Titelthema 3/21

Jason Sante ist mit dem Wohnmobil unterwegs:

Auf lebenslanger Lesereise gegen Alkoholmissbrauch

Vor über einem Jahr haben sie ihre Wohnung in Bayern aufgelöst. Traudl und Jason, beide trockene Alkoholiker, zogen um: Nämlich in ihr Wohnmobil. Seitdem sind sie unterwegs. Und zwar auf einer „lebenslangen Lesereise gegen Alkoholmissbrauch“, wie Jason seine Mission beschreibt. Jason ist Autor mehrerer Krimis, aber auch der Trilogie „Alkohol ist ein Blender“. Daraus liest er in Suchthilfevereinen und Gruppen in ganz Deutschland. Naja, so war es jedenfalls geplant. Dann kam Corona dazwischen. Trotz aller Widrigkeiten hielt und hält er an seinem Plan fest – und hofft auf bessere Zeiten …

Wo lebt ihr gerade, jetzt im Mai?

Momentan auf einem Wohnmobilstellplatz in Neuöttingen/Oberbayern, wo ich herkomme. Einer der wenigen, der offen hat zur Zeit.

Weshalb muss es denn unbedingt ein Wohnmobil sein?

Ich hatte ja vorher auch schon viele Lesungen, da musste ich immer mit dem Zug hinfahren. Ich hatte viele Verspätungen, man konnte von der Stadt nix ansehen, weil man wieder zurückmusste. Ein Wohnmobil ist da super geeignet. Die letzten Lesungen hatten wir im Februar 2020 in Sonneberg in Thüringen und im Dezember 2019 in einer Mittelschule, da haben wir drei Tage hintereinander gelesen, ich kann ja problemlos überall hinkommen mit dem Wohnmobil.

Dann kamen die Lockdowns. Sind nun wieder Lesungen in Aussicht?

Es waren viele Lesungen geplant. Die sind aber alle, verständlicherweise, abgesagt worden wegen Corona. Ich hoffe, dass die Lesungsanfragen wieder kommen, wenn sich alles wieder lockert. Ich mache auch Online-Lesungen, aber die Diskussionsrunden nach realen Lesungen sind etwas ganz anderes.

Wovon lebt ihr jetzt, ohne Lesungen?

Traudl macht Markthandel, verkauft auf Jahrmärkten Spielsachen. Aber das findet ja gerade auch nicht statt. Jetzt haben wir nur die Einkünfte aus meinen Büchern, die in Buchhandlungen oder über Internet gekauft werden, das bekomme ich jeden Monat ausbezahlt. Das zweite, was uns gerettet hat: Seit November letzten Jahres bekomme ich eine kleine Teilerwerbsminderungsrente, weil ich nicht mehr so viele Stunden in meinen Berufen arbeiten kann als Kellner. Von dem leben wir momentan.

Das klingt nach sehr wenig.

Es ist sehr wenig. Normalerweise habe ich, meine Lesungen sind ja kostenlos bis auf das Benzingeld, meistens einen kleinen Büchertisch und danach werden ein paar Bücher gekauft. Oder ich bin in Fußgängerzonen, mache einen Tisch, stelle da meine Bücher hin, so wie Musiker zum Beispiel ihre CDs verkaufen. Da kommen oft Diskussionen über Alkoholsucht, ich mache immer irgendwie auf das Thema aufmerksam und es entstehen ganz interessante Gespräche, aber das war alles weggefallen. Es reicht gerade so zum Überleben.

Es wird besser werden …

… ja, ich hoffe auch, dass die Märkte wieder öffnen. Im letzten Sommer war ja alles lockerer, wir waren in Brandenburg in Wandlitz, da war es schön, super Stellplatz und Märkte am Wochenende, wir haben ein bisschen Geld verdienen können. Oder am A10-Center, an den Wochenenden auf den Flohmärkten haben wir unsere Sachen verkaufen können, unter der Wochen konnten wir einen Campingplatz ansteuern können zum Wäsche waschen, ich hoffe, dass es bald wieder so wird …Wir müssen jetzt zwar jeden Cent umdrehen, aber wir sind trotzdem glücklich!

Glücklich – warum?

Weil wir uns haben! Und weil wir ein ganz anderes Leben jetzt haben, so richtig frei. Auch wenn wir gerade viel auf Stellplätzen stehen müssen, nicht so rumfahren können, das können aber andere auch gerade nicht. Weil wir trotzdem immer wieder die Plätze wechseln, immer wieder was Neues entdecken können. Man wird minimalistischer, naturverbundener, es ist total schön, so ein Nomadenleben.

Frei, sagst Du, wovon frei?

Von einer Wohnung zum Beispiel … in der Wohnung bist du immer am selben Ort, Freiheit ist, dass ich überall meine Bücher schreiben kann: Ich kann an einen See fahren, mich überall hinstellen, wo es uns gefällt. Wir können uns Städte anschauen auf Reisen und verdienen, wenn alles wieder normal ist, unser Geld auf Reisen, auf Märkten, ob es in Italien ist oder in Berlin oder Hamburg, wir können hinfahren, wohin wir wollen …vor kurzem waren wir in Leipzig zu einem Interview, das war auch schön.

In Deiner Trilogie beschreibst Du unter anderem Deine Suchtgeschichte, wie verlief sie?

Als Kind schon war ich nervös und ängstlich, teilweise habe ich dann als Jugendlicher nicht mal mehr einkaufen können, hab da Panik bekommen, ich habe nicht mehr Zug fahren können. Ich war ständig beim Arzt, hatte Herzrasen, Atemnot, war völlig verzweifelt. Und dann als 20-Jähriger war das immer noch so schlimm. Ich war oft krankgeschrieben, keiner konnte mir helfen, damals war die Medizin auch noch nicht soweit bei Angsterkrankungen. Irgendwann habe ich dann entdeckt, wenn ich Alkohol trinke, geht’s mir besser, ich kann wieder einkaufen, mit dem Bus oder der Bahn fahren … dann habe ich den Alkohol als Medizin missbraucht, täglich. Ich bin durch diese Angstzustände und den Alkohol als Medizin in die Sucht geraten, über viele Jahre war ich da drin gefangen. So zum Ende hin waren die Trinkmengen enorm, Schnaps und Wein, Bier gar nicht mehr. Bis zu einem körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Über den Nervenzusammenbruch ist dann die erste Hilfe gekommen, bin ich das erste Mal aufgeklärt worden, dass es Entgiftungen gibt, dass es überhaupt Hilfe gibt, das habe ich damals noch gar nicht so gewusst. Nun bin ich trocken stabil seit 2014.

Du willst aufklären, Hilfe bieten, Mut machen … wie gelingt das?

