Titelthema 2/13: Sucht im Alter

Auch die Sucht kommt in die Jahre

Die vernachlässigte Lebensphase des höheren Alters

Die demografische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland lässt uns wissen, dass die Lebenserwartung im Jahr 2010 auf über 80 Jahre gestiegen ist und ein 55-Jähriger sogar leicht 95 Jahre alt werden kann. 2006 wurde festgestellt, dass im Jahre 2001 noch 12,4 Menschen auf einen über 75-jährigen Mitbürger kommen. Im Jahr 2050 werden es nur noch 5,5 sein. Da ist es kein Wunder, dass die Selbsthilfegruppen die „Überalterung“ beklagen. Die Zahl der Einzelpersonenhaushalte steigt parallel auf über 40 Prozent. Das bedeutet, dass auch jeder zweite Alkoholkranke allein lebt, wenn diese spezielle Gruppe der Bevölkerung nicht noch größer ist.

Das Leben im hohen Lebensalter ist deutlich einfacher geworden: für körperliche Gebrechen gibt es inzwischen viele Hilfsmittel, und die geistige Funktion muss mit dem Alter nicht selbstverständlich nachlassen. Und schließlich hat die Einstellung zum Altwerden sich deutlich verändert. Max von der Grün schrieb:

Als ich 5 Jahre alt war …

Als ich 5 Jahre alt war,
war meine Mutter 25,
und ich fand sie sehr alt.
Als ich 25 Jahre alt war
und sie 45, fand ich sie alt.
Als ich 45 Jahre war,
war sie 65, und ich fand
sie sehr jugendlich.
Als ich 48 Jahre alt war,
starb meine Mutter,
und ich fand, sie sei
sehr jung gestorben.

Schließlich hat sich auch die Einstellung zum Altwerden in der Gesellschaft verändert und damit auch diejenige älterer Menschen: Die Zeit, in der das Rentenalter die Vorbereitung auf den Tod war, ist vorbei. Eine lebendige Zeit kann die Phase, in der die Menschen nur noch für sich selber verantwortlich sind, durchaus noch werden. Deshalb wäre es gut, wenn auch die Selbsthilfegruppen sich nicht für „überaltert“ halten würden. Besser wäre es, sie würden sich mit frischen, lebensoffenen Gedanken beschäftigen und entsprechend ihrer Ausrichtung ihre Gruppen gestalten.

Natürlich ist es empfehlenswert, auch für junge Menschen eine attraktive Gruppengestaltung zu überlegen. Viele Jüngere, die in der Entwöhnung sind, sind lonely hearts (einsame Herzen) und suchen Anschluss. Allerdings haben sie andere Interessen als Menschen, die 30 oder 40 Jahre älter sind.

Aus der Forschung weiß man, dass die Menschen sich zumeist deutlich jünger fühlen, als es ihrem Lebensalter entspricht. Nur an den Grenzen der Lebensphasen – z. B. wenn man mit 65 aus dem Arbeitsprozess ausscheidet – wird einem die Bedeutung des biologischen Lebensalters deutlich. Wer aber durchschnittlich noch mit 15 Jahren Lebensqualität rechnen kann, der kann die These der Lebensspannen-Psychologie übernehmen: Der Mensch entwickelt sich lebenslang. Lebensqualität ist eine Frage der inneren Einstellung, nicht des Geldes, nicht des Berufsstandes und schon lange nicht des Alters.

Für die Gesellschaft ist es deswegen besonders wichtig, schon relativ früh mit der Vorbereitung auf die Zeit des „dritten Alters“ hinzuweisen. Wer sich auf diese Zeit vorbereitet, hat auch ein geringeres Risiko, den „plötzlichen Herztod“ kurz nach der Berentung zu erleben. Es lohnt, sich seiner vielen Interessen durchgehend bewusst zu sein und die Planungen für das „Alter“ konkret rechtzeitig zu beginnen.

Deshalb spricht natürlich auch nichts dagegen, noch im höheren Lebensalter eine Entgiftung und eine Entwöhnungstherapie durchzuführen. Für die Mediziner gilt das gleiche Behandlungskonzept. Lediglich in der Entwöhnung gibt es gelegentlich Variationen, je nach Zustand der Merkfähigkeit, der körperlichen Beweglichkeit und der seelischen Einstellung, aber auch der Frage, ob es sich um einen altgewordenen Alkoholiker handelt oder einen „Late onset“.

Late onset sind Menschen, die z. B. im Rahmen des Verlustes ihrer Tätigkeit zu trinken beginnen oder aber, weil sie einen Partner gefunden haben. Hier gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten. Übrigens ist natürlich auch Psychotherapie im Alter möglich. Darauf haben uns die Neurophysiologen in den letzten Jahren immer wieder hingewiesen. Psychotherapeuten kennen das Phänomen seit vielen Jahren und helfen älteren Menschen, die die Orientierung verloren haben.

Die Lebensqualität älterer Menschen beginnt nach Ende des hohen Alkoholkonsums sofort wieder zu steigen, und es zeigen sich gute Ergebnisse.

Alkoholkranke Menschen haben in ihrem Leben die Erfahrung machen dürfen, dass sie sich auch nach einer todbringenden Erkrankung mit der Abstinenz ein Leben mit hoher Lebensqualität erarbeiten können. Diese Erfahrung kann man mit 20, 40, 60 oder 80 Jahren machen.

