Titelthema 1/21

Vor 23 Jahren beschloss Robby Clemens, trocken zu werden:

„Lauf, Robby, lauf!“

So feuerten ihn damals Nachbarn aus ihren Fenstern an, im kleinen Städtchen Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt. Die ersten mühseligen Trainingsmeter mögen wohl damals an Forrest Gumps Anfänge erinnert haben … denn 200 Meter fühlten sich für Robby, den damals übergewichtigen, untrainierten Alkoholiker, wie ein Marathon an. Inzwischen hat er viele echte Marathons hinter sich. Er lief einmal um die Welt. Er lief vom Nordpol zum Südpol. Darüber berichtet er in seinen Büchern. Inzwischen arbeitet er als Motivationscoach, auch für Alkohol-und Drogensüchtige. Und: Seit seinen ersten 200 Metern trank er nie wieder Alkohol …

Mehr als 23 Jahre zurück: Wie wurden Sie alkoholabhängig?

Robby Clemens: Ich hatte damals eine große Firma, hatte mich schon zu DDR-Zeiten selbständig gemacht. Dann kam die Wende und jeder wollte plötzlich neue Heizungen, neue Bäder. Wir wurden einer der größten Arbeitgeber in der Region, alles lief wunderbar. Bis wir an diesen Baulöwen Schneider in Leipzig gerieten … er war ein Hauptauftraggeber, der konnte dann aber irgendwann nicht mehr zahlen. Wir verloren 2,2 Millionen D-Mark, als privat aufgestellte Firma verloren wir alles. Als auch das Haus meiner Eltern zwangsversteigert, ihr ganzes Vermögen eingezogen wurde, war mir klar: Ich hatte 40 Jahre harte Arbeit meiner Eltern vernichtet. Ich griff dann immer mehr zur Flasche. Zuerst Bierchen, dann Fusel. Später oft in einer Runde vor der Kaufhalle … Im Rausch habe ich diese Dramatik vergessen können, habe mich betäubt, denn jeder klare Gedanke schmerzte. Klar, am nächsten Morgen war das alles wieder da. Irgendwann konnte ich das alles überhaupt nicht mehr steuern. Ich nahm gar nicht mehr wahr, dass ich trinke. Da kamen Bekannte, „Meeensch, was säufste denn hier schon wieder rum“, und ich dachte, d i e sind besoffen und nicht ich. Ich hatte Wahrnehmungsstörungen durch das Trinken. Die waren mit ein Grund, warum ich zum Hausarzt ging.

Ihr Hausarzt hat Ihnen sogar Schellen verpasst, um Sie „wachzurütteln“, schreiben Sie im Buch?

Der Arzt kannte mich ja schon von klein auf … und irgendwie muss bei diesen Ohrfeigen etwas in meinem Gehirn passiert sein. Die müssen ausgelöst haben, dass ich begriff, wie sehr meine Familie unter meinem Trinken gelitten hat. In der Schule, wenn meine Kinder ein Problem hatten, gabs tatsächlich Lehrer, die gesagt haben, „Was wollt denn ihr, kümmert euch mal lieber um euren Vater, der liegt wieder stockbesoffen auf der Kreuzung rum.“ Ich bin heute froh, dass ich nie handgreiflich geworden bin, gegen niemand, gegen die Familie nicht, gegen Saufkumpels nicht, aber eben dieser Schmerz, den ich meiner Familie zugefügt habe mit der Betrunkenheit, ihre Scham, mit der sie leben mussten … Deshalb ist es auch so außergewöhnlich, dass ich mit meiner Familie heute noch komplett zusammenlebe, es ist bemerkenswert, dass sie immer zu mir gestanden haben, auch wenn es für sie am allerallerschwierigsten war. Ich kann da nur danke sagen!

Sie hatten sich dann entschieden, etwas gegen die Abhängigkeit zu tun, ein Kliniktermin stand schon fest – aber dann versuchten Sie es doch ganz anders?

