TrokkenPresse 3-26: Selbststigmatisierung

Selbst-Stigmatisierung:

Ich bin ja selber schuld …?

Denken Sie manchmal auch noch so, selbst wenn Sie schon längst trocken oder clean sind? Steckt das noch irgendwo, fest verankert, im Hinterkopf? „Hätte ich nicht getrunken, hätte ich meine Familie noch, mein Haus noch, meinen Job, meine Freunde, eine sicherere Zukunft …“ Oder: „Ich bin eben Alkoholiker, traue mir vieles nicht zu, bin unzuverlässig, und ein Rückfall gehört sowieso dazu …“ Solche Gedanken, Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, ob bewusst oder unbewusst, halten uns im Vergangenen fest. Behindern die Genesung. Sie stehen einem neuen, freien Leben oft im Weg. Manchmal machen sie sogar krank. Was genau Selbststigmatisierung ist, woher sie kommt und wie wir damit umgehen könnten, erklärt uns Stigma-Forscher Prof. Dr. Georg Schomerus, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig …

Weshalb denke ich, selbst nach vielen Jahren Trockenheit, mitunter noch: Wenn du nicht Alkoholikerin geworden wärest, wäre dies und jenes viel besser gelaufen im Leben, aber du bist ja selber schuld …?

Ich glaube, dass das moralische Stigma von Suchtkrankheiten tief eingewachsen ist. Man macht sich selber den Vorwurf … natürlich, wem denn sonst? Aber das ist der grundsätzliche Denkfehler!

Denkfehler – warum?

Weil Alkoholabhängigkeit nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern in einer Gesellschaft. In einem Umfeld, in dem sowieso viel getrunken wird, in dem das Trinken gefeiert wird, in dem man erst dann dazugehört, wenn man mittrinkt. In dem es sehr viel leichter ist, abhängig zu werden, als danach wieder davon loszukommen. Das heißt, dieses Sich-selber-beschuldigen ist falsch.

Was genau ist denn Selbst-Stigmatisierung und wie entsteht sie?

Sie geschieht, wenn das gesellschaftliche Stigma „einsickert“ und in der Person selbst Schaden anrichtet. Das passiert in Schritten. Man weiß ja, was andere Leute über Menschen mit Alkoholproblemen denken, kennt die gängigen Vorurteile: Er ist selbst schuld am Alkoholkonsum, ein Alkoholabhängiger ist unzuverlässig, unehrlich und so weiter. Und zum Teil denkt man das selbst auch. Und wenn man dann selbst so ein Problem entwickelt, gehört man auf einmal zu der Gruppe, die man vorher mit abgewertet hat, auf die man mit dem Finger gezeigt hat. Dann richtet sich dieser Finger unweigerlich auf einen selbst und das ist sehr schmerzhaft. Man versucht, das abzuwehren, indem man das Problem kleinredet und denkt: Solange ich noch nicht vorm Supermarkt stehe mit dem Bier in der Hand, bin ich ja kein Alkoholiker. Wenn es dann aber einsickert und man zugeben muss, wirklich ein Alkoholproblem zu haben, schämt man sich. Dann richten sich diese ganzen Vorurteile gegen sich selbst. Da muss noch gar kein böses Wort von außen gefallen sein. Man findet sich selber so furchtbar, dass man ganz, ganz, ganz klein wird, seinen Selbstwert verliert. Sich gar nicht mehr zutraut, das Problem anzugehen, obwohl man gerade dann alle Kräfte dafür sammeln müsste.

 

Für Ihre Studien zum Thema hatten Sie Fragebögen für Betroffene entwickelt … worum geht es da?

Um negative Stereotype, die in vier Stufen „einsickern“, zum Beispiel das Vorurteil „unzuverlässig“. Erste Stufe: Ich denke, die meisten anderen Leute halten jemanden mit einem Alkoholproblem für unzuverlässig. Die nächste Stufe: Ich denke selbst, jemand mit Alkoholproblemen ist unzuverlässig. Die dritte: Weil ich ein Alkoholproblem habe, bin ich unzuverlässig – das heißt, ich wende das schon auf mich selber an. Die letzte: Weil ich unzuverlässig bin, achte ich mich im Moment weniger.

Diese Studien waren dafür gedacht, zu zeigen, dass Selbststigmatisierung Menschen an der Recovery hindert. Man könnte ja meinen, es sei doch gut, wenn die Leute sich schlecht fühlen, das motiviere sie, besser zu sein und alle Energiereserven zusammenzukratzen. Aber so funktioniert das nicht. Wenn man sich schlecht fühlt, klein und verzweifelt, führt das eher dazu, dass man sich eben nicht zutraut, trocken zu werden – und dann noch mehr konsumiert, weil das Gefühl so unangenehm ist.

Warum stigmatisiert man sich aber auch nach Jahren noch selbst?

Dieses Gefühl, dass man an seiner Erkrankung selber schuld ist, selber dafür verantwortlich ist, sitzt ganz, ganz tief. So dass man alle negativen Folgen, die sie hat – zum Beispiel auch Existenzsorgen, Beziehungsprobleme, Zukunftsängste, Wohnungsnot – voll sich selbst zuschreibt: „Da kann ich ja niemand anderen verantwortlich machen, das war ja ich, ich habe ja getrunken“. Ich glaube, dahinter steht ein Modell von Schuld und Verantwortung. Man denkt: Ich bin schuld, ich habe getrunken, und ich muss es auch lösen – das habe ich alles mir selber zuzuschreiben.

Aber das stimmt ja nicht!

Nein? Wieso stimmt das nicht?

Natürlich trinken wir alle und dafür sind wir auch selber verantwortlich. Aber: Diese Substanz macht auch abhängig! Es ist ja nicht so, dass man nur eine Gewohnheit hat und sie immer mehr Spaß macht und man deshalb immer mehr trinkt – sondern die Substanz selbst zieht einen da hinein. Und das Umfeld drückt einen auch hinein, weil insgesamt so viel getrunken wird. Auch das Stigma drückt noch weiter hinein, weil es so schwer ist, sich diesem Problem zu stellen, wenn man von allen Seiten abgewertet wird. Das heißt, das Umfeld ist mitverantwortlich. Je gesünder man wird, desto mehr Verantwortung kann man wieder selber tragen. Aber die Schuld, da hineinreingeraten zu sein, die ist gut verteilt, da haben alle ihren Beitrag dazu geleistet, nicht zuletzt auch die Alkoholindustrie, die rücksichtslos wirbt und sich gegen alle Maßnahmen der Alkoholprävention, die wirksam sind, sträubt.