Mir selbst hat damals ein Buch sehr geholfen, ich habe es immer wieder in den Entgiftungen gelesen, es war ein richtiges Mutmachbuch. Da hab ich mir gedacht, ich schreib ja eh Bücher, sowas möchte ich auch machen. Damit andere einfach sehen, Mensch, der hat es geschafft, der hat so gekämpft, hat so viele Rückfälle gehabt, hat aber nie aufgegeben – das schaffe ich doch auch!

Ich hab für jedes Thema, zum Beispiel Suchtmittel-Missbrauch, eigene Lesungen, ich lese nicht nur aus dem Buch, sondern habe zum Beispiel für Schulen einen jugendlich gestalteten Text. Auf Entgiftungsstationen dagegen geht’s mehr ums Mut machen, hey ihr seid aufm Superweg, bleibt dran, in meinem Buch schildere ich ja meinen Weg, wie ich reingekommen und wieder rausgekommen bin. Der dritte Band, den habe ich dann geschrieben, als ich drei Jahre trocken war, und gebe Sachen weiter, die mir persönlich geholfen haben, trocken zu bleiben.

Ich ermutige zum Beispiel auch, indem ich sage, dass für mich jede Entgiftung wie eine Weiterbildung war, dass ich da immer irgendwas dazugelernt habe, auch wenn ich das am Anfang gar nicht so gemerkt habe. Irgendwann bin ich dann da angekommen, wo ich so stabil war, dass ich auf Therapie wollte, und davon erzähle ich auch. Was da alles behandelt wird, da geht’s auch um die ganzen Sachen rundrum, manche haben ein Trauma, manche Angstzustände, manche Panikattacken – das wird ja alles mitbehandelt, was auf reinen Entgiftungen nicht so ist. Zum Ermutigen gehört auch: Sucht euch eine Therapie, sucht euch eine Selbsthilfegruppe, befasst euch mit eurer Krankheit, setzt euch damit auseinander, ich spreche den Leser dann auch direkt an.

Ich bin jetzt kein professioneller Suchthelfer, ich würde mich nie auf diese Stufe stellen. Aber bei den Lesungen ist meistens ein Suchthelfer dabei. Wenn dann Fragen kommen, bei denen ich sagen muss, ich bin nicht qualifiziert für, find ich das immer ganz toll, wenn ein Suchtprofi da ist, der dann mit antwortet, das ist auch für die Leute ganz toll. Ich kann ja nur Fragen aus Sicht eines Betroffenen beantworten.

Wie kommst Du klar, wenn die Camper neben Dir Alkohol trinken?

Nicht zu trinken ist für mich wirklich von Jahr zu Jahr leichter geworden. Aber es war immer mal wieder schwierig, auch am Anfang jetzt auf den Stellplätzen, die Camper sitzen draußen und machen ne Flasche Wein auf. Das hat mir aber nur kurz zu denken gegeben, hat sich schnell gelegt, ich habe gemerkt, wie stabil ich bin. Die meisten trinken ja normal, werden kein Alkoholproblem haben, aber am andern Tag kriegt man mit, wenn so einige früh rauskommen, dass sie einen Kopf haben. Dann denke ich so, bin ich froh, dass ich das nicht mehr habe. Bei uns war es ja noch viel schlimmer, in der Früh dann schon schaun, wie man den Alkohol drinnen behält … ich muss nicht mehr fühlen, was die jetzt fühlen, dieses Verkaterte, das ist kein Leben, du lebst nur noch für das Zeug, alles dreht sich nur noch um das Zeug, das Entsorgen der Flaschen, ums Besorgen, schlimm, das will ich nie mehr erleben.

Ist das Dein neuer Lebensinhalt, etwas zu tun gegen Alkoholmissbrauch?

Ganz klar: ja. Als ich dieses Buch geschrieben hab, wusste ich nicht, was dann passiert: Diese ganzen Reaktionen der Leser, diese Leserbriefe, ich habe so oft Gänsehaut bekommen. Da haben wir gedacht, das hat einfach so sein müssen, dass ich mein Leben lang über dieses Thema reden und versuchen werde, anderen Mut zuzusprechen. Ich möchte mich natürlich nicht in Therapien einmischen, da bin ich nicht befugt dazu, aber einfach zusätzlich Mut machen, den Therapiealltag durch eine Lesung auflockern, Jugendliche in den Schulen aufklären … was ich da alles erlebt hab, einige suchen das Gespräch dann nach der Lesung mit mir, interessieren sich total für das Thema. Es muss Alkoholiker geben, die auch öffentlich darüber reden, finde ich, die es sich zur Lebensaufgabe machen, dass dieses Thema nicht einschläft, weil es einfach so verharmlost wird, das ärgert mich immer. Anfangs sagen die Leute, der ist lustig, der ist trinkfest, aber sobald du dann abhängig wirst, biste bei der Gesellschaft unten durch, zeigen alle mit Finger auf dich, du bist dann der Alki. Ich möchte halt einfach, dass das Thema nie einschläft, niemals.

 

Anja Wilhelm

Info, Lesungsbuchung und Bücherkauf über:

www.jasonsante.beepworld.de/

 

 

TrokkenPresse 04/21

Die TrokkenPresse 04/21 erschien am 15. August:

+++ Mehr über den Inhalt der neuen Ausgabe erfahren Sie hier: https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/titelinhalt/.

+++ Zu den aktuellen Leseproben geht es hier:

AnDi’s Gedanken zur Zeit: https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/kolumne/, „Es gibt keine hoffnungslosen Fälle“: https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/thema/, „Nüchterne FC-UNions-Fans“: https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/erfahrungen/.

+++ Und hier finden Sie heraus, wie Sie die Zeitschrift erwerben können: https://trokkenpresse.de/kaufen/


Hier stellen wir Ihnen auch weiterhin die Ausgabe, die coronabedingt nur elektronisch erscheinen konnte, kostenlos zur Verfügung. Hier der Link zum ganzen Heft:

TrokkenPresse 02-20

(zum Lesen einmal klicken, zum Downloaden im geöffneten Dokument auf der Menüleiste oben rechts das Symbol „Dokument speichern“ anklicken, zum Ausdrucken das Symbol „Drucken“ daneben)

 

 



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Leider könnte das aber bald nur noch ein Wunsch bleiben …

Weil eine Förderung demnächst auslaufen wird, können wir die Entstehungskosten bald nicht mehr finanzieren. Denn Verkauf, Abos und Anzeigen erwirtschaften dafür nicht genug. Den geringen Verkaufspreis wollen wir aber gerne so belassen, damit sich alle Interessierten die TrokkenPresse leisten können.

