Titelthema 05/15: Süchtig – Was passiert im Gehirn?

TP-5Süchtig: Was passiert in unserem Gehirn?

„Trink doch einfach mal nichts mehr!“
Diesen wohlmeinenden oder kopfschüttelnden Ratschlag hören Alkoholabhängige oft. Dahinter steckt meist die noch weit verbreitete Meinung, dass missbräuchliches Saufen doch nur ein Ausdruck von Willensschwäche sei. Obwohl inzwischen wohl bekannt und wissenschaftlich erwiesen ist, dass Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist. Und dass ein nasser Abhängiger gar nicht mehr die freie Wahl hat, in einem bestimmten Moment zu trinken oder eben nicht zu trinken.

„Jeder Abhängige sollte sich klar machen, dass das Verlangen nach der Droge von Gehirnregionen angestoßen wird, die nicht der willentlichen Beeinflussung unterliegen“, erklärt Rolf Schneider in der „Suchtfibel“ (14. Auflage, S. 427).

Also: Was genau geht da – ohne unser Zutun – in unserem Gehirn vor sich?

Dr. Thomas Redecker, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik der MEDIAN Klinik Flachsheide/Bad Salzuflen, stellte uns dazu die gekürzte Fassung seines Vortrages zum Thema zur Verfügung, Der süchtige Hirnstamm. Eine neurobiologische Betrachtung der Abhängigkeitserkrankung“ :

Ursache der Suchtentstehung:

Von den Fachleuten sind verschiedene Ursachenbündel für die Entstehung und Aufrechter-haltung der Abhängigkeitserkrankung herausgefunden worden. Zu diesem Ursachenbündel werden erbliche Veranlagungen (genetische Dispositionen) und der Umgang mit Suchtmitteln in der Familie gezählt. Außerdem spielt die Verfügbarkeit des Suchtmittels eine Rolle und die Bewertung des Suchtmittels in der Gesellschaft und im persönlichen Umfeld. Weiterhin wird Alkohol z.B. eingesetzt, um Ängste und Depressionen zu lindern, das Selbstwertgefühl zu steigern und unangenehme Zustände wie Anspannung, Stress oder Schmerzen kurzfristig zu beseitigen.
Die langfristige Konsequenz des Suchtmittelkonsums ist dann jedoch negativer Art mit den zuvor beschriebenen körperlichen, psychischen und sozialen Problemen.
Sucht ist somit ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild.

Beteiligung des Gehirns (ZNS):

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit der Beteiligung des Gehirns (zentrales Nervensystem) beschäftigt, um herauszufinden, in welcher Art und Weise das Gehirn an der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung beteiligt ist. Man kann die Gehirnfunktionen in vier große Bereich aufteilen:

Großhirn, Kleinhirn, Mittelhirn, Stammhirn/Hirnstamm.

Im Folgenden werden die wichtigsten Funktionen dieser Hirnteile vereinfacht beschrieben:

Das Großhirn, der jüngste Teil des menschlichen Gehirns, hat vielfältige Aufgaben im Bereich der Muskelbewegung, der Gefühlswahrnehmung, der Planung und Entscheidung von Lebensereignissen und der Wahrnehmungsverarbeitungsprozessen. Im Stirnhirn (Frontalhirn) gibt es ein ganz wichtiges Zentrum. Hier soll das menschliche Bewusstsein lokalisiert werden, indem wichtige Entscheidungen und Bewertungen auf Bewusstseinsebene getroffen werden.

Das Kleinhirn steuert die Koordination, z.B. um eine Tasse Kaffee zielgerichtet zum Mund zu führen.

Im Mittelhirn (limbisches System) sind wesentliche Gedächtnisstrukturen und emotionale Verarbeitungsprozesse lokalisiert, die bei der Wahrnehmungsverarbeitung große Bedeutungen haben und auch die Bewusstseinsprozesse durch ihre Informationen beeinflussen. Im Mittelhirn ist das emotional-episodische Gedächtnis platziert, in dem z.B. alte Lebensereignisse gespeichert sind: der erste Schultag, der erste Kuss oder ähnliches. Es sind nicht nur Bilder, sondern auch Gerüche oder Lieder dort abgelegt.

Der Hirnstamm:

Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns und befindet sich vom Übergang der Halswirbelsäule in den Hinterkopf und ist mittelfingergroß. Im Hirnstamm werden die grundlegenden körperlichen Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Darmtätigkeit, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hunger, Durst und vieles andere präzise und lebenslang gesteuert. Dieser Steuerungsprozess ist autonom und unterliegt im Wesentlichen nicht der willentlichen Kontrolle. Auch das im Stirnhirn lokalisierte Bewusstseinszentrum ist nicht in der Lage, die Hirnstammprozesse auszuschalten oder bedeutsam zu beeinflussen. Dieses ist eine entscheidende Erkenntnis, die für die nachfolgenden Ausführungen Grundlage ist.

Das wesentliche Steuerungszentrum des Hirnstamms ist das neurovegetative Nervensystem mit den Bereichen des Sympathikus und des Parasympathikus, die im Sinne von Aktivierung oder Bremsung die einzelnen Körperfunktionen zielgerichtet und erfolgskritisch steuern. Die Notwendigkeit für die Autonomie dieses Systems ergibt sich dadurch, dass diese Steuerung der lebenswichtigen Funktionen auch im Schlaf funktionieren muss.

Man kann die Hirnstammprozesse ausschalten, z.B. durch eine Narkose während einer Operation. Dann ist es erforderlich, diese lebenswichtigen Funktionen wie Atmung und Herz- Kreislauf durch einen Narkosearzt überwachen zu lassen und ggf. durch eine künstliche Beatmung zu ersetzen.

Als Zwischenergebnis ist festzustellen:

Der Hirnstamm hat die Funktion, die lebenswichtigen körperlichen Prozesse zu steuern, der Hirnstamm arbeitet selbständig (autonom) und unterliegt im Wesentlichen nicht der Kontrolle des Bewusstseins (Großhirn).

Die modernen Forschungsergebnisse der Neuropsychobiologie und der bildgebenden Verfahren legen die Vermutung nahe, dass es im Hirnstamm ein alteingesessenes Belohnungszentrum gibt, welches die Aufgabe hat, positive Gefühle bei den betroffenen Menschen zu erzeugen. Ich würde das beschreiben als ein ‚Hurragefühl‘, welches sagt: „Das Leben ist schön.“ Dieses Belohnungszentrum im Hirnstamm arbeitet mit dem Neurotransmitter Dopamin, und eine bestimmte, im biologischen Rahmen festgelegte Dopaminausschüttung, erzeugt dieses angenehme ‚Hurragefühl‘. Aus Komplexitätsgründen werden andere wichtige Neurotransmittersysteme (Opiat-Endorphine, Serotonin, Glutamat) hier nicht besprochen.

Natürliche Belohnung (Verstärker):

Dieses Belohnungszentrum existiert schon einige Millionen Jahre ,vom Schöpfer als sinnvolle Ergänzung des menschlichen Daseins geschaffen. Folgende menschlichen Verhaltensweisen können zu einer Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führen: Ernährung, Sexualität, Beruflicher Erfolg (Mammuterlegen), Kreativität (Höhlenmalerei), Körperliche Bewegung (Tanzen, Singen), Soziale Kontakte.
Die Durchführung dieser Aktivitäten führt zu einer festgelegten Dopaminausschüttung in bestimmten Nervenzellen des Hirnstamms, die dann das anschließende ‚Hurragefühl‘ erzeugen. Die Dopaminausschüttung bewegt sich im Nanogrammbereich.
Zum besseren Verständnis sagen wir, dass der Verzehr eines Mammutkoteletts ‚1 kg‘ Dopamin ausschüttet, ein Waldlauf durch den Urwald ebenfalls‚1 kg‘ Dopamin und eine Liebesstunde des Höhlenmenschenpaares auch‚1 kg‘ Dopamin.
Eine erhebliche Steigerung der Dopaminausschüttung durch die Kombination von verschiedenen Dingen ist nicht zu erwarten, weil natürliche Mechanismen im Sinne eines biologischen Gleichgewichtes nur wenig Variation erfordern.

Schutzreaktion der Nervenzelle:

Viele Millionen Jahre hat dieses System gut funktioniert, und es ist dadurch durcheinander geraten, dass die chronische Einnahme von ‚Hurragefühl-erzeugenden-Substanzen‘ (Suchtmitteln) ebenfalls Wirkung auf die Dopaminausschüttung im Hirnstamm hat. Das ist der Konsum von Wein, das Rauchen von Cannabis, Konsum von Kokain, und ebenfalls Verhaltenssüchte scheinen Einfluss auf die Dopaminausschüttung zu haben, wie z.B. Glücksspiel sucht, pathologischer PC-Gebrauch, Kaufsucht und ähnliches.
Wichtig ist zu wissen, dass die Einnahme von psychotropen Substanzen (Suchtmitteln) zu einer vielfachen Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führt. Diese Ausschüttung ist abhängig von den konsumierten Substanzen und kann bis zum 20-fachen der natürlichen Dopaminausschüttung sein.
Die 20-fache Ausschüttung eines Neurotransmitters ist für die Nervenzelle im Hirnstamm eine giftige (toxische) Bedrohung. Es kann sein, dass sie ihre Funktion nicht mehr richtig ausführen kann oder, dass sie durch die Überkonzentration sogar in ihrer Funktion zerstört wird. Aus diesem Grunde ist die Nervenzelle in der Lage, bei chronischer Vergiftung durch ein Suchtmittel (Alkohol, Cannabis etc.) Schutzmechanismen zu entwickeln, damit von den ,20 kg‘ Dopamin nur noch ,1 kg‘ Dopamin in der Zelle aufgenommen werden kann.

Bildlich gesehen kann man sich vorstellen, dass die Zelle ihre Eingangspforten und ihre Zellwand so stark verändert, dass von den um die Zelle herumschwimmenden ,20 kg‘ Dopamin nur ,1 kg‘ Dopamin aufgenommen wird. Dadurch kann das entsprechende ‚Hurragefühl‘ (positive Verstärkung) kurzfristig erzeugt oder später das unangenehme ,Ich-quäl-mich- Gefühl‘ beseitigt werden(negative Verstärkung). Dieser Schutzmechanismus ist je nach Suchtmittel ein langwieriger Prozess und kann Monate bis Jahre dauern.

Bei der Alkoholabhängigkeit wissen wir, dass diese Entwicklung 10-20 Jahre dauern kann und ein typisches Phänomen dieser neurobiologischen Veränderung ist die Toleranzentwicklung und die dadurch erforderliche Dosissteigerung, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Plötzliche Abstinenz:

Entscheidet sich nun ein Konsument aufgrund von äußerem Druck durch Arbeitgeber, Ehepartner oder Gericht dazu, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, kommt es zunächst zu den typischen psychovegetativen Entzugserscheinungen, die eine qualifizierte Entgiftung in einer Klinik, in einer Tagesklinik oder bei einem niedergelassenen Arzt erforderlich machen. Je nach Komplikation (Delir, Entzugskrampfanfall) ist dann de geeignete Ort für die qualifizierte Entzugsbehandlung zu wählen.
Nach Abklingen der klassischen Entzugssymptome spricht man dann von der Entwöhnungsphase. Diese Entwöhnungsphase kann im Rahmen einer ambulanten, ganztägig ambulanten oder stationären Entwöhnungsbehandlung und mit Unterstützung der Selbsthilfegruppe durchgeführt werden.

