Wie Sucht-Lotsen helfen können


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Schlagzeuger/in dringend gesucht! Von Band „Trock’n Roll“ – Trocken rocken in Berlin.

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VORSCHAU:

* Diesmal hat unsere Ausgabe, gefördert von der Suchtselbsthilfestiftung, ein Sonderthema: „Im Fahrwasser der Sucht? Wie Sucht-Lotsen helfen können.“ Wer sind sie? Was tun sie?
Wir stellen Ihnen Lots/innen im Porträt vor (zur Leseprobe),  erzählen, wie die Lotsennetzwerke überhaupt entstanden sind, wie das bundesweite Netzwerk arbeitet und berichten vom Lotsenfachtag in Berlin
* Wenn Betroffene einen Film über Betroffene drehen: „Wieder reingerauscht – warum“? Die Filmgruppe der PBAM-Beschäftigungstagesstätte stellt ihren neuen Film vor – und wie er entstanden ist.
* Aktuelle Berichte über Aktionen sowie Rezensionen und persönliche Erfahrungsberichte fehlen auch diesmal nicht (zur Leseprobe).
* In AnDi’s Gedanken zur Zeit geht es diesmal um: „Die „Blauen“ und meine Lebensqualität“(zur Leseprobe)
* Sehen Sie selbst, was Sie noch erwartet: Zum Inhalt der Ausgabe.



Bitte um Mithilfe

Liebe Leserinnen und Leser,

Wir, das TrokkenPresse-Team, wollen Ihnen diese Zeitschrift auch weiterhin anbieten können.
Leider könnte das aber bald nur noch ein Wunsch bleiben …

Weil eine Förderung demnächst auslaufen wird, können wir die Entstehungskosten bald nicht mehr finanzieren. Denn Verkauf, Abos und Anzeigen erwirtschaften dafür nicht genug. Den geringen Verkaufspreis wollen wir aber gerne so belassen, damit sich alle Interessierten die TrokkenPresse leisten können.

Wir sind also händeringend auf der Suche nach neuen Förderern, Spendern und Sponsoren!
Und Sie könnten uns bei dieser Suche unterstützen!

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Spendenkonto: 

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Danke im voraus an Sie,

Ihr TrokkenPresse-Team



Zur Erinnerung: Mehr Infos zu unserem neuen Buch im TrokkenPresse Verlag: trokkenpresse.de/trocken-leben-aber-wie/

 

 

 



Wollen Sie mitrappen?
Die Selbsthilfebewegung hat jetzt eine eigene Hymne: „Zusammen“, hier der Link: www.youtube.com/watch?v=oNMWn6foclU

 

 

Titelthema 04/19: „Egal, was passiert – gesoffen wird nicht!“

Serie: Trocken bleiben, aber wie?

„Egal, was passiert: Gesoffen wird nicht!“

Seit unserer ersten Ausgabe 2019 stellen wir Menschen vor, die seit längerer Zeit trocken leben. Wir wollen wissen, wie sie das geschafft haben, jeden Tag aufs Neue, bis daraus Mo­nate und Jahre wurden. Ihre Erfahrungen können vielleicht dem einen oder anderen Betroffe­nen auch hilfreich sein. Heute sprechen wir mit Hans-Jürgen Schwebke aus Berlin, seit 15 Jahren abstinent, seit seiner Langzeittherapie in der Fontaneklinik Motzen.

Wann hattest Du überhaupt zu trinken begonnen – und weshalb?
Meine ersten Erfahrungen hatte ich mit fünf Jahren. Die haben auch mit dem Missbrauchsge­schehen als Kind zu tun und mit den menschenunwürdigen Unterbringungsbedin­gungen. Ich habe als Waise bei einer alleinstehenden Pflegemutter gelebt, litt oft unter Hunger und Angstzuständen und wurde körperlich misshandelt. Ich musste schwere Kinderarbeit in ihrem Kunstgewerbegeschäft leisten. Dabei habe ich ganz früh Er­leichterungstrinken erfahren, Wein war mir unbeaufsichtigt zur Verfügung. Ich lernte, mit Alkohol und Tabletten Schmerzen zu verdrängen. Meine Pflegemutter bekam Westpakete, in deren Kaffeetüten Tabletten geschmuggelt waren. Ich hatte Tabletten und Kaffeebohnen auseinander zu sortieren. Und Kinder probieren aus. Das hat sich schleichend immer weiter entwickelt. Im Kinderheim später habe ich gesagt, ich geh zu Mitschülern, Hausaufgaben machen, aber dann haben wir Fußball geguckt und dabei was getrunken oder waren in Kneipen. So habe ich mich immer um Nachschub für meinen Alkoholkonsum gekümmert und auch Möglichkeiten gefunden. Ja, ich hab in der EOS (Gymnasium, d. R.) Vorträge halten müssen vor der Schüler- und Lehrerschaft, und habe vorher immer getrunken. Flachmänner oder in der Kneipe zwei, drei Bier, um locker und selbstbewusst zu sein, was ich tatsächlich nicht war.

Wann und wie wurde Dir bewusst, dass Dein Alk-Konsum nicht „normal“ ist?
Ich habe fast 25 Jahre gebraucht zwischen meiner ersten Wahrnehmung, da könnte ein Problem sein, bis zur relativen Gewissheit und noch einmal fünf Jahre, bis es krachte. Es begann 1974 bei der Armee, da stellte ich irgendwann mal fest, auf der Bude mit zwölf Leuten, alle rauchten, außer mir. Da fragte ich mich, warum rauchst du nicht, trinkst aber feste mit? Und: Könntest du dir vor­stellen, dass du mal nicht trinkst? Das machte mir plötzlich Angst. Später habe ich Literatur zum Thema gesucht, begann zu blättern, aber dann wollte ich es gar nicht lesen… Immer wieder machte sie mir Angst, diese wahnsinnige Vorstel­lung, ohne Alkohol leben, das geht gar nicht.
Bewusst ist mir das Problem aber erst geworden, als ich 2003 so viel getrunken hatte, dass ich meine Kündi­gungsklage vom Vermieter bekam, mir der Strom abgeschaltet und der Telefonanschluss gekündigt wurde.

Was passierte da?
Nachdem ich die Räumungsklage bekam, fragte mich eine Mitar­beiterin des Sozialamts Friedrichshain, Abteilung zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit, am Telefon, warum ich denn keine Miete zahle. Und da platzte es aus mir raus: Weil ich trinke! Das war das erste Mal, dass ich das öffentlich aussprach und zugab. Es war ein hochemotionaler Moment der Erleichterung: Jetzt hast du es gesagt. Und da meinte die Mitarbeiterin: Na, dann kommen Sie mal zu mir. Und ich bin losgestiefelt.
Vorher und nachher hatte ich auch Termine bei Hilfevereinen wegen Umschuldungsversuchen. Ich habe dann immer vor der Tür gestan­den, bin wieder abgehauen und in die nächste Kneipe. Da war die Scham noch sehr groß. Es überkam mich jedes Mal, es lieber wegzutrinken, als mich tatsächlich da nackig zu machen.
Dieser eine Anruf damals war der zentrale. Als ich auflegte, dachte ich: Jetzt musst du aber dran bleiben. Jetzt ist es raus: Ich zahle keine Miete, keinen Strom und keine Telefongebühren, weil ich saufe und das Geld dafür brauche.
Dann habe ich alle Schritte unternommen: Sozialpsychiatrischer Dienst, Suchtberatung SPI, Gruppe, Hausärztin und andere Spezialisten. Der Kardiologe sagte mir auf den Kopf zu: Sie können den Aus­stieg in den Einstieg alkoholbedingter Schädigungen in nur noch wenig Zeit schaffen. Das war – nach einer klaren Ansage von Karla – das dritte starke Argument für meine Umkehr.

Welche Rolle spielte Deine Lebenspartnerin?
Karla und ich lebten in getrennten Wohnungen. Sie ahnte, nein, sie wusste es. Ein halbes Jahr vorher hatte sie schließlich gesagt: Wenn du bei mir was trinken willst, dann musst du dir deinen Alkohol selbst mitbringen. Sie hat nicht gesagt, du trinkst zu viel, hat mir keine Vorwürfe gemacht, sondern die Botschaft war: Deinen Suff bezahlste alleine. Als hochsensibler Mensch war das für mich die höchste Form der Kritik an mir in dieser Frage. Das waren starke Vorboten dafür, dass nicht irgendwann, sondern recht bald angesagt ist: Entweder du hörst auf oder du bleibst liegen und krepierst.

Dann bist Du zur Entwöhnung. Wie schwer fiel es Dir, nichts mehr zu trinken? Hattest Du Suchtdruck?
Ich kann mit dem Begriff Suchtdruck nichts anfangen, weil es mir so nicht passiert ist. Ich habe es durch die Langzeit-Entwöhnungsbehandlung als eine große Befreiung empfunden, nicht mehr trinken zu müssen. Mir wurde bewusst, dass ich alles geleistet habe, was man von mir erwartete – aber nur mit Hilfe des Trinkens … und dass ich den unbedingten Willen hatte, jedem und allen zu gefallen, dass ich mir Liebe und Anerkennung erkaufte durch gute Arbeit, durch Jedem-Helfen, ja das war gnadenlose Anpassung.
Das alles nicht mehr tun zu müssen, durch dieses Klinik-Gelände zu laufen und die Blumen, die Tiere zu sehen, wieder Natur zu riechen, essen zu lernen, mitzukriegen, was mir schmeckt und was nicht – all das war ja  verschüttet in mir. Mein erstes Kuscheltier schenkte man mir in Motzen. Zum Ab­schluss bekam ich eine Pflanze (winziger und kleiner Ableger) geschenkt, die ich immer noch hüte und pflege. Das erste Märchen, was mir jemals vorgelesen wurde, hörte ich nach der Entwöhnung bei einer Psychologin.
Es gab so unglaublich viele kleine Momente, die zum ersten Mal in meinem Leben passierten – und das wollte ich nun nie wieder aufgeben.

Hattest Du auch in der ersten Zeit kein Verlangen? Wenn Du an Alk-Regalen vorbeige­gangen bist vielleicht?
Ich hatte für den 5. Januar den Klinik-Termin. Ein guter Anlass, Silvester aufzuhören, dachte ich. Ich war vorher bei der Suchtberatung, bei der Hausärztin, die mir vorsorglich Rezepte mitgegeben hat für den Fall, dass es notwendig wäre. Unter Karlas Aufsicht habe ich dann wahnsinnig viel Wasser getrunken, das Ziel vor Augen, du musst nüchtern in der Klinik an­kommen. Die fünf Tage war ich wirklich nur in der Wohnung. Und schon danach habe ich mich plötzlich so wohl gefühlt, so wach, dass ich dachte: Das darfst du nicht wieder aufgeben. Dann bin ich in Motzen eingezogen und es nahm seinen Lauf.
Ich hab es also gar nicht zugelassen, irgendwo nochmal ein Regal anzugucken. Das war mein Selbstschutz.
Was ich nicht verstanden habe … dass später während der Adaption Leute als Praktikanten im Super­markt gearbeitet und die leeren Bierflaschen hinter den Automaten sortiert haben. Ich hab mich bewusst diesen Dingen nicht ausgesetzt. Diesen Versuch, probiere mal aus, ob du dem widerstehen kannst, habe ich zu vermeiden versucht.

Hast Du das später im Alltag so fortgesetzt?
Ja. Ich gehe auch heute noch bewusst nicht an Alkoholregalen vorbei. Weil ich keinen kaufe, und meine Freunde wissen: Wer zu mir kommt und unbedingt Alk trinken will, der hat ein Problem. Meinen 50. Geburtstag habe ich im alkohol-und drogenfreien Café Garbe gefeiert. Und viele Freunde waren erstaunt, dass das geht.

Bei Dir ist alkoholfreie Zone?
Ja. Und wenn Karla bei sich Feiern hatte, war unsere Abmachung: Ich nehme mir das Recht heraus, zu gehen, wann ich es für richtig halte. Ohne es begründen zu müssen.
Während der Therapie, als eine Übungsheimfahrt anstand, habe ich Zuhause als ein Ritual alle Gläser, aus denen Alkohol getrunken wurde, zerschlagen. Ich saß eine halbe Nacht in der Küche und habe mit einem kleinen Hämmerchen alle Gläser zertrümmert. So, dass nur noch Was­sergläser übrigblieben. Weil ich davon ausgehe, dass ich nicht zum Schein ein Sektglas nehmen werde und darin Wasser ist. Die Leute können ruhig sehen, dass ich keinen Alkohol trinke.
Ich bin auch heute noch sehr aufmerksam. Das hält mich trocken. Kein alkoholfreies Bier, kein Rasierwasser mit Alkohol, keine noch so kleinen Ausnahmen genehmige ich mir. Ich habe die Kontrolle über den Genuss von Alkohol verloren. Was ich aber heute aus freien Stücken kann, ist, das erste Glas stehenzulassen.

Diese absolute Entscheidung für die Abstinenz hilft beim Trockenbleiben?
Ja, ja! Ich glaube, je früher und je bewusster die Entscheidung für einen abstinenten Lebensweg ge­troffen wird, je klarer diese Entscheidung ist – also ohne diese Rückversicherung, vielleicht kannst du ja irgendwann wieder normal trinken –, desto leichter wird sie durchzuhalten sein.
Ich habe sehr viele Mitpatienten erlebt, die einem fremdbestimmtem Auftrag nachgegangen sind. Das ist ja kein verwerfliches Motiv. Im Gegenteil. Jede Phase, die man trocken oder ohne Alkohol lebt, ist eine gesunde Phase. Dieses „Ich will den Führerschein wiederhaben“ oder „Meine Frau will sich tren­nen“ und so weiter sind alles starke Motive und können ein Auslöser für Entgiftung und Entwöh­nung sein. Aber wenn ich meine Alkoholabstinenz an ein Le­bensziel binde und dieses Lebensziel ist erreicht, ja was dann? Wofür bleibe ich dann noch trocken? Es zum Ausgangspunkt zu bestimmen, ja, aber zum Endpunkt und danach kann ich ja mal wieder, das funktioniert aus meiner Sicht nicht.

Hast Du eine Art Warnsystem und andere Hilfen?
Als Karla im Sterben lag und ich im Krankenhaus mit Kreislaufproblemen zusammensackte, kam schnell ein Arzt und das erste, was ich sagte, war: Ich bin Alkoholiker, nehmen sie keinen Alkohol. Ich wusste nicht, was der mit mir machen wird, ich habe es ganz schnell ausge­sprochen, falls ich bewusstlos werde und die mir irgendwelche Lösungen geben.
Und ich bin offen damit umgegangen nach dem Entscheid damals, zu der Frau zum Sozialamt zu ge­hen. Da habe ich Freunde eingeweiht, Karla auch. In der  Hoffnung, dass sie mich erinnern, wenn ich wieder auf einen Abweg komme.
Im meinem Portemonnaie habe ich den Hinweis: Ich bin Alkoholiker, und die Num­mer der Suchtberatungsstelle.
Ich lade über Facebook viele ein, mit mir den Trockengeburtstag an jedem 1. Januar des Jahres zur Kenntnis zu nehmen und mir Anerkennung und Lob zukommen zu lassen.
In meiner Apotheke habe ich die Suchterkrankung angegeben, damit bei Verschreibungen von Medikamenten ein Warnsignal im PC kommt, wenn sie Gefahr für die Sucht darstellen sollten.
Wenn ich keine Ahnung habe, ob in Lebens­mitteln Alkohol ist, lasse ich sie im Regal des Supermarktes liegen. Das kommt oft vor, wenn ich keine Lesebrille mithabe.
Ich bin in drei Gruppe auf Facebook zu diesem Thema unterwegs.
Wenn ich zu Feiern gehe, frage ich offen nach, wenn ich das Gefühl habe, dass Alkohol in Speisen versteckt vorkommt.
Zu meinem ersten Trockengeburtstag habe ich mir einen Ring gekauft und das Datum des Beginns der Abstinenz eingravieren lassen. Ich trage ihn heute noch und ich fühle, dass es eine runde Sache ist, sich jedes Jahr wieder mal an den Anfang zu erinnern. Genauso geht es mir, wenn ich zum 1. Samstag im September eines Jahres zum großen Jahrestreffen nach Motzen fahre und am großen Absti­nenzritual teilnehme, was mich immer stolz macht. Ich kann jedes Jahr für ein Jahr Abstinenz länger stehen bleiben.

Wie gehst du nun mit den Dingen um, bei denen du vorher Alk brauchtest?
Zum Beispiel dem nachzutrauern, dass man keine Familie hat, keine Angehörigen, dass man überall fremd ist, dass man überlegen muss, wo geht man Weihnachten hin … diese Gefühle kann ich natürlich heute nicht wegtrinken. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sie aushalten kann. Der Schmerz ist nicht weniger. Aber das Schöne ist, zum Beispiel diese Weihnacht, sie kommt wie eine Wolke, sie kommt heran und fliegt dann auch wieder weg. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Und da muss man sich nicht so fokussieren und trauern. Also die Schmerzen bleiben, aber sie sind anders aushaltbar. Und dass ich dafür den Alkohol nicht mehr brauche, ist eine schöne Erfahrung. Therapeut Herr Meschede aus der Fontaneklinik, selbst trockener Alkoholiker, hat immer gesagt: Egal, was passiert, gesoffen wird nicht! Solche Kernsätze helfen mir oft.
Das war mir auch in Erinnerung, als Karla im Sterben lag. Ich habe nicht geglaubt, dass man trinken muss, wenn eine Familienangehörige stirbt. Ich habe es verstanden, wenn Leute es tun. Man muss dann gucken, dass man wieder aufsteht. Für mich habe ich es ausgeschlossen, aber auch oft in Erinne­rung an Herrn Meschede und solcher Sprüche. Ich bin froh, die dramatischen Stunden und Wochen um Karlas Tod trocken bewältigt zu haben.

Welche Kernsätze sind noch für Dich hilfreich?
Als es um notwendige Veränderungen im sozialen Umfeld und Gewohnheiten ging, als Vo­raussetzung für einen gelingenden Abstinenzweg, bekam ich als Mensch, der Angst vor Veränderun­gen hat, Angst. Beruhigend auf mich wirkte die Ansage: Überprüfen Sie alle Veränderungen auf Gefah­ren. Nehmen Sie im ersten Jahr keine Veränderungen ohne Not vor. Bleiben Sie erst einmal ein Jahr trocken. Dienen die notwendigen Veränderungen aber einem trocke­nen Umfeld, dann nehmen Sie diese vor. Daraus entwickelte ich die Handlungsanleitung für mich: Stopp! Dient das, was du jetzt vorhast, der Abstinenz oder destabilisiert es dich – dann lass‘ es!
Ein weiterer Spruch: Beginnen Sie mit dem Aufdecken von Problemen mit Hilfe der Tiefenpsychologie, z. B. bei der Aufarbeitung von Kindheitserlebnissen, nicht in den ersten ein, zwei Jahren nach der Entwöhnungsbehandlung. Vieles löst sich auch durch die Abstinenz.

