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„Sie waren ALLE unsere Kinder“

Ihr Leben lang kümmerten sich Martina und Heinz um alkoholkranke Menschen:

 „Sie waren ALLE unsere Kinder“

Von ihrer Arbeit als Suchthelfer in der Ukraine berichteten wir in der vergangenen TrokkenPresse. Doch den größten Teil ihres Lebens verbrachten Martina und Heinz Nitzsche aus Mecklenburg in Serrahn. Dort bauten sie nicht nur nach der Wende die heutige moderne Rehaklinik zur Entwöhnungsbehandlung mit auf. Nein, sie begannen bereits 1971 auf dem Pfarrhof Serrahn damit, abhängigen Menschen zu helfen, „frei“ zu werden vom Alkohol. Etwa 2000 wurden es in 20 Jahren, und 75 Prozent von ihnen blieben dauerhaft trocken! Ein Grund dieses heutzutage kaum erreichbaren Erfolgs: Ihre ganz besondere Art der Therapie …

Martina deckt den großen, runden Tisch auf der grünen Wiese. Es gibt Kaffee und Kuchen, so richtig mit feinem Geschirr und Servietten, und das im Schatten: Nämlich unter dem Blätterdach der riesigen, 170 Jahre alten Linde vor dem ehemaligen Pfarrhaus. Diese Linde könnte Geschichten erzählen … von Menschen aus allen Ecken der DDR, ihren alkoholgetränkten Leben, Gefängnisaufenthalten, ihren Kämpfen gegen die Sucht, von Liebe und Erschöpfung, vom Neubeginn. Denn hier wurde abends meist gesessen, geredet, gefragt, diskutiert, viel gesungen und gebetet – nachdem das Tagwerk erledigt war, jeder hatte seine Aufgaben. Müßiggang gab es nimmer, für niemanden. Das war nicht nur notwendig, sondern auch gewollt so.

Die Blätter über uns rascheln. Martinas Kaffeegabel klirrt leise auf dem Teller. Von ferne die Stimmen von Klienten aus dem Klinik-Neubau. Sonst ländliche Stille. Heinz sinnt vor sich hin und stellt dann zusammenfassend für sich fest: „Das war eine schöne Zeit!“

Das wird er heute noch öfter sagen.

Heinz kam 1971aus Sachsen hierher. Die Bibelschule und seine Alkoholikerarbeit in der Dresdner Stadtmission bereiteten ihn gut auf das neue Amt vor, denn als die Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtgefahren, AGAS (1) ihn bat, für das Diakonische Werk nach Mecklenburg zu gehen – nahm er an. Der „Wasser-Pastor“, wie ihn die Einheimischen erst skeptisch, dann spöttisch und später liebevoll nannten, nahm von da an die ersten alkoholkranken Menschen auf, die vor der Pfarrhaustür standen. Gab ihnen Bett und Essen. Sie durften bleiben. Wenig später kam Martina hinzu, half mit, beide heirateten.

Und dann wurden es immer mehr Männer, ob der Schmied aus Dresden oder der LPGler aus einem Nachbarort. Manchmal lud ein Taxifahrer sie betrunken vor der Tür ab, mal schleppte eine Mutter ihren Sohn hierher oder Häftlinge baten aus dem Gefängnis heraus um Aufnahme. Denn im Knast landeten viele Alkoholkranke, weil sie ihrer sozialistischen Arbeitspflicht nicht mehr nachkamen, wegen Arbeitsbummelei oder eben wegen Diebstählen. Nitzsches Adresse wurde im Knast sogar gehandelt, sagen sie. Und oftmals verhandelten sie dann direkt vor Ort mit den Gesetzeshütern, um die Männer nach der Strafe zu sich holen zu können.

Denn wo sonst gab es zu jener Zeit Hilfe dieser Art in der DDR, die den Alkoholismus offiziell unter den Teppich kehrte, denn eine sozialistische Persönlichkeit ist nicht abhängig? Aber es gab sie, die schwer alkoholkranken Menschen. In der Nervenklinik wurden sie zwar entgiftet – aber dann wieder nach Hause geschickt. Drehtürpatienten, bis sie am Alkohol ertranken.

In der Familie willkommen

Bei Martina und Heinz fanden wenigstens einige von ihnen, wovon sie gar nicht wussten, dass sie genau das brauchten, um trocken zu werden: Liebe, Güte, Familienleben.

