Titelthema 3/16: Gruppe adé??

TP0316 Druck-PlakatSelbsthilfegruppe – was kann sie wirklich?

Gehen Sie regelmäßig zu einer Gruppe, liebe LeserInnen? Ja? Oder nein?
Und wenn nicht, droht dann wirklich bald der Rückfall? Dieses Thema wird unter Betroffenen oft diskutiert. Gibt es doch seit jeher die klare Ansage von langjährig Trockenen und Therapeuten: die echte, lebendige Gruppe ist überlebensnotwendig, denn sie bietet Hilfe und Schutz. Ist das wirklich so?

Bundesweit gibt es etwa 7000 Selbsthilfegruppen für Alkoholsüchtige, mit geschätzten 120 000 Mitgliedern. Eine Umfrage der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen aus dem Jahre 2011 stellte fest: 85 Prozent aller Thüringer Suchtkranken, die regelmäßig eine SHG besuchen, sind (bisher) nicht rückfällig geworden.

Internationale Studien ergab, zusammengefasst, eine Verbesserung von Abstinenzdauer, Arbeitsfähigkeit und sozialer Wiedereingliederung von Alkoholkranken, die regelmäßig und aktiv in Gruppen sind – im Unterschied zu Kontrollgruppen, die keine SHG besuchen. „…kann man angesichts der Vielzahl positiver Befunde von einer Wirksamkeit psychologisch-therapeutischer Selbsthilfegruppen bei psychischen Störungen im weiteren Sinn ausgehen. Offene Fragen bleiben hinsichtlich des Umfangs der Wirksamkeit …“ (selbsthilfegruppenjahrbuch 2012, S. 153).
Im Klartext: Es gibt keine allgemeinen Zahlen, die beweisen können, WIE wirksam Selbsthilfe ist, sondern einzig, DASS sie wirksam ist.

Aber ist das nicht im Grunde auch egal, solange jeder, der in einer Gruppe Zuhause ist, für sich selbst das Gefühl von hilfreicher Gemeinschaft Gleichgesinnter hat? Die Erfahrungen jener, die in eine Gruppe kommen und nicht nach drei Monaten wieder fernbleiben wie etwa die Hälfte der Neulinge, sprechen für sich: „Wenn ich mich mit meiner Gruppe treffe, gibt mir das immer wieder Kraft für den Alltag. Ich habe dort wirkliche Freunde gefunden, mit denen ich über alles offen sprechen kann. Wo mir zugehört wird. Und ich selber zuhöre. Die Gruppe ist fester Bestandteil meines trockenen Lebens geworden“, sagt Marina* aus Brandenburg.

Natürlich gibt es auch diejenigen, die andere Erfahrungen gesammelt haben: „Ich habe zwei Anläufe genommen, die Chemie passte aber nicht“, erklärt Franz* aus Berlin. Und Anna*: „Es wurde immer das Gleiche erzählt. Alkohol hier, Alkohol da … und immer kluge Ratschläge. Ich hätte die falsche Arbeit, die falschen Freunde, das falsche Umfeld.“

Und natürlich gibt es auch Betroffene, die keine Gruppe finden, weil es gar keine gibt, besonders in ländlichen Gebieten. Und es gibt diejenigen, die ohne Therapie und nur in der Gruppe trocken geworden und geblieben sind. Dann wären da aber auch noch die, die ohne reale Gruppe seit Jahrzehnten noch immer trocken sind. Reale Gruppe? Ja, denn auf der Ebene der Kommunikation hat sich seit Internet und Facebook so einiges verändert, eine andere Art von Gruppe ist entstanden, die virtuelle: „Ich habe eine SGH hier in facebook. Ich finde gut, dass sie jederzeit da ist. Es sind zu jeder Tageszeit Ansprechpartner da. Und ein Administrator online, der im Notfall auch telefonieren oder die Polizei verständigen kann, wenn es jemandem sehr schlecht geht. Sogar Hilfe bei Ämtern wird vermittelt, bei der Wohnungssuche geholfen …“, postet Karin.

Die Vorteile einer virtuellen Gruppe: Nur ein paar Klicks im Internet – schon gibt es sie. Man muss als Mitglied nirgendwohin. Kann „reden“ und fragen, wann immer man es braucht. Auch hier entstehen oft Freundschaften fürs reale Leben.

Wie wir sehen, gibt es viele verschiedene Erfahrungen und Wege beim Thema Gruppe. Die Empfehlung der Suchttherapie aber bleibt nach wie vor: Mindestens ein Jahr lang nach der stationären Therapie noch eine Gruppe zu besuchen.

Der Bedarf an Selbsthilfe scheint vorhanden zu sein wie eh und je. Es entspricht dem sozialen Wesen Mensch, sich bei anderen Menschen Hilfe zu suchen – oder anderen Hilfe zu schenken. Nur ändert sich mit den technischen Möglichkeiten wohl auch die Art und Weise, wie wir das tun …

Was kann Gruppe nun wirklich? Antworten dazu im folgenden Interview mit Jürgen Heckel, Kommunikationstrainer, Selbsthilfe-Experte, Autor und selbst langjährig trocken. Berichte über Erfahrungen mit Gruppen lesen Sie auf S. xx und in unserer Hausdestille.                                                                                                                                                 Anja Wilhelm

 

(*Namen von der Redaktion geändert)


Der Mensch ist des Menschen Arznei …

Über die Selbsthilfegruppe und wie und wodurch sie funktioniert*

Mit Jürgen Heckel, Alkoholiker, über 30 Jahre trocken, Suchtberater, Buchautor, Kommunikationstrainer und Diplom-Bibliothekar, der von sich hofft, auf dem Weg zur Nüchternheit zu sein, sprach Autor Hans-Jürgen Schwebke, Alkoholiker, über 12 Jahre trocken.

Herr Heckel, warum gehen Sie nach über 29 Jahren Abstinenz immer noch in eine Gruppe?

Ich traf bei meinem ersten Gruppenbesuch auf Menschen, die offen und ehrlich über sich sprachen, was ich in anderen Veranstaltungen so noch nie erlebt hatte.

In Ihrem inzwischen in 6. Auflage erschienenen Buch „Sich das Leben nehmen: Alkoholismus aus der Sicht eines Alkoholikers“ beschreiben Sie ausführlich Ihren Weg mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker (AA).

Gott sei Dank gibt es viele unterschiedliche Selbsthilfegruppen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen: die Anonymen Alkoholiker, den Kreuzbund, das Blaue Kreuz, die Guttempler, örtliche Freundeskreise und unzählige andere.

Betroffene sollten sich, meiner Meinung nach, zehn verschiedene Gruppen anschauen, bevor sie urteilen. Bei dem einen hilft diese Gruppe, beim anderen wiederum eine ganz andere. Die Wege in die Sucht sind individuell, die Wege heraus auch. Wenn zwei Alkoholiker den gleichen Genesungsweg versuchen, wird einer scheitern.

Es geht nicht um gute oder schlechte Abstinenzverbände oder Gruppen …?

Nein, es geht um die Frage: Welche Gruppe ist wann für wen tauglich? Ich wählte meine Gruppe, weil ich dort keinem Guru oder einem Programm zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet werde. Ich werde nicht gezwungen, meine Identität abzugeben, um eine vorgeschriebene anzunehmen. Für mich ist wichtig, dass die Macht über mein Leben in den eigenen Händen bleibt, das heißt: Ich kann meine Identität entwickeln. Ich habe über die Jahre gelernt: In einer Selbsthilfegruppe bekommt ein Süchtiger nicht das, was er möchte, sondern das, was er braucht – Wahrheit und Klarheit, Empathie und Konfrontation.

Mitglieder in Selbsthilfegruppen lassen sich ein Leben lang auf einen seelischen Entwicklungsprozess ein, für den sie selbst die Verantwortung übernehmen. In einer Selbsthilfegruppe hilft nicht einer dem anderen, sondern jeder hilft sich selbst und dadurch hilft er den anderen.

 Worin besteht das Ziel einer Selbsthilfegruppe?

Ziel einer Sucht-Selbsthilfegruppe ist die Suchtbefreiung. Der „Trick“, den ich anwenden muss, um mit meiner Sucht umgehen zu lernen, ist folgender: Ich muss mein Leben so umorganisieren, dass es mir ohne Droge deutlich besser gefällt als zuvor, dass ich es als einen Gewinn empfinde, trocken zu leben, nicht als Verlust. Ich verliere nichts, ich gewinne: an Menschlichkeit, Nähe, Sensibilität, Wärme, Freiheit. Das bedeutet Aufbau eines gelingenden Lebens mit neuer klarer Wert-, Sinn- und Zielorientierung. Wir Alkoholiker sind zum guten Leben verurteilt. Ich bin gezwungen, mich auf umfassende Veränderungsprozesse einzulassen.

Woran liegt es, dass Alkoholiker und Außenstehende den Gruppenbesuch oft mit Schwäche verbinden?

Für mich ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe quasi ein Trainingslager, ein geschützter Raum zum gefahrlosen Ausprobieren. Die Entscheidung, zukünftig abstinent zu leben, vergleiche ich dabei mit einer Expedition von den Sümpfen der Sucht zum Berg der Freiheit, bei der ich mit Höhen und Tiefen, Schwierigkeiten und Fehlschlägen zurechtkommen muss. Die Gruppe ist dabei immer wieder Trainingscamp, in dem sich gezielt und speziell mit den möglichen Problemen und Schwierigkeiten der Gruppenmitglieder auseinandergesetzt und Problemlösungen erarbeitet und trainiert werden können. Ein Gruppengespräch in diesem Sinne enthält großartige Chancen: Voneinander lernen, füreinander da zu sein, beieinander Verständnis zu finden, untereinander offen zu reden, sich zu begegnen, sich zu berühren, sich mitzuteilen in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander teilen. Immer, wenn ich mit den Freunden in einer Gruppe beisammen bin, überkommt mich das beglückende Gefühl, dass mir dort nichts passieren kann. In Bezug auf meine Gesundheit bilde ich mich dort lebenslang zu meinem eigenen Experten aus.

Das heißt aber auch für die Betroffenen, sich neue Konflikt- und Bewältigungsstrategien anzueignen.

Jawohl, Selbsthilfegruppen setzen zwei für Menschen unersetzliche Medikamente ein: Zuhören und Sprechen. Dabei ist Zuhören der Anfang vom Anfang im Veränderungsprozess. Denn: Nur wer zuhören kann, ist auch in der Lage, zu sprechen. Und wer dem Hören und Zuhören einen Wert gibt, ist auf dem Weg zur Achtsamkeit zu sich selbst und anderen gegenüber. Wer sich dem Gruppenklima kontinuierlich aussetzt, wird Zuhören als Lebenskunst entdecken.

Dazu gehört das freie Sprechdenken, die Verfertigung der Gedanken beim Reden. Im Gruppengespräch erleben wir, wie erlösend es ist, etwas in Worte fassen zu können, was schon lange in uns bohrt und sich des Nachts in unsere Träume schleicht. Nur wenn ich es auf den Begriff bringe, nur dann kann ich es begreifen, ergreifen, anpacken und Lösungen anstreben. Egal, aus welchen Gründen eine Selbsthilfegruppe zusammenfindet, es sind immer auch kommunikative Fähigkeiten, die dort meist unbewusst geschult werden. Kommunikative Fähigkeiten sind es, die es uns ermöglichen, aus eigener Kraft aus ausweglosen Situationen herauszukommen. Genesung bedeutet für Süchtige soziales Lernen.

Was bewirkt Ihrer Meinung nach die Veränderung des eigenen Ich?

Es ist nicht in erster Linie der Erfahrungsaustausch, so wichtig und bedeutsam er auch ist – schon gar nicht das erworbene Wissen über Alkoholismus. Ich kenne Leute, die wissen alles über Alkoholismus mit einer winzigen Ausnahme: sie wissen nicht, wie sie trocken leben können. Es ist auch nicht ein Programm, so hilfreich es auch ist, sondern es ist die andere und besondere Art – überwiegend auf der Beziehungsebene – zu kommunizieren, die das Wachstumsklima und damit die Veränderung herbeiführt. Es ist das gleichberechtigte Nebeneinander von Gedanken und Gefühlen, von Wissen und Träumen, das die besondere Qualität dieser Sprechsituation ausmacht. Es ist ein fortschreitendes Erfahren und lernendes Erleben. Meistens registriere ich gar nicht, dass ich etwas lerne. Die Genesung ergibt sich aus dem Gespräch von Mensch zu Mensch. Ergibt sich aus der Art und Weise, wie wir uns dort berühren.

Der senegalesische Stamm der Wolof hat dafür ein passendes Sprichwort: „Nit nit, ay garabam.“ – „Der Mensch ist des Menschen Arznei“.

Was habe ich von einem Gruppenbesuch?

  • Wenn ein anderer Mensch bereit ist, mir etwas von sich zu erzählen und seine inneren Gedanken und Gefühle mit mir teilt, so liegt darin ein Wert für mich. Ich profitiere auch dann, wenn sich herausstellt, dass ich ganz andere Ansichten habe.
  • Ich erfahre Zug um Zug, wie wertvoll und gewinnbringend es ist, einen anderen Menschen zu verstehen. Geteilte Freude ist doppelte Freude – geteiltes Leid ist halbes Leid. Teilen setzt Energien frei für Veränderungen.
  • Ich lerne mich nicht nur mit meinen, sondern auch mit den Augen der anderen wahrzunehmen.
  • Ich lerne in der Gruppe, Nähe zuzulassen, und ich lerne, Nähe zu ertragen.

Manche warnen vor der Entstehung der Selbsthilfegruppen-Sucht.

Das ist ein beliebter Vorwurf. Es gibt aber einfach nichts, auf das Menschen nicht süchtig werden können. Auf die Gruppe süchtig zu sein, ist immer noch besser als sein Gehalt zu versaufen, seine Frau zu verprügeln und die Kinder zu vernachlässigen.

Der griechische Schriftsteller Plutarch sagte: Es ist schlimm, erst dann zu merken, dass man keine Freunde hat, wenn man Freunde nötig hat.

Das Wissen, welche Eigenschaften ich für meine Veränderungsprozess benötige, hatte ich von meinen Therapeuten: Zähigkeit, Geduld, Flexibilität, Frustrationstoleranz, vor allem aber auch die Empfehlung: Such dir einen völlig neuen Freundeskreis. So schnell wie möglich, am besten noch heute. Wenn das Haus brennt, musst du dich ja auch beeilen, dass du rauskommst, selbst dann wenn du noch keine andere Bleibe hast. Urplötzlich hatte ich meinen gewohnten Freundeskreis aufzugeben, doch ein neuer war weit und breit nicht in Sicht. Ich fand ihn in der Gruppe.

Was macht für Sie das Besondere der Selbsthilfe in der Gruppe aus?

Mir werden durch diverse Beiträge in der Gruppe immer wieder Fragen gestellt, die ich mir selbst auch nach Jahrzehnten nicht zu stellen traue. Das öffnet Türen bei mir, die immer noch verriegelt sind.

Und: Die Gruppe ist für mich ein nützliches Frühwarnsystem für die Gefahren eines Rückfalls.

Es ist auffällig, wie viele nach über 20 Jahren wieder rückfällig werden, einer der vielen Gründe, weshalb ich auch nach 29-jähriger Trockenheit immer noch in Gruppen gehe. Gerade wenn ich das Gefühl habe, weit weg vom Alkohol zu sein, ist er besonders nah. Mein Kopf ist durchaus noch tauglich, als Frühwarnsystem für Rückfallgefahren taugt er nichts. Dafür benötige ich die Gruppe.

Der Praxistransfer des Erlernten ist in den Gruppenprozess selbst eingebaut.

Die ständige Begegnung mit nassen Alkoholikern ist wichtig. Nasse halten mir einen Spiegel vor.

Ich erkenne, ob ich mich vorwärts oder zurück entwickle.

Herr Heckel, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen, den betroffenen Leserinnen und Lesern und mir weiter gute 24 Stunden!

 

Titelthema 2/16: Kann Alkoholismus vererbt werden?

TitelTP02Aus der Genforschung:

Ist Alkoholsucht erblich?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ganz so einfach ist es nicht! Alkoholismus ist keine echte Erbkrankheit wie zum Beispiel Albinismus, Farbenblindheit oder gewisse Stoffwechselerkrankungen. Aber: Bestimmte Erbfaktoren, Gen-Mutationen, können die Anfälligkeit für die Alkoholkrankheit stark erhöhen. Man ist dann „veranlagt“ dazu.
In welchem Maße und durch welche Gene das geschieht – dazu wird seit Jahrzehnten geforscht. Unter anderem innerhalb des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN) im Projekt „Genetics of Alcohol Addiction“.
Über den neuesten Stand der Forschung und Schlussfolgerungen daraus sprach die TrokkenPresse mit Rainer Spanagel,
Professor für Pharmakologie & Toxikologie, Leiter des Instituts für Psychopharmakologie am Zentrum für Seelische Gesundheit (ZI), Universität Heidelberg.

 Professor Spanagel, ist die Alkoholkrankheit tatsächlich zum Teil genetisch bedingt?

Als Faustregel kann man sagen: Zu 50 Prozent ist Alkoholismus genetisch determiniert. 50 Prozent aller Risikofaktoren sind also genetische. Und wenn Sie diese genetischen Risikofaktoren haben und diese dann noch mit bestimmten Umweltrisikofaktoren interagieren, erhöht sich das Risiko, abhängig zu werden, dramatisch.

Allerdings kommt es selten vor, dass eine einzige Person all diese genetischen Risikofaktoren hat, die wir ja auch noch nicht mal alle kennen. Das könnten 150-500 Gene sein, die solch ein finales Risiko ausmachen können.

 Wie ist die Forschung auf diese 50 Prozent gekommen?