Hast Du deshalb erst so spät nach Deiner Familie gesucht?
Ja. Als soziale Waise vom ersten Tag meines Lebens an, in Heimen aufgewachsen und ohne eine Familie zu haben, trug zu meiner Alkoholkrankheit bei. Sucht kommt von Sehnsucht. Die Um­stände dafür herauszufinden, zu erfahren, wer deine Familie ist und ob die noch lebenden Familien­mitglieder dich nach über 50 Jahren annehmen werden, war mit großen Ängsten verbunden. Ich habe damit erst zehn Jahre nach meiner Entwöhnung begonnen. Heute weiß ich einige Familienangehörige an meiner Seite, aber wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.
Mit dem medialen Aufkommen der Missbrauchsskandale wurde ich zunehmend depressiver, hatte seelische und körperliche Schmerzen. 2010 wandte ich mich an Tauwetter, eine Anlaufstelle für als junge sexuell missbrauchte Männer. In einem langjährigen Prozess mit vielen Unterbrechungen habe ich erst nach vielen Schritten der Stabilisierung den Schritt getan, 2016 einen Antrag auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) in Verbindung mit dem BVG (Bundesversorgungsge­setz) zu stellen. Dabei geht es um die Anerkennung von gesundheitlichen Schäden. So befasse ich mich mit dem Thema schon über neun Jahre bewusst und mit großen emotionalen Aufs und Abs, wiederkehrenden Depressionen und Retraumatisierungen.

Wie hast Du das ohne Rückfall gemeistert?
Bis zu ihrem Tod im Oktober 2017 hatte ich eine großartige, starke, bescheidene und kluge Frau an meiner Seite. Karla gab mir Kraft und vertraute mir. Das gab mir Mut und Halt.
Stabilisierung ist die Voraussetzung all der Schritte, die Schlimmes aufbrechen können. Deshalb suche ich seit 2003 die Suchtberatungsstelle des SPI Friedrichshain auf. Nach der Entwöhnung in Motzen hatte ich eine viermonatige Adaption gemacht. Dann anderthalb Jahre Nachsorge. Immer wieder nutzte ich die Suchtberatungsstelle, wenn ich Unsicherheiten und Krisen zu bewältigen hatte. Und das bis heute. Psychotherapie, Rat-Suche bei Tauwetter und Stabilisierung bei der Berliner Opferhilfe e. V. durch einen Traumaspezialisten gehören ebenso dazu wie das häufige Schreiben von Artikeln für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Dein Fazit?
Für mich war es eine Befreiung, vom Alkohol loszukommen. Ich bin aufgeblüht, habe  das Leben in vollen Zügen (an)genommen und bin nicht krepiert. Denn das vergesse ich nicht: Alkoholismus ist eine tödliche Krankheit. Und ist der Alkohol weg, bekommst Du es mit Dir selbst zu tun. Das habe ich als Herausforderung immer wieder annehmen können im  trockenen Zustand. Es lohnt sich.

Titelthema 3/19: Suchtdruck

Suchtdruck: Was ist das? Und was hilft?

Nur eine Armlänge entfernt … locken die Weinflaschen im Supermarktregal. Die Erinnerung blitzt sofort auf. Der Geschmack auf der Zunge, samtig-weich der Rote da. Das Rieseln die Kehle hinunter. Warm und leicht wird es innen. Die Gedanken stoppen. Frieden. Ja! Das muss ich jetzt haben! Nein, das geht nicht! Jede Nervenzelle schmerzt vor Verlangen. Nur den Arm ausstrecken … Suchtdruck. Craving. Verlangen. Suchtanfall. Saufdruck. Dieser Zustand hat viele Namen. In der nassen Zeit geben wir ihm immer wieder neu nach. Leider aber lässt er uns auch in der Abstinenz nicht in Ruhe. Ganz besonders stark und häufig kann er während und nach einer Entgiftung sein und auch bereits monatelang Entwöhnte berichten noch davon. Auch nach Jahren kann er noch auftauchen. Was kann man tun, um dem Druck nicht nachzugeben? Was ist Suchtdruck überhaupt?

Wann waren Sie das letzte Mal schwimmen? Lange her? Und wenn Sie jetzt plötzlich ins Wasser müssten, dann wüssten Sie aber sofort, wie es geht, oder? Es funktioniert wie automatisch wieder. Kein langes Überlegen nötig, was welcher Arm jetzt tun muss. Das Können ist in einem Bereich des Gehirns eingebrannt und funktioniert ohne das Zutun des Denkens. Und nun versuchen Sie einmal, das Schwimmen zu verlernen. Es plötzlich einfach nicht mehr zu können. Das ist unmöglich, oder?
Damit fast vergleichbar haben alkoholkranke Menschen auch das Trinken „erlernt“, nur spielen dabei noch einige andere Dinge eine Rolle. Der Neurotransmitter Dopamin zum Beispiel. Das Belohnungszentrum im Gehirn. „Belohnungslernen“ nennen es einige Fachleute. Aber dazu später. Fakt scheint zu sein: In bestimmten Situationen oder Gefühlszuständen wie Angst oder Freude, Frust oder Glück immer wieder Alkohol zu trinken kann leider ebenso unverlernbar gelernt werden wie das Schwimmen. Irgendwann kann es „automatisch“, unbewusst und fast unwillentlich werden. Ohne dass der Verstand noch etwas zu melden hat. Das starke Verlangen ist dann einfach plötzlich da.

Wie entsteht Suchtdruck?

Vorweg: Das komplizierte Zusammenspiel aller Gehirnareale ist noch lange nicht vollständig erforscht. Sicher scheint aber eines zu sein: Alkohol stimuliert im Hirnstamm das sogenannte „Belohnungssystem“.

Ein Beispiel: Ein Glas Schnaps bringt unser Gehirn dazu, bis zu fast zwanzig Mal mehr des wichtigen Botenstoffes Dopamin (übermittelt bestimmte Signale zwischen Nervenzellen) als normal zu produzieren und auszuschütten. Sehr vereinfacht gesagt, bewirkt das ein „Hurra, das Leben ist schön“-Gefühl. Bleibt es künftig nicht bei diesem Glas Schnaps, wird es also öfter wiederholt, prägt sich das Hirn diese Verknüpfung von Alkohol und Gutgefühl unwillkürlich ein. Denn Sinn und Zweck des Belohnungssystems schon seit Millionen Jahren ist es, dass wichtige und überlebenswichtige Erlebnisse (wie und wo erlege ich Mammuts, wo finde ich Beeren und Pilze) nicht vergessen werden, sondern wiederholt werden können. Und zwar auch wie automatisch, ohne dass der Verstand gebraucht werden muss.

Einmal so „erlernt“, können schon kleine, im Suchtgedächtnis gespeicherte Hinweisreize wie ein Bild von einem Bierglas bei einem Abhängigen zur Dopaminausschüttung führen – bereits in Erwartung der tatsächlichen Belohnung Alkohol! Dopamin motiviert also auch, treibt an, die Belohnung auch zu erhalten. Es erzeugt Verlangen.

„Im Suchtgedächtnis sind die schönsten Trinkerlebnisse, die aufregendsten Abenteuer unter Alkohol sowohl inhaltlich als auch emotional gespeichert. Darüber hinaus gibt es direkte und indirekte Hinweisreize, durch die das Gehirn gelernt hat, dass zeitnah ein Suchtmittelkonsum zu erwarten ist. Bei Alkoholkranken kann dies das Ansehen einer Bierflasche, Alkoholwerbung im Fernsehen, der Besuch eines Grillfestes oder ähnliches sein … Diese im Suchtgedächtnis gespeicherten Hinweisreize erzeugen im Sinne eines Erwartungsbelohnungssystems eine entsprechende Ausschüttung von Neurotransmittern (Dopamin), die das erwartete ‚Hurragefühl‘ erzeugt.“ (1, Dr. Thomas Redecker)

Weshalb ist die erste Trocken-Zeit besonders schlimm?

Die Nervenzellen haben sich über viele Jahre zu schützen gelernt: vor den unnatürlich großen Mengen Dopamin durch Suchtmittelkonsum. Denn er ist für sie eine giftige Bedrohung. Bevor ihre Funktion gestört oder sie selbst zerstört werden, setzt ein Schutzmechanismus ein, der nicht alles Dopamin hindurchlässt. „Bildlich gesehen kann man sich vorstellen, dass die Zelle ihre Eingangspforten und ihre Zellwand so stark verändert, dass von den um die Zelle herumschwimmenden ,20 kg‘ Dopamin nur ,1 kg‘ Dopamin aufgenommen wird. Dadurch kann das entsprechende ‚Hurragefühl‘ (positive Verstärkung) kurzfristig erzeugt oder später das unangenehme ,Ich-quäl-mich- Gefühl‘ beseitigt werden(negative Verstärkung). …Bei der Alkoholabhängigkeit wissen wir, dass diese Entwicklung 10-20 Jahre dauern kann und ein typisches Phänomen dieser neurobiologischen Veränderung ist die Toleranzentwicklung und die dadurch erforderliche Dosissteigerung, um die gewünschte Wirkung zu erzielen … Der Abbau der Schutzmechanismen in der Nervenzelle benötigt nach meiner Erfahrung einige Wochen bis Monate, so dass hirnstammbedingt richtige Freude oder ‚Hurragefühle‘ der alten Art oder vergleichbar mit dem Suchtmittelkonsum nicht erzeugt werden können. Der Hirnstamm befindet sich in einer Mangelsituation und es kommt bereits bei der Ankündigung oder Vorstellung eines möglichen Suchtmittelkonsums zu einer gewissen Neurotransmitterausschüttung, die kurzfristig zu einem angenehmen, jedoch bei Nichterfüllung zu einem sehr unangenehmen Gefühl führt. Dieses kann sich in einem direkten Suchtdruck äußern (Verlangen nach dem Suchtmittel) oder in einem indirekten Suchtdruck (Auftreten von unangenehmen Zuständen) …“(2, Dr. Thomas Redecker)

Techniken: Was tun, wenn der Druck plötzlich da ist?

Im Laufe der Entwöhnungszeit findet meist jeder Betroffene seine eigenen hilfreichen Methoden heraus. Vom kalt Duschen über literweise Wasser-Trinken bis hin zum Schokoladeneis-Futtern …

-Letzteres würde zum Beispiel unter den Tipp Ablenkung fallen. Ebenso wie telefonieren, laut Musik hören, etwas kochen, die Wohnung putzen.

-Sie können sich auch körperlich abreagieren: Wer weder Schwimmhalle noch Fitnessstudio um die Ecke hat, könnte zum Beispiel mit Power Treppen steigen, auf dem Teppich Workouts trainieren, dreimal um den Wohnblock walken. Bewegung erzeugt Glücksgefühle.

 -Ausweichen: Wenn Sie eine Feier besuchen müssen und Ihnen der Sekt um Sie herum zu viel wird, verlassen Sie die Situation einfach. Ob Sie ein paarmal draußen durchatmen oder ganz gehen, entscheiden Sie und nicht der Gastgeber …

-Den Alk-Gedankenkreisel stoppen: Sagen Sie ganz laut „Stopp!“, stellen Sie sich dazu ein Stoppschild vor und kneifen Sie sich! Ja, richtig gelesen. Dieses Kneifen richtet ihre Aufmerksamkeit von den Gedanken weg. Sie können aber auch versuchen, bewusst durch eine Tür zu gehen (erinnern Sie sich, dass Sie manchmal vergessen, was Sie in dem anderen Raum eigentlich wollten?). Sie können ebenso Ihre Aufmerksamkeit auf etwas außerhalb richten, zum Beispiel neugierig Vögel beobachten oder Blätter im Wind.

 -Hinterfragen Sie Ihren Trinkdruck: Weshalb ist er da? Was will er Ihnen sagen? Finden Sie heraus, was Ihnen gerade nicht gut tut. Wie können Sie es ohne Alkohol lösen? Oder fehlt Ihnen etwas? Haben Sie vielleicht einfach nur Hunger oder Durst? Nicht umsonst ist eine Regel der AA, für ausreichend Trinken und Essen zu sorgen.

 -Atmen Sie mehrmals ruhig und ganz bewusst ein und aus, folgen Sie dabei dem Atem in Gedanken. Wie er in den Körper einfließt, wie er wieder hinausströmt. Falls Ihre Gedanken abschweifen, beginnen Sie einfach wieder von vorn. Das beruhigt nicht nur, sondern lenkt auch ab.

 -Bewusst aushalten, also akzeptieren, dass da das Verlangen ist. Denn es dauert aus physiologischen Gründen nicht für immer an, maximal Stunden. Es geht immer vorbei. Der Verlauf des Suchtdrucks ist dabei wie eine Welle, er baut sich auf und läuft wieder aus. Mit der Welle mitzugehen wie auf einem Surfbrett oder als Schwimmer, statt sich vor Angst dagegenzustemmen: versuchen Sie es doch einmal. (siehe auch TrokkenPresse 3/17, Wellenreiten mit dem Suchtdruck).

-In eine Chili oder Zitronenscheibe beißen: Dieser Tipp kursiert im Internet unter der Empfehlung „Sinne verwirren“. Vielleicht hilft es Ihnen ja?

 -Achtsamkeitsübungen; Meditationen, Entspannungsübungen: Besuchen Sie am besten Kurse dazu, in denen Sie das lernen können, damit Sie es in heiklen Situationen abrufbereit anwenden können.

Lieber Leserinnen und Leser, was hilft Ihnen persönlich bei Suchtdruck? Bitte teilen Sie uns und anderen doch Ihre Erfahrungen mit.

Anja Wilhelm

 1 und 2: Aus TP 5 /15, Der süchtige Hirnstamm. Eine neurobiologische Betrachtung der Abhängigkeitserkrankung“, Dr. Thomas Redecker, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik der MEDIAN Klinik Flachsheide/Bad Salzuflen,

 

Titelthema 2/19: Anthroposophisch entgiften – im GKH Havelhöhe

Entgiftungsbehandlung im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe:

Wie Leberwickel, Keimzumpe, Plastizieren &Co helfen können

Das Gift muss erst mal raus … Deshalb steht vor einer Entwöhnungstherapie meist die Entzugsbehandlung. Entweder die reine Entgiftung auf einer psychiatrischen Station im Krankenhaus für sieben bis zehn Tage – oder die qualifizierte Entgiftung mit Therapieangeboten für 21 Tage.
Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit, wie im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin-Kladow: Die qualifizierte/motivierende Entgiftung in 10-12 Tagen. Hier sind die suchterkrankten Patienten auf einer Station für Innere Medizin und einer Station für Psychosomatische Erkrankungen untergebracht. Alkoholkranke entgiften neben Patienten mit Leberzirrhose, von Drogen Abhängige auf einer Station mit psychosomatischen Patienten.
Und noch etwas ist in Havelhöhe anders als anderswo: Es ist eine Anthroposophische Klinik. Deshalb ist auch in der Entgiftung einiges etwas anders als anderswo … Was genau, dazu mehr im folgenden TrokkenPresse-Gespräch mit Dr. med. Michaele Quetz, Leitende Ärztin Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Dr. med. Dirk Buchwald, Stellvertretender Leitender Arzt Gastroenterologie und Suchtmedizin.

Um das vorab klarzustellen: Eine esoterische Privatklinik ist das hier nicht?
Dr. Quetz: Nein, wir sind offen für alle Menschen, die krankenversichert sind, egal, wo sie wohnen, und die Behandlung wird von jeder Krankenkasse bezahlt.

Und man muss auch kein Anthroposoph sein?
Dr. Buchwald: Nein, uns geht’s nicht darum, dass die Patienten das Anthroposophische unserer Therapien verstehen, sondern es geht um das Erleben selbst. Und dass sie in diesem Erleben zum Beispiel wieder Selbstvertrauen, Selbstgefühl für sich schöpfen und daraus Entscheidungen für sich selbst finden können.

Was ist anthroposophisch an Ihrer Entzugsbehandlung?
Dr. Quetz: Wir gehen davon aus, dass wir alle unsere leiblichen und seelischen Kräfte haben und uns gesund fühlen, wenn wir diese ungefähr im Gleichgewicht halten können. Wenn ich aus dem Gleichgewicht gekommen bin, fühle ich mich krank. Wenn ich in die Sucht geraten und in der Entgiftungsphase bin, da bin ich aus dem Gleichgewicht gekommen. Das Anthroposophische an der der Therapie ist jetzt: Wie können wir dem Patienten ganz individuell helfen, wieder in sein Gleichgewicht zu kommen? Und dort anzukommen, wo er hingehen will? Dafür gibt es leibliche und seelische Therapien.

Was gehört zu den leiblichen Therapien?
Dr. Buchwald: Zum Beispiel die körpernahen Therapien wie das Plastizieren, also das Arbeiten mit Ton, was ja sehr mit dem Körper zu tun hat, mit den Händen. Und der Patient hat auch seine eigenen Vorstellungen, die er in den Ton hineinbringen möchte. Der Therapeut schaut sich an, was mit diesem freien Klumpen Ton geschaffen wurde, und entwickelt daraus Ideen, was man jetzt in dieser Therapiewoche verändern könnte. Er liest Gesten und Bewegungen aus diesem Ton heraus. Als Beispiel: Wenn jemand dazu neigt, in den Ton sehr stark mit den Fingern hinein zu graben, Höhlen und Löcher zu machen, ist das eine entgegengesetzte Bewegung zu der des Aufbaus, der Fülle, des Herausarbeitens aus dem Ton.

Dr. Quetz: Auch die Medikamente gehören zur leiblichen Therapie, sowohl die schulmedizinischen als auch die anthroposophischen, dann äußere Anwendungen wie Leberwickel …

Dr. Buchwald: … ja, bei den Medikamenten nutzen wir vor allem Bryophyllum, auch Keimzumpe genannt. Eine Pflanze mit starken Wachstumskräften, sie bildet an Blatträndern viele neue Ableger. Sie kann stark die Lebens-Kräfte unterstützen, die in der Suchterkrankung verloren gehen. Gleichzeitig führt das auch zu einer seelischen Beruhigung. Die Patienten erleben das als stark beruhigendes Medikament. Es wird sofort bei Ankunft dreimal am Tag gegeben.