Woran erkennt man, dass man sich immer noch unbewusst selbst stigmatisiert? Ist das schon der Fall, wenn ich beim AA-Meeting sage: Ich bin Anna, Alkoholikerin?

Es kommt darauf an, WIE man das sagt. Wenn man von außen sagt, du bist Alkoholiker, ist das meist abwertend. Man selbst kann es aber mit einem gewissen Stolz über sich sagen: Ich bin Alkoholiker, und ich bin ehrlich zu mir selbst! Ich habe keine Angst vor meinem Problem! Oder sogar: Ich habe dieses Problem überwunden! Man darf die Bezeichnung aber auch ablehnen: Ich bin mehr als das, ich lasse mich nicht auf diese eine Eigenschaft reduzieren. Es kommt darauf an, dass man sich erlaubt, stolz auf sich und zufrieden mit sich zu sein und zu wissen, ich habe das gut gemacht. Ich bin aus dieser schweren Erkrankung rausgekommen, ich habe vieles richtig gemacht, ich habe schwere Zeiten überlebt. Diese Seite darf nicht untergehen oder überdeckt werden.

Man erkennt Selbststigmatisierung zum Beispiel auch daran, anderen nicht zu erzählen, dass man früher abhängig war. Das zeigt, dass man das Gefühl hat, es sei ein Makel, den man lieber verheimlichen möchte und nicht, dass es eine Heldentat war, da rausgekommen zu sein. Man erwartet vielleicht, von anderen Leuten abgelehnt zu werden, das mischt sich mit der erwarteten Stigmatisierung durch andere.

Aber wie werde ich das los?

An der Selbststigmatisierung ist man nicht selber schuld, sondern sie ist ein Ergebnis des gesellschaftlichen Stigmas, das man in sich aufgenommen hat. Sich dagegen zu wehren ist gar nicht so einfach. Es ist ja nicht so, dass man einfach sagen muss: Ach stimmt ja, dann hör ich jetzt mal auf, mich selber zu stigmatisieren … Es ist richtig schwer und am besten wäre es, wenn das Stigma von außen wegfallen würde.

Können dabei Aktionen wie der Recovery Walk, an dem Sie auch viel Anteil haben, helfen?

Zum Beispiel. Der Walk vermittelt ja diesen Stolz, dass man es geschafft hat, dass man damit nicht alleine ist, dass es ein besseres Leben ist, dass es was Gutes ist, aufzuhören mit dem Trinken und dass man damit auch ein Vorbild ist für andere. Das finde ich total wichtig. Und zwar nicht nur für andere Leute, die noch ein Alkoholproblem haben, sondern für alle. Wir sind ja alle von allen möglichen Sachen abhängig. Von Social Media, Süßigkeiten, vom Kaufen … und da kann der Recovery Walk zeigen: Hier, wir haben uns von dem Konsum befreit und was wir damit gewonnen haben, sind echte Gefühle, echte Beziehungen, ein viel ehrlicheres Verhältnis zu uns selbst. Das wird alles darin sichtbar, wenn Leute fröhlich durch die Stadt ziehen und sagen: Hier, es gibt uns und wir sind stolz drauf. Wir verstecken uns nicht, wir zeigen uns, und wir entsprechen auch überhaupt nicht diesem Bild, was alle von Alkoholikern haben. Das ist wirklich eins zu eins ein Gegengift zur Selbststigmatisierung und gegen die Stigmatisierung von außen.

In den letzten Jahren ist ein kleiner Wandel vor sich gegangen, was die gesellschaftlich- öffentliche Haltung zu Alkoholkrankheit und Sucht an sich betrifft, oder irre ich mich?

Ja, ich glaube auch, dass es beim Suchtstigma wirklich eine neue Offenheit gibt, dass sich da etwas verändert.

Wie ist das gekommen?

Ich glaube, da haben wir alle etwas dazu beigetragen. Da sind die vielen Podcasts zum Thema, Recovery Deutschland e. V., die junge Sober-Bewegung und natürlich auch das wachsende Bewusstsein für die Risiken von Alkohol – dass auch dieser „normale“ Konsum weder normal noch gesund ist. Und vielleicht hat sich auch das Bewusstsein für die negativen Folgen erhöht, es ist ja wirklich unschön, wenn Leute oft betrunken sind, das wird sich jetzt auch nicht mehr so schöngeguckt.

Nochmal zur Selbst-Stigmatisierung: Was kann ich selbst dagegen tun?

Sie sich erstmal bewusst zu machen ist wichtig, aber ich würde mich jetzt nicht auch noch dafür schlecht fühlen, dass ich mich selber stigmatisiere. Man könnte – statt sich zu sagen, wie schlimm es ist, dass einem das Stigma so eingeimpft wurde – es auch nach außen tragen: Das ist so schlimm, wie sorglos mit dieser Substanz umgegangen wird, wie normalisiert das ist und so weiter. Ich glaube, das muss man sich erstmal klarmachen. Und man kann es natürlich auch überprüfen: Was ist denn die Annahme? Die Annahme ist, ich bin selber dran schuld. Aber wie war denn das wirklich? Dann kommt man zum Ergebnis, dass Schuldgefühle wirklich verfehlt sind. Wenn man sich zum Beispiel vorwirft, dass man sich selber belogen hat, dass man bagatellisiert hat, ist das auch ein Ergebnis von Stigmatisierung. Denn durch sie ist es schwer, diesem Problem frühzeitig offen ins Gesicht zu schauen, weil man sich selber abwerten würde.

Was könnte man noch tun? Sich jeden Morgen stolz auf die Schulter klopfen?

Stolz auf das Erreichte zu sein ist sehr, sehr wichtig! Es gibt auch einige therapeutische Interventionen, die die Selbststigmatisierung verringern können. Sie zielen darauf ab, zu überlegen: Was ist eigentlich meine Geschichte, die ich mir erzähle? Ja, worauf bin ich denn stolz? Was habe ich geschafft und wo hätte ich gern was anderes gemacht? So dass ich zuerst einmal eine Geschichte habe, mit der ich selber einverstanden bin. Und dann kann ich mir überlegen, was davon ich anderen erzähle. Ich muss nicht jedem alles erzählen, ich kann vorsichtig mit mir umgehen und bei der Arbeit weniger offen sein als in der Partnerschaft zum Beispiel. Ziel ist es, sich sicher zu fühlen und nicht mehr so einen gefühlten schwarzen Fleck mit sich herumzutragen, den keiner sehen darf.