Zum Beispiel durch klassische genetische Untersuchen an eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Zweieiige sind ja genetisch nicht in dem Maße miteinander verwandt wie eineiige, die gleich sind. Es wurden je 10 000 Zwillingspaare untersucht. Bei den Zweieiigen war Alkoholismus ums doppelte häufiger im Gegensatz zu den Eineiigen. Das sind die Erblichkeitsraten. Aber da gibt es natürlich noch weitere Untersuchungen mit Adoptivkindern in Familien, die das dann weiter belegen. Wird ein Kind, bei dem ein Elternteil Alkoholiker ist, in eine Familie adoptiert, wo die Erziehungsberechtigten keine Alkoholprobleme aufweisen, so ist das Risiko für das Adoptivkind ungefähr doppelt so hoch, später an Alkoholismus zu erkranken, als wenn keine Vorbelastung von den leiblichen Eltern vorliegt.

Dass Alkoholismus zu 50 Prozent genetisch determiniert ist, das kann als ein Fakt gesehen werden. Und ein Fakt ist auch, dass es genetische Risikovarianten gibt, die das Erblichkeitsrisiko für Alkoholismus ausmachen. Das sind nicht mehr nur wissenschaftliche Befunde, sondern ganz klare Fakten.

 Was macht ein solch mutiertes, verändertes Gen denn genau, was kann es anrichten?

Ich kann Ihnen zwei Beispiele geben aus unserer eigenen Arbeit, das ist einmal das RASGEF2-Gen, aus unserer Genomuntersuchung, die wir an 50 000 Personen gemacht haben. Da haben wir uns den Alkoholkonsum angeschaut: Bei wem tritt exzessiver Konsum auf? Wir haben also alle Gene angeschaut, über 30 000 Varianten, und bei den Personen mit exzessivem Alkoholkonsum kam eine Variante des RASGEF2-Gens gehäuft vor.

 Was hat dieses spezielle Gen mit Alkoholismus zu tun?

Das war uns zunächst auch nicht klar. Dann haben wir dieses Gen zellbiologisch genau angeschaut, und es ist – also das Produkt des Gens, ein Protein – ganz zentral in der Signaltransduktion (Signalübermittlung, Erläuterung am Ende des Textes, d.R.) von Glutamatrezeptoren involviert. Das glutamatalge System ist im menschlichen Gehirn das wichtigste erregende Neurotransmittersystem: 70 Prozent all unserer erregenden Neurone benutzen Glutamat. Und dieses Glutamat bindet an Glutamatrezeptoren, insbesondere an  NMDA-Rezeptoren. Wenn NMDA-Rezeptoren Glutamat binden, dann wird eine Signalübermittlung aktiviert, bei der RASGRF2 eine entscheidende Rolle spielt.

Und jetzt können sie natürlich wiederum fragen, was hat das mit Alkoholismus zu tun? Alkoholmoleküle binden auch direkt an den NMDA-Rezeptor und so ist es nicht verwunderlich, dass genetische Varianten von RASGRF2 die zellulären Effekte von Alkohol über die NMDA-Rezeptor-vermittelte Signaltransduktion direkt beeinflusst.

Wir wissen weiterhin: Wenn man Alkohol trinkt, wird Dopamin freigesetzt. Wir konnten zeigen: Diese Dopaminfreisetzung wird wiederum ganz stark von NMDA-Rezeptoren reguliert. Wir haben jetzt bei Mäusen in Laborversuchen dieses RASGRF2-Gen ausgeschaltet, und siehe da, wenn wir ihnen Alkohol gegeben haben, haben sie gar keine Dopmainfreisetzung mehr. Das heißt, sie bekommen keinen belohnenden Effekt von Alkohol, wenn RASGEF2 nicht aktiv ist. Diese ganze Transduktionskaskade von Alkohol über NMDA-Rezeptoren zum Dopamin hin funktioniert nicht mehr.

Das zeigt uns: Gene sitzen manchmal in wichtigen Neurotransmittersystemen und Kaskaden, über die Alkohol wirkt, oder über die suchtähnliche Effekte vermittelt werden.

Und so bestimmen diese Genvarianten mit ihren Genprodukten auch den Effekt von Alkohol oder der suchterzeugenden Wirkung.

 Und das zweite Beispiel?

Auch aus unserer Forschung: CRHR1ist ein ganz wichtiges Molekül, das auf Stress antwortet. Wenn Sie ganz besonders aversiv (gegen etwas Widerwillen haben, es vermeiden wollen, d.R.) gestresst sind, dann wird dieses CRH freigesetzt. Es bewirkt zum Beispiel, dass man ängstlicher wird. Dass man sich nicht gut fühlt. Diese Symptome werden von CRH unter starkem Stress produziert, indem CRH freigesetzt wird und dann an sogenannte CRHR1-Rezeptoren anbindet. Das ist eine normale Stressantwort, die bei jedem Menschen stattfindet, sobald er zu viel Stress hat. Jetzt haben wir gefunden, dass eine bestimmte genetische Variante, die es in dem CRHR1-Gen gibt, in Interaktion mit Alkohol tritt. Wenn sie diesen Risikofaktor haben, dann wirkt Alkohol besonders gut, um diese Stressantwort zu dämpfen. Viele Menschen trinken ja, wenn sie gestresst sind, um wieder runterzukommen, gerade bei betroffenen Alkoholikern ein ganz klassisches Problem.

Ein Beispiel: Sagen wir, seit Jahren funktioniert alles wieder gut, man hat wieder einen Partner, wieder eine Arbeit. Aber plötzlich sagt der Chef, tut uns leid, wir müssen sie entlassen. Das ist ein hochaversives Erlebnis, und da wird CRH freigesetzt. Nun hatte man einst „gelernt“, ja wenn ich in so einem Moment Alkohol trinke, dann kann ich diesen Stress etwas wegdrücken. Das lindert diese Symptome, das emotionale Erleben besonders. Aber was es natürlich tut: Es befördert den Rückfall, es befördert das Trinken. Denn es ist ja nicht so, dass man dann am nächsten Tag wieder einen Job hat, sondern man hat den Job verloren und so treibt dann diese Risikovariante des CRHR1-Gen durch den Stress in Kombination mit Alkohol einen immer mehr in die Rückfallspirale rein.

Das ist ein Beispiel über eine Gen-Interaktion mit der Umwelt.
Wir haben z.B. dann  auch wieder bei Mäusen dieses Gen ausgeschaltet und bei ihnen war es extrem. Sie haben unter normalen Bedingungen Alkohol bekommen und getrunken. Aber dann haben wir sie gestresst, sie richtig heftigen Stressoren ausgesetzt, mehrere Tage lang. Da ist ihr Alkoholkonsum ums Dreifache hochgeschossen. Und der Konsum blieb ein Leben lang hoch.

 Sind diese genetischen Risikofaktoren vererbbar?

Ja! Wenn ich Träger solch einer Variante bin, dann werde ich die an meinen Sohn oder meine Tochter auch weitergeben. Es kommt jetzt darauf an, ob es dominant ist, oder die Risikovarianten werden von beiden Eltern weitergegeben, aber ganz klar: Das wird vererbt. Man kommt als Kind schon mit diesen Risikovarianten auf die Welt.

 Woher weiß man, dass man veranlagt ist?

In Deutschland ist das nicht besonders gefragt, die Deutschen kommen nicht daher und lassen sich genetisch kartieren, aber in England oder den USA gibt es schon genug Leute, die das privat finanziert machen und wissen wollen, habe ich Risikovarianten oder nicht.  Aber ob ich dann wirklich so viel gefeiter bin? Was soll ich daraus ablesen? Deshalb bin ich bei polygenetischen Erkrankungen vorsichtig, zu sagen, man sollte sich einfach durchscreenen lassen. Dann am Ende des Tages würde ich vielleicht erfahren, dass ich für 150 Erkrankungen prädestiniert bin, das ist wahrscheinlich eine schreckliche Information.

 Wie kann ich es sonst erfahren, ob ich erblich belastet bin?

Da gibt es eine sehr einfache Regel: Eine Familie sollte darüber reden, ob in der Familie das Problem schon mal aufgetaucht ist oder nicht. Das Thema ist noch so stigmatisiert, dass es oft verschwiegen wird, wenn sich der Großvater oder der Onkel zu Tode gesoffen haben, keiner redet darüber. Aber man muss das wirklich offen benennen, wenn ein Verwandter ein Alkoholproblem hat oder abhängig war. Dann bedeutet das für Sie, dass Sie genetisch Risikovarianten tragen, die Sie gefährden. Und wer das Wissen hat, kann sagen: halt mal, Alkohol ist für mich, besonders, wenn es in das riskante Trinken reingeht, gefährlich. Ich habe eine genetische Determination dafür.

Eine offene Gesprächskultur ist Selbstschutz. Zu wissen, hey, das ist in meiner Familie aufgetreten, bedeutet für mich, ich bin gefeiter. Es bedeutet nun nicht, dass ich überhaupt keinen Alkohol trinken soll, aber sobald ich in riskanten Konsum komme und das passiert halt in bestimmten Lebenssituationen, da muss sofort das Warnsignal hochgehen.

Das Interview führte Anja Wilhelm

 

Ein Gen (liegt auf den Chromosomen in jedem Zellkern) ist ein Eiweiß-Bauplan, es trägt die Erbinformationen. Und ist dafür verantwortlich, dass Informationen zu Merkmalen der Ausprägung von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Signalübermittlung: Damit Reize aus dem Körper oder der äußeren Umgebung richtig und schnell vom Organismus beantwortet werden können (Reaktion), müssen sie vom Organ des Eintreffens über mehrere Tausend Nervenzellen bis zum Zielorgan geleitet werden (z.B. Geruchsempfindung, Muskelkontraktion). Das geschieht von Nervenzelle (Neuron) zu Nervenzelle, über die Synapsen zwischen ihnen: mittels elektrischer Erregung, die Botenstoffe wie Hormone und Neurotransmitter freisetzt, die wiederum mit ihrer Information die Zellmembranen passieren können. Glutamat ist solch ein Transmitter. Wenn er zum Beispiel andockt an NMDA-Rezeptoren, löst er eine spezielle Signalübermittlung aus.

 

 

Titelthema 1/16: Promillefallen im Alltag (Alkohol in Lebensmitteln und Co)

TitelJanuarVon Schoko-Eis bis Zahnungshilfe:

Wo lauern Promille-Fallen im Alltag?

Kennen Sie das nicht auch? „Hier, wir haben Dir extra alkoholfreies Bier gekauft, das darfste doch“, wollten mir Bekannte neulich etwas vermeintlich Gutes tun. Ich lehnte ab. Schon der Biergeruch allein, geschweige denn die 0,5 Promille drin, könnten Folgen für mich haben. Rückfall. Leberschaden. Friedhof. Klingt das nach zu viel Vorsicht? Oder wieviel Vorsicht ist tatsächlich nötig? Und weshalb und wovor nun eigentlich genau?

Stellen Sie sich vor, Sie essen ein Stück Schokolade, schlucken es hinunter und merken erst dann: Da war ja Alkohol drin!
Was kann einem trockenen Alkoholiker denn nun passieren?

Das weiß man leider noch nicht haargenau. Allerdings haben wissenschaftliche Untersuchungen in einem neutralen Labor ergeben, dass Fruchtsäfte mit einem Alkoholgehalt unter 0,5 V% noch kein „Verlangen“ (Cravings) auslösen, ganz im Gegensatz zu Bildern alkoholischer Getränke.

„Sinneseindrücke wie Geschmack, Geruch, Geräusche oder Aussehen lösen als Schlüsselreize offensichtlich eher Verlangen aus als minimale Alkoholmengen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen unseren Rat, keine Getränke oder Speisen zu sich zu nehmen, die wie Alkohol aussehen oder schmecken. Aber warum sollte man es trotzdem so genau mit dem Alkoholgehalt nehmen? … Der Grund für den dringenden Rat zur absoluten ,Nullgrenze‘ liegt nicht in der Physiologie, sondern in der Psychologie der Sucht. Für die Sucht ist es geradezu typisch, dass aus einer sachlichen und wissenschaftlich korrekten Information wie der, die sie gerade gelesen haben, fast zwangsläufig folgende illusionäre Idee im Bewusstsein eines Süchtigen entsteht: ,Wenn mir ein bisschen nichts anhaben kann, dann brauche ich ja auch nicht mehr so konsequent und wachsam sein wie bisher! Und wenn ich dann aus Versehen ein wenig Alkohol zu mir nehmen sollte und mir das nichts ausmacht, ist doch alles in Butter. Vielleicht bin ich eben doch kein Alkoholiker!?‘“ (aus „Die Suchtfibel“ von Ralf Schneider, 14. Auflage, S. 389).

Genau deshalb raten Therapeuten und erfahrene trockene Alkoholiker dringend: Meiden Sie alle Lebensmittel und Getränke, die auch nur minimal Alkohol enthalten und genauso schmecken und riechen wie alkoholhaltige! Das ist die sicherste Methode.
(Das Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund hat übrigens herausgefunden, dass die Wahrnehmung von Alkohol bei zwischen 0,2 – 0,5 Vol% beginnt.)

Aber auch in anderen Produkten unseres Alltags ist (oft ungeahnt) Alkohol enthalten. Im Folgenden ein kleiner Leitfaden durch die Promille-Fallen.

Lebensmittel

Ist das Kleingedruckte verlässlich?

Laut deutschem Lebensmittelgesetz muss Alkohol, wenn er als Zutat benutzt wird, auf der Zutatenliste der Verpackung gekennzeichnet werden (auch als Äthanol oder Ethylalkohol, die chemischen Begriffe). Übrigens auch, wenn er als Konservierungsmittel benutzt wird.

Aber Achtung: Wird Alkohol als Lösungsmittel für Aromen während der Produktion eingesetzt, muss das NICHT gekennzeichnet werden. Wenn also in der Zutatenliste Aromen angegeben werden, könnte die Speise Spuren von Alkohol enthalten (unter 0,5 V%)!

Ebenso unsicher sind lose verkaufte Produkte, zum Beispiel die „Teilchen“ beim Bäcker oder auch Speiseeis. Da besteht keine Kennzeichnungspflicht. Hier sind Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit selbst in der Pflicht: Nämlich nachzufragen.

Hinzu kommt: Spuren vom Alkohol sind natürlicherweise als so genannte Spuren in vielen Lebensmitteln enthalten (z.B. in Brot, Fruchtsäften, Obst) – denn Alkohol ist ein Stoffwechselprodukt bei Gärungsprozessen und die kommen in vielen Lebensmitteln in geringer Form vor. Essen oder Nichtverzehren, das liegt ganz in Ihrem eigenen Ermessen. Ebenso, was den viel diskutierten Essig betrifft: Ist die Oxydation der zugrunde liegenden alkoholhaltigen Flüssigkeiten abgeschlossen, enthält er weniger als 0,5 Vol % Alkohol. Aber Vorsicht, denn bei einigen südländischen Sorten wird später  wieder Wein o.ä. zugefügt. Das erkennen Sie auf dem Etikett.

Eine Liste mit Hinweisen zu Lebensmitteln, die man meiden sollte, finden Sie im Kasten auf S . Beachten Sie aber, dass sich Rezepturen oft über Nacht ändern können.

Getränke

Prost Malzbier?

Die Kennzeichnungspflicht für alkoholische Getränke besteht erst bei Werten, die  deutlich über den natürlicherweise vorkommenden Spuren liegen: Erst ab einem Alkoholvolumen von 1,2 Vol%  muss Alkohol im Getränk angegeben werden.

„Alkoholfrei“ darf sich ein Getränk nennen, wenn es weniger als 0,5 Vol% Alkohol enthält. Deshalb können und dürfen „alkoholfreie“ Biere geringe Alkoholmengen enthalten.

Malzbier darf bis zu 1,2 Vol. % Alkohol enthalten, ohne dass es gekennzeichnet sein muss. Es darf sich aber nicht „alkoholfrei“ nennen, wenn es mehr als 0,5 Vol% Alkohol enthält.

Fruchtsäfte dürfen laut Lebensmittelgesetz bis zu 0,38 Vol% enthalten. Sie entstehen durch die Gärung von reifen Früchten. Der Alkoholgehaltunterscheidet sich sehr. Während klarer Apfelsaft nur 0,02 Vol% haben kann, liegen die Prozente im naturtrüben höher (bis zu 0,3 Vol%), weil die nicht abgefilterten Fruchtbestandteile Nährboden für Hefepilze sind, die Alkohol produzieren.

Im Restaurant

Lieber Schnitzel statt Rehbraten?
Auch wenn es nicht auf der Speisekarte ausgewiesen ist wie zum Beispiel „Rehrücken in Rotweinsoße“, kann sogar eine Zwiebelsuppe mit Weißwein verfeinert sein, die Gulaschsuppe mit Rotwein, der Fruchtsalat mit Rum. Auch viele Eissorten (wie Schoko und Kirsch) oder Desserts wie Tiramisu können Liköre enthalten. Sichern Sie sich ab, indem Sie in der Küche nachfragen (lassen).

Beim Kochen

Adé, lecker Rotweinbratensoße?
Entscheiden Sie selbst: Laut US-Forschern verkocht/verdampft der Alkohol nicht so schnell, wie bisher geglaubt: Der Siedepunkt des reinen Alkohols liegt zwar bei nur 78 Grad, aber in Verbindung mit dem Wasser im Wein erhöht er sich. Und zwar so, dass nach einer halben Stunde Kochen immer noch 35 Vol% des zugefügten Alkohols in der Speise enthalten sind. Je später er dazugegeben wird, desto mehr bleibt drin – und außerdem auch mehr Geschmack, der wiederum das Suchtgedächtnis strapazieren kann.
Wer nicht auf die Vielzahl von Rezepten ohne Alkohol ausweichen möchte: In unserem Kasten auf Seite  finden Sie Ersatzmöglichkeiten für Weine beim Kochen.

Beim Arzt, in Apotheke und der Drogerie

Ohne Schmerzspritze beim Zahnarzt?
Nein, keine Sorge! Aber worauf  Sie dennoch unbedingt achten sollten, das erklärt Ihnen unsere Leserin und Autorin Cornelia Ludwig in ihrem Report auf Seite .
Im Beipackzettel/auf den Verpackungen von Medikamenten sind auch geringste Alkoholmengen angegeben. Dafür gibt es strenge Regeln und Kontrollen. Besonders häufig ist Alkohol in flüssigen Arzneien enthalten, z.B. in Hustensäften oder Beruhigungstropfen. Es gibt aber immer auch Alternativen in nicht flüssiger Form, die keinen Alkohol enthalten. Auch frei verkäufliche so genannte Stärkungsmittel (wie z.B. Nerventonikum, Ginseng-Präparate) enthalten teilweise sogar in hohen Mengen Alkohol.