Dr. Quetz: Auch die Überwachung würde ich zu den leiblichen zählen …

Dr. Buchwald: … und die Pulskontrolle. Wir arbeiten ja nach dem AES score, der Alkoholentzugssyndrom-Skala. Das bedeutet, dass die Pflegekräfte regelmäßig zu den Patienten gehen, Puls und Blutdruck kontrollieren, das Händezittern, die innere Unruhe, das Schwitzen beurteilen, und daraus dann einen Score bilden. Und wenn der einen bestimmten Wert überschreitet, dann erst würden wir eine schulmedizinische Maßnahme zur Entzugskontrolle anwenden. Dieser häufige, intensive Kontakt wirkt auch beruhigend. Dieses Gefühl, ich bin aufgehoben, ich bin nicht alleine in meinem Entzug, unterstützt den Entzug sehr. Und das führt auch dazu, dass man gar nicht so oft zusätzlich Medikamente einsetzen muss.

Dr. Quetz: Zu den leiblichen Therapien gehört auch die Ernährung. Schon die regelmäßige Ernährung an sich und das, was gegessen wird.

Dr. Buchwald: Das Typische für den suchtkranken Patienten ist ja, dass er sich nicht mehr regelmäßig ernährt, dass die Ernährung nicht mehr wichtig ist. Bei uns ist sie ganz wichtig und auch auf dem Tagesplan, dass die Mahlzeiten gemeinsam in der Gruppe eingenommen werden, dreimal am Tag. Das Ernährungskonzept wurde in den letzten Jahren umgestellt, auf möglichst viele biologisch angebaute Nahrungsmittel. Das Angebot an Fleischgerichten wurde deutlich reduziert, es wird frisch gekocht und gewürzt. Gute Ernährung ist wesentlicher Bestandteil des Aufbaus jedes gesunden Organismus.

Ich war selbst vor zehn Jahren hier Patientin und kann mich auch an Heileurhythmie und Entspannung erinnern …
Dr. Buchwald: Ja, wir bieten die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen an. Und die Heileurhythmie ist schon was ganz Besonderes …

Dr. Quetz: Die Patienten sind manchmal zuerst irritiert… jetzt soll ich meinen Namen tanzen oder was? … und finden es dann aber wunderbar, eine ganz neue Erfahrung. Es bringt sie in Bewegung. So schwer es offensichtlich anfangs auch manchmal ist, es tut ihnen gut, in Bewegung zu kommen. Da ist der heikle Augenblick: Habe ich die Kraft, dahinzugehen? Aber wenn sie dann dort gelandet sind – da hilft die Gruppe auch mit, das erlebe ich immer wieder – dann wird das Tun auf jeden Fall als positiv erlebt.

Was bewirkt denn die Heileurhythmie?
Dr. Quetz: Man ist ganz weg vom Gehirn. Die Patienten können bis in ihre Hände und Füße kommen und gerade der Augenblick, in dem sie zum Beispiel Suchtdruck haben, der wird ganz vergessen. In dem Augenblick sind sie ganz in der Bewegung, im Tun. Es ist wie eine kleine Pause vom Entzugsgedanken, vom Suchtdruck.

Dr. Buchwald: Es sind geführte, bewusste Bewegungen. Im Gegensatz zu den unwillkürlichen Bewegungen, die wir tun, selbst wenn wir laufen und joggen. Und was auch positiv wirkt: Wenn man sieht, wie es einem dann leichter fällt nach mehreren Tagen … Es geht auch darum, zu erleben, dass unser Körper die Basis des Hierseins ist, des Auf-der-Erde-Seins. Und dass der gesunde Körper dann auch das seelische Leben, die seelische Entwicklung ermöglicht.

Dr. Quetz: Oft ist der Mensch so raus aus dem Körper, nicht mehr richtig bei sich. Wieder zu sich selbst zu kommen, im wahrsten Sinne des Wortes, dabei kann Heileurhythmie helfen.

Gartentherapie steht auch in Ihrem Leistungsangebot …
Dr. Quest: Eine weitere leibliche oder auch seelische Therapie. Dreimal die Woche 70 Minuten für alle Patienten. Der Gartentherapeut schaut ganz individuell: Wenn jemand noch arg zittert und noch nicht kann, dann bekommt er eine Aufgabe, die seinen Kräften gemäß ist. Wir motivieren die Patienten, dass sie da auch hingehen. Es fällt ihnen manchmal anfangs schwer, aber wenn sie die Therapie hinter sich haben, dann sind sie ganz beglückt, das ist so wie bei der Eurythmie und dem Plastizieren: Dieses In-die-Tat kommen fällt unheimlich schwer, aber wenn es gelungen ist, ist es wie ein kleines Geschenk …

Dr. Buchwald: … oder auch einfach ein Erfolgserlebnis: Weil man die vergangenen Monate so stark mit der Sucht beschäftigt war und mal was ganz anderes machen kann und da auch schnell kleine Fortschritte sieht.

Dr. Quetz: Das Motiv ist auch hier wieder, in Bewegung zu kommen, ins Tun.

Leibliche und seelische Therapien sind also gar nicht so zu trennen ….
Dr. Buchwald: Letztlich berühren all diese Therapien den Übergang zwischen Seelischem und Körperlichem.

Was wird für den Kopf angeboten, für die Denkkräfte?
Dr. Quetz: Ärztlich und psychologisch angeleitete Gruppen mit suchtspezifischen Themen. Zum Beispiel, wie kann ich mit Suchtdruck umgehen, mich kräftigen, dass ich ihn aushalte. Oder: Was macht der Alkohol? Damit der Patient einen Überblick bekommt. Diese Gruppen sind immer ein Hin-und-Her, wenn die Patienten erzählen und da ein junger Arzt sitzt, lernt er Ungeheures. Dazu kommen die Anonymen Alkoholiker, der Kreuzbund und Nachsorgeeinrichtungen, die sich bei uns vorstellen.

Der Therapieplan füllt fast den ganzen Tag. Die Patienten, so erinnere ich mich selbst, sind anfangs aber noch sehr schwach und zitterig. Muss, soll oder will jeder an allem teilnehmen?
Dr. Buchwald: Es ist wie in der guten Kindererziehung, eine Mischung aus allem. Wir wissen, dass es gut für die Patienten ist, mitzumachen. Und dann ist es eine Frage der Motivierung. Qualifizierte Entgiftung läuft ja auch unter dem Motto „motivierende“. Es meint, dass ich als Individualität angesprochen werde und mein Motiv für den Entzug und das weitere Leben ohne Drogen herausarbeiten soll, also meine eigene Motivation. Insofern ist es für jeden Menschen individuell. Manche lassen sich das klar sagen: das ist unser Programm, Sie müssen daran teilnehmen. Andere müssen motiviert werden.
Und wenn wir so ein Angebot haben, das uns viel Geld kostet, möchten wir natürlich auch den Erlös von den Kassen dafür haben. Nach dem zweiten, dritten Tag ist es gut möglich, die Therapien mitzumachen und wenn es dann erstmal nur eine ist, ist das auch ok. Es ist immer die Motivierungsarbeit der Pflegekräfte: Bleiben Sie nicht im Bett liegen, gehen Sie raus, tun Sie was für sich. Weil wir wissen, dass auch der Entzug von den Symptomen her besser ist, wenn man aktiv etwas macht.

Dr. Quetz: Soviel wie man kann, aber nicht weniger, als man kann … der Patient fühlt sich zwar so elend in der Entgiftung, aber die Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten und die Gruppe selber motivieren liebevoll und streng. Die Patienten schaffen es auch alle. Das Bett verlassen und in Bewegung kommen – wer sich für Havelhöhe entscheidet, sollte wissen, dass es eine aktive Entzugsbehandlung ist.

Im Bett liegen und Diazepam bekommen ist also nicht üblich …
Dr. Buchwald: Das ist gar nicht unser Konzept. Wir verwenden Diazepam extrem selten. Auch weil wir wissen, dass man dann ein bisschen „ lahmgelegt“ ist, an den Kursen könnte man da nicht teilnehmen, denke ich.

Meine persönliche Erfahrung damit hier war: Ich war damals froh, beschäftigt zu sein, Ablenkung von den Entzugserscheinungen und den Alkoholgedanken zu haben. Zwar war das Arbeiten mit Ton und zittrigen Händen sehr schwierig, aber mir wurde als Pegeltrinkerin überhaupt erst einmal bewusst dadurch, dass ich tatsächlich alkoholkrank sein könnte – und auch, dass ich Dinge auch tun kann, wenn ich nicht trinke …

Wie wird auf die Zeit nach der Klinik eingegangen?
Dr. Buchwald: Wir wissen natürlich, dass dieser motivierende Entzug nicht ausreichend ist, um danach ein abstinentes Leben zu führen, sondern dass weitere Behandlungen in Suchtkliniken nun unbedingt notwendig sind. In ärztlichen und psychologischen Gesprächen und mit Sozialarbeitern ist das dann Thema. Es wird über Suchtberatungsstellen geredet und es gibt die Möglichkeit, einen Antrag für andere Suchtkliniken zu stellen. Mit dem Nahtlosverfahren haben wir gute Erfahrungen gemacht, wir arbeiten mit der Salus Klinik Lindow zusammen, die uns das angeboten hat.

Wohin vermitteln Sie?
Dr. Buchwald: Das lassen wir dem Patienten offen. Er bekommt die Brandenburger Kliniken vorgestellt, viele kommen aber auch schon zu uns und haben eine Idee durch ihre Suchtberatungsstellen.

Sie haben acht alkoholkranke Patienten auf einer Station für Innere Medizin, acht drogenabhängige auf einer psychosomatischen Station. Weshalb gibt es nicht eine spezielle Sucht-Station?
Dr. Buchwald: Wir als Gastroenterologen haben häufig mit Lebererkrankungen zu tun. Mit Patienten zum Beispiel, die Leberzirrhose als schlimmste Folge von Alkoholkonsum haben. Wir fanden es notwendig, diese Menschen qualifiziert zu entgiften und nicht nur mit Diazepam ins Bett zu legen, und so ist dann das sehr ungewöhnliche Konzept entstanden. Aus internistischer Sicht auch ein Vorteil, wenn die Patienten, bei denen die Folgekrankheiten schon eingetreten sind, trotzdem eine Entgiftung machen können, weil sie es nicht schaffen, mit dem Trinken aufzuhören. Wir können sie ganz anders behandeln, nämlich die Leberzirrhose u n d die Sucht, weil wir auch Suchtmediziner sind.

Dr. Quetz: Suchtpatienten erleben sich oft als stigmatisiert, als etwas Schlechteres, abgeschoben. Das ist damit aufgehoben, sie sind Patienten auf den Stationen wie andere auch. Jeder hat ein Problem, jeder an einer anderen Stelle. So sind sie mittendrin.

Dr. Buchwald: Es gibt auch nicht d a s Suchtzimmer, sondern die Patienten sind gemischt. Das kann unterstützen: Das will ich nicht, dass es bis dorthin geht, dass es mir so schlecht geht …

Gibt es Statistiken, Rückmeldungen von Patienten?
Dr. Buchwald: Nein, als Akutklinik haben wir keine Statistiken. Was mir auffällt, wenn Patienten wiederholt kommen, zum zweiten oder dritten Mal, ist, dass sie dann ein klareres Konzept haben, was sie verändern müssen und dann schon auch mit Antrag auf eine Entwöhnungsklinik kommen. Daran kann man den Entwicklungsweg sehen, den man mit solch einer Krankheit macht. In der ersten Entgiftung wird oft noch bagatellisiert, ich krieg das schon hin, weiß jetzt alles, schaff das jetzt ohne Alkohol, und dann zeigt es der Alltag … aber man kann immer wieder kommen, wir sind offen für jeden.

Welche Ursachen sieht die anthroposophische Medizin für die Sucht?
Dr. Quetz: Das unterscheidet sich nicht sehr von der Schulmedizin, in der es um sogenannte vererbte Faktoren als Disposition geht, belastende Faktoren in der Kindheit, die Kultur, in der wir leben und die Verfügbarkeit, biopsychosoziale Ursachen eben. Und wir wissen auch nicht, weshalb der eine in die Sucht gerät und der Bruder, der dasselbe erlebt hat, nicht.
Ich würde immer eher fragen: Wozu dient die Krankheit, was kann sie mir bringen? Und da finde ich es hilfreich, dass man heute vom posttraumatischen Wachstum spricht. Wenn Menschen, die viel durchgemacht haben, es geschafft haben, daran sozusagen gereift sind. Krankheit als Mittel zur Entwicklung. Das kann ein Trost sein, das zu wissen, wenn man erst mal nur den Abgrund spürt. Dafür sind Sie selbst ja auch ein goldenes Beispiel, für das Postwachstum – das sind für uns Sternstunden, wenn so jemand kommt und uns zeigt, so ging es mit mir weiter nach der Entgiftung!

Auch Sucht ist also, wie andere Krankheiten, ein Ungleichgewicht zwischen seelischen und leiblichen Kräften?
Dr. Quetz: Ja, und wir wollen dem Menschen helfen, wieder in sein Gleichgewicht zu kommen. Das besondere an der anthroposophischen Suchtbehandlung ist, den Menschen als geistiges Wesen ernst zu nehmen. Den Menschen nehmen wir alle wichtig in der Medizin und alle sprechen auch von Körper und Seele, aber hier wird es deutlich ausgesprochen: der Mensch in seiner Wertegestalt.

Der Patient wird in seiner Entwicklung gefördert – und die Mitarbeiter?
Dr. Quetz: Wir wollen die Patienten begleiten, dass sie wachsen, also ist unser Anspruch, dass sich jeder Mitarbeiter auch auf den Weg begibt. Jeder muss auch eine Selbstentwicklung durchmachen und da geben wir Unterstützung in Mitarbeitergesprächen. Und wenn Patient und Mitarbeiter sich entwickeln, dann muss sich auch die Organisation Havelhöhe entwickeln. Es wird versucht, andere Entwicklungs- und Führungsformen zu finden. Also nicht der leitende Arzt oder die Geschäftsführung bestimmen alles, sondern wir versuchen in sogenannten Verantwortungskreisen, in denen alle Berufsgruppen vertreten sind, das Geschick der Abteilung bestimmen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Anja Wilhelm

Was ist Anthroposophie?
Anthroposophie (griechisch: Weisheit vom Menschen) – ist mit den Worten ihres Begründers Rudolf Steiner (1861-1925) das „Bewusstsein des eigenen Menschentums“, ein spirituell orientierter Erkenntnisweg. Sie will Anregung zur Entwicklung des Individuums und zur Neugestaltung von Lebens- und Kulturverhältnissen sein. Sie ist heute Teil der persönlichen Lebensführung vieler Menschen in Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft, Kunst und im Wirtschaftsleben. Die Anthroposophische Medizin versteht sich als Integrative Medizin, als geisteswissenschaftliche Erweiterung der naturwissenschaftlichen Schulmedizin. Die Behandlung von Krankheiten soll die ursprüngliche, gesunde Harmonie zwischen Umwelt, Leib, Seele und Geist wiederherstellen.

Was ist Heileurythmie?
Heileurythmie will den Menschen innerlich wie äußerlich wieder ins Gleichgewicht bringen, die Kräfte des Körpers, die aufgrund einer Krankheit verlorengegangen sind, wachrufen oder vegetative Vorgänge wie Organfunktionen beeinflussen. Sie setzt Sprache, Gebärden und Musik ein, die in eine speziell gestaltete Bewegung umgesetzt werden. Laute und Gebärden werden entsprechend des ärztlich diagnostizierten Krankheitsbildes und individuell-konstitutioneller Aspekte ausgewählt.

 

Titelthema 1/19: Trocken bleiben, aber wie?

Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

„Etwas zu tun – das hält mich trocken“

Alle zwei Monate stürmt er energiegeladen durch die unsere Tür. „Ihr habt was für mich?“

Ja, haben wir. Hier im Büro unseres Verlages. Etwa 150 Ausgaben der TrokkenPresse, verpackt in Pakete und Umschläge. Wolfgang Gottschalk, seit 13 Jahren trocken, wird sie wieder austragen, kreuz und quer durch Berlin. Zu Krankenhäusern, Rathäusern, Vereinen. Seit einem Jahr ist er TrokkenPresse-Bote aus Leidenschaft. Dabei ist er gerade 80 Jahre alt geworden! Ein besonderer Grund für uns, ihn heute einmal unseren Leser/innen vorzustellen. Weshalb er einst trank– er hat 22 Entgiftungen und zwei Langzeittherapien hinter sich –, und was ihn heute trocken hält. Für uns schaute er zurück, sogar bis in seine Kindheit …

Du könntest Deinen Alltag mit 80 eigentlich auf dem Sofa verbringen …

Ich will was machen, das hält mich trocken. Ich brauche es nicht wegen des Geldes, ehrenamtlich für euch die TrokkenPresse zu verteilen. Ich brauche eine Aufgabe. Denn jemanden dann im Stich zu lassen geht bei mir nicht, das ist Ehre, es wäre für mich ein Zusammenbruch, wenn ich diejenigen enttäuschen würde.

Wenn ich jetzt einen trinken würde, würde folgendes passieren: Jetzt rufste die doch gar nicht an, die können mich mal. Dann lande ich im Krankenhaus, wieder einen Glockenschuss. So, wie soll ich vor euch denn dann dastehen? Ihr würdet vielleicht sagen, naja, ist die Krankheit … würdet ihr machen … geht aber bei mir nicht, ich kann euch nicht enttäuschen, das kann ich nicht. Verantwortung zu übernehmen ist sowas wie ein Schild, Schutzgitter, ich weiß nicht, das sagten die Psychologen. Vielleicht will ich auch etwas wiedergutmachen, ich habe meine Chefs früher enttäuscht, verletzt.

Du hast ja aber bis zur Rente gearbeitet – u n d getrunken?

Immer wenn ich einsam gewesen bin, so als ob ich einen Dachschaden hätte, habe ich getrunken, ich konnte mich ja nicht selber einsperren. Bei mir ist es erst gut gegangen, als ich meine Marion gefunden habe … da hab ich dann aufgehört zu saufen. Vor 13 Jahren.