Martina erinnert sich: „Wir haben mit den Männern einfach Familie gelebt. Die kamen zu uns nach Hause. Wir haben das ganze Leben mit ihnen geteilt, die Gartenarbeit, die Viehversorgung. Viele haben gar keine richtige Familie gekannt, das war vielleicht das Entscheidende: Dass sie erst mal Angenommensein und Liebe empfangen haben. Sie durften so sein, wie sie waren. Das hat sie vielleicht auch geöffnet für die christlichen Botschaften am Abend.“

Der Tag eines jeden auf dem Pfarrhof war arbeitsam. Als Selbstversorger, auch aus Geldmangel (etwa 800 DDR-Mark Gehalt bekamen die Nitzsches damals zusammen von der Kirche) gab es einen großen Garten mit Gemüse und Obst zu bewirtschaften, Kühe und Schweine zu versorgen, zu schlachten und im Gästebetrieb für christliche Urlauber mitzuhelfen. 6 Uhr begann der Tag, gemeinsam wurde gefrühstückt. Dann gings zur Arbeitstherapie auf den Hofanlagen. Nach den ersten sechs Wochen übrigens dann zur nahen LPG als fest angestellte Mitarbeiter. 12 Uhr Pause und Mittagessen. Wieder an die Hof-Arbeit. Wenn die LPGler dann zum Abendbrot um 18 Uhr zurückgefahren wurden, kamen sie … nach Hause, ins Nest, ins Geborgensein, schon freudig erwartet von den anderen, erinnert sich Martina lächelnd. Danach fand die Andacht statt. Oft hier unter der Linde am runden Tisch. Mittwochs durfte jeder seinem Herzen Luft machen in der Meckerstunde. Übers Essen jammern, über Probleme mit einem Zimmergenossen klagen, den Tagesablauf Mist finden. Alles wurde durchdiskutiert.

Leben unter einem Dach

Menschliche Nähe, eine persönliche Beziehung zu jedem der Hilfesuchenden, das war Nitzsches immer das Wichtigste. Alle lebten unter einem Dach, durften alles nutzen (nur das Schlafzimmer und das Kinderzimmer im Pfarrhaus war für die Männer tabu). Und die mit der Zeit auf fünf angewachsene Kinderschar der Nitzsches immer mittenmang … Bekannte hatten da große Bedenken, erzählt Heinz: „Wenn eure Kinder mit solchen Leuten aus dem Gefängnis zu tun haben, braucht ihr euch nicht wundern, wenn sie auch mal ins Gefängnis kommen, sagten sie. Aber keins musste ins Gefängnis. Nicht die Männer haben unsere Kinder geprägt, sondern die Kinder unsere Männer. Denn unsere Kinder hatten viel Verständnis für die Männer, sie hatten sie einfach lieb. Alle Kinder gehen den Weg des Glaubens mit und haben ein Herz für die Alkoholiker.“ Und arbeiten heute ebenfalls in der Suchthilfe.

Martina räumt nun das Kaffeegeschirr wieder ins Auto, Heinz hilft ihr. Alles läuft Hand in Hand, wie früher – und überhaupt immer. Anders ging es gar nicht. Fünf Kinder, die zu betreuenden Männer, Gäste, Garten, Vieh, Haushalt, kochen, waschen … als Martina dann doch körperlich fast am Ende war, gab Heinz vom eh schon zu kleinen Gehalt Schwarzgeld für eine Mitarbeiterin aus. Bis die Leitung davon erfuhr und ihnen jemanden zur Seite stellte. „Meine tapfere Frau“, streichelt Heinz ihre Hand. „Ohne eine Frau wie Martina, die mitzieht, hätte alles gar nicht funktioniert“, sagt er.

