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Titelthema 6/18: Rapper SILLA: 4,9 Promille, klinisch tot, heute abstinent

Rapper Silla im Gespräch mit der TrokkenPresse:

4,9 Promille, klinisch tot – heute abstinent

Silla trat, wie in der letzten Ausgabe der TrokkenPresse berichtet, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Partydrogen auf. So öffentlich zu seiner Sucht und Suchtbewältigung stehend, hatte er 2016 schon seine Biographie herausgebracht: „Vom Alk zum Hulk“, in der er sein Leben von den Kindesbeinen an bis zum 32. Lebensjahr schonungslos offenlegt (siehe Lesehalle). Die TrokkenPresse wollte von ihm wissen, wie es danach weiterging und weitergehen wird mit dem Musiker, der einst Godsilla war.

Du hast in Deinem Buch „Vom Alk zum Hulk“ sehr öffentlich Rechenschaft über Dein Leben bis 2015 abgelegt. Weshalb?

Als ich da das erste Mal richtig lang abstinent war, 16 Monate, kam mein Platten-Label auf mich zu, sie hatten gute Kontakte zum Riva-Verlag. Das war für mich eine willkommene Sache, um aufzuzeigen, dass man es schaffen kann, dass es geht, auch wenn es ein ewiger Kampf ist. Viele Leute hatten mich angeschrieben, dass sie mich als so etwas wie ein Idol sehen und gefragt, wie ich es schaffe, trotz der Sucht meine Sachen auf die Reihe zu bekommen. Ich habe es ja ab und zu, Wochen, Monate … Ich bin ein Extremmensch, entweder Vollgas, Sport, korrekte Ernährung und einen durchstrukturierten Tagesablauf oder das komplette Abstürzen und zwei Wochen 1 Liter Schnaps trinken und alles dreht sich um den Konsum. Aber ich hatte immer wieder die Hoch-Zeiten und zeige, dass es doch geht. Und dass vor allem Strukturen nötig sind.

Dein Buch endet mit den Sätzen: „Ich bin bereit für den Kampf gegen mein Ich. Für das nächste Kapitel. Für einen neuen Anfang“. Wie sah der Neuanfang 2015 aus, nach der Klinik? Gab es noch mehr Anfänge seitdem?

Ich war acht Wochen in der Klinik. Der Grund war, dass ich eine große Trennung von einer Frau zu verschmerzen hatte. Da drinnen hatte ich meinen festen Tagesablauf, mich wieder super gefühlt, am Rande der Überheblichkeit: So, jetzt krempele ich mein Leben total um. Und dann hat es keine drei Wochen gedauert, bis ich meine Unzulänglichkeit begriff. Ich hatte in der Klinik noch mit der Frau Kontakt gehalten und dachte, versuch’ s noch mal. Aber sie hatte während der Zeit mit einem Neuen angebandelt. Das hat wieder meinen Selbstwert getroffen, so dass ich drei Wochen nach der Behandlung rückfällig wurde.

2016 bin ich mit dem Album vom „Alk zum Hulk“ auf Tournee gegangen, dann hatte ich auch das Buch fertig und meine jetzige Frau kennengelernt, von der ich mich allerdings jetzt wieder in der Scheidung befinde.

2016 war ein Superjahr, ich war abstinent bis auf zwei Tage.

Dann ging es wieder los, Probleme in der Ehe und wieder Alkohol als Stresslöser eingesetzt. Die Noch-Frau ist angehende Zahnärztin, sie meinte, die Sucht sei gar nicht mein Problem, Du hast eine Persönlichkeitsstörung, Du hast dies und Du hast das Problem. Wenn jemand so auf dich einspricht, dann beginnst du das zu glauben, du fängst an, darüber zu lesen und glaubst, du bist totalgestört.

Ich arbeite das aber gerade in der Therapie auf. Es sind Angststörungen, die ich habe und manchmal mangelndes Selbstbewusstsein, das Gefühl der Ablehnung und Konfrontation, diese vier Bereich sind Gründe, warum ich zum Stoff greife. Es ist natürlich nicht leicht, mit mir in Rückfallphasen mit mir umzugehen, weil ich nur an den Stoff denke, ich werde dann nicht gewalttätig oder so, ich bin dann in meiner Welt und versuche alles, um mir den Stoff zu besorgen. Drei, vier, vierzehn, mitunter fünfzehn Tage ging das so. Dann fing die Frau an, mir das Portemonnaie wegzunehmen … da bin ich in den Supermarkt und habe direkt aus dem Regal getrunken, einfach weil ich die Erleichterung brauchte in dem Moment. Ich erschrecke mich, wenn ich daran denke, wie schlimm das ist. Wenn man die Leute vor dem Supermarkt sitzen sieht, dann denkt man, der soziale Abstieg ist noch weit weg, aber ich weiß, wenn du den letzten Halt verloren hast, dann sitzt du mit ihnen da, das ist abschreckend, soweit darf’s nicht kommen.