Fazit: Um nicht in Promille-Fallen zu tappen, ist es unumgänglich, die Zutatenlisten auf Lebensmittelverpackungen genau zu lesen und/oder direkt nachzufragen, ob beim Verkäufer, Kellner, Arzt oder Apotheker.
Bitte lesen Sie dazu auch auf den folgenden Seiten Cornelia Ludwigs Erfahrungen in Drogerie, Apotheke und beim Zahnarzt.

Anja Wilhelm

 

Titelthema 6/15: Spiritualität und Alkoholismus

TBILD 6Wonach suchen Süchtige wirklich?

„Alkoholsucht ist nicht der Durst der Kehle, sondern der Durst der Seele.“
Das stellte Pfarrer und Hospizgründer Friedrich von Bodelschwingh schon vor über 100 Jahren fest.

Wonach dürstet denn Ihre Seele, liebe LeserInnen, was wünschen Sie sich?

Das neue Smartphone, Auto oder Kleid machen glücklich, natürlich – aber wie alles äußere Hab und Gut nur für den Moment, wie wir ja alle wissen. Ist es nicht eher so, dass wir nach etwas suchen, das uns jeden Morgen in kindlicher Vorfreude erwachen lässt, neugierig auf den neuen Tag im Leben? Wünschen wir uns nicht etwas, dass uns dauerhaft einen inneren Frieden bringt, Liebe, Vertrauen, Orientierung?

Ich glaube auch – aus eigener Erfahrung – dass wir Alkoholkranken verzweifelt und über Jahre hinweg in Bier, Wein und Schnaps danach suchen. Und kurzfristig wird es dem Trinker auch vergönnt: Im scheinbar glücklichen Dahindämmern des Gehirns sind unangenehme Gedanken und Gefühle so weit, weit weg … und bald darauf dann doch wieder da. Verstärkt sogar.

„Der Alkoholdurst entspricht auf einer niedrigen Stufe dem geistigen Durst unseres Wesens nach Ganzheit, die man in der Sprache des Mittelalters ,Vereinigung mit Gott‘ nannte“, schrieb 1961 der bekannte Psychiater Carl Gustav Jung.

Aber was mag er mit „Ganzheit“ meinen?

Den Sinn unseres Lebens, das Gefühl von Erfüllung? Das Erkennen eines göttlichen Ursprungs des Daseins, der uns alle verbindet, wovon wir ein Teil sein könnten? Werte, die der Orientierung im Alltag dienen?

Diese Suche danach und das letztliche Erkennen der Antworten für sich selbst, das ist, vereinfacht zusammengefasst, Spiritualität. Definitionen gibt es viele, die Wissenschaft ist sich noch uneins. Kein Wunder, geht es doch um die Suche nach Dingen, die man nicht anfassen oder berechnen kann, sondern nur fühlen und erleben.

Was bleibt, scheint zu sein:

Ob wir für uns eine Verbindung zu einem christlichen Gott erkennen, mit Buddha meditieren, keltische Feiertage begehen oder achtsam das Hier und Jetzt würdigen: Wir leben damit spirituell, haben entweder unseren inneren Frieden bereits gefunden oder sind noch auf der Suche.

Ob wir Gottvertrauen und Geborgenheit, Weisheit und Einsicht, Mitgefühl und Toleranz, Dankbarkeit und Gleichmut schon erleben oder noch erstreben: All das bedeutet auf jeden Fall, dass wir bewusster mit uns selbst, mit anderen und der Umwelt umgehen. Es kann Herz und Seele wärmen und die innere Leere füllen, wie Marion M. auf Seite… beschreibt.

Ja, Alkohol kann auf diese Weise sogar seine Bedeutung für uns verlieren …

Lesen Sie zu diesem Thema bitte auf den folgenden Seiten die Gedanken von Pfarrer Christian Wossidlo, Dr. Andreas Dieckmann und die persönlichen Erfahrungen der trockenen Alkoholiker Klaus, Andreas und Marion.

Anja Wilhelm

Spiritus und Spiritualität – die Suche nach dem Glück

Von Christian Wossidlo, Theologe und evangelischer Pfarrer im Ruhestand

Das Wort „suchen“ ist zweifellos die sprachliche Grundlage für „Sucht“. Wenn ich Sucht inhaltlich als die Suche nach Glück oder Erfüllung oder Überwindung der menschlichen Alltagsschwierigkeiten beschreibe, ist also das, was wir als Sucht bezeichnen, ein Weg, den Menschen gehen, um das Genannte zu finden und zu erreichen.

Es gibt vermutlich auch andere Wege, um zu diesem Ziel zu kommen, die nur ganz anders heißen und scheinbar nichts mit Sucht zu tun haben. Nur scheinbar?

„Spiritus“ ist das Grundwort für Spiritualität. Es ist lateinisch und bedeutet schlicht „Geist“ oder „Hauch“. Heute ist es die Bezeichnung von Alkohol.

Spiritualität ist die Suche nach dem Geistigen, nach dem, das unseren fleischlichen, irdischen, vergänglichen Körper adelt, das uns in Verbindung bringen kann mit dem Jenseitigen, dem Transzendenten, wie es die Philosophen nennen. Die Theologen reden vom Göttlichen, von Gott. Dabei meine ich hier mit dem Begriff „Theologen“ alle, die im religiösen Bereich arbeiten und denken , vom Pfarrer bis hin zur Schamanin.

Vom Wort her könnte Spiritualität auch ein Sammelbegriff für Alkoholismus sein.

Offenbart das einen tiefen inneren Zusammenhang zwischen Sucht und geistigem Suchen? Und, wenn ja, wäre das fatal?

In vino veritas

In der Bibel, also im Christentum, genießt der Wein eine hohe Wertschätzung. Schließlich ist oder symbolisiert er in der Feier des Abendmahls die Einheit mit Jesus und die Nähe Gottes.

Im religiösen Zentrum der griechischen Antike, dem Orakel von Delphi, versetzte sich die Pythia, die Sprecherin des Orakels, durch Dämpfe, die aus einer Felspalte drangen, in Trance.

Indianer- oder Südseefreaks wissen, dass der Rausch, erzeugt durch vergorene Säfte oder bestimmte Pilze oder Musik und Tanz, in den religiösen Praktiken eine wichtige Rolle spielt.

Die Sehnsucht nach der Einheit mit dem Göttlichen, mit den Ahnen, mit den übernatürlichen Kräften treiben die Menschen an, Grenzen zu überschreiten. Letztlich ist es die Suche nach Glück, Wahrheit und Lebenssinn. Spiritualität hat mit Rausch zu tun und damit mit Sucht. Oder ist es umgekehrt?

Die alltägliche Rede

Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken, sagt man. So ist die Sucht in unserem Alltag weit verbreitet. Wir reden von Eifersucht, Rachsucht und Herrschsucht. Da gibt es die Putzsucht, die Genusssucht, die Habsucht und die Magersucht. Eigensucht, Schwindsucht, Trunksucht, Spielsucht und Sehnsucht seien auch noch genannt. Sie, die Sucht, ist in allen Lebensbereichen zu Hause.

Die Spiritualität tut sich da etwas schwerer. Sie ist häufig mit Stille und Nachdenken verbunden. Das mögen oder können viele nicht. Sie ist im religiösen Raum zu Hause und in diesem Haus wollen viele nicht mehr wohnen. Aber die Suche nach ihr ist offenbar da. Wie sonst gäbe es in der Esoterikszene so viele Angebote, wie sonst taucht sie inzwischen sogar in der Werbung für Wellnesshotels und Thaimassage auf?

Top und Flop

Werfen wir noch einen Blick auf die Sprache. Sie offenbart, dass vernünftige und sogar notwendige Verhaltensweisen in ihrer Übersteigerung zur Sucht werden und damit krank machen und letztlich tödlich sind. Aus dem lebensnotwendigen Trinken wird Trunksucht, aus dem das Leben schön machenden Spielen wird Spielsucht, aus dem manchmal wichtigem Fasten wird die Magersucht, aus dem lobenswerten Trieb, das Geld zusammen zu halten wird die Habsucht. Das kann ich beliebig fortsetzen. Nur bei der Schwindsucht, wie im Volksmund früher die Tuberkulose hieß, geht das nicht, aber die Eifersucht kann schon wieder jede Liebe zerstören.

Ist das in der Spiritualität auch so? Ganz gewiss. Eine Frömmigkeit, die dazu führt, sich täglich auszupeitschen, wie es die Flagellanten im Mittelalter taten, ist krank und ein Fundamentalismus, der selbst angebliche göttliche Strafgerichte vollzieht, wie die Hexenverbrennung in der christlichen Vergangenheit und die Gottesstaatverfechter ISIS in der Gegenwart, ist tödlich für alle. Es sei auch der Hinweis gestattet, dass Sekten der verschiedensten Art, allen voran Scientology, Menschen in religiöse Abhängigkeit locken und bringen, also in eine Sucht führen und halten.

Ein Glück, dass wir nicht (mehr) saufen

Da gibt es noch eine Ebene, auf der sich Sucht und Geistiges treffen. Für die Sucht ist es die Abstinenz, für die Religion, die Spiritualität also, der Glaube.

Beides ist eine Sache des Kopfes. Abstinenz fängt im Kopf an und der Glaube auch. Der Kopf muss sagen: ich will das. Nur dann hat beides eine Chance.

Natürlich muss der „Bauch“ oder das Herz oder das Gemüt, wo auch immer die Gefühle zu Hause sind, ein deutliches Ja sagen. Kopf gegen Bauch geht nicht, in der Abstinenz nicht, im Glauben an Gott auch nicht. Umgekehrt Bauch gegen Kopf reicht auch nicht. Dann artet alles schnell in Gefühlsduselei aus oder eben, schlimmsten Falls, zur Sucht. Wir müssen, um erfolgreich und auch noch glücklich dabei zu sein, schon Kopf und Bauch unter einen Hut bringen.

Auch sonst wäre es gut, wenn es so ist.

Mehrwert

Meine Gedankenspielerei, die ich allerdings nicht als oberflächliche Spielerei verstehe, sondern als Spiel des Geistes mit den Gedanken, die mir spontan gekommen sind, ergibt, dass Sucht genauso viel mit unserem Kopf, also unserem Denken zu tun hat wie Spiritualität. Beides sind zwar Phänomenen, die sehr viel mit den Gefühlen zu tun haben, aber ihr Ursprung liegt in den Gedanken. Sie sind wichtig. In ihnen ist wichtig, was sie enthalten, wonach sie ausgerichtet sind. Damit sind wir bei dem, was heute allgemein „die Werte“ genannt wird und es eröffnet sich ein neues weites Feld. Das werde ich jetzt nicht auch noch beackern, ich sage nur für mich: meine zentralen Werte sind aufgeschrieben, einmal vor rund dreitausend Jahren in den Zehn Geboten, dann nach weiteren Tausend Jahren mit der Bergpredigt von Jesus, ich sehe sie verkörpert in dem Tun von Menschen wie Mutter Theresa, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King und den Menschen, die sich heute für die Flüchtlinge, die zu uns kommen, einsetzen und aufopfern.

Fazit

Sucht und Spiritualität sind auf derselben Ebene in uns angesiedelt, sie stehen sich gewissermaßen gegenüber, sie können auch ganz schnell in einander übergehen. Die Gedanken sind frei, sie kommen und gehen, wie sie es wollen, aber wir haben die Aufgabe und die Gabe, sie zu kontrollieren und zu leiten. Also tun wir das.

 

Spiritualität – der Geist, der bestimmt nicht aus der Flasche kommt

 Von Dr. med. Andreas Dieckmann, Neurologe und Psychotherapeut, ehemaliger Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik Berlin

Der Genuss von Substanzen zur Bewusstseinsveränderung ist ein Phänomen, das in der Menschheitsgeschichte nicht vorwiegend mit Krankheit verbunden war. Die Römer und mehr noch die Germanen kannten rituelle Gelage, während derer Friedensverhandlungen geführt wurden, die gelegentlich jedoch auch blutig endeten. Im Rausch von Kräutern nahmen Medizinmänner indigener Stämme Kontakt zu den Ahnen auf. Kaum eine Kultur verzichtete auf das Erreichen ekstatischer Zustände mittels entrückender Drogen. Substanzungebundene Entrückung findet sich übrigens bereits in der Bibel bei der „Ausgießung“ des Heiligen Geistes, der mit Brausen über die Jünger kam, die in fremden Sprachen sprechen konnten und Visionen und Träume erlebten (Apg. 2).

Auch heute suchen die Menschen in verschiedenen Subkulturen nach Zuständen außerhalb der erlebten Realität – häufig auch ohne religiösen Bezug. Nicht immer spielen Substanzen die wesentliche Rolle. Pseudoreligiöse Kirchen und Ideologien bieten bewusstseinserweiternde Techniken an. Evangelikal fundamentalistische Kreise finden im Gottesdienst Dimensionen der Transzendenz über Gesang, Gebete, religiöse Suggestion und charismatische Prediger.

Siegmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat seine kritische Auseinandersetzung mit Religiosität „Die Zukunft einer Illusion“ dem Schriftsteller Romain Rolland vorgelegt. Dieser macht ihn darauf aufmerksam, dass er sich der „eigentlichen Quelle der Religiosität“ nicht gewidmet hatte. Dabei handele es sich um ein Gefühl des unbegrenzt Schrankenlosen, gleichsam Ozeanischen. Dies sei die eigentliche Quelle der Religiosität. „Ich kann dieses ozeanische Gefühl im mir nicht entdecken“, muss Freud sich in seiner Antwort eingestehen und fährt fort, es gehe wohl um „ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt [… Darum darf ich aber ein tatsächliches Vorkommen bei anderen nicht bestreiten“.

Unzweifelhaft gibt es Bedürfnisse der Erweiterung der eigenen Existenz in bedeutungsvolle Sphären außerhalb des eigenen Lebens. Dazu gibt es Theorien in fast allen Weltanschauungen. Jeder Mensch hat entweder ausformulierte Grundhaltungen oder solche, nach denen er lebt, die ihm aber nicht bewusst sind.

In der religiösen Sicht handelt es sich um die Suche nach dem Göttlichen, der Antwort nach der Frage, was diese Welt zusammen hält. Ekstase und Rausch sind Erscheinungsformen innerer Gelüste jenseits üblicher Lebensgefühle. Sie sind Ausdruck des Versuchs, sich von einer unerklärbaren höheren Instanz getragen zu wissen, die über den scheinbar realen naturwissenschaftlichen Ordnungen steht und den im Leben nicht zu findenden Sinn doch zu erreichen. Viele Menschen spüren eine solche spirituelle Dimension als Bestandteil ihrer Persönlichkeit, die über ihre Alltagswirklichkeit hinausweist. Das Erleben und Zulassen einer solchen Spiritualität wird zu einem Aspekt ihres Selbstverständnisses.

Der amerikanische Psychologe R. A. Emmons sieht in der Spiritualität die Fähigkeiten zu Transzendenz, in höhere spirituelle Bewusstseinszustände einzutreten, alltägliche Gefühle, Ereignisse und Beziehungen mit einem Gefühl des Heiligen auszustatten, spirituelle Ressourcen für die Bewältigung von Lebensproblemen zu nutzen, ferner zu wertorientiertem Verhalten. Er hält diese Gaben für Intelligenzfaktoren, man könnte auch sagen, Faktoren der stabilen Persönlichkeit.

Spiritualität ist als gezielter gefühlsmäßiger Bezug auf das Bedürfnis zu verstehen, mit der Welt und der Transzendenz verbunden zu sein. Ein so empfindender Mensch lebt neben dem Gefühl und der relativen Gewissheit der Unverletzlichkeit der Person in der Vorstellung der Verbundenheit mit einem nicht vollständig vorstellbaren Ganzen, das getragen wird von einer Institution des umfassenden „Göttlichen“. Die Fähigkeit zur Spiritualität kann also in einem gereiften Menschen angelegt sein, aber auch in einer Lebenseinstellung als neuer belebender Faktor gewonnen und „erarbeitet“ werden.

Gefühlsgetragene Ausdrucksformen können gemeinsames Singen und Beten, Meditieren, sich den Gedanken hingeben, rituelle Formen wie Abendmahl oder andere Betätigungen sein, die dem Menschen helfen, sich vom Alltagserleben zu lösen und – im wohlverstandenen Sinn des Begriffs – in „höheren Sphären“ zu schweben.

Süchtige Menschen sprechen dagegen oft vom „Kick“ und wirken wie ständig auf der Suche nach dem hinter dem schnöden Alltag stehenden Besonderen. Aber Ekstase im toxischen Rausch knüpft eben nicht an die stabilen Strukturen einer inneren seelischen Sicherheit und gewissen Ordnung im Erleben aus einer stabilen Lebenserfahrung an, sondern entrückt ihn in eine andere, oft als Ersatz für die Wirklichkeit erlebte irreale Welt, die ihm nach der Entgiftung vom Rauschmittel wieder verloren geht. Verloren auch in dem Sinne, dass er sich im weiteren Verlauf nicht darauf beziehen, davon profitieren und die Erfahrung aus der Erinnerung zur Selbsttröstung verwenden kann.

Die Umgebung ist oft von der schlagartigen Wesensveränderung eines Berauschten ebenso erstaunt wie der Betroffene, wenn er nach der schalen Ernüchterung über sein ihm fremd erscheinendes Verhalten hört. Erst ein neuer „Kick“ bringt die abermalige Regression. Damit ist die gleichzeitige Existenz des In-sich-Gehens und die daraus sich entwickelnde Vervollständigung innerer Verantwortung aus der Spiritualitätserfahrung angesprochen. Der toxische Rausch ist jedoch beim Süchtigen keine auch aus seinem Inneren kommende emotionale Erfahrung, sondern unterliegt der Manipulation des gezielten Einsatzes eines Wirkstoffes. Der Süchtige überlässt die bewusstseinserweiternde Erfahrung aus der Spiritualität also nicht der Erwartung neuer Erfahrungen, sondern steuert die ständig gleiche künstliche Wirkung.