Ein Kumpel erzählte mir von einem Buch eines süchtigen Menschen: „Der ist einfach losgelaufen, das ist doch viel einfacher als Klinik, du weißt ja, die Erfolgsaussichten sind ja nicht so groß, versuch doch das mit dem Laufen mal.“ Ich dachte, ja, klingt viel einfacher, hab mir Laufschuhe besorgt und bin los. Nüchtern, von da an habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Anfangs war ich schon nach einer halben Runde auf dem Sportplatz völlig am Ende. Aber von Tag zu Tag wurde es besser.

Wie hielt das Laufen vom Trinken ab?

Als ich loslief, fühlte ich plötzlich in mir: Du machst was ganz Tolles, du machst was Richtiges! Denn mit der Bewegung – natürlich noch nicht am Anfang – merkte ich, wie es mir immer besser ging. Schon diese ersten Schritte wirkten so befreiend auf mich und jeden Tag kam mehr Klarheit in mein Gehirn zurück. Als ich diese Entzugsschmerzen hatte, konnte ich mich natürlich auch mit dem Laufschmerz betäuben, und was konnte ich da rauskotzen, alles, was da drin war, das war auch so ein Punkt, nachdem ich gesucht habe in dieser Zeit. Die paar Kilometer, die ich da dann irgendwann zurückgelegt habe, reichten schon, um mich zu verausgaben, um am Straßenrand niederzusinken und mir die Seele leer zu kotzen, das war befreiend.

Ja und dann die Straße an sich, das Drumherum, völlig neue Wege zu gehen, das hat mich total beeindruckt. Bald verlor ich Kilos und konnte wieder klar denken, das war ja der absolute Wahnsinn – als wenn sich Nebelschleier vor dem Gesicht langsam lichten und du klare Sicht hast. Und dann habe ich versucht, immer aus der Freude heraus, mir Ziele zu setzen, heute 1 km schaffen, später 5 km, und als ich das dann jeweils schaffte, war die Freude so groß und die Befreiung so riesig, dass ich mir ein Leben ohne dieses Laufen gar nicht mehr vorstellen konnte und es auch heute nicht mehr kann.

Laufen hat auch eine Art berauschende Wirkung?

Ja, aber dieser Rausch hat eine andere Wirkung, der stählte mich, der machte mich glücklich, der ließ mich klar denken. Das ist gar nicht zu vergleichen mit dem Alkoholrausch, ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Hatten Sie die geplante Therapie abgesagt, weil das Laufen so gut gewirkt hat?

Ja, ich hatte dann gar nicht wieder drüber nachgedacht mit dem Laufen. Das sind ja immer ganz, ganz kleine Schritte, die du da tust, für dich ist ja schon überhaupt ein Riesenerfolg, dass du eine Runde schaffst, die 400 m,– ich war in der Lage, das auch so zu werten, mich daraufhin auch aufbauen und immer wieder neue 400 m in Angriff nehmen zu können.

Laufen kann also das Trockenbleiben unterstützen – aber wenn nun jemand nicht joggen kann oder darf?

Ich schlage jedem die Bewegung vor, die er ausüben kann, schwimmen, Fahrrad fahren, Rollstuhl fahren, es kann langsames Gehen sein, in der Natur sein und gehen, da kann man sich ja auch Ziele setzen: Heute kann ich mal von Zuhause bis zum Bäcker gehen. Man darf die Ziele nur nicht so groß setzen, es sollten kleine Ziele sein. Und man sollte sich überhaupt auch schon über den ersten Schritt freuen, den man dann tut, den ersten Schwimmzug… Ich halte Bewegung für wichtig, gleich welcher Art sie ist, und wenn es Gewichtestemmen ist. Jeder muss für sich die Freude an einer Art Bewegung finden. Ich propagiere fürs Laufen, weil es die einfachste Art der Bewegung ist und preiswert. Was brauchst du dafür? Keine teure Mitgliedschaft in einem Golfklub oder Ausrüstung, sondern nur die Klamotten am Leib und Schuhe.