Er zeigt auf das Dach des alten Speichers nebenan. Da haben sie auch mal gewohnt eine Zeit lang, ohne Heizung und Wasser. Nämlich, als sie ihre Pfarrhauswohnung neuen Mitarbeitern zur Verfügung stellten. Bis unerwartet Hilfe aus West-Berlin kam, von der 200 000 DM-Spende konnte nun ein Wohnhaus gebaut werden. Und trotzdem reichte der Platz nie wirklich, bald waren es 30 Männer, die Hilfe suchten. Manchmal schliefen alle sieben Nitzsches dann in nur einem Zimmer. „Um der Sache willen haben wir uns oft eingeengt, damit sie wachsen kann, aber es war nicht schlimm“, sagt Martina, und Heinz bestätigt es mit: „Es war eine schöne Zeit!“

Gestern und heute

Im Pfarrhaus nun, das heute Empfang, Gemeinschaftsräume, Zimmer und einen Anbau für die sogenannte SOS-Station und vieles mehr beherbergt, war früher doch so einiges anders. Da unsere Wohnung, da die Küche, dort die Zimmer der Männer, zeigen beide. Drei, vier Männer mindestens teilten sich ein Zimmer. Auch wenn es anders möglich gewesen wäre, es war gewollt so. „Wenn mehr Leute zusammen sind, sind es mehr Ecken und Kanten, man muss miteinander reden. Das war uns wichtig, dass sie miteinander reden“, erklärt Heinz.

Am sogenannten Limex-Haus (2) vorbei, das damals mit der Spende gebaut werden konnte, spazieren wir jetzt Richtung See. Hier war früher der riesige Garten, zeigt Martina auf eine Wiesenfläche. Und dort war alles Sumpf, den haben wir trockengelegt, der Rest ist Biotop.

Am Seezugang angekommen, einem kleinen Strand mit Liegewiese, Paddelbooten, Sauna und Lagerfeuerplatz am glasklaren Trinkwasserreservoir Rostocks, wird Heinz wieder ganz still. Sitzt auf einem Campingstuhl und atmet Grün, Wasser, Frieden ein. Natur. Einst wie heute auch eine Freizeitoase für die Klienten. Denn auch Freizeit sollte schließlich trocken erlebt und erlernt werden.

Auf dem Rückweg erzählt Martina von einem der Männer, der Jahre später mal zum Jahrestreffen kam und sich beschwerte, wie schief denn ein bestimmtes Tor aussähe. Das geht doch gar nicht, wer hat denn das gebaut? „Na, Du!“, erinnert sie sich lachend. „Die Menschen sollten in der Arbeitstherapie ja keine Niederlage nach der anderen haben. Heinz sagte immer, sie müssen aufgebaut werden, wieder Selbstwertgefühl kriegen, also hat er ihnen Aufgaben gegeben, wo sie ihre Stärken hatten. Dadurch sind sie immer über sich hinausgewachsen, innerlich größer, stabiler geworden. Sie durften sich ausprobieren, auch wenn manchmal viel Mist rauskam dabei. Aber was nicht gelungen war, wurde dann später eben wieder in Ordnung gebracht.“

Nachtwache und Mundkeil

Bis die neu ankommenden Männer mitarbeiten konnten, vergingen allerdings häufig einige Tage – und vor allem auch schlaflose Nächte, an denen Martina, immer mit einem Mundkeil in der Schürzentasche, falls jemand krampft, und Heinz an den Betten wachten: „Sie haben anfangs ja fast alle geflattert. Wenn jemand ins Delir fiel, haben wir ihn ins Krankenhaus bringen können. Und nach Rücksprache mit Ärzten gaben wir manchmal auch ganz wenig Beruhigungsmittel. Aber sie haben schon einen kalten Entzug gemacht, denn wenn sie ein bisschen flatterten, das schadete gar nicht, so haben sie gemerkt, wo komm ich her, was ist mit mir passiert. Sie sind ja völlig fertig gewesen, und manche mussten wir sogar anfangs mit Babynahrung füttern …“

Einem der Männer, gerade angekommen, genügte es bereits, so etwas mit ansehen zu müssen. Da will ich nicht hin, nicht dort runter! Er verabschiedete sich von den Nitzsches nach nur zwei Tagen und blieb seitdem trocken. Andere blieben sechs Monate oder mehr als ein Jahr. Solange jeder eben brauchte. Denn wenn auch die Arbeit in der LPG, als Schlosser, auf dem Feld oder im Stall, half, wieder stabil zu werden – wer sich noch nicht zurück ins alte Leben traute, konnte bleiben. Manchem riet Heinz sogar ab, zurückzukehren ins alte saufende Umfeld. Und bei vielen war es ihm sogar sehr wichtig, dass sie zurückkehren: als Zeugnis dafür, dass es ein neues, anderes Leben gibt ohne den Suff.