Gerade die ersten Wochen nach der akuten Entzugsbehandlung sind von neurobiologisch besonderer Bedeutung und sollen deswegen ausführlich dargestellt werden. In diesen ersten Wochen der Entwöhnungsphase geht der betroffene Mensch durch die Wüste der ‘Freudlosigkeit‘ und ist besonders anfällig für gereizte Stimmungen, Suchtdruckattacken und wechselnde Motivationslagen in Bezug auf Krankheitsakzeptanz und Abstinenz. Diese Prozesse sind auch neurobiologisch durch Prozesse im Hirnstamm mitbedingt und sollen zum Verständnis dieser schwierigen Therapiephase dargestellt werden.

Zeit der Freudlosigkeit (Anhedonie):

Nach der Entgiftung befindet sich das Belohnungszentrum im Hirnstamm am Anfang der Entwöhnungsphase, die nach meiner Erfahrung 6-12 Wochen anhalten kann. Die Nervenzelle im Hirnstamm hat sich jahrelang gegen die Überdosis von Dopamin geschützt und entsprechende Veränderungen an der Zellwand und an den Eintrittskanälen durch mühselige Modifikation hergestellt. Das Großhirn des Konsumenten hat aufgrund von externem Druck entschieden, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, hat die aktive Entzugsphase überstanden und befindet sich nun in einem Stadium der Gereiztheit und der Freudlosigkeit.
Dieses geschieht dadurch, dass die Nervenzelle im Hirnstamm noch ihre jahrelang aufgebauten Schutzmechanismen hat, die die Dopaminaufnahme in die Zelle reduzieren. Der Alkohol-, Cannabis- oder Kokainkonsum, der eine ,20 kg‘-Dopaminausschüttung bewirkt hat, findet nicht mehr statt und die natürlichen Mechanismen wie Essen, Sport, Sexualität erzeugen nur ,1 kg‘ Dopamin. So befindet sich der betroffene Mensch in einem ‚Dopaminmangelzustand‘, weil durch die natürlichen Prozesse die ,20 kg‘ Dopamin nicht erzeugt werden können. Der Abbau der Schutzmechanismen in der Nervenzelle benötigt nach meiner Erfahrung einige Wochen bis Monate, so dass hirnstammbedingt richtige Freude oder ‚Hurragefühle‘ der alten Art oder vergleichbar mit dem Suchtmittelkonsum nicht erzeugt werden können. Betroffene suchtkranke Menschen versuchen dies durch das Phänomen der Suchtverlagerung, nämlich durch verstärktes Essen, Rauchen, Kaffeekonsum etc., zu kompensieren.

Auf diesem Wege soll versucht werden, die natürliche Dopaminausschüttung zu steigern, was aber nur bedingt möglich ist, sodass allenfalls nur ganz kurzfristig eine Linderung spür- bar ist. Dass für die Erzeugung von positiven Gefühlen noch andere Neurotransmitter wie Serotonin, Endorphine etc. erforderlich sind, steht außer Frage, soll aber in diesem Artikel nicht weiter ausgeführt werden. In dieser ‚Dopaminmangelphase‘ haben wir es häufig mit gereizten, in der Motivation wechselnden und in ihrer Wirksamkeitserwartung eingeschränkten Menschen zu tun, den immer wieder Mut gemacht werden sollte, durch diese Mangelsituation ohne Rückfall durchzugehen, weil die ,Oase der Freude‘ in 6-12 Wochen erreicht werden kann.
Dazu dienen in den Suchfachkliniken z.B. Fachvorträge für die Patienten zu diesen neurobiologischen Veränderungen. Die therapeutischen Mitarbeitenden und der medizinische Bereich (Ärzte, Pflegedienst) sind auf diese Veränderungen und die damit verbundenen emotionalen Krisen eingestellt und können mit psychotherapeutischen, psychiatrischen und pharmakologischen Maßnahmen Linderung verschaffen. Entscheidend ist, dass die Nervenzelle im Hirnstamm bei ihren Heilungsvorgängen nicht gestört wird durch erneute Rückfälligkeit (Substanzkonsum), weil diese die Heilungsvorgänge zumindest unterbrechen oder stoppen würde.

Der betroffene Mensch bemerkt die Heilungsvorgänge daran, dass er plötzlich wieder Vögel zwitschern hört, sich an der Sonne erfreuen kann und dass die natürlichen Verstärker und die damit verbundene Dopaminausschüttung die entsprechenden alt- vertrauten ‚Hurragefühle‘ erzeugen, ohne dass dafür ein Doping (Suchtmittelkonsum/ Verhaltenssüchte) erforderlich ist. Diese Erfahrung, die nach 6-12 Wochen eintritt, verstärkt die Therapie- und Behandlungsmotivation und unterstützt die psychotherapeutischen, ärztlichen, kreativtherapeutischen und arbeitstherapeutischen Maßnahmen. Sie sind Ergebnis eines Selbstheilungsprozesses im Hirnstamm, der durch die Abstinenz vom Suchtmittel in Gang gesetzt wird.

Salopp gesprochen ist die Aufgabe des therapeutischen Teams, den Patienten solange bei Laune zu halten, bis die Selbstheilungskräfte im Hirnstamm die alten Mechanismen des Belohnungszentrums wieder reaktiviert haben.

Sinnvolle Therapieregeln:

Im Folgenden möchte ich erklären, warum gerade in der ersten Phase der Entwöhnung bestimmte therapeutische Interventionen und Regeln der Hausordnung sinnvoll sind.
In dieser besonders kritischen Phase der Entwöhnung befindet sich der Hirnstamm, wie zuvor beschrieben, in einer Mangelsituation durch die Schutzmechanismen der Nervenzelle. Wenn nun ein suchtkranker Patient, der in einer Entwöhnungsklinik aufgenommen wird, nach zwei Wochen Einzelausgang hat, erlebt er beim Einkaufen in einem Warenhaus ein neurobiologisches Feuerwerk, beispielsweise, wenn er an den Getränkeregalen vorbeigeht oder auf dem Weg zum Warenhaus von einem Dealer angesprochen wird mit der Frage, ob er nicht was „klarmachen“ möchte (Kokainkauf).
Das Belohnungszentrum funktioniert als Erwartungsbelohnungszentrum in der Form, dass die Wahrnehmung und Erwartung, es komme bald zu einer Suchtmitteleinnahme, schon beim Gedanken daran zu einem positiven Grundgefühl als eine Art Vorweg-Belohnung führt. Ich möchte dies am Beispiel eines hungrigen Mannes deutlich machen:

Ein hungriger Mann geht mit seiner Ehefrau zum Einkaufen und äußert den Wunsch, dass er auf seine Lieblingspizza bei seinem „Lieblingsitaliener“ Lust hat. In der gewählten Pizzeria sind fünf Tische vorhanden. Tisch ‚Eins‘ ist besetzt und der hungrige Mann und seine Partnerin setzen sich an Tisch ‚Zwei‘. An Tisch Eins wird die Lieblingspizza „Tutti Gusti“ bestellt und gebracht. Schon durch das Beobachten entsteht bei dem hungrigen Mann ein angenehmes Gefühl. Die Vorstellung, in absehbarer Zeit (in einigen Minuten) diese Pizza ebenfalls essen zu können ist mit der entsprechenden Dopaminausschüttung verbunden. Mittlerweile sind alle Tische besetzt und auch diese Gäste haben Pizza „Tutti Gusti“ bestellt. Beim nächsten Öffnen der Küchentür wird die duftende Pizza an unserem hungrigen Mann vorbei an Tisch Drei gebracht. Zunächst entsteht bei ihm eine kleine Enttäuschung. Dasselbe wiederholt sich mit Tisch Vier und Fünf und Sie können sich vorstellen, dass mit der Zeit bei unserem Mann eine zunehmende Gereiztheit bis zu aggressiven Impulsen entsteht, was neurobiologisch auch mit der Nichterfüllung der angekündigten und erwarteten Dopaminausschüttung zu erklären ist. Wenn wir diese Situation auf einen suchtkranken Menschen in der ersten Phase der Entwöhnung übertragen, ist der Besuch eines Warenhauses, das Beobachten des Konsums auf einem Schützenfest, der Besuch einer Tankstelle oder das Anschauen von Werbefilmen vergleichbar mit der zuvor geschilderten Pizzeria-Situation.

Der Hirnstamm befindet sich in einer Mangelsituation und es kommt bereits bei der Ankündigung oder Vorstellung eines möglichen Suchtmittelkonsums zu einer gewissen Neurotransmitterausschüttung, die kurzfristig zu einem angenehmen, jedoch bei Nichterfüllung zu einem sehr unangenehmen Gefühl führt.
Dieses kann sich in einem direkten Suchtdruck äußern (Verlangen nach dem Suchtmittel) oder in einem indirekten Suchtdruck (Auftreten von unangenehmen Zuständen), die dann häufig nur durch den Suchtmittelkonsum beseitigt werden können, weil die natürlichen Verstärker zu einer nicht ausreichenden Dopaminausschüttung führen können. Neurobiologisch befindet sich der Patient in einer Zwickmühle: ausgelöst durch Hinweisreize wird eine jahrelang vertraute Belohnung nicht erfüllt. Es kommt zu einem unangenehmen Zustand, der selbst nicht durch natürliche Verhaltensweisen wieder ausreichend reduziert werden kann. Dieses erzeugt einen starken Drang auf alte und vertraute Suchtverhaltensweisen zurückzugreifen. Zur Bewältigung dieser Krisensituationen sind suchtmedizinische, suchttherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen unterstützend hilfreich.

Erst im Laufe der Zeit lernt der Patient alternative Bewältigungsstrategien und mit den zunehmenden Heilungsprozessen im Hirnstamm nehmen diese neurobiologisch bedingten, aufrechterhaltenden Bedingungen deutlich ab. Dieses Phänomen sollte bei den Ausgangs- regeln und Therapieregeln berücksichtigt werden! Der suchtkranke Mensch sollte darauf hingewiesen werden, dass der Besuch eines Schützenfestes oder die Teilnahme an einer Party, auf der eine ‚Tüte‘ rumgeht, mit einer erheblichen Belastung für den Hirnstamm und die anderen Bereiche des Gehirns verbunden ist.

Suchtgedächtnis:

Schlussendlich sollen noch Aspekte des Suchtgedächtnisses, das sich durch den jahrelangen Konsum ebenfalls im Hirnstamm/Mittelhirn entwickelt hat, Berücksichtigung finden.

Im Suchtgedächtnis sind die schönsten Trinkerlebnisse, die aufregendsten Abenteuer unter Alkohol sowohl inhaltlich als auch emotional gespeichert. Darüber hinaus gibt es direkte und indirekte Hinweisreize, durch die das Gehirn gelernt hat, dass zeitnah ein Suchtmittelkonsum zu erwarten ist. Bei Alkoholkranken kann dies das Ansehen einer Bierflasche, Alkoholwerbung im Fernsehen, der Besuch eines Grillfestes oder ähnliches sein. Bei heroinabhängigen Menschen könnte es das Finden eines Spritzenbesteckes, Aluminiumfolie, Löffel, Kerze und Feuerzeug bedeuten. Glücksspielsüchtige Menschen reagieren womöglich auf blinkende Lichter an einem Wandgerät, Spielhallenatmosphäre oder eine bestimmte Geräuschkulisse. Diese im Suchtgedächtnis gespeicherten Hinweisreize erzeugen im Sinne eines Erwartungsbelohnungssystems eine entsprechende Ausschüttung von Neurotransmittern (Dopamin), die das erwartete ‚Hurragefühl‘ erzeugt.
Wenn dieses erwartete ‚Hurragefühl‘ nicht eintritt, kommt es kurzfristig zu einer negativen Stimmungslage mit Gereiztheit und Unzufriedenheit, die dann wie zuvor beschrieben, suchtmittelkonsumauslösend wirken kann. Auch hier benötigt das Gehirn mehrere Monate, um Veränderungen in der Wahrnehmung und Bewertung von Hinweisreizen vorzunehmen.