Ich glaube, laufen, Bewegung an sich, erhöht auch das Selbstbewusstsein, das bei vielen Alkoholkranken auf Null steht, oder?

Ja, man kann sich auf die Schulter klopfen! Auch, wenn andere sagen, ne Runde um den Block, das ist doch gar nix, nee, da muss man sogar für sich sagen: Für mich ist das ein Marathonlauf, wenn ich eine Runde laufe. Das ist ganz wichtig, man muss lernen, sich auch mal selber zu lieben und sich zu sagen: Das hab ich heute aber klasse gemacht, ich will das morgen unbedingt wieder machen. Auch wenn dein Umfeld dir andere Dinge erzählt, bleib da stark, das machst du nicht für andere Leute, du machst es erst mal nur für dich.

Was bringen Bewegung oder eben Laufen noch, wozu sollte man sich aufraffen vom Sofa?

Es bringt dich einfach in ein neues Leben. Der Weg des Alkoholikers raubt dir die Freuden des Lebens  und mit diesem Laufen bekommst du das wieder zurück – wenn du es verstehst, dich an kleinen Dingen zu erfreuen und mit einigen wenigen Schritten etwas ganz Großartiges für dich zu tun. Nur dieses Aufstehen, das musst du selber machen. Es gibt dieses bekannte Sprichwort, jedes Abenteuer, jedes Ziel beginnt mit einem kleinen ersten Schritt … deshalb ist es einfach wichtig, aufzustehn und diesen ersten Schritt zu machen.

Als Motivationscoach haben Sie auch mit alkohol-und drogenkranken Menschen zu tun. Wie motivieren Sie sie?

Da gibt es doch diese Worte von Antoine de Saint-Exupéry: Wenn Menschen auf einer einsamen Insel sind und sie wollen da wegkommen, dann gib ihnen keine Pläne in die Hand, sondern erzähle ihnen davon, wie schön es auf dem Meer ist. Das ist es vom Prinzip her das, was ich mache …

Laufen ist ja das eine, aber vom Nordpol zum Südpol zu laufen … Weshalb haben Sie das gemacht?

Weil ich es großartig finde, den Blick über den eigenen Gartenzaun hinaus richten zu können und Natur und Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören, zu erleben, wie sie leben. Es riecht alles anders, schmeckt alles anders, alle Sinnesorgane nehmen völlig andere Dinge wahr als die, die du Zuhause hast, das bildet doch. Und das mit der einfachsten Fortbewegungsart zu machen, mit meinen Füßen, bedeutet Langsamkeit. Und die lässt dich alles viel intensiver wahrnehmen, als wenn du mit dem Auto unterwegs bist. Und es ist spannend: Welches Abenteuer erwartet dich hinter der Bergkuppe dort, welches hinter der nächsten Kurve, die du noch lange nicht einsehen kannst? Das kannst du nur so voll erleben, wenn du läufst.

Ihnen geht es also nicht so sehr um die Kilometerzahl …

Mich interessieren keine Kilometer. Meine Kilometer sind die Menschen, denen ich begegnen darf. Du kannst hinkommen, wohin du willst, du findest immer Leute, die dir helfen. Wenn du mal nichts zu essen hast, gibts Leute, die dir sogar von dem Wenigen, was sie selbst nur haben, abgeben. Gerade von diesen Menschen, über die viele denken würden, dass sie selbst über denen stehen, weil sie sehr arm sind oder krank, habe ich so unendlich viel Weisheit für das Leben erfahren. Solche Menschen haben mich auf meinen Reisen unendlich viel gelernt, vor allem Bescheidenheit, Dankbarkeit und Demut.

