Suchtselbsthilfe am und auf dem Bodden:
Kommt mit uns ins selbe Boot!
Vor vier Jahren berichteten wir bereits schon einmal vom Selbsthilfeverein „Trockenbau e. V. – das Zirkuswagenprojekt“ in Barth. Damals wurde gerade der gepachtete städtische Obstgarten zum Garten der Begegnung und ein alter DDR-Bauwagen von süchtigen und nichtsüchtigen Menschen zum Übernachtungsdomizil ausgebaut, liebevoll Lütt Matten genannt. Ein Bauwagendorf und mehr sollte dort beim gemeinsamen Werkeln entstehen …Was ist inzwischen daraus geworden?
Vorab: Die Vision lautete damals so …
Das Meer duftet herüber, mitten in den alten Obstgarten herein. Der scheint riesig, fast ein halbes Fußballfeld weit. Äpfel, Birnen, Pflaumen wachsen hier. Und dazwischen leuchten bunte Bauwagen Fröhliche Familien verbringen ihren preiswerten Urlaub darin. Aus einem riecht es nach Kaffee und Kuchen, er ist das mobile Café. Hie und da sägt und hämmert es: Ein alter Bauwagen wird gerade restauriert. Auf einem großen Grill brutzelt etwas, könnte Fisch sein. Auf einer kleinen Bühne trommelt sich jemand ein für sein Konzert am Abend, zu dem wie immer auch wieder Einwohner und Urlauber kommen werden … Ein bunter Garten der fröhlichen Begegnung, offen für alle. Ein Heimathafen.
Das sei der große Plan, erklärte Dirk Steiniger, der stellvertretende Vereinsvorstand, damals.
Und heute, was davon ist umgesetzt?
Kurz zusammengefasst: Diese Vision hat sich den unterwegs entstandenen Möglichkeiten angepasst. Denn wenn man unerwartet Boote geschenkt bekommt und plötzlich auch Interessenten und Spender in Hamburg findet – werden eben sogar noch nicht geträumte Träume wahrgemacht …
Was hat sich in der Zwischenzeit getan bei euch?
Dirk Steiniger: Reden wir erstmal vom Garten der Begegnung in Barth, der tatsächlich ein Heimathafen geworden ist. Er ist eine unserer inzwischen drei Hauptsäulen. Lütt Matten steht wieder ab Frühjahr zur preisgünstigen Übernachtung für Gäste bereit. Neben dem neuen Gartenhäuschen entstand nun auch eine Zweifach-Trenntoilette, biologisch abbaubar. Biologisch und zirkulär ist ja unser Leitgedanke. Wir haben die Mobile Bühne fertiggestellt, sie dient für Vorstellungen aller Art und kann sogar auch zum Übernachten genutzt werden. Hier findet Theater statt, es kann Musik gemacht werden, alles ist denkbar, ob für Seniorenvereine, Kulturgruppen oder die Pfadfinder. Der Garten kann öffentlich genutzt werden, und zur Obstpflücke sind sowieso alle eingeladen. Zurzeit haben wir einen alten DDR-Sanitätswagen russischer Bauart auf dem Gelände, den werden wir mit Fördergeldern in den nächsten zwei Jahren umbauen – zur Kantine.
Neu ist auch, dass unser Verein inzwischen ein eigenes Büro in Barth hat.
Im Garten liegen nun auch drei Boote: etwas ähnliches wie ein Tretboot, ein Minisegler, den machen wir fahrbereit für unsere Gäste. Und ein größeres Boot, das wir auch von einem Spender erhalten haben, das wollen wir aufarbeiten und verkaufen – dieses Geld stecken wir dann in die Patagonia.
Patagonia?
Ein Motorsegelschiff, es liegt hier im Hafen. Das wurde uns von einem trockenen Alkoholiker anonym gespendet, ist sofort einsatzbereit, top gepflegt, mit 20-PS-Motor, einer Kajüte für drei Leute, unter der Persenning könnten nochmal drei schlafen. Die kleine Kombüse ist auch voll ausgestattet, sogar die Tanks waren schon gefüllt. Für dieses Projekt „Leinen los“ haben wir jetzt eine sogenannte Basisgruppe gefunden, also fünf Leute, die verschiedene Kompetenzen haben: einen Arbeitsanleiter, der bauliche Fähigkeiten hat, Leute, die handwerklich was draufhaben, und mich, der die nötigen Gelder zusammenholt. Einige Leute aus Nachsorgegruppen und Selbsthilfegruppen, sogar von der Insel Rügen, helfen dabei mit, es startklar zu machen. Ab Frühjahr bieten wir dann Tages- bis Mehrtagesfahrten an. Also für Selbsthilfegruppen aus dem ganzen Land! – Oder eben auch für eine Herrenstrickgruppe aus Berlin … Wir leihen es aber auch aus. Meldet euch bei Interesse einfach bei uns!
Zwischenfrage: Was meinst du mit „Gelder zusammenholen“? Wo holst du sie her?