Dr. Andreas Dieckmann,

ChA der Hartmut-Spittler-Klinik Berlin

Die süchtigen Alten

Die Medien haben die „komasaufenden Jugendlichen“ schon lange als Quotenbringer entdeckt. Was aber ist mit den Alten? In jeder Familie gibt es zunehmend ältere Menschen. Wie erkenne ich, ob Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter ein Suchtproblem haben? Was kann ich tun? Das Problem der Sucht im Alter wird noch immer unterschätzt bzw. entschuldigt: lass Opa doch sein Schnäpschen. Oft entzieht sich die Sucht im Alter der Wahrnehmung. Sie wird von Betroffenen und Angehörigen nicht erkannt oder geleugnet, aber auch von Ärzten und Pflegekräften. Auch eine abnehmende Alkoholtoleranz – Junge vertragen mehr als Alte – wird oft als „Entschuldigungsgrund“ angeführt.

Grundlagen

Bei meinen Recherchen für diesen Beitrag wunderte ich mich nicht bloß einmal. Zum Beispiel über ganz unterschiedliche Angaben in Statistiken zum Suchtmittelgebrauch oder ab wann von einem „alten“ Menschen gesprochen wird. Das beginnt in einigen Darstellungen bei 40 Lebensjahren und wird in der Mehrzahl ab 60+ betrachtet. Deshalb gehe ich im Folgenden von den über 60-Jährigen aus. Die Zahlen der Abhängigen über 60 schwanken erheblich. Das liegt auch daran, dass bei weitem nicht jedes Anzeichen auf eine Abhängigkeit zurückgeführt wird, da im Alter die Zahl von Erkrankungen insgesamt zunimmt. Wenn wir uns den Bevölkerungsschnitt ansehen, so leben in Deutschland 18,4% unter 20-Jährige, 55,3% 20-60-Jährige und 26,3% über 60-Jährige. 2030 werden es 16,7% unter 20, 47,1% zwischen 20 und 60 sowie 36,2% über 60 sein, d. h. die Zahl der Menschen über 60 erhöht sich um zehn Prozent. Somit ist auch davon auszugehen, dass die Zahl der Süchtigen in höherem Lebensalter deutlich steigen wird. Nach Schätzungen der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen haben 400 000 ältere Menschen ein Alkoholproblem, ein bis zwei Millionen sind medikamentenabhängig. Mehr als zwei Millionen Menschen über 60 rauchen.

Erkannt ist das Problem anhand der demografischen Entwicklung schon seit längerem. Es gibt auch eine Vielzahl von Kongressen, Forschungsvorhaben und Veröffentlichungen zum Thema „Sucht im Alter“. Das Problem ist nur, dass wie so oft im Leben Theorie und Praxis unterschiedliche Wege gehen bzw. wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen nicht einer breiten Bevölkerung bekannt sind. Wissen allein bedeutet allerdings noch nicht Veränderung. Auch im Alltag der Seniorenheime gibt es sehr gute und sehr mangelhafte Ansätze und Methoden. Letzteres liegt auch daran, dass eine Suchterkrankung nicht immer diagnostiziert wird, sondern oft nur die sichtbaren Begleiterkrankungen. So wird in Seniorenheimen bei 60% der alkoholabhängigen Patienten der Konsum von mehr als 60g/Tag nicht erkannt, ebenso weiß das Pflegepersonal von zwei Drittel der Betroffenen nichts von einem erhöhten Benzodiazepin-Konsum (angstlösende, beruhigende Medikamente). Im Bereich der Schlaf- und Beruhigungsmittel wird ein erheblicher Missbrauch bei älteren Menschen angenommen. Besonders tragisch: 85% der Heimbewohner bleiben ohne psychiatrische Versorgung (Tagung „Alter und Sucht“ am 4. 5. 2012 in der Christian-Doppler-Klinik Salzburg, interreg.zup-media.com).

Wie eingangs dargestellt steigt infolge der demografischen Entwicklung naturgemäß der Anteil der süchtigen Älteren. Die in jüngeren Jahren praktizierten Konsumgewohnheiten werden oft beibehalten. In unserer Wohlstandsgeneration hat der Konsum psychoaktiver Substanzen enorm zugenommen, damit ist auch eine Steigerung bei alten Menschen zu erwarten.

Auslöser und Wirkung auf ältere Menschen

Ich will mich in diesem Artikel vor allem auf Alkohol und Medikamente konzentrieren. Natürlich spielen auch Tabak und nichtstoffliche Süchte eine Rolle im Alter, würden aber den Rahmen der Betrachtung sprengen.

Eine wichtige Klassifizierung vor allem bei Alkoholikern erfolgt durch den Erkrankungsbeginn:

So spricht man von early-onset-Alkoholikern (EOA) wenn die Sucht bereits in jungen Jahren ausgebrochen ist. Oft erreichen diese durch frühen Tod kein höheres Lebensalter. Late-onset-Alkoholiker (LOA) sind demzufolge erst im höheren Lebensalter abhängig geworden. Rezidiv-Alkoholiker waren bereits erkrankt, sind aber trocken bzw. clean und im Alter wieder rückfällig geworden. Zwischen der Gruppe der EOA und der der LOA gibt es erhebliche Unterschiede.

Ältere Frauen neigen mehr zu Medikamenten und sind oft unauffälliger, während die Männer mehr zum Alkohol greifen.

In meiner Arbeit in der Suchtselbsthilfe mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Kraft und der Wille für eine dauerhafte Abstinenz dann am größten sind, je kürzer der Beginn der Abhängigkeit zurückliegt (unabhängig vom Lebensalter). Je länger ein Betroffener trinkt oder Medikamente nimmt oder beides gemeinsam, je mehr Rückfälle erlebt werden, desto geringer wird offensichtlich die Widerstandskraft gegen die Sucht. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen erst nach acht und mehr Rückfällen eine dauerhafte Abstinenz zu verzeichnen war. Deshalb gilt in der Suchtselbsthilfe auch der Satz: Es gibt keine hoffnungslosen Fälle.