Fazit:

Abschließend möchte ich allen Betroffenen Mut machen sich auf den Heilungsprozess der Suchterkrankung einzulassen und dem Hirnstamm die Zeit zu geben, seine Heilungsprozesse ungestört durchführen zu können.

Abstinent lebende Menschen erleben eine Heilung auf körperlichem, psychischem und sozialem Gebiet und machen viele positive Erfahrung auf ihrem spirituellen Weg. Die Suchterkrankung ist ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild. Sie ist eine chronisch rezidivierende Erkrankung, wobei das Rückfallgeschehen einen Ausdruck der Erkrankung darstellt. Entscheidend ist, dass es gute Heilungschancen in einem regionalen Suchthilfesystem unter Einbeziehung der Suchtselbsthilfe gibt. Der vorliegende Vortrag soll dazu dienen, betroffenen Menschen und deren Angehörigen bestimmte neurobiologische Phänomene zu erklären, um in der ersten Phase der Entwöhnung die Abstinenz durchzuhalten und vorhandene Hilfsangebote des Suchthilfesystems in Anspruch zu nehmen.

 

Dr. med. Dipl.-Psych. Thomas Redecker

Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

 

Titelthema 4/15: Wenn Eltern trinken …

Fotomontage: B-Balschus Fotos: Dieter Schütz _pixelio.de, PBAM-Fotogruppe

Fotomontage:
B-Balschus
Fotos:
Dieter Schütz _pixelio.de,
PBAM-Fotogruppe

Wenn Kinder zu Eltern ihrer Eltern werden

Familiäre Suchtprobleme haben gravierende Auswirkungen auf Kinder

von Henning Mielke

Bei den Südseeinsulanern gibt es einen Brauch: Will man eine leerstehende Hütte vor Plünderei schützen, so verschließt man die Eingangstür mit einer Knotenschnur. Setzt sich jemand über diese Schutzmaßnahme hinweg, so hat er Unheil zu fürchten. Das Zerreißen der Schnur zieht einen Fluch nach sich. Tapu-Schnüre werden diese polynesischen Diebstahlsicherungen genannt. Als „Tabu“ fanden sie Eingang in unseren Wortschatz. Wenn ein ungeschriebener gesellschaftlicher Konsens es verbietet, ein bestimmtes Thema anzusprechen und es damit der Diskussion entzieht, spricht man von Tabuisierung.

Wenn die Sprache auf Kinder kommt, deren Eltern suchtkrank sind, erlebt man, wie machtvoll Tabus sind. Denn in unserer Gesellschaft ist es nicht opportun, Eltern auf die Art und Weise anzusprechen, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Noch weniger opportun ist es, Menschen ihre Sucht anzusprechen. Jeder Leser und jede Leserin möge es einmal gedanklich für sich durchspielen, wie es sich anfühlt, einem Nachbarn respektvoll und höflich zu sagen: „Ich nehme wahr, dass sie sehr häufig alkoholisiert sind und ich mache mir Sorgen um das Wohl ihrer Kinder.“ Da hängt eine dicke Knotenschnur vor der Tür des Nachbarn.

Kinder aus suchtbelasteten Familien sind deshalb so schwer für Hilfeangebote zu erreichen, weil familiäre Suchtprobleme und die Auswirkungen auf Kinder wie ein doppeltes Tabu wirken. Die Familien verleugnen das Suchtproblem und schotten sich gegenüber Hilfeangeboten ab. Und die Umwelt wagt es meist nicht, in diese Festung der Verleugnung einzudringen. Die Kinder sind in der Geiselhaft der Sucht. Ca. 2,65 Millionen Kinder suchtkranker Eltern gibt es in Deutschland. Fast jedes sechste Kind kommt aus einer suchtbelasteten Familie, die weitaus meisten davon aus Familien mit Alkoholproblematik. Die Kinder leiden immens unter der Familiensituation, denn wo Sucht im Spiel ist, fehlen emotionale Zuwendung, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Sie übernehmen viel Verantwortung für ihre Eltern und deren emotionale Bedürfnisse. So geraten sie in eine dauerhafte Überforderung durch die sogenannte Parentifizierung, bei der sie im Extremfall buchstäblich wie die Eltern ihrer Eltern agieren. Für Spiel und Spaß bleibt kaum noch Raum und Zeit. Die Folgen einer solcherart geraubten Kindheit sind gravierend. Etwa ein Drittel der Kinder wird im Erwachsenenleben selber stofflich abhängig. Ein weiteres Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen. Das letzte Drittel geht einigermaßen unbeschadet aus der belastenden Kindheitssituation hervor.

Dieses letzte Drittel ist bedeutsam, um zu verstehen, wie man Kinder aus Suchtfamilien unterstützen kann. Studien haben Schutzfaktoren identifiziert, die es den Kindern ermöglichen, sich trotz widriger Kindheitsumstände relativ gesund zu entwickeln. Der wichtigste Schutzfaktor ist das Vorhandensein einer tragenden Beziehung zu einer erwachsenen Vertrauensperson außerhalb der Kernfamilie. Für die Entwicklung von Kindern ist es wichtig, dass Erwachsene sie in ihren Emotionen, in ihrer Persönlichkeit und in ihren Fähigkeiten widerspiegeln. Wenn Eltern suchtkrank sind, dann ist der Spiegel, in dem sich das Kind betrachtet, blind. Zwar lieben suchtkranke Eltern ihre Kinder, sie sind jedoch suchtbedingt meist nicht in der Lage, ihnen zuverlässig und beständig die Zuwendung zu geben, die sie brauchen. Eine Oma, ein Onkel, Eltern von Spielfreunden, eine Erzieherin oder ein Lehrer können dem von Sucht im Elternhaus betroffenen Kind ein verlässliches Gegenüber sein. Es ist wichtig, dass sie emotional präsent sind, dem Kind zuhören und ihm das Gefühl vermitteln, liebenswert zu sein. Diese Erfahrung ist in ihrer Wirkung für Kinder aus Suchtfamilien von immenser Bedeutung.

Ein zweiter wichtiger Schutzfaktor ist die Einsicht, dass die Eltern an einer Krankheit leiden. In den meisten Fällen suchen die Kinder die Ursache für die Sucht und das Unglück der Eltern bei sich. Tiefsitzende Schuld- und Schamgefühle sind die Folge. Wenn Kinder das Vorhandensein von Suchtproblemen im Elternhaus ansprechen, ist es daher wichtig, dass Erwachsene ihnen Basisinformationen über Sucht vermitteln:

 

Sucht ist eine Krankheit.
-Die Eltern sind wegen ihrer Sucht keine schlechten Menschen.
-Das Kind hat keine Schuld am Suchtproblem von Vater oder Mutter.
-Es kann den Eltern nicht helfen und es ist auch nicht seine Aufgabe, deren Sucht zu kontrollieren oder zu heilen.
-Das Kind hat trotz der Suchtkrankheit im Elternhaus das Recht, Kind zu sein, zu spielen, die Welt zu entdecken, -Freundschaften zu entwickeln und die eigenen Fähigkeiten zu erproben.

 

Diese Einsichten entlasten Kinder, helfen Ihnen, Schuld- und Schamgefühle zu überwinden und stärken ihr Selbstwertgefühl. Wenn ihnen erklärt wird, was Sucht ist, hilft dies, Angst abzubauen, weil sie das Verhalten der Eltern dann einordnen können.

 

Kinder aus suchtbelasteten Familien sind sehr loyal gegenüber ihren Eltern und wollen sie schützen. Für die Arbeit mit diesen Kindern im Kontext von Kindergarten, Schule, sozialer Arbeit, Gesundheitswesen und Jugendarbeit ist es daher wichtig, nicht in Aktionismus zu verfallen, sobald ein Verdacht auf ein familiäres Suchtproblem besteht. Das Wichtigste ist, zunächst eine vertrauensvolle Beziehung zu dem Kind oder Jugendlichen herzustellen und zu pflegen. Das Kind sollte ermutigt werden, über seine Emotionen und Wahrnehmungen zu sprechen. Wird dem Kind aufmerksam zugehört und wird es in seinen Gefühlen ernst genommen, hilft ihm dies zu entdecken, dass seine Gefühle ganz normal sind und dass es in Ordnung ist, traurig, verwirrt oder wütend zu sein. Wenn genügend Vertrauen aufgebaut ist, kann es sein, dass das Kind das Suchtproblem von sich aus anspricht. Dann ist es hilfreich, dem Kind die aufgeführten entlastenden Informationen über Sucht zu vermitteln.

Grundsätzlich profitieren Kinder suchtkranker Eltern von allen Aktivitäten, die es ihnen ermöglichen, Kind zu sein, ihre Fähigkeiten und Talente zu entdecken sowie soziale Fertigkeiten zu entwickeln. Dafür brauchen sie einen Raum, in dem sie ausgelassen spielen können. Alles, was das Selbstbewusstsein stärkt, unterstützt die Kinder, ihr eigenes Leben zu gestalten. Gleichzeitig gilt es für sie zu verstehen, dass sie ihre Eltern lieben und sich gleichzeitig von deren Suchtproblem lösen dürfen.

 

Mit der richtigen Art von Unterstützung können die meisten Kinder mit den suchtbedingten Schwierigkeiten einigermaßen zurechtkommen. Sobald ein Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt, muss jedoch über eine therapeutische Unterstützung nachgedacht werden. Gibt es Anzeichen von Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch, besteht die Pflicht, zum Schutz des Kindes tätig zu werden und in letzter Konsequenz auch das Jugendamt einzuschalten.

Eine besondere Untergruppe der Kinder aus suchtbelasteten Familien sind jene Kinder mit vorgeburtlicher Schädigung durch Alkohol.

 

Alkohol ist ein Zellteilungsgift. Wenn werdende Mütter Alkohol konsumieren, tritt dieser aus dem Blutkreislauf der Mutter in den des Embryos bzw. Fötus über. Insbesondere die Entwicklung des Gehirns wird durch den Alkohol negativ beeinflusst. Die Leber des ungeborenen Kindes ist in den ersten Monaten noch nicht in der Lage, eigenständig zu entgiften. So ist das Kind immer noch alkoholisiert, während die Mutter längst wieder nüchtern ist. Auf diese Weise kann das Zellteilungsgift Alkohol über lange Zeit schädigend auf den sich entwickelnden Organismus des Kindes einwirken.

 

Durch Alkohol während der Schwangerschaft kann ein ganzes Spektrum von Störungen verursacht werden, das unter dem Begriff FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorders) zusammengefasst wird. Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD) zeigen sich in Form von Hirnfunktionsstörungen und Fehlbildungen beim ungeborenen Kind.

Wie das Farbspektrum eines Regenbogens reicht das FASD-Spektrum von der voll ausgeprägten Form des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) über das schwächer ausgeprägte Partielle Fetale Alkoholsyndrom (PFAS) und die alkoholbedingten Geburtsschäden (Alcohol Related Birth Defects, ARBD) bis hin zur äußerlich nicht sichtbaren Form der alkoholbedingten neurologischen Entwicklungs­stö­rung­en (Alcohol Related Neurodevelopmental Disorders, ARND). Die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen sind fließend.