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Titelthema 2/21

Schauspieler Jaecki Schwarz über seine Abstinenz:

 „Das hat was mit Einsicht zu tun“

Vor 19 Jahren sprach Schauspieler Jaecki Schwarz in der damals noch jungen TrokkenPresse über seine Alkoholsucht. Wie er abhängig wurde, wie er am Tag des Mauerfalls in die Entgiftung kam, wie er trocken wurde. Er nannte den Neubeginn „ein zweites Leben“. Aber – wie erging es ihm bis heute damit? In 32 Jahren kann ja doch so manches geschehen … Wir besuchten ihn für ein Interview in Berlin-Mitte, sein Wohnzimmer ein buntes, duftendes Blumenmeer:

 

Lieber Jaecki Schwarz, auch wir gratulieren zum 75. Geburtstag! Wie geht es Ihnen heute? Und vor allem: Sind Sie noch trocken?

 Ja, natürlich! Ich hatte seit 32 Jahren keinen Rückfall, bin stark geblieben und habe mich nicht vom rechten Weg abbringen lassen. Es bekommt mir gut. Nun habe ich auch mit dem Rauchen noch aufgehört, 2009, was mir viel, viel schwerer gefallen ist, als mit dem Alkohol aufzuhören. Das ging eigentlich reibungslos, aber das mit dem Nikotin hat sich doch gezogen, 1,5 Jahre … ich hab nie wieder eine geraucht, aber wenn ich jetzt eine rauchen würde … Aber ich rauche eben nicht, bin auch ganz froh darüber, aber ich habe natürlich ein bisschen zugenommen dadurch, weil ich auch meine Ernährung nicht umgestellt habe. Ansonsten fühl ich mich trotz Corona relativ gut. Ich hab ein paar Zipperlein, klar. Mit 75 ist man ja auch schon ein bisschen abgenutzt, verbraucht, rein knochenmäßig … Rücken, bisschen Fuß, was man so hat als alter Mann. Aber es geht mir noch gut sonst, ich mache meinen Beruf noch ein bisschen weiter, muss aber nicht mehr große Theatersachen machen oder mir irgendwelche dicken Filme ans Bein binden. Ich mach kleine Sachen wie meine Nebenrolle in „Ein starkes Team“ und lese mit meiner Kollegin Franziska Trögner Kriminalkurzgeschichten, wenn wir wieder dürfen. Und ansonsten warte ich auch, dass Corona bald vorbei ist, weil mein größtes Hobby das Reisen ist. Ansonsten geht mir Corona, wie der Berliner sagt, am Arsch vorbei Ich lass mich nicht kirre und hysterisch machen. Mit der Impfung ist es so: Wenn ich dran bin, bin ich dran, ob es nun einen Monat später ist, ist mir wurscht, ich bin da kein Impfdrängler. Impfdrängler … das Unwort des Jahres. Und ich bin auch kein Impfgegner, ich überlege das gar nicht, als gelernter DDR-Bürger lässt man sich eben impfen, das ist ’ne Selbstverständlichkeit. Da gibt’s keine Verschwörungsgedanken, dass ich jetzt gechipt werden könnte von Bill Gates, und ich trinke auch kein Kinderblut und unter Tage lass ich auch niemanden arbeiten. Wie man als normal denkender Mensch so verblöden kann, ist mir unerklärlich. Unerklärlich. Das ist in kurzen Worten, was ich Ihnen zu sagen habe.

Sie sagten oben, dass Sie natürlich noch trocken sind. Weshalb ist das „natürlich“ für Sie?

Weil ich sonst aufhören könnte mit dem Leben. Weil es existenzbedrohlich gewesen wäre, wenn ich weiter getrunken hätte. Erstens hätte es meinen Beruf völlig verrumpelt und zweitens auch mein Leben. So dass ich keine Minute daran vergeudet habe, zu überlegen, ob ich nicht doch wieder einen kleinen Schluck nehme. Ich weiß, ich darf es nicht. Da kann ich mir ja auch eine Kugel geben. Oder aus dem Fenster springen. Da ich das noch nicht will, halte ich mich daran, keinen Alkohol zu trinken. Weil dann die gleiche Scheiße wieder von vorne losgeht. Und wieder losgeht. Und wieder losgeht. Das sollte man sich vor Augen halten. Die Leute, die überlegen, ob sie es nicht doch wieder versuchen, kontrolliert … das geht, wenn man alkoholkrank ist, nicht! Das ist wissenschaftlich erwiesen. Und wenn etwas erwiesen, bewiesen ist, dann sollte man sich daran halten. Man schmeißt ja auch nicht dauernd einen Apfel in die Luft mit der Hoffnung, dass er irgendwann ins Weltall fliegt. Das macht ja auch keiner, weil man weiß, die Schwerkraft haut ihn runter. So ist das, wenn man wieder Alkohol trinkt, es haut einen auch wieder runter. So einfach ist das. Das hat was mit Verstehen, mit Einsicht zu tun, weil es nicht anders geht, herrgottnochmal. Nur, indem man nichts mehr trinkt, hilft man sich. Und anderen auch, die ja mit dem Alkoholiker dann leben müssen. Der Alkoholiker hat die Krankheit, die Schmerzen hat das Umfeld. Das sollte man auch mit bedenken: dass es eine Belastung ist für das Umfeld, für die Kinder, die Frau, für die Eltern. Wer will das? Ich wollte das nicht. Und: Ich habe auch ganz egoistisch an mich gedacht, weil ich dann meinen Beruf hätte aufgeben müssen. Wenn ich keinen Beruf mehr habe, kann ich kein Geld verdienen. Und gerade in der neuen Zeit des Kapitalismus ist das Geld ja nun alles und das braucht man eben, sonst kann man sich auch erschießen. Ich muss ich mich eben daran halten, nicht zu trinken. Das ist, wie Rosa Luxemburg sagte, die Einsicht in die Notwendigkeit.

Gab es Momente, in denen Ihnen das schwer gefallen ist, nicht zu trinken, gerade in der ersten Zeit?

Nein. Nie.

Sie hatten nie Suchtdruck?

Nein.

Keine triggernden Situationen? Gar nichts?

Nein. Ich habe gewusst, ich kann nichts trinken. Beim Rauchen wurde es schon schwierig, da wurde ich kribbelig, wenn ich Zigarettenrauch gerochen habe, hmm … oder nach ’nem Kaffee, jetzt ’ne schöne Zigarette … Aber nach Alkohol stand mir nie wieder der Sinn. Ich habe hier Zuhause den ganzen Schrank voll. Für Gäste, die was trinken wollen nach dem Essen.

Die dürfen?

Ja. Ich halte das aber seit dem ersten Tag so, ich habe das nicht weggekippt, obwohl man mir gesagt hatte, ich soll das tun. Aber die schönen Schnäpse, das waren ja alles gute Whiskys, die habe ich behalten. Ich habe keinerlei Bedürfnis, davon was zu trinken. Ja, so einfach ist das. Wie der Kommunismus nach Brecht: Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Aber die meisten haben tatsächlich mit Suchtdruck immens zu tun.

Ich kann das verstehen, ich kann das nachvollziehen, wie bei der Zigarette, da hatte ich Suchtdruck. Aber ich habe dem nicht nachgegeben, habe nicht eine Zigarette geraucht, seitdem ich angefangen hatte, aufzuhören.