Für das Gespräch bedankt sich: Anja Wilhelm

Die TrokkenPresse 4/26 erscheint …

Die Ausgabe 04/26 der TrokkenPresse erscheint ab 15. August

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+++ Aktuelle Leseproben:

-ABC der Sucht: trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/kolumne/,

-Erst die abstinenz, dann die Psyche? Das war einmal … trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/thema/,

-Hausdestille: trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/erfahrungen/.

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TrokkenPresse 02-20

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„Sie waren ALLE unsere Kinder“

Ihr Leben lang kümmerten sich Martina und Heinz um alkoholkranke Menschen:

 „Sie waren ALLE unsere Kinder“

Von ihrer Arbeit als Suchthelfer in der Ukraine berichteten wir in der vergangenen TrokkenPresse. Doch den größten Teil ihres Lebens verbrachten Martina und Heinz Nitzsche aus Mecklenburg in Serrahn. Dort bauten sie nicht nur nach der Wende die heutige moderne Rehaklinik zur Entwöhnungsbehandlung mit auf. Nein, sie begannen bereits 1971 auf dem Pfarrhof Serrahn damit, abhängigen Menschen zu helfen, „frei“ zu werden vom Alkohol. Etwa 2000 wurden es in 20 Jahren, und 75 Prozent von ihnen blieben dauerhaft trocken! Ein Grund dieses heutzutage kaum erreichbaren Erfolgs: Ihre ganz besondere Art der Therapie …

Martina deckt den großen, runden Tisch auf der grünen Wiese. Es gibt Kaffee und Kuchen, so richtig mit feinem Geschirr und Servietten, und das im Schatten: Nämlich unter dem Blätterdach der riesigen, 170 Jahre alten Linde vor dem ehemaligen Pfarrhaus. Diese Linde könnte Geschichten erzählen … von Menschen aus allen Ecken der DDR, ihren alkoholgetränkten Leben, Gefängnisaufenthalten, ihren Kämpfen gegen die Sucht, von Liebe und Erschöpfung, vom Neubeginn. Denn hier wurde abends meist gesessen, geredet, gefragt, diskutiert, viel gesungen und gebetet – nachdem das Tagwerk erledigt war, jeder hatte seine Aufgaben. Müßiggang gab es nimmer, für niemanden. Das war nicht nur notwendig, sondern auch gewollt so.

Die Blätter über uns rascheln. Martinas Kaffeegabel klirrt leise auf dem Teller. Von ferne die Stimmen von Klienten aus dem Klinik-Neubau. Sonst ländliche Stille. Heinz sinnt vor sich hin und stellt dann zusammenfassend für sich fest: „Das war eine schöne Zeit!“

Das wird er heute noch öfter sagen.

Heinz kam 1971aus Sachsen hierher. Die Bibelschule und seine Alkoholikerarbeit in der Dresdner Stadtmission bereiteten ihn gut auf das neue Amt vor, denn als die Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtgefahren, AGAS (1) ihn bat, für das Diakonische Werk nach Mecklenburg zu gehen – nahm er an. Der „Wasser-Pastor“, wie ihn die Einheimischen erst skeptisch, dann spöttisch und später liebevoll nannten, nahm von da an die ersten alkoholkranken Menschen auf, die vor der Pfarrhaustür standen. Gab ihnen Bett und Essen. Sie durften bleiben. Wenig später kam Martina hinzu, half mit, beide heirateten.

Und dann wurden es immer mehr Männer, ob der Schmied aus Dresden oder der LPGler aus einem Nachbarort. Manchmal lud ein Taxifahrer sie betrunken vor der Tür ab, mal schleppte eine Mutter ihren Sohn hierher oder Häftlinge baten aus dem Gefängnis heraus um Aufnahme. Denn im Knast landeten viele Alkoholkranke, weil sie ihrer sozialistischen Arbeitspflicht nicht mehr nachkamen, wegen Arbeitsbummelei oder eben wegen Diebstählen. Nitzsches Adresse wurde im Knast sogar gehandelt, sagen sie. Und oftmals verhandelten sie dann direkt vor Ort mit den Gesetzeshütern, um die Männer nach der Strafe zu sich holen zu können.

Denn wo sonst gab es zu jener Zeit Hilfe dieser Art in der DDR, die den Alkoholismus offiziell unter den Teppich kehrte, denn eine sozialistische Persönlichkeit ist nicht abhängig? Aber es gab sie, die schwer alkoholkranken Menschen. In der Nervenklinik wurden sie zwar entgiftet – aber dann wieder nach Hause geschickt. Drehtürpatienten, bis sie am Alkohol ertranken.

In der Familie willkommen

Bei Martina und Heinz fanden wenigstens einige von ihnen, wovon sie gar nicht wussten, dass sie genau das brauchten, um trocken zu werden: Liebe, Güte, Familienleben.

Martina erinnert sich: „Wir haben mit den Männern einfach Familie gelebt. Die kamen zu uns nach Hause. Wir haben das ganze Leben mit ihnen geteilt, die Gartenarbeit, die Viehversorgung. Viele haben gar keine richtige Familie gekannt, das war vielleicht das Entscheidende: Dass sie erst mal Angenommensein und Liebe empfangen haben. Sie durften so sein, wie sie waren. Das hat sie vielleicht auch geöffnet für die christlichen Botschaften am Abend.“

Der Tag eines jeden auf dem Pfarrhof war arbeitsam. Als Selbstversorger, auch aus Geldmangel (etwa 800 DDR-Mark Gehalt bekamen die Nitzsches damals zusammen von der Kirche) gab es einen großen Garten mit Gemüse und Obst zu bewirtschaften, Kühe und Schweine zu versorgen, zu schlachten und im Gästebetrieb für christliche Urlauber mitzuhelfen. 6 Uhr begann der Tag, gemeinsam wurde gefrühstückt. Dann gings zur Arbeitstherapie auf den Hofanlagen. Nach den ersten sechs Wochen übrigens dann zur nahen LPG als fest angestellte Mitarbeiter. 12 Uhr Pause und Mittagessen. Wieder an die Hof-Arbeit. Wenn die LPGler dann zum Abendbrot um 18 Uhr zurückgefahren wurden, kamen sie … nach Hause, ins Nest, ins Geborgensein, schon freudig erwartet von den anderen, erinnert sich Martina lächelnd. Danach fand die Andacht statt. Oft hier unter der Linde am runden Tisch. Mittwochs durfte jeder seinem Herzen Luft machen in der Meckerstunde. Übers Essen jammern, über Probleme mit einem Zimmergenossen klagen, den Tagesablauf Mist finden. Alles wurde durchdiskutiert.