Bei den EOA wird die Sucht aus jungen oder jüngeren Jahren sozusagen mit ins Alter „übernommen“. Da aber viele vorher sterben, ist diese Gruppe nicht sehr groß. Wesentlich mehr gehören zu den LOA, die überhaupt erst im Alter süchtig werden. Als Ursachen kommen Trauer (Verlust des Partners), Krankheit, Vereinsamung, Verarmung, Wohnungsverlust, Abschied vom Berufsleben (Statusverlust), kein neuer Lebensinhalt (geistige und körperliche Leere), unerfüllbare Wünsche (nachlassen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit), negative Lebensbilanz, Beschäftigung mit dem Tod und anderes in Frage.

Die Frage der Angehörigen lautet oft: wie erkenne ich, dass meine Mutter, mein Vater ein Suchtproblem hat? Folgende Auffälligkeiten können auf Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit hinweisen: glasiger Blick, Fahne, Gleichgewichtsstörungen (häufige Stürze), Appetitlosigkeit, starke Stimmungsschwankungen, Vernachlässigung des Äußeren, Antriebslosigkeit, meiden von sozialen Kontakten (Vereinsamung), Gedächtnisstörungen, Gliederzittern, Schweißausbrüche, große Klappe usw. Dabei ist eine Differenzierung zwischen Sucht und beginnender Demenz oder Depressionen für den Laien nicht einfach, weil sich manche Symptome gleichen oder die Erkrankungen parallel auftreten.

Was tun?

Bei allen geschilderten Problemen haben die late-onset-Abhängigen bessere Behandlungsprognosen als ihre jüngeren Leidensgefährten. Das liegt unter anderem daran, dass die Sucht erst im höheren Lebensalter auftritt, oft fehlen psychische Begleiterkrankungen, Ältere sind stabiler und verfügen über mehr Ressourcen (Peter Zeman, Deutsches Zentrum für Altersfragen: Sucht im Alter). Ganz entschieden muss ich der Einstellung widersprechen, dass sich der Aufwand einer Suchtbehandlung wegen geringer Therapiechancen „nicht mehr lohne“. Zeman spricht hier von einem „therapeutischen Nihilismus“.

Da ältere Menschen nicht selten eingeschränkt mobil sind, ist Unterstützung durch Familienangehörige oder Freunde wünschenswert. Auch Scham, eine Suchterkrankung einzugestehen, kann ein Grund sein, Hilfsangebote zu verweigern. Deshalb sollte eine möglichst vertraute Person zuerst mit dem Abhängigen über sein Problem sprechen, um sein Bewusstsein dafür zu schärfen. Denn auch bei Älteren – und hier nicht selten in Verbindung mit Altersstarrsinn – dauert es seine Zeit, bis der Betroffene bereit ist zuzugeben, dass er ein Suchtproblem hat. Dabei sind Anteilnahme und Motivation, nicht Verurteilung und Anklage, sehr wichtig, denn Oma oder Opa sind nicht charakterschwach, sondern krank. „Ich glaube, in letzter Zeit trinkst du etwas mehr als sonst, täusche ich mich da oder hast du ein Problem? Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, um das einzuschränken“. Wenn Einsicht erfolgt, kann auch ein Hilfsangebot unterbreitet werden. Ist der Betroffene nicht bereit, sein Verhalten zu ändern, muss auch über Konsequenzen nachgedacht und gesprochen werden (Kontaktverbot mit dem Enkel, Führerscheinentzug). Wenig halte ich davon, bei Widerstand gleich mit der Abstinenz zu kommen, obwohl sie letzten Endes das Ziel sein muss; genauso allerdings lehne ich das sogenannte kontrollierte Trinken bei Alkoholikern ab. Aber die rigorose Forderung, sofort und für immer aufzuhören, stößt den Betroffenen eher ab, als dass er sie erfüllen wird. Eine planmäßige Trinkmengenreduzierung kann ein guter erster Schritt sein. Der betreuende Angehörige muss sich auch darüber im Klaren sein, dass nur der Abhängige selbst trocken oder clean werden kann. Das erfordert eben auch die entsprechende Bereitschaft, die man allerdings mit einfühlsamen Gesprächen beschleunigen kann. Gut ist es auch für den Helfer, sich vorab beim Hausarzt, in einer Beratungsstelle oder Suchtselbsthilfegruppe zu informieren, welche Möglichkeiten es gibt. Die einzelnen Schritte sind bei älteren Menschen nicht anders als bei jüngeren (Eingeständnis – Entzug – Entwöhnung – lebenslange Nachsorge). Immer muss Motivation vor Konfrontation stehen!

Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit von Angehörigen mit Alters- oder Pflegeheimen. Wie oben geschildert, wird dort eine Abhängigkeitserkrankung nicht immer erkannt. Zeman schreibt dazu: „Erschwerend kommt hinzu, dass Suchtproblematik im Alter auf eine Lücke der Versorgungsstruktur zwischen den Zuständigkeiten und Qualifikationen der Suchthilfe, der Altenhilfe und des Medizinsystems trifft.“ Er fordert die Überwindung der „traditionellen Grenzen von Zuständigkeitsbereichen, Professionen, Leistungs- und Finanzierungsträgern.“ (Zeman, Peter: a. a. O.).

Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle aber auch, dass es verschiedene Altersheime und Pflegeeinrichtungen gibt, in denen der sogenannte hangover-Effekt von Benzodiazepinen (Diazepam) geschätzt wird. Damit bleibt der Patient länger müde, er wird sozusagen ruhig gestellt (sediert). Gerade mit der ständigen Reduzierung des Heim- und Pflegepersonals wird diese Gefahr größer, macht doch ein ruhiger Patient, der vor sich hindämmert, weniger Arbeit als ein aktiver.

Es gibt eine ganze Reihe von altersspezifischen Angeboten: spezielle Kliniken, ambulante Rehabilitationsbehandlungen für Senioren, die hauptsächlich aus Einzel- und Gruppengesprächen bestehen (ca. sieben bis neun Monate), Altenhilfeeinrichtungen. Hier sollte ich mich informieren, ob neben gerontologischem Fachwissen auch suchtspezifische Kenntnisse vorhanden sind.

Allen Betroffenen und Angehörigen, besonders aber denjenigen, die keine Angehörigen haben, kann ich den Besuch von Selbsthilfegruppen nur empfehlen! Auch hier gibt es besondere Angebote für Senioren. Im Kreise von gleichaltrigen Betroffenen sinken die Hemmschwelle und die Scham, über sein Problem zu sprechen. Eine umfassende Übersicht über Suchtselbsthilfegruppen in Berlin findet man unter www.landesstelle-berlin.de.

Ziele

An erster Stelle steht natürlich der Erhalt der Gesundheit, die durch Alkoholabhängigkeit und Medikamentensucht stark geschädigt werden kann. Mit der Abstinenz erhöht sich auch wieder die Lebensqualität. Die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit wird verbessert. Der Kontakt mit Kindern, Enkeln usw. wird intensiver erlebt. Bestimmte Tätigkeiten (Auto- und Radfahren, Schwimmen usw.) sind wieder möglich. Der Tagesablauf wird strukturiert. Körperliche Hygiene und Wohnumfeld gewinnen an Wert. Im sozialen Bereich können Funktionen übernommen werden. Kompetenz und Anerkennung steigen.

Das alles sind Dinge, für die sich eine Abstinenz lohnt. Und besonders in der Sucht gilt die chinesische Weisheit: Der Weg beginnt mit dem ersten Schritt (Konfuzius zugeschrieben).

Jürgen Schiebert

Wohin denn ich

Pensionierung – ein Suchtrisiko?

Der Mann hatte über 40 Jahre in einem Bezirksamt gearbeitet. Die letzten Jahre hatte er meistens Zahlen addiert, die ihm von anderen Stellen zugesandt worden waren. War er damit fertig, hatte er die Ergebnisse an eine dritte Dienststelle geschickt, die wiederum seine Zahlen mit denen anderer Bezirksämter verglich und dann an eine Zentrale weiterleitete. Was dann damit gemacht wurde, wusste der Mann nicht.

Die letzten 10 Jahre hatte er sich zunehmend gelangweilt. Nur das tägliche Kaffeetrinken im Team brachte Licht in seine Zahlenlabyrinthe. Nicht unerwartet, aber plötzlich, setzte seine Pensionierung ein. Nun hatte er endlich Zeit für wichtigere Dinge. Darauf hatte er lange gewartet. Nun saß er da und dachte darüber nach, was die wichtigeren Dinge sein könnten. Ihm fiel aber nichts ein. Anstatt sich über die neue Freiheit zu freuen, ging seine Stimmung zu Boden. Auch das Kaffeetrinken im Team war weggefallen. Sein Team zu Hause war schon vor 11 Jahren aufgelöst worden, dort gab es schon lange kein gemeinsames Kaffeetrinken mehr. Seine Frau lebte anderswo. Wo anderswo war, wusste er nicht. Er wäre gerne auch anderswo gewesen, aber wo war anderswo? Jetzt begann er in den Supermärkten Preise zu vergleichen, mit Zahlen kannte er sich ja aus. Schließlich ging er auch spazieren und zählte seine Schritte, denn Zählen hatte er gelernt. Mal ging er hierhin, mal dahin, dann mal dahin und dorthin. Er ging mal zuerst nach links, dann mal zuerst nach rechts. Im Sommer setzte er sich auch auf eine Bank, statt Kaffeepause. Er war immer unzufriedener und trauriger. Einmal ging er um die Ecke und kaufte sich ein Bier. Das trank er sogar schon am Vormittag, also während seiner früheren Dienstzeit. Die Wirkung war angenehm. Fortan machte er das immer so. Er ging um die Ecke und kaufte sich ein paar Flaschen Bier. Die trank er dann zu Hause aus. Der Gedanke, dass er eigentlich anderswo sein müsste, verschwand nach ein paar Bieren. Einmal stürzte er nach Biergenuss und hatte fortan Rückenschmerzen. Seitdem konnte er auch schlecht schlafen. Deswegen ging er zum Arzt und der verschrieb ihm Schmerzmittel und Schlafmittel. In der Kombination mit Bier war die Wirkung wunderbar. Seitdem dämmerte der Mann vor sich hin. Der Arzt verschrieb ihm immer wieder die bewährte Mischung. Der Mann glaubte nun, es ginge ihm besser, er merkte auch nicht mehr, wie die Zeit verging.

Auf einmal – Jahre nach seiner Pensionierung – wachte er überraschend in einem Krankenhaus auf. Er war als Notaufnahme wegen eines Krampfanfalls eingeliefert worden. Es setzten lang anhaltende Unruhe, Zittern, Schwitzen und Herzjagen ein. Die Ärzte sagten, das seien Entzugserscheinungen, ausgelöst vom Alkohol und den Medikamenten seines freundlichen Hausarztes.

