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Titelthema 4/20

Im Corona-Lockdown: Eine Idee rettet das Dock Nord

„Suppe statt Gruppe“

Plötzlich keine Gruppetreffen mehr. Vereinsräume geschlossen. Kontaktsperre. Ohne zu wissen, ob und wann sich alles wieder normalisieren wird. Das traf damals im März natürlich auch die alkoholfreie Kontaktstelle „Dock Nord“ im Berliner Wedding. Kein „andocken“, kein „ankern“ im sicheren drogenfreien „Hafen“ mehr möglich. Normalerweise treffen sich Betroffene von 15 Uhr an dort, um Kaffee zu trinken, einen Imbiss zu nehmen, sich zu unterhalten. Und am Abend freie Gruppen oder Gruppen von Vereinen wie VAL, NA, AKB.
Nichts ging mehr. Was nun? Abwarten, bis alles vorbei ist? Abzuwarten hätte wahrscheinlich bedeutet, dass der Verein schließen muss. Diesen Verein für suchtfreies Leben Eigeninitiative e.V gründeten 1983 zwei Alkoholkranke, um Betroffenen eine Kneipenalternative zu schaffen. Einen Ort, an dem man sich wie in einem cleanen gemütlichen Wohnzimmer treffen und austauschen kann. DAS schließen? Nein, nicht mit Andrea Plath! Sie, Angehörige eines Alkoholikers, ist seit letztem Jahr Vorstandsmitglied und Kassenwartin des Dock Nord. Ihre neue Idee wurde zum Rettungsanker …

 

Weshalb waren die Corona-Beschränkungen so belastend fürs Dock Nord?
Andrea Plath: Das Problem waren vor allem Miete und Strom, die laufenden Kosten. Denn wenn der Geschäftsbetrieb ruht, das Essen, das Trinken, und die Nutzungsgebühr der Gruppen wegfallen … damit haben wir ja immer die 1000 Euro Monats-Miete bezahlt. Das war eine schlimme Zeit. Was tun? Müssen wir schließen? Aber die Menschen müssen doch weiterhin genesen können. Sie brauchen uns, die Gruppen, den Treff.

Woher kam Hilfe?
Eine Kaltmiete hat uns die Wohnungsverwaltung zum Glück erlassen. Und im Bürgerverein „Moabiter Ratschlag“ riet man uns dann, bei der IBB-Bank die Soforthilfe für kleine Unternehmen zu beantragen. Nach dem Antrag war gleich am nächsten Tag das Geld da. Miete und Strom waren nun vorerst damit abgesichert, aber wie sehen ja jetzt, es ist Juli und Corona noch lange nicht zu Ende. Was machen wir jetzt, fragten wir uns damals? Der Laden ist zu, aber wir müssen doch irgendwie noch etwas tun können …

Was war die Idee?
In der Landesstelle für Suchtfragen riet man uns, ein Catering aufzumachen, wir haben ja eine Küche.
Da hab ich zuerst gedacht: Wir sind doch ne Kontaktstelle, wir machen Selbsthilfe, wir wollen doch kein Essen verteilen! Naja, aber durch die Coronazeit waren ja nicht nur wir betroffen, viele mussten in Kurzarbeit gehen, waren zuhause mit wenig Geld. Der nächste Rat war: Schreib doch mal „Aktion Mensch“ an, die fördern Projekte, gerade in der Coronazeit sind Gelder zur Verfügung, vielleicht findest du da Ideen. So haben wir uns dann entschieden, dass wir nicht zu den Leuten hingehen mit dem Essen, sondern hier für die Leute kochen. Suppe statt Gruppe. Also habe ich acht Stunden lang einen Antrag ausgefüllt und nach drei Wochen kam wirklich ein Anruf von der zuständigen Bearbeiterin für unser Projekt: von Mai bis Ende des Jahres helfen wir Menschen in der Coronazeit mit einer täglich frischen Suppenmahlzeit. Nach einer Prüfung bekamen wir Gelder für einen neuen Herd und für die Personalkosten. 95 Prozent des Projekts werden gefördert, die 5 Prozent Eigenanteil erwirtschaften wir selbst. Der Koch, nun angestellt für 30 h, war vorher als MAE hier, zwei 450-Euro-Kräfte sind als Beiköchin und für die Ausgabe zuständig. Nachdem uns das Lebensmittelamt geprüft hatte, ging es Ende Mai los mit dem Außerhausverkauf an der Tür.