Leben unter einem Dach

Menschliche Nähe, eine persönliche Beziehung zu jedem der Hilfesuchenden, das war Nitzsches immer das Wichtigste. Alle lebten unter einem Dach, durften alles nutzen (nur das Schlafzimmer und das Kinderzimmer im Pfarrhaus war für die Männer tabu). Und die mit der Zeit auf fünf angewachsene Kinderschar der Nitzsches immer mittenmang … Bekannte hatten da große Bedenken, erzählt Heinz: „Wenn eure Kinder mit solchen Leuten aus dem Gefängnis zu tun haben, braucht ihr euch nicht wundern, wenn sie auch mal ins Gefängnis kommen, sagten sie. Aber keins musste ins Gefängnis. Nicht die Männer haben unsere Kinder geprägt, sondern die Kinder unsere Männer. Denn unsere Kinder hatten viel Verständnis für die Männer, sie hatten sie einfach lieb. Alle Kinder gehen den Weg des Glaubens mit und haben ein Herz für die Alkoholiker.“ Und arbeiten heute ebenfalls in der Suchthilfe.

Martina räumt nun das Kaffeegeschirr wieder ins Auto, Heinz hilft ihr. Alles läuft Hand in Hand, wie früher – und überhaupt immer. Anders ging es gar nicht. Fünf Kinder, die zu betreuenden Männer, Gäste, Garten, Vieh, Haushalt, kochen, waschen … als Martina dann doch körperlich fast am Ende war, gab Heinz vom eh schon zu kleinen Gehalt Schwarzgeld für eine Mitarbeiterin aus. Bis die Leitung davon erfuhr und ihnen jemanden zur Seite stellte. „Meine tapfere Frau“, streichelt Heinz ihre Hand. „Ohne eine Frau wie Martina, die mitzieht, hätte alles gar nicht funktioniert“, sagt er.

Er zeigt auf das Dach des alten Speichers nebenan. Da haben sie auch mal gewohnt eine Zeit lang, ohne Heizung und Wasser. Nämlich, als sie ihre Pfarrhauswohnung neuen Mitarbeitern zur Verfügung stellten. Bis unerwartet Hilfe aus West-Berlin kam, von der 200 000 DM-Spende konnte nun ein Wohnhaus gebaut werden. Und trotzdem reichte der Platz nie wirklich, bald waren es 30 Männer, die Hilfe suchten. Manchmal schliefen alle sieben Nitzsches dann in nur einem Zimmer. „Um der Sache willen haben wir uns oft eingeengt, damit sie wachsen kann, aber es war nicht schlimm“, sagt Martina, und Heinz bestätigt es mit: „Es war eine schöne Zeit!“

Gestern und heute

Im Pfarrhaus nun, das heute Empfang, Gemeinschaftsräume, Zimmer und einen Anbau für die sogenannte SOS-Station und vieles mehr beherbergt, war früher doch so einiges anders. Da unsere Wohnung, da die Küche, dort die Zimmer der Männer, zeigen beide. Drei, vier Männer mindestens teilten sich ein Zimmer. Auch wenn es anders möglich gewesen wäre, es war gewollt so. „Wenn mehr Leute zusammen sind, sind es mehr Ecken und Kanten, man muss miteinander reden. Das war uns wichtig, dass sie miteinander reden“, erklärt Heinz.

Am sogenannten Limex-Haus (2) vorbei, das damals mit der Spende gebaut werden konnte, spazieren wir jetzt Richtung See. Hier war früher der riesige Garten, zeigt Martina auf eine Wiesenfläche. Und dort war alles Sumpf, den haben wir trockengelegt, der Rest ist Biotop.

Am Seezugang angekommen, einem kleinen Strand mit Liegewiese, Paddelbooten, Sauna und Lagerfeuerplatz am glasklaren Trinkwasserreservoir Rostocks, wird Heinz wieder ganz still. Sitzt auf einem Campingstuhl und atmet Grün, Wasser, Frieden ein. Natur. Einst wie heute auch eine Freizeitoase für die Klienten. Denn auch Freizeit sollte schließlich trocken erlebt und erlernt werden.

Auf dem Rückweg erzählt Martina von einem der Männer, der Jahre später mal zum Jahrestreffen kam und sich beschwerte, wie schief denn ein bestimmtes Tor aussähe. Das geht doch gar nicht, wer hat denn das gebaut? „Na, Du!“, erinnert sie sich lachend. „Die Menschen sollten in der Arbeitstherapie ja keine Niederlage nach der anderen haben. Heinz sagte immer, sie müssen aufgebaut werden, wieder Selbstwertgefühl kriegen, also hat er ihnen Aufgaben gegeben, wo sie ihre Stärken hatten. Dadurch sind sie immer über sich hinausgewachsen, innerlich größer, stabiler geworden. Sie durften sich ausprobieren, auch wenn manchmal viel Mist rauskam dabei. Aber was nicht gelungen war, wurde dann später eben wieder in Ordnung gebracht.“

Nachtwache und Mundkeil

Bis die neu ankommenden Männer mitarbeiten konnten, vergingen allerdings häufig einige Tage – und vor allem auch schlaflose Nächte, an denen Martina, immer mit einem Mundkeil in der Schürzentasche, falls jemand krampft, und Heinz an den Betten wachten: „Sie haben anfangs ja fast alle geflattert. Wenn jemand ins Delir fiel, haben wir ihn ins Krankenhaus bringen können. Und nach Rücksprache mit Ärzten gaben wir manchmal auch ganz wenig Beruhigungsmittel. Aber sie haben schon einen kalten Entzug gemacht, denn wenn sie ein bisschen flatterten, das schadete gar nicht, so haben sie gemerkt, wo komm ich her, was ist mit mir passiert. Sie sind ja völlig fertig gewesen, und manche mussten wir sogar anfangs mit Babynahrung füttern …“

Einem der Männer, gerade angekommen, genügte es bereits, so etwas mit ansehen zu müssen. Da will ich nicht hin, nicht dort runter! Er verabschiedete sich von den Nitzsches nach nur zwei Tagen und blieb seitdem trocken. Andere blieben sechs Monate oder mehr als ein Jahr. Solange jeder eben brauchte. Denn wenn auch die Arbeit in der LPG, als Schlosser, auf dem Feld oder im Stall, half, wieder stabil zu werden – wer sich noch nicht zurück ins alte Leben traute, konnte bleiben. Manchem riet Heinz sogar ab, zurückzukehren ins alte saufende Umfeld. Und bei vielen war es ihm sogar sehr wichtig, dass sie zurückkehren: als Zeugnis dafür, dass es ein neues, anderes Leben gibt ohne den Suff.