Jetzt war der Mann endlich anderswo: Auf der Entzugsstation einer psychiatrischen Anstalt. Er erhielt Medikamente gegen Entzugssymptome und Krampfanfälle. Er musste peinliche Gespräche über seinen Suchtmittelkonsum führen. Er schämte sich sehr. Sucht und Psychiatrie, dafür schämt man sich. Auch für sein Alter schämte er sich. War er nicht zu alt für eine Suchterkrankung? Er sah aber bald, dass er nicht der einzige 70-jährige Patient im Krankenhaus war. Er sah das auch in der Suchtberatungsstelle, deren Zahlen er früher immer auf dem Amt addiert hatte. Bei dem Abstinenzverband, zu dem er seither ging, war es ebenso. Es gab dort sogar viel mehr Ältere als Jüngere.

In seiner neuen Selbsthilfegruppe konnte er nun endlich reden und zuhören. Er bekam dort auch bald Aufgaben, er konnte mithelfen, er konnte wieder im Team Kaffee trinken. Nun wurde ihm deutlich, dass er doch noch gebraucht wurde. Er teilte seine Einsamkeit nicht mehr mit Suchtmitteln. Er hatte eine Gemeinschaft gefunden, die ihm seinen Lebenssinn zurück gab. Er war dauerhaft anderswo angekommen. Da Ältere mehr Lebenserfahrung haben als jüngere Menschen, konnte er diese bei der Bewältigung seiner Sucht mit einbringen. Rückfälle gab es nicht. Den Arzt hatte er auch gewechselt. So war das Ende seiner Sucht der Anfang eines neuen Lebens. Das liegt heute 15 Jahre zurück.

Heidt-Müller

1 Marie Luise Kaschnitz veröffentlichte 1963 ein Buch mit dem Titel „Wohin denn ich“. Es handelt sich um Aufzeichnungen der 63 -jährigen Lyrikerin über Probleme des Alterns, Trauer um den toten Ehemann usw. .

 

Titelthema 1/13: Neukölln ist überall?

Neukölln ist überall?

Wenn sich ein Bürgermeister für das Zusammenleben der Menschen in seinem Bezirk interessiert, dann ist es Buschkowsky. Es geht ihm nicht um Selbstdarstellung, nicht um Geld, nicht um Wahlpropaganda, sondern schlicht um die wohlverstandenen Interessen der Bürger, speziell aber um die Zukunft der Kinder. Deswegen fragten wir ihn was zu tun ist, um die riesigen Probleme durch Einwanderung in Neukölln, beziehungsweise in ganz Deutschland zu lösen.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit den Problemen, die sich aus der Entstehung von Parallelgesellschaften ergeben. Spaltungen der Gesellschaft gab es in Neukölln aber schon lange, nur zwischen anderen Gruppierungen. Bereits in den 70er-Jahren wohnten dort z.B. Studenten, die seinerzeit meist sehr ungern von Einheimischen gesehen wurden. Halten Sie es für möglich, dass sich die heutigen Spaltungen ebenfalls irgendwann von selber auflösen?

Mir ist eine solche Spaltung Neuköllns in den 1970er-Jahren nicht aufgefallen. Diese Aussage überrascht mich. Dass die Bevölkerungsveränderungen in Neukölln noch nicht ihr Ende gefunden haben, muss eigentlich jedem klar sein. Wir haben heute einen Anteil von Einwanderern und ihren Nachkommen berechnet auf ganz Neukölln von 41%. In der Innenstadt ist die Hälfte bereits gut überschritten. In unseren Grundschulen im Norden stellen die Einwandererkinder 85 – 95%. Das heißt, die Bürger von morgen sind heute schon da. Hieraus folgt, dass zumindest Nord-Neukölln in zehn Jahren eine Einwandererstadt sein wird. Weitere Veränderungen, Werteverschiebungen und unterschiedliche Lebenswelten werden zwangsläufig das Ergebnis sein. Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen. Das hat nichts mit Politik zu tun. Das ist schlicht und ergreifend Biologie.

Sie reden von Einwanderern. Reden Sie da nur von Einwanderern oder auch von Deutschen mit Migrationshintergrund?

Wo sehen Sie da den Unterschied? Ich habe mich letztendlich für den Begriff Einwanderer entschieden, weil er der umfassendste und eigentlich der klarste ist. Es sind Menschen, die von außen kommend zur bestehenden Gesellschaft hinzustoßen. Egal, ob als Spätaussiedler, Nachkomme der ehemaligen Gastarbeiter oder als Asylbewerber. Sie können sie auch Menschen mit Migrationshintergrund, Migranten oder Zuwanderer nennen. Ich sage Einwanderer, weil es eine Einwanderung ist, aus welchen Gründen auch immer. Zum Beispiel wie wir sie gerade aus Bulgarien und Rumänien erleben. Es gibt Politiker, die behaupten, trotz 16 Millionen Einwanderer, das sind 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Das ist faktischer Quatsch an der Grenze zur Volksverdummung.

Sie fassen unter den Begriff „Einwanderer“, wie Sie es nennen, auch Menschen mit türkischen Wurzeln, wo die Eltern oder Großeltern …

Ich spreche von Einwanderern und ihren Nachkommen.

Wir haben hier jetzt noch eine Frage – Zitat aus einem Buch des TrokkenPresse-Verlags von Christian Becks: Mach uf ick bring dir um: „Ich renovierte eine Wohnung – Neukölln, Schillerpromenade 30, Hinterhaus Parterre rechts, Nordseite, Ofenheizung. Ich hatte seltenerweise gute Laune. In den Nachrichten wurde berichtet, dass Franz Josef Strauß (1988, Anm. Redaktion) von uns gegangen ist. Ansonsten war das Renovieren frustrierend. Die Wohnung war zuvor von Mietern bewohnt worden, die man in Neukölln öfter traf: Miete hatten sie schon jahrelang nicht mehr gezahlt. Strom und Wasser hatte der Vermieter übernommen…“ – Was hat sich inzwischen seit 1988 geändert?