Das Interview führte Anja Wilhelm

 Info: Mehr Informationen, auch über die Bücher, finden Sie unter www.robbyclemens.de

 

TrokkenPresse 02/21

Die TrokkenPresse 02/21 erscheint am 15. April!

Mehr über den Inhalt der neuen Ausgabe erfahren Sie hier: https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/titelinhalt/.

Zu den aktuellen Leseproben geht es hier:
AnDi’s Gedanken zur Zeit https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/kolumne/, „Das hat was mit Einsicht zu tun „ https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/thema/, „Ich hatte einen Traum“  https://trokkenpresse.de/aktuelle-trokkenpresse/erfahrungen/.

Und hier finden Sie heraus, wie Sie die Zeitschrift erwerben können: https://trokkenpresse.de/kaufen/



Hier stellen wir Ihnen auch weiterhin die Ausgabe, die nur elektronisch erscheinen konnte, kostenlos zur Verfügung. Hier der Link:

TrokkenPresse 02-20

(zum Lesen einmal klicken, zum Downloaden im geöffneten Dokument auf der Menüleiste oben rechts das Symbol „Dokument speichern“ anklicken, zum Ausdrucken das Symbol „Drucken“ daneben)

 

 



Bitte um Mithilfe

Liebe Leserinnen und Leser,

Wir, das TrokkenPresse-Team, wollen Ihnen diese Zeitschrift auch weiterhin anbieten können.
Leider könnte das aber bald nur noch ein Wunsch bleiben …

Weil eine Förderung demnächst auslaufen wird, können wir die Entstehungskosten bald nicht mehr finanzieren. Denn Verkauf, Abos und Anzeigen erwirtschaften dafür nicht genug. Den geringen Verkaufspreis wollen wir aber gerne so belassen, damit sich alle Interessierten die TrokkenPresse leisten können.

Wir sind also händeringend auf der Suche nach neuen Förderern, Spendern und Sponsoren!
Und Sie könnten uns bei dieser Suche unterstützen!

Kennen Sie Menschen, Vereine, Stiftungen, Unternehmen, die uns helfen können?

Spendenkonto: 

PBAM Therapeutische Arbeitsgemeinschaft e.V.

IBAN:    DE52 1004 0000 0190 8391 05

BIC:       COBADEFFXXX

Danke im voraus an Sie,

Ihr TrokkenPresse-Team


 

 

Titelthema 6/20

Wie Reittherapie auch Suchtkranken helfen kann:

Manchmal macht schon das Streicheln glücklich …

Sie erfüllt sich gerade einen Traum: Rebecca Böde, Mitarbeiterin eines Berliner Bezirksamtes, bringt Menschen und Pferde heilsam zusammen. Menschen mit psychischen Problemen und ihr Therapiepferd Snowy. Sie ist, neben ihrem Hauptberuf, inzwischen auch Reittherapeutin, Heilpraktikerin, Pferdekundlerin – und betriebliche Suchtberaterin. Da sie künftig auch suchtkranken Menschen mit ihrem Pferd helfen will, meldete sie sich Ende des Sommers bei uns. Sie möchte gerne drei TrokkenPresse-LeserInnen eine Erstberatung spendieren. Natürlich mit Snowy, ihrem Therapiepferd, gemeinsam. Das war ein Grund für uns, sie einmal zu besuchen …

