffen wird nicht! Solche Kernsätze helfen mir oft.
Das war mir auch in Erinnerung, als Karla im Sterben lag. Ich habe nicht geglaubt, dass man trinken muss, wenn eine Familienangehörige stirbt. Ich habe es verstanden, wenn Leute es tun. Man muss dann gucken, dass man wieder aufsteht. Für mich habe ich es ausgeschlossen, aber auch oft in Erinne­rung an Herrn Meschede und solcher Sprüche. Ich bin froh, die dramatischen Stunden und Wochen um Karlas Tod trocken bewältigt zu haben.

Welche Kernsätze sind noch für Dich hilfreich?
Als es um notwendige Veränderungen im sozialen Umfeld und Gewohnheiten ging, als Vo­raussetzung für einen gelingenden Abstinenzweg, bekam ich als Mensch, der Angst vor Veränderun­gen hat, Angst. Beruhigend auf mich wirkte die Ansage: Überprüfen Sie alle Veränderungen auf Gefah­ren. Nehmen Sie im ersten Jahr keine Veränderungen ohne Not vor. Bleiben Sie erst einmal ein Jahr trocken. Dienen die notwendigen Veränderungen aber einem trocke­nen Umfeld, dann nehmen Sie diese vor. Daraus entwickelte ich die Handlungsanleitung für mich: Stopp! Dient das, was du jetzt vorhast, der Abstinenz oder destabilisiert es dich – dann lass‘ es!
Ein weiterer Spruch: Beginnen Sie mit dem Aufdecken von Problemen mit Hilfe der Tiefenpsychologie, z. B. bei der Aufarbeitung von Kindheitserlebnissen, nicht in den ersten ein, zwei Jahren nach der Entwöhnungsbehandlung. Vieles löst sich auch durch die Abstinenz.

Hast Du deshalb erst so spät nach Deiner Familie gesucht?
Ja. Als soziale Waise vom ersten Tag meines Lebens an, in Heimen aufgewachsen und ohne eine Familie zu haben, trug zu meiner Alkoholkrankheit bei. Sucht kommt von Sehnsucht. Die Um­stände dafür herauszufinden, zu erfahren, wer deine Familie ist und ob die noch lebenden Familien­mitglieder dich nach über 50 Jahren annehmen werden, war mit großen Ängsten verbunden. Ich habe damit erst zehn Jahre nach meiner Entwöhnung begonnen. Heute weiß ich einige Familienangehörige an meiner Seite, aber wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.
Mit dem medialen Aufkommen der Missbrauchsskandale wurde ich zunehmend depressiver, hatte seelische und körperliche Schmerzen. 2010 wandte ich mich an Tauwetter, eine Anlaufstelle für als junge sexuell missbrauchte Männer. In einem langjährigen Prozess mit vielen Unterbrechungen habe ich erst nach vielen Schritten der Stabilisierung den Schritt getan, 2016 einen Antrag auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) in Verbindung mit dem BVG (Bundesversorgungsge­setz) zu stellen. Dabei geht es um die Anerkennung von gesundheitlichen Schäden. So befasse ich mich mit dem Thema schon über neun Jahre bewusst und mit großen emotionalen Aufs und Abs, wiederkehrenden Depressionen und Retraumatisierungen.

Wie hast Du das ohne Rückfall gemeistert?
Bis zu ihrem Tod im Oktober 2017 hatte ich eine großartige, starke, bescheidene und kluge Frau an meiner Seite. Karla gab mir Kraft und vertraute mir. Das gab mir Mut und Halt.
Stabilisierung ist die Voraussetzung all der Schritte, die Schlimmes aufbrechen können. Deshalb suche ich seit 2003 die Suchtberatungsstelle des SPI Friedrichshain auf. Nach der Entwöhnung in Motzen hatte ich eine viermonatige Adaption gemacht. Dann anderthalb Jahre Nachsorge. Immer wieder nutzte ich die Suchtberatungsstelle, wenn ich Unsicherheiten und Krisen zu bewältigen hatte. Und das bis heute. Psychotherapie, Rat-Suche bei Tauwetter und Stabilisierung bei der Berliner Opferhilfe e. V. durch einen Traumaspezialisten gehören ebenso dazu wie das häufige Schreiben von Artikeln für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Dein Fazit?
Für mich war es eine Befreiung, vom Alkohol loszukommen. Ich bin aufgeblüht, habe  das Leben in vollen Zügen (an)genommen und bin nicht krepiert. Denn das vergesse ich nicht: Alkoholismus ist eine tödliche Krankheit. Und ist der Alkohol weg, bekommst Du es mit Dir selbst zu tun. Das habe ich als Herausforderung immer wieder annehmen können im  trockenen Zustand. Es lohnt sich.

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