 

Zu den äußerlich sichtbaren Merkmalen bei FAS, und – schwächer ausgeprägt – bei PFAS und ARBD zählen Minderwuchs, Untergewichtigkeit und körperliche Missbildungen, insbesondere im Gesicht. Gravierender aber sind die unsichtbaren Schä­di­gungen des zentralen Nervensystems. Sie äußern sich u. a. in kognitiven und intellektuellen Beeinträchtigungen. Es bestehen Sprachdefizite und soziale Defizite, Verhaltensauffälligkeiten sowie Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Stö­rungen. Die Kinder können sich Informationen schlecht merken, neigen zu sozial unangemessenem Verhalten, haben Probleme, ihre Impulse zu kontrollieren, Handlungen zu planen und sind oft nicht in der Lage, mit abstrakten Konzepten wie z. B. Zeit oder Geld umzugehen.

 

Bei der äußerlich nicht sichtbaren Form ARND kann die Schädigung von Gehirn und zentralem Nervensystem genauso gravierend sein, die Diagnose ist jedoch wegen der fehlenden äußerlichen Merkmale erheblich schwieriger.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter ein Kind mit FASD auf die Welt bringt, steigt mit der Menge und der Dauer des Alkoholkonsums. Es gibt keinen Schwellenwert für ungefährlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Auch nichtsüchtige Schwangere, die im Rahmen des gesellschaftlichen Trinkens als normal angesehene Alkoholmengen konsumieren, können die Gesundheit ihres Kindes gefährden. Sogar ein nur einmaliger Vollrausch einer schwangeren Frau kann für das Kind gefährlich sein. Grundsätzlich sollte deshalb während der Schwangerschaft auf jeglichen Alkohol verzichtet werden. Umgekehrt gilt: Jeder Schwangerschaftstag ohne Alkohol erhöht die Chancen, ein Kind mit geringerer Schädigung zur Welt zu bringen.

 

Es liegen keine gesicherten Zahlen vor, wie viele Kinder jedes Jahr in Deutschland mit FASD geboren werden. Anhand europäischer Vergleichsstudien schätzen Expertem das Auftreten des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) in Deutschland auf 0,2 bis 8,2 Fälle pro 1000 Geburten. Die Inzidenz für alle Unterformen des FASD-Spektrums wird auf eine pro 100 Geburten geschätzt. Die Bundesdrogenbeauftragte geht für Deutschland aufgrund der hohen Dunkelziffer von jährlich 10.000 Neugeborenen mit FASD aus.

Fetale Alkoholspektrum-Störungen sind nicht heilbar. Die Entwicklung der Kinder kann jedoch durch Förderung und Unterstützung positiv beeinflusst werden. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass FASD zweifelsfrei diagnostiziert worden ist. Liegt die Diagnose vor, können die Kinder gezielt unterstützt werden, u. a. durch Logopädie, Ergotherapie und neuropsychologisch fundierte Psychotherapie. FASD-Kinder brauchen im Alltag eine gut strukturierte Umgebung, in der sie in ihrer Entwicklung unterstützt werden. Die wichtigste Hilfe und Unterstützung aber ist die Beziehung zu den Pflege- bzw. Adoptiveltern oder Heimerzieher/innen, die es den Kindern ermöglicht, eine sichere Bindung zu entwickeln und Liebe und Annahme zu finden.

 

Der Autor ist freier Journalist und Vorsitzender von NACOA Deutschland – Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e. V.

 

 

Informationen über Kinder aus suchtbelasteten Familien:

www.nacoa.de

www.traudich.nacoa.de
Informationen über Kinder mit FASD:

www.fasd-fachzentrum.de

www.fasd-deutschland.de

 

Titelthema 3/15: Vorsicht, Suchtverlagerung?

TitelVorsicht, Suchtverlagerung!?

Diesen erhobenen Therapeuten-Zeigefinger haben wohl alle noch vor Augen, die aus einer Entgiftung oder Entwöhnungstherapie kommen. Aber: Ist die Gefahr wirklich so groß? Und was ist überhaupt eine Suchtverlagerung?

Hier eine Definition (aus Wikipedia):

„Unter Abhängigkeitsverlagerung (Suchtverlagerung) versteht man das Ausweichen von Abhängigkeitskranken auf ein anderes Abhängigkeitsverhalten als das ursprüngliche. Eine Abhängigkeit wird durch eine andere ersetzt. So hat z. B. ein Alkoholkranker, der zwar mit dem Trinken aufhört, dafür aber Medikamente oder andere Drogen konsumiert, seine Abhängigkeitserkrankung nicht zum Stillstand gebracht, sondern sie nur auf eine andere Substanz verlagert. Werden die Ursachen der Abhängigkeit nicht aufgelöst – etwa im Rahmen einer Psychotherapie –, werden häufig andere Substanzen oder Tätigkeiten süchtig konsumiert bzw. ausgeübt und treten so an die Stelle der Ursprungssucht.“

So unterschiedlich die Menschen, so verschieden sind die Mittel und Stoffe als Ersatz: Der eine flüchtet in Arbeit, Kaufrausch, Sport oder Spiel, der andere greift zu Schlafmitteln, Cannabis, wird zum fanatischen Plätzchen-Esser oder mag ohne TV und Internet nicht mehr leben.

Es gibt bisher keine Erkenntnisse darüber, wie viele Abhängigkeitskranke nach einer Sucht in die nächste abgleiten, und in welche. Fakt ist aber, dass es tatsächlich passiert. Das belegt auch unsere kleine Umfrage im Internet:

„Heute bin ich gerade mal schlappe sechs Wochen nüchtern. Bei mir schleicht sich aber in jeder Trockenphase die Magersucht wieder ein und auch mein Koffeinkonsum übertrifft weit ein normales Maß. Vom Zigarettenrauchen will ich schon gar nicht anfangen …“

„Meine Suchtverlagerungen: Zunächst Kaffee. Totale Kopfschmerzen im Kaffeeentzug. Dann fast gleichzeitig Schokolade, maßlos. Wenn ich eine Tafel Schokolade aufgemacht habe, habe ich sie innerhalb kürzester Zeit auch verspeist. Und dann noch eine milde Form von Workaholic. War in den ersten 15 Jahren meiner Trockenheit nicht einen Tag krankgeschrieben …“

„Ich habe nach meiner Therapie viel Sport gemacht. Einerseits um meine inneren Spannungen abzubauen, aber auch, um mich körperlich total fit zu fühlen. Auch heute mache ich gerne Sport und bewege mich nach Möglichkeit, doch inzwischen weniger und weniger zwingend.“

„Ich sehe das Ganze nicht so verbissen. Für mich besteht Gefahr erst dann, wenn ich Substanzen zu mir nehme, die meine Persönlichkeit verändern, Alkohol und Drogen! Bei zu viel Schokolade riskiere ich schlimmstenfalls, fett zu werden. Das ‚Schlüsselwort‘ ist für mich ACHTSAMKEIT.“

Eine Differenzierung fällt auch deshalb schwer, weil heute die meisten Abhängigen bereits mehr als nur einem Suchtmittel verfallen sind (polytoxikoman oder mehrfachabhängig). So gehört zum Alkoholiker meist auch die Zigarette oder der Joint oder Tabletten werden in Verbindung mit Alkohol genommen. Kann man in diesen Fällen von einer Primär- und einer Sekundärsucht sprechen? Ist es wirklich so, wie vor allem in den Selbsthilfegruppen üblich: höre erst mal auf zu trinken, das mit dem Rauchen solltest du später angehen. Es ist schon schwer genug eine Sucht in den Griff zu bekommen, zwei würden deine persönlichen Kräfte überfordern. Oder muss die gesamte „Suchtpersönlichkeit“ geändert werden, denn wenn ein trockener Alkoholiker weiterraucht, hat er sein süchtiges Verhalten nicht geändert, es ist lediglich ein Stoff von mehreren weggefallen.

Wie bei vielen Dingen, ist auch hier die persönliche Prädisposition vermutlich entscheidend: der eine kann mit dem Trinken und dem Rauchen gleichzeitig aufhören, der andere schafft es nicht. Allerdings, auch das ist bewiesen, bedienen sich Abhängige mit ihrem gerade erst wieder erwachenden Selbstbewusstsein nur zu gerne der „du-schaffst-nur eine-Sucht“-Theorie. Es ist überhaupt erstaunlich, wie jede noch so krude Aussage von anderen genutzt wird, sein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Ein ganz Schlauer hat in der Sechs-Wochen-Therapie des AKB mal messerscharf geschlussfolgert: Sucht ist eine unheilbare Krankheit. Ich bin krank, die Krankheit ist unheilbar, also muss ich trinken.

Deshalb ist es so wichtig, dass jeder, der sich auf den Weg in die Abstinenz begibt, darauf achtet, ob andere Stoffe oder Verhaltensweisen nicht in eine erneute Abhängigkeit führen. Das ist in erster Linie eine Frage der Einstellung zur Sucht an sich und der persönlichen psychischen Fähigkeiten, bestimmte Belastungen oder Stress zu ertragen, ohne Ausgleich in einem anderen Suchtmittel zu suchen. Daraus ergibt sich auch die Frage, ob eine Suchtverlagerung nicht gleichzeitig auch ein Rückfall ist, nur mit einem anderen Mittel?

Bei trockenen Alkoholikern steigen oft der Kaffee-, Zigaretten-, Schokoladen- und Kuchenkonsum erheblich. Da freuen sich die meistens schon angeschlagenen inneren Organe! Die Leberzirrhose hat man gerade noch so umschifft, jetzt drohen der Diabetes oder der Lungenkrebs.

Mehr zum Thema Suchtverlagerung in unserem folgenden großen Interview mit Dr. Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Klinik in Berlin.

Wilhelm/Schiebert

Ist Suchtverlagerung ein Thema?

Gespräch mit dem Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik, Dr. Darius Tabatabai, über die Arbeit von Berlins renommierter Entwöhnungsklinik und das Thema „Suchtverlagerung“

TP: Wie beschreiben Sie das Profil der Spittler-Klinik am Auguste-Viktoria- Krankenhaus in Schöneberg?

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Grundverständnis für den Abhängigen. Wir wollen seine gesamte Persönlichkeit erfassen und arbeiten nach der psychoanalytisch- interaktionellen Methode. Die Konzepte von Hartmut Spittler, aber auch meinem Vorgänger Andreas Dieckmann, werden ständig weiterentwickelt. Auf Grund meiner langjährigen Tätigkeit an der Klinik konnte ich eine Reihe von eigenen Ideen verwirklichen.

Arbeitstherapeutische Prozesse, berufliche Wiedereingliederung und Familienarbeit sind wichtige Eckpfeiler unserer Arbeit. Dabei wird unser Angebot, auch die Kinder mit einzubeziehen, sehr gut angenommen. Die Freizeitgestaltung mit Sport, Chor und anderen Aktivitäten wird gut genutzt.

Außerdem spielt unser Standort „mitten im Leben“ eine wichtige Rolle. Schon vor der Kliniktür beginnt die Konfrontation mit dem Biertrinker im Bus, Risikofelder (Stammkneipe) müssen passiert werden, aber auch der Kontakt zur Familie und Besuche der eigenen Wohnung während der Therapie gehören dazu.

Wie ist die Klinik ausgelastet?

Das ist unterschiedlich. Zeitweise können wir neue Patienten sofort aufnehmen, manchmal ergeben sich Wartezeiten. Speziell im Februar und März konnten wir eine große Nachfrage beobachten.

Wie ist die Zusammensetzung der Rehabilitanden? Den „reinrassigen Alkoholiker“ gibt es ja nur noch selten.