Es gab also überhaupt kein Liebäugeln mit dem Alkohol, vielleicht später mal wieder oder wenn ich 75 bin?

Nein, nein. (Er lacht) Warum? Ich weiß, dass es mir, auch wenn ich 80 bin, nicht hilft. Das weiß ich. Ich habe mir auch kein Limit gesetzt, so und so viele Jahre trinkst du nicht oder rauchst du nicht.

Was hat Sie zu dieser Einsicht gebracht? Der Aufenthalt in der Klinik 1989?

Das habe ich in der Klinik gelernt, ja. Das wurde mir gesagt, also: Wenn Sie damit wieder anfangen, dann sind sie wieder … und ich habe das ganz schnell eingesehen, weil ich, bevor ich eingewiesen wurde, schon immer wusste, dass ich alkoholkrank bin und dass irgendwas passieren muss. Ich hatte nur die Kraft nicht, alleine aufzuhören. Es musste eben ein Knall geben. Den gab es mit meinem Kreislaufkollaps am 9. November und deshalb bin ich auch mitgegangen in die Klinik. Weil es mir schlecht ging. Da war mir das schon bewusst, dass ich alkoholkrank bin und das ist mir dann in der Klinik auch alles erklärt worden. Dass es eine Krankheit ist, dass es Rückfälle gibt und man das vermeiden sollte. Ich lag ja in einem Zimmer mit sechs Leuten zusammen. Und sah, davon war nicht einer frisch. Die waren alle schon mal in einer Klinik. Ich war der erste, der das erste Mal da war. Alle anderen hatten schon genascht von der Therapie und sind rückfällig geworden, manche mehrere Male. Und da hab ich mir gesagt, wie können die das denn machen? Wie können die denn wünschen, dass man hier nochmal hergeht? Man weiß doch, wohin man kommt? Nun war das ja noch DDR, und das waren auch DDR-Verhältnisse in den Krankenhäusern – jetzt sieht die Klinik ja anders aus –, es war ja alles hässlich, grässlich, und auch da erinnerte ich mich immer: Hier willst du nie wieder hin! Da trinke ich lieber keinen Alkohol. Es war der Vorhof der Hölle für mich. Das hat man mir auch begründet damals, als mir dies nicht passte dort und das nicht passte: „Wir wollen Sie hier entgiften und therapieren, aber wir sollen Sie hier nie wiedersehen.“ Die Umstände, unter denen man therapiert wurde, waren auch ein Grund, nicht wieder zu trinken. Sie haben für mich ihren Zweck erfüllt.

Zu den Erlebnissen in der Klinik sagte er im TrokkenPresse-Interview 2002:

„Wir mussten auch arbeiten … Ich bin dann freiwillig in die Küche gegangen und habe da Kartoffeln geschält, die großen Töpfe ausgewaschen. Das waren damals in der DDR so Aluminiumtöpfe. War alles schwer zu machen, eine Drecks- und Sauarbeit.“ … „Wir wurden auch angehalten, die anderen zu betreuen, die frisch Eingelieferten. Man wurde eingeteilt. In den ersten drei Tagen hat man so eine Art Wache. Dann setzt man sich eben Tag und Nacht zu dem, bis die Entgiftung durch ist. Dass der nicht aufsteht, der muss ja liegenbleiben. Man gibt ihm die Schale oder die Ente … Manche waren verwirrt und krank, hatten sich vom Hirn schon zu viel weggesoffen. Die wussten gar nicht, wo sie sind, gingen in fremde Zimmer oder machten unter sich. Das mussten wir alles wegmachen. Dazu waren keine Schwestern da, dazu waren wir alle da. Oder wenn einer kotzte, dann mussten wir das wegwischen und die Betten neu beziehen. Fußboden wischen, bohnern – das mussten alles wir machen, was ich damals für schikanös hielt, aber im Nachhinein hatte das alles Hand und Fuß.“

Haben Sie nach der Klinik noch Nachsorge oder Gruppe gehabt?

Gruppensachen habe ich nie gemacht. Aber ich war noch ein bisschen in der Caritas zu Sprechstunden. Das war ja nach der Wende, da war sowieso alles durcheinander. Ich hab dann zu denen gesagt, warum soll ich hierherkommen? Ich weiß, dass ich nichts mehr trinken darf. Dann war ich noch 2, 3 Mal da, weil man das ja nachweisen musste, falls man rückfällig werden würde, damit man wieder aufgenommen wird. Das ist dann eingeschlafen, weil ich auch im Ausland gearbeitet habe.

Für viele ist es sehr schwierig, trocken zu bleiben, wenn sie aus der Klinik wieder zurückkommen in das alte Leben, in das alte Umfeld, in den alten Job. Wie war das bei Ihnen?

Die Kollegen wussten ja Bescheid. Ich habe auch offen drüber gesprochen bei mir im Theater. Ich wurde normal, als ob ich gestern aufgehört hätte, wieder aufgenommen. Keiner machte doofe Witze, dumme Anspielungen, ich habe auch keine Biere spendiert bekommen. Und durch die Arbeit habe ich auch gar nicht das Bedürfnis gehabt, ich hatte gar keine Zeit zum Trinken, denn wenn man abends Vorstellung macht, darf man ja nicht betrunken sein, also muss und kann man sowieso nicht trinken. Ich hab mich damals in die Arbeit gestürzt, hatte Theater, hab geprobt, abends gespielt, Filme gedreht, alles hintereinander, dicht an dicht, so dass keine Lücke war. Und ich war ja auch nicht der einzige Alkoholiker im Hause, ich hatte ja noch einen anderen Kollegen …

… einen trockenen?

Ja, aber er war ab und zu feucht, und der hat uns viel Kummer gemacht, weil er sporadisch ausfiel und dann musste umbesetzt werden. Wenn einer fehlt im Theaterstück, wird eine ganze Maschinerie in Gang gesetzt, damit ein anderer das übernehmen kann, da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran. Das wussten wir, was passiert, wenn jemand wieder rückfällig wird. Und da habe ich mir gesagt, das soll mit mir nicht passieren. Das war auch noch so ein Grund, warum ich trocken geblieben bin.

Zusammengefasst war für Sie das Wichtigste, dass Sie sich klipp und klar entschieden hatten: Ich will nicht mehr trinken?

Ja. Und auch der Ekel, den man vor sich selbst hatte, den ich mir immer vor Augen geführt habe: Wenn man morgens schon saß und das erste Bier getrunken hat, weil man sonst einen Tremor kriegt. Das fand ich eklig. Ich fand es auch eklig, dass man sich manchmal körperlich so gehen ließ. Also nicht, dass ich schmutzig war, aber manchmal doch mal unrasierter, als man sollte, und vielleicht hat man doch nochmal das Hemd angezogen, das man eigentlich nicht mehr anziehen sollte. Auch das Essen, ich habe ja dann nichts mehr vertragen und nur Haferschleim gegessen. Das war … also nee … das fand ich alles …neee…ekelhaft.