Genuss und seine Nachhaltigkeit ist dem süchtig Konsumierenden kaum erlebbar und wird häufig gemieden, um Kontrollverluste zu umgehen („Mir darf es nicht zu gut gehen.“). Wenn hier von Abhängigkeitskranken die Rede ist, so beziehen wir uns auf solche Kranke, bei denen die multifaktorielle Genese ihren Schwerpunkt in psychischen Funktionsstörungen zu haben scheint.

Möglicherweise löst der Umgang mit Spiritualität und seinen Zusammenhängen mit Ekstase eine Art Faszination des Verlassens der Realität aus und ist damit dem süchtigen Erleben nicht fern. Sie ist aber, wie auch wohltuender Genuss, in der Therapie in Raum und Zeit begrenzt und entfaltet ihre Wirkung im günstigen Fall in einer neuen Sicht des Alltags und einer angemesseneren Beziehungsgestaltung.

Ein Modell gelenkter Spiritualität sind die Gewohnheiten der Anonymen Alkoholiker mit ihren klaren Vereinbarungen, den zwölf Schritten und zwölf Traditionen, dem „24-Stunden-Buch“ und den „Gedanken zum Tag“. Mit den „Schritten“ verordnet sich der Alkoholiker die Einordnung in einen von einer Macht gelenkten Kosmos. Ihr kann man sich anvertrauen und sie wird Gott genannt, so wie jeder ihn versteht. Die Gruppen aus dem religiösen Umfeld haben Rahmen der haltgebenden Glaubensgewissheiten. Die Guttempler rekrutieren ihre Rituale aus humanistischen Vorstellungen, mit denen geistige und geistliche Erfahrungen vereinbar sind. Diese Verbände eint ihre lange Tradition, die über die Spiritualität vermittelt wird. Spiritualität ist nicht der Ersatz für das Wohlbefinden in der Trunkenheit, sondern eine Erlebenswelt, zu der erst die Nüchternheit den Zugang gewährt. Deshalb ist die hilfreiche Funktion der Gemeinsamkeit in der Gruppe, das Dazugehören, ein hilfreiches Tor in die Erfahrungswelt von Spiritualität.

Natürlich gibt es auch Gefahren. Spiritualität kann heilsam wirken, es gibt aber auch Irrwege. Auf der Suche nach verankernden inneren Vorstellungen werden Abhängigkeitskranke anfällig für „Heilsbringer“ und sektenähnliche Gemeinschaften, die aus unterschiedlichen Motiven in oft die Integrität verletzenden Art und Weise ihre Wahrheiten verkünden. Solchen Systemen immanent ist die rasche Einbindung in die Ideen mit Heilsversprechen und Verkündung von Unheil bei Abkehr.

Es entstehen rasch Abhängigkeitsverhältnisse, die durchaus befriedigenden Charakter in dem Sinne entwickeln können, dass der „Gläubige“ sich in einer herausgehobenen Gruppe von besonders erwählten Menschen aufgehoben weiß. Damit werden nicht nur Abhängigkeitsbedürfnisse, sondern auch narzisstische Fantasien befriedigt. Auch in der Zugehörigkeit zu politischen Gruppierungen mit einem Eliteanspruch finden sich nicht selten solche seelische Hintergründe, in der dann auch die die Unfähigkeit, das Anderssein anderer zu ertragen, eine moralische Kategorie erhält.

Menschen, die mit ihrer Spiritualität aktiv leben und umgehen und sie nicht zu einem Ersatz für andere wichtige Lebensfunktionen machen, erweitern ihre Möglichkeiten, sich in ihren Werten und sinnlichen Erfahrungen zu orientieren, zu besinnen und Alternativlosigkeiten zu überwinden.

(Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine leicht veränderte und verkürzte Fassung eines Buchbeitrages für den im September 2015 erschienenen Band „Geistesgegenwärtig beraten“ – Existenzielle Kommunikation, Spiritualität und Selbstsorge in der Beratung, Seelsorge und Suchthilfe, Hg. Astrid Giebel, Ulrich Lilie, Michael Utsch, Dieter Wentzeck, Theo Wessel; Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn)

Lesererfahrungen:

Marion M.„Heute vertraue ich meiner höheren Macht“

Schon als Kind und später als Jugendliche habe ich mich gern mal in eine Kirche gesetzt, bin dort zur Ruhe gekommen, wenn es mir schlecht ging zuhause. In diesen heiligen Räumen war es so friedlich, so still, ich fühlte mich total sicher und geborgen. Einen direkten Bezug zu Kirche und Bibel hatte ich damals noch nicht.
Heute weiß ich, ich habe schon damals versucht, eine Leere in mir, ein großes Loch, zu füllen.
Später dann, in überschwänglicher Geselligkeit, bei Partys und Disco-Besuchen, verbunden mit übermäßigem Alkoholkonsum, wurde dieses schwarze Loch auch nicht gefüllt.
Weiter auf der Suche, in einer buddhistischen Gruppe und während eines Klosteraufenthaltes, erfuhr ich: „In jedem von uns wohnt die Kraft des Universums“, konnte das jedoch noch nicht wirklich ganz erfassen.
Erst während meiner 6-wöchigen Tagestherapie im AKB und in den Selbsthilfegruppen, als von einer „höheren Macht außerhalb von uns“ gesprochen wurde, die stärker sei als ich, der ich vertrauen könne und die auch in mir selbst sei, habe ich begonnen, das zu verstehen und ganz langsam auch zu erleben. Und das tut mir gut, da ich durch die 40 Jahre Sauferei das Vertrauen in mich und in alles um mich herum total verloren hatte.
Heute bettle oder kämpfe ich auch nicht mehr, ich bitte heute meine höhere Macht einfach um Eingebung, Erkenntnis oder eine Entscheidung, ich lese die Bibel und bete. Ich zweifele nicht, ob ich gehört werde, ich frage ja im Versandhaus auch nicht x-mal nach.
Heute lebe ich bewusster – ich lebe im Heute, beginne jeden Tag mit einer Meditation, bitte um Lenkung, überdenke abends den Tag und schreibe meine Dankbarkeitsliste, auf der ich all die guten Dinge des Tages festhalte.
Meine innere Leere habe ich gefüllt: Mit den Menschen aus meinen Gruppen, die ebenso wie ich glücklich und zufrieden leben wollen, als Mensch unter Menschen, ohne eine Droge dafür zu brauchen. Und gefüllt mit der höheren Macht, der ich vertraue. Überall auf der Welt, egal wo ich bin, kann ich sie einfach um etwas bitten …und sie hat mir schon mehr Wünsche erfüllt, als ich mir erträumt habe.

Andreas Sch.:„Ich gebe jetzt meine Leben in DEINE Hände …“

Gesoffen habe ich seit meinem 14. Lebensjahr, mal mehr, mal weniger.
Mal glaubte ich mehr an Gott, mal weniger.
Ich wuchs durch die Tätigkeit meiner Eltern im Johannes-Stift in Spandau auf. Ich habe damals an Gott über die Institution Kirche geglaubt, stellte mir Gott als weisen alten Vater auf seinem Thron im Himmel vor. Mit meinem Auszug aus dem Stift nach meinem 18. Geburtstag änderte sich das, ich hatte den großen Traum von Freiheit und einem völlig anderen Lebensstil. Ich besuchte keine Kirchen und keine Gottesdienste mehr.
Als ich ca. 34 Jahre alt war, beschäftigte ich mich mit der keltischen Mythologie und dieser anderen Glaubensform. Ich war fasziniert von dieser „freien Kirche“, fand zum Glauben zurück. Ich glaubte nun an den altehrwürdigen Vater im Himmel als EIN GOTT mit seinen vielen Helfern. Ich entdeckte Gott neu für mich.
Während meiner Alkohol-Entwöhnungsbehandlung 2014, nach einigen Rückfällen, erlebte ich eine großartige Veränderung meines Glaubens: Ich begann, die Bibel neu zu lesen. Dieses Wissen nahm ich mit in die nachfolgende mehrmonatige Adaption in einer Einrichtung der Diakonie und begann, wieder Gottesdienste zu besuchen.
Als Anfang 2015 nach einer gescheiterten Beziehung mein Kampf gegen den Saufdruck erneut aufloderte und ich in Ängsten, Selbstzweifeln, Scham, Schuldgefühlen, Minderwertigkeit und Hilflosigkeit zu ersticken drohte, setzte ich eines Tages alles auf eine Karte und betete: „Ich gebe jetzt meine Leben in DEINE Hände …“ Ab diesem Tag begann ich intensiver und täglich zu beten, das Vater-Unser; Psalm 23 usw. und hoffte aus diesem Beten auf Kraft für mich selber. Im Gebet teilte ich all meine Sorgen und Ängste mit. Gab es spürbar positive Veränderungen in mir oder um mich herum, drückte ich meine Dankbarkeit dafür auch im Gebet aus.
All dies hält bis zum heutigen Tage an. Mein Glaube ist nun gefestigt ohne feste Konfession, ich glaube an eine Kraft außerhalb mir selber, die stärker ist als ich und die mir beisteht.
Dieser Gott, wie ich ihn verstehe, führte mich am 6.09.2015 in eine ganz besondere Kirche und ich durfte an diesem Tag gleich mehrfach wahrnehmen, dass ich nun den für mich richtigen Weg gehe: Diese Kirche mit all ihren Bildern, ihre Architektur und die Begegnungen mit den Menschen in ihr faszinierten mich, ich entdeckte sogar meinen Taufspruch vom heiligen Andreas auf einem Bildnis. Ich ging in den dortigen Gemeinderaum, um mir einen Kaffee zu holen und ging hinaus mit 2 Kaffee und einer tollen Frau an meiner Seite. Seit diesem Tag gehe ich mit dieser Frau Hand in Hand den Weg der Trockenheit und unser beider Glaube an eine höhere Macht trägt und begleitet uns.
Darüber hinaus unterstützt mich die Teilnahme an Selbsthilfe-Gruppen verschiedener Prägung mit gemeinsamen Ritualen ebenfalls in meinem Glauben. Überall erfahre ich Hilfe zur Selbsthilfe; ich beginne, mich selbst und mein Umfeld anders wahrzunehmen, bekomme die Ermutigung, Gott so zu sehen, wie ich ihn sehen möchte und meinen NEUEN WEG weiterzugehen, getragen von einer

Klaus Wehmeier: „Mir fällt es schwer, an ein höheres Wesen zu glauben …“

Im „Blauen Buch“ der Anonymen Alkoholiker las ich während meiner Therapie, dass Genesung vom Alkoholismus nur möglich sei, wenn ich bereit wäre, den Glauben an eine Höhere Macht zuzulassen. Dieser Satz machte mir damals große Angst, glaubte ich doch, dass ich somit niemals von meiner Krankheit genesen könne.
Ich las viel zum Thema und stellte mir immer wieder die Frage: Warum ist dir der Glaube nicht möglich? Ich wollte ja glauben, aber irgendetwas in mir sträubte sich. Im Konfirmanden-Unterricht war mir der Glaube an einen „guten Gott“ verloren gegangen. Zu scheinheilig erschien mir das Verhalten meiner Lehrer. Sie sprachen von Liebe und Achtung und praktizierten Hass. Und ein Vater, der seinen Sohn für uns Menschen am Kreuz sterben ließ, erschien mir nicht liebevoll. Einige Geschichten der Bibel aber fand und finde ich schön und bedenkenswert.
Diese Geschichten gelten mir als Parabeln und bieten mir die Möglichkeit, Dinge, die mir geschehen, erklären zu können. Die Geschichte vom verlorenen Sohn ist eine wunderbare Erzählung zum Thema Vergebung und ich finde in vielen dieser Geschichten einen gewissen Trost. Ich würde mich deshalb aber nicht als Christ oder als gläubigen Menschen bezeichnen. Ich nutze die Worte der Bibel für mich und interpretiere sie. Sie bieten mir Orientierung. Das Gelassenheitsgebet hilft mir, über Ereignisse nachzudenken und erleichtert mir die Entscheidungsfindung.
Lange Phasen meines Lebens habe ich mich an der buddhistischen Lehre orientiert. Ist doch das Hauptanliegen des Buddhismus die Erkenntnis des Selbst. In dem Gedanken an die Reinkarnation finde ich eine gewisse Ruhe.
Religionen helfen mir dabei, über menschliche Werte und Moral zu reflektieren. Ich halte Werte wie Liebe, gegenseitige Achtung und Anerkennung für erstrebenswert. Bin mir aber sicher, dass diese auch ohne Religion und ohne Glaube erreichbar sind. Menschliches Leiden rührt meine Seele an, auch ohne einen Glauben an Gott.
Ich bin der Auffassung, dass in der Gemeinschaft der Selbsthilfegruppen, in meiner treffe ich fast ausschließlich auf Atheisten, mehr christliche Nächstenliebe als in den Gemeinden praktiziert wird.

 

 

 

 

Titelthema 05/15: Süchtig – Was passiert im Gehirn?

TP-5Süchtig: Was passiert in unserem Gehirn?

„Trink doch einfach mal nichts mehr!“
Diesen wohlmeinenden oder kopfschüttelnden Ratschlag hören Alkoholabhängige oft. Dahinter steckt meist die noch weit verbreitete Meinung, dass missbräuchliches Saufen doch nur ein Ausdruck von Willensschwäche sei. Obwohl inzwischen wohl bekannt und wissenschaftlich erwiesen ist, dass Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist. Und dass ein nasser Abhängiger gar nicht mehr die freie Wahl hat, in einem bestimmten Moment zu trinken oder eben nicht zu trinken.

„Jeder Abhängige sollte sich klar machen, dass das Verlangen nach der Droge von Gehirnregionen angestoßen wird, die nicht der willentlichen Beeinflussung unterliegen“, erklärt Rolf Schneider in der „Suchtfibel“ (14. Auflage, S. 427).

Also: Was genau geht da – ohne unser Zutun – in unserem Gehirn vor sich?

Dr. Thomas Redecker, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik der MEDIAN Klinik Flachsheide/Bad Salzuflen, stellte uns dazu die gekürzte Fassung seines Vortrages zum Thema zur Verfügung, Der süchtige Hirnstamm. Eine neurobiologische Betrachtung der Abhängigkeitserkrankung“ :

Ursache der Suchtentstehung:

Von den Fachleuten sind verschiedene Ursachenbündel für die Entstehung und Aufrechter-haltung der Abhängigkeitserkrankung herausgefunden worden. Zu diesem Ursachenbündel werden erbliche Veranlagungen (genetische Dispositionen) und der Umgang mit Suchtmitteln in der Familie gezählt. Außerdem spielt die Verfügbarkeit des Suchtmittels eine Rolle und die Bewertung des Suchtmittels in der Gesellschaft und im persönlichen Umfeld. Weiterhin wird Alkohol z.B. eingesetzt, um Ängste und Depressionen zu lindern, das Selbstwertgefühl zu steigern und unangenehme Zustände wie Anspannung, Stress oder Schmerzen kurzfristig zu beseitigen.
Die langfristige Konsequenz des Suchtmittelkonsums ist dann jedoch negativer Art mit den zuvor beschriebenen körperlichen, psychischen und sozialen Problemen.
Sucht ist somit ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild.

Beteiligung des Gehirns (ZNS):

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit der Beteiligung des Gehirns (zentrales Nervensystem) beschäftigt, um herauszufinden, in welcher Art und Weise das Gehirn an der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung beteiligt ist. Man kann die Gehirnfunktionen in vier große Bereich aufteilen:

Großhirn, Kleinhirn, Mittelhirn, Stammhirn/Hirnstamm.

Im Folgenden werden die wichtigsten Funktionen dieser Hirnteile vereinfacht beschrieben:

Das Großhirn, der jüngste Teil des menschlichen Gehirns, hat vielfältige Aufgaben im Bereich der Muskelbewegung, der Gefühlswahrnehmung, der Planung und Entscheidung von Lebensereignissen und der Wahrnehmungsverarbeitungsprozessen. Im Stirnhirn (Frontalhirn) gibt es ein ganz wichtiges Zentrum. Hier soll das menschliche Bewusstsein lokalisiert werden, indem wichtige Entscheidungen und Bewertungen auf Bewusstseinsebene getroffen werden.

Das Kleinhirn steuert die Koordination, z.B. um eine Tasse Kaffee zielgerichtet zum Mund zu führen.

Im Mittelhirn (limbisches System) sind wesentliche Gedächtnisstrukturen und emotionale Verarbeitungsprozesse lokalisiert, die bei der Wahrnehmungsverarbeitung große Bedeutungen haben und auch die Bewusstseinsprozesse durch ihre Informationen beeinflussen. Im Mittelhirn ist das emotional-episodische Gedächtnis platziert, in dem z.B. alte Lebensereignisse gespeichert sind: der erste Schultag, der erste Kuss oder ähnliches. Es sind nicht nur Bilder, sondern auch Gerüche oder Lieder dort abgelegt.

Der Hirnstamm:

Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns und befindet sich vom Übergang der Halswirbelsäule in den Hinterkopf und ist mittelfingergroß. Im Hirnstamm werden die grundlegenden körperlichen Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Darmtätigkeit, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hunger, Durst und vieles andere präzise und lebenslang gesteuert. Dieser Steuerungsprozess ist autonom und unterliegt im Wesentlichen nicht der willentlichen Kontrolle. Auch das im Stirnhirn lokalisierte Bewusstseinszentrum ist nicht in der Lage, die Hirnstammprozesse auszuschalten oder bedeutsam zu beeinflussen. Dieses ist eine entscheidende Erkenntnis, die für die nachfolgenden Ausführungen Grundlage ist.