Beten

Auf dem Weg zum Klinikneubau und noch vielen erzählten Erinnerungen, auch solchen an politische Auseinandersetzungen, denn ihre kirchliche Arbeit wurde mit Argusaugen beobachtet, kommen wir wieder an der Hüterin des Pfarrhofes vorbei, der Linde. Unter deren Dach einst auch viele Christenlieder gesungen wurden, gemeinsam in der Bibel gelesen wurde. Aber was, wenn jemand gar keinen Bock auf  solchen „Kirchenkrams“ hatte, wie in der DDR weit verbreitet?

Auch dazu hat Martina eine Anekdote: „Wir sitzen beim Mittagessen und es ist ein Neuer da. Wir falten unsere Hände, sprechen ein Tischgebet, und der Neue: ,Was geht‘n jetzte hier los??‘ Da sagt ein anderer, ,Ach, falt deine Hände, mach die Augen zu, morgen bringstes auch …‘ Ich hab mich so bekringelt darüber, wie sie das einfach so selbstverständlich hinnahmen, annahmen. Aber sie setzten sich dann auch damit auseinander. Es kamen Fragen dazu, wieso, weshalb … warum schmeißt du mich nicht raus, ich habe euch doch angelogen. Oder, warum bin ich, wie ich bin? Was ist das Ziel meines Lebens? Die Männer haben unser Leben beobachtet, wir waren absichtlich gläsern für sie, lebten direkt mit ihnen zusammen. Denn wie sollen sie ihr Herz und sich öffnen, wenn wir selbst es nicht tun?“

Über all die Fragen der Männer wurde immer gesprochen. Antworten fanden viele im Wort Gottes. Nicht jeder wurde gläubig, aber das war auch ok. Gezwungen wurde niemand. Bei manchem allerdings wuchs etwas, eine Art Fundament fürs Leben. „Wenn ich mich dem Glauben öffne, erfahre ich einen Kraftquell“, sagt Heinz. Und der kann dauerhaft trocken halten, „frei“ machen, sind beide überzeugt. Das haben sie hundertefach erlebt. Mit vielen der Männer haben sie noch heute herzlichen Kontakt.

Übrigens gibt es die Andachten auch heute noch, in der neuen Klinik.

Nun sind wir auch am neuen Haupthaus angelangt. Das hat natürlich seine ganz eigene Geschichte. In kurz: Nach der Wende brach der Spenderkreis weg, denn viele wurden arbeitslos. Der Pfarrhof schrieb rote Zahlen. Was tun? Also eine Klinik gründen. Mit dafür ausgebildeten Therapeuten, einem Neubau, 1-2-Bettzimmern, Sporträumen, Werkstätten usw. Nachdem Nitzsches 1998 den Sozialpreis von Mecklenburg erhielten und Angela Merkel die Laudatio hielt, kamen die Förderungen in Gang. Zehn Jahre leitete Heinz noch den Aufbau und die Klinik, bis sich beide entschlossen, in die Ukraine zu gehen. Aber auch andere Einrichtungen haben beide geschaffen: Vorsorge- und Nachsorgehäuser, familiär gehalten, und einen Ort, an dem Menschen betreut leben können, die es alleine nicht mehr schaffen.

Martina schaut vom Neubau übers Gelände. „Dort die Bäume und die da … hab ich alle gezogen und gepflanzt. 400. Und die Kartoffelrosen hier, die sind aus dem Wald. Ich wollte, dass es eine grüne Oase wird hier für die Patienten.“ Ist es auch geworden.

 

Es wäre noch sooo viel mehr zu erzählen von und über diese beiden Menschen, die ihrem Herzen gefolgt sind, einen Auftrag fühlten und ihn, getragen von ihrem Herrn, lebten, bis heute leben: „Gott gab uns eine ganz große, tiefe Liebe für Menschen mit, die am Ende sind, nicht mehr weiterwissen. Unsere Berufung war und ist, ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen.“

Das Wichtigste an ihrer Art von Therapie war also wohl diese Liebe, die bedingungslose Zuwendung zu den alkoholkranken Menschen, denen sie begegneten. „Das waren alles unsere Kinder.“

 

Anja Wilhelm

 

  • AGAS – 1957 gegründeter diakonischer Fachverband, Nachfolgeorganisation des in der DDR verbotenen Blauen Kreuzes Deutschland
  • Limex Bau – einer der staatlichen Außenhandelsbetriebe der DDR, die Importe und Exporte abwickelten

TrokkenPresse 1-26: Kommt mit uns ins selbe Boot!

Suchtselbsthilfe am und auf dem Bodden:

Kommt mit uns ins selbe Boot!

Vor vier Jahren berichteten wir bereits schon einmal vom Selbsthilfeverein „Trockenbau e. V. – das Zirkuswagenprojekt“ in Barth. Damals wurde gerade der gepachtete städtische Obstgarten zum Garten der Begegnung und ein alter DDR-Bauwagen von süchtigen und nichtsüchtigen Menschen zum Übernachtungsdomizil ausgebaut, liebevoll Lütt Matten genannt. Ein Bauwagendorf und mehr sollte dort beim gemeinsamen Werkeln entstehen …Was ist inzwischen daraus geworden?

Vorab: Die Vision lautete damals so …

Das Meer duftet herüber, mitten in den alten Obstgarten herein. Der scheint riesig, fast ein halbes Fußballfeld weit. Äpfel, Birnen, Pflaumen wachsen hier. Und dazwischen leuchten bunte Bauwagen Fröhliche Familien verbringen ihren preiswerten Urlaub darin. Aus einem riecht es nach Kaffee und Kuchen, er ist das mobile Café. Hie und da sägt und hämmert es: Ein alter Bauwagen wird gerade restauriert. Auf einem großen Grill brutzelt etwas, könnte Fisch sein. Auf einer kleinen Bühne trommelt sich jemand ein für sein Konzert am Abend, zu dem wie immer auch wieder Einwohner und Urlauber kommen werden … Ein bunter Garten der fröhlichen Begegnung, offen für alle. Ein Heimathafen.