Wer sind die Kunden?
Wir haben viele Stammkunden aus den Häusern rundum, Omis kommen mit Rollator und ihrem Suppentopf an, Gäste der Kneipe an der Ecke, Pflegedienstmitarbeiter und Menschen, die sie betreuen. Und Betroffene, die sonst immer nachmittags hier waren. Etwa 60 Portionen brauchen wir inzwischen. Ein Essen kostet zwar 3 Euro, aber für Menschen in Hartz4 nur 2 Euro und wenn einer gerade gar kein Geld hat, weil er auf die Rente wartet, kriegt er sein Essen auch mal so.

Aus der Küche duftet es gerade himmlisch nach Kartoffelpuffern. Also gibt es inzwischen mehr als Suppe?
Ja. Dank der Aktion Mensch hatten wir gutes Wirtschaftsgeld und die Kunden baten uns, auch mal dies oder das zu kochen. Königsberger Klopse sind beliebt, Pellkartoffeln mit Leinöl/Kräuterquark, Putenspieße, Käse-Lauchsuppe ging gut, Nudelauflauf. Wir haben auch vegan, Eintopf z.B. mit oder ohne Fleisch. Umgetauscht hat noch keiner, gemeckert auch nicht. Wir kochen frische Hausmannskost.

Was läuft zurzeit noch im Dock Nord?
Mittlerweile sind einige Gruppen wieder da … Mit den nötigen Hygieneauflagen, Mundschutz, Abstand, Desinfektionsmittel, Kontaktdatenabgabe. Aber unsere normalen Öffnungszeiten, täglich 15-21 Uhr, sonntags bis 20 Uhr, müssen leider aufgrund der Einschränkungen noch warten.

Wie wird es weitergehen, wenn das Geld von Aktion Mensch verbraucht  ist?
Darüber denken wir gerade nach. Wir wollen ja auch, dass die Selbsthilfegruppen bei uns weiterexistieren können. Meine Erfahrung ist: Freiwillig klopft niemand an die Tür und sagt, wir haben hier Geld, wollt ihr was haben. Man muss etwas fordern, Anträge stellen. Das ist zwar viel, viel Schreibkram, aber lohnt sich wirklich! Vom Moabiter Ratschlag hatten wir letztes Jahr für Weihnachten und ein Skattournier je 100 Euro erhalten. Beim Berliner Kammergericht, wo man einen Antrag auf Gewährung einer Geldzuweisung aus Bußgeldern stellen kann, bekamen wir Geld für neue Kühlschränke und eine Waschmaschine. Jetzt brauchen wir zum Beispiel eine neue Webseite, einen PC. Mal sehen, ob wir wieder dabei sind. Auch mit den Selbsthilfegruppen, die von der AOK 600 Euro im Jahr bekommen können, habe ich Anträge ausgefüllt.
Ja, wie geht es weiter im nächsten Jahr, das bereitet schon Kopfzerbrechen. Wie weit ist Corona, wie sind die Lockerungen, die Öffnungszeiten, Versammlungen. Was wird mit Festen wie Tanz in den Mai, Sommerfest, dieses Jahr fiel alles aus.
Meine Idee ist gerade, das Samstagfrühstück wieder anzufangen, mit nur 15 Leuten, ohne Buffet, sondern mit fertig gepackten Tellern, um wieder die Kommunikation zu fördern, zu zeigen, wir sind da, ihr seid da, wir sind beieinander …