Nach Deinen Rückfällen, hast Du Dir Hilfe geholt?

Nach der Klinik habe ich ganz normal die Nachsorge gemacht, bei der Caritas. Das war super. 2016 habe ich aufgehört, ich dachte, das brauch ich nicht mehr, jetzt bin ich auf einem guten Weg.

2017, nach meinen Rückfällen mit der Trennung, habe ich mit Verhaltenstherapie begonnen, um das Ganze aufzuarbeiten und mir Wege aufzeigen zu lassen, um endlich mal zum Kern vorzudringen. Das alles mit jemanden aufzuarbeiten und da richtig hineinzugehen, wo es weh tut … Das ist sehr anstrengend. Aber man muss es machen. Zum Beispiel Tagesabläufe, die Woche aufschreiben, was man gemacht hat, von A-Z, mit Verhaltensbarometer, wie war meine Anspannung, wie war mein Suchtdruck. Daran kann man sehen, was tut mir nicht gut, was tut mir gut. Wie sollte ich meinen Alltag gestalten, was ist schlecht, was muss passieren, damit ich Suchtdruck bekomme, wie kann ich diesen Situationen begegnen, das ist harte Arbeit an sich selbst. Es reicht nicht, zu sagen, „So, jetzt trinke ich einfach nicht“. Irgendwann wird es wieder ein Ereignis geben, bei dem der Alkohol der einzige Ausweg zu sein scheint.

Die Therapeutin hat gesagt, „Geh in Selbsthilfegruppen, ich will, dass da einmal die Woche steht: Selbsthilfegruppe.“ Ich war bei den NAs, da habe ich einen Schlüsselanhänger, da steht „Nur heute“ drauf, finde ich cool. Das klingt nicht so unrealistische wie „niemals“. Zu den NAs gehe ich jetzt regelmäßig, muss mich aber jetzt durchringen, weil jetzt wieder alles super läuft, die Karriere geht nach vorne, super Beziehung, alles wieder im Lot. Keinen sozialen Abstieg erfahren in den letzten Jahren, alles, was brach lag, wo ich dachte: So, das war’s, hat sich eingerenkt. Bei den NAs habe ich gehört, der sagte: „Wenn es einem schlecht geht, soll man in die Gruppe gehen und wenn es einem richtig gut geht, dann soll man in die Gruppe rennen.“

Wiederbelebung 2009 mit 5 Promille und „36 Stunden im Krankenhaus“ – wie ging es danach weiter?

Man wird komisch behandelt, die Ärzte schienen mir da überheblich, wahrscheinlich, weil sie denken, der ist bald wieder da. Sie haben auch gesagt, „Such dir Hilfe“, aber die haben mir nicht geholfen, mich zu vermitteln. Ich wollte das auch nicht, glaube ich, ich wollte dann auch gehen.

Du schilderst im Buch Deine Versuche mit Baclofen …

Im Ameisen-Buch steht ja, „Ich wurde geheilt“, das fand ich interessant. Im Nachgang weiß ich, dass es keine Heilung gibt, aber er hat sich ja mit einer hohen Dosis täglich zugeballert. Ich habe es mir von meiner Hausärztin verschreiben lassen. Ich habe die 16 Monate, meine längste Abstinenzzeit, morgens, wie das Zähneputzen, eine Tablette genommen und bin super in den Tag gestartet. Für mich war das ein kleines Hilfsmittel, mir ist aber auch klar geworden, dass ich ein Mittel durch das andere ersetze, aber immer noch besser als laufend Abstürze zu haben, so bin ich keine Gefahr für die Gesellschaft. Aber gehe dem eigentlichen Problem nicht auf den Grund. Ich nehme es aber trotzdem noch manchmal, wenn der Suchtdruck da ist, dreimal 25 mg, dann werde ich ruhiger.

Cannabis: Es scheint im Buch, dass seit der 7. Klasse fast durchgängig gekifft wird, bei Alkohol aber größere Trinkpausen eingelegt werden können, Du aber Alkohol als Dein Hauptproblem siehst.