Das wesentliche Steuerungszentrum des Hirnstamms ist das neurovegetative Nervensystem mit den Bereichen des Sympathikus und des Parasympathikus, die im Sinne von Aktivierung oder Bremsung die einzelnen Körperfunktionen zielgerichtet und erfolgskritisch steuern. Die Notwendigkeit für die Autonomie dieses Systems ergibt sich dadurch, dass diese Steuerung der lebenswichtigen Funktionen auch im Schlaf funktionieren muss.

Man kann die Hirnstammprozesse ausschalten, z.B. durch eine Narkose während einer Operation. Dann ist es erforderlich, diese lebenswichtigen Funktionen wie Atmung und Herz- Kreislauf durch einen Narkosearzt überwachen zu lassen und ggf. durch eine künstliche Beatmung zu ersetzen.

Als Zwischenergebnis ist festzustellen:

Der Hirnstamm hat die Funktion, die lebenswichtigen körperlichen Prozesse zu steuern, der Hirnstamm arbeitet selbständig (autonom) und unterliegt im Wesentlichen nicht der Kontrolle des Bewusstseins (Großhirn).

Die modernen Forschungsergebnisse der Neuropsychobiologie und der bildgebenden Verfahren legen die Vermutung nahe, dass es im Hirnstamm ein alteingesessenes Belohnungszentrum gibt, welches die Aufgabe hat, positive Gefühle bei den betroffenen Menschen zu erzeugen. Ich würde das beschreiben als ein ‚Hurragefühl‘, welches sagt: „Das Leben ist schön.“ Dieses Belohnungszentrum im Hirnstamm arbeitet mit dem Neurotransmitter Dopamin, und eine bestimmte, im biologischen Rahmen festgelegte Dopaminausschüttung, erzeugt dieses angenehme ‚Hurragefühl‘. Aus Komplexitätsgründen werden andere wichtige Neurotransmittersysteme (Opiat-Endorphine, Serotonin, Glutamat) hier nicht besprochen.

Natürliche Belohnung (Verstärker):

Dieses Belohnungszentrum existiert schon einige Millionen Jahre ,vom Schöpfer als sinnvolle Ergänzung des menschlichen Daseins geschaffen. Folgende menschlichen Verhaltensweisen können zu einer Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führen: Ernährung, Sexualität, Beruflicher Erfolg (Mammuterlegen), Kreativität (Höhlenmalerei), Körperliche Bewegung (Tanzen, Singen), Soziale Kontakte.
Die Durchführung dieser Aktivitäten führt zu einer festgelegten Dopaminausschüttung in bestimmten Nervenzellen des Hirnstamms, die dann das anschließende ‚Hurragefühl‘ erzeugen. Die Dopaminausschüttung bewegt sich im Nanogrammbereich.
Zum besseren Verständnis sagen wir, dass der Verzehr eines Mammutkoteletts ‚1 kg‘ Dopamin ausschüttet, ein Waldlauf durch den Urwald ebenfalls‚1 kg‘ Dopamin und eine Liebesstunde des Höhlenmenschenpaares auch‚1 kg‘ Dopamin.
Eine erhebliche Steigerung der Dopaminausschüttung durch die Kombination von verschiedenen Dingen ist nicht zu erwarten, weil natürliche Mechanismen im Sinne eines biologischen Gleichgewichtes nur wenig Variation erfordern.

Schutzreaktion der Nervenzelle:

Viele Millionen Jahre hat dieses System gut funktioniert, und es ist dadurch durcheinander geraten, dass die chronische Einnahme von ‚Hurragefühl-erzeugenden-Substanzen‘ (Suchtmitteln) ebenfalls Wirkung auf die Dopaminausschüttung im Hirnstamm hat. Das ist der Konsum von Wein, das Rauchen von Cannabis, Konsum von Kokain, und ebenfalls Verhaltenssüchte scheinen Einfluss auf die Dopaminausschüttung zu haben, wie z.B. Glücksspiel sucht, pathologischer PC-Gebrauch, Kaufsucht und ähnliches.
Wichtig ist zu wissen, dass die Einnahme von psychotropen Substanzen (Suchtmitteln) zu einer vielfachen Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führt. Diese Ausschüttung ist abhängig von den konsumierten Substanzen und kann bis zum 20-fachen der natürlichen Dopaminausschüttung sein.
Die 20-fache Ausschüttung eines Neurotransmitters ist für die Nervenzelle im Hirnstamm eine giftige (toxische) Bedrohung. Es kann sein, dass sie ihre Funktion nicht mehr richtig ausführen kann oder, dass sie durch die Überkonzentration sogar in ihrer Funktion zerstört wird. Aus diesem Grunde ist die Nervenzelle in der Lage, bei chronischer Vergiftung durch ein Suchtmittel (Alkohol, Cannabis etc.) Schutzmechanismen zu entwickeln, damit von den ,20 kg‘ Dopamin nur noch ,1 kg‘ Dopamin in der Zelle aufgenommen werden kann.

Bildlich gesehen kann man sich vorstellen, dass die Zelle ihre Eingangspforten und ihre Zellwand so stark verändert, dass von den um die Zelle herumschwimmenden ,20 kg‘ Dopamin nur ,1 kg‘ Dopamin aufgenommen wird. Dadurch kann das entsprechende ‚Hurragefühl‘ (positive Verstärkung) kurzfristig erzeugt oder später das unangenehme ,Ich-quäl-mich- Gefühl‘ beseitigt werden(negative Verstärkung). Dieser Schutzmechanismus ist je nach Suchtmittel ein langwieriger Prozess und kann Monate bis Jahre dauern.

Bei der Alkoholabhängigkeit wissen wir, dass diese Entwicklung 10-20 Jahre dauern kann und ein typisches Phänomen dieser neurobiologischen Veränderung ist die Toleranzentwicklung und die dadurch erforderliche Dosissteigerung, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Plötzliche Abstinenz:

Entscheidet sich nun ein Konsument aufgrund von äußerem Druck durch Arbeitgeber, Ehepartner oder Gericht dazu, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, kommt es zunächst zu den typischen psychovegetativen Entzugserscheinungen, die eine qualifizierte Entgiftung in einer Klinik, in einer Tagesklinik oder bei einem niedergelassenen Arzt erforderlich machen. Je nach Komplikation (Delir, Entzugskrampfanfall) ist dann de geeignete Ort für die qualifizierte Entzugsbehandlung zu wählen.
Nach Abklingen der klassischen Entzugssymptome spricht man dann von der Entwöhnungsphase. Diese Entwöhnungsphase kann im Rahmen einer ambulanten, ganztägig ambulanten oder stationären Entwöhnungsbehandlung und mit Unterstützung der Selbsthilfegruppe durchgeführt werden.

Gerade die ersten Wochen nach der akuten Entzugsbehandlung sind von neurobiologisch besonderer Bedeutung und sollen deswegen ausführlich dargestellt werden. In diesen ersten Wochen der Entwöhnungsphase geht der betroffene Mensch durch die Wüste der ‘Freudlosigkeit‘ und ist besonders anfällig für gereizte Stimmungen, Suchtdruckattacken und wechselnde Motivationslagen in Bezug auf Krankheitsakzeptanz und Abstinenz. Diese Prozesse sind auch neurobiologisch durch Prozesse im Hirnstamm mitbedingt und sollen zum Verständnis dieser schwierigen Therapiephase dargestellt werden.

Zeit der Freudlosigkeit (Anhedonie):

Nach der Entgiftung befindet sich das Belohnungszentrum im Hirnstamm am Anfang der Entwöhnungsphase, die nach meiner Erfahrung 6-12 Wochen anhalten kann. Die Nervenzelle im Hirnstamm hat sich jahrelang gegen die Überdosis von Dopamin geschützt und entsprechende Veränderungen an der Zellwand und an den Eintrittskanälen durch mühselige Modifikation hergestellt. Das Großhirn des Konsumenten hat aufgrund von externem Druck entschieden, das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, hat die aktive Entzugsphase überstanden und befindet sich nun in einem Stadium der Gereiztheit und der Freudlosigkeit.
Dieses geschieht dadurch, dass die Nervenzelle im Hirnstamm noch ihre jahrelang aufgebauten Schutzmechanismen hat, die die Dopaminaufnahme in die Zelle reduzieren. Der Alkohol-, Cannabis- oder Kokainkonsum, der eine ,20 kg‘-Dopaminausschüttung bewirkt hat, findet nicht mehr statt und die natürlichen Mechanismen wie Essen, Sport, Sexualität erzeugen nur ,1 kg‘ Dopamin. So befindet sich der betroffene Mensch in einem ‚Dopaminmangelzustand‘, weil durch die natürlichen Prozesse die ,20 kg‘ Dopamin nicht erzeugt werden können. Der Abbau der Schutzmechanismen in der Nervenzelle benötigt nach meiner Erfahrung einige Wochen bis Monate, so dass hirnstammbedingt richtige Freude oder ‚Hurragefühle‘ der alten Art oder vergleichbar mit dem Suchtmittelkonsum nicht erzeugt werden können. Betroffene suchtkranke Menschen versuchen dies durch das Phänomen der Suchtverlagerung, nämlich durch verstärktes Essen, Rauchen, Kaffeekonsum etc., zu kompensieren.

Auf diesem Wege soll versucht werden, die natürliche Dopaminausschüttung zu steigern, was aber nur bedingt möglich ist, sodass allenfalls nur ganz kurzfristig eine Linderung spür- bar ist. Dass für die Erzeugung von positiven Gefühlen noch andere Neurotransmitter wie Serotonin, Endorphine etc. erforderlich sind, steht außer Frage, soll aber in diesem Artikel nicht weiter ausgeführt werden. In dieser ‚Dopaminmangelphase‘ haben wir es häufig mit gereizten, in der Motivation wechselnden und in ihrer Wirksamkeitserwartung eingeschränkten Menschen zu tun, den immer wieder Mut gemacht werden sollte, durch diese Mangelsituation ohne Rückfall durchzugehen, weil die ,Oase der Freude‘ in 6-12 Wochen erreicht werden kann.
Dazu dienen in den Suchfachkliniken z.B. Fachvorträge für die Patienten zu diesen neurobiologischen Veränderungen. Die therapeutischen Mitarbeitenden und der medizinische Bereich (Ärzte, Pflegedienst) sind auf diese Veränderungen und die damit verbundenen emotionalen Krisen eingestellt und können mit psychotherapeutischen, psychiatrischen und pharmakologischen Maßnahmen Linderung verschaffen. Entscheidend ist, dass die Nervenzelle im Hirnstamm bei ihren Heilungsvorgängen nicht gestört wird durch erneute Rückfälligkeit (Substanzkonsum), weil diese die Heilungsvorgänge zumindest unterbrechen oder stoppen würde.

Der betroffene Mensch bemerkt die Heilungsvorgänge daran, dass er plötzlich wieder Vögel zwitschern hört, sich an der Sonne erfreuen kann und dass die natürlichen Verstärker und die damit verbundene Dopaminausschüttung die entsprechenden alt- vertrauten ‚Hurragefühle‘ erzeugen, ohne dass dafür ein Doping (Suchtmittelkonsum/ Verhaltenssüchte) erforderlich ist. Diese Erfahrung, die nach 6-12 Wochen eintritt, verstärkt die Therapie- und Behandlungsmotivation und unterstützt die psychotherapeutischen, ärztlichen, kreativtherapeutischen und arbeitstherapeutischen Maßnahmen. Sie sind Ergebnis eines Selbstheilungsprozesses im Hirnstamm, der durch die Abstinenz vom Suchtmittel in Gang gesetzt wird.

Salopp gesprochen ist die Aufgabe des therapeutischen Teams, den Patienten solange bei Laune zu halten, bis die Selbstheilungskräfte im Hirnstamm die alten Mechanismen des Belohnungszentrums wieder reaktiviert haben.

Sinnvolle Therapieregeln:

Im Folgenden möchte ich erklären, warum gerade in der ersten Phase der Entwöhnung bestimmte therapeutische Interventionen und Regeln der Hausordnung sinnvoll sind.
In dieser besonders kritischen Phase der Entwöhnung befindet sich der Hirnstamm, wie zuvor beschrieben, in einer Mangelsituation durch die Schutzmechanismen der Nervenzelle. Wenn nun ein suchtkranker Patient, der in einer Entwöhnungsklinik aufgenommen wird, nach zwei Wochen Einzelausgang hat, erlebt er beim Einkaufen in einem Warenhaus ein neurobiologisches Feuerwerk, beispielsweise, wenn er an den Getränkeregalen vorbeigeht oder auf dem Weg zum Warenhaus von einem Dealer angesprochen wird mit der Frage, ob er nicht was „klarmachen“ möchte (Kokainkauf).
Das Belohnungszentrum funktioniert als Erwartungsbelohnungszentrum in der Form, dass die Wahrnehmung und Erwartung, es komme bald zu einer Suchtmitteleinnahme, schon beim Gedanken daran zu einem positiven Grundgefühl als eine Art Vorweg-Belohnung führt. Ich möchte dies am Beispiel eines hungrigen Mannes deutlich machen:

Ein hungriger Mann geht mit seiner Ehefrau zum Einkaufen und äußert den Wunsch, dass er auf seine Lieblingspizza bei seinem „Lieblingsitaliener“ Lust hat. In der gewählten Pizzeria sind fünf Tische vorhanden. Tisch ‚Eins‘ ist besetzt und der hungrige Mann und seine Partnerin setzen sich an Tisch ‚Zwei‘. An Tisch Eins wird die Lieblingspizza „Tutti Gusti“ bestellt und gebracht. Schon durch das Beobachten entsteht bei dem hungrigen Mann ein angenehmes Gefühl. Die Vorstellung, in absehbarer Zeit (in einigen Minuten) diese Pizza ebenfalls essen zu können ist mit der entsprechenden Dopaminausschüttung verbunden. Mittlerweile sind alle Tische besetzt und auch diese Gäste haben Pizza „Tutti Gusti“ bestellt. Beim nächsten Öffnen der Küchentür wird die duftende Pizza an unserem hungrigen Mann vorbei an Tisch Drei gebracht. Zunächst entsteht bei ihm eine kleine Enttäuschung. Dasselbe wiederholt sich mit Tisch Vier und Fünf und Sie können sich vorstellen, dass mit der Zeit bei unserem Mann eine zunehmende Gereiztheit bis zu aggressiven Impulsen entsteht, was neurobiologisch auch mit der Nichterfüllung der angekündigten und erwarteten Dopaminausschüttung zu erklären ist. Wenn wir diese Situation auf einen suchtkranken Menschen in der ersten Phase der Entwöhnung übertragen, ist der Besuch eines Warenhauses, das Beobachten des Konsums auf einem Schützenfest, der Besuch einer Tankstelle oder das Anschauen von Werbefilmen vergleichbar mit der zuvor geschilderten Pizzeria-Situation.

Der Hirnstamm befindet sich in einer Mangelsituation und es kommt bereits bei der Ankündigung oder Vorstellung eines möglichen Suchtmittelkonsums zu einer gewissen Neurotransmitterausschüttung, die kurzfristig zu einem angenehmen, jedoch bei Nichterfüllung zu einem sehr unangenehmen Gefühl führt.
Dieses kann sich in einem direkten Suchtdruck äußern (Verlangen nach dem Suchtmittel) oder in einem indirekten Suchtdruck (Auftreten von unangenehmen Zuständen), die dann häufig nur durch den Suchtmittelkonsum beseitigt werden können, weil die natürlichen Verstärker zu einer nicht ausreichenden Dopaminausschüttung führen können. Neurobiologisch befindet sich der Patient in einer Zwickmühle: ausgelöst durch Hinweisreize wird eine jahrelang vertraute Belohnung nicht erfüllt. Es kommt zu einem unangenehmen Zustand, der selbst nicht durch natürliche Verhaltensweisen wieder ausreichend reduziert werden kann. Dieses erzeugt einen starken Drang auf alte und vertraute Suchtverhaltensweisen zurückzugreifen. Zur Bewältigung dieser Krisensituationen sind suchtmedizinische, suchttherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen unterstützend hilfreich.

Erst im Laufe der Zeit lernt der Patient alternative Bewältigungsstrategien und mit den zunehmenden Heilungsprozessen im Hirnstamm nehmen diese neurobiologisch bedingten, aufrechterhaltenden Bedingungen deutlich ab. Dieses Phänomen sollte bei den Ausgangs- regeln und Therapieregeln berücksichtigt werden! Der suchtkranke Mensch sollte darauf hingewiesen werden, dass der Besuch eines Schützenfestes oder die Teilnahme an einer Party, auf der eine ‚Tüte‘ rumgeht, mit einer erheblichen Belastung für den Hirnstamm und die anderen Bereiche des Gehirns verbunden ist.

Suchtgedächtnis:

Schlussendlich sollen noch Aspekte des Suchtgedächtnisses, das sich durch den jahrelangen Konsum ebenfalls im Hirnstamm/Mittelhirn entwickelt hat, Berücksichtigung finden.

Im Suchtgedächtnis sind die schönsten Trinkerlebnisse, die aufregendsten Abenteuer unter Alkohol sowohl inhaltlich als auch emotional gespeichert. Darüber hinaus gibt es direkte und indirekte Hinweisreize, durch die das Gehirn gelernt hat, dass zeitnah ein Suchtmittelkonsum zu erwarten ist. Bei Alkoholkranken kann dies das Ansehen einer Bierflasche, Alkoholwerbung im Fernsehen, der Besuch eines Grillfestes oder ähnliches sein. Bei heroinabhängigen Menschen könnte es das Finden eines Spritzenbesteckes, Aluminiumfolie, Löffel, Kerze und Feuerzeug bedeuten. Glücksspielsüchtige Menschen reagieren womöglich auf blinkende Lichter an einem Wandgerät, Spielhallenatmosphäre oder eine bestimmte Geräuschkulisse. Diese im Suchtgedächtnis gespeicherten Hinweisreize erzeugen im Sinne eines Erwartungsbelohnungssystems eine entsprechende Ausschüttung von Neurotransmittern (Dopamin), die das erwartete ‚Hurragefühl‘ erzeugt.
Wenn dieses erwartete ‚Hurragefühl‘ nicht eintritt, kommt es kurzfristig zu einer negativen Stimmungslage mit Gereiztheit und Unzufriedenheit, die dann wie zuvor beschrieben, suchtmittelkonsumauslösend wirken kann. Auch hier benötigt das Gehirn mehrere Monate, um Veränderungen in der Wahrnehmung und Bewertung von Hinweisreizen vorzunehmen.