Beten

Auf dem Weg zum Klinikneubau und noch vielen erzählten Erinnerungen, auch solchen an politische Auseinandersetzungen, denn ihre kirchliche Arbeit wurde mit Argusaugen beobachtet, kommen wir wieder an der Hüterin des Pfarrhofes vorbei, der Linde. Unter deren Dach einst auch viele Christenlieder gesungen wurden, gemeinsam in der Bibel gelesen wurde. Aber was, wenn jemand gar keinen Bock auf  solchen „Kirchenkrams“ hatte, wie in der DDR weit verbreitet?

Auch dazu hat Martina eine Anekdote: „Wir sitzen beim Mittagessen und es ist ein Neuer da. Wir falten unsere Hände, sprechen ein Tischgebet, und der Neue: ,Was geht‘n jetzte hier los??‘ Da sagt ein anderer, ,Ach, falt deine Hände, mach die Augen zu, morgen bringstes auch …‘ Ich hab mich so bekringelt darüber, wie sie das einfach so selbstverständlich hinnahmen, annahmen. Aber sie setzten sich dann auch damit auseinander. Es kamen Fragen dazu, wieso, weshalb … warum schmeißt du mich nicht raus, ich habe euch doch angelogen. Oder, warum bin ich, wie ich bin? Was ist das Ziel meines Lebens? Die Männer haben unser Leben beobachtet, wir waren absichtlich gläsern für sie, lebten direkt mit ihnen zusammen. Denn wie sollen sie ihr Herz und sich öffnen, wenn wir selbst es nicht tun?“

Über all die Fragen der Männer wurde immer gesprochen. Antworten fanden viele im Wort Gottes. Nicht jeder wurde gläubig, aber das war auch ok. Gezwungen wurde niemand. Bei manchem allerdings wuchs etwas, eine Art Fundament fürs Leben. „Wenn ich mich dem Glauben öffne, erfahre ich einen Kraftquell“, sagt Heinz. Und der kann dauerhaft trocken halten, „frei“ machen, sind beide überzeugt. Das haben sie hundertefach erlebt. Mit vielen der Männer haben sie noch heute herzlichen Kontakt.

Übrigens gibt es die Andachten auch heute noch, in der neuen Klinik.

Nun sind wir auch am neuen Haupthaus angelangt. Das hat natürlich seine ganz eigene Geschichte. In kurz: Nach der Wende brach der Spenderkreis weg, denn viele wurden arbeitslos. Der Pfarrhof schrieb rote Zahlen. Was tun? Also eine Klinik gründen. Mit dafür ausgebildeten Therapeuten, einem Neubau, 1-2-Bettzimmern, Sporträumen, Werkstätten usw. Nachdem Nitzsches 1998 den Sozialpreis von Mecklenburg erhielten und Angela Merkel die Laudatio hielt, kamen die Förderungen in Gang. Zehn Jahre leitete Heinz noch den Aufbau und die Klinik, bis sich beide entschlossen, in die Ukraine zu gehen. Aber auch andere Einrichtungen haben beide geschaffen: Vorsorge- und Nachsorgehäuser, familiär gehalten, und einen Ort, an dem Menschen betreut leben können, die es alleine nicht mehr schaffen.

Martina schaut vom Neubau übers Gelände. „Dort die Bäume und die da … hab ich alle gezogen und gepflanzt. 400. Und die Kartoffelrosen hier, die sind aus dem Wald. Ich wollte, dass es eine grüne Oase wird hier für die Patienten.“ Ist es auch geworden.

 

Es wäre noch sooo viel mehr zu erzählen von und über diese beiden Menschen, die ihrem Herzen gefolgt sind, einen Auftrag fühlten und ihn, getragen von ihrem Herrn, lebten, bis heute leben: „Gott gab uns eine ganz große, tiefe Liebe für Menschen mit, die am Ende sind, nicht mehr weiterwissen. Unsere Berufung war und ist, ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen.“

Das Wichtigste an ihrer Art von Therapie war also wohl diese Liebe, die bedingungslose Zuwendung zu den alkoholkranken Menschen, denen sie begegneten. „Das waren alles unsere Kinder.“

 

Anja Wilhelm

 

  • AGAS – 1957 gegründeter diakonischer Fachverband, Nachfolgeorganisation des in der DDR verbotenen Blauen Kreuzes Deutschland
  • Limex Bau – einer der staatlichen Außenhandelsbetriebe der DDR, die Importe und Exporte abwickelten