Gekifft habe ich eigentlich täglich, um etwas auszugleichen oder um zu denken; das fördert meine Kreativität, auch um diese Leere zu füllen, die manchmal in mir herrscht. Man taucht in seine Welt ab und hat mit seiner Umwelt nicht mehr so viel zu tun. Ich bin manchmal auch für ein halbes Jahr abstinent, wenn ich merke, dass es nicht mehr so läuft. Das Suchtverlangen ist ganz stark ausgeprägt, zum Glück nur bei diesen beiden Stoffen, andere Drogen haben mich nie interessiert. Habe aber alles mal ausprobiert, bis auf die ganz schlimmen Sachen.

Aber Du strebst eine Abstinenz von Alkohol und Cannabis an?

Ja, weil ich fühle, weiß, sehe, bemerke, dass das die geilste Zeit meines Lebens ist, wenn ich nichts nehme. In dem Moment erscheint es nicht immer so, man muss die schlechten Gefühle und Probleme aushalten, aber man löst sie dann auch richtig gut. Es mag einem im Moment nicht so scheinen, dass es gut ist, aber wenn man zurückblickt: Vor einem Jahr, das hast Du ausgehalten …, dann fühlt man sich cool. Ich habe Eckart Tolle gelesen, „Die Kraft der Gegenwart“, das ist schwierig umzusetzen. In der Klinik hat mir eine Therapeutin abgeraten, ich wäre dann wieder fremdgesteuert, ich solle auf mich schauen, was ich will, irgendwie hat sie recht. Aber man sucht sich Stützen, wo man ansetzen kann.

Du bist jetzt trocken und clean. Wie arbeitest Du nun, besser oder schlechter?

Viel besser! Alles, was ich früher unter Alkohol gemacht habe, ist viel schlechter, auch wenn es Glücksfälle gab.

Du würdest nicht sagen, durch Suff und Drogen wird man kreativer?

Das reden sich die nur Leute ein, um die Sucht zu entschuldigen, um konsumieren zu können, glaube ich. Ich habe die besten Ideen, wenn ich clean bin, wenn ich sportlich unterwegs bin. Wenn ich trinke, sitze ich zuhause vor meinem PC und finde mich bemitleidenswert. Einen schlechten Tag hat ja jeder, aber das akzeptiere ich dann auch und harre aus und weiß, morgen ist dann wieder ein besserer Tag und gehe meinen Aktivitäten nach. Ich lass mich nicht mehr aus der Bahn schmeißen, denn ich weiß, ein schlechter Tag gehört dazu.

Du hast früh mit Kiffen und Trinken begonnen, erster Vollrausch mit 15. Sollte sich der Staat mehr für den Jugendschutz interessieren?

Jugendschutz ist sehr wichtig. Ich bin der Meinung, dass man alles Alkoholische erst ab 18 kaufen können darf. Dann ist man erwachsen, dann ist man Herr seiner Sinne. Mit 15-16 kann man noch nicht abwägen, was ist richtig, was ist falsch. Ich finde es gut wie in den USA, dass Alkohol erst ab 21 erlaubt ist und es auch Strafen gibt, wenn das missachtet wird. Das ist verantwortungsvoller. Im Bundestag wird gerade über Tattoos debattiert, dass man eine Frist einhalten muss, weil es ein Leben lang bleibt. Aber an einem Tattoo ist noch keiner gestorben, an Alkohol schon, man sollte schauen, dass man in dem Bereich mehr macht.

Wie wird in der Rapper-Szene auf Deine Abstinenz reagiert?

Ich war früher sehr erfolgreich, goldene Platten, vor 20.000 Leuten auf Festivals aufgetreten, das war die Phase, als ich vorher noch eine Flasche Whisky getrunken habe und dann ab auf die Bühne und Halligalli. Jetzt erzähle ich, dass ich den Sport entdeckt habe, das Album „Vom Alk zum Hulk“ war eher sportorientiert, hat auch seine Hörer gefunden, war Platz fünf der Charts. Aber kein Vergleich mit den Verkäufen von früher. Das gibt mir schon zu denken. Die Leute wollen hören: Alles Scheiße, ich geb‘ mir die Kante, man lebt nur einmal. Das ist das Rebellische im Pop, dieses Aufbegehren. Aber es gibt einen festen Kern von Leuten, die mir jeden Tag schreiben und mir die Bestätigung geben, so weiterzumachen. Wenn ich mehr Erfolg hätte, wenn ich das verherrliche, wäre das nicht echt, das ist nicht meine Geschichte. Mir haben Plattenfirmen gesagt, mach das wie früher, die Leute wollen den kaputten Silla haben. Das ist ein Teufelsgeschäft. Das kann ich nicht mehr mit mir vereinbaren, so bin ich glücklicher, auch wenn es eine Null weniger auf dem Konto ist. Ist mir lieber, als zu versacken, da bleibe ich meinen Idealen treu und die bedeuten, clean zu sein.