Liebe Rebecca, es war ein wundervoller Ausflug zu Dir auf den „Pferdehof Müller“ bei Nauen! Den Großstadtlärm von Millionen Autos und Menschen noch in Ohr und Gemüt – dann plötzlicher Frieden inmitten der Felder und Bäume. Aaaah! Reine Luft. Nur Hühnergackern. Blätterwispern. Pferdeschnauben. Quer über den weiten Acker stapfen bis hin zur Sommerweide, Snowy zurück zum Hof führen. Striegeln, streicheln, fühlen. Weiche Pferdelippen und warmer Atem neugierig an meiner Hand. Anlehnen an das große, starke, warme Tier. Mein Herz geht auf. Es gibt nur das Jetzt, jedes „Muss-noch-dies“ und „Soll-ja-das“ ist verschwunden aus meinem Kopf. Es liegt wohl nicht nur AUF dem Rücken der Pferde, das Glück dieser Erde … Nähe reicht auch schon. Die Reittherapie, die Rebecca Böde anbietet, könnte auch einfach Pferdetherapie heißen. Denn es geht ihr gar nicht darum, dass ein Klient unbedingt hinauf muss in den Sattel. Mit dem Tier zusammen zu sein in der Natur genüge manchem schon, sagt sie. Deshalb bekommt jeder Mensch, der bei ihr Hilfe sucht, ganz individuell genau das, was er gerade braucht. Ihr Motto: „Ängste, Probleme und psychische Erkrankungen aller Art sind nicht in Stein gemeißelt. Das Gehirn ist fähig, neue und gesunde Strukturen zu entwickeln.“ Wie das mit einem Tier gelingen kann? Dazu später im Interview mehr.

Wie bist Du als Nichtabhängige zum Thema Sucht gekommen?

Mein Vater war Alkoholiker. Er hat sein halbes Leben lang viel getrunken, ist irgendwann in der Klinik gelandet, auch mit Korsakow-Symptomen und Diabetes. Er konnte nicht mehr selbst für sich sorgen, starb vor drei Jahren. Ich hatte zwar seit der Scheidung meiner Eltern fast keinen Kontakt mehr, aber ich habe mich oft gefragt, warum konnte ihm keiner helfen? Denn manche Menschen schaffen es ja, machen eine Entwöhnung, finden wieder Perspektiven für ihr Leben. Die Frage hat mich immer begleitet.

Nun bist Du kollegiale Suchtberaterin, was heißt das?

Ich arbeite im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Kollegen, die Suchtprobleme haben, kommen zu mir und fragen um Rat: ich kann so nicht mehr weitermachen, was kann ich machen … Ich hatte mich dafür beworben und eine einjährige Ausbildung am Institut für betriebliche Suchtprävention gemacht.

Wenn ich als Suchtkranke heute eine Therapie bei Dir beginnen würde …

Wir würden ein Erstgespräch führen. Klären, was möchtest du erreichen, was versprichst du dir von der Reittherapie? Geht es für dich mehr ums Streicheln, Liebhaben, Pflegen, um eine schöne Zeit in der Natur, mit dem Pferd? Oder geht’s dir nur ums Reiten, willst du nur aufs Pferd rauf, willst du nur von oben die Welt erkunden? Oder möchtest du dein Selbstbewusstsein stärken und Snowy durch einen Parcours führen, das nennt man Bodenarbeit. Man kann lernen, durch Gassen zu gehen, eine Führposition zu übernehmen und das Pferd folgt einem. Oder magst du geführtes Reiten im Schritt und von oben einfach genießen? Vielleicht hast du Reiterfahrung, du könntest den Snowy selbst reiten, auf der Reitbahn durch kleine Parcours … so würde ich erstmal rangehen und dann gucken, wie man in den nächsten Stunden Bedürfnisse und Kompetenzen weiter ausbaut.

Ich muss als Klient also noch nicht reiten können?

Bei mir musst du nichts können, nicht reiten, nicht die Zügel festhalten, du darfst einfach nur genießen. Obendrauf sitzen, dich führen lassen. Du kannst dich natürlich ranarbeiten: Ich möchte jetzt selbst ein bisschen die Führung übernehmen. Mich weiterentwickeln mit dem Pferd bis dahin, dass ich selbst reiten oder führen kann. Ich achte schon sehr genau drauf, ob meine Klienten überfordert damit sind oder ver/erschreckt, dann kann man darauf eingehen und einen Schritt zurückgehen. Und ich sage meinen Menschen da oben immer, dass sie auch sagen können, wie es ihnen damit geht.