Sie schauen jetzt sogar ganz angewidert von sich selbst früher …

Ja, das war mir zutiefst vor mir selber unangenehm. Und man riecht ja als Alkoholiker, hat ja so eine Ausdünstung nach Azeton, ich hab das bei anderen gemerkt. Sie rochen nicht nach Schnaps, sondern nach Azeton.

Haben Sie denn einen Rat für alkoholkranke Menschen?

Ich kann nur sagen, dass sie sich dessen bewusst werden müssen, dass sie krank sind und dass es ohne Hilfe nicht geht. Ganz, ganz wenige können das, der Durchschnitt kann es nicht, deshalb soll man sich Hilfe suchen. Zum Arzt gehen, in die Klinik, sich therapieren lassen.

Und wenn man das bereits eingesehen hat, schon in der Klinik war, wie bleibt man trocken?

Indem man nichts mehr trinkt. Ganz einfach.

Vorher ist es keine – aber nach Entgiftung und Therapie ist es also eine Willensentscheidung?

Ja .Da kann man sich zum Beispiel die ekligen Sachen hochholen und vor sich ablaufen lassen wie einen Film: wie man da sitzt und besoffen ist und lallt, die Sprache verliert, kein richtiges Wort mehr hinkriegt. Daran sollte man sich erinnern und daran, wie beschissen es einem an anderen Tag geht, um dann wieder in Gang zu kommen mit einem Schlückchen Alkohol, es werden ja immer mehr Schlückchen, bis man dann wieder absackt. Es ist eine mentale Sache, wenn man entgiftet, entwöhnt ist: Dass man weiß, ich darf nichts mehr trinken. Der eine darf eben keinen Zucker mehr essen, der andere darf dies nicht und jenes, und das muss man dann eben so machen. Einfach nicht trinken. Sich ablenken und nicht trinken. Und mit der Zeit denkt man auch nicht mehr dran. Man denkt erst so, ah, jetzt hab ich ne Woche geschafft, dann einen Monat, dann ist es schon ein Jahr. Dann freuen Sie sich immer darüber! Man muss sich auch Gutes tun, indem man sich selbst belobigt. Aber nie darf man denken: Jetzt versuch ich es doch nochmal, zu trinken, vielleicht ist es nicht so schlimm …DOCH, es ist schlimm! Wenn man die Hand ins Feuer legt, verbrennt man sich, man weiß es. Man macht es doch nicht nochmal. Man verbrennt sich einmal und das zweite Mal höchstens aus Dussligkeit. Genau so ist es mit dem Alkohol.

Titelthema 1/21

Vor 23 Jahren beschloss Robby Clemens, trocken zu werden:

„Lauf, Robby, lauf!“

So feuerten ihn damals Nachbarn aus ihren Fenstern an, im kleinen Städtchen Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt. Die ersten mühseligen Trainingsmeter mögen wohl damals an Forrest Gumps Anfänge erinnert haben … denn 200 Meter fühlten sich für Robby, den damals übergewichtigen, untrainierten Alkoholiker, wie ein Marathon an. Inzwischen hat er viele echte Marathons hinter sich. Er lief einmal um die Welt. Er lief vom Nordpol zum Südpol. Darüber berichtet er in seinen Büchern. Inzwischen arbeitet er als Motivationscoach, auch für Alkohol-und Drogensüchtige. Und: Seit seinen ersten 200 Metern trank er nie wieder Alkohol …

Mehr als 23 Jahre zurück: Wie wurden Sie alkoholabhängig?

Robby Clemens: Ich hatte damals eine große Firma, hatte mich schon zu DDR-Zeiten selbständig gemacht. Dann kam die Wende und jeder wollte plötzlich neue Heizungen, neue Bäder. Wir wurden einer der größten Arbeitgeber in der Region, alles lief wunderbar. Bis wir an diesen Baulöwen Schneider in Leipzig gerieten … er war ein Hauptauftraggeber, der konnte dann aber irgendwann nicht mehr zahlen. Wir verloren 2,2 Millionen D-Mark, als privat aufgestellte Firma verloren wir alles. Als auch das Haus meiner Eltern zwangsversteigert, ihr ganzes Vermögen eingezogen wurde, war mir klar: Ich hatte 40 Jahre harte Arbeit meiner Eltern vernichtet. Ich griff dann immer mehr zur Flasche. Zuerst Bierchen, dann Fusel. Später oft in einer Runde vor der Kaufhalle … Im Rausch habe ich diese Dramatik vergessen können, habe mich betäubt, denn jeder klare Gedanke schmerzte. Klar, am nächsten Morgen war das alles wieder da. Irgendwann konnte ich das alles überhaupt nicht mehr steuern. Ich nahm gar nicht mehr wahr, dass ich trinke. Da kamen Bekannte, „Meeensch, was säufste denn hier schon wieder rum“, und ich dachte, d i e sind besoffen und nicht ich. Ich hatte Wahrnehmungsstörungen durch das Trinken. Die waren mit ein Grund, warum ich zum Hausarzt ging.

Ihr Hausarzt hat Ihnen sogar Schellen verpasst, um Sie „wachzurütteln“, schreiben Sie im Buch?

Der Arzt kannte mich ja schon von klein auf … und irgendwie muss bei diesen Ohrfeigen etwas in meinem Gehirn passiert sein. Die müssen ausgelöst haben, dass ich begriff, wie sehr meine Familie unter meinem Trinken gelitten hat. In der Schule, wenn meine Kinder ein Problem hatten, gabs tatsächlich Lehrer, die gesagt haben, „Was wollt denn ihr, kümmert euch mal lieber um euren Vater, der liegt wieder stockbesoffen auf der Kreuzung rum.“ Ich bin heute froh, dass ich nie handgreiflich geworden bin, gegen niemand, gegen die Familie nicht, gegen Saufkumpels nicht, aber eben dieser Schmerz, den ich meiner Familie zugefügt habe mit der Betrunkenheit, ihre Scham, mit der sie leben mussten … Deshalb ist es auch so außergewöhnlich, dass ich mit meiner Familie heute noch komplett zusammenlebe, es ist bemerkenswert, dass sie immer zu mir gestanden haben, auch wenn es für sie am allerallerschwierigsten war. Ich kann da nur danke sagen!

Sie hatten sich dann entschieden, etwas gegen die Abhängigkeit zu tun, ein Kliniktermin stand schon fest – aber dann versuchten Sie es doch ganz anders?