Ist Sport Deine Ersatzdroge oder eher ein Hilfsmittel bei der Alkohol-Suchtbewältigung?

Hilfsmittel, um trocken zu bleiben. Das ist Struktur. Als ich angefangen habe, nach meiner Wiederbelebung 2009, da stand ich um 6 Uhr auf der Matte, Haferflocken, Ernährungsplan, Training. Während die anderen noch schlafen, gehe ich meinen Träumen nach und muss alles aufholen, was ich bisher versäumt hatte. Es gibt mir eine Struktur, dass ich durchhalte, das gibt mir einen Sinn, du hast jetzt trainiert, dann musst du richtig essen, darfst keinesfalls Schnaps trinken, denn dann sind die Trainingsergebnisse futsch und du willst ja was erreichen. Man setzt sich so kleine Etappenziele. Der Sport gibt mir einen langen Atem, um dranzubleiben. Es dreht sich nicht alles um die Sucht, ich denke nicht jeden Tag nur daran, es ist aber ein omnipräsentes Ding, gerade in der heutigen Zeit, gerade in der Szene, man wird schon damit konfrontiert und man fühlt sich dann echt krank und komisch. Du bist auf dem Straßenfest, da steht dann heute: „Zwei Bier für einen Preis“, da steht ja nie: „Heute gesunder Tee im Angebot“.

Viele Leute haben kein Problem, die trinken und können damit aufhören, zumindest sieht es so aus. Man liest es und man denkt „Das darfst du auf keinen Fall!“ Man fühlt sich so krank und steht am Rande, wenn die anderen wieder können und machen. Um meine Linie zu finden, habe ich den Sport und lasse die anderen saufen.

Was war der Grund für Deine Teilnahme an der Podiumsdiskussion „Partydrogen …“ Warum gehst Du mit Deiner Suchtkrankheit so in die Öffentlichkeit; wen oder was willst Du erreichen?

Ich weiß, ich kann da mitreden. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich so offen darüber reden und anderen helfen kann. Ich habe schon das Gefühl, dass ich da eine Vorbildfunktion habe. Vielleicht ist es auch ein bisschen sowas wie ein kleines Geltungsbedürfnis, vielleicht werden meine Wünsche nach Akzeptanz so erfüllt. Vielleicht kann ich der Welt so etwas mitgeben, denn außer durch meine Musik habe ich nicht das Gefühl, dass ich etwas Großes zu dieser Welt beigetragen habe. Ich habe die drei Stützen, den Sport, die erfolgreiche Musik und das öffentliche Reden über meine Sucht. Egal, wie ungemütlich die Frage ist, ich antworte ehrlich, sonst hilft man keinem. Warum wird Sucht nicht in der Schule thematisiert? Es wäre eine sinnvolle Präventivmaßnahme.

Was planst du in nächster Zeit? Musikalisch, sportlich und im Hinblick auf Deine Sucht?

Ich überlege, ob ich Seminare auf Sucht bezogen anbiete. Und meine neue Freundin und ich haben vor, in den nächsten Jahren nach Österreich zu gehen, Kinder zu kriegen, ein schönes Häuschen zu errichten, weg vom Großstadttrubel. Ich liebe Berlin über alles, ich werde hier immer eine Wohnung behalten, aber es ist mir oft zu stressig, gerade beim Fahrradfahren. Ich brauche viel Ruhe, um richtig agieren zu können, Stress und Chaos sind keine guten Wegbegleiter. Ich werde dann meiner Musik nachgehen, ein eigenes Plattenlabel gründen, wo ich Künstler unter Vertrag nehme. Einfach abstinent bleiben, dann öffnen sich Türen.

Aber ich sage auch immer, wenn man etwas plant, dann fällt das Schicksal lachend vom Stuhl, weil dann etwas passiert und alles anders kommt …

Das Gespräch führte Torsten Hübler