Das entspricht auch unseren Beobachtungen. Polyvalente Süchte nehmen offenbar gerade bei jüngeren Menschen zu. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 46 Jahren. Dabei sind die Älteren oft noch reine Alkoholkonsumenten, während bei den Jüngeren auch Cannabis, Amphetamine, Kokain und synthetische Drogen eine Rolle spielen. Dabei nehmen viele Rehabilitanden eine innere Trennung vor: vom Alkohol möchte ich los, aber mit dem Kiffen habe ich gar nicht so ein Problem. Unsere Entwöhnungstherapie allerdings ist so eine Art Trainingslager, bei dem die Erfahrung mit der Abstinenz im Vordergrund steht. Ein „Splitten“ der stoffgebundenen Abhängigkeiten ist daher auch bei uns nicht möglich. Zudem setzen die eingesetzten Stoffe die Kritikfähigkeit so weit herab, dass auch der erneute Konsum von Alkohol in den meisten Fällen nur eine Frage von Zeit ist.

Wie geht es nach der Therapie weiter?

Abhängigkeitserkrankte erleben den Gebrauch der Stoffe recht essenziell. Deshalb ist es wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen: welche konkrete Bedeutung hat das Suchtmittel für mich? Ein Drittel hält nach der Therapie die Abstinenz aufrecht, ein weiteres gutes Drittel konsumiert, manchmal reduziert, weiter, ist nun aber schneller am Hilfesystem dran, und etwa ein Viertel zeigt gegenüber dem ursprünglichen Konsum keine Veränderung. Deshalb ist in der Therapie der offene Umgang mit der Situation wichtig, weil sich nur ein Teil der Abhängigen konsequente Veränderungen vorstellen kann. Es ist sehr wichtig, den Zweiflern offen und zugewandt zu begegnen, weil dies langfristig die Bereitschaft, später erneut Hilfe anzunehmen, erhöht. Insgesamt sind wir in Berlin in einer sehr guten Situation hinsichtlich der ambulanten Weiterbehandlung: das Netz aus Beratungsstellen, weiteren komplementären therapeutischen Maßnahmen und nicht zuletzt der breit aufgestellten Selbsthilfe ist hervorragend.

Die Reduzierung des Konsums kommt gegenüber der vollständigen Abstinenz immer stärker in die Diskussion, so auch in den neuen S3-Leitlinien. Wie sehen Sie die Situation?

Ich stehe der Diskussion aufgeschlossen gegenüber, aber unsere Klinik ist eindeutig ein „Trainingslager“ für die Abstinenzfähigkeit. Hier soll ein suchtmittelfreies Leben erfahren werden, welche Bewertung die Rehabilitanden am Ende vornehmen, bleibt in ihrer Hand. Die Diskussion um die Trinkmengenreduktion polarisiert aus meiner Sicht unnötigerweise, weil sie nur dem schlechten Erreichungsgrad der Alkoholabhängigkeit (2015 bei 16%) Rechnung trägt und hofft, dies durch eine weniger dogmatische Grundhaltung zum Positiven zu verändern. Unsere Gesellschaft pflegt einen sehr doppelbödigen Umgang mit dem Alkohol, der ja sehr zum kulturellen Leben dazu gehört. Lange Zeit wird großzügig darüber hinweggesehen, wenn Menschen schon in riskanter Weise, Schäden in Kauf nehmend, konsumieren. So lange sie aber nicht „unangenehm“ auffallen, werden sie meist auch nicht angesprochen. Gesundheitliche, aber auch soziale Schäden werden lange Zeit dabei hingenommen. Fallen Betroffene dann aber doch unangenehm auf, wendet sich das Blatt recht radikal: aus dem „gepflegten Wegschauen“ wird dann nicht selten Abscheu. Dieses Phänomen trägt zur Aufrechterhaltung von Abhän-
gigkeiten nicht unerheblich bei.

Hausärzte und Kliniken müssen bei Änderungswilligen nicht zwingend mit dem Abstinenzdogma kommen, sondern dem Patienten nahelegen: ändere etwas, bewerte das Risiko für dich und versuche, den Konsum herunterzufahren! Das kann aber nur eine Empfehlung für Menschen sein, die noch keine Entzugssymptome zeigen und ihren Konsum noch steuern können. In unserer Klinik kommen solche Patienten aber nicht an. Viel wichtiger als Medikamente (lt. Prof. Bschor bewirkt Nalmefen eine Reduktion um ein Glas Bier á 0,25l pro Tag) sind die persönlichen Gespräche mit dem Hausarzt: nach einer halbstündigen Intervention trinken 50 Prozent weniger! Kürzere Interventionen führen immerhin in zehn Prozent der Fälle zu einer Reduzierung der Trinkmenge. Deshalb halte ich diese Methode für zulässig. Nicht aber für gesichert Abhängige, da hier der erneute Kontrollverlust hochwahrscheinlich ist.

Ein Argument in der Selbsthilfe ist es: mit kontrolliertem Trinken wird nur Geld verdient.

Natürlich darf, wenn es hilft, damit auch Geld verdient werden. Das Drama in den Hausarztpraxen ist allerdings, dass einfach die Zeit fehlt, ausführlich mit dem missbräuchlich Trinkenden zu reden. Dabei ist bekannt, dass die Grenze zwischen Missbrauch und Abhängigkeit sehr schmal ist. Hier muss vor allem ein Umdenken bei den Krankenkassen erfolgen, um solche Leistungen in der hausärztlichen Praxis auch dementsprechend zu vergüten.

Auch im Medizinstudium muss dem Stoffgebiet „Sucht“ mehr Zeit eingeräumt werden. Bei etwa 3,5 Millionen Alkohol-
kranken und schädlich Konsumierenden in Deutschland ist das dringend geboten. Die Abhängigkeitserkrankungen müssen ihr Schmuddelimage verlieren, ähnlich wie es seit mehreren Jahren bereits zunehmend besser gelingt, den Depressionen ihr Stigma zu nehmen.

Welche Rolle spielen Suchtverlagerungen in Ihrer Klinik?

Bei einer recht ungestörten Persönlichkeitsentwicklung verfügen Menschen über Fertigkeiten (skills), die ihnen helfen, mit den herausfordernden Situationen des Lebens umgehen zu können. Bleibt die Entwicklung einiger Skills aus, kann dies durch den Konsum von Suchtmitteln aufgefangen werden. Ein Suchtmittel kann dabei auch die Funktion von einem anderen übernehmen. Benzodiazepine z. B. sind „elegant“, auch, weil der Gebrauch initial in vielen Fällen kaum bemerkt wird, im Gegensatz zur Alkoholwirkung. Nach recht kurzer Zeit ist der Konsum jedoch genauso risikoreich wie der Alkoholkonsum. Wir weisen auf diese Zusammenhänge hin, aber ohne zu moralisieren. In der Therapie sprechen wir über die Risikobewertung von Kaffee, Essen, Sexualität usw. Welche Gesundheitsrisiken sind damit verbunden? Die Menschen merken während der Entwöhnung, auf zum Teil schmerzhafte Weise, dass etwas fehlt. Das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe ist noch in Unordnung. Das Gehirn wartet also auf Stoffe von außen, die die Befindlichkeit verbessern. Das können auch Süßigkeiten sein. Die Leber hat ein bisschen Ruhe, dafür wird durch die Erhöhung der Blutfette möglicherweise der Herzinfarkt wahrscheinlicher. Die durchgeführte Ernährungsberatung glückt nur, wenn ein Grundverständnis für die schwierige Situation der Erkrankten besteht.

Wozu tendieren trockene Alkoholiker?

Wir registrieren vor allem viel Kaffee, Zigaretten und das Verlangen nach Süßem. Das ist für einen durch Alkohol vorgeschädigten Körper insgesamt nicht gerade förderlich. Aber es bleibt dennoch ein Erfolg, wenn unsere Rehabilitanden ihre Alkoholabhängigkeit in den Griff bekommen.

Können Polytoxikomane (Mehrfachabhängige) einzelne Süchte zum Stillstand bringen oder muss die Suchtpersönlichkeit verändert werden?

Die isolierte Abstinenz von Alkohol ist schwierig. Ich erinnere den Beitrag eines Rehabilitanden , der drei Jahre lang alkoholfreies Bier getrunken und immer wieder einen Joint geraucht hat. In der Gruppe fielen alle über ihn her, dabei wurden die drei relativ risikoarmen Jahre (in Bezug auf die Biografie des Rehabilitanden) völlig übersehen. Zu häufig werden demotivierende, unnötige Gräben geschaufelt, die es schwer machen, sich selbst zu motivieren und alle Suchtmittel in Angriff zu nehmen.

Gibt es eine Angst vorm Trockenwerden?

Natürlich. Es kann zu Schockreaktionen führen, wenn ich plötzlich auf etwas verzichten soll, das fester Bestandteil meines Lebens war. Die entstehende Leerstelle wird dann oft mit einem anderen Suchtmittel ausgefüllt. Am besten ist es, wenn sich der Betroffene ein Umfeld aufbaut, das ihm Halt gibt, wie es bei anderen Krankheiten auch erforderlich ist.

Wie sieht es mit dem Wechsel von stofflichen auf nichtstoffliche Süchte aus?

Eine Bedürfnisbefriedigung, die vorher mit dem einen Stoff erfolgte, sucht sich häufig neue Quellen. Das können Shoppingattacken, rezidivierendes (wiederkehrendes) Verlieben, Onlinesucht, klassische Spielsucht und andere sein. Bei uns ist seit einiger Zeit der Gebrauch von Smartphones und Laptops weniger reglementiert, weil dies mehr unserer aller Lebensrealität entspricht. Dabei dürfen allerdings die persönlichen Kontakte in der Klinik nicht reduziert werden. Wir haben nach wie vor abends Leben in den Aufenthaltsbereichen, aber man muss schon darauf achten, dass keine riskante „Verabschiedung“ in virtuelle Räume stattfindet.

Bedeutet Suchtverlagerung gleichzeitig einen Rückfall?

Ein Rückfall wird oft wie eine Niederlage empfunden. Wenn ich ein Risiko gegen ein anderes austausche, muss ich es ernst nehmen. Dabei ist der erhobene Zeigefinger fehl am Platze. Motivation ist wichtig, da Abhängige sehr häufig Schwierigkeiten in der Selbstwertregulation aufweisen. Wir sagen: toll, dass Sie den Alkohol im Griff haben, jetzt wollen wir auch das zweite Problem noch in Angriff nehmen, den Zustand erreichen, wo es weniger schädlich ist (essen statt trinken, aber aufpassen!). Wenn Sie weiter so rauchen, … so ist das ungesund, nimmt Ihnen aber nicht den Erfolg, mit dem Trinken aufgehört zu haben.

Strenge sich selbst gegenüber ist nicht einfach, da sie zu stark angewendet in Destruktion mündet. Der Aspekt „Schuld und Sühne“ kann da wieder sehr doppelbödig sein.

Herr Dr. Tabatabai, die TrokkenPresse bedankt sich für das Gespräch!

Das Gespräch führte

Jürgen Schiebert

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von Joachim Seiler, mit Zeichnungen von Heiko Gliesche-Neumann
Die Sammlung der beliebtesten satirischen Kolumnen aus der TrokkenPresse  – vom Autor des legendären Buches „Blaupause“.
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Titelthema 02/15: Suchthilfe im Internet

Cover_TP-2_15Ob per Handy von unterwegs oder Zuhause am PC:

Suchthilfe im Internet

Was gibt es, was bringt es?