Ein Kumpel erzählte mir von einem Buch eines süchtigen Menschen: „Der ist einfach losgelaufen, das ist doch viel einfacher als Klinik, du weißt ja, die Erfolgsaussichten sind ja nicht so groß, versuch doch das mit dem Laufen mal.“ Ich dachte, ja, klingt viel einfacher, hab mir Laufschuhe besorgt und bin los. Nüchtern, von da an habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Anfangs war ich schon nach einer halben Runde auf dem Sportplatz völlig am Ende. Aber von Tag zu Tag wurde es besser.

Wie hielt das Laufen vom Trinken ab?

Als ich loslief, fühlte ich plötzlich in mir: Du machst was ganz Tolles, du machst was Richtiges! Denn mit der Bewegung – natürlich noch nicht am Anfang – merkte ich, wie es mir immer besser ging. Schon diese ersten Schritte wirkten so befreiend auf mich und jeden Tag kam mehr Klarheit in mein Gehirn zurück. Als ich diese Entzugsschmerzen hatte, konnte ich mich natürlich auch mit dem Laufschmerz betäuben, und was konnte ich da rauskotzen, alles, was da drin war, das war auch so ein Punkt, nachdem ich gesucht habe in dieser Zeit. Die paar Kilometer, die ich da dann irgendwann zurückgelegt habe, reichten schon, um mich zu verausgaben, um am Straßenrand niederzusinken und mir die Seele leer zu kotzen, das war befreiend.

Ja und dann die Straße an sich, das Drumherum, völlig neue Wege zu gehen, das hat mich total beeindruckt. Bald verlor ich Kilos und konnte wieder klar denken, das war ja der absolute Wahnsinn – als wenn sich Nebelschleier vor dem Gesicht langsam lichten und du klare Sicht hast. Und dann habe ich versucht, immer aus der Freude heraus, mir Ziele zu setzen, heute 1 km schaffen, später 5 km, und als ich das dann jeweils schaffte, war die Freude so groß und die Befreiung so riesig, dass ich mir ein Leben ohne dieses Laufen gar nicht mehr vorstellen konnte und es auch heute nicht mehr kann.

Laufen hat auch eine Art berauschende Wirkung?

Ja, aber dieser Rausch hat eine andere Wirkung, der stählte mich, der machte mich glücklich, der ließ mich klar denken. Das ist gar nicht zu vergleichen mit dem Alkoholrausch, ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Hatten Sie die geplante Therapie abgesagt, weil das Laufen so gut gewirkt hat?

Ja, ich hatte dann gar nicht wieder drüber nachgedacht mit dem Laufen. Das sind ja immer ganz, ganz kleine Schritte, die du da tust, für dich ist ja schon überhaupt ein Riesenerfolg, dass du eine Runde schaffst, die 400 m,– ich war in der Lage, das auch so zu werten, mich daraufhin auch aufbauen und immer wieder neue 400 m in Angriff nehmen zu können.

Laufen kann also das Trockenbleiben unterstützen – aber wenn nun jemand nicht joggen kann oder darf?

Ich schlage jedem die Bewegung vor, die er ausüben kann, schwimmen, Fahrrad fahren, Rollstuhl fahren, es kann langsames Gehen sein, in der Natur sein und gehen, da kann man sich ja auch Ziele setzen: Heute kann ich mal von Zuhause bis zum Bäcker gehen. Man darf die Ziele nur nicht so groß setzen, es sollten kleine Ziele sein. Und man sollte sich überhaupt auch schon über den ersten Schritt freuen, den man dann tut, den ersten Schwimmzug… Ich halte Bewegung für wichtig, gleich welcher Art sie ist, und wenn es Gewichtestemmen ist. Jeder muss für sich die Freude an einer Art Bewegung finden. Ich propagiere fürs Laufen, weil es die einfachste Art der Bewegung ist und preiswert. Was brauchst du dafür? Keine teure Mitgliedschaft in einem Golfklub oder Ausrüstung, sondern nur die Klamotten am Leib und Schuhe.

Ich glaube, laufen, Bewegung an sich, erhöht auch das Selbstbewusstsein, das bei vielen Alkoholkranken auf Null steht, oder?

Ja, man kann sich auf die Schulter klopfen! Auch, wenn andere sagen, ne Runde um den Block, das ist doch gar nix, nee, da muss man sogar für sich sagen: Für mich ist das ein Marathonlauf, wenn ich eine Runde laufe. Das ist ganz wichtig, man muss lernen, sich auch mal selber zu lieben und sich zu sagen: Das hab ich heute aber klasse gemacht, ich will das morgen unbedingt wieder machen. Auch wenn dein Umfeld dir andere Dinge erzählt, bleib da stark, das machst du nicht für andere Leute, du machst es erst mal nur für dich.

Was bringen Bewegung oder eben Laufen noch, wozu sollte man sich aufraffen vom Sofa?

Es bringt dich einfach in ein neues Leben. Der Weg des Alkoholikers raubt dir die Freuden des Lebens  und mit diesem Laufen bekommst du das wieder zurück – wenn du es verstehst, dich an kleinen Dingen zu erfreuen und mit einigen wenigen Schritten etwas ganz Großartiges für dich zu tun. Nur dieses Aufstehen, das musst du selber machen. Es gibt dieses bekannte Sprichwort, jedes Abenteuer, jedes Ziel beginnt mit einem kleinen ersten Schritt … deshalb ist es einfach wichtig, aufzustehn und diesen ersten Schritt zu machen.

Als Motivationscoach haben Sie auch mit alkohol-und drogenkranken Menschen zu tun. Wie motivieren Sie sie?

Da gibt es doch diese Worte von Antoine de Saint-Exupéry: Wenn Menschen auf einer einsamen Insel sind und sie wollen da wegkommen, dann gib ihnen keine Pläne in die Hand, sondern erzähle ihnen davon, wie schön es auf dem Meer ist. Das ist es vom Prinzip her das, was ich mache …

Laufen ist ja das eine, aber vom Nordpol zum Südpol zu laufen … Weshalb haben Sie das gemacht?

Weil ich es großartig finde, den Blick über den eigenen Gartenzaun hinaus richten zu können und Natur und Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören, zu erleben, wie sie leben. Es riecht alles anders, schmeckt alles anders, alle Sinnesorgane nehmen völlig andere Dinge wahr als die, die du Zuhause hast, das bildet doch. Und das mit der einfachsten Fortbewegungsart zu machen, mit meinen Füßen, bedeutet Langsamkeit. Und die lässt dich alles viel intensiver wahrnehmen, als wenn du mit dem Auto unterwegs bist. Und es ist spannend: Welches Abenteuer erwartet dich hinter der Bergkuppe dort, welches hinter der nächsten Kurve, die du noch lange nicht einsehen kannst? Das kannst du nur so voll erleben, wenn du läufst.