Das sei der große Plan, erklärte Dirk Steiniger, der stellvertretende Vereinsvorstand, damals.

Und heute, was davon ist umgesetzt?

Kurz zusammengefasst: Diese Vision hat sich den unterwegs entstandenen Möglichkeiten angepasst. Denn wenn man unerwartet Boote geschenkt bekommt und plötzlich auch Interessenten und Spender in Hamburg findet – werden eben sogar noch nicht geträumte Träume wahrgemacht …

Was hat sich in der Zwischenzeit getan bei euch?

Dirk Steiniger: Reden wir erstmal vom Garten der Begegnung in Barth, der tatsächlich ein Heimathafen geworden ist. Er ist eine unserer inzwischen drei Hauptsäulen. Lütt Matten steht wieder ab Frühjahr zur preisgünstigen Übernachtung für Gäste bereit. Neben dem neuen Gartenhäuschen entstand nun auch eine Zweifach-Trenntoilette, biologisch abbaubar. Biologisch und zirkulär ist ja unser Leitgedanke. Wir haben die Mobile Bühne fertiggestellt, sie dient für Vorstellungen aller Art und kann sogar auch zum Übernachten genutzt werden. Hier findet Theater statt, es kann Musik gemacht werden, alles ist denkbar, ob für Seniorenvereine, Kulturgruppen oder die Pfadfinder. Der Garten kann öffentlich genutzt werden, und zur Obstpflücke sind sowieso alle eingeladen. Zurzeit haben wir einen alten DDR-Sanitätswagen russischer Bauart auf dem Gelände, den werden wir mit Fördergeldern in den nächsten zwei Jahren umbauen – zur Kantine.

Neu ist auch, dass unser Verein inzwischen ein eigenes Büro in Barth hat.

Im Garten liegen nun auch drei Boote: etwas ähnliches wie ein Tretboot, ein Minisegler, den machen wir fahrbereit für unsere Gäste. Und ein größeres Boot, das wir auch von einem Spender erhalten haben, das wollen wir aufarbeiten und verkaufen – dieses Geld stecken wir dann in die Patagonia.

Patagonia?

Ein Motorsegelschiff, es liegt hier im Hafen. Das wurde uns von einem trockenen Alkoholiker anonym gespendet, ist sofort einsatzbereit, top gepflegt, mit 20-PS-Motor, einer Kajüte für drei Leute, unter der Persenning könnten nochmal drei schlafen. Die kleine Kombüse ist auch voll ausgestattet, sogar die Tanks waren schon gefüllt. Für dieses Projekt „Leinen los“ haben wir jetzt eine sogenannte Basisgruppe gefunden, also fünf Leute, die verschiedene Kompetenzen haben: einen Arbeitsanleiter, der bauliche Fähigkeiten hat, Leute, die handwerklich was draufhaben, und mich, der die nötigen Gelder zusammenholt. Einige Leute aus Nachsorgegruppen und Selbsthilfegruppen, sogar von der Insel Rügen, helfen dabei mit, es startklar zu machen. Ab Frühjahr bieten wir dann Tages- bis Mehrtagesfahrten an. Also für Selbsthilfegruppen aus dem ganzen Land! – Oder eben auch für eine Herrenstrickgruppe aus Berlin … Wir leihen es aber auch aus. Meldet euch bei Interesse einfach bei uns!

Zwischenfrage: Was meinst du mit „Gelder zusammenholen“? Wo holst du sie her?

Wir beantragen Fördergelder, zum Beispiel von den Krankenkassen oder von Ehrenamtsstiftungen wie „Zukunftswege Ost“, mache Crowdfunding, sammle Privatspenden.

Nochmal zur Patagonia … muss man segeln können?

Nein, den Skipper stellen wir. Das ist ein Freund, der den Verein cool findet, der bringt die Leute von A nach B, bekommt ein bisschen Geld dafür und das wird umgelegt auf die Personen und die Fördergelder. Eine Woche auf See oder eine Tour nach Hiddensee, das kann sich Otto Normalverbraucher sonst gar nicht leisten, deshalb wollen wir nur einen kleinen Eigenanteil nehmen.

Sich als Selbsthilfegruppe gemeinsam im selben Boot zu erleben, das stelle ich mir toll vor …

Ja, man tut etwas zusammen. Und im übertragenen Sinne sitzen wir ja auch alle im selben Boot!

Stichwort Hamburg, eure Säule drei, was passiert da?

Wir wollen dort bis Herbst 2026 einen alten Pferdetransporter aus- und umbauen, der dann in Hamburg an Bedürftige Suppe ausgeben wird. Kooperationspartner ist dabei das Jesus Center auf der Schanze, dessen Küche die Suppe kocht – und wir touren durch die Stadt und verteilen sie für wenig Geld.

Wie ist denn dieses Projekt entstanden?

Ich habe mal auf den Hamburger Suchttherapietagen die Vertreterin einer großen Firma kennengelernt, die uns Förderung anbot und die sich auch um die Werbung kümmert – und beim Hamburger Spendenparlament hatte ich für unser Projekt auch Spenden beantragt. Ab Februar wird also nun in Hamburg-Süd mit Hilfe von KlientInnen von Nachsorgeeinrichtungen und Bauleiter Toni, der viel Erfahrung auch aus solchen Einrichtungen mitbringt, gebaut.

Wenn ich das richtig verstehe, geht es euch ja nicht nur um das Ziel, die Fertigstellung eurer Projekte – sondern darum, GEMEINSAM etwas zu tun, zu bewegen, oder?

Ja! Und inzwischen geht es auch nicht mehr nur um Süchtige, wir haben auch viele dabei, die Freunde oder Verwandte von Abhängigen sind oder die einfach einsam sind oder die unser Projekt gut finden. Uns ist das niederschwellige Gemeinsam wichtig, sich treffen, zusammen in der Gruppe etwas tun. Auch Menschen, die im Kontext mit Sucht Straftaten begangen haben, können ihre Arbeitsstunden bei uns ableisten. Jeder, der mitmacht, lernt etwas dazu, manche leiten dann wieder andere an, sie haben Bock auf das, was sie tun. Es macht zufrieden und lenkt von Suchtdruck ab. In jedem Projekt steckt neu gewonnener Lebensmut. Wir haben sogar einen 24-jährigen Schulabbrecher hier, er hatte nie etwas gelernt, der jetzt Freude am Handwerkern gefunden hat und eine Ausbildung zum Tischler beginnen will, weil er das geil findet. Wir können also auch Kompetenzen fördern, irgendwelche hat ja jeder.