Aber von vorne: Nach meiner Lehre als Damen-und Herrenschneider kam ich zu einem bekannten Schneider an den Ku’damm, machte da noch meinen Meister und hab da bis zur Rente mit 63 gearbeitet. Und ich hatte immer das Glück, dass meine Chefs mich nicht entlassen haben. Ich war schon auffällig, habe mich krankschreiben lassen. Das eine Mal stand der Chef sogar vor meiner Türe: „Pass auf, wenn du nächsten Montag nicht arbeiten kommst, bist du weg.“ Ich natürlich hin. Er hat immer zu mir gehalten, er war auch wie Papa zu mir. Meine Chefs waren sehr enttäuscht und traurig, haben mich aber nie fallengelassen, die haben mich lieb gehabt. Da hatte ich Glück.

Dir war immer sehr wichtig, lieb gehabt zu werden?

Das lag vermutlich an meiner Kindheit. Meine Mutter wurde schwanger, sie wollte mich nicht, sie hatte schon drei Abtreibungen. 1939 kam ich dann doch zur Welt, ungewollt. Nach 2 Jahren kriegte ich dann Schwindsucht, beide Lungenflügel. Ich war schon im Waggon, Mongoloide, Spastische, Schwindsüchtige und und und wurden ja vergast. Aber wiedergefunden hatte ich mich im Allgäu, in einer Lungenheilanstalt. Es hatte sich herausgestellt, dass mich mein Papa, der war SS-Mann in der obersten Etage, da rausgeholt hatte.

Ich war über zwei Jahre im Allgäu, ich kannte meine Mama nicht, meinen Papa nicht, dann wurde ich gesund. Meine Mutter hat mich zurückgeholt. Am Bahnhof wurde ich ihr von Nonnen übergeben. „Das ist nicht meine Mutti“, habe ich geschrien. Meine Mutter setzte dann meinen Vater unter Druck, damit er uns versorgt. Heiraten konnten sie ja damals nicht, meine Mutter war Jüdin. Außerdem hatte er schwere Kriegsverletzungen, Arm weg, Bein weg …als Krüppel wollte er nicht heiraten. Er hat sie natürlich versorgt, sie hat ein Leben gehabt vom Feinsten.

Aber wie erging es Dir, als ungewolltes Kind?

Meine Therapeuten haben immer gesagt, Du standest deiner Mutter im Weg …

Wenn ich Fünfen nach Hause gebracht habe, da hat sie den Rohrstock genommen. Immer rauf, immer gib ihm was. Wenn das nicht geholfen hat, hat sie mich nachts in den Keller gesperrt, da hab ich natürlich geweint.

Die ganzen Ärzte in den Therapien, die konnten nicht verstehen, warum ich überhaupt getrunken habe. Die haben immer gesagt, das steckt bei ihnen nicht drin. Die wollten es aber unbedingt wissen, da habe ich denen von der Kindheit erzählt. Und da haben die gesagt, die Seele ist krank, sie wurde kaputt gemacht, denn ich kenne ja keine Liebe. So hat mich meine Mutter dann bis zu meiner Lehre behandelt. Mit meinem Lehrmeister, da hatte ich Glück, der hatte nur Töchter, der war wie ein Papa zu mir, das war schön, der hat mir Liebe gegeben. Heute weiß ich: Mein ganzes Leben habe ich nach Liebe und Geborgenheit gesucht.

Ein Beispiel: Ich bin in ne Kneipe gegangen, da saßen alles so leichte Mädels, und dann habe ich mich dazugesetzt, die habe ich umarmt und meinen Kopf dann angelehnt. „Ach, den lässte ran“, kam von den Kerlen. „Nee“, sagte sie, „der Wolfgang sucht was ganz anderes, nicht das, was du suchst.“

Für meine Mutter war ich das gehasste Miststück. Versoffener Penner, der ist doch nur in der Irrenanstalt gewesen, das hat sie alles verbreitet. Trotzdem habe ich immer den Kontakt gehalten. Als wollte ich immer noch, dass sie mich endlich doch noch lieb hat. Leider, leider, leider.

Wieso leider?

Ein Beispiel: 19 62 lernte ich meine erste Ehefrau kennen. Was passiert: Meine Mutter merkt, dass die mich lieb hat. Meine Mutter hat intrigiert, hat die Kleene zur Sau gemacht. Viel später, mit einer anderen Frau, war das ähnlich. Da ist der Groschen gefallen bei mir: Sie wollte meine Mutter kennenlernen, „Nee, lass sein“, warnte ich, aber sie: „So schlecht kann kein Mensch sein.“ Meine Mutter hat jedenfalls zu ihr gesagt, die Frau hatte mir ja vorher ein Auto geschenkt: „Du hast für meinen Sohn nur ein Auto gekauft, weil er gut F… le… kann.“ Da hat Rosemarie gesagt, „Wolfgang, das ist nicht mein Niveau …“ Da habe ich wieder angefangen zu trinken.

Meine Mutter war der Stachel. Als ich zum Beispiel im Jüdischen Museum gearbeitet habe, da habe ich nicht gesoffen, da ruft sie dort an: „Wissen Sie eigentlich, was sie eingestellt haben? Mein Sohn ist Alkoholiker.“ Ist das schön? So lieb hat meine Mutter mich gehabt. Als meine Mutter dann eingeschlafen ist, das sagen die Leute heute noch, war es, als wäre mir ein unheimlicher Brocken von den Schultern gefallen, ich war ein anderer Mensch.

Deine erste Ehe ist an der Trinkerei zerbrochen?

Das war komplizierter. Meine Frau hatte bei der Post Karriere gemacht. Da hatte sie trinken gelernt, da waren welche, die Fanta mit Wodka tranken, da war sie dabei, und dann haben wir immer beide gesoffen, das funktionierte. Bis wir die Kontrolle beide verloren hatten. Und mir in der Wenckebach-Klinik gesagt wurde: „Herr Gottschalk, Sie müssen sich von ihrer Frau trennen. Und: Das überleben sie sonst nicht. Ich sagte: „30 Jahre Ehe, ne ne ne, das kann ja wohl nicht sein!“

Sie sagte zum Doktor: „Was kann ich dafür, wenn mein Mann nicht trinken kann?“ Ich hatte schon 15 Entgiftungen damals. Da wurde der Doktor verrückt: „Sie selbst waren schon dreimal bei uns. Sie schlafen sich hier aus, frühstücken und gehen. Sie unterstützen ihren Mann gar nicht. Der kommt her, wir wollen ihm immer helfen.“

Da habe ich das tatsächlich gemacht. Mich getrennt. Ich kam ins Johanneshaus für ein Jahr. Von da aus ist auch Scheidung gegangen, Sozialarbeiter haben alles organisiert. Ich bin denen tief dankbar.

Sie hat sich später totgesoffen. Die Ärzte meinten, ich wäre vor ihr gestorben, ich hätte es nie geschafft, aufzuhören oder es durchzustehen. Die Trennung hat mir das Leben gerettet.

Dann habe ich eine Senioren-Wohnung gefunden und wieder Fuß gefasst.

Und dann ist es wieder schief gelaufen, mit meiner Mutter und meiner neuen Freundin. Was macht Wolle, geht an die Tankstelle, Jägermeister. Mensch, was haste denn jetzt gemacht, Mensch, ging mir das Sch… Da war ich die Frau wieder los. Ich hatte meine Wohnungstür offen gelassen, die Nachbarn sahen mich auf dem Fußboden liegen, ohnmächtig. Wieder Krankenhaus.

Dann hatte ich mich wieder gefangen, bin in eine Beschäftigungstagesstätte, ins Q43. Dann habe ich in einer Blaukreuz-Ausbildung ehrenamtlicher Suchthelfer gelernt, Gruppen geleitet und im Krankenhaus vorgestellt. Auf einmal wandelt diese Frau da lang, oh Gottchen, ist die süß, dachte ich …

Marion?

Ja. Sie kam dann später auch in die Tagesstätte.

Eines Tages wollte ich will für meinen Balkon bepflanzen, Blumen kaufen, mit dem Fahrrad. Da fragte sie, „Och, kann ich da mitkommen? Ich hab doch ein Auto, ich fahr dich da hin.“

Wir kauften Blumen, sie fuhr mich nach Hause. „ Ach, ich komme mit nach oben und helfe dir!“

Da war das Ding gelaufen.

Als es immer ernster wurden, dass wir zusammenziehen, habe ich ihr einen Heiratsantrag in Griechenland aufm Dampfer gemacht, 2005, dann haben wir geheiratet, und seitdem bin ich trocken … Vorher hatte ich noch einen Rückfall an der Ostsee, was mach ick Idiot, damit ich schlafen kann, habe ich aus der Minibar alle Flaschen ausgetrunken. Ich hatte schön geschlafen, wurde wach, und wusste, den Heimweg schaffe ich nicht. Marion ist gefahren. Ich hatte im Auto noch ne Flasche Jägermeister, falls was passiert, dass ich nicht abstürze, davon nahm ich einen Schluck. Ich habe dann meinen früheren Berater angerufen: „Ich hab gesoffen.“ Und er: „Wenn du in Berlin ankommst, schaffe ich dich gleich ins Krankenhaus.“

Sie brachte mich erst mal nach Hause, ich lag da, und sie steht da und sagt zu meinem Berater: „Was soll ich denn ohne meinen Wolfgang machen …“ Von da an wurde ich langsam normal und dachte, nee, nochmal nicht mehr, das hältst du nicht mehr aus. Seitdem bin ich trocken, 13 Jahre ohne Alkohol. Ich kann nicht mehr kontrolliert trinken, ich will nicht mehr, ich will mein Leben genießen.

Wie bist Du von da an trocken geblieben

Dank Marion und weil ich habe mir immer Beschäftigung gesucht habe. Um trocken zu bleiben, habe ich mir immer Arbeit gesucht. Habe als Rentner für Thoben Kuchen ausgefahren in die Bäckereien, im Jüdischen Museum Exponate beaufsichtigt, bin für DPD gefahren. Dann im Café Q 43 geholfen, im Hiramhaus e.V. als Einkäufer für die Küche, jetzt die TrokkenPresse-Verteilung. Kein Leerlauf zu haben, es zu tun, das rettet meine Nüchternheit. Denn wenn ich um 8 Uhr aufstehe und nicht weiß, was ich bis 23 Uhr machen soll, tagein tagaus, Woche für Woche … In den Gruppen wurde oft gesagt, ich müsse doch für mich selbst trocken bleiben. Aber ich bin mir unwichtig, ich kiek in den Spiegel, ich kann mich nicht leiden. Du sollst für dich trocken sein … das kann ja alles sein. Aber die Arbeit, die ich hatte, da wollte ich niemanden enttäuschen. Das ist doch mein Ding. Und da muss ich mir die Vorwürfe nicht anhören.

Und Marion … Der beste Mensch, den ich da gefunden habe, das ist sie … Mein ALLES! Wie das tief sitzt. Wir liegen abends im Bett, uns in den Armen, und sie sagt: „Weißt du, Wolfgang, wenn Du stirbst, dann möchte mit dir mitsterben.“

Weißt Du heute, weshalb Du früher immer getrunken hast?

Ich bin nicht alleine mit mir klargekommen, ich kann mich nicht leiden, ich bin mir nichts. Ich wollte mich damit immer aus dem Leben nehmen, aus dem Denken, wollte also nur schlafen, abschalten, mich aus der Verantwortung nehmen.

Jetzt bin ich wieder so stark, dass ich das Leben in den Händen habe.

Herzlichen Dank und alles Liebe weiterhin, Wolfgang!

Torsten Hübler/Anja Wilhe

Titelthema 6/18: MPU – so können Sie bestehen!

Führerschein weg wegen Alkohols:

Hilfe, ich muss zur MPU!

Fast 4,4 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden geschehen unter dem Einfluss von Alkohol. Das bedeutet, etwa 14 000 Menschen werden verletzt, schwerverletzt oder sogar getötet. Mütter, Väter, Partner, Kinder. Und oftmals haben nicht sie selbst den Alkohol getrunken. Sie werden zum Opfer durch andere …

Hand aufs Herz, sind Sie schon mal mit einem Bierchen oder Weinchen oder gar mehr im Blut Auto gefahren? Najaaa, bis 0,5 Promille darf man doch? Ja, aber was, wenn dann doch etwas passiert? Oder es aus Versehen doch 0,8 werden? Die Dunkelziffer der trinkenden Autofahrer jedenfalls ist hoch, laut ADAC wird nur jede 600. Alkoholfahrt überhaupt entdeckt. Und die wird dann aber auch ordentlich geahndet:

Zum Beispiel mit der Einziehung des Führerscheins für eine gewisse Sperrfrist, mit hohen Bußgeldern und sogar Freiheitsentzug. Auch ein medizinisch-psychologisches Gutachten (MPU) ab 1,6 Promille am Steuer, bei „Wiederholungstätern“ ab 0,5 Promille, wird von der Straßenverkehrsbehörde angeordnet. Mit dessen Ergebnis dann entscheidet die Behörde, ob sie die Fahrerlaubnis wieder erteilt. Es geht dabei vor allem um die charakterliche Fahreignung und die Frage: Wird die Person auch weiterhin unter Alkoholeinfluss fahren?

Für alkoholkranke Menschen – viele sind in ihrer nassen Zeit unter Promille gefahren und haben den Führerschein abgeben müssen – scheint das, wenn sie heute abstinent leben, positiv ausgehen zu können. Aber ganz so einfach ist es nicht. Der Weg zum positiven MPU-Gutachten hält auch für trockene Alkoholiker ein paar Steine und Fallen parat. Lesen Sie dazu viele wichtige Hinweise in unserem Interview mit Dipl. Psychologen Michael Bogus, Fachlicher Leiter der Nord-Kurs GmbH & Co. KG, TÜV NORD GROUP.

Vorab zur Einleitung aber erst einmal mein eigener Erfahrungsbericht …

So begann meine MPU

Eine Aufforderung zur MPU!
Dieses Schreiben des Berliner Landesamtes für Bürger-und Ordnungsangelegenheiten hielt ich vor einem Jahr in der Hand. Zwei Wochen, nachdem ich den Antrag auf Wiedererteilung der Fahrerlaubnis gestellt hatte. Knapp elf Jahre, nachdem sie mir entzogen wurde wegen Alkohols am Steuer. Ich wollte nun endlich meinen Führerschein zurück, aus joblichen Gründen.

Schade. Ich dachte, ich komme drum herum und mein Delikt wäre nach zehn Jahren verjährt. Das hatte ich mal so gehört.
Aber Irrtum! Eine Aufforderung zur MPU wird erst nach 15 Jahren aus der Akte gelöscht, machte ich mich kundig. Und dann heißt es aber, die Fahrerlaubnis ganz von vorne neu zu erkämpfen …

Also doch MPU. Na, aber was soll mir, einer trockenen, überzeugten Alkoholikerin, da schon passieren können? Erst einmal Begutachtungsstelle suchen, MPU-Termin machen, hingehen, fertig.

Vorsichtshalber (und glücklicherweise) aber quengelten da Fragen durch meinen Kopf. Was ist eigentlich so eine MPU, was passiert da, was will ein Gutachter herausfinden – schließlich kostet die MPU ziemlich viel Geld, das ich mir nun endlich zusammengespart hatte. Und siehe da: Ich wäre, aus heutiger Sicht, sehr teuer „durchgerauscht“!

Weshalb? Ich habe doch nichts zu verbergen, ich trinke seit fünf Jahren nichts mehr?

Tja, das kann ja jeder erzählen, oder? Glauben muss es niemand. Schon gar nicht ein Gutachter.

Jedenfalls, im MPU-Forum www.mpu-idiotentest.com fand ich viele Antworten von erfahrenen Betroffenen: Ich benötigte, erfuhr ich da verschreckt, recht sicher einen sogenannten Abstinenznachweis! Das heißt, entweder ein Jahr lang vier Haaranalysen (per Termin) oder sechs Urinproben (per Zufallstermin) abzugeben. Darin wird ein Alkoholabbauprodukt gemessen. Liegt es unter der messbaren Grenze, kann von Abstinenz ausgegangen werden.

Dies hieß nun aber wiederum, den von der Behörde festgesetzten amtlichen Termin zur Abgabe des Gutachtens (sechs Monate) verschieben zu müssen! Machen die sowas überhaupt? Oh je. Aber eine schriftliche, freundliche Bitte und als Beleg ein Vertrag über die Haaranalysenerstellung, von einer von mir selbst gewählten Begutachtungsstelle, genügten wirklich.

Ich entschied mich damals kurzerhand für IAS Berlin, wegen ihrer Außenstelle in meinem Stadtbezirk.

Der Tag des Vertragsabschließens dort entpuppte sich fast als eine Art Einführung in das MPU-Geschehen. Sehr Respekt einflößend. Im Warteraum, auf den Tischen standen Kaffee und Wasser, saßen all die Kandidaten dieses Tages. Blätter ausfüllend. Schwer grübelnd. Mit den Knien wippend. An den Fingernägeln knaupelnd. Aus einem Raum tönte ein ständiges Piepsen, der Reaktionstest, ahnte ich. Da drinnen Kommentare wie: „Na, in der Mitte haben Sie etwas geschwächelt, aber dann … sehr gut gemacht.“ Männer und Frauen allen Alters verließen meist hochroten Kopfes das eine oder andere Zimmer. Auweia! Bald fühlte ich mich auf meinem Stuhl wie ein armer Sünder. Meine Scham von früher kam wieder hoch: Ich Ex-Trinkerin, ich! Ich hatte Menschenleben gefährdet!

Wie erleichternd dann aber die unerwartete Freundlichkeit, ob von Arzt oder Psychologin oder Büroangestellten: Die Kandidaten und ich wurden behandelt wie „ganz normale“ Menschen. Respektvoll, zuvorkommend, lächelnd. Balsam für meine schon jetzt angstbeutelte Seele.

Das folgende Jahr verlief „gezeichnet“ vom Abstinenznachweis: Mein dicker Pferdeschwanz hing von Mal zu Mal dünner in seinen zu weit werdenden Gummis. Denn allein nur eine Haarprobe bedeutet, zwei Mal bleistiftdicke Haarsträhnen von der Kopfhaut an sind ritsch-ratsch weg. Heute würde ich mich deshalb eher für die Urinprobe entscheiden, auch wenn solch ein Termin von heute auf morgen sehr ungünstig in den Alltag platzen kann.