Ihnen geht es also nicht so sehr um die Kilometerzahl …

Mich interessieren keine Kilometer. Meine Kilometer sind die Menschen, denen ich begegnen darf. Du kannst hinkommen, wohin du willst, du findest immer Leute, die dir helfen. Wenn du mal nichts zu essen hast, gibts Leute, die dir sogar von dem Wenigen, was sie selbst nur haben, abgeben. Gerade von diesen Menschen, über die viele denken würden, dass sie selbst über denen stehen, weil sie sehr arm sind oder krank, habe ich so unendlich viel Weisheit für das Leben erfahren. Solche Menschen haben mich auf meinen Reisen unendlich viel gelernt, vor allem Bescheidenheit, Dankbarkeit und Demut.

Das Interview führte Anja Wilhelm

 Info: Mehr Informationen, auch über die Bücher, finden Sie unter www.robbyclemens.de

 

Titelthema 6/20

Wie Reittherapie auch Suchtkranken helfen kann:

Manchmal macht schon das Streicheln glücklich …

Sie erfüllt sich gerade einen Traum: Rebecca Böde, Mitarbeiterin eines Berliner Bezirksamtes, bringt Menschen und Pferde heilsam zusammen. Menschen mit psychischen Problemen und ihr Therapiepferd Snowy. Sie ist, neben ihrem Hauptberuf, inzwischen auch Reittherapeutin, Heilpraktikerin, Pferdekundlerin – und betriebliche Suchtberaterin. Da sie künftig auch suchtkranken Menschen mit ihrem Pferd helfen will, meldete sie sich Ende des Sommers bei uns. Sie möchte gerne drei TrokkenPresse-LeserInnen eine Erstberatung spendieren. Natürlich mit Snowy, ihrem Therapiepferd, gemeinsam. Das war ein Grund für uns, sie einmal zu besuchen …

Liebe Rebecca, es war ein wundervoller Ausflug zu Dir auf den „Pferdehof Müller“ bei Nauen! Den Großstadtlärm von Millionen Autos und Menschen noch in Ohr und Gemüt – dann plötzlicher Frieden inmitten der Felder und Bäume. Aaaah! Reine Luft. Nur Hühnergackern. Blätterwispern. Pferdeschnauben. Quer über den weiten Acker stapfen bis hin zur Sommerweide, Snowy zurück zum Hof führen. Striegeln, streicheln, fühlen. Weiche Pferdelippen und warmer Atem neugierig an meiner Hand. Anlehnen an das große, starke, warme Tier. Mein Herz geht auf. Es gibt nur das Jetzt, jedes „Muss-noch-dies“ und „Soll-ja-das“ ist verschwunden aus meinem Kopf. Es liegt wohl nicht nur AUF dem Rücken der Pferde, das Glück dieser Erde … Nähe reicht auch schon. Die Reittherapie, die Rebecca Böde anbietet, könnte auch einfach Pferdetherapie heißen. Denn es geht ihr gar nicht darum, dass ein Klient unbedingt hinauf muss in den Sattel. Mit dem Tier zusammen zu sein in der Natur genüge manchem schon, sagt sie. Deshalb bekommt jeder Mensch, der bei ihr Hilfe sucht, ganz individuell genau das, was er gerade braucht. Ihr Motto: „Ängste, Probleme und psychische Erkrankungen aller Art sind nicht in Stein gemeißelt. Das Gehirn ist fähig, neue und gesunde Strukturen zu entwickeln.“ Wie das mit einem Tier gelingen kann? Dazu später im Interview mehr.

Wie bist Du als Nichtabhängige zum Thema Sucht gekommen?

Mein Vater war Alkoholiker. Er hat sein halbes Leben lang viel getrunken, ist irgendwann in der Klinik gelandet, auch mit Korsakow-Symptomen und Diabetes. Er konnte nicht mehr selbst für sich sorgen, starb vor drei Jahren. Ich hatte zwar seit der Scheidung meiner Eltern fast keinen Kontakt mehr, aber ich habe mich oft gefragt, warum konnte ihm keiner helfen? Denn manche Menschen schaffen es ja, machen eine Entwöhnung, finden wieder Perspektiven für ihr Leben. Die Frage hat mich immer begleitet.

Nun bist Du kollegiale Suchtberaterin, was heißt das?

Ich arbeite im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Kollegen, die Suchtprobleme haben, kommen zu mir und fragen um Rat: ich kann so nicht mehr weitermachen, was kann ich machen … Ich hatte mich dafür beworben und eine einjährige Ausbildung am Institut für betriebliche Suchtprävention gemacht.

Wenn ich als Suchtkranke heute eine Therapie bei Dir beginnen würde …

Wir würden ein Erstgespräch führen. Klären, was möchtest du erreichen, was versprichst du dir von der Reittherapie? Geht es für dich mehr ums Streicheln, Liebhaben, Pflegen, um eine schöne Zeit in der Natur, mit dem Pferd? Oder geht’s dir nur ums Reiten, willst du nur aufs Pferd rauf, willst du nur von oben die Welt erkunden? Oder möchtest du dein Selbstbewusstsein stärken und Snowy durch einen Parcours führen, das nennt man Bodenarbeit. Man kann lernen, durch Gassen zu gehen, eine Führposition zu übernehmen und das Pferd folgt einem. Oder magst du geführtes Reiten im Schritt und von oben einfach genießen? Vielleicht hast du Reiterfahrung, du könntest den Snowy selbst reiten, auf der Reitbahn durch kleine Parcours … so würde ich erstmal rangehen und dann gucken, wie man in den nächsten Stunden Bedürfnisse und Kompetenzen weiter ausbaut.

Ich muss als Klient also noch nicht reiten können?

Bei mir musst du nichts können, nicht reiten, nicht die Zügel festhalten, du darfst einfach nur genießen. Obendrauf sitzen, dich führen lassen. Du kannst dich natürlich ranarbeiten: Ich möchte jetzt selbst ein bisschen die Führung übernehmen. Mich weiterentwickeln mit dem Pferd bis dahin, dass ich selbst reiten oder führen kann. Ich achte schon sehr genau drauf, ob meine Klienten überfordert damit sind oder ver/erschreckt, dann kann man darauf eingehen und einen Schritt zurückgehen. Und ich sage meinen Menschen da oben immer, dass sie auch sagen können, wie es ihnen damit geht.

Apropos „oben“: Wie „sicher“ ist Dein Therapiepferd für Unerfahrene?

Snowy ist ein ruhiger, ausgeglichener Trabermix, Traber haben ein großes Herz, auch im übertragenen Sinne. Er ist ein sehr soziales Tier, vielleicht auch, weil er als Fohlen fast verhungert wäre, wenn Herr Müller ihn nicht hierhergeholt und aufgepäppelt hätte. In der Herde, als Rangmittlerer, nimmt er sich eher anderer an, als jemanden wegzubeißen. Auch allen anderen Tieren hier begegnet er freundlich, den Hühnern, den Hunden, dem Ganter. Ich habe ihn zum Beispiel auch an fremde Gegenstände gewöhnt, an große Bälle, Plastikplanen auf Wegen und viele Schrecksituationen geübt. Snowy ist zwar noch jung, aber ich kann mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Er passt auf den Reiter auf, der auf ihm sitzt.