Sind Sie auch jeden Tag im Internet? Dann gehören Sie zu den rund 80 Prozent Deutschen, für die der Besuch im Web zum Alltag gehört. Ob zum Chatten, Mailen, Shoppen, um Informationen zu finden und Rat. Auch Süchtige finden inzwischen viele Hilfsangebote. Gibt man zum Beispiel die drei Suchwörter „Alkoholismus, Hilfe, Beratung“ bei einer Suchmaschine ein, kann man heute unter 400 000 Einträgen dazu auswählen! Aber wonach denn nun auswählen? Das erfahren Sie hier…

(Auszug aus dem Chat einer Alkoholiker-Gruppe bei einem sozialen Netzwerk (Namen geändert):

Andra: „Guten Morgen, liebe Gruppe! Ich bin seit fast zwei Jahren trocken. In letzter Zeit kommt mir immer häufiger der Gedanke, dass mir die Abstinenz eigentlich nicht viel bringt. Ich bin aber nicht akut gefährdet zu einem Rückfall, habe keinen Suchtdruck, ekele mich sogar davor, wenn andere nach Bier riechen. War das bei irgendjemandem hier auch schon mal so?“

Rose: „Das geht mir auch so, Andra, und ich bin über 30 Jahre trocken, also wenn jemand nach Alkohol riecht. Aber zum ersten Gedanken: Man sollte halt sein ganzes Leben ändern und nicht nur den Alkohol weglassen. Zur Selbsthilfegruppe gehen!“

Andra: „Hey Rose, kann mir denn die Selbsthilfegruppe dabei helfen? Ich finde keinen Lebenswillen, keine Freude mehr. Alles nervt nur noch und kotzt mich an. Ist das bei euch so, geht das irgendwann mal weg???“

Karin: „Mich würden deine Abstinenzgründe interessieren und was deine Stoppschilder sind nicht wieder anzufangen zu trinken. LG“

Karin: „Ach so: Shg ist wirklich wichtig! Ich spreche aus eigener Erfahrung. Such dir nicht die erste beste aus, sondern es muss auch zwischenmenschlich stimmen. Dann hast du Freunde, Berater, wie ne kleine Familie. Die dir mit Rat und Tat zur Seite stehen!“

Paule: „Ja, Andra, es geht wieder weg, wenn du durchhältst und nicht wieder anfängst zu trinken. Selbsthilfegruppe wäre ein guter Tipp … aber es gibt auch andere Dinge, die dir über diese schlimme Phase helfen: Tue etwas für DICH!!!“

Sylvie: „Hmmm … ich bin da sehr radikal. Wenn ich lese/höre, das jemand fragt: was bringt mir die Abstinenz? Gibt es für mich nur eine Antwort: dein Leben!!“

Gerd: „Wenn Du keinen Sinn im Leben findest, keine Freude, finde ich Dich aber höchst akut gefährdet in Bezug auf einen Rückfall, Kerstin … pass bloß gut auf …“

Paule: „Ja – ich sehe auch die Gefahr zum Rückfall … Diese Stimmungen/Phasen musst du trocken überstehen! Also hole dir Hilfe und denke immer, es wird wieder besser. Wenn du wieder trinkst, dann fängt das Elend von vorne an. Bleibe stark!“

Andra:„Erstmal danke für eure ehrlichen Antworten. Ich bin noch nicht solange trocken (fast zwei Jahre erst) und vllt dachte ich auch fälschlicherweise, dass sich dann einfach was von alleine ändert an meinem Lebenswillen …“

Diese sieben trockenen AlkoholikerInnen sind einander noch nie direkt begegnet …
Aber sie „reden“ im Internet miteinander, sie teilen ihre ganz persönlichen Erfahrungen zu dem sie verbindenden Thema: Alkoholkrankheit. Völlig unabhängig davon, wo der Computer eines jeden gerade steht, in Berlin oder Thüringen, daheim oder im Büro – und es ist auch egal, wie spät es gerade ist.
Sie chatten miteinander.

Chats und Foren

Chatten ( engl. plaudern) ist elektronische Kommunikation mit anderen in Echtzeit, meist auf Websites mit dafür ausgelegten technischen Funktionen. Menschen treffen sich an einem „Ort“ – dem Chat-room. Oft, wie z. B. bei facebook, ist es ein eigener virtueller „Gruppenraum“, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben.

Der Unterschied zu einem Forum: Dort kann man – nachdem man sich angemeldet hat – in verschiedene (n streichen) Themenbereichen seine Frage „einstellen“. Die wird dann meist vom Moderator/Administrator geprüft (um Beleidigungen u. ä. vorzubeugen), und dann erst für alle Forumsmitglieder freigegeben. Wer es liest, und ob jetzt oder später, kann dann antworten. Die Unterhaltung verläuft also asynchron.

In diesen Foren und Chats finden Sie Gleichgesinnte:

www.clic-deutschland.de

www.suchtundselbsthilfe.de

www.forum-alkoholiker.de

www.selbsthilfe-interaktiv.de/foren

www.sucht-selbsthilfe.com

www.trockeneralkoholiker.forumieren.com

facebook-Gruppen:

(bei www.facebook.com anmelden, unter Suchfunktion die Gruppe finden)

FTA – Forum Trockener Alkoholiker

Trockene Alkoholiker sind die wahren Helden

Trockene Alkoholiker

Alkoholiker

Alkoholsucht

Anonyme Spieler und Alkoholsüchtige

Suchtselbsthilfe in Deutschland

Suchtfrei…ich bin dabei

AA-Meetings:

www.online-aa.de

(Für die „aa-only-Meetings” müssen Sie sich einschreiben [(anmelden]).

Den Chat können Sie über einen Gastzugang mitbenutzen.)

Natürlich finden Sie im Internet auch reine Informationen zum Thema Alkoholabhängigkeit, Sucht, Entgiftung, Entwöhnung usw., und können so anonym überhaupt erst einmal einen ersten Zugang zum Thema bekommen. Sie können sich auch an Tests versuchen und herausfinden, ob Sie oder ihr Partner süchtig sind oder nicht. Für Letzteres aber bieten sich besonders Onlineberatungen an …

Online-Beratung

„Mein Mann trinkt jeden Abend zehn Bier, ist er gefährdet? Was kann ich tun?“

Solche und ähnliche Fragen können Sie anonym an Experten stellen. Das Grundprinzip: Sie machen keinen realen Termin wie bei einer Suchtberatungsstelle, sondern schreiben eine E-Mail mit Ihrer Frage zu jeglichem Problem, versenden Sie und erhalten in ein bis zweiTagen eine Antwort. Und zwar von Fachleuten auf diesem Gebiet, meist Therapeuten.

Hier zum Beispiel finden Sie Online-Beratung:

www.caritas.de (hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung)

www.suchthotline.info

www.step-hannover.de (angebote/online-beratung)

www.diakonie.de (Ich suche Hilfe/ Alle Beratungsleistungen/nur online-Beratung, auf Karte klicken)

www.das-beratungsnetz.de

(Auch regional werden mitunter Online-Beratungen angeboten. Sie könnten Sie finden, wenn Sie die Suchbegriffe Sucht, Beratung online, Ihren Ort angeben)

Außer den vorgestellten Möglichkeiten im Internet entwickeln sich derzeit weitere. Eine davon: Die Online-Therapie. Sie könnten dann von Zuhause aus per Video-Chat mit einem Therapeuten täglich ihr Therapie-Pensum bearbeiten. Das wird gerade mit einigen Projekten an Universitäten getestet. Da aber in Deutschland das Fernbehandlungs-Verbot besteht, sind die rechtlichen Voraussetzungen dafür erst noch zu schaffen. Deshalb hier nur eine Website, die es bereits ermöglicht, weil die deutschsprachigen Betreiber in Frankreich agieren: www.myonlinetherapie.com. Aber Vorsicht, lesen Sie sich alle Hinweise auf der Seite genau durch. Diagnosen werden nicht gestellt – und es ist auch selbst zu bezahlen.

Was können diese Angebote, was nicht?

Ich muss nirgendwohin fahren.

Ich muss keine Termine einhalten.

Ich muss mich nicht vor Bekannten outen.

Ich muss schreiben, das klärt Gedanken.

Ich kann jederzeit alles wieder nachlesen.

Ich kann jederzeit rund um die Uhr Informationen, Erfahrungen und Hilfe erhalten.

Das scheinen die wesentlichen Vorteile der Hilfe aus dem Internet zu sein.

Ein Handbuch der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.* zum Thema empfiehlt die Nutzung virtueller Selbsthilfegruppen vor allem für „… Betroffene, die an ihrem Wohnort keine geeignete reale Selbsthilfegruppe haben, die aus anderen Gründen keine reale Gruppe aufsuchen können oder wollen, … die ausdrücklich die Kommunikation über das Internet wünschen, weil sie ihre Probleme ansprechen können, ohne ihre Identität bekannt geben zu müssen.“ Dennoch, heißt es weiter, könne die Gruppe im Internet „ … trotz des intensiven Austausches die wirkliche Begegnung und das solidarische Gruppenleben nicht ersetzen … Gerade für Menschen mit Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang kann die mediale Information und Vermittlung kein wirklicher Ersatz und keine Alternative für den direkten zwischenmenschlichen Kontakt und die damit verbundenen Auseinandersetzungen sein.“ Außerdem könne die Gefahr der Suchtverlagerung – des Austausches eines Suchtmittels gegen ein anderes (Internet) – bestehen.

* DHS, Manual „Sucht-Selbsthilfe: Beratung und Begleitung von suchtkranken Menschen und ihren Angehörigen im Internet“, Christina Meyer)

Anja Wilhelm

So schützen Sie Ihre Daten im Net

Vorab:
Was einmal im Netz steht, ist weltweit zugänglich – und nur sehr schwierig wieder „zurückzuholen“! Deshalb als Grundregel:

Stellen Sie nur Informationen, Fotos und Filme ins Internet, die auch die ganze Welt lesen und sehen darf, ohne dass es Ihnen schaden kann.
Schaden können Ihnen vor allem auch kriminelle Nutzer, vom so genannten ¸Identitäts-Klauer‘ (zum Beispiel, um auf Ihren Namen in Online-Shops zu bestellen) bis zum Passwort-Dieb (zum Beispiel für das Online-Banking).
Dagegen können Sie sich mit den folgenden Regeln „selbst verteidigen“:

– Überlegen Sie genau, welche Daten Sie herausgeben. Wenn in Foren oder Shops Informationen zu Ihnen erfragt werden, ist es zum Beispiel nicht immer nötig, auch die Telefonnummer „auszuplaudern“ o.ä.
– Sie dürfen auch ruhig ein bisschen flunkern in Foren, Chats oder sozialen Netzwerken, benutzen Sie ein Pseudonym.
– Passwörter sollten mindestens achtStellen in Groß/Kleinschreibung plus Zeichen haben. Wechseln Sie diese alle zwei bis drei Monate. Geben Sie sie niemals weiter an andere.
– Versäumen Sie das Ausloggen nicht!
– Benutzen Sie E-Mail-Dienstanbieter, die nicht nur die Daten verschlüsselt speichern, sondern auch den Transport der Daten (z.B. web.de, gmx …)!
– Öffnen Sie niemals SPAM-Mails oder deren Anhänge, sie könnten Viren enthalten.
– Achten Sie beim Online-Banking auf eine sichere Verbindung, zu sehen in der Adresszeile als „https“
– Installieren Sie eine Firewall, sie schützt vor unberechtigten Zugriffen aus dem Internet.
– Aktualisieren Sie Ihr Antivirenprogramm stetig, das schützt vor sogenannter Spyware (Viren, die Ihren PC „ausspähen“ könnten).
– Stellen Sie in sozialen Netzwerken Ihren Privatsphäre-Filter genau ein: Wer darf dies oder das von mir sehen und lesen?
– Facebook: Sobald Sie sich als Mitglied registriert haben, unterliegen Sie denfacebook-Datenschutzrichtlinien. Lesen Sie diese also vorher. Denn facebook darf laut safe-harbour-Bestimmungen (sie regeln den Datenaustausch zwischen den USA und der EU) alle Informationen sammeln, die Sie bereitstellen, von der Telefonnummer bis zu Urlaubsfotos. Um sie dann zum Beispiel Mess- und Anzeigendiensten zu verkaufen. Regeln Sie In den Privatsphäre-Einstellungen, wer welche Daten sehen und lesen kann. Wenn Sie einer Gruppe beitreten, beachten Sie: Nur geheime Gruppen sind wirklich geheim – niemand außer den Gruppenmitgliedern kennt Gruppe, Namen, Beteiligte und die Postings.