Wir haben in Neukölln ein Drittel der Bevölkerung, das in irgendeiner Weise von staatlichen Transfermitteln lebt. Warum auch immer. Ob das die alleinigen Einkünfte sind, sei bis zum Beweis des Gegenteils dahin gestellt. Lehrer und Erzieher sagen mir allerdings, dass der Lebensstandard der Familien oder auch die Unterhaltungselektronik, die die Kinder mit sich herumschleppen, eigentlich nicht zum offiziellen Einkommen passt. Ich kann nur mit der amtlichen Statistik arbeiten und danach haben wir die höchste Dichte an Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften auf 1.000 Einwohner in der Bundesrepublik Deutschland. Als makaberen Scherz sage ich manchmal, „bei uns fallen Sie mitunter schon dadurch auf, dass Sie ihre Miete selber bezahlen“. Neukölln ist nun mal nicht der Stadtteil der Schönen und Reichen. Das war er nie und das wird er auch nie werden. Da, wo die „feiner Leut’“ wohnen, ist’s doch so langweilig, dass ich da nicht tot über dem Zaun hängen möchte. Neukölln ist ein altes Arbeiterquartier. Hier wohnten die Leute früher in dunklen Hinterhöfen, eine Toilette für alle unten auf dem Hof. Wer es schon zu etwas gebracht hatte und nach vorne ziehen konnte, hatte die Toilette eine halbe Treppe tiefer. Das ist heute Geschichte. Aber natürlich leben hier viele, viele Menschen, die vom Schicksal gebeutelt sind. Ja, und es gibt auch Parallelgesellschaften. Menschen gleicher Volksgruppen, die am liebsten unter sich bleiben und bleiben wollen und die ihre eigenen Lebensregeln, ein eigenes Wertegerüst haben. Die deutsche Gesellschaft ist ihnen ziemlich gleichgültig.

Drückt sich das auch in der Immobilienbesitzer-Struktur aus, also sprich, kaufen Einwanderer und ihre Nachkommen hier vermehrt Mietshäuser oder ist das weiterhin in deutscher Hand? Migranten investieren ja auch in Neuköllner Immobilien.

Ja, selbstverständlich. Ich kann Ihnen das nicht auf das einzelne Haus herunterbrechen, aber die Immobilienpreise in Neukölln sind beachtlich in die Höhe geschnellt. Nach dem Mauerfall lagen die Preise etwa beim 14 – 15-fachen der Jahresrohmiete. Zwischendurch ging’s bergab bis auf das 6-fache. Im Moment wird das 18- bis 20-fache aufgerufen. Für Immobilien in Neukölln werden teilweise Wahnsinnssummen gezahlt. Natürlich liegt das auch daran, dass wir einen Anteil illegaler Bevölkerung haben, die man mit Tagesmieten – pro Kopf und Nacht 10 Euro – abzocken kann. Der Begriff „Geldwäsche“ liegt da nicht so fern. Das gilt auch für Geschäfte, die Tag und Nacht geöffnet sind, in denen man aber nie Kundschaft sieht. Irgendwie muss das Geld ja in den Wirtschaftskreislauf, das im Mädchen- und Drogenhandel oder illegalem Glücksspiel gemacht wird.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie andere Städte mit gleichen Problemen bessere Lösungen gefunden haben als Berlin. So gibt es beispielsweise in London eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulen, Jugendämtern und Polizei. Während hier eine Behörde von der anderen getrennt arbeitet und auch deren Daten weitgehend nicht kennt, ist dort jeder staatlichen Schule ein Polizeibeamter zugeordnet, der alle Schuldaten kennt, die Schule regelmäßig besucht und auch Hausbesuche durchführt. Ist eine solche Verbesserung der Kooperation auch in Berlin denkbar? Falls ja, wer könnte sie durchsetzen?

In den Niederlanden, England, aber auch in anderen Ländern habe ich die Praxis und die damit verbundenen Erfolge kennengelernt, wenn die öffentlichen Stellen tatsächlich vernetzt, also Hand in Hand arbeiten. Die „Versäulung“, wie man das bei uns nennt, dass möglichst eine Behörde nicht wissen darf, was eine andere tut und sie sich auch gerne gegeneinander abschotten, ist der Nährboden für Fehlentwicklungen. Das fängt bei einer anderen Definition des Datenschutzes an. In meinem Buch drucke ich einen Vertrag über den Umgang mit Sozialdaten ab, wie er zum Beispiel in den Niederlanden üblich ist. Das ist doch keine Bananenrepublik. Datenschutz kennen sie da auch. Der Grundsatz allerdings lautet: Zuerst kommt das Wohl des Gemeinwesens und dann der Schutz der Schwachen. Die individuellen Bürgerrechte sind dort nachrangig, denn sie können dort nie über dem Kollektivrecht der Gemeinschaft stehen.