Im Frühjahr steht dann ja eine ganze Menge an, was zu beginnen und zu tun ist, die Boote, die Kantine, die Suppen-Kombüse, der Obstgarten natürlich …

Ja, der hat 4000 Quadratmeter, da braucht man zum Wiesemähen mit drei Leuten schon fast den ganzen Tag. Wir hatten viele Blumenzwiebeln von Gärtnereien geschenkt bekommen, die müssen in die Erde und dann gepflegt werden, die Obstbäume werden von einer Frau aus dem Ort beschnitten, die davon Ahnung hat. Und wir wollen Hochbeete in Permakultur anlegen. Und Claudia aus Berlin wird für ein paar Tage kommen und mit unseren KlientInnen aus der Nachsorge einen kleinen Nähkurs machen, damit sie sich auch mal selber eine Hosen ändern können, ein Loch stopfen oder einen Knopf annähen …

Wie schafft ihr es, das alles zu organisieren?

Der Verein schafft es jetzt, Stück für Stück Menschen zu finden, die unsere Vision teilen und mit vorantreiben. Verständlich, dass wir es in einer Großstadt wie Hamburg da leichter haben. Aber auch unser Heimathafen, der Garten der Begegnung, findet immer mehr Unterstützer, immer mehr Menschen, die mithelfen.

Kasten:

Wenn Sie Lütt Matten mieten wollen, Garten und Bühne nutzen wollen, mit der Patagonia segeln, Fördermitglied werden oder spenden möchten:

www.zirkuswagenprojekt.de
Email: trockenbau2020@gmx.
Bankverbindung für Spenden:
TROCKENBAU – das Zirkuswagenprojekt e.V.
Sparkasse Vorpommern
IBAN: DE51 1505 0500 0102 1103 79
BIC: NOLADE21GRW

 

TrokkenPresse 6-25: Guttempler-Suchthilfe in Uganda

Deutsche Suchthilfe im Ausland:

Guttempler helfen Suchtkranken in Uganda

Irgendwo in Afrika … nein, nicht irgendwo. Sondern im 6000 km entfernten Uganda. Dort helfen deutsche Guttempler des FORUT e. V. * suchtkranken und suchthelfenden Einheimischen: So konnte nun eine kleine Rehaklinik für suchtkranke Menschen in Nakabiso, Mpigi-Distrikt nahe der Hauptstadt Kampala, eingeweiht werden, das Center of Excellence for Addiction Treatment von Hope and Beyond

Es ist die bisher einzige professionelle Suchttherapie-Einrichtung in diesem ostafrikanischen Staat, einem der allerärmsten Länder der Welt – der zugleich aber den zweithöchsten Pro-Kopf-Reinalkohol-Konsum auf dem Kontinent hat (nach Nigeria): Laut WHO in 2011 11,9 Liter pro Jahr (Männer 19,93 Liter!). Bier und vor allem selbstgebrannten Schnaps gibt es immer zu kaufen und sie gehören wie selbstverständlich zum Alltag. Geschätzt etwa 23 Prozent der Bevölkerung sind schwere episodische Trinker, sagte ein UN-Bericht von 2006, eine von sehr wenigen Datenerhebungen überhaupt. Wie viele tatsächlich abhängig sind, weiß niemand wirklich. Aber sie alle benötigen Hilfe. Die TrokkenPresse im Gespräch mit FORUT-Schatzmeister Dietmar Klahn aus Hamburg …

Sie sind öfter in Uganda – wie erleben Sie den Alkoholmissbrauch?

Wenn man als normaler Tourist dahin kommt, kriegt man das nicht so mit. Aber wenn man mit Leuten spricht, ist da keiner, der nicht einen kennt, der sich zu Tode getrunken hat oder mehrfach abhängig ist oder heimische Drogen nimmt.

Durch jede Bevölkerungsschicht?

Wir haben Leute in der Klinik, die ihr Studium abbrechen müssen, weil sie mit der Sucht nicht klarkommen und Arbeiter vom Bau oder Leute vom Land, eine große Bandbreite. Und auch viele, viele junge sind dabei. Die Eltern wissen es meist nicht besser, es gibt so kleine Tütchen mit hochprozentigem Alkohol, 40 Volumenprozent, da nuckeln schon die 5-Jährigen dran. Es fehlt das Verständnis dafür, dass das ein Gift ist.

Hat das auch mit fehlender Bildung zu tun?

Eigentlich haben sie ein gutes Schulwesen für ein Entwicklungsland, aber trotzdem 30 Prozent Analphabeten, die meisten davon auf dem Land. Es gibt viele Mythen, die sich um den Alkohol ranken, aber die Hauptursache ist natürlich Unwissen. Wenn man Analphabet ist, kann man nicht einfach mal so sein Smartphone nehmen und googlen. Und auch, wenn jeder ein Telefon hat – in Uganda gibt’s keine mit Vertrag –, wenn der „credit“ aufgebraucht ist, kann man eben nur noch angerufen werden.

Wenn ein süchtiger Trinker Hilfe sucht, wo findet er sie?

Die Menschen haben keine Krankenversicherung, keine Rentenversicherung, es gibt keine Träger für Suchthilfe wie bei uns, nix, was irgendwie aufgefangen wird durch den Staat. Was sie kriegen können, ist, dass sie ins zentrale Krankenhaus in Kampala kommen und nach einer Entgiftung stehen sie wieder auf der Straße nach ca. zehn Tagen. Was sollen sie dann machen? Dann sind sie genauso schlau wie vorher. Aber auch, wenn sie in unsere Klinik gehen, muss die Familie sehen, dass sie irgendwie das Geld für die Behandlung auftreibt. Es gibt aber auch Menschen, die „müssen“ nichts bezahlen, wenn sie gar nicht können, dank einer sogenannten Mischkalkulation, einem internen Verrechnungsschlüssel – es sind ja auch manchmal prominente Leute drin, Musiker z. B., die Geld haben und mehr zahlen, also für andere mit.