Weitere Hinweise finden Sie unter www.bfdibund.de, einem Datenschutzforum, und unter www.selbstdatenschutz.info, wo technische Schritte genau erklärt werden.

 

Titelthema 01/15: Frau und Sucht

titeltp115FRAU und SUCHT

Sind Frauen anders süchtig als die Männer?

Etwa 370 000 Frauen und Mädchen sind alkoholabhängig,meldete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung vor vier Jahren. Seitdem gibt es noch keine neuen offiziellen Zahlen, aber Schätzungen liegen höher, nämlich bei 500-600 000. Tendenz steigend. Immer mehr Frauen trinken immer mehr. Aber weshalb?

Ich stehe vor dem Weinregal im Supermarkt. Ganz bewusst. Das tat ich bis jetzt höchstensdann, wenn mal eine Feier bevorstand. Heute ist das aber anders … Also: Welche Flasche nehme ich? Die Etiketten sagen mir gar nichts. Weiß? Rot? Ja, rot. Rot wärmt. Ich nehme die Flasche mit nach Hause. Nicht wie ein Paket Nudeln. Eher so hoffnungsvoll wie eine neue, unbekannte beste Freundin. Mit der Zuversicht, sie würde mich heute Abend ablenken können. Mir abzuschalten helfen. Den Verstand auszuknipsen, die ewigen zermürbenden Gedankenkreisel mal anhalten. Die Einsamkeit verscheuchen. Die Sorgen, die Angst. Denn ich bin allein. Mein Mann ist zu einem Job in den fernen, gefährlichen Kongo gereist. Aber ich habe nicht nur Angst um ihn, sondern auch seit Monaten Furcht um unsere Ehe. Er ist so anders in letzter Zeit. Er verheimlicht mir Dinge,die er tut. Auf meine Fragen bekomme ich nie Antworten … All das will ich heute einfach mal nicht fühlen müssen. Sondern vergessen dürfen. Und ich ahne, der Rotwein könnte helfen. Für diesen Abend tat er es – bis zum nächsten Morgen zwar nur. Aber immerhin!

Dieser ganz bewusste Kauf vor 12 Jahren, an den ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen, war mein Einstieg ins Alkoholikerleben. Denn es folgten ihm noch unzählige … So sehe ich das heute.

Ich war damals 40 Jahre alt, arbeitete als Redakteurin und versorgte meinen Sohn, unseren Hund, Haus und Garten; mein Mann arbeitete die Woche über in einer anderen Stadt. Damit passte ich haargenau hinein in das Bild, das die große EU-Studie „Alkoholkonsum und Alkoholprobleme bei Frauen in europäischen Ländern“ heute von 40 % der alkoholabhängigen Frauen zeichnet: gute Ausbildung, berufstätig, Familie. Hinzu kommen meist noch Doppelbelastung, geradlinige Lebensläufe. Häufig Minderwertigkeitskomplexe. Schuldgefühle. Oft eine plötzliche Lebenskrise, die zu bewältigen wäre. Heimlich trinkend, unauffällig. Sich aus Scham erst spät Hilfe suchend. Ein anderer großer Anteil sind laut Studie sehr junge Mädchen und Frauen, aus oftmals zerrütteten Elternhäusern, mit Erfahrungen von Misshandlungen und Missbrauch. Zerrissen zwischen Größenwahn nähern sie sich dem Koma-Trinken der Jungen an.

Christina Schadt von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin bestätigt diese Studienergebnisse in einem Interview mit der TrokkenPresse:

Weshalb trinken Frauen und rutschen in die Sucht?

Schadt: „Die Sozialisation von Frauen und das ,so habe ich zu sein als Frau‘ birgt spezifi sche Risiken hinsichtlich der Entwicklung einer Sucht. Viele Frauen kümmern sich auch heute noch zuerst um andere und wollen um jeden Preisfunktionieren und ihren Alltag bewältigen. Anders als Männer richten Frauen sich meist an den Anforderungen von außen aus. An dem, was andere von ihnen wollen. Nicht daran, was sie selber wünschen. Frauen wollen heute beides, einen Beruf, der sie erfüllt und den sie gut ausfüllen, aber gleichzeitig auch gut die Familie versorgen. Diese Doppelbelastung kann zu Überforderungssituationen führen. Denn noch immer erhalten Frauen traditionell zu wenig Unterstützung von der Familie, vom Partner. Solche Situationen der hohen Belastung versuchen Frauen – im Gegensatz zu Männern – mit sich selbst zu klären. Und trinken Alkohol, weil sie sich zum Beispiel entlasten und entspannen wollen.“

Wie trinken Frauen – und weshalb?

Schadt: „Generell trinken sie weniger als Männer, und eher Mixgetränke, Wein und Sekt als Spirituosen. Was das riskante Trinken angeht, liegen Frauen mit einem Anteil von 12,8 % im Vergleich zu Männern mit 15,6 % ähnlich hoch. Eine Abhängigkeitserkrankung weisen dagegen etwa 9,5 % der Männer und 3,5 % der Frauen in Deutschland auf (vgl. ESA 2012). Auch die Situation des Trinkens an sich ist anders: Frauen trinken eher im Verborgenen, eher zuhause. So, dass die Öffentlichkeit das nicht mitbekommt. Denn Frau und Alkohol ist gesellschaftlich stigmatisiert. Der Mann dagegen erfährt sogar eher soziale Anerkennung. Sein Trinken wird gesellschaftlich bewertet als männlich und stark. Gleichzeitig allerdings versuchen inzwischen einige Frauen, dieses alte Stigma aufzubrechen und trinken jetzt auch öffentlich.“

Werden Frauen schneller süchtig?

Schadt: „Ja. Wenn Frauen das Gleiche trinken wie Männer, hat es stärkere Auswirkungen. Das liegt zum Beispiel am geringeren Körpergewicht, der Alkohol verteilt sich auf kleinerem Raum. Dazu ist die relative Fettmasse größer als beim Mann, diese ist aber kaum durchblutet. Der Alkoholspiegel im Blut ist dementsprechend höher, wirkt intensiver und begünstigt raschere Organschäden. Außerdem haben Männer einen höheren Anteil bestimmter Enzyme, die für den Abbau des Alkohols zuständig sind, im Körper. Bei Frauen wird also Alkohol schlechter abgebaut.“

Brauchen Frauen geschlechtsspezifi sche Beratung und Therapie?

Schadt: „Ja! Weil sie andere Motive haben zu trinken. Andere Bedürfnisse. Darauf sollte unbedingt eingegangen werden, um passgenaue Betreuungsmöglichkeiten zu finden. Das beginnt ja schon bei der Kinderbetreuung, Mütter brauchen Angebote, die Therapie und Kind unter einen Hut zu bringen gestatten.“

Was könnten oder müssten Frauen anders tun, um nicht zum Alkohol zu greifen?

Schadt: „Frauen sollten eine Menge mehr für sich selber tun. Nach eigenen Bedürfnissen schauen, denen mehr Gewichtgeben. Sie müssten lernen, ihre Belastungen zu reduzieren, indem sie sie auf mehrere Schultern verteilen, sich Unterstützung zu suchen. Und: Entspannung lernen. Aber das Wichtigste ist wirklich, dass Frauen ihre Denken verändern: Nämlich dahin, sich vielmehr als bisher um sich selbst zu kümmern.“

Frau und Sucht

 

titeltp115Die aktuelle TrokkenPresse …

TrokkenPresse 1-15… hat als Hauptthema diesmal, wie schon angekündigt, „Frau und Sucht“: Frauen wie Marion aus Brandenburg und Mia aus Berlin schildern ihre Erfahrungen als Alkoholikerin. Männer erzählen, wie sie die nasse Zeit mit ihrer Partnerin erlebten. Expertenmeinungen, Zahlen und Fakten geben Auskunft auf unsere Frage:

Sind Frauen anders süchtig?

Ja? Oder nein? Schauen Sie doch vorab auf unsere Leseproben unter dem Button „Aktuelle Trokkenpresse“.
Weitere Themen: Cannabis, frei verkäuflich oder nicht? Stadtentwicklung in Berlin-Schöneberg und und und… Wie immer natürlich werden Sie AnDi`s aktuelle Gedanken im ABC der Sucht lesen können, über Rolf Zweifels neue Kolumne schmunzeln, Veranstaltungstipps finden. Auch Gedichte und Gerichte fehlen natürlich nicht.

Übrigens: Ihre Ideen, Erfahrungen und Gedanken sind uns immer sehr wichtig!!!! Bitte einfach hier unter Kontakt klicken – und losschreiben!

HERZLICH WILLKOMMEN…

2013-03-23 002… auf unserer neuen Webseite!


Das Team des Verlages TrokkenPresse wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass jeder Tag des neuen Jahres 2015 ein „trockener“ sein möge –  voller Zufriedenheit und Gesundheit. Jenen, die noch auf dem Wege dahin sind, Hoffnung und Kraft!

 


Was erwartet Sie hier?

Aktuelle Termine, Hilfs-und Freizeitangebote, Informationen für Suchtpatienten und -therapeuten in Berlin/Brandenburg und mehr. Außerdem Leseproben der aktuellen Ausgabe und der Bücher sowie Bestell-und Kaufmöglichkeiten.
Um ständig „frisch“ zu sein, sind wir auch auf Sie angewiesen:
Bitte senden Sie uns IHRE Erfahrungen, Gedanken, Tipps und Ideen!


Neu: Unsere aktuelle Print-Ausgabe ist da!

TP06-14-TrokkenPresse

Möchten Sie vorab schon einmal hineinschnuppern?

Die Inhaltsangabe und Text-Auszüge finden Sie immer unter dem Button Aktuelle TrokkenPresse, Titelblatt/Inhalt, Thema, Kolumne und Hausdestille.
Wo Sie die TrokkenPresse erwerben können, sehen Sie unter Kaufen&Bestellen.

Viel Spaß!

Titelthema 6/14: Datenschutz

Gespräch mit Dr. Alexander Dix über den Datenschutz im Gesundheitswesen

Dr. Alexander Dix

Dr. Alexander Dix

Datenschutz ist Grundrechtsschutz!

Vor wenigen Tagen hatte die „TrokkenPresse“ die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, Dr. Alexander Dix. Auslöser war ein Beitrag von Prof. Dr. Renate Schepker im „Deutschen Ärzteblatt“ vom Oktober 2014 (siehe TP 5/14). Dort wird u. a. festgestellt: „Die Datenübermittlung (von Kliniken, Ärzten usw. d. V.) gestattet derzeit theoretisch jedem bei den Krankenversicherungen beschäftigten Sachbearbeiter – 2009 waren das 137.513 Personen – Kombinationen von Diagnosen und Leistungen und damit Fallverläufe nachzuvollziehen.“ Das führt zu der Schlussfolgerung: „Den Patienten und ebenso den Patientenverbänden dürfte nicht bekannt sein, dass gerade aus den besonders sensiblen Leistungskodes für psychische Erkrankungen deutlich mehr ablesbar ist als aus denen des DRG-Systems (Fallpauschalen d. V.).“

Wir wollten wissen, wie es mit dem Schutz persönlicher Daten, auch über den Gesundheitsbereich hinaus, bestellt ist.

 Warum müssen wir unsere Daten schützen?