Bei uns ist das anders. Wir diskutieren leidenschaftlich, ob man die Videobänder aus U-Bahnhöfen 24 oder 48 Stunden aufheben darf. Wenn es für die Nachwelt von Bedeutung ist, können Sie das Band, was mich beim Fahrscheinkaufen zeigt, gern 100 Jahre archivieren. Für eine Neubewertung müssten unsere Abgeordneten die Initiative ergreifen. Ein Schweizer Wissenschaftler verwendet übrigens die Bezeichnung „asozialer Individualismus“. Er bedeutet, ich sehe nur noch mich und meine Interessen. Sie sind das Maß der Dinge. Der Sozialraum ist nur noch dazu da, für mich zu sorgen. Diese Vollkaskomentalität ist mir nicht ganz unbekannt. Die Gesellschaft ist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht. Sie trägt daran Schuld, wenn es mir schlecht geht. Wenn meine Kinder nicht lesen und schreiben lernen, ist die Schule schuld. Wenn ich keine Arbeit habe, ist dafür das Jobcenter verantwortlich. Es gibt für jede Lebenslage einen Schuldigen. Das ist ein verhängnisvoller Trend. Er verliert völlig aus dem Auge, dass jeder Mensch erst einmal selbst für sein Leben verantwortlich ist. Das Abschieben auf andere mag bequem sein, lähmt aber Ehrgeiz und den Selbstbehauptungswillen. Andere Länder fordern die Eigeninitiative heraus, verlangen den Einsatz der Kompetenzen, über die jeder Mensch verfügt. Auch, wenn sie manchmal erst geweckt werden müssen. Mir scheint dieses System erfolgreicher.

Sie sehen jetzt innerhalb des deutschen oder des Berliner Datenschutzes Ihre Möglichkeiten ausgereizt? Also, innerhalb dieser Gesellschaftsordnung sehen Sie, dass Sie das Optimale gemacht haben?

Ich könnte Ihnen über Beispiele berichten, da würden Sie die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Ich bin gegen den gläsernen Menschen und durchaus ein Anhänger von Datenschutz. Aber für mein Empfinden ist er bei uns pervertiert.

Wie sollte man in den Schulen mit Kindern schwieriger Eltern umgehen? Damit sind Migrantenkinder gemeint (Migranten, die sich nicht „eingemeinden“ lassen wollen), aber auch Kinder z.B. von alkoholabhängigen Eltern. Welche Hilfen fehlen noch?

Es gibt im Regelfall keine lernunwilligen Kinder. Kinder lernen gerne. Erst wenn sie den Anschluss in der Klasse verloren haben, verlieren sie die Lust am Lernen und versuchen mit Rollen wie dem Klassenclown oder dem stärksten Prügler wettzumachen, dass die anderen besser rechnen oder lesen können. Eine ganz andere Frage ist, wie man mit den Defiziten der Elternhäuser umgeht, die die Kinder im Rucksack des Lebens mit sich herumschleppen. Aus meiner Sicht lohnt es nicht, sich an den Eltern abzuarbeiten und ihnen zu erklären, dass das, was der Großvater ihnen beigebracht hat, alles falsch war. Es funktioniert ebenso wenig, dem alkoholkranken Menschen die fünfte Langzeittherapie aufzuschwatzen, wenn er noch nicht so weit ist, zu begreifen, dass er gerade das Wertvollste, was er besitzt, vernichtet: Sein Leben und das seiner Familie. Da verkämpft man sich. Wo keine Einsicht ist, hat es auch keinen Zweck, an Menschen „herumzudoktern“. Worin liegt der Sinn, Süchtige zu substituieren, die auf das Methadon noch irgendetwas anderes raufschmeißen, damit es richtig „zeckt“? Es mag sein, dass man damit den Absatz im Drogenhandel schmälert, aber ob es den Menschen hilft, da setze ich ein Fragezeichen.

Doch zurück zu den Kindern. Wir müssen ihnen vielmehr eine Alternative zu ihrem jetzigen Leben zeigen. Wir müssen ihnen den Gedanken nahebringen, den sie aber selbst bis zu Ende denken müssen: Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich. Das kann aber nur gelingen, wenn wir ihnen Werte vermitteln, die sie verstehen lassen, was sich zu Hause abspielt, und dass Verwahrlosung, Sucht und Gewalt menschenunwürdig sind. Wenn die letzte verbliebene Triebfeder sich nur noch darum dreht, wo ich die nächste Dosis herkriege, egal wie die Droge heißt. Aber auch, dass eine tolerante, demokratische Gesellschaft nicht vereinbar ist mit dogmatischen, religiösen Riten, die 1.500 Jahre alt sind. Darauf müssen die Kinder aber selbst kommen. Wir könne sie nur begleiten und behutsam lenken

Sie kommen immer wieder darauf zurück, dass eine verlässliche, konsequente Haltung wichtig sei, mit anderen Worten: Verbindliche „Spielregeln.“ In der Suchtkrankenhilfe gibt den Begriff der „Co-Abhängigkeit“. Das bedeutet unter anderem, dass Angehörige sich zwar die größte Mühe geben auf den Alkoholkranken Einfluss zu nehmen, ohne aber die entscheidenden Schritte zu tun. Beispielsweise kündigen sie bestimmte Handlungen an, ohne diese dann umzusetzen. Damit nehmen sie unwissentlich Anteil an der Fortdauer der Erkrankung. Daraus lernen die Betroffenen nur, dass sie die Worte von Ehefrau/Ehemann nicht ernst nehmen müssen. Es ändert sich nichts, auch weil die Konsequenz fehlt. Erkennen Sie in der „Co-Abhängigkeit“ eine Ähnlichkeit zu den bislang praktizierten Verhaltensweisen gegenüber Parallelgesellschaften?