Wir beantragen Fördergelder, zum Beispiel von den Krankenkassen oder von Ehrenamtsstiftungen wie „Zukunftswege Ost“, mache Crowdfunding, sammle Privatspenden.
Nochmal zur Patagonia … muss man segeln können?
Nein, den Skipper stellen wir. Das ist ein Freund, der den Verein cool findet, der bringt die Leute von A nach B, bekommt ein bisschen Geld dafür und das wird umgelegt auf die Personen und die Fördergelder. Eine Woche auf See oder eine Tour nach Hiddensee, das kann sich Otto Normalverbraucher sonst gar nicht leisten, deshalb wollen wir nur einen kleinen Eigenanteil nehmen.
Sich als Selbsthilfegruppe gemeinsam im selben Boot zu erleben, das stelle ich mir toll vor …
Ja, man tut etwas zusammen. Und im übertragenen Sinne sitzen wir ja auch alle im selben Boot!
Stichwort Hamburg, eure Säule drei, was passiert da?
Wir wollen dort bis Herbst 2026 einen alten Pferdetransporter aus- und umbauen, der dann in Hamburg an Bedürftige Suppe ausgeben wird. Kooperationspartner ist dabei das Jesus Center auf der Schanze, dessen Küche die Suppe kocht – und wir touren durch die Stadt und verteilen sie für wenig Geld.
Wie ist denn dieses Projekt entstanden?
Ich habe mal auf den Hamburger Suchttherapietagen die Vertreterin einer großen Firma kennengelernt, die uns Förderung anbot und die sich auch um die Werbung kümmert – und beim Hamburger Spendenparlament hatte ich für unser Projekt auch Spenden beantragt. Ab Februar wird also nun in Hamburg-Süd mit Hilfe von KlientInnen von Nachsorgeeinrichtungen und Bauleiter Toni, der viel Erfahrung auch aus solchen Einrichtungen mitbringt, gebaut.
Wenn ich das richtig verstehe, geht es euch ja nicht nur um das Ziel, die Fertigstellung eurer Projekte – sondern darum, GEMEINSAM etwas zu tun, zu bewegen, oder?
Ja! Und inzwischen geht es auch nicht mehr nur um Süchtige, wir haben auch viele dabei, die Freunde oder Verwandte von Abhängigen sind oder die einfach einsam sind oder die unser Projekt gut finden. Uns ist das niederschwellige Gemeinsam wichtig, sich treffen, zusammen in der Gruppe etwas tun. Auch Menschen, die im Kontext mit Sucht Straftaten begangen haben, können ihre Arbeitsstunden bei uns ableisten. Jeder, der mitmacht, lernt etwas dazu, manche leiten dann wieder andere an, sie haben Bock auf das, was sie tun. Es macht zufrieden und lenkt von Suchtdruck ab. In jedem Projekt steckt neu gewonnener Lebensmut. Wir haben sogar einen 24-jährigen Schulabbrecher hier, er hatte nie etwas gelernt, der jetzt Freude am Handwerkern gefunden hat und eine Ausbildung zum Tischler beginnen will, weil er das geil findet. Wir können also auch Kompetenzen fördern, irgendwelche hat ja jeder.
Im Frühjahr steht dann ja eine ganze Menge an, was zu beginnen und zu tun ist, die Boote, die Kantine, die Suppen-Kombüse, der Obstgarten natürlich …
Ja, der hat 4000 Quadratmeter, da braucht man zum Wiesemähen mit drei Leuten schon fast den ganzen Tag. Wir hatten viele Blumenzwiebeln von Gärtnereien geschenkt bekommen, die müssen in die Erde und dann gepflegt werden, die Obstbäume werden von einer Frau aus dem Ort beschnitten, die davon Ahnung hat. Und wir wollen Hochbeete in Permakultur anlegen. Und Claudia aus Berlin wird für ein paar Tage kommen und mit unseren KlientInnen aus der Nachsorge einen kleinen Nähkurs machen, damit sie sich auch mal selber eine Hosen ändern können, ein Loch stopfen oder einen Knopf annähen …
Wie schafft ihr es, das alles zu organisieren?
Der Verein schafft es jetzt, Stück für Stück Menschen zu finden, die unsere Vision teilen und mit vorantreiben. Verständlich, dass wir es in einer Großstadt wie Hamburg da leichter haben. Aber auch unser Heimathafen, der Garten der Begegnung, findet immer mehr Unterstützer, immer mehr Menschen, die mithelfen.
Kasten:
Wenn Sie Lütt Matten mieten wollen, Garten und Bühne nutzen wollen, mit der Patagonia segeln, Fördermitglied werden oder spenden möchten:
www.zirkuswagenprojekt.de
Email: trockenbau2020@gmx.
Bankverbindung für Spenden:
TROCKENBAU – das Zirkuswagenprojekt e.V.
Sparkasse Vorpommern
IBAN: DE51 1505 0500 0102 1103 79
BIC: NOLADE21GRW