Apropos „oben“: Wie „sicher“ ist Dein Therapiepferd für Unerfahrene?

Snowy ist ein ruhiger, ausgeglichener Trabermix, Traber haben ein großes Herz, auch im übertragenen Sinne. Er ist ein sehr soziales Tier, vielleicht auch, weil er als Fohlen fast verhungert wäre, wenn Herr Müller ihn nicht hierhergeholt und aufgepäppelt hätte. In der Herde, als Rangmittlerer, nimmt er sich eher anderer an, als jemanden wegzubeißen. Auch allen anderen Tieren hier begegnet er freundlich, den Hühnern, den Hunden, dem Ganter. Ich habe ihn zum Beispiel auch an fremde Gegenstände gewöhnt, an große Bälle, Plastikplanen auf Wegen und viele Schrecksituationen geübt. Snowy ist zwar noch jung, aber ich kann mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Er passt auf den Reiter auf, der auf ihm sitzt.

Wie kann Deine Therapie süchtigen Menschen helfen?

Suchtkranke, die trocken sind, eine Entgiftung hinter sich haben, sitzen vielleicht nun Zuhause, in der Wohnung und fragen sich, was sie jetzt mit der ganzen Zeit anfangen wollen, mit dem Leben. Vielleicht  fange ich ja doch wieder an zu trinken, weil alles so sinnlos ist? Sich bewegen, in der Natur zu sein und gerade das Zusammensein mit Tieren setzt ganz viele positive Gefühle frei, die derjenige braucht, der sich innerlich leer fühlt oder Saufdruck hat. Ein Tier lenkt ab, die Nähe, das Streicheln senken den Cholesterinspiegel, den Blutdruck, den Herzschlag, und zwar bei beiden, beim Pferd und bei demjenigen, der es zum Beispiel putzt. Und man kann vielleicht auch seine Zukunft klarer sehen: Ok, es gibt also nicht nur meine vier Wände, den Alkohol, die Selbsthilfegruppe – ich muss vielleicht auch wieder was für mich tun und kann in der Natur neue Ressourcen für mich finden, Freude, ich fühl mich da wohl … Das Pferd kann lehren, eigene Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, eigene Gefühle, das Reiten kann helfen, die eigene Stärke, den Selbstwert wieder zu entdecken.

Du arbeitest momentan viel mit Kindern. Weshalb kommen sie zu Dir und Snowy?

Bei Kindern soll meist das Sprechen gefördert werden oder der Gleichgewichtssinn geschult. Oder das soziale Verhalten, um überhaupt wieder eine Bindung eingehen zu können zu einem verlässlichen Partner – zur Therapeutin, zum Pferd. Vieles geschieht nebenbei. Es ist so spielerisch, Pferde haben einen so hohen Aufforderungscharakter, dass die Kinder gar nicht merken, in welchen Bereichen sie gefordert werden, die Feinmotorik durchs Putzen zum Beispiel.

Was brauchen die erwachsenen Klienten?

Erwachsene kommen meist zu mir, weil sie Depressionen haben und die herkömmlichen Gesprächstherapien in irgendwelchen Büros sie gar nicht weitergebracht haben. Sie sagen immer: „Ja, er sagt mir, ich soll dieses und jenes machen, aber irgendwie ändert sich nichts für mich, ich habe immer noch Ängste, immer noch Depressionen.“ Da ist für mich schlüssiger: Geht raus in die Natur, macht was, setzt dem Gehirn neue Bilder, neue Eindrücke, geht in die Sonne, bewegt euch, kommt auf andere Gedanken, dann kommt der Rest vielleicht von ganz alleine. Oder: Denkt überhaupt mal gar nicht an Probleme. Wenn man hier und jetzt sein muss mit dem Pferd, gelingt das.