Fazit:

Abschließend möchte ich allen Betroffenen Mut machen sich auf den Heilungsprozess der Suchterkrankung einzulassen und dem Hirnstamm die Zeit zu geben, seine Heilungsprozesse ungestört durchführen zu können.

Abstinent lebende Menschen erleben eine Heilung auf körperlichem, psychischem und sozialem Gebiet und machen viele positive Erfahrung auf ihrem spirituellen Weg. Die Suchterkrankung ist ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild. Sie ist eine chronisch rezidivierende Erkrankung, wobei das Rückfallgeschehen einen Ausdruck der Erkrankung darstellt. Entscheidend ist, dass es gute Heilungschancen in einem regionalen Suchthilfesystem unter Einbeziehung der Suchtselbsthilfe gibt. Der vorliegende Vortrag soll dazu dienen, betroffenen Menschen und deren Angehörigen bestimmte neurobiologische Phänomene zu erklären, um in der ersten Phase der Entwöhnung die Abstinenz durchzuhalten und vorhandene Hilfsangebote des Suchthilfesystems in Anspruch zu nehmen.

 

Dr. med. Dipl.-Psych. Thomas Redecker

Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

 

Titelthema 4/15: Wenn Eltern trinken …

Fotomontage: B-Balschus Fotos: Dieter Schütz _pixelio.de, PBAM-Fotogruppe

Fotomontage:
B-Balschus
Fotos:
Dieter Schütz _pixelio.de,
PBAM-Fotogruppe

Wenn Kinder zu Eltern ihrer Eltern werden

Familiäre Suchtprobleme haben gravierende Auswirkungen auf Kinder

von Henning Mielke

Bei den Südseeinsulanern gibt es einen Brauch: Will man eine leerstehende Hütte vor Plünderei schützen, so verschließt man die Eingangstür mit einer Knotenschnur. Setzt sich jemand über diese Schutzmaßnahme hinweg, so hat er Unheil zu fürchten. Das Zerreißen der Schnur zieht einen Fluch nach sich. Tapu-Schnüre werden diese polynesischen Diebstahlsicherungen genannt. Als „Tabu“ fanden sie Eingang in unseren Wortschatz. Wenn ein ungeschriebener gesellschaftlicher Konsens es verbietet, ein bestimmtes Thema anzusprechen und es damit der Diskussion entzieht, spricht man von Tabuisierung.

Wenn die Sprache auf Kinder kommt, deren Eltern suchtkrank sind, erlebt man, wie machtvoll Tabus sind. Denn in unserer Gesellschaft ist es nicht opportun, Eltern auf die Art und Weise anzusprechen, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Noch weniger opportun ist es, Menschen ihre Sucht anzusprechen. Jeder Leser und jede Leserin möge es einmal gedanklich für sich durchspielen, wie es sich anfühlt, einem Nachbarn respektvoll und höflich zu sagen: „Ich nehme wahr, dass sie sehr häufig alkoholisiert sind und ich mache mir Sorgen um das Wohl ihrer Kinder.“ Da hängt eine dicke Knotenschnur vor der Tür des Nachbarn.

Kinder aus suchtbelasteten Familien sind deshalb so schwer für Hilfeangebote zu erreichen, weil familiäre Suchtprobleme und die Auswirkungen auf Kinder wie ein doppeltes Tabu wirken. Die Familien verleugnen das Suchtproblem und schotten sich gegenüber Hilfeangeboten ab. Und die Umwelt wagt es meist nicht, in diese Festung der Verleugnung einzudringen. Die Kinder sind in der Geiselhaft der Sucht. Ca. 2,65 Millionen Kinder suchtkranker Eltern gibt es in Deutschland. Fast jedes sechste Kind kommt aus einer suchtbelasteten Familie, die weitaus meisten davon aus Familien mit Alkoholproblematik. Die Kinder leiden immens unter der Familiensituation, denn wo Sucht im Spiel ist, fehlen emotionale Zuwendung, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Sie übernehmen viel Verantwortung für ihre Eltern und deren emotionale Bedürfnisse. So geraten sie in eine dauerhafte Überforderung durch die sogenannte Parentifizierung, bei der sie im Extremfall buchstäblich wie die Eltern ihrer Eltern agieren. Für Spiel und Spaß bleibt kaum noch Raum und Zeit. Die Folgen einer solcherart geraubten Kindheit sind gravierend. Etwa ein Drittel der Kinder wird im Erwachsenenleben selber stofflich abhängig. Ein weiteres Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen. Das letzte Drittel geht einigermaßen unbeschadet aus der belastenden Kindheitssituation hervor.

Dieses letzte Drittel ist bedeutsam, um zu verstehen, wie man Kinder aus Suchtfamilien unterstützen kann. Studien haben Schutzfaktoren identifiziert, die es den Kindern ermöglichen, sich trotz widriger Kindheitsumstände relativ gesund zu entwickeln. Der wichtigste Schutzfaktor ist das Vorhandensein einer tragenden Beziehung zu einer erwachsenen Vertrauensperson außerhalb der Kernfamilie. Für die Entwicklung von Kindern ist es wichtig, dass Erwachsene sie in ihren Emotionen, in ihrer Persönlichkeit und in ihren Fähigkeiten widerspiegeln. Wenn Eltern suchtkrank sind, dann ist der Spiegel, in dem sich das Kind betrachtet, blind. Zwar lieben suchtkranke Eltern ihre Kinder, sie sind jedoch suchtbedingt meist nicht in der Lage, ihnen zuverlässig und beständig die Zuwendung zu geben, die sie brauchen. Eine Oma, ein Onkel, Eltern von Spielfreunden, eine Erzieherin oder ein Lehrer können dem von Sucht im Elternhaus betroffenen Kind ein verlässliches Gegenüber sein. Es ist wichtig, dass sie emotional präsent sind, dem Kind zuhören und ihm das Gefühl vermitteln, liebenswert zu sein. Diese Erfahrung ist in ihrer Wirkung für Kinder aus Suchtfamilien von immenser Bedeutung.

Ein zweiter wichtiger Schutzfaktor ist die Einsicht, dass die Eltern an einer Krankheit leiden. In den meisten Fällen suchen die Kinder die Ursache für die Sucht und das Unglück der Eltern bei sich. Tiefsitzende Schuld- und Schamgefühle sind die Folge. Wenn Kinder das Vorhandensein von Suchtproblemen im Elternhaus ansprechen, ist es daher wichtig, dass Erwachsene ihnen Basisinformationen über Sucht vermitteln:

 

Sucht ist eine Krankheit.
-Die Eltern sind wegen ihrer Sucht keine schlechten Menschen.
-Das Kind hat keine Schuld am Suchtproblem von Vater oder Mutter.
-Es kann den Eltern nicht helfen und es ist auch nicht seine Aufgabe, deren Sucht zu kontrollieren oder zu heilen.
-Das Kind hat trotz der Suchtkrankheit im Elternhaus das Recht, Kind zu sein, zu spielen, die Welt zu entdecken, -Freundschaften zu entwickeln und die eigenen Fähigkeiten zu erproben.

 

Diese Einsichten entlasten Kinder, helfen Ihnen, Schuld- und Schamgefühle zu überwinden und stärken ihr Selbstwertgefühl. Wenn ihnen erklärt wird, was Sucht ist, hilft dies, Angst abzubauen, weil sie das Verhalten der Eltern dann einordnen können.

 

Kinder aus suchtbelasteten Familien sind sehr loyal gegenüber ihren Eltern und wollen sie schützen. Für die Arbeit mit diesen Kindern im Kontext von Kindergarten, Schule, sozialer Arbeit, Gesundheitswesen und Jugendarbeit ist es daher wichtig, nicht in Aktionismus zu verfallen, sobald ein Verdacht auf ein familiäres Suchtproblem besteht. Das Wichtigste ist, zunächst eine vertrauensvolle Beziehung zu dem Kind oder Jugendlichen herzustellen und zu pflegen. Das Kind sollte ermutigt werden, über seine Emotionen und Wahrnehmungen zu sprechen. Wird dem Kind aufmerksam zugehört und wird es in seinen Gefühlen ernst genommen, hilft ihm dies zu entdecken, dass seine Gefühle ganz normal sind und dass es in Ordnung ist, traurig, verwirrt oder wütend zu sein. Wenn genügend Vertrauen aufgebaut ist, kann es sein, dass das Kind das Suchtproblem von sich aus anspricht. Dann ist es hilfreich, dem Kind die aufgeführten entlastenden Informationen über Sucht zu vermitteln.

Grundsätzlich profitieren Kinder suchtkranker Eltern von allen Aktivitäten, die es ihnen ermöglichen, Kind zu sein, ihre Fähigkeiten und Talente zu entdecken sowie soziale Fertigkeiten zu entwickeln. Dafür brauchen sie einen Raum, in dem sie ausgelassen spielen können. Alles, was das Selbstbewusstsein stärkt, unterstützt die Kinder, ihr eigenes Leben zu gestalten. Gleichzeitig gilt es für sie zu verstehen, dass sie ihre Eltern lieben und sich gleichzeitig von deren Suchtproblem lösen dürfen.

 

Mit der richtigen Art von Unterstützung können die meisten Kinder mit den suchtbedingten Schwierigkeiten einigermaßen zurechtkommen. Sobald ein Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt, muss jedoch über eine therapeutische Unterstützung nachgedacht werden. Gibt es Anzeichen von Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch, besteht die Pflicht, zum Schutz des Kindes tätig zu werden und in letzter Konsequenz auch das Jugendamt einzuschalten.

Eine besondere Untergruppe der Kinder aus suchtbelasteten Familien sind jene Kinder mit vorgeburtlicher Schädigung durch Alkohol.

 

Alkohol ist ein Zellteilungsgift. Wenn werdende Mütter Alkohol konsumieren, tritt dieser aus dem Blutkreislauf der Mutter in den des Embryos bzw. Fötus über. Insbesondere die Entwicklung des Gehirns wird durch den Alkohol negativ beeinflusst. Die Leber des ungeborenen Kindes ist in den ersten Monaten noch nicht in der Lage, eigenständig zu entgiften. So ist das Kind immer noch alkoholisiert, während die Mutter längst wieder nüchtern ist. Auf diese Weise kann das Zellteilungsgift Alkohol über lange Zeit schädigend auf den sich entwickelnden Organismus des Kindes einwirken.

 

Durch Alkohol während der Schwangerschaft kann ein ganzes Spektrum von Störungen verursacht werden, das unter dem Begriff FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorders) zusammengefasst wird. Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD) zeigen sich in Form von Hirnfunktionsstörungen und Fehlbildungen beim ungeborenen Kind.

Wie das Farbspektrum eines Regenbogens reicht das FASD-Spektrum von der voll ausgeprägten Form des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) über das schwächer ausgeprägte Partielle Fetale Alkoholsyndrom (PFAS) und die alkoholbedingten Geburtsschäden (Alcohol Related Birth Defects, ARBD) bis hin zur äußerlich nicht sichtbaren Form der alkoholbedingten neurologischen Entwicklungs­stö­rung­en (Alcohol Related Neurodevelopmental Disorders, ARND). Die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen sind fließend.

 

Zu den äußerlich sichtbaren Merkmalen bei FAS, und – schwächer ausgeprägt – bei PFAS und ARBD zählen Minderwuchs, Untergewichtigkeit und körperliche Missbildungen, insbesondere im Gesicht. Gravierender aber sind die unsichtbaren Schä­di­gungen des zentralen Nervensystems. Sie äußern sich u. a. in kognitiven und intellektuellen Beeinträchtigungen. Es bestehen Sprachdefizite und soziale Defizite, Verhaltensauffälligkeiten sowie Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Stö­rungen. Die Kinder können sich Informationen schlecht merken, neigen zu sozial unangemessenem Verhalten, haben Probleme, ihre Impulse zu kontrollieren, Handlungen zu planen und sind oft nicht in der Lage, mit abstrakten Konzepten wie z. B. Zeit oder Geld umzugehen.

 

Bei der äußerlich nicht sichtbaren Form ARND kann die Schädigung von Gehirn und zentralem Nervensystem genauso gravierend sein, die Diagnose ist jedoch wegen der fehlenden äußerlichen Merkmale erheblich schwieriger.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter ein Kind mit FASD auf die Welt bringt, steigt mit der Menge und der Dauer des Alkoholkonsums. Es gibt keinen Schwellenwert für ungefährlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Auch nichtsüchtige Schwangere, die im Rahmen des gesellschaftlichen Trinkens als normal angesehene Alkoholmengen konsumieren, können die Gesundheit ihres Kindes gefährden. Sogar ein nur einmaliger Vollrausch einer schwangeren Frau kann für das Kind gefährlich sein. Grundsätzlich sollte deshalb während der Schwangerschaft auf jeglichen Alkohol verzichtet werden. Umgekehrt gilt: Jeder Schwangerschaftstag ohne Alkohol erhöht die Chancen, ein Kind mit geringerer Schädigung zur Welt zu bringen.

 

Es liegen keine gesicherten Zahlen vor, wie viele Kinder jedes Jahr in Deutschland mit FASD geboren werden. Anhand europäischer Vergleichsstudien schätzen Expertem das Auftreten des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) in Deutschland auf 0,2 bis 8,2 Fälle pro 1000 Geburten. Die Inzidenz für alle Unterformen des FASD-Spektrums wird auf eine pro 100 Geburten geschätzt. Die Bundesdrogenbeauftragte geht für Deutschland aufgrund der hohen Dunkelziffer von jährlich 10.000 Neugeborenen mit FASD aus.

Fetale Alkoholspektrum-Störungen sind nicht heilbar. Die Entwicklung der Kinder kann jedoch durch Förderung und Unterstützung positiv beeinflusst werden. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass FASD zweifelsfrei diagnostiziert worden ist. Liegt die Diagnose vor, können die Kinder gezielt unterstützt werden, u. a. durch Logopädie, Ergotherapie und neuropsychologisch fundierte Psychotherapie. FASD-Kinder brauchen im Alltag eine gut strukturierte Umgebung, in der sie in ihrer Entwicklung unterstützt werden. Die wichtigste Hilfe und Unterstützung aber ist die Beziehung zu den Pflege- bzw. Adoptiveltern oder Heimerzieher/innen, die es den Kindern ermöglicht, eine sichere Bindung zu entwickeln und Liebe und Annahme zu finden.

 

Der Autor ist freier Journalist und Vorsitzender von NACOA Deutschland – Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e. V.

 

 

Informationen über Kinder aus suchtbelasteten Familien:

www.nacoa.de

www.traudich.nacoa.de
Informationen über Kinder mit FASD:

www.fasd-fachzentrum.de

www.fasd-deutschland.de

 

Titelthema 3/15: Vorsicht, Suchtverlagerung?

TitelVorsicht, Suchtverlagerung!?

Diesen erhobenen Therapeuten-Zeigefinger haben wohl alle noch vor Augen, die aus einer Entgiftung oder Entwöhnungstherapie kommen. Aber: Ist die Gefahr wirklich so groß? Und was ist überhaupt eine Suchtverlagerung?

Hier eine Definition (aus Wikipedia):

„Unter Abhängigkeitsverlagerung (Suchtverlagerung) versteht man das Ausweichen von Abhängigkeitskranken auf ein anderes Abhängigkeitsverhalten als das ursprüngliche. Eine Abhängigkeit wird durch eine andere ersetzt. So hat z. B. ein Alkoholkranker, der zwar mit dem Trinken aufhört, dafür aber Medikamente oder andere Drogen konsumiert, seine Abhängigkeitserkrankung nicht zum Stillstand gebracht, sondern sie nur auf eine andere Substanz verlagert. Werden die Ursachen der Abhängigkeit nicht aufgelöst – etwa im Rahmen einer Psychotherapie –, werden häufig andere Substanzen oder Tätigkeiten süchtig konsumiert bzw. ausgeübt und treten so an die Stelle der Ursprungssucht.“

So unterschiedlich die Menschen, so verschieden sind die Mittel und Stoffe als Ersatz: Der eine flüchtet in Arbeit, Kaufrausch, Sport oder Spiel, der andere greift zu Schlafmitteln, Cannabis, wird zum fanatischen Plätzchen-Esser oder mag ohne TV und Internet nicht mehr leben.

Es gibt bisher keine Erkenntnisse darüber, wie viele Abhängigkeitskranke nach einer Sucht in die nächste abgleiten, und in welche. Fakt ist aber, dass es tatsächlich passiert. Das belegt auch unsere kleine Umfrage im Internet:

„Heute bin ich gerade mal schlappe sechs Wochen nüchtern. Bei mir schleicht sich aber in jeder Trockenphase die Magersucht wieder ein und auch mein Koffeinkonsum übertrifft weit ein normales Maß. Vom Zigarettenrauchen will ich schon gar nicht anfangen …“

„Meine Suchtverlagerungen: Zunächst Kaffee. Totale Kopfschmerzen im Kaffeeentzug. Dann fast gleichzeitig Schokolade, maßlos. Wenn ich eine Tafel Schokolade aufgemacht habe, habe ich sie innerhalb kürzester Zeit auch verspeist. Und dann noch eine milde Form von Workaholic. War in den ersten 15 Jahren meiner Trockenheit nicht einen Tag krankgeschrieben …“

„Ich habe nach meiner Therapie viel Sport gemacht. Einerseits um meine inneren Spannungen abzubauen, aber auch, um mich körperlich total fit zu fühlen. Auch heute mache ich gerne Sport und bewege mich nach Möglichkeit, doch inzwischen weniger und weniger zwingend.“

„Ich sehe das Ganze nicht so verbissen. Für mich besteht Gefahr erst dann, wenn ich Substanzen zu mir nehme, die meine Persönlichkeit verändern, Alkohol und Drogen! Bei zu viel Schokolade riskiere ich schlimmstenfalls, fett zu werden. Das ‚Schlüsselwort‘ ist für mich ACHTSAMKEIT.“

Eine Differenzierung fällt auch deshalb schwer, weil heute die meisten Abhängigen bereits mehr als nur einem Suchtmittel verfallen sind (polytoxikoman oder mehrfachabhängig). So gehört zum Alkoholiker meist auch die Zigarette oder der Joint oder Tabletten werden in Verbindung mit Alkohol genommen. Kann man in diesen Fällen von einer Primär- und einer Sekundärsucht sprechen? Ist es wirklich so, wie vor allem in den Selbsthilfegruppen üblich: höre erst mal auf zu trinken, das mit dem Rauchen solltest du später angehen. Es ist schon schwer genug eine Sucht in den Griff zu bekommen, zwei würden deine persönlichen Kräfte überfordern. Oder muss die gesamte „Suchtpersönlichkeit“ geändert werden, denn wenn ein trockener Alkoholiker weiterraucht, hat er sein süchtiges Verhalten nicht geändert, es ist lediglich ein Stoff von mehreren weggefallen.