Wie kann Deine Therapie süchtigen Menschen helfen?

Suchtkranke, die trocken sind, eine Entgiftung hinter sich haben, sitzen vielleicht nun Zuhause, in der Wohnung und fragen sich, was sie jetzt mit der ganzen Zeit anfangen wollen, mit dem Leben. Vielleicht  fange ich ja doch wieder an zu trinken, weil alles so sinnlos ist? Sich bewegen, in der Natur zu sein und gerade das Zusammensein mit Tieren setzt ganz viele positive Gefühle frei, die derjenige braucht, der sich innerlich leer fühlt oder Saufdruck hat. Ein Tier lenkt ab, die Nähe, das Streicheln senken den Cholesterinspiegel, den Blutdruck, den Herzschlag, und zwar bei beiden, beim Pferd und bei demjenigen, der es zum Beispiel putzt. Und man kann vielleicht auch seine Zukunft klarer sehen: Ok, es gibt also nicht nur meine vier Wände, den Alkohol, die Selbsthilfegruppe – ich muss vielleicht auch wieder was für mich tun und kann in der Natur neue Ressourcen für mich finden, Freude, ich fühl mich da wohl … Das Pferd kann lehren, eigene Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, eigene Gefühle, das Reiten kann helfen, die eigene Stärke, den Selbstwert wieder zu entdecken.

Du arbeitest momentan viel mit Kindern. Weshalb kommen sie zu Dir und Snowy?

Bei Kindern soll meist das Sprechen gefördert werden oder der Gleichgewichtssinn geschult. Oder das soziale Verhalten, um überhaupt wieder eine Bindung eingehen zu können zu einem verlässlichen Partner – zur Therapeutin, zum Pferd. Vieles geschieht nebenbei. Es ist so spielerisch, Pferde haben einen so hohen Aufforderungscharakter, dass die Kinder gar nicht merken, in welchen Bereichen sie gefordert werden, die Feinmotorik durchs Putzen zum Beispiel.

Was brauchen die erwachsenen Klienten?

Erwachsene kommen meist zu mir, weil sie Depressionen haben und die herkömmlichen Gesprächstherapien in irgendwelchen Büros sie gar nicht weitergebracht haben. Sie sagen immer: „Ja, er sagt mir, ich soll dieses und jenes machen, aber irgendwie ändert sich nichts für mich, ich habe immer noch Ängste, immer noch Depressionen.“ Da ist für mich schlüssiger: Geht raus in die Natur, macht was, setzt dem Gehirn neue Bilder, neue Eindrücke, geht in die Sonne, bewegt euch, kommt auf andere Gedanken, dann kommt der Rest vielleicht von ganz alleine. Oder: Denkt überhaupt mal gar nicht an Probleme. Wenn man hier und jetzt sein muss mit dem Pferd, gelingt das.

Viele wollen sich auch nur einfach mal Anlehnen ans Pferd. Oder wenn sie Berührungsängste mit Menschen haben, können sie sich mit dem Pferd langsam rantasten. Manche bleiben einfach eine halbe Stunde beim Pferd, putzen es, schnuppern am Pferd, die riechen so wunderbar, spüren das warme Fell, genießen die Zeit mit so einem großen Tier, dem Therapiepartner.

Also eine andere Herangehensweise an Depressionen ?

Ich rate jedem, macht was draußen, fahrt Fahrrad, lernt Menschen kennen, setzt euch in die Sonne … bleibt nicht zuhause, auch wenn es schwerfällt, sich aufzuraffen. Holt euch positive Dinge ins Leben, die Spaß machen, probiert Dinge aus, macht einen Zeichenkurs, nehmt ein heißes Bad, kocht einen tollen Tee, Hauptsache, ihr bewegt euch, holt euch neue Eindrücke. Das trifft auch auf Suchtkranke zu.

Das Besondere an Deiner Therapie ist, dass sie heilpraktisch stattfindet, ganzheitlich?

Ja, ich nutze zum Beispiel die euthyme Therapie, in der man bewusst alle fünf Sinne benutzt. Statt nur in einem Zimmer zu sitzen und mit einem Therapeuten zu sprechen, spüren wir Wind und Sonne auf der Haut, nehmen Gerüche wahr, wie riecht eigentlich Heu, das Pferd, die Tanne neben mir, wir hören Vögel zwitschern, Pferde schnauben … Diese Freude kann man mit in den Alltag nehmen … oder in ein Schatzkästchen packen: Das holst du dir vielleicht mal raus, wenn es dir mal nicht so gut geht. Es ist eine Genuss-Therapie, bei der es einem schon von sich aus besser geht.

Man kann auch tolle Entspannungsübungen machen auf dem Pferderücken, durch Atmung Stress abbauen. Dieses Getragenwerden, diese Schaukelbewegung kann auffangen, nachsorgen, was man vielleicht all die Jahre vermisst hat in einer nicht so guten Kindheit.

Woher weißt Du, dass Deine Therapie etwas bewirkt?

Ich frage meine Klienten vorher, wie es ihnen geht auf einer Skala von 1 bis 10 und danach auch. In der Ausbildung hatten wir 50 Klienten aus psychotherapeutischen Einrichtungen, 90 Prozent ging es vorher 2, sie hatten einen schlechten Tag, waren traurig. Und nach der Therapie waren sie auf 8, auf 9. Sie haben sich immer auf die Reittherapie gefreut, da wollten immer alle hin.

Wie viel Therapie braucht man?

Ich biete einmal wöchentlich eine Stunde an. Etwa 5-10 Stunden sollte man ausprobieren, ob und bis eine Verbesserung stattfindet.

Die 65 Euro pro Stunde zahlen die Krankenkassen aber nicht?

Die gesetzlichen leider nicht. Private bezahlen es ab und an, wenn man nachweisen kann, dass man innerhalb von drei Monaten keine passende Psychotherapie gefunden hat. Manchmal gibt es auch Zusatzversicherungen für heilpraktische Behandlungen. Einige meiner Klientinnen haben bei Stiftungen um einen Zuschuss für eine Reittherapie gebeten. Stiftungen, die eventuell spenden würden, sind unter vielen anderen z.B. die Uwe–Seeler–Stiftung und die Deutsche Bank Stiftung. Der Bedürftige muss genau begründen, warum er dringend eine Reittherapie benötigt. Bei Kindern gibt es noch viel mehr Förderung …

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie Interesse an einer Erstberatung bei Rebecca Böde? Dann melden Sie sich bitte. Wir verlosen dann aus allen Teilnehmern drei GewinnerInnen.

Weitere Infos zur Reittherapie unter:

www.meinereittherapie.de