Und heute würde ich übrigens auch einen Beratungstermin vorher „kaufen“, um nicht alles Wesentliche selbst recherchieren zu müssen. Da hätte ich dann auch erfahren, nur zum Beispiel, dass ein Abstinenznachweis allein doch noch nicht genügt! Zum Glück erfuhr ich es zufällig noch rechtzeitig: Alles zu sammeln, was meine Abstinenz noch weiterhin belegen kann. Zum Beispiel den Nachweis für eine Langzeittherapie (Arztbericht der Klinik), für eine Nachsorgetherapie, für sonstige Aktivitäten zum Erhalt der Abstinenz. Das kann schon auch seine Zeit dauern, also lieber frühzeitig damit beginnen.

Wie konnte ich mich nun noch weiter vorbereiten?

Im Internetforum gibt es Hilfe-Formulare, die mit ihren Fragestellungen viel nützen können. Weil sie nämlich auf mögliche Gutachterfragen hinweisen wie: Was war damals passiert? Wie sehe ich den Vorfall heute? Was habe ich in der Zwischenzeit für Konsequenzen gezogen? Was habe ich verändert und weshalb? Es ist eine gute Möglichkeit, Erinnerungen und Gedanken vorab zu sortieren.

Der große Tag

Und dann saß ich also vor einigen Wochen, ein Jahr nach der Antragstellung, plötzlich selbst als Kandidat im spannungsgeschwängerten Warteraum. Eine fast schlaflose Nacht hinter mir. Das Herz pumpte viel schneller als sonst. Mein Magen hatte geschlossen. Einatmen, ausatmen, einatmen … Angst: Was, wenn all das Geld umsonst gespart war, weg, versemmelt? Und dann noch einmal ein Jahr Abstinenznachweis droht, dann bin ich ja kahl … Ich hatte Angst vor den Reaktionstests, auf die man sich nicht vorbereiten kann, großen Respekt vor den Gutachterfragen und etwas Sorge, ob ich beim Arzt rein körperlich bestehe.

Fazit: Die Tests am PC/Display brachten mich tatsächlich zum Schwitzen Zu bestimmten schnell auftauchenden Tönen oder Farben wie Rot, Grün, Blau die jeweils passenden Knöpfe oder Pedale zu drücken, das hatte es in sich. Auch wenn ich vorher üben durfte. Aber die gute Nachricht: Die Hürde, wie viel dann davon richtig sein muss, ist recht niedrig. Beim Arzt lief alles glatt. Aber das Gespräch mit der Psychologin forderte mich wieder. Die 35 Minuten fühlten sich wie drei Stunden an. Mindestens. Wenn ich mich noch recht entsinne, erfragte sie zum Beispiel meine heutige Sicht auf die Alkoholstraftat, die Vorgeschichte meines Alkoholkonsums, den Verlauf der Krankheit und persönliche Folgen, versuchtes kontrolliertes Trinken, Gefährdungen heute, was mich heute stabilisiert, ob ich Alkohol in Lebensmitteln ernst nehme, andere Suchtmittel habe usw. Alles Dinge, die ich darstellen konnte, wie sie sind, authentisch und klar und ehrlich. Kein Leichtes, zugegeben, aber auch nix Schlimmes … denn das war ja ICH.

Nur etwa zwei Wochen später: Der dicke Umschlag mit dem Gutachten und einer Kopie lag im Briefkasten! Tatsächlich, juchhey, darin dieser für die Fahrerlaubnisbehörde ausschlaggebende Satz: „Die Befunde weisen zusammenfassend auf eine stabile und motivierte Verhaltensumkehr beim Umgang mit Alkohol hin. Daher kann davon ausgegangen werden, dass die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Trunkenheitsfahrt vertretbar gering ist.“ Nun musste noch die Behörde selbst ihr alles entscheidendes OK geben.

Schon am nächsten Tag brachte ich das Original persönlich und freudestrahlend dorthin.

Und nun, ganz aktuell, gestern im Kasten, auch der Brief der Behörde selbst mit dem ersehnten und schwer erkämpften Satz:„ … durch das nunmehr vorliegende medizinisch-psychologische Gutachten wurden meine bestehenden Bedenken an Ihrer Kraftfahreignung ausgeräumt. Ich bin bereit, Ihnen eine Fahrerlaubnis zu erteilen.“

Geschafft!
Einzige Auflage: Die zwei Prüfungen für den Führerschein nochmals abzulegen, weil ich 12 Jahre nicht Auto gefahren war.
Das wird nun sicher auch noch gelingen …

Anja Wilhelm

 

Interview mit Dipl.-Psych. Michael Bogus, Fachliche Leitung, Nord-Kurs GmbH & Co. KG der TÜV NORD GROUP

Was ist das Ziel einer MPU?

Sie dient der Überprüfung der charakterlichen Fahreignung.

Wer muss sie machen?

Die Führerscheinstelle kann sie fordern, wenn der Führerschein eingezogen wurde. Dafür gibt es einige Anlass-Gruppen. Bei Alkohol und Drogen in Bezug zum Straßenverkehr zum Beispiel, wenn eine Suchtproblematik, eine Abhängigkeit oder Missbrauch vorliegt, bei wiederholter Verkehrsauffälligkeit unter Alkoholeinfluss – und ab 1,6 Promille ist sie obligatorisch.

Was kostet eine MPU?

Seit 1. August sind die bis dahin gleichen Preise freigegeben worden. Jetzt muss man mit etwa 750  Euro rechnen bei einer Fragestellung wegen Alkoholauffälligkeit oder Drogenmissbrauch.

Benötige ich dazu auch einen sogenannten Abstinenznachweis?

Bei allen, bei denen Alkoholmissbrauch oder Abhängigkeit diagnostiziert wurde, wird in der Regel ein Abstinenznachweis verlangt. Und er sollte mindestens ein Jahr dauern. Entweder durch vier Haaranalyen oder 6 Zufalls-Urinproben übers Jahr. Alkoholmissbrauch ist allerdings keine pauschale Sache. Bei jemandem, der mit 2 Promille erwischt wurde, liegt vielleicht schon Missbrauch vor, bei einem anderen würde es vielleicht noch mit kontrolliertem Trinken weitergehen. Ab der zweiten Auffälligkeit allerdings wird die Missbrauchshypothese geprüft. Auch, wenn zum Beispiel jemand schon um die Mittagszeit alkoholisiert gefahren ist, während der Arbeit oder eine Mutter ihr Kind unter Alkohol aus der Kita abholt. Es ist immer eine Einzelfallfrage.

Woher weiß ich denn nun, dass ich ihn brauche? Immerhin kostet er Geld und Zeit …

Am besten, Sie lassen sich vorher beraten. In einem fachlich kompetenten, qualifizierten verkehrspsychologischen Beratungsinstitut. Auf der Webseite der Bundesanstalt für Straßenverkehr gibt es Hinweise, worauf Sie bei der Auswahl des Instituts achten sollten.

Was passiert in solch einem Beratungsgespräch?

Es ist in der Regel ein einmaliges, vertrauliches Beratungsgespräch, in dem die Deliktvorgeschichte besprochen wird. Der Berater kann dann einschätzen, ob der Abstinenznachweis benötigt wird, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf Angemessenheit. Der Berater muss auch einschätzen, wie ein künftiger Gutachter es sehen könnte. Ich halte ein Beratungsgespräch für absolut empfehlenswert.

Was kostet das?

Im Durchschnitt 75 Euro. Aber es macht Sinn in Anbetracht der hohen Kosten einer MPU. Wenn dort erst festgestellt wird, dass ein Abstinenznachweis nötig wäre, ist das Geld weg …

Was sollte ein trockener Alkoholiker vorweisen bei der MPU?

Ein Dokument, das belegt, dass die Entwöhnungsbehandlung erfolgreich abgeschlossen wurde. Kombiniert mit einem einjährigen Abstinenznachweis und Hinweisen auf eine stabilisierende Rückfallprophylaxe, zum Beispiel die Teilnahme an Nachsorgebehandlungen oder Selbsthilfegruppen. Letzteres sollte glaubhaft und nachvollziehbar erklärt werden können.

Eigentlich könnte man sich als langjährig Trockener sicher wähnen, aber es gibt bestimmt trotzdem „Fallen“ im Gespräch, in die man tappen kann …?

Ja. Eine tragische Falle, ein klassischer Fall ist, wenn trotz Entwöhnungsbehandlung und Abstinenznachweis auf die Frage nach Selbsthilfegruppen zum Beispiel gesagt wird: „Ich habe keine, ich brauche keine. Ich schaff das alleine.“ Das hören Gutachter nicht so gern. Er könnte demjenigen eine Unterschätzung der Rückfallgefahr unterstellen.

Weitere „Fallen“?

Zum Beispiel, wenn jemand naiv berichtet, dass er ab und an ein alkoholfreies Bier trinkt oder nicht nein sagen würde dazu. Da springt der Gutachter an. Denn alkoholfreies Bier kann unter Umständen das Verlangen nach alkoholhaltigem auslösen.

Anderes Beispiel: Auf die Frage, „Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann mal wieder Alkohol zu probieren?“ zu antworten: „Höchstens bei gewissen Anlässen.“ Daraus könnte der Gutachter entnehmen, dass die Suchtproblematik vielleicht nicht hinreichend akzeptiert wurde.

Oder wenn der Gutachter fragt: „Was würde passieren, wenn sie wieder etwas trinken?“ Wenn Sie antworten: „Nichts würde passieren …“, das kann entscheidend negativ sein für den Ausgang der MPU. Solch eine Antwort sollte es nicht geben für einen trockenen Alkoholiker. Er muss die Motivierung haben und belegen, so etwas generell zu vermeiden. Sonst könnte ihm unterstellt werden, dass er denkt: Ich trinke jetzt erst mal lange nichts, vielleicht später wieder, vielleicht bin ich ja noch gar kein Alkoholiker (mehr).

Was kann dem Gutachter noch auffallen?

Wenn jemand sagt, ich bin Alkoholiker – aber seine angegebene Trinkmenge zu gering ist dafür. Das kann bedeuten, dass derjenige unkritisch, unrealistisch ist, kein stabiles Selbstverständnis eines trockenen Alkoholikers hat.

Oder auch, wenn derjenige zu den Ursachen seines Missbrauchs keine Angaben machen kann, sondern nur angibt, „das kam durch die Geselligkeit“ oder ähnliches. Wenn also ersichtlich ist, dass keine Aufarbeitung der Ursachen passiert ist, wie zum Beispiel, wenn jemand nur eine Entgiftung hinter sich hat und keine Therapie. Da hilft eine vorherige Beratung. Der Betroffene kann mehr über tieferliegende Ursachen und Rückfallvermeidung erfahren. Das ist das A und O.

Dafür gibt es die MPU-Vorbereitungskurse?

Ja, sie sind eigentlich fast wie eine Rehabilitation. Es wird am Ausgangsproblem gearbeitet mit Hinblick auf die MPU. Das können wirklich nur Fachleute. Da gibt es aber viele schwarze Schafe. Sogenannte Vorbereiter, die taktisch-theoretisch vorbereiten, nicht im Sinne der Sache, der Bearbeitung des Ausgangsproblems. Bei einer MPU geht es nicht darum, auswendig zu lernen, was man auf welche Frage antworten soll, sondern über sich, sein Problem und seine Veränderung zu reden.

Wie erkenne ich die schwarzen Schafe?

Zum Beispiel daran, dass sie Garantien zum Bestehen der MPU versprechen, wobei eine Garantieversicherung meist schon zusätzlich eingepreist ist. Aber es gibt keine Garantie bei einer MPU! Weitere Hinweise finden Sie auf der o.g. Seite der BASt.

Was beinhalten die anderen MPU-Teile, Reaktionstest und medizinische Untersuchung?

Die Reaktionstests sind einfach, meist zwei kleine Testverfahren für ca. 8 Minuten, in denen am Display entweder Linien verfolgt oder Symbole verglichen werden. Die meisten Menschen haben damit kein Problem, es wird auch kein Weltrekord verlangt. Man muss sich darauf nicht vorbereiten, es ist auch nicht das Entscheidende an der MPU. Im Notfall gibt es dann noch eine Fahrprobe.

Die medizinische Untersuchung bei Alkoholproblematik ähnelt einem Check beim Hausarzt, Blutdruck, Krankheitsfragebogen, Blutentnahme. Und es wird nach dem Umgang mit Alkohol gefragt, da sollte die Antwort zu dem passen, was auch beim Psychologen gesagt wird. Wichtig: Bei Drogenabhängigkeit darf kein Alkohol konsumiert werden! Wer unbedarft davon spricht, fällt durch! Aber auch diese Untersuchung ist nicht das Zünglein an der Waage, es ist das Gespräch mit dem Psychologen.

Was will der Psychologe herausfinden?

Das Gespräch dient der Klärung der Aufarbeitung der Vergangenheit. Er will wissen, wie Sie zu dem Delikt heute stehen, was Sie bisher verändert haben und ob diese Veränderung stabil ist. Alle drei Inhalte müssen auch miteinander stimmig und nachvollziehbar sein.

Weshalb sehen Sie die MPU als eine große Chance für Betroffene?

Für viele ist die MPU eine lästige Angelegenheit, die mit Angst verbunden sein kann. Aber für die meisten Betroffenen, habe ich erleben können, ist sie ein positiver Wendepunkt im Leben! Viele Betroffene würden nichts verändern in ihrem Verhalten, aber durch die MPU sind sie gefordert, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen. Mit der Aussicht auf eine höhere Lebensqualität.

 Das Interview führte Anja Wilhelm

Titelthema 5/18: Rapper SILLA: 4,9 Promille, klinisch tot, heute abstinent

Rapper Silla im Gespräch mit der TrokkenPresse:

4,9 Promille, klinisch tot – heute abstinent

Silla trat, wie in der letzten Ausgabe der TrokkenPresse berichtet, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Partydrogen auf. So öffentlich zu seiner Sucht und Suchtbewältigung stehend, hatte er 2016 schon seine Biographie herausgebracht: „Vom Alk zum Hulk“, in der er sein Leben von den Kindesbeinen an bis zum 32. Lebensjahr schonungslos offenlegt (siehe Lesehalle). Die TrokkenPresse wollte von ihm wissen, wie es danach weiterging und weitergehen wird mit dem Musiker, der einst Godsilla war.

Du hast in Deinem Buch „Vom Alk zum Hulk“ sehr öffentlich Rechenschaft über Dein Leben bis 2015 abgelegt. Weshalb?

Als ich da das erste Mal richtig lang abstinent war, 16 Monate, kam mein Platten-Label auf mich zu, sie hatten gute Kontakte zum Riva-Verlag. Das war für mich eine willkommene Sache, um aufzuzeigen, dass man es schaffen kann, dass es geht, auch wenn es ein ewiger Kampf ist. Viele Leute hatten mich angeschrieben, dass sie mich als so etwas wie ein Idol sehen und gefragt, wie ich es schaffe, trotz der Sucht meine Sachen auf die Reihe zu bekommen. Ich habe es ja ab und zu, Wochen, Monate … Ich bin ein Extremmensch, entweder Vollgas, Sport, korrekte Ernährung und einen durchstrukturierten Tagesablauf oder das komplette Abstürzen und zwei Wochen 1 Liter Schnaps trinken und alles dreht sich um den Konsum. Aber ich hatte immer wieder die Hoch-Zeiten und zeige, dass es doch geht. Und dass vor allem Strukturen nötig sind.

Dein Buch endet mit den Sätzen: „Ich bin bereit für den Kampf gegen mein Ich. Für das nächste Kapitel. Für einen neuen Anfang“. Wie sah der Neuanfang 2015 aus, nach der Klinik? Gab es noch mehr Anfänge seitdem?

Ich war acht Wochen in der Klinik. Der Grund war, dass ich eine große Trennung von einer Frau zu verschmerzen hatte. Da drinnen hatte ich meinen festen Tagesablauf, mich wieder super gefühlt, am Rande der Überheblichkeit: So, jetzt krempele ich mein Leben total um. Und dann hat es keine drei Wochen gedauert, bis ich meine Unzulänglichkeit begriff. Ich hatte in der Klinik noch mit der Frau Kontakt gehalten und dachte, versuch’ s noch mal. Aber sie hatte während der Zeit mit einem Neuen angebandelt. Das hat wieder meinen Selbstwert getroffen, so dass ich drei Wochen nach der Behandlung rückfällig wurde.

2016 bin ich mit dem Album vom „Alk zum Hulk“ auf Tournee gegangen, dann hatte ich auch das Buch fertig und meine jetzige Frau kennengelernt, von der ich mich allerdings jetzt wieder in der Scheidung befinde.

2016 war ein Superjahr, ich war abstinent bis auf zwei Tage.

Dann ging es wieder los, Probleme in der Ehe und wieder Alkohol als Stresslöser eingesetzt. Die Noch-Frau ist angehende Zahnärztin, sie meinte, die Sucht sei gar nicht mein Problem, Du hast eine Persönlichkeitsstörung, Du hast dies und Du hast das Problem. Wenn jemand so auf dich einspricht, dann beginnst du das zu glauben, du fängst an, darüber zu lesen und glaubst, du bist totalgestört.

Ich arbeite das aber gerade in der Therapie auf. Es sind Angststörungen, die ich habe und manchmal mangelndes Selbstbewusstsein, das Gefühl der Ablehnung und Konfrontation, diese vier Bereich sind Gründe, warum ich zum Stoff greife. Es ist natürlich nicht leicht, mit mir in Rückfallphasen mit mir umzugehen, weil ich nur an den Stoff denke, ich werde dann nicht gewalttätig oder so, ich bin dann in meiner Welt und versuche alles, um mir den Stoff zu besorgen. Drei, vier, vierzehn, mitunter fünfzehn Tage ging das so. Dann fing die Frau an, mir das Portemonnaie wegzunehmen … da bin ich in den Supermarkt und habe direkt aus dem Regal getrunken, einfach weil ich die Erleichterung brauchte in dem Moment. Ich erschrecke mich, wenn ich daran denke, wie schlimm das ist. Wenn man die Leute vor dem Supermarkt sitzen sieht, dann denkt man, der soziale Abstieg ist noch weit weg, aber ich weiß, wenn du den letzten Halt verloren hast, dann sitzt du mit ihnen da, das ist abschreckend, soweit darf’s nicht kommen.

Nach Deinen Rückfällen, hast Du Dir Hilfe geholt?

Nach der Klinik habe ich ganz normal die Nachsorge gemacht, bei der Caritas. Das war super. 2016 habe ich aufgehört, ich dachte, das brauch ich nicht mehr, jetzt bin ich auf einem guten Weg.