Viele wollen sich auch nur einfach mal Anlehnen ans Pferd. Oder wenn sie Berührungsängste mit Menschen haben, können sie sich mit dem Pferd langsam rantasten. Manche bleiben einfach eine halbe Stunde beim Pferd, putzen es, schnuppern am Pferd, die riechen so wunderbar, spüren das warme Fell, genießen die Zeit mit so einem großen Tier, dem Therapiepartner.

Also eine andere Herangehensweise an Depressionen ?

Ich rate jedem, macht was draußen, fahrt Fahrrad, lernt Menschen kennen, setzt euch in die Sonne … bleibt nicht zuhause, auch wenn es schwerfällt, sich aufzuraffen. Holt euch positive Dinge ins Leben, die Spaß machen, probiert Dinge aus, macht einen Zeichenkurs, nehmt ein heißes Bad, kocht einen tollen Tee, Hauptsache, ihr bewegt euch, holt euch neue Eindrücke. Das trifft auch auf Suchtkranke zu.

Das Besondere an Deiner Therapie ist, dass sie heilpraktisch stattfindet, ganzheitlich?

Ja, ich nutze zum Beispiel die euthyme Therapie, in der man bewusst alle fünf Sinne benutzt. Statt nur in einem Zimmer zu sitzen und mit einem Therapeuten zu sprechen, spüren wir Wind und Sonne auf der Haut, nehmen Gerüche wahr, wie riecht eigentlich Heu, das Pferd, die Tanne neben mir, wir hören Vögel zwitschern, Pferde schnauben … Diese Freude kann man mit in den Alltag nehmen … oder in ein Schatzkästchen packen: Das holst du dir vielleicht mal raus, wenn es dir mal nicht so gut geht. Es ist eine Genuss-Therapie, bei der es einem schon von sich aus besser geht.

Man kann auch tolle Entspannungsübungen machen auf dem Pferderücken, durch Atmung Stress abbauen. Dieses Getragenwerden, diese Schaukelbewegung kann auffangen, nachsorgen, was man vielleicht all die Jahre vermisst hat in einer nicht so guten Kindheit.

Woher weißt Du, dass Deine Therapie etwas bewirkt?

Ich frage meine Klienten vorher, wie es ihnen geht auf einer Skala von 1 bis 10 und danach auch. In der Ausbildung hatten wir 50 Klienten aus psychotherapeutischen Einrichtungen, 90 Prozent ging es vorher 2, sie hatten einen schlechten Tag, waren traurig. Und nach der Therapie waren sie auf 8, auf 9. Sie haben sich immer auf die Reittherapie gefreut, da wollten immer alle hin.

Wie viel Therapie braucht man?

Ich biete einmal wöchentlich eine Stunde an. Etwa 5-10 Stunden sollte man ausprobieren, ob und bis eine Verbesserung stattfindet.

Die 65 Euro pro Stunde zahlen die Krankenkassen aber nicht?

Die gesetzlichen leider nicht. Private bezahlen es ab und an, wenn man nachweisen kann, dass man innerhalb von drei Monaten keine passende Psychotherapie gefunden hat. Manchmal gibt es auch Zusatzversicherungen für heilpraktische Behandlungen. Einige meiner Klientinnen haben bei Stiftungen um einen Zuschuss für eine Reittherapie gebeten. Stiftungen, die eventuell spenden würden, sind unter vielen anderen z.B. die Uwe–Seeler–Stiftung und die Deutsche Bank Stiftung. Der Bedürftige muss genau begründen, warum er dringend eine Reittherapie benötigt. Bei Kindern gibt es noch viel mehr Förderung …

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie Interesse an einer Erstberatung bei Rebecca Böde? Dann melden Sie sich bitte. Wir verlosen dann aus allen Teilnehmern drei GewinnerInnen.

Weitere Infos zur Reittherapie unter:

www.meinereittherapie.de