Wie bei vielen Dingen, ist auch hier die persönliche Prädisposition vermutlich entscheidend: der eine kann mit dem Trinken und dem Rauchen gleichzeitig aufhören, der andere schafft es nicht. Allerdings, auch das ist bewiesen, bedienen sich Abhängige mit ihrem gerade erst wieder erwachenden Selbstbewusstsein nur zu gerne der „du-schaffst-nur eine-Sucht“-Theorie. Es ist überhaupt erstaunlich, wie jede noch so krude Aussage von anderen genutzt wird, sein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Ein ganz Schlauer hat in der Sechs-Wochen-Therapie des AKB mal messerscharf geschlussfolgert: Sucht ist eine unheilbare Krankheit. Ich bin krank, die Krankheit ist unheilbar, also muss ich trinken.

Deshalb ist es so wichtig, dass jeder, der sich auf den Weg in die Abstinenz begibt, darauf achtet, ob andere Stoffe oder Verhaltensweisen nicht in eine erneute Abhängigkeit führen. Das ist in erster Linie eine Frage der Einstellung zur Sucht an sich und der persönlichen psychischen Fähigkeiten, bestimmte Belastungen oder Stress zu ertragen, ohne Ausgleich in einem anderen Suchtmittel zu suchen. Daraus ergibt sich auch die Frage, ob eine Suchtverlagerung nicht gleichzeitig auch ein Rückfall ist, nur mit einem anderen Mittel?

Bei trockenen Alkoholikern steigen oft der Kaffee-, Zigaretten-, Schokoladen- und Kuchenkonsum erheblich. Da freuen sich die meistens schon angeschlagenen inneren Organe! Die Leberzirrhose hat man gerade noch so umschifft, jetzt drohen der Diabetes oder der Lungenkrebs.

Mehr zum Thema Suchtverlagerung in unserem folgenden großen Interview mit Dr. Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Klinik in Berlin.

Wilhelm/Schiebert

Ist Suchtverlagerung ein Thema?

Gespräch mit dem Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik, Dr. Darius Tabatabai, über die Arbeit von Berlins renommierter Entwöhnungsklinik und das Thema „Suchtverlagerung“

TP: Wie beschreiben Sie das Profil der Spittler-Klinik am Auguste-Viktoria- Krankenhaus in Schöneberg?

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Grundverständnis für den Abhängigen. Wir wollen seine gesamte Persönlichkeit erfassen und arbeiten nach der psychoanalytisch- interaktionellen Methode. Die Konzepte von Hartmut Spittler, aber auch meinem Vorgänger Andreas Dieckmann, werden ständig weiterentwickelt. Auf Grund meiner langjährigen Tätigkeit an der Klinik konnte ich eine Reihe von eigenen Ideen verwirklichen.

Arbeitstherapeutische Prozesse, berufliche Wiedereingliederung und Familienarbeit sind wichtige Eckpfeiler unserer Arbeit. Dabei wird unser Angebot, auch die Kinder mit einzubeziehen, sehr gut angenommen. Die Freizeitgestaltung mit Sport, Chor und anderen Aktivitäten wird gut genutzt.

Außerdem spielt unser Standort „mitten im Leben“ eine wichtige Rolle. Schon vor der Kliniktür beginnt die Konfrontation mit dem Biertrinker im Bus, Risikofelder (Stammkneipe) müssen passiert werden, aber auch der Kontakt zur Familie und Besuche der eigenen Wohnung während der Therapie gehören dazu.

Wie ist die Klinik ausgelastet?

Das ist unterschiedlich. Zeitweise können wir neue Patienten sofort aufnehmen, manchmal ergeben sich Wartezeiten. Speziell im Februar und März konnten wir eine große Nachfrage beobachten.

Wie ist die Zusammensetzung der Rehabilitanden? Den „reinrassigen Alkoholiker“ gibt es ja nur noch selten.

Das entspricht auch unseren Beobachtungen. Polyvalente Süchte nehmen offenbar gerade bei jüngeren Menschen zu. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 46 Jahren. Dabei sind die Älteren oft noch reine Alkoholkonsumenten, während bei den Jüngeren auch Cannabis, Amphetamine, Kokain und synthetische Drogen eine Rolle spielen. Dabei nehmen viele Rehabilitanden eine innere Trennung vor: vom Alkohol möchte ich los, aber mit dem Kiffen habe ich gar nicht so ein Problem. Unsere Entwöhnungstherapie allerdings ist so eine Art Trainingslager, bei dem die Erfahrung mit der Abstinenz im Vordergrund steht. Ein „Splitten“ der stoffgebundenen Abhängigkeiten ist daher auch bei uns nicht möglich. Zudem setzen die eingesetzten Stoffe die Kritikfähigkeit so weit herab, dass auch der erneute Konsum von Alkohol in den meisten Fällen nur eine Frage von Zeit ist.

Wie geht es nach der Therapie weiter?

Abhängigkeitserkrankte erleben den Gebrauch der Stoffe recht essenziell. Deshalb ist es wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen: welche konkrete Bedeutung hat das Suchtmittel für mich? Ein Drittel hält nach der Therapie die Abstinenz aufrecht, ein weiteres gutes Drittel konsumiert, manchmal reduziert, weiter, ist nun aber schneller am Hilfesystem dran, und etwa ein Viertel zeigt gegenüber dem ursprünglichen Konsum keine Veränderung. Deshalb ist in der Therapie der offene Umgang mit der Situation wichtig, weil sich nur ein Teil der Abhängigen konsequente Veränderungen vorstellen kann. Es ist sehr wichtig, den Zweiflern offen und zugewandt zu begegnen, weil dies langfristig die Bereitschaft, später erneut Hilfe anzunehmen, erhöht. Insgesamt sind wir in Berlin in einer sehr guten Situation hinsichtlich der ambulanten Weiterbehandlung: das Netz aus Beratungsstellen, weiteren komplementären therapeutischen Maßnahmen und nicht zuletzt der breit aufgestellten Selbsthilfe ist hervorragend.

Die Reduzierung des Konsums kommt gegenüber der vollständigen Abstinenz immer stärker in die Diskussion, so auch in den neuen S3-Leitlinien. Wie sehen Sie die Situation?

Ich stehe der Diskussion aufgeschlossen gegenüber, aber unsere Klinik ist eindeutig ein „Trainingslager“ für die Abstinenzfähigkeit. Hier soll ein suchtmittelfreies Leben erfahren werden, welche Bewertung die Rehabilitanden am Ende vornehmen, bleibt in ihrer Hand. Die Diskussion um die Trinkmengenreduktion polarisiert aus meiner Sicht unnötigerweise, weil sie nur dem schlechten Erreichungsgrad der Alkoholabhängigkeit (2015 bei 16%) Rechnung trägt und hofft, dies durch eine weniger dogmatische Grundhaltung zum Positiven zu verändern. Unsere Gesellschaft pflegt einen sehr doppelbödigen Umgang mit dem Alkohol, der ja sehr zum kulturellen Leben dazu gehört. Lange Zeit wird großzügig darüber hinweggesehen, wenn Menschen schon in riskanter Weise, Schäden in Kauf nehmend, konsumieren. So lange sie aber nicht „unangenehm“ auffallen, werden sie meist auch nicht angesprochen. Gesundheitliche, aber auch soziale Schäden werden lange Zeit dabei hingenommen. Fallen Betroffene dann aber doch unangenehm auf, wendet sich das Blatt recht radikal: aus dem „gepflegten Wegschauen“ wird dann nicht selten Abscheu. Dieses Phänomen trägt zur Aufrechterhaltung von Abhän-
gigkeiten nicht unerheblich bei.

Hausärzte und Kliniken müssen bei Änderungswilligen nicht zwingend mit dem Abstinenzdogma kommen, sondern dem Patienten nahelegen: ändere etwas, bewerte das Risiko für dich und versuche, den Konsum herunterzufahren! Das kann aber nur eine Empfehlung für Menschen sein, die noch keine Entzugssymptome zeigen und ihren Konsum noch steuern können. In unserer Klinik kommen solche Patienten aber nicht an. Viel wichtiger als Medikamente (lt. Prof. Bschor bewirkt Nalmefen eine Reduktion um ein Glas Bier á 0,25l pro Tag) sind die persönlichen Gespräche mit dem Hausarzt: nach einer halbstündigen Intervention trinken 50 Prozent weniger! Kürzere Interventionen führen immerhin in zehn Prozent der Fälle zu einer Reduzierung der Trinkmenge. Deshalb halte ich diese Methode für zulässig. Nicht aber für gesichert Abhängige, da hier der erneute Kontrollverlust hochwahrscheinlich ist.

Ein Argument in der Selbsthilfe ist es: mit kontrolliertem Trinken wird nur Geld verdient.

Natürlich darf, wenn es hilft, damit auch Geld verdient werden. Das Drama in den Hausarztpraxen ist allerdings, dass einfach die Zeit fehlt, ausführlich mit dem missbräuchlich Trinkenden zu reden. Dabei ist bekannt, dass die Grenze zwischen Missbrauch und Abhängigkeit sehr schmal ist. Hier muss vor allem ein Umdenken bei den Krankenkassen erfolgen, um solche Leistungen in der hausärztlichen Praxis auch dementsprechend zu vergüten.

Auch im Medizinstudium muss dem Stoffgebiet „Sucht“ mehr Zeit eingeräumt werden. Bei etwa 3,5 Millionen Alkohol-
kranken und schädlich Konsumierenden in Deutschland ist das dringend geboten. Die Abhängigkeitserkrankungen müssen ihr Schmuddelimage verlieren, ähnlich wie es seit mehreren Jahren bereits zunehmend besser gelingt, den Depressionen ihr Stigma zu nehmen.

Welche Rolle spielen Suchtverlagerungen in Ihrer Klinik?

Bei einer recht ungestörten Persönlichkeitsentwicklung verfügen Menschen über Fertigkeiten (skills), die ihnen helfen, mit den herausfordernden Situationen des Lebens umgehen zu können. Bleibt die Entwicklung einiger Skills aus, kann dies durch den Konsum von Suchtmitteln aufgefangen werden. Ein Suchtmittel kann dabei auch die Funktion von einem anderen übernehmen. Benzodiazepine z. B. sind „elegant“, auch, weil der Gebrauch initial in vielen Fällen kaum bemerkt wird, im Gegensatz zur Alkoholwirkung. Nach recht kurzer Zeit ist der Konsum jedoch genauso risikoreich wie der Alkoholkonsum. Wir weisen auf diese Zusammenhänge hin, aber ohne zu moralisieren. In der Therapie sprechen wir über die Risikobewertung von Kaffee, Essen, Sexualität usw. Welche Gesundheitsrisiken sind damit verbunden? Die Menschen merken während der Entwöhnung, auf zum Teil schmerzhafte Weise, dass etwas fehlt. Das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe ist noch in Unordnung. Das Gehirn wartet also auf Stoffe von außen, die die Befindlichkeit verbessern. Das können auch Süßigkeiten sein. Die Leber hat ein bisschen Ruhe, dafür wird durch die Erhöhung der Blutfette möglicherweise der Herzinfarkt wahrscheinlicher. Die durchgeführte Ernährungsberatung glückt nur, wenn ein Grundverständnis für die schwierige Situation der Erkrankten besteht.

Wozu tendieren trockene Alkoholiker?

Wir registrieren vor allem viel Kaffee, Zigaretten und das Verlangen nach Süßem. Das ist für einen durch Alkohol vorgeschädigten Körper insgesamt nicht gerade förderlich. Aber es bleibt dennoch ein Erfolg, wenn unsere Rehabilitanden ihre Alkoholabhängigkeit in den Griff bekommen.

Können Polytoxikomane (Mehrfachabhängige) einzelne Süchte zum Stillstand bringen oder muss die Suchtpersönlichkeit verändert werden?

Die isolierte Abstinenz von Alkohol ist schwierig. Ich erinnere den Beitrag eines Rehabilitanden , der drei Jahre lang alkoholfreies Bier getrunken und immer wieder einen Joint geraucht hat. In der Gruppe fielen alle über ihn her, dabei wurden die drei relativ risikoarmen Jahre (in Bezug auf die Biografie des Rehabilitanden) völlig übersehen. Zu häufig werden demotivierende, unnötige Gräben geschaufelt, die es schwer machen, sich selbst zu motivieren und alle Suchtmittel in Angriff zu nehmen.

Gibt es eine Angst vorm Trockenwerden?

Natürlich. Es kann zu Schockreaktionen führen, wenn ich plötzlich auf etwas verzichten soll, das fester Bestandteil meines Lebens war. Die entstehende Leerstelle wird dann oft mit einem anderen Suchtmittel ausgefüllt. Am besten ist es, wenn sich der Betroffene ein Umfeld aufbaut, das ihm Halt gibt, wie es bei anderen Krankheiten auch erforderlich ist.

Wie sieht es mit dem Wechsel von stofflichen auf nichtstoffliche Süchte aus?

Eine Bedürfnisbefriedigung, die vorher mit dem einen Stoff erfolgte, sucht sich häufig neue Quellen. Das können Shoppingattacken, rezidivierendes (wiederkehrendes) Verlieben, Onlinesucht, klassische Spielsucht und andere sein. Bei uns ist seit einiger Zeit der Gebrauch von Smartphones und Laptops weniger reglementiert, weil dies mehr unserer aller Lebensrealität entspricht. Dabei dürfen allerdings die persönlichen Kontakte in der Klinik nicht reduziert werden. Wir haben nach wie vor abends Leben in den Aufenthaltsbereichen, aber man muss schon darauf achten, dass keine riskante „Verabschiedung“ in virtuelle Räume stattfindet.

Bedeutet Suchtverlagerung gleichzeitig einen Rückfall?

Ein Rückfall wird oft wie eine Niederlage empfunden. Wenn ich ein Risiko gegen ein anderes austausche, muss ich es ernst nehmen. Dabei ist der erhobene Zeigefinger fehl am Platze. Motivation ist wichtig, da Abhängige sehr häufig Schwierigkeiten in der Selbstwertregulation aufweisen. Wir sagen: toll, dass Sie den Alkohol im Griff haben, jetzt wollen wir auch das zweite Problem noch in Angriff nehmen, den Zustand erreichen, wo es weniger schädlich ist (essen statt trinken, aber aufpassen!). Wenn Sie weiter so rauchen, … so ist das ungesund, nimmt Ihnen aber nicht den Erfolg, mit dem Trinken aufgehört zu haben.

Strenge sich selbst gegenüber ist nicht einfach, da sie zu stark angewendet in Destruktion mündet. Der Aspekt „Schuld und Sühne“ kann da wieder sehr doppelbödig sein.

Herr Dr. Tabatabai, die TrokkenPresse bedankt sich für das Gespräch!

Das Gespräch führte

Jürgen Schiebert

Jetzt lieferbar:

Joachim Seiler "Das Jüngste Gerücht", Cover„Das Jüngste Gerücht“

von Joachim Seiler, mit Zeichnungen von Heiko Gliesche-Neumann
Die Sammlung der beliebtesten satirischen Kolumnen aus der TrokkenPresse  – vom Autor des legendären Buches „Blaupause“.
Taschenbuch, 100 Seiten, Preis: 10,00 Euro, ISBN 978-3-9813253-5-5   
Mehr …

Titelthema 02/15: Suchthilfe im Internet

Cover_TP-2_15Ob per Handy von unterwegs oder Zuhause am PC:

Suchthilfe im Internet

Was gibt es, was bringt es?