Spätestens Edward Snowdens Enthüllungen über die exzessiven Überwachungspraktiken der amerikanischen und britischen Geheimdienste haben den Menschen die Augen geöffnet, welcher Krake seine Fühler nach „unseren“ Daten ausstreckt. Vielen war schon vorher klar, dass das Internet eine unsichere Infrastruktur ist. „Unbekannt war dagegen, dass es systematisch als Plattform für eine weltweite, anlasslose Überwachung genutzt wird und dass darüber hinaus Geheimdienste auch demokratischer Staaten, die jedes Maß verloren haben, die gesamte Telekommunikation jederzeit beobachten.“ (Bericht des Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit 2013). Dass die Konsequenzen, welche die Bundesregierung daraus gezogen hat, „im Wesentlichen verbaler Natur“ (ebenda) sind, lässt die Schlussfolgerung zu, dass man an oberster Stelle um das Problem weiß, aber nicht gewillt ist, es zu lösen. Letzten Endes sind gerade personengebundene Daten mittlerweile zu einer hochprofitablen Handelsware geworden.

„Wissen ist Macht“, lautet eine nicht neue Erkenntnis von Francis Bacon. Das Wissen über Persönliches hat weitreichende Bedeutung für Regierungen, Geheimdienste, Unternehmen und Institutionen. Jeder Bürger wäre deshalb gut beraten, verantwortungsbewusst und sparsam mit dem Weitergeben von persönlichen Informationen umzugehen.
Deshalb ist ein funktionierender Datenschutz von größter Wichtigkeit, wollen wir unsere Identität und Individualität auch zukünftig erhalten und nicht „Big Brother“ noch mehr Möglichkeiten geben, in unsere Privatsphäre einzudringen.

Der gläserne Patient

Dr. Dix stellte eingangs fest, dass der Schutz der persönlichen Daten ein Grundrecht jedes Bürgers ist. In der heutigen Zeit des Abschöpfens von Daten geht es darum, dieses Recht zu stärken und zu verteidigen. Besonders betroffen davon ist das Gesundheitswesen. Es gibt den Widerspruch zwischen ärztlicher Schweigepflicht und gleichzeitiger elektronischer Übermittlung von Patientendaten, z. B. an die Abrechnungsstellen der Krankenkassen. Hier sind die Einflussmöglichkeiten des Berliner Datenschutzes begrenzt, da keine gesetzliche Krankenkasse ihren Standort in Berlin hat.

Nicht jeder im Gesundheitswesen Beschäftigte müsse alles wissen, so Dix. Es muss gewährleistet werden, dass nur die unbedingt erforderlichen Daten weitergegeben werden und zur Weitergabe aller persönlichen Daten das Einverständnis des Patienten vorliegen muss. Die Schwierigkeit bestehe darin, dass Patienten, die sich meistens in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, oftmals gar nicht wissen, was sie in der Klinik unterschreiben.

An dieser Stelle versucht der Datenschutz verstärkt Einfluss zu nehmen. So werden Beschwerden der Patienten sehr ernst genommen und ihnen wird konsequent nachgegangen. Darüber hinaus informieren sich die Datenschützer regelmäßig über die Krankenhausinformationssysteme und deren Umfang. Im Bedarfsfall geben sie den Kliniken Orientierungshilfen, was zulässig ist und was nicht.

Die Hauptverantwortung liege aber beim Patienten. Denn er bestimmt über den Umgang mit seinen Daten. Dazu sei wichtig, sagte Dr. Dix, dass er sich nicht nur über seine Krankheit informiere, sondern genauso auch über seine Bürger- und Patientenrechte. Es gibt mittlerweile eine Reihe von gesetzlichen Grundlagen, die den Schutz sensibler Daten beinhalten. So ist im § 4a des Bundesdatenschutzgesetzes festgelegt, dass der Bürger über die Weitergabe von persönlichen Daten voll aufgeklärt werden muss. Das bedarf der Schriftform und einer ausdrücklichen Einwilligung, soweit besondere Arten personenbezogener Daten (§ 3, Abs. 9) erhoben, verarbeitet oder genutzt werden. Aber mal ehrlich: wer unserer Leser weiß das schon? Hier komme der Aufklärung eine große Bedeutung zu, stellte der Datenschutzbeauftragte fest. Oftmals fehle ihm diese in den Krankenhäusern. Dass ein minimaler Datenfluss zu den Krankenkassen unumgänglich sei, schon wegen der Abrechnung, sei nicht zu umgehen.

Wie sieht es mit Sanktionen bei Verstößen aus? Vielen Missständen komme man durch Anfragen und Informationen der Bürger an den Berliner Datenschutz auf die Spur. Aber auch durch regelmäßige Kontrollen. Im öffentlichen Bereich, wozu z. B. die Vivantes-Krankenhäuser zählen, bestehen die Möglichkeiten des Datenschützers vor allem darin, Verstöße zu beanstanden, die Verursacher zur Stellungnahme aufzufordern und Vorschläge zur Beseitigung der Mängel zu unterbreiten. Bei Privatunternehmen, wozu z. B. die Helios-Krankenhäuser zählen, werden schwerwiegende Datenschutzverstöße mit einem Bußgeld geahndet.

Auf der zukünftigen Krankenversicherungskarte sollen auch bestimmte sensible Daten (Diagnosen, Therapien, Medikamentengaben usw.) gespeichert werden. Das ist erst einmal wichtig für die ganzheitliche Behandlung, wenn z. B. der Urologe weiß, welche Medikamente der Patient vom Kardiologen bekommt. Trotzdem ist vor allem hier die Mitarbeit des Patienten gefordert. Er entscheidet, welche Diagnosedaten gespeichert werden dürfen und er muss informiert werden, was auf die Karte gespeichert wird. Ein Problem dabei sieht Dr. Dix bei einem Backup der Daten: Wo werden diese abgelegt? Wer hat darauf Zugriff? Eine Sicherungskopie ist deshalb erforderlich, falls die Karte verloren geht…

(Den gesamten Text lesen Sie bitte in der Print-Ausgabe der Trokkenpresse 6/14)

Hübler/J. Schiebert

Titelthema 05/2014: Wohnungslos – und kein Ende in Sicht

WOHNUNGLOS – UND KEIN ENDE IN SICHT


Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt ist seit der Jahrtausendwende eindeutig. Die Mietpreise steigen und der Bestand an bezahlbarem Wohnraum sinkt. Selbst bei Neubauprojekten beträgt der Anteil an sozialem Wohnraum oft weniger als 30%. Das Phänomen Wohnungslosigkeit trägt damit wesentlich zur sozialen Ungleichheit zwischen denen, die haben und denen, die nicht(s) haben, bei. Betroffen ist davon zum Beispiel das Rentnerehepaar mit begrenztem Einkommen, das aufgrund von Gentrifizierung seine alte Wohnung nicht mehr bezahlen kann und aufgeben muss. Den Mangel an sozialem Wohnraum bekommen auch jene deutlich zu spüren, die wir im Rahmen der ambulanten Hilfen betreuen. Die Unterbringung bei Verwandten und Freunden kann in diesem Zusammenhang nur als Notlösung angesehen werden. Folgt man der Definition von Wohnungslosigkeit, die die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe (BaGW) formuliert hat, dann gehören beide Personengruppen bereits zu den fast 300.000 Menschen, die allein in Deutschland von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Es reicht schon der Umstand, dass jemand über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt und auf ordnungs- oder sozialrechtlicher Grundlage in eine kommunale Wohnung oder in ein Heim der Wohnungslosenhilfe eingewiesen wird. Dort ist allerdings die Aufenthaltsdauer begrenzt und Dauerwohnplätze gibt es nur wenige. Typische Beispiele dafür sind Übergangswohnheime und -wohnungen, Asyle, Herbergen und betreute Wohnformen. Dies gilt gleichermaßen für den von uns im Rahmen von betreutem Einzelwohnen und einer therapeutischen Wohngemeinschaft zur Verfügung gestellten Wohnraum. Ganz gleich um welche Wohnform es sich dabei handelt, für die betroffenen Wohnungslosen geht es immer „nur“ um kurzfristigen Schutz, nicht um langfristiges Wohnen.

Dass es oft unverschuldete unglückliche Umstände, wie der Tod von Menschen und Tieren, Krankheit, Scheidung, Gefängnis, Gewalt, psychische Erkrankung und Sucht sind, die Menschen in die Wohnungslosigkeit treiben, macht die Sache nicht einfacher. Noch weniger hilft das Recht auf Wohnen, dieses 1948 international verbriefte Menschenrecht. Man mag jetzt einwenden, dass der menschenrechtliche Handlungsbedarf hierzulande eh weniger offenkundig ist als in vielen Teilen der Welt, wo unfassbares Wohnelend herrscht. An der Verpflichtung eines jeden Staates, für seine Bürger Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen, ändert dies aber nichts. Und: eine sichere, angemessene und dauerhaft finanzierbare Wohnung bleibt dafür eine we- sentliche Grundvoraussetzung. Die steigenden Zahlen wohnungsloser Menschen sind jedoch eher ein Indiz dafür, dass die Politik allein diese Aufgabe nicht bewältigen kann. Es braucht mehr Initiativen, z.B. in kleinerem Zusammenhang orientierten Kontext und ganz allgemein mehr gesellschaftliches Verständnis für die Ursachen von Wohnungslosigkeit.

Auch Menschen, die aus Institutionen wie Gefängnissen, Kliniken und Heimen entlassen werden, gehören zum Personenkreis der Wohnungslosen. Sie bleiben immer häufiger in ihrer schwierigen Situation stecken, wenn zum Zeitpunkt der Entlassung kein Wohnplatz zur Verfügung steht. Der Schritt in die Selbstständigkeit durch eigenen Wohnraum bleibt ihnen somit verwehrt. Für solche Fälle ist in Berlin die Soziale Wohnhilfe ein verlässlicher Ansprechpartner. Sie kooperiert seit langem mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften. Doch der Bedarf übersteigt bei weitem das Angebot, das vermittelt werden kann. Richtig kritisch wird es, wenn man dann noch auf die steigende Anzahl von Immigranten und Asylbewerbern blickt. Sie müssen in der Regel monatelang in Auffangstellen, Lagern, Heimen oder Herbergen wohnen, bis wenigstens der Aufenthaltsstatus geklärt ist.

Für fast alle hier genannten Betroffenen gilt, dass sie aufgrund eines schwierigen Wohnungsmarktes zu lange in einer Situation leben, die auf Dauer krank macht. Und zwar nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch. Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Berlin schlagen bereits seit langem Alarm und beklagen die unhaltbaren und unmenschlichen Zustände für die Betroffenen. Wie gestrandete Seelen warten sie auf ein normales Leben in eigener Wohnung. Hinzu kommt der Umstand, dass diese Menschen zunehmend als Konkurrenz von jenen empfunden werden, die noch weiter unten sind. Die, die „Platte machen“, also auf der Straße leben und ohne eigene Unterkunft an öffentlichen Plätzen, in Abbruchhäusern, Parks oder unter Brücken nach einem Schlafplatz suchen, bis sie nicht mehr können und ein Dach überm Kopf benötigen oder verschrieben bekommen.

Man glaubt es kaum: der 11. September ist nicht nur der „Tag des Terrors“, sondern auch der „Tag der Wohnungslosen“. Grund genug zu hoffen, dass zukünftig etwas mehr, und sei es nur ein winziger Bruchteil des Geldes, welches für die Terrorbekämpfung ausgegeben wird, für die Wohnungslosen abfällt. Vielleicht schlägt man damit sogar zwei Fliegen mit einer Klappe: die Zellen von Wut und Verzweiflung befrieden!

Andreas Peters

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