2017, nach meinen Rückfällen mit der Trennung, habe ich mit Verhaltenstherapie begonnen, um das Ganze aufzuarbeiten und mir Wege aufzeigen zu lassen, um endlich mal zum Kern vorzudringen. Das alles mit jemanden aufzuarbeiten und da richtig hineinzugehen, wo es weh tut … Das ist sehr anstrengend. Aber man muss es machen. Zum Beispiel Tagesabläufe, die Woche aufschreiben, was man gemacht hat, von A-Z, mit Verhaltensbarometer, wie war meine Anspannung, wie war mein Suchtdruck. Daran kann man sehen, was tut mir nicht gut, was tut mir gut. Wie sollte ich meinen Alltag gestalten, was ist schlecht, was muss passieren, damit ich Suchtdruck bekomme, wie kann ich diesen Situationen begegnen, das ist harte Arbeit an sich selbst. Es reicht nicht, zu sagen, „So, jetzt trinke ich einfach nicht“. Irgendwann wird es wieder ein Ereignis geben, bei dem der Alkohol der einzige Ausweg zu sein scheint.

Die Therapeutin hat gesagt, „Geh in Selbsthilfegruppen, ich will, dass da einmal die Woche steht: Selbsthilfegruppe.“ Ich war bei den NAs, da habe ich einen Schlüsselanhänger, da steht „Nur heute“ drauf, finde ich cool. Das klingt nicht so unrealistische wie „niemals“. Zu den NAs gehe ich jetzt regelmäßig, muss mich aber jetzt durchringen, weil jetzt wieder alles super läuft, die Karriere geht nach vorne, super Beziehung, alles wieder im Lot. Keinen sozialen Abstieg erfahren in den letzten Jahren, alles, was brach lag, wo ich dachte: So, das war’s, hat sich eingerenkt. Bei den NAs habe ich gehört, der sagte: „Wenn es einem schlecht geht, soll man in die Gruppe gehen und wenn es einem richtig gut geht, dann soll man in die Gruppe rennen.“

Wiederbelebung 2009 mit 5 Promille und „36 Stunden im Krankenhaus“ – wie ging es danach weiter?

Man wird komisch behandelt, die Ärzte schienen mir da überheblich, wahrscheinlich, weil sie denken, der ist bald wieder da. Sie haben auch gesagt, „Such dir Hilfe“, aber die haben mir nicht geholfen, mich zu vermitteln. Ich wollte das auch nicht, glaube ich, ich wollte dann auch gehen.

Du schilderst im Buch Deine Versuche mit Baclofen …

Im Ameisen-Buch steht ja, „Ich wurde geheilt“, das fand ich interessant. Im Nachgang weiß ich, dass es keine Heilung gibt, aber er hat sich ja mit einer hohen Dosis täglich zugeballert. Ich habe es mir von meiner Hausärztin verschreiben lassen. Ich habe die 16 Monate, meine längste Abstinenzzeit, morgens, wie das Zähneputzen, eine Tablette genommen und bin super in den Tag gestartet. Für mich war das ein kleines Hilfsmittel, mir ist aber auch klar geworden, dass ich ein Mittel durch das andere ersetze, aber immer noch besser als laufend Abstürze zu haben, so bin ich keine Gefahr für die Gesellschaft. Aber gehe dem eigentlichen Problem nicht auf den Grund. Ich nehme es aber trotzdem noch manchmal, wenn der Suchtdruck da ist, dreimal 25 mg, dann werde ich ruhiger.

Cannabis: Es scheint im Buch, dass seit der 7. Klasse fast durchgängig gekifft wird, bei Alkohol aber größere Trinkpausen eingelegt werden können, Du aber Alkohol als Dein Hauptproblem siehst.

Gekifft habe ich eigentlich täglich, um etwas auszugleichen oder um zu denken; das fördert meine Kreativität, auch um diese Leere zu füllen, die manchmal in mir herrscht. Man taucht in seine Welt ab und hat mit seiner Umwelt nicht mehr so viel zu tun. Ich bin manchmal auch für ein halbes Jahr abstinent, wenn ich merke, dass es nicht mehr so läuft. Das Suchtverlangen ist ganz stark ausgeprägt, zum Glück nur bei diesen beiden Stoffen, andere Drogen haben mich nie interessiert. Habe aber alles mal ausprobiert, bis auf die ganz schlimmen Sachen.

Aber Du strebst eine Abstinenz von Alkohol und Cannabis an?

Ja, weil ich fühle, weiß, sehe, bemerke, dass das die geilste Zeit meines Lebens ist, wenn ich nichts nehme. In dem Moment erscheint es nicht immer so, man muss die schlechten Gefühle und Probleme aushalten, aber man löst sie dann auch richtig gut. Es mag einem im Moment nicht so scheinen, dass es gut ist, aber wenn man zurückblickt: Vor einem Jahr, das hast Du ausgehalten …, dann fühlt man sich cool. Ich habe Eckart Tolle gelesen, „Die Kraft der Gegenwart“, das ist schwierig umzusetzen. In der Klinik hat mir eine Therapeutin abgeraten, ich wäre dann wieder fremdgesteuert, ich solle auf mich schauen, was ich will, irgendwie hat sie recht. Aber man sucht sich Stützen, wo man ansetzen kann.

Du bist jetzt trocken und clean. Wie arbeitest Du nun, besser oder schlechter?

Viel besser! Alles, was ich früher unter Alkohol gemacht habe, ist viel schlechter, auch wenn es Glücksfälle gab.

Du würdest nicht sagen, durch Suff und Drogen wird man kreativer?

Das reden sich die nur Leute ein, um die Sucht zu entschuldigen, um konsumieren zu können, glaube ich. Ich habe die besten Ideen, wenn ich clean bin, wenn ich sportlich unterwegs bin. Wenn ich trinke, sitze ich zuhause vor meinem PC und finde mich bemitleidenswert. Einen schlechten Tag hat ja jeder, aber das akzeptiere ich dann auch und harre aus und weiß, morgen ist dann wieder ein besserer Tag und gehe meinen Aktivitäten nach. Ich lass mich nicht mehr aus der Bahn schmeißen, denn ich weiß, ein schlechter Tag gehört dazu.

Du hast früh mit Kiffen und Trinken begonnen, erster Vollrausch mit 15. Sollte sich der Staat mehr für den Jugendschutz interessieren?

Jugendschutz ist sehr wichtig. Ich bin der Meinung, dass man alles Alkoholische erst ab 18 kaufen können darf. Dann ist man erwachsen, dann ist man Herr seiner Sinne. Mit 15-16 kann man noch nicht abwägen, was ist richtig, was ist falsch. Ich finde es gut wie in den USA, dass Alkohol erst ab 21 erlaubt ist und es auch Strafen gibt, wenn das missachtet wird. Das ist verantwortungsvoller. Im Bundestag wird gerade über Tattoos debattiert, dass man eine Frist einhalten muss, weil es ein Leben lang bleibt. Aber an einem Tattoo ist noch keiner gestorben, an Alkohol schon, man sollte schauen, dass man in dem Bereich mehr macht.

Wie wird in der Rapper-Szene auf Deine Abstinenz reagiert?

Ich war früher sehr erfolgreich, goldene Platten, vor 20.000 Leuten auf Festivals aufgetreten, das war die Phase, als ich vorher noch eine Flasche Whisky getrunken habe und dann ab auf die Bühne und Halligalli. Jetzt erzähle ich, dass ich den Sport entdeckt habe, das Album „Vom Alk zum Hulk“ war eher sportorientiert, hat auch seine Hörer gefunden, war Platz fünf der Charts. Aber kein Vergleich mit den Verkäufen von früher. Das gibt mir schon zu denken. Die Leute wollen hören: Alles Scheiße, ich geb‘ mir die Kante, man lebt nur einmal. Das ist das Rebellische im Pop, dieses Aufbegehren. Aber es gibt einen festen Kern von Leuten, die mir jeden Tag schreiben und mir die Bestätigung geben, so weiterzumachen. Wenn ich mehr Erfolg hätte, wenn ich das verherrliche, wäre das nicht echt, das ist nicht meine Geschichte. Mir haben Plattenfirmen gesagt, mach das wie früher, die Leute wollen den kaputten Silla haben. Das ist ein Teufelsgeschäft. Das kann ich nicht mehr mit mir vereinbaren, so bin ich glücklicher, auch wenn es eine Null weniger auf dem Konto ist. Ist mir lieber, als zu versacken, da bleibe ich meinen Idealen treu und die bedeuten, clean zu sein.

Ist Sport Deine Ersatzdroge oder eher ein Hilfsmittel bei der Alkohol-Suchtbewältigung?

Hilfsmittel, um trocken zu bleiben. Das ist Struktur. Als ich angefangen habe, nach meiner Wiederbelebung 2009, da stand ich um 6 Uhr auf der Matte, Haferflocken, Ernährungsplan, Training. Während die anderen noch schlafen, gehe ich meinen Träumen nach und muss alles aufholen, was ich bisher versäumt hatte. Es gibt mir eine Struktur, dass ich durchhalte, das gibt mir einen Sinn, du hast jetzt trainiert, dann musst du richtig essen, darfst keinesfalls Schnaps trinken, denn dann sind die Trainingsergebnisse futsch und du willst ja was erreichen. Man setzt sich so kleine Etappenziele. Der Sport gibt mir einen langen Atem, um dranzubleiben. Es dreht sich nicht alles um die Sucht, ich denke nicht jeden Tag nur daran, es ist aber ein omnipräsentes Ding, gerade in der heutigen Zeit, gerade in der Szene, man wird schon damit konfrontiert und man fühlt sich dann echt krank und komisch. Du bist auf dem Straßenfest, da steht dann heute: „Zwei Bier für einen Preis“, da steht ja nie: „Heute gesunder Tee im Angebot“.

Viele Leute haben kein Problem, die trinken und können damit aufhören, zumindest sieht es so aus. Man liest es und man denkt „Das darfst du auf keinen Fall!“ Man fühlt sich so krank und steht am Rande, wenn die anderen wieder können und machen. Um meine Linie zu finden, habe ich den Sport und lasse die anderen saufen.

Was war der Grund für Deine Teilnahme an der Podiumsdiskussion „Partydrogen …“ Warum gehst Du mit Deiner Suchtkrankheit so in die Öffentlichkeit; wen oder was willst Du erreichen?

Ich weiß, ich kann da mitreden. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich so offen darüber reden und anderen helfen kann. Ich habe schon das Gefühl, dass ich da eine Vorbildfunktion habe. Vielleicht ist es auch ein bisschen sowas wie ein kleines Geltungsbedürfnis, vielleicht werden meine Wünsche nach Akzeptanz so erfüllt. Vielleicht kann ich der Welt so etwas mitgeben, denn außer durch meine Musik habe ich nicht das Gefühl, dass ich etwas Großes zu dieser Welt beigetragen habe. Ich habe die drei Stützen, den Sport, die erfolgreiche Musik und das öffentliche Reden über meine Sucht. Egal, wie ungemütlich die Frage ist, ich antworte ehrlich, sonst hilft man keinem. Warum wird Sucht nicht in der Schule thematisiert? Es wäre eine sinnvolle Präventivmaßnahme.

Was planst du in nächster Zeit? Musikalisch, sportlich und im Hinblick auf Deine Sucht?

Ich überlege, ob ich Seminare auf Sucht bezogen anbiete. Und meine neue Freundin und ich haben vor, in den nächsten Jahren nach Österreich zu gehen, Kinder zu kriegen, ein schönes Häuschen zu errichten, weg vom Großstadttrubel. Ich liebe Berlin über alles, ich werde hier immer eine Wohnung behalten, aber es ist mir oft zu stressig, gerade beim Fahrradfahren. Ich brauche viel Ruhe, um richtig agieren zu können, Stress und Chaos sind keine guten Wegbegleiter. Ich werde dann meiner Musik nachgehen, ein eigenes Plattenlabel gründen, wo ich Künstler unter Vertrag nehme. Einfach abstinent bleiben, dann öffnen sich Türen.

Aber ich sage auch immer, wenn man etwas plant, dann fällt das Schicksal lachend vom Stuhl, weil dann etwas passiert und alles anders kommt …

Das Gespräch führte Torsten Hübler

Titelthema 4/18: Trockenbleiben mit Sport?

Ob Laufen, Schwimmen, Wandern & Co:

Kann Sport tatsächlich „trocken halten“?

„Ja, ja, ja!“, werden einige von Ihnen, liebe Leser/innen, sofort begeistert rufen. Andere haben vielleicht mit körperlicher Betätigung noch nie viel im Sinn gehabt, weshalb also jetzt? Und wiederum einige unter Ihnen wissen, dass etwas mehr Bewegung gut täte, können sich aber selten überwinden. Und manchen hält vielleicht auch eine Krankheit davon ab.

Was auch immer Sie jetzt gerade über Sport denken – wir wollen versuchen, die obige Frage zu beantworten. Dazu gibt es so einige Theorien, Erfahrungen und Studien, sogar Hamster spielen eine Rolle …

„Kurze Pause, alle Paddel raus!“, tönt es vom Trainer hinten am Steuerruder.

Drachenboottraining in Berlin-Grünau. Der Klärwerk e.V. bereitet sich auf den Cup des Anti-Drogen-Vereins vor. Wir 12 Paddler keuchen bereits, nach 1000 nassen Metern über die Dahme. Schweiß mischt sich mit Flusswasser. Sonne glitzert auf den Wellen. Pause also. Atem schöpfen.

Wortfetzchen von hinten landen an meinem Ohr: „ … meine Bandscheiben … morgen Physiotherapie … ja, mein Knie auch …“ Hut ab, dass jemand trotz Beschwerden mittrainiert. Ich drehe mich mitfühlend um. Sofort kommt mir die Frage entgegen: „Und was hast Du so für Krankheiten?“

Oh. Ähm … ja stimmt. Arthrose in den Knie-und Ellenbogengelenken, kann ich also mitreden, aber dass ich davon nur noch wenig merke, seitdem ich regelmäßig Sport treibe.

Ich weiß auch, dass weiter vorn im Boot jemand sitzt, der chronische Kniebeschwerden hat. Eine Frau mit einer Halswirbelverschraubung auch. Aber jeder paddelt mit, so gut er eben kann. Weshalb?

Die Glücksgefühle, ja regelrechten Hochgefühle, die unser Auspowern mit sich bringt – noch verstärkt durch das Gemeinschaftsgefühl in einem Boot – , sind stärker und wichtiger als alle Zipperleins. Wir fühlen uns so lebendig auf dem Wasser und nach dem Training! Suchtdruck und Sehnsucht nach Bier? Keine Chance. Dafür eine Chance, alte Trinkmuster zu überschreiben, denn wir erleben: Ja, es geht, ohne Alk glücklich zu sein! „Mir geht’s jetzt so gut!“, „War das geil!“, Ich freu mich schon so aufs nächste Mal!“

Wenn wir ehrlich sind, haben doch die meisten von uns in ihrer Trinkzeit, in der nichts wichtiger war als der Alk, auch den Körper vernachlässigt. Arme, Beine, Muskeln, Sehnen, Knochen? Egal. Mir selbst ja auch. Vor meiner Entwöhnung vor fünf Jahren habe ich minutenlang gebraucht, um von der Bettkante aufstehen zu können, Arthritisknie, Gicht, Rücken. Mit erst 50! Aber das war mir damals egal. Hauptsache, ich schaffe es bis zum einzig wichtigen Regal im Supermarkt, irgendwie.

Sport? Na, wie denn …

Eben deshalb vielleicht ist es so schwer, unseren Körper wieder wahrnehmen zu müssen, ohne Betäubungsmittel und Fluchthelfer Alkohol. Mit allen Zipperleins. Er hat ja schwer gelitten.

Aber er ist nun mal unser Zuhause. Wollen wir uns Zuhause wohlfühlen? Wir könnten es wieder erlernen. Sich irgendwann wieder wohlzufühlen im eigenen Körper kann nämlich ebenso das Rückfallrisiko senken wie der Glückshormonausstoß beim körperlichen Betätigen:

Was Hamster uns beweisen

Sport kann in der Suchttherapie als eine Art natürliche und gesunde „Ersatzdroge“ wirken. US-Wissenschaftler J. David Glass belegte das in seiner Studie (2010). Er untersuchte das Verhalten von Hamstern, die sich – freiwillig – in einem sogenannten Hamsterrad bewegen konnten und Zugang zu Wasser mit Alkohol hatten, ohne dass sie gezwungen wurden, dieses zu trinken. Je mehr die Hamster liefen, desto geringer war ihr Alkoholkonsum. Die „fauleren“ Hamster hatten ein größeres Verlangen nach Alkohol und tranken mehr. „Das zeigt, dass körperliche Betätigung eine effektive, nützliche und nicht-medikamentöse Behandlungsmethode für Alkoholismus sein könnte”, schlussfolgerte Glass.

„Alkoholkonsum und freiwillige körperliche Betätigung scheinen zwei Verhaltensweisen zu sein, die von Natur aus belohnend sind”, sagt Alan M. Rosenwasser, Professor für Psychologie an der US-University of Maine. „Die belohnenden Effekte dieser beiden Verhaltensweisen könnten teilweise austauschbar sein. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die beiden Verhaltensweisen von überlappenden Systemen im Gehirn reguliert werden.”

Ein chinesisches Forschungsteam hat einmal alle verfügbaren Einzelstudien zu diesem Thema zusammenfassend analysiert. Das Ergebnis: Entzugsbehandlungen, die körperliche Aktivität beinhalten, erzielten höhere Abstinenzquoten und reduzierten die Entzugssymptomatik stärker als Behandlungen ohne körperliche Aktivität. Neben typischen Ausdauersportarten wurden auch fernöstliche „Mind & Body“-Aktivitäten wie Tai-Chi, Yoga oder Qigong untersucht. Sie verbessern die Abstinenzrate ähnlich wie klassischer Ausdauersport.

Und noch eine Studie: Dass Alkoholismus nicht nur die Leber, sondern auch Teile des Gehirns –besonders Nervenfasern –schädigen kann, ist bekannt. Sind auch diese neuronalen Schädigungen zumindest teilweise reparabel?, wollten US-Forscher wissen. Eine experimentelle Studie mit 60 Probanden ergab: Ja. Regelmäßige sportliche Betätigung kann solche Beeinträchtigungen verhindern oder gar reparieren (Alcoholism: Clinical & Experimental Research).

Kein Wunder also, dass Sport zu den Reha-Therapiestandards der Deutschen Rentenversicherung in den Entwöhnungskliniken gehört: Als Bewegungstherapie, Physiotherapie, Individualsport, Mannschaftssport.

Sport als Rückfallprophylaxe?

 Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Bewegungsversuche in der Entwöhnungsklinik? Mit Spaß hatte das meist noch nichts zu tun, oder? Und dann dieser erste Muskelkater. Und dann doch wieder zum Kreistraining müssen, zum Schwimmen oder Ballspielen …

Wie neuropsychologische Untersuchungen an Alkoholkranken ergaben, ist die Gang-und Standbalance auch vier Wochen nach dem Entzug noch beeinträchtigt! Umso wichtiger, diese Anstrengungen durchzuhalten. Außerdem gibt dies am Ende auch Selbstvertrauen: Ich kann das ja doch! Ich kann mich wirklich durchkämpfen! Ich kann meinen inneren Schweinehund überwinden und etwas schaffen!

Dieserart erlebte Erfahrungen sind für den Einzelnen dann – ob bewusst oder unbewusst – auch übertragbar auf andere Lebensbereiche. Schwierigkeiten und emotionale Krisen können anders bewältigt werden.

Hinzu kommt, dass die gestörte Endorphin-Produktion nach einem Entzug durch körperliche Betätigung wieder angekurbelt wird. Nach den ersten vielleicht noch freudlosen Übungsstrecken setzt irgendwann wirklich Wohlgefühl ein beim Training. Es kann Freude bereiten, glücklich machen. Wer glücklich sein kann ohne Alk – ist weniger rückfallgefährdet …

Rolf Schneider formuliert es so in seiner Suchtfibel (14. Aufl., S. 339): „Sport in der Therapie dient also keineswegs der ,Beschäftigung‘, ,Ablenkung‘ oder Unterhaltung der Rehabilitanden und auch nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, um fit für das Erwerbsleben und die Alltagsbewältigung zu sein, sondern ist ein spezielles Modul der Suchtbehandlung, das rückfallpräventiv darauf abzielt, das eigene Befinden und die Stimmungslage ohne psychotrope Substanzen befriedigend steuern zu können. Wenn das gelingt, ist ein großer Schritt von der Abhängigkeit zur Selbststeuerung getan.“

Sport als neues Freizeit-Hobby

Was fange ich nun, nach der Therapie, in meiner Freizeit an? Wenn die alten Kumpels im Biergarten sitzen oder Partys feiern?

Der Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik Berlin, Dr. Darius Tabatabai, erklärt auf der Webseite der Klinik, dass es den meisten Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung schwer falle, sich ein Leben ohne Alkohol oder andere Suchtstoffe vorzustellen: „Zu Genesung und Aufbau einer stabilen seelischen Gesundheit muss die Gestaltung von Freizeit oftmals wieder erlernt werden. Dabei ist ein sportliches Miteinander ein gutes Training, seinen Teamgeist wieder zu entdecken und körperlich fit zu werden für den Alltag. Wir bieten während der Therapie an, verschiedene Formen der Freizeitgestaltung auszuprobieren.“ Neben Volleyball werden zum Beispiel auch Fußball und Schwimmen angeboten. Mit der Möglichkeit, auch nach der Therapie weiter daran teilzunehmen.

Das ist auch so eine zentrale Frage: Wo kann ich denn überhaupt in einem trockenen Umfeld Sport treiben?

Natürlich kann jeder alleine für sich joggen gehen, daheim auf dem Ergometer trainieren oder seine Bahnen in der Schwimmhalle ziehen. Aber wer Spaß im Team sucht, braucht ja denn auch tatsächlich eins.

Ein tolles Beispiel ist der Drogenliga e.V. in Berlin. Eine Suchtselbsthilfegemeinschaft, die 1980 von Betroffenen für Betroffene gegründet wurde. Fußball und Volleyball werden gemeinsam trainiert.

Ein anderes Beispiel in Bochum: Innerhalb des neuen Projektes „Sucht-Selbsthilfe geht neue Wege“ des Blauen Kreuzes in Deutschland gibt es das Sportcafé „Ziemlich gute Freunde“ Hier treffen sich Suchtkranke, Angehörige und Freunde, um gemeinsam Sport zu treiben. Ob Hallenfußball, Badminton und Tischtennis, es gilt für alle: Kein Alkohol, keine Drogen! Man kommt miteinander ins Gespräch, lernt andere Menschen kennen. Ein Teilnehmer berichtet: „Vor einem Jahr habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Sich freitags mit anderen auszupowern und den Stress der Woche hinter sich zu lassen, tut richtig gut. Und das ohne Alkohol!“

Ein weiteres Beispiel ist der Elefanten-Cup in Berlin, den der Anti-Drogen-Verein e.V. jährlich organisiert (s.S. X). 30 Mannschaften aus verschiedenen Suchtvereinen und Suchthilfeeinrichtungen genießen dieses Drachenboot-Event jedes Jahr alkohol-und drogenfrei – und trainieren oft schon Wochen vorher dafür gemeinsam.

Vielleicht gibt es ja auch in Ihrer Region ähnliche Angebote? Auf der Suche danach können Ihnen die jeweiligen Landesstellen für Suchtfragen und die regionalen Selbsthilfe-Kontaktstellen weiterhelfen.

Eine Alternative könnte auch sein, dass Sie den Treff Ihrer Selbsthilfegruppe nach draußen verlegen und gemeinsam um den nächsten See wandern. Oder Sie gründen selbst eine Gruppe für „Trocken-Sport“?

 

Übrigens: „Vom Alk zum Hulk“. In der nächsten Ausgabe möchten wir unser Thema gerne fortsetzen. Wir planen ein Interview mit dem Rapper-Star Silla, der in seinem Buch mit anfangs genanntem Titel seine persönlichen Erfahrungen beschreibt.

Anja Wilhelm

 

Adressen:

www.drogenliga.de

www.anti-drogen-verein.de

www.facebook.com/ziemlichgutefreunde

 

 

Titelthema 3/18: Die Tücken der Sucht

Neue Serie:

Die Tücken der Sucht

Von Winfried Lintzen

Suchttherapeut der PBAM Berlin-Schöneberg

Viele Abhängige finden den Weg zur Abstinenz, bevor viel im Leben zu Bruch geht, nur wenige bringt die Sucht ins Heim oder ins Grab. Doch jeder Rückfall kann für das Gelingen des Lebens gefährlich werden. Je weniger Rückfälle, desto besser. Deshalb lohnt es sich, die Tücken der Sucht zu kennen.

(1) Sucht ist ein bösartiges Gewächs im Kopf

Hirn wächst: Die Zellen vernetzen sich und das Netz wird umso stärker, je öfter sich etwas wiederholt und je heftiger es mit Gefühlen einhergeht.

Wird über lange Zeit regelmäßig ein Suchtmittel konsumiert, entsteht ein Nervenzellnetzwerk, in dem alles gespeichert ist, was mit dem Konsum zu tun hat: wieviel und wie oft konsumiert wurde; wie der Konsum wirkt und was man damit anfangen kann; wie man vor sich selbst das nötige Lügen und Verheimlichen rechtfertigt usw. – Sobald es durch einen Auslösereiz aktiviert wird, sorgt das Verhalten komplett für sich selbst, es findet den Weg zu seinem Ziel buchstäblich „wie im Schlaf“, sogar dann, wenn die Betroffenen es gar nicht mehr wollen. Es ist wie das Gängeschalten im Auto, das ebenso „instinktiv“ und nebenbei abläuft und keine bewusste Steuerung mehr braucht.

Je stärker das Suchtnetzwerk ist, desto öfter setzt es sich gegen alles durch, was im Leben wichtig ist. Langsam aber sicher wird das ganze Leben der Sucht untergeordnet, gnadenlos: die Interessen, der Beruf, die Familie, die Gesundheit, das Leben. – Stoppen kann diesen Prozess nur die Abstinenz.

(2) Sucht stellt sich tot

Nervenzellnetzwerke werden nicht abgebaut, selbst wenn sie jahrelang nicht mehr aktiviert werden. Bekannt ist dieser Effekt vom Radfahren, auch das kann man nicht mehr verlernen. – Abhängige, die die Abstinenz beenden, müssen damit rechnen, dass ihnen früher oder später der Konsum wieder entgleist.

Bei manchen stellt sich bereits nach kurzer Zeit das alte Konsumverhalten wieder her. Andere jubeln, wenn sie es schaffen, mehrmals zu konsumieren, ohne das frühere Verlangen zu spüren. Das ermutigt sie, wieder öfter zu konsumieren. Manchmal muss es dann erst zur Katastrophe kommen, bevor sie zur Abstinenz zurückkehren: Jemand hatte nach einem Jahr Abstinenz mehrmals bloß ein Bier getrunken, ohne weiteres Verlangen. Doch dann waren es plötzlich einmal vier, und er kam auf die Idee, mit dem Wagen noch schnell was zu erledigen. Auf dem Rückweg rammte er mehrere parkende Autos. Mit dem Führerschein musste er auch seinen Garten abgeben, seine größte Quelle von Erholung und Freude, denn der Garten lag an einem idyllischen kleinen See, weit ab von Bussen und Bahnen, er konnte ihn nur mit dem Auto erreichen. Dabei hatte er noch Glück gehabt, keinen Radfahrer erwischt zu haben …

Manchmal stellt sich auch ein völlig anderes problematisches Konsummuster ein: Manche Abhängige, die überwiegend täglich konsumiert haben, entwickeln einen episodischen Konsum (bekannt als „Quartalstrinken“): Sie konsumieren dann zwar nur alle paar Wochen mehrere Tage, dafür aber exzessiv. Die Betroffenen halten das für einen Fortschritt – aber ihr Gehirn nicht, ihre Angehörigen auch nicht, oft auch nicht ihr Arbeitgeber und manchmal nicht mal die Polizei …

Generell gilt: Die Sucht hat den längeren Atem. Angenommen, jemand entscheidet sich mit 35 für die Abstinenz, lebt 15 Jahre rückfallfrei, beginnt mit 50 wieder mit dem Konsum und schafft es tatsächlich, zwei Jahre so zu konsumieren, dass nichts zu Bruch geht. Dann sagen alle: „Der kann wieder kontrolliert trinken!“ – Gut, aber wie lange? Er ist erst 52! – Die Sucht grinst. – Was ist, wenn er mit 54 wegen Alkohols am Steuer seinen Führerschein verliert, an dem der Arbeitsplatz hängt? Mit 54 arbeitslos – na Klasse! – Und wie sieht es dann mit der Motivation zur Abstinenz aus, wenn es eh egal ist, ob er trinkt oder nicht? – Abgesehen davon: Was heißt es schon, wenn über zwei Jahre „nichts zu Bruch geht“? Auch ohne dass die Ehefrau oder der Arbeitgeber sich trennen, kann man sich auf Dauer um Kopf und Kragen konsumieren. Mit 60 einen Schlaganfall zu haben ist auch nicht so toll … – Sucht ist tückisch. Sucht hat Zeit. Sucht grinst …

Die Sucht ist ein Monster, das mit jeder Futtergabe wächst, und es kann selbst nach Jahren des Aushungerns seine alte Stärke wieder herstellen, sobald es wieder Futter kriegt – denn es hungert nicht, es schläft einfach ein, wenn es nicht mehr gefüttert wird, es kann nicht auszehren und nicht schrumpfen …

(3) Sucht drängt sich vor

Unser Gehirn belohnt gutes Verhalten mit guten Gefühlen: ein sinnvolles Werk verrichten, etwas Gutes essen, mit netten Menschen zusammen sein, tanzen, lieben, Erfolg haben, Musik hören usw. Unser Gehirn „macht“ die guten Gefühle: Gefühle sind neuronale Stoffwechselzustände, also Biochemie. Und das birgt die Möglichkeit, der Chemie etwas nachzuhelfen und die gewünschten „Stoffwechselzustände“ durch Zufuhr einer chemischen Substanz herzustellen, statt durch das Tun des Richtigen. Nutzen wir diese Eselsbrücke lange genug, ziehen wir sie irgendwann allen anderen Wegen zum Glück vor, der Suchtmittelkonsum nimmt dann selbst den attraktivsten Aktivitäten „den Wind aus den Segeln“: Jemand malt in seiner Freizeit und hat viele tolle Ideen, die er unbedingt realisieren will. Aber immer, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, sagte er sich: „Ach, erstmal einen Wein!“ – Auf Dauer spürt er immer seltener die Energie, die er fürs Malen braucht. Er findet das zwar nicht toll, aber zunächst auch nicht besonders schlimm, denn er sagt sich: „Die Bilder laufen schon nicht weg!“ Nur fällt ihm irgendwann auf, dass er regelmäßig den Wein demjenigen vorzieht, was ihm wirklich am Herzen liegt. Er wundert sich und denkt: „Das kann doch nicht sein!“ Er geht ein paar Mal bewusster mit dem Alkohol um. Aber nach ein paar Wochen muss er feststellen: Tatsächlich, egal, wie wichtig und faszinierend das Malen für ihn ist: den Suff zieht er vor!

Sucht ist ein autonomer Wille, der sich völlig ablösen kann von dem, was ein Mensch eigentlich will, wertvoll findet und anstrebt. Die Sucht behält ihre Macht selbst dann, wenn der Betroffene das, womit sie ihn belohnt, gar nicht mehr mag. Viele Abhängige sagen nach einem Rückfall: „Ich weiß doch, dass es nicht mehr so toll wird wie früher – verflixt nochmal, wie war das möglich, dass ich es trotzdem wieder gemacht und dabei so viel riskiert habe?“

(4) Sucht unterläuft Einsicht und Vorsatz

Die Fähigkeit, uns auf eine Sache zu konzentrieren, besteht darin, alles zu blockieren, was die Konzentration stört. Wenn wir bei der Flucht vor dem Tiger an den Ärger mit dem Chef denken würden, hätte der Tiger es leicht. Es ist immer nur ein Nervenzellnetzwerk voll aktiv, und es wird aktiviert, indem es die anderen Nervenzellnetzwerke runterfährt. Diesen Effekt der „reziproken Hemmung“ kennt jeder: Manchmal ist ein Film oder ein Fußballspiel so spannend, dass man gar nicht mehr merkt, wie stark eigentlich die Blase drückt.

Je attraktiver eine Vorstellung ist, desto heftiger hemmt sie alle anderen Vorstellungen, wir denken  immer stärker nur noch an sie. Und je stärker wir an sie denken, desto weniger fragen wir uns, ob wir wirklich so stark an sie denken wollen. Doch selbst, wenn wir uns das fragen würden, hätten wir keine Lust, uns die Frage zu beantworten und es fiele uns schwer, uns überhaupt darauf zu konzentrieren.

Das Tückische des Prinzips der reziproken Hemmung besteht darin, dass sie auch das Bewusstsein hemmt, dass gerade etwas gehemmt worden ist, wir kriegen das nicht mit, im Bewusstseinsstrom erleben wir keinen Bruch. – Wird das Verlangen geweckt, blockiert es den Kontakt zur Lebenserfahrung, zur Einsicht, zu Vorsätzen und Vorhaben. Die Betroffenen denken nicht mehr an die Gründe für die Abstinenz, und wenn, dann ist es so anstrengend wie mit dem Rad steil bergauf zu fahren, während alle anderen Wege bergab gehen. Es blitzen automatisch Gedanken auf, die die Abstinenz in Zweifel ziehen: ob man die Abstinenz denn wirklich so konsequent durchhalten muss – ob man nicht mal eine kleine Ausnahme machen kann – dass es doch gehen müsste, wenn man sich ganz stark vornimmt, nur wenig zu konsumieren – gegen so ein bisschen kann doch keiner was haben … – Das Aufblitzen genügt, um die Erlaubnis zu erteilen, die Weiche in Richtung Konsum zu stellen und Einsicht und Vorsatz zu hemmen, es ist aber gleichzeitig so kurz, dass die Einsicht kaum eine Chance hat, dazu Stellung zu nehmen, bevor sie gehemmt wird. So schafft es die Sucht, den Willen zu unterlaufen. – Die Betroffenen stehen hinterher verwundert da und berichten, die Argumente für das Durchhalten der Abstinenz seien wie weggewesen, wie bei einem Black-out.

Abstinenzfähigkeit erfordert, zu trainieren, die unwillkürlichen Zweifel an der Abstinenz bewusster wahrzunehmen und darauf mit einem „Stopp, was mach ich hier gerade!“ zu reagieren.

Selbst Menschen, die seit Jahren abstinent leben, die die Tricks der Sucht kennen, die ihren Frieden mit dem Abschied vom Suchtmittel gefunden und eine attraktive Vision entwickelt haben für die Nutzung der durch die Abstinenz entbundenen Potentiale – selbst die können noch von der Sucht ausgetrickst werden. Aufgrund ihrer Erfahrung und Willensbildung müssten sie eigentlich Eins und Eins zusammenzählen: „Wie komme ich darauf, dass ich jetzt schaffen könnte, was ich trotz so vieler Versuche nie mehr geschafft habe? – Und wozu überhaupt so ein Risiko eingehen?“ – Wir Menschen können uns an solchen Fragen vorbeistehlen. Wie ist das möglich? Kann man sich einfach sagen: „Ich weiß zwar, dass es Irrsinn wäre, aber das interessiert mich jetzt nicht“? Nein, das kann man nicht, jedenfalls nicht so einfach. Sich an der eigenen Lebenserfahrung vorbeizustehlen geht etwa so: „Wenn du so ein gutes Gefühl hast, es schaffen zu können, dann zermartere dir doch nicht das Hirn mit deinem Scheiß-Wissen! Folg doch einfach mal deinem Gefühl! Außerdem: Du hast dich in der Zeit der Abstinenz doch bestimmt weiterentwickelt, vielleicht kannst du es dadurch wieder besser kontrollieren!“ – Das Verlangen nach Alkohol führt zu dem Gefühl, es diesmal schaffen zu können, so zu trinken, dass nichts zu Bruch geht. Dieses Gefühl führt dazu, die Abstinenzbeendigung als „mutig“ zu bewerten und jeden Einspruch als altkluge Bedenkenträgerei. Und für „Rückendeckung“ sorgt die Spekulation, dass die Weiterentwicklung in der Abstinenz vielleicht die Kontrollfähigkeit verbessert habe. – So verschafft Sucht eine Erlaubnis, die Erlaubnis zur Abstinenzbeendigung nicht in Frage zu stellen …

Auf „Vielleichts“ fallen nicht nur Süchtige rein, „Vielleichts“ haben in der Weltgeschichte viel verdorben, unsere Bestechlichkeit durch das „Vielleicht“, durch die spontanen Gewissheitserlebnisse bei der Entdeckung von Erklärungsmöglichkeiten, wird von der Sucht bloß ausgenutzt. – Alle Menschen sollten sich beizeiten angewöhnen, ihre „Vielleichts“ zu identifizieren und kein „vielleicht“ stehenzulassen ohne ein: „Und was, wenn nicht?“

Doch was ist nun mit dem Gefühl, es unter den besonderen, in dieser Situation gerade gegebenen Bedingungen schaffen zu können, so zu konsumieren, dass kein Schaden entsteht? Kann man dem denn gar nicht mehr trauen? – Nein, dem kann man nicht mehr trauen. In diesem Gefühl nutzt das Prinzip „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens“ (Punkt 6) die irreführenden Alltagsintuitionen aus, die die Komplexität unseres Gehirns verkennen.