Sind Sie auch jeden Tag im Internet? Dann gehören Sie zu den rund 80 Prozent Deutschen, für die der Besuch im Web zum Alltag gehört. Ob zum Chatten, Mailen, Shoppen, um Informationen zu finden und Rat. Auch Süchtige finden inzwischen viele Hilfsangebote. Gibt man zum Beispiel die drei Suchwörter „Alkoholismus, Hilfe, Beratung“ bei einer Suchmaschine ein, kann man heute unter 400 000 Einträgen dazu auswählen! Aber wonach denn nun auswählen? Das erfahren Sie hier…

(Auszug aus dem Chat einer Alkoholiker-Gruppe bei einem sozialen Netzwerk (Namen geändert):

Andra: „Guten Morgen, liebe Gruppe! Ich bin seit fast zwei Jahren trocken. In letzter Zeit kommt mir immer häufiger der Gedanke, dass mir die Abstinenz eigentlich nicht viel bringt. Ich bin aber nicht akut gefährdet zu einem Rückfall, habe keinen Suchtdruck, ekele mich sogar davor, wenn andere nach Bier riechen. War das bei irgendjemandem hier auch schon mal so?“

Rose: „Das geht mir auch so, Andra, und ich bin über 30 Jahre trocken, also wenn jemand nach Alkohol riecht. Aber zum ersten Gedanken: Man sollte halt sein ganzes Leben ändern und nicht nur den Alkohol weglassen. Zur Selbsthilfegruppe gehen!“

Andra: „Hey Rose, kann mir denn die Selbsthilfegruppe dabei helfen? Ich finde keinen Lebenswillen, keine Freude mehr. Alles nervt nur noch und kotzt mich an. Ist das bei euch so, geht das irgendwann mal weg???“

Karin: „Mich würden deine Abstinenzgründe interessieren und was deine Stoppschilder sind nicht wieder anzufangen zu trinken. LG“

Karin: „Ach so: Shg ist wirklich wichtig! Ich spreche aus eigener Erfahrung. Such dir nicht die erste beste aus, sondern es muss auch zwischenmenschlich stimmen. Dann hast du Freunde, Berater, wie ne kleine Familie. Die dir mit Rat und Tat zur Seite stehen!“

Paule: „Ja, Andra, es geht wieder weg, wenn du durchhältst und nicht wieder anfängst zu trinken. Selbsthilfegruppe wäre ein guter Tipp … aber es gibt auch andere Dinge, die dir über diese schlimme Phase helfen: Tue etwas für DICH!!!“

Sylvie: „Hmmm … ich bin da sehr radikal. Wenn ich lese/höre, das jemand fragt: was bringt mir die Abstinenz? Gibt es für mich nur eine Antwort: dein Leben!!“

Gerd: „Wenn Du keinen Sinn im Leben findest, keine Freude, finde ich Dich aber höchst akut gefährdet in Bezug auf einen Rückfall, Kerstin … pass bloß gut auf …“

Paule: „Ja – ich sehe auch die Gefahr zum Rückfall … Diese Stimmungen/Phasen musst du trocken überstehen! Also hole dir Hilfe und denke immer, es wird wieder besser. Wenn du wieder trinkst, dann fängt das Elend von vorne an. Bleibe stark!“

Andra:„Erstmal danke für eure ehrlichen Antworten. Ich bin noch nicht solange trocken (fast zwei Jahre erst) und vllt dachte ich auch fälschlicherweise, dass sich dann einfach was von alleine ändert an meinem Lebenswillen …“

Diese sieben trockenen AlkoholikerInnen sind einander noch nie direkt begegnet …
Aber sie „reden“ im Internet miteinander, sie teilen ihre ganz persönlichen Erfahrungen zu dem sie verbindenden Thema: Alkoholkrankheit. Völlig unabhängig davon, wo der Computer eines jeden gerade steht, in Berlin oder Thüringen, daheim oder im Büro – und es ist auch egal, wie spät es gerade ist.
Sie chatten miteinander.

Chats und Foren

Chatten ( engl. plaudern) ist elektronische Kommunikation mit anderen in Echtzeit, meist auf Websites mit dafür ausgelegten technischen Funktionen. Menschen treffen sich an einem „Ort“ – dem Chat-room. Oft, wie z. B. bei facebook, ist es ein eigener virtueller „Gruppenraum“, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben.

Der Unterschied zu einem Forum: Dort kann man – nachdem man sich angemeldet hat – in verschiedene (n streichen) Themenbereichen seine Frage „einstellen“. Die wird dann meist vom Moderator/Administrator geprüft (um Beleidigungen u. ä. vorzubeugen), und dann erst für alle Forumsmitglieder freigegeben. Wer es liest, und ob jetzt oder später, kann dann antworten. Die Unterhaltung verläuft also asynchron.

In diesen Foren und Chats finden Sie Gleichgesinnte:

www.clic-deutschland.de

www.suchtundselbsthilfe.de

www.forum-alkoholiker.de

www.selbsthilfe-interaktiv.de/foren

www.sucht-selbsthilfe.com

www.trockeneralkoholiker.forumieren.com

facebook-Gruppen:

(bei www.facebook.com anmelden, unter Suchfunktion die Gruppe finden)

FTA – Forum Trockener Alkoholiker

Trockene Alkoholiker sind die wahren Helden

Trockene Alkoholiker

Alkoholiker

Alkoholsucht

Anonyme Spieler und Alkoholsüchtige

Suchtselbsthilfe in Deutschland

Suchtfrei…ich bin dabei

AA-Meetings:

www.online-aa.de

(Für die „aa-only-Meetings” müssen Sie sich einschreiben [(anmelden]).

Den Chat können Sie über einen Gastzugang mitbenutzen.)

Natürlich finden Sie im Internet auch reine Informationen zum Thema Alkoholabhängigkeit, Sucht, Entgiftung, Entwöhnung usw., und können so anonym überhaupt erst einmal einen ersten Zugang zum Thema bekommen. Sie können sich auch an Tests versuchen und herausfinden, ob Sie oder ihr Partner süchtig sind oder nicht. Für Letzteres aber bieten sich besonders Onlineberatungen an …

Online-Beratung

„Mein Mann trinkt jeden Abend zehn Bier, ist er gefährdet? Was kann ich tun?“

Solche und ähnliche Fragen können Sie anonym an Experten stellen. Das Grundprinzip: Sie machen keinen realen Termin wie bei einer Suchtberatungsstelle, sondern schreiben eine E-Mail mit Ihrer Frage zu jeglichem Problem, versenden Sie und erhalten in ein bis zweiTagen eine Antwort. Und zwar von Fachleuten auf diesem Gebiet, meist Therapeuten.

Hier zum Beispiel finden Sie Online-Beratung:

www.caritas.de (hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung)

www.suchthotline.info

www.step-hannover.de (angebote/online-beratung)

www.diakonie.de (Ich suche Hilfe/ Alle Beratungsleistungen/nur online-Beratung, auf Karte klicken)

www.das-beratungsnetz.de

(Auch regional werden mitunter Online-Beratungen angeboten. Sie könnten Sie finden, wenn Sie die Suchbegriffe Sucht, Beratung online, Ihren Ort angeben)

Außer den vorgestellten Möglichkeiten im Internet entwickeln sich derzeit weitere. Eine davon: Die Online-Therapie. Sie könnten dann von Zuhause aus per Video-Chat mit einem Therapeuten täglich ihr Therapie-Pensum bearbeiten. Das wird gerade mit einigen Projekten an Universitäten getestet. Da aber in Deutschland das Fernbehandlungs-Verbot besteht, sind die rechtlichen Voraussetzungen dafür erst noch zu schaffen. Deshalb hier nur eine Website, die es bereits ermöglicht, weil die deutschsprachigen Betreiber in Frankreich agieren: www.myonlinetherapie.com. Aber Vorsicht, lesen Sie sich alle Hinweise auf der Seite genau durch. Diagnosen werden nicht gestellt – und es ist auch selbst zu bezahlen.

Was können diese Angebote, was nicht?

Ich muss nirgendwohin fahren.

Ich muss keine Termine einhalten.

Ich muss mich nicht vor Bekannten outen.

Ich muss schreiben, das klärt Gedanken.

Ich kann jederzeit alles wieder nachlesen.

Ich kann jederzeit rund um die Uhr Informationen, Erfahrungen und Hilfe erhalten.

Das scheinen die wesentlichen Vorteile der Hilfe aus dem Internet zu sein.

Ein Handbuch der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.* zum Thema empfiehlt die Nutzung virtueller Selbsthilfegruppen vor allem für „… Betroffene, die an ihrem Wohnort keine geeignete reale Selbsthilfegruppe haben, die aus anderen Gründen keine reale Gruppe aufsuchen können oder wollen, … die ausdrücklich die Kommunikation über das Internet wünschen, weil sie ihre Probleme ansprechen können, ohne ihre Identität bekannt geben zu müssen.“ Dennoch, heißt es weiter, könne die Gruppe im Internet „ … trotz des intensiven Austausches die wirkliche Begegnung und das solidarische Gruppenleben nicht ersetzen … Gerade für Menschen mit Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang kann die mediale Information und Vermittlung kein wirklicher Ersatz und keine Alternative für den direkten zwischenmenschlichen Kontakt und die damit verbundenen Auseinandersetzungen sein.“ Außerdem könne die Gefahr der Suchtverlagerung – des Austausches eines Suchtmittels gegen ein anderes (Internet) – bestehen.

* DHS, Manual „Sucht-Selbsthilfe: Beratung und Begleitung von suchtkranken Menschen und ihren Angehörigen im Internet“, Christina Meyer)

Anja Wilhelm

So schützen Sie Ihre Daten im Net

Vorab:
Was einmal im Netz steht, ist weltweit zugänglich – und nur sehr schwierig wieder „zurückzuholen“! Deshalb als Grundregel:

Stellen Sie nur Informationen, Fotos und Filme ins Internet, die auch die ganze Welt lesen und sehen darf, ohne dass es Ihnen schaden kann.
Schaden können Ihnen vor allem auch kriminelle Nutzer, vom so genannten ¸Identitäts-Klauer‘ (zum Beispiel, um auf Ihren Namen in Online-Shops zu bestellen) bis zum Passwort-Dieb (zum Beispiel für das Online-Banking).
Dagegen können Sie sich mit den folgenden Regeln „selbst verteidigen“:

– Überlegen Sie genau, welche Daten Sie herausgeben. Wenn in Foren oder Shops Informationen zu Ihnen erfragt werden, ist es zum Beispiel nicht immer nötig, auch die Telefonnummer „auszuplaudern“ o.ä.
– Sie dürfen auch ruhig ein bisschen flunkern in Foren, Chats oder sozialen Netzwerken, benutzen Sie ein Pseudonym.
– Passwörter sollten mindestens achtStellen in Groß/Kleinschreibung plus Zeichen haben. Wechseln Sie diese alle zwei bis drei Monate. Geben Sie sie niemals weiter an andere.
– Versäumen Sie das Ausloggen nicht!
– Benutzen Sie E-Mail-Dienstanbieter, die nicht nur die Daten verschlüsselt speichern, sondern auch den Transport der Daten (z.B. web.de, gmx …)!
– Öffnen Sie niemals SPAM-Mails oder deren Anhänge, sie könnten Viren enthalten.
– Achten Sie beim Online-Banking auf eine sichere Verbindung, zu sehen in der Adresszeile als „https“
– Installieren Sie eine Firewall, sie schützt vor unberechtigten Zugriffen aus dem Internet.
– Aktualisieren Sie Ihr Antivirenprogramm stetig, das schützt vor sogenannter Spyware (Viren, die Ihren PC „ausspähen“ könnten).
– Stellen Sie in sozialen Netzwerken Ihren Privatsphäre-Filter genau ein: Wer darf dies oder das von mir sehen und lesen?
– Facebook: Sobald Sie sich als Mitglied registriert haben, unterliegen Sie denfacebook-Datenschutzrichtlinien. Lesen Sie diese also vorher. Denn facebook darf laut safe-harbour-Bestimmungen (sie regeln den Datenaustausch zwischen den USA und der EU) alle Informationen sammeln, die Sie bereitstellen, von der Telefonnummer bis zu Urlaubsfotos. Um sie dann zum Beispiel Mess- und Anzeigendiensten zu verkaufen. Regeln Sie In den Privatsphäre-Einstellungen, wer welche Daten sehen und lesen kann. Wenn Sie einer Gruppe beitreten, beachten Sie: Nur geheime Gruppen sind wirklich geheim – niemand außer den Gruppenmitgliedern kennt Gruppe, Namen, Beteiligte und die Postings.

Weitere Hinweise finden Sie unter www.bfdibund.de, einem Datenschutzforum, und unter www.selbstdatenschutz.info, wo technische Schritte genau erklärt werden.

 

Titelthema 01/15: Frau und Sucht

titeltp115FRAU und SUCHT

Sind Frauen anders süchtig als die Männer?

Etwa 370 000 Frauen und Mädchen sind alkoholabhängig,meldete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung vor vier Jahren. Seitdem gibt es noch keine neuen offiziellen Zahlen, aber Schätzungen liegen höher, nämlich bei 500-600 000. Tendenz steigend. Immer mehr Frauen trinken immer mehr. Aber weshalb?

Ich stehe vor dem Weinregal im Supermarkt. Ganz bewusst. Das tat ich bis jetzt höchstensdann, wenn mal eine Feier bevorstand. Heute ist das aber anders … Also: Welche Flasche nehme ich? Die Etiketten sagen mir gar nichts. Weiß? Rot? Ja, rot. Rot wärmt. Ich nehme die Flasche mit nach Hause. Nicht wie ein Paket Nudeln. Eher so hoffnungsvoll wie eine neue, unbekannte beste Freundin. Mit der Zuversicht, sie würde mich heute Abend ablenken können. Mir abzuschalten helfen. Den Verstand auszuknipsen, die ewigen zermürbenden Gedankenkreisel mal anhalten. Die Einsamkeit verscheuchen. Die Sorgen, die Angst. Denn ich bin allein. Mein Mann ist zu einem Job in den fernen, gefährlichen Kongo gereist. Aber ich habe nicht nur Angst um ihn, sondern auch seit Monaten Furcht um unsere Ehe. Er ist so anders in letzter Zeit. Er verheimlicht mir Dinge,die er tut. Auf meine Fragen bekomme ich nie Antworten … All das will ich heute einfach mal nicht fühlen müssen. Sondern vergessen dürfen. Und ich ahne, der Rotwein könnte helfen. Für diesen Abend tat er es – bis zum nächsten Morgen zwar nur. Aber immerhin!

Dieser ganz bewusste Kauf vor 12 Jahren, an den ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen, war mein Einstieg ins Alkoholikerleben. Denn es folgten ihm noch unzählige … So sehe ich das heute.

Ich war damals 40 Jahre alt, arbeitete als Redakteurin und versorgte meinen Sohn, unseren Hund, Haus und Garten; mein Mann arbeitete die Woche über in einer anderen Stadt. Damit passte ich haargenau hinein in das Bild, das die große EU-Studie „Alkoholkonsum und Alkoholprobleme bei Frauen in europäischen Ländern“ heute von 40 % der alkoholabhängigen Frauen zeichnet: gute Ausbildung, berufstätig, Familie. Hinzu kommen meist noch Doppelbelastung, geradlinige Lebensläufe. Häufig Minderwertigkeitskomplexe. Schuldgefühle. Oft eine plötzliche Lebenskrise, die zu bewältigen wäre. Heimlich trinkend, unauffällig. Sich aus Scham erst spät Hilfe suchend. Ein anderer großer Anteil sind laut Studie sehr junge Mädchen und Frauen, aus oftmals zerrütteten Elternhäusern, mit Erfahrungen von Misshandlungen und Missbrauch. Zerrissen zwischen Größenwahn nähern sie sich dem Koma-Trinken der Jungen an.

Christina Schadt von der Fachstelle für Suchtprävention Berlin bestätigt diese Studienergebnisse in einem Interview mit der TrokkenPresse:

Weshalb trinken Frauen und rutschen in die Sucht?

Schadt: „Die Sozialisation von Frauen und das ,so habe ich zu sein als Frau‘ birgt spezifi sche Risiken hinsichtlich der Entwicklung einer Sucht. Viele Frauen kümmern sich auch heute noch zuerst um andere und wollen um jeden Preisfunktionieren und ihren Alltag bewältigen. Anders als Männer richten Frauen sich meist an den Anforderungen von außen aus. An dem, was andere von ihnen wollen. Nicht daran, was sie selber wünschen. Frauen wollen heute beides, einen Beruf, der sie erfüllt und den sie gut ausfüllen, aber gleichzeitig auch gut die Familie versorgen. Diese Doppelbelastung kann zu Überforderungssituationen führen. Denn noch immer erhalten Frauen traditionell zu wenig Unterstützung von der Familie, vom Partner. Solche Situationen der hohen Belastung versuchen Frauen – im Gegensatz zu Männern – mit sich selbst zu klären. Und trinken Alkohol, weil sie sich zum Beispiel entlasten und entspannen wollen.“

Wie trinken Frauen – und weshalb?

Schadt: „Generell trinken sie weniger als Männer, und eher Mixgetränke, Wein und Sekt als Spirituosen. Was das riskante Trinken angeht, liegen Frauen mit einem Anteil von 12,8 % im Vergleich zu Männern mit 15,6 % ähnlich hoch. Eine Abhängigkeitserkrankung weisen dagegen etwa 9,5 % der Männer und 3,5 % der Frauen in Deutschland auf (vgl. ESA 2012). Auch die Situation des Trinkens an sich ist anders: Frauen trinken eher im Verborgenen, eher zuhause. So, dass die Öffentlichkeit das nicht mitbekommt. Denn Frau und Alkohol ist gesellschaftlich stigmatisiert. Der Mann dagegen erfährt sogar eher soziale Anerkennung. Sein Trinken wird gesellschaftlich bewertet als männlich und stark. Gleichzeitig allerdings versuchen inzwischen einige Frauen, dieses alte Stigma aufzubrechen und trinken jetzt auch öffentlich.“

Werden Frauen schneller süchtig?

Schadt: „Ja. Wenn Frauen das Gleiche trinken wie Männer, hat es stärkere Auswirkungen. Das liegt zum Beispiel am geringeren Körpergewicht, der Alkohol verteilt sich auf kleinerem Raum. Dazu ist die relative Fettmasse größer als beim Mann, diese ist aber kaum durchblutet. Der Alkoholspiegel im Blut ist dementsprechend höher, wirkt intensiver und begünstigt raschere Organschäden. Außerdem haben Männer einen höheren Anteil bestimmter Enzyme, die für den Abbau des Alkohols zuständig sind, im Körper. Bei Frauen wird also Alkohol schlechter abgebaut.“

Brauchen Frauen geschlechtsspezifi sche Beratung und Therapie?

Schadt: „Ja! Weil sie andere Motive haben zu trinken. Andere Bedürfnisse. Darauf sollte unbedingt eingegangen werden, um passgenaue Betreuungsmöglichkeiten zu finden. Das beginnt ja schon bei der Kinderbetreuung, Mütter brauchen Angebote, die Therapie und Kind unter einen Hut zu bringen gestatten.“

Was könnten oder müssten Frauen anders tun, um nicht zum Alkohol zu greifen?

Schadt: „Frauen sollten eine Menge mehr für sich selber tun. Nach eigenen Bedürfnissen schauen, denen mehr Gewichtgeben. Sie müssten lernen, ihre Belastungen zu reduzieren, indem sie sie auf mehrere Schultern verteilen, sich Unterstützung zu suchen. Und: Entspannung lernen. Aber das Wichtigste ist wirklich, dass Frauen ihre Denken verändern: Nämlich dahin, sich vielmehr als bisher um sich selbst zu kümmern.“

1 2 3 4 5