Für wie viele PatienInnen ist Platz, wer sind die Helfenden?

In der neu eröffneten Einrichtung haben 18 KlientInnen Platz, in 2-4-Bettenzimmern. Auch der alte, bisherige Standort in Kampala ist übrigens mit 18 ausgelastet, zum Teil aber in 8-Bettenzimmern. Es gibt auch ein Einzelzimmer für Menschen, die erst unter Beobachtung entgiften müssen.

Das Team besteht aus Dr. Kalema, er ist Geschäftsführer und hat an der Universität Ghent, Belgien im Bereich Psychologie und Erziehungswissenschaften promoviert, aus einer Oberschwester mit Zusatzqualifikation, Krankenpflegern, einem Arzt, der bei Bedarf hilft, Psychologen, Beratern, Wachmännern und Küchenbeschäftigten. Viele von ihnen kommen nebenberuflich, manche ehrenamtlich stundenweise.

Wie lange sind die KlientInnen da?

Für drei bis sechs Monate, auch je nach Bezahlbarkeit bzw. Leistungsfähigkeit der Familien.

 Ist die Therapie so ähnlich wie bei uns im Ablauf?

Im Prinzip ja. Es gibt in Uganda keine spezielle Ausbildung dazu, aber Dr. Kalema hat vieles aus Europa auf afrikanische Verhältnisse adaptiert. Es gibt therapeutische Einzelgespräche, Gruppengespräche, jeder Klient hat einen sogenannten Counselor zur Seite. Bewegung gehört dazu, z. B. auf dem kleinen Fußballplatz, jetzt haben sich Klienten sogar Hanteln selbstgebaut. Und natürlich gibt es Beschäftigungstherapie, es wird gerne gemalt, Karten gebastelt, neulich gab es eine Back-Session. Ein schönes Beispiel ist auch das Hühnerprojekt: Ein Bau, der eigentlich als Wachhäuschen vorgesehen war, ist jetzt Stall für 100 Hühner. Eine Klientin, die völlig depressiv hier ankam, kümmert sich besonders, füttert sie usw. Sie geht darin so sehr auf, dass von Depression keine Rede mehr ist. Und ein anderer Klient ist jetzt glücklicher „Gartenchef“, er baut gerade Tomaten an.

Sie haben wirklich Möglichkeiten jetzt. Da fehlt aber noch einiges.

Wie viele KlientInnen bleiben trocken, wenn sie wieder zu ihren Familien zurückgekehrt sind?

Aus den Berichten von HaB liegt die Quote bei Alkoholikern bei 6 von 10 Klienten und bei Drogenabhängigen bei 4 von 10 bei der Erstbehandlung.

Wie ist das Projekt mit dem ugandischen Partner „Hope and Beyond“ überhaupt entstanden?

Hope and Beyond ist als eine gemeinnützige Gesellschaft auch Mitglied bei MOVENDI International (früher IOGT) so wie FORUT als Entwicklungshilfeorganisation der Guttempler und die Guttempler in Deutschland auch. Wir sind über MOVENDI als Dachverband zusammengekommen, die Zentrale in Stockholm hat uns den Vorschlag unterbreitet. Bevor wir die Arbeit aufgenommen haben, sind wir mit einer kleinen Delegation nach Uganda gereist …

Damals 2018 gab es schon eine ähnliche Einrichtung?

Ein Einfamilienhaus diente als improvisierte Reha-Einrichtung. Aber Dr. Kalema hatte von seinem Doktoranden-Gehalt in Europa immer Geld zurückgelegt und Stück für Stück Land gekauft, weil er immer geplant hatte, das zu vergrößern. Und auch die nächste Generation von Suchtexperten auszubilden, deshalb ist er auch ständig am Schulen. Er macht das aus Überzeugung. Er lebte als Kind bei seiner Tante, die er sehr geliebt hatte, aber sie hatte ein Alkoholproblem. Wenn sie nachts los zog und dann wiederkam, war sie wie ausgewechselt, aggressiv. Sie starb an Leberzirrhose. Er konnte ihr nicht helfen – und hat seine Kindheitsgeschichte in viel positive „Hilfe-Energie“ umgewandelt. Er arbeitet auch mit Angehörigen, Kindern, Partnern und in der Alkoholpolitik.

Woher genau kommt nun das Geld für das Projekt?

Wir bewegen unsere Mitglieder, Förderer und Freunde dazu, Geld zu spenden, manchmal auch Sachspenden. Wir berichten auch immer wieder konkret darüber, welche Bedarfe bestehen und was mit dem Spendengeld passiert – das ist ganz wichtig für SpenderInnen, das konkret zu erfahren. Sie wollen sehen: Aha, diese fünf Betten sind neu, dort die Fenster…!

Was sind die nächsten Pläne?

Die REHAB Einrichtung soll 2030 fertig errichtet sein. Dann sollen wenigsten 60 Klienten zeitgleich dort behandelt werden können. Wir planen aktuell einen richtigen Trakt nur für Frauen, ihr Raum ist bisher nur mit Leichtbauwänden abgetrennt vorne im Behandlungsbereich. Die Erdarbeiten haben bereits begonnen. Dann folgen noch weitere Gebäude. Allerdings Pläne immer wieder an die Realitäten angepasst.

Im Umfeld soll ein Gästehaus entstehen, damit Übernachtungsoptionen für Besucher entstehen, Austausch stattfinden kann. Irgendwann sollen auch Suchttherapeuten aus Europa die Chance erhalten können, dort mal aktiv mitarbeiten zu können …

 

Für das Gespräch bedankt sich: Anja Wilhelm

*FORUT e.V., die Entwicklungshilfeorganisation der Guttempler in Deutschland, wurde 1987 gegründet. Das Ziel: Unterstützung im Sinne der Grundsätze der Guttempler in Deutschland e.V., Enthaltsamkeit – Brüderlichkeit – Frieden bei der Bekämpfung der Suchtgefahren, beispielsweise durch: Unterstützung von Projekten für Entwicklungsländer, Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungshilfeorganisationen usw. Bisherige Projekte zum Beispiel: Erweiterung der Schule in Kinak, Guinea-Bissau, um die Klassen 5-6, Fertigstellung der Schule in Medina Hafia, Ostercamp für Kinder- und Jugendliche Gambia und Guinea-Bissau, Förderung eines Frauen- und Suchtpräventionsprojektes in Madras/Indien und vieles mehr

 

hr