Die Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe der TrokkenPresse mit:

(5) Sucht trickst unsere Intuition aus

 

Titelthema 2/18: Abstinenz und Sinnfindung

Viktor Frankl und die Wirkung seiner „Sinnfindung“ auf Suchtkranke: Teil 2

Welche Fragen stellt das Leben an mich?

 Von Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel

 Ich hatte mich gerade am Schreibtisch niedergesetzt, um zu arbeiten, als mich ein Anruf erreichte: Hermann F., den ich länger als zwölf Jahre kannte, war am frühen Morgen tot in seinem Bett gefunden worden. Seine Frau teilte mir mit, F. sei auf der Seite liegend eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht, eher entspannt, mit einem feinen Lächeln im Gesicht.

Ich hatte Herrn F. in der Klinik in B. kennengelernt, in der ich damals mit alkohol- und drogenabhängigen Menschen arbeitete, und unsere Beziehung dauerte so lange, weil Herr F. polytoxikoman war, in erster Linie von Alkohol und Opiaten abhängig, und sich immer wieder meldete. Oft haben wir uns in der Hoffnung verabschiedet, er werde in absehbarer Zeit dauerhaft abstinent bleiben. Die Summe seiner Rückfälle war bei seinem Ableben nicht mehr zu zählen.

Der freundliche, jungenhafte Mann wurde beinahe ein Freund von mir, ich mochte ihn und er mich wohl auch. Zu einer engeren Freundschaft kam es in den folgenden Jahren nicht, denn in regelmäßigen Abständen erhielt ich Arztbriefe von stationären Aufenthalten und Bitten des Patienten um einen erneuten Termin bei mir. Jedem Gesprächsversuch, die Schwierigkeiten der Abstinenz und des Arbeitslebens in den Fokus zu nehmen, wich der Patient jedoch aus.

Nach der Verabschiedung folgte regelmäßig eine längere Pause, aus der ich entnehmen musste, dass F. ein gutes Geld verdiente, mit einer Lebensgefährtin gut zurecht kam, von Zeit zu Zeit in eine Selbsthilfegruppe ging und eine neue Wohnung fand. Viele Jahre später, die ähnlich aussahen, arbeitete F. im englischsprachigen Raum und absolvierte aufgrund eines Rückfalles eine Therapie in Minnesota.

Danach tauchte er wieder bei mir auf, alles begann von vorn und ich verpulverte meine therapeutischen Möglichkeiten. Meine Freundlichkeit und meine Geduld nahmen ab und in der folgenden Zeit wartete ich geduldig auf den nächsten Rückfall. Aber meine Geduld wurde deutlich geringer und mein Interesse an dem Patienten auf eine merkwürdige Art auch. So, als ob wir beide im Nebel stünden.

Als Herr F. mir eines Tages bei einem Anruf mit schleppenden Worten mitteilte, er bekäme jetzt eine Berufsunfähigkeitsrente und wolle sich ein kleines Häuschen am Rhein bauen, wurde mir plötzlich übel vor Wut, und ich legte mit einem knappen Satz den Hörer auf, ohne Herrn F. eine deutliche Antwort auf seine Pläne zu geben. Was ich hätte sagen wollen, war: „Ich bin ihre dauernden Lügen so leid, ich kann nicht mehr, hören Sie auf damit, wenn Sie nicht sterben wollen, Sie sind ja eh schon halb tot. Ihr ganzes Leben besteht nur noch aus Lügen.“ Aber ich konnte das alles nicht aussprechen.

Wenn ich mir meine Akten vornahm und spazieren ging, dachte ich oft an meinen  Patienten und fiel es mir nicht schwer, mir die körperlichen und seelischen Veränderungen des Herrn F. vorzustellen, und ebenso das Bemühen der Psychologen und Ärzte, diesen grausamen Zustand zu bessern und zu verhindern.

Wenn ich aber auf mich schaute, musste ich zugeben, dass meine Genesung in den ersten fünf Jahren nur sehr langsam vorangegangen war und ich große Schwierigkeiten hatte, ehrlich zu mir selbst zu sein.

Sucht als Lebenslüge?

Ich habe mir oft über den Begriff „Lebenslüge“ im Verlauf meiner Sucht und der anderer Menschen Gedanken gemacht: Mein Sponsor Peter war es, kurz nach dem Beginn meiner Abstinenz, der mich auf die „Sucht als Lebenslüge“ hingewiesen hatte. Und ich war mir klar darüber, dass sich die chronische Gehirnvergiftung, die sich z.B. Alkoholiker im Laufe der Zeit zuziehen, beim weiteren Trinken und z.B. bei gleichzeitigem Kiffen und der Einnahme von Opiaten sogar noch verschlimmert. Im Grunde konnte man, wie in der Geologie, von einer Erosion des Hirngewebes sprechen – das bezieht sich im Übrigen auch z.B. auf die Muskulatur – , bei der wie in der Landwirtschaft bei chronischen Unwettern ganze Landschaften eines fruchtbaren Ackerbodens bis zur Unfruchtbarkeit erodiert werden und nichts mehr taugen.

Die wenigsten Süchtigen haben den Mut, sich im Laufe der Zeit einzugestehen, dass dieser Erosionsprozess unser ganzes Leben bereits verändert hat, besonders, wenn sich unsere Gefühle verändern und auch – wenn man großes Pech hat – eine Liebe dabei zu Grunde geht.

Erst als ich an jenem Nachmittag das Buch von Viktor Frankl, seine Lebensgeschichte und seine therapeutischen Gedanken teilweise begreifen konnte, löste sich ein großer Druck in meinem abstinenten Leben.

Viktor Frankl schreibt zu Recht, dass die Seele und der Geist des Menschen im Leben stets nach einem Sinn suchen, um ein zufriedenes Leben führen zu können.

Je älter und erwachsener wir abstinent werden, desto mehr spüren wir dieses Gefühl der Sinn-Sehnsucht, und nicht selten, beim Hören von Nachrichten oder Lesen in einer Zeitung, spüren wir schmerzhaft die Sinnlosigkeit innerhalb der Gesellschaften, die uns umgeben.

Aufgeladen mit unterschiedlichen Drogen oder auch abstinent voll mit theoretischem Gefasel und stolz auf die cleanen Tage, diskutieren wir mit Freunden und wandern nach Hause, fallen in irgendein Bett und schauen wach vor dem Einschlafen in die Dunkelheit, spürend, dass irgendetwas nicht stimmt.

Ich selbst, aber auch mein Patient, waren an diesem Nachmittag am Telefon genau an diesem Punkt angekommen. Wir lebten nämlich nicht zufrieden – weder mit noch ohne unsere Drogen und begriffen nicht, dass wir unsere persönliche Wahrheit, abstinent oder rückfällig, verloren und noch nicht wiedergefunden haben.

Und weitergehend in Sinnlosigkeit lebten. Und dieser zu entrinnen, ist alleine nicht zu schaffen. Dieser Zustand wird von nicht wenigen Erwachsenen „Lebenslüge“ genannt.

Edith Stein, die Karmelitin, welche im KZ Birkenau hingerichtet wurde, hat es auf den Punkt gebracht: „Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott, ob er es glaubt oder nicht.“

Dieser Satz machte mir klar, dass Fortschritte in meiner Entwicklung eine langfristige, ehrliche Arbeit in der Abstinenz an der persönlichen Sinnfindung bedeuten würden.

Mitten in meiner Trockenheit begann ich, mich um Viktor Frankl und die Sinnfindung zu kümmern, und das dauert mittlerweile schon einige Jahre und ergänzt meine Gruppenbesuche vortrefflich.

Homo sapiens bedeutet „einsichtsfähiger Mensch“, das heißt: Wir Menschen können uns

Gedanken machen über uns selbst, wir sind kritikfähig und entwicklungsfähig. Und wie bei jedem Kranken schädigt die Sucht uns unterschiedlich und ganz persönlich (individuell s.u.).

Aber auch, wenn wir von unterschiedlichen „Bereichen“ oder „Teilen“ des Menschen sprechen (von dem körperlichen, dem seelischen, dem geistigen und dem spirituellen Bereich), steht dennoch fest: Der Mensch ist und bleibt immer eine persönliche Ganzheit, ein unverwechselbares Individuum, ein Unteilbares. Jeder Mensch lebt und reagiert also auch auf eine Sucht/Abhängigkeit persönlich (wie z.B. auch auf eine Blinddarmentzündung). Dieser ganze Mensch, dieses menschliche, individuelle Ganze ist aber insofern besonders, als es nicht völlig abgegrenzt ist, sondern immer noch in einer Beziehung steht zu einem anderen, zu anderen, gleichen Wesen seiner Art, und wohl solange er auf der Erde ist.

Das gilt wohl für die gesamte Natur: Ein Atom ist ein Ganzes, aber auch ein Teil von einem Ganzen, einem Molekül. Viele Moleküle sind ein Teil einer ganzen Zelle und viele Zellen sind ein Teil eines ganzen Organismus. Nichts ist ausschließlich ein Teil oder ausschließlich ein Ganzes.

Das bedeutet: Wir Menschen sind zwar unverwechselbare Individuen, wir unterscheiden uns aber von anderen Menschen durch die Eigentümlichkeit unseres Wesens (Identität). Wir sind keine abgegrenzten Einzelwesen, sondern miteinander verbunden und wir brauchen diese Beziehungen, um uns gesund zu entwickeln und gesund zu bleiben. Denken Sie nur an die im Verhältnis zu anderen Wesen auf dieser Erde sehr lange dauernde Kindheit von 18-25 (!) Jahren.

Sehnsucht nach Lebenssinn?

Die oben genannte Sehnsucht nach Lebenssinn reicht interessanterweise über meine persönliche Welt hinaus: Wenn wir über Liebe, Krankheit, Geburt und Tod nachdenken und nachfühlen, wenn wir träumen, wenn wir lieben und wenn wir an eine höhere Macht glauben (Gibt es nicht Erlebnisse und Erfahrungen, nach denen wir spüren: „Dieses Erlebnis war göttlich!“?).

Das Transzendente überschreitet die Grenzen der Erfahrung und einer sinnlich erkennbaren Welt, es ist „übersinnlich und übernatürlich“.

Der Mensch muss um diese drei Seiten seiner Art wissen:

  1. Seine Einzigartigkeit,
  2. die Beziehungen zu anderen und
  3. seine Sehnsucht nach einem Bereich, der über seine Welt hinausgeht.

Ein Ersatz kann keine echte, persönliche Transzendenz nachbilden. Sinnlosigkeit fördert Süchtigkeit, Kriege, Auseinandersetzungen, Lug und Trug. Wenn man sich mit dem Buch „Mein Kampf“ von A. Hitler beschäftigt, wird sofort klar, dass diese ganze Schrift ein einziger (miserabler) Ersatz ist, also untauglich, Sinn zu ersetzen. Die Folge: „Adolf Hitler, mein Kampf, meine Lebenslüge.“

Wenn viele Menschen in bestimmten Lebensphasen in Sinnlosigkeit stecken bleiben, wird es immer wichtiger, Literatur daraufhin zu untersuchen, ob eine veröffentliche Arbeit inhaltlich Sinnlosigkeit fördert und unsere Verhaltensweisen nicht selten dem entsprechen.

So komme ich zu etwas besonders Wichtigem, das sich schon angedeutet hat: Mein Sinn ist etwas, das mich allein betrifft, ich kann immer nur von meinem Sinn sprechen. Mein Lebenssinn, den es zu finden gilt. Der Begriff „Sinnfindung“ unterscheidet sich in seiner Klarheit von der „Sinnsuche“ und „Sinnfrage“. Der erste Begriff öffnet eine Tür und führt auf einen Weg, dem ich langfristig folgen kann.

Wie ist denn der Schaden nun zu differenzieren?

Es gibt mehr als 15 ernst zunehmende Psychotherapieformen, an deren Kardinalsymptomen (Beispiel VT oder Tiefenpsychologie) sich eine manifeste Sucht wie ihre Besserungen in Richtung Abstinenz in Einzelgesprächen und Gruppentherapien (wie Gruppen des Kreuzbundes, Blaues Kreuz, Guttempler/IOGT und Anonyme Alkoholiker – hier besonders die 12 Schritte) zeigen lassen. Diese Entwicklungen sind zeit- und gruppenabhängig. Andere Hilfen sind das Jellinek-Schema und Ähnliches.

Gleichzeitig können wir bis an unser Lebensende etwas lernen und dies weitergeben (Prinzip Lernen und Lehren).

Deshalb fasse ich noch einmal zusammen: Wir leben einerseits in unserem innerweltlichen Leben (alles, was wir spüren, erkennen und erfahren können), entwickeln uns und lernen bis an unser Lebensende etwas.

Inhaltlich erkennen wir und erfahren zum Beispiel Raum, Zeit, Materie, Kausalität-Naturgesetze, Geburt, Lebenswelt und Tod. Im Unterschied dazu hatte ich das Transzendente genannt, das jenseits von Erfahrung und Erkenntnis Liegende („das geglaubt Werdende“), das die Bewusstseinsgrenzen überschreitet und zu einer Überwelt gehört und „das Göttliche“ genannt und als solches empfunden wird.

Frankl erkannte und entschied, dass es ein sinnloses Leben generell nicht geben kann, auch wenn wir Momente in unserem Leben für sinnlos halten oder sie so erfahren. Er schrieb dazu: „… die Frage ist falsch gestellt, wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen. Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt …“

Diese Feststellung in seinem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen …“ zu lesen, war für mich, wie gesagt, eine enorme Erleichterung. Das lag offensichtlich daran, dass ich zwar abstinent war und in meine Gruppen ging, auch arbeitete, aber bis zu dieser Erfahrung nicht zufrieden war.

Zum Experten meiner selbst werden

Ich hatte im Verlauf meines süchtigen Lebens, meines Fleißes und der Arbeit zum Trotz, große Flächen, Berge und Täler sowie breite Flüsse an Sinnlosigkeit angesammelt. Rückblickend finde ich, dass außer mir nicht wenige jüngere Menschen im ersten Drittel ihres Lebens sinnlose Seiten des Lebens ausprobieren mit Suchtstoffen und Verhaltensweisen.

Mich hatte die Sucht belogen und betrogen, aber am Ende konnte ich mit stationären und ambulanten Maßnahmen trotzdem abstinent bleiben, woran mir nahestehende Menschen durchaus beteiligt waren. Ganz langsam wurde mir klar, dass ein Weg in mein eigenes, nüchternes Leben länger dauern würde, nicht einfach ist, und es bis zu einer „zufriedenen Nüchternheit“ einige Jahre dauert.

Viktor Frankl und andere in den Gruppen oder Einzeltherapien haben mir gezeigt, wie ich ein Experte meiner selbst werden kann. Dabei lernte ich:

  1. 4 l Kaffee und 60 Zigaretten bedeuten keine Abstinenz.
  2. Ich besuche meinen Hausarzt regelmäßig, um feststellen zu lassen, ob ich körperlich gesund bin, zusätzliche Krankheiten bekommen habe und arbeiten kann.
  3. Benötige ich körperlich oder seelisch eine weitere ärztlich-psychologische Behandlung?
  4. Kann ich Beziehungen gestalten?
  5. Wie kann ich mit meinen Gefühlen umgehen?
  6. Wie gelingen meine Beziehungen zu drogenfreien Menschen?
  7. Wie schwer fällt es mir, drogenfrei zu leben?
  8. Ich schließe mich einer Selbsthilfegruppe an.

(Schneider schreibt dazu in seiner „Suchtfibel“ Seite 323: Viele Alkoholiker und andere Suchtkranke gelangen einzig und allein durch Selbsthilfegruppen zur dauerhaften Nüchternheit. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Selbsthilfe besteht darin, dass sie die Verantwortung vollständig beim Betroffenen lässt. Es gibt keinen neutralen Experten, nur selbst betroffene Experten in eigener Sache.)

Es war für mich nicht einfach, die Verantwortung für die Fragen zu übernehmen, die das Leben oder die Menschen, mit denen ich abstinent leben wollte, mir gestellt haben.

Wenn ich die Verantwortung für den Beginn auf dem Weg meiner Sinnfindung übernehmen will, schlägt Frankl drei Wegzeichen vor:

  1. a) Ich erlebe, was als gut oder schön und bereichernd erfahren werden kann,
  2. b) zu verändern und zum Besseren – und nicht nur für mich Besseren – zu wenden, wo und was immer möglich ist,
  3. c) wo es nötig ist, die Umstände zu ertragen, gilt es nicht, sie einfach passiv hinzunehmen, sondern an ihnen trotz allen Leidens selber zu wachsen und zu reifen.

 Etwa 1940 hat einer der beiden Gründer der AA, Bill W., in einem Büchlein über die zwölf Schritte darauf hingewiesen, dass es sich zu Beginn der Abstinenz und auch dauerhaft um die „Bereitschaft“ handeln sollte, gegen meine Sucht und die gesamten damit verbundenen Lebensumstände regelmäßig etwas zu tun, um nicht rückfällig zu werden und zufrieden leben zu lernen.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich mich nicht für die Abstinenz entschieden hätte.

Als meine Abstinenz begann, war ich gar nicht fähig, etwas zu entscheiden. Dazu hatte ich in vielen Jahren Alkoholismus gelernt, wie unfähig ich für Entscheidungen zur Abstinenz seit Jahrzehnten gewesen bin, sodass ich mir eine solche Entscheidung auch gar nicht mehr zutraute. Wenn ich mich damals in der Psychiatrie gegen meinen Alkoholismus entschieden hatte, so war das keine großartige Eigenleistung, sondern weil ich leben und mich nicht umbringen wollte. Heute steht für mich der Begriff „Bereitschaft“ wie ein ständiger Regenbogen über allem, um mich zu behüten und täglich gegen meinen Alkoholismus etwas zu unternehmen, aber auch für mich und die Meinen zu sorgen.

 

Fortsetzung folgt in einer der nächsten Ausgaben mit Teil 3

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