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Titelthema 5-21

Serie: Trocken bleiben – aber wie?

„Gruppe – das ist meine Lebensversicherung“

Seit unserer ersten Ausgabe 2019 stellen wir Menschen vor, die seit einiger Zeit trocken leben. Wir wollen wissen, wie sie das erreicht haben, jeden Tag aufs Neue, bis daraus Monate und Jahre wurden. Ihre Erfahrungen können vielleicht dem einen oder anderen Betroffenen auch hilfreich sein.

Heute erzählt uns Björn Grube aus Leegebruch (Brandenburg) in einem Interview, wie er trocken wurde – und es bleiben konnte.

Wie bist Du vom Alkohol abhängig geworden?

Mit 20 fing es an: Feierabendbesprechungen mit Kollegen und einem Bier. Ein Jahr später saß ich länger dabei und hatte sogar noch Durst, wenn ich nach Hause kam. Später, auf Montage, gehörte Alkohol abends sowieso dazu. Ein Ritual. Da habe ich auch gemerkt, Alkohol hilft, wenn ich mal wütend bin, ich schlafe besser, es ist lustig und entspannend, mal nicht über die Probleme des Alltags nachdenken zu müssen. Daheim, wenn meine Frau abends schlafen gegangen war, habe ich einen Grund gesucht, noch sitzen zu bleiben, ja, ich komm gleich nach … bin zum Kühlschrank und habe ganz leise mit einem Handtuch den Sekt entkorkt. Irgendwann hat eine Flasche nicht mehr gereicht. Ich war voll drin, nur angekommen war das nicht bei mir. 2007 bin ich dann bei meiner ersten Frau ausgezogen, weil mir damals ihr Gejammer auf den Keks ging …

 Das „Gejammer“, weil Du so viel getrunken hast?

So ist es. Ich war Pegeltrinker, tagsüber ging ja nicht, abends musste das dann aber rein. In der kurzen Zeit so viel wie möglich, Druckbetankung. In den sieben Jahren, die ich nach der Trennung alleine lebte, trank im mich dann ganz nach unten. Ich konnte ja jeden Abend trinken, es war ja niemand da. Ich habe es selten bis ins Bett geschafft. Bis ich dann 2014 zusammengebrochen bin, richtig. Da habe ich erkannt, dass es so nicht mehr weitergeht.

 Zusammengebrochen?

Na, auf allen Vieren durch die Wohnung gekrochen, im Bett liegengeblieben, um das Geschäft zu verrichten, das hat mich alles gar nicht mehr interessiert …

Ich hatte gerade drei Wochen Urlaub und vor, mich mal richtig zu erholen – auch vom Alkohol. Aber die erste habe ich nur durchgetrunken von früh bis spät. Na, hast ja noch zwei Wochen. In der zweiten aber habe ich Angst bekommen. Und gewusst, dass das nichts mehr wird bis zum Urlaubsende. Ich bin zu meiner Hausärztin und habe ihr gesagt, wie es ist. Die hat mich krankgeschrieben und gemeint, „Wenn das nix bringt, dann kommen Sie nochmal wieder.“ Ich bin dann nach zwei Wochen wieder hin, und zwei Tage später war ich schon in der Entgiftung …

Aus freien Stücken, selbst entschieden?

Ja! Ich habe auf dem Weg zum Krankenhaus in der U-Bahn auf meinem großen Koffer gesessen und sogar geheult. Weil endlich etwas passiert! Das war ein richtiger Befreiungsschlag für mich!

Wie erging es dir nach der Entgiftung?

Ich kam nach neun Tagen nach Hause und es war glücklicherweise auch kein Alkohol mehr in der Wohnung. Die Reste hatte ich vorher ausgetrunken, das Leergut war entsorgt. Mir ging es ganz gut, weil ich ein Ziel hatte. Ich habe nur geduscht, mich umgezogen und bin dann am Schäfersee gleich in die Gruppe. Die hatte ich kennengelernt bei einem Ausgang während der Entgiftung. Und zwei Tage später, montags, bin ich zum AKB (Anonyme Alkoholikerhilfe Berlin, d.Red.), gleich Dienstag habe ich die 6-Wochen-Therapie dort angefangen.