Ich finde den Vergleich arg konstruiert. Es geht eigentlich um eine simple Frage: Ist Laissez-Faire eine brauchbare Therapie, egal bei welcher Diagnose? Die Antwort lautet natürlich: Nein! Zuschauen, treiben lassen, Inkonsequenz, abtauchen, schönreden und welche Begriffe uns noch so einfallen, sie lösen nie ein Problem. Weder zu Hause, noch in der Gesellschaft. Unabhängig davon, ob der Vergleich hinkt oder nicht, trete ich dafür ein, dass eine Gesellschaft ihre Entwicklung steuern muss. Sie darf sie nicht in Form einer beobachtenden Gesellschaft einfach geschehen lassen. Sie muss dort, wo Dinge aus dem Ruder laufen, als intervenierende Gesellschaft Rahmenbedingungen vorgeben und geltende Normen des Zusammenlebens durchsetzen. Ein zahnloser Tiger taugt nun einmal nur zum Bettvorleger. Die Gesellschaft muss regelkonformes Verhalten stimulieren. Zur Not mit Sanktionen. Wer bei rotem Ampellicht nicht stehenbleibt, bezahlt 150 Euro und kassiert drei Punkte.

In der Suchtkrankenhilfe spielen die Abstinenzverbände eine besonders große Rolle, weil diese nicht nur für einen begrenzten Therapiezeitraum präsent sind, sondern „lebenslänglich“ und natürlich auch, weil sie nichts kosten. Neukölln hat den Guttemplern ein ganz besonderes Gebäude überlassen, nämlich das ehemalige Wasserwerk in der Wildenbruchstr. 80. Dort leisten die ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer vorzügliche Arbeit. Trifft es zu, dass die Miete von jetzt 261 Euro im Jahr 2020 auf 4800 Euro aufgestockt werden soll? Falls ja, würden Sie sich für die Beibehaltung der alten Bedingungen einsetzen?

Seit 1995 beträgt die symbolische Miete 1 DM bzw. 0,51 Cent zuzüglich Betriebskosten. Dieser laufende Vertrag gilt noch bis 2020. Soweit mir bekannt, gibt es einen Nachtrag, der bereits im Jahre 2010 einvernehmlich zwischen den Guttemplern und der Stadt und Land abgeschlossen wurde. Den Inhalt kenne ich nicht. Ich werde mich aber nicht in Verträge einmischen, die andere im Frieden miteinander vereinbart haben.

Sie haben sich in hohem Maße als Bürgermeister engagiert. Ein grüner Bürgermeister soll gesagt haben, dass man in dieser Position, als Beamter eine 80-Stunden-Woche habe. Wie wird Ihr Alltag aussehen, wenn Sie in Pension sind?

Mein Ruhestand ist noch etwas hin. Ich kann aber definitiv ausschließen, dass ich einen Verein zum Züchten von Rosen gründen werde und ich werde auch in keinen Angelverein eintreten. Ich warte in Demut ab, welche Rolle das Schicksal mir für den Rest meines Lebens zuweist.

Was ist für Sie in diesem vielfach gewandelten, verwandelten Bezirk noch Heimat? Gibt es bestimmte Situationen oder bestimmte Orte bzw. Menschen, die ein „Heimatgefühl“ auslösen?

Ob mein Heimatgefühl an Menschen gekoppelt ist, habe ich bisher nicht deutlich gespürt. Neukölln, insbesondere der Teil draußen in Rudow, wo ich als Kind und Jugendlicher gelebt und von wo aus ich die Welt entdeckt habe, das ist schon meine Heimat. Der Reuterplatz schon weniger. Hier war ich nicht zu Hause, wir „Dörfler“ sind ins Pigalle gefahren, wenn wir was erleben wollten. Es war also ein Reiseziel. Je ferner man ist, desto größer wird der Fokus. Bin ich auf Usedom, denke ich an meinen heutigen Wohnsitz in Buckow, bin ich in Oslo, denke ich an Berlin. Dann ist Berlin meine Heimat. Die Stadt, in der ich immer gelebt habe.

Warum setzen Sie sich für die Integration der höchst unterschiedlichen Bevölkerungsteile in Neukölln so intensiv ein? Welche Wurzeln hat Ihr Engagement? Hat das etwas mit Glauben zu tun oder welchen anderen Grund gibt es für Ihre Haltung?

Mit einem religiösen Glauben hat das nichts zu tun. Religionsfreiheit bedeutet, auch frei von Religion leben zu können und zu dürfen. Ich engagiere mich, weil ich möchte, dass Neukölln auch mit einer mehrheitlich von Einwanderern geprägten Bevölkerung in der Zukunft nicht nur im Atlas in der Mitte Europas liegt, sondern auch in den Köpfen und in den Herzen der Menschen. Viele Menschen, die hier leben, haben mit ihren Nachbarn keine gemeinsame Vergangenheit. Aber sie müssen eine gemeinsame Zukunft haben. Ich möchte gerne, dass alle Kinder, die in diesem Bezirk geboren werden, die gleichen Chancen auf ein emanzipiertes, eigenständiges Leben haben, dass ihnen die gleichen Chancen eröffnet werden, wie ich sie hatte. Daran arbeite ich mich ab. Ich arbeite für die Zukunft der Kinder und gegen die Eltern, die die größte Gefahr für ihre Zukunft sind.

Woher kommt das Engagement?

Thilo Sarrazin würde sagen: „Vielleicht ist es genetisch“ (Lachen). Woher es kommt, weiß ich nicht. Keine Ahnung. Auch mein Vater hat niemals in Lambarene gearbeitet. Vielleicht ist es meine innere Grundhaltung, die irgendwann mal dazu geführt hat, dass ich Mitglied der SPD geworden bin.

Sehr geehrter Herr Buschkowsky, die TrokkenPresse dankt Ihnen für das Gespräch

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