 Hattest Du in der Zeit Suchtdruck?

Nein, gar nicht.

 Wäre es dann nicht auch ohne Therapie gegangen? Einfach nicht mehr trinken, entgiftet warst du ja?

Nein! Ich hatte ja Sorge, Bedenken. Denn ich wollte nicht mehr trinken. Der Oberarzt in der Klinik hatte zu mir gesagt, „Suchen Sie sich eine Gruppe, eine Therapie.“ Und ich habe aus dem Krankenhaus heraus schon einen Vorstellungstermin in einer Entwöhnungsklinik organisiert bekommen. Das hat mir ein bisschen Sicherheit gegeben. Und weil ich nicht wusste, wie lange es dauert bis dahin, kam mir der AKB gerade recht. Dass jetzt irgendwas passieren muss, war für mich beschlossene Sache.

 Wie hat Dir die AKB-Therapie geholfen?

Die Therapie wird ja ausschließlich von trockenen Alkoholikern geleitet, und da werden vom ersten Tag an die ganzen Aussagen wiederholt, wie ich sie auch in den Gruppen schon gehört hatte. Sechs Wochen lang 12 Stunden am Tag immer das Gleiche, wie bei einem kleinen Kind, dem das Einmaleins beigebracht wird.

 Was zum Beispiel?

Nein ist ein ganzer Satz.

Ich bin der wichtigste Mensch.

Geduld, Geduld, Geduld, die drei großen G’s.

Abgrenzen … den Begriff hab ich natürlich auch gehört, konnte aber noch nicht so viel damit anfangen wegen meines Helfersyndroms. Zu erkennen, wo meine Hilfe endet anderen gegenüber, um mir nicht zu schaden …ich habe aber im Laufe der Zeit gelernt, wenn mich jemand um Hilfe bittet, abzuschätzen, wie weit das gehen wird mit der Hilfe. Sag ich vorher besser nein oder lasse ich mich darauf ein. Ich bin ja inzwischen als Sucht-Lotse unterwegs, da ist das auch wichtig. Da telefoniere ich zum Beispiel nicht mehr hinterher. Ich bin da, die Menschen wissen das, und wenn sie Hilfe brauchen, sollen sie sich melden. Ich bin für niemand anderen das Kindermädchen, das habe ich ablegen können.

Inwiefern half dir das, nicht zu saufen?

Ich schaffe mir damit Freiräume im Kopf, habe weniger Druck. Ich muss mir den Druck ja nicht selber auferlegen. Druck von außen kann ich nicht immer beeinflussen, wenn ich einen Job habe, muss dies und jenes fertig werden, aber in meinem persönlichen Umfeld kann ich mir das aussuchen. Das hat lange gedauert, bis ich alleine zuhause sitzen konnte, meine Hilfe und Nase nicht überall reinstecken musste – das habe ich ja früher auch aus bestimmten Gründen gemacht …

Aus welchen Gründen?

Ich habe mir über andere Menschen mein Selbstwertgefühl geholt, über das Schulterklopfen der anderen. Sicher freue ich mich auch heute, wenn ich jemanden unterstützen kann und der sagt, haste gut gemacht. Aber das ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher, ich brauch das nicht mehr so dringend.

Wo kommt denn dein Selbstwertgefühl heute her?

Ich sehe heute selber, was ich schaffe.

 Zum Beispiel?

Aktuell das mit dem Wohnungsumzug im Januar. Ich hatte vorher registriert, du kriegst jetzt nur noch Krankengeld, aha, reicht nicht für diese Miete. Tu was! Ich habe mich um eine neue Wohnung gekümmert, den Termin zum Renovieren für die Wohnungsübergabe eingehalten, mich um meine Kaution gekümmert, diese Dinge eben, und das sehe ich ja selbst. Mich braucht heute keiner mehr daran zu erinnern, guck mal, was du geschafft hast in deiner trockenen Zeit. Denn das weiß ich selbst, das ist angekommen bei mir.

Wie ist das so gekommen?

Durch lernen. Durch zuhören. Zuhören in den Gruppen. Im AKB in den Monologgruppen. Denn da musste ich sitzen und nur zuhören. Durch die Geschichten der anderen eben. Aus denen konnte ich für mich selbst raussuchen, wo ich mich wiederfinde, wie die Leute damit oder damit umgegangen sind. Da habe ich auch was für draußen mitgenommen, an den Arbeitsplatz zum Beispiel.

 Zuhören?

Ja. Ich hab ja zu vielen Dingen meine Meinung, ich muss sie aber nicht immer rausposaunen: Lass die doch reden, wenn du jetzt deinen Senf noch dazugibst, hast du eine Situation, die du gar nicht haben willst. Die nur anstrengend wird. Also lass es. Und irgendwann später kam dann dazu, meine Situation, die ich vertrete, auch in Worte zu fassen. Also ein Schritt nach dem anderen.

 Was hast Du außer Gruppenbesuchen und AKB noch gemacht, um trocken zu bleiben?

Früher habe ich ja nur gearbeitet, mich um andere gekümmert und konsumiert. Ich selbst bin auf der Strecke geblieben. Inzwischen habe ich gelernt, gut für mich zu sorgen. Das wichtigste ist, auch heute: Ich kann mich mit Sorgen oder Problemen in der Gruppe entlasten und bekomme dort Antworten – aber wenn ich sie dort nicht kriege, habe ich zum Beispiel immer noch Ärzte, die ich um Rat fragen kann. So bin ich 2018 in eine Tagesklinik gekommen. Es ging mir vorher überhaupt nicht gut. Meine zweite Ehefrau litt unter Depressionen und fing an, mich für alles verantwortlich zu machen. Das hatte mich runtergezogen. Ich konnte damit nicht umgehen. Ich bin fünf Mal die Woche in eine Gruppe gerannt. Aber die Gruppen haben mir nicht mehr gereicht. Ich habe mehr Hilfe gesucht. In einer Gruppe hatte ich was von einer psychosomatischen Tageklinik gehört, ich bin zu meiner Hausärztin, da will ich hin, und sie hat mir eine Einweisung geschrieben. Da habe ich für mich gemerkt, dass ich mich im Vorfeld erkundigen kann, was ich will, an die richtigen Stellen gehen und das kann zum Erfolg führen.

Selbstwirksamkeit erleben, wird das wohl genannt … Und was hat dir die Tagesklinik dann gebracht?

Dort habe ich dieses ganze Thema Psyche kennengelernt, die haben mir zu dem „Ich bin der wichtigste Mensch“ auch noch Werkzeuge mitgegeben. Und ich hatte dort mal Zeit, über mich selbst nachzudenken.

Als Deine auch alkoholabhängige Frau rückfällig wurde, wie ging es Dir damit?

Sie kam zur Entgiftung, aber es wurde nicht besser. Mit ihr und ihren zwei Kindern, die ich geliebt habe, dachte ich damals, hätte ich das gefunden, was ich immer gesucht hatte, eine Familie. Aber ich wusste, ich musste da raus. Ich war bereits co-abhängig, weiß ich heute. Ich bin dann noch einmal in die Tagesklinik, weil ich da gut aufgehoben war. Trinken war also wieder keine Option. Und dort konnte ich den Entschluss fassen, mir eine eigene Wohnung zu suchen. Dann bin ich in Brandenburg gelandet, ich hab mir gesagt, je weiter ich weg bin von diesem Umfeld, desto besser für mich.

Bestand nicht die Gefahr, dass Du wieder trinkst?

Nein. Ich kann mich erinnern, als meine Frau in der Entgiftung war, mal wieder, habe ich auf dem Balkon gesessen und geheult und wusste nicht, wohin mit mir. Aber schon wie automatisch griff ich zum Telefon, habe Freunde aus dem AKB angerufen und geredet. Die haste sowieso verloren, sagten sie, du weißt das doch, da kannst du nichts machen. Sie muss jetzt auch zu Ende trinken. Also, Flasche war zu keiner Zeit Thema. Sondern: Anrufen, reden … Das war schon so drin. Ich habe ja mit kleinen Sachen angefangen, mit dem alltäglichen Leben und da gelernt, dass das alles ohne Alkohol geht, hatte den Alltag ohne Alkohol schon geübt …Außerdem erinnere ich mich jederzeit an mein Schlüsselerlebnis. Auch so ein Rat aus dem AKB. Bei mir sind das meine drei Wochen vor der Entgiftung, die waren so lebensunwürdig!

Also wenn ein Problem auftaucht – bevor Du überhaupt an Alkohol denken könntest …

… Gruppe, reden. Ja. Gruppe ist meine Lebensversicherung. Ich gehe zur Zeit dreimal in der Woche, habe auch selbst eine gegründet. Jetzt habe ich zum Beispiel gerade das Thema mit meiner Arbeitsunfähigkeit, ich weiß nicht, was kommt … ich krieg meine Themen also dreimal die Woche ausgesprochen. Und durch Telefonate mit meinen besten, trockenen Freunden kann ich meine Dinge immer irgendwo erzählen und ich krieg was zurück. Ich habe mir ein gutes, soziales, nicht zu großes trockenes Umfeld geschaffen. Letztlich hat sich das ja von alleine ergeben durch die vielen Gruppenbesuche. Auch die Facebookgruppe „Alkoholiker – gemeinsam gegen die Sucht“ war und ist eine große Unterstützung für mich, da lese ich ja auch, wie Leute mit ihren Themen umgehen, wie das Leben so gehen kann, und auch da kann ich etwas zurückgeben, da habe ich Freude dran …

Wie kommst Du außerhalb des trockenen Umfeldes klar, zum Beispiel mit Feiern im Kollegenkreis?

Wenn ich kurzfristig weiß, ich werde mich in irgendeiner Gesellschaft nicht wohlfühlen, dann gehe ich gar nicht erst mit. Mir ist vollkommen egal, was andere denken. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir, wenn ich meins gemacht habe, immer besser ging. Ich habe keine Ahnung, ob mich mein gesunder Egoismus jemals vor etwas bewahrt hat. Ich war bisher jedenfalls immer gut gelaunt, wenn ich abends trocken im Bett lag. Und das soll so bleiben.

Was unterscheidet dich heute von dem Trinker von früher?

Ich gehe viel entspannter durchs Leben, habe so gut wie keine Ängste mehr, weil ich gelernt habe, dass es immer einen Weg gibt, für alles. Ich bin zufriedener, ruhiger geworden, ich kann mich mit Menschen austauschen auf eine ganz andere Art und Weise als früher, ich muss nicht mehr rechthaben… es ist so anstrengend, recht haben zu wollen. Ich kann mich so leiden, wie ich bin. Und ich habe viel, viel seltener ein schlechtes Gewissen, ob ich was richtig oder falsch mache, weil, falsch und richtig gibt’s nicht mehr für mich, das haben sie mir auch im AKB beigebracht: Was soll denn daran falsch sein, wenn du mal einen Fehler machst, du lernst doch daraus, wie soll es anders funktionieren? Ich achte mehr auf mich, es geht ja um mich. Und und und …Und ich gebe gerne weiter, was ich beim AKB und unterwegs auf meinem Weg gelernt habe, in meiner eigenen Gruppe, als Lotse oder bei Facebook. So habe ich ja auch gelernt. Auch das hält mich trocken. Und mein größter Wunsch heute ist: Ich möchte einmal trocken sterben, so wie mein Freund Ralf …

Das Gespräch